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Full text of "Allgemeine deutsche naturhistorische Zeitung"

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Xl^O  '^ 


OF 

COMPARATIYE    ZOÖLOGY, 

AT  HARVARD  COLLEGE,  CAMBRIDGE,  MASS. 
JJ'ouutrc'ö  bi)  jjifbatc  suliscrfptfon,  fn  1861. 


(i)  CrLXX:^^^\X 


No.l'l^L'l 


^jTo.  lO.jY-jCi. 


Allgemeine  deutsche 

]\aturM8tori8che  Zeituag. 


Im  Auftrage 

der 


Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 


und 


unter  Mitwirkung  der  Herren 


A.  E.  Brehm, 

E.  Kluge, 

L.  Rabenhorst, 

R.  Brehm, 

F.  Küchenmeister, 

L.  Reichenbach, 

G.  Carus, 

B.  Matthes, 

Th.  Reibisch, 

A.  Dehne, 

C.  Müller, 

H.  Reinhard, 

B.  Dehne, 

M.  Müller, 

Tr.  Sachse, 

C.  F.  Hennig, 

E.  V.  Otto, 

0.  SchlöTTiilch, 

0.  Klocke, 

H.  Petersen, 

J.  Sussdorf, 

0. 

V.  Welck,  E.  Zschau  u. 
herausgegeben 

A. 

von 

- 

Dr. 

Adolph  Drechs 

1er. 

Neue  Folge:  Erster  Band. 

Nebst  drei  Kupfertafeln. 


HAMBURG:    Rudolf  Kuntze. 
1855. 


iv 


•  iJU   yiU 


¥  0  r  w  0  r  t. 


Von  der  , ,311^61116111611  deutschen  naturhistorisclien  Zeitung-"  sind 
bereits  die  Jahrgänge  1846  und  1847  bei  Arnold  (Dresden  und 
Leipzig)  erschienen.  Die  ung-ünstigen  Zeitverhältnisse  verur- 
sachten bei  dem  Tode  des  Verlegers  eine  Unterbrechung  in 
dem  Erscheinen  der  Zeitung-,  Im  Verlag-e  von  Herrn  Rudolf 
Kuntze  (Hamburg-)  hat  mit  dem  Januarheft  1S55  eine  neue  Folge 
dieser  Zeitung-  beg-onnen. 

Die  in  den  einzelnen  Heften  enthaltenen  Original- Artikel,  deren 
Verfasser  grösstentheils  in  der  Gelehrtenwelt  bereits  rühmlichst 
bekannt  sind,  in  einem  Bande  zu  erhalten,  wird  sowohl  Fach- 
gelehrten, als  auch  aUgemein  wissenschaftlich  Gebildeten  will- 
kommen sein.  Die  von  mir  abg-efassten  kürzeren  Mittheilungen 
aus  wissenschafthchen  Berichten,  namentlich  der  Akademien  zu 
Paris ,  W^ien  und  Berlin ,  welchen  ich,  wenn  es  mir  erforderlich 
schien ,  einleitende  oder  ergänzende  Bemerkung-en  beigegeben 
habe,  enthalten  vorzugsweise  die  allgemeines  Interesse  erregen- 
den Resultate  der  neuesten  Forschungen  im  Gebiete  der  Natur- 
wissenschaften. Die  im  angefügten  Literaturblatte  der  Isis  ver- 
öffentlichten Besprechungen  der  neueren  naturwissenschafthchen 
Bücher  sind  zwar  allerdings  im  Sinne  der  Zeitung,  welcher  gegen 
die  materiahstische  Auffassung  und  Erklärung  der  Natur  gerichtet 
ist,  klar  und  bestimmt,  aber  ohne  leidenschaftliche  Bitterkeit 
und  mit  voller  Anerkennung  der  einzelnen  Vorzüge  in  auch  mit 
unseren  Grundansichten  nicht  übereinstimmenden  Werken  geformt. 


IV 

Die  Bücherschau  beabsichtigt  die  Leser  auf  die  bemerkens- 
wertheil neuen  Erscheinungen  im  hterarischen  Gebiete  der  Na- 
turwissenschaften aufmerksam  zu  machen. 

Für  die  Hefte  des  nun  foig-enden  Jahrganges  sind  Artikel 
von  Fachgelehrten  theils  bereits  eingesendet,  theils  zugesagt 
worden.  Die  Mittheilungen  aus  den  wissenschafthchen  Berichten 
der  genannten  Akademien  werde  ich  in  der  bisherigen  Weise 
fortsetzen.  Die  zahlreich  für  die  Besprechung  in  unserem  Blatte 
uns  zugesendeten  Bücher,  die  Vervollständigung  unserer  Bücher- 
schau durch  Anführung  von  neu  erschienenen  Werken  des  Aus- 
landes, und  die  Beifügung  von  Mittheilungen  über  naturwissen- 
schaftliche Vereine  werden  wiederholt  Veranlassung  geben,  das 
für  jedes  Heft  bestimmte  Maass  von  drei  Bogen  zu  überschreiten. 
Die  veranschauhchenden  Zeichnungen  sollen,  wie  es  zweck- 
mässig und  thunhch  ist,  entweder  in  den  Text  gedruckt  oder 
auf  Tafeln  beigegeben  werden. 

Die  wohlwollende  Anerkennung,  welche  unserem  Streben 
bereits  vielseitig  zu  Theil  geworden  ist,  werden  wir  uns  zu 
erhalten  bemüht  sein. 

Dresden,  den  2.  Januar  1S56. 


Dr.  Adolph  Drechsler. 


3  II  fj  n  f  t. 


Seite 

A.  E.  Brehm: 

Die  tropischen  Wälder  und  ihre  Fauna 209 

Ueber  egyptis^he  Brütofen  und  österreichische  Brütniaschinen 473 

R    Brehm: 
Einiges  über  das  Pflegeelternwcsen  der  Vögel 404 

A.  Lehne: 

Psanimomys  obesus  Rüppel 163 

Mus  decuraauus  Pallas.     Mus    Musculus    L.      Hypudaeus:    Arvicola    subterraneiis 

de  SeUjs.     Myoxus  speciosus    Dehne.     Mus  sylvaticris  L 169 

Zu    Micromys    agilis.      Talpa    europaea  L.      Vespertilio    Noctula    Schrb.      Sorex 

chrysothorax 237 

Zu  Psammouiys  obesus  Rüppel,  feiste  llenninaus.  Vespertilio  discolor  iialicrer. 
Vesperugo  Alcythoe  Bonaparle.  Vesperngo  Savii  Bonaparle.  Loxia 
leucoptera  Gmelin  und  Loxia  bifasciata  Brehm.  Halieus  Carbo  Rliger 
Musculus  mollissimus  Dehne 432 

Crocydura  aranea  W.     Crossopus  fodiens  W 476 

B.  Dehne: 

Naturhistorisclies  aus  Mexico 313 

Ilennig : 
Oestrus  Equi  Linnc.  Die  Magenbremse.     Oestrus  Ovis   Linnc.     Ceplialemyia  ovis 

Laif.     Oestrus  Cervi  Capreoli 297 

Klocke : 
Excursiou  nach  der  kleinen  Insel  Jordsand  an  der  dänischen  Westküste    .     .     .         319 

Kluge : 
Ueber   Erhebungskratete   und   die    Bedeutuug    des   Wortes    „Erhebung"  im  All- 
gemeinen            337 

Das  Erdljeben  vom  25.  bis  2G.  Juli   Iböj  in  der  .Schweiz  und  den  angrenzenden 

Ländern 345 

Küchcnmcislcr : 
Freie  Uebersetzuug  und  Bearbeitung  des  Aufsatzes    von   Jules   Hainie   „la   pisci- 

culture"  in  der  Eevue  des  deux  mondes  vom  Juni  1S54  nebst  Zusätzen         129 
Experimenteller  Nachweis,  dass  Cysticercus  cellulosae  innerhalb  des  menschlichen 

Darmkanals  sich  in  Tacuia  Solium  umwandelt 1S6 

Ueber  eine  Abart  der  Taenia  Coenurus,  d.  h.  des  Bandwurmes,  von  der  die  Quese 

des  Schaafes  und  des  Rindes  herstammen 191 


VI 

ßcite 
MalÜics : 

Excurgiou  von  New-Orleans  nach  dem  Urwald  am  Rio  Colorado  in  Texas    .     .     .  152 

Die  Hemibatrachier  im  Allgemeinen  und  die  Homibatracliier  von  Nord- Amerika 

im  SpecielU'H 249 

C.  Müller: 

Beobachtungen  über  Schildkröten  im  Nordosten  der  vereinigten  Staaten      .     .     .  82 

M.  Müller: 

Ueber  die  Porpliyre  der  Umgegend  von  Leisnig • 70 

V.  Ollo: 

Cycadeen- Blatt  im  Rothliegenden 1G2 

Hypothetische  Ansicht  über  Erhebung  des  Spitzenbergs  bei  Possendorf  und  über 

die  Folgen  derselben 183 

Fossile  Würmer  im  Quadersandstein 307 

Geologische  Controversen 149 

Rabenhorsi : 

Mikroskopische  Analyse  der  Moorbäder  zu  Bad  Elster  im  sächsischen  Voigtlande  116 

Beitrag  zur  Kryptogamen-Flora  Süd-Afrikas.     Pilze  und  Algen 280 

Die  tödtliche  Krankheit  der  Stubenfliege  und  einiger  anderer  Dipteren  ....  377 

Bemerkungen  zu:  Observation  des  etres  microscopiques  de  l'atmosphere  terrestre  475 

Reibisch : 

Ueber  die  Varietäten  der  Helix  nemoralis  L.  und  Helix  hortensis  Müller    .     .     .  283 
Die  Mollusken,    welche    bis  jetzt  im  Königreiche  Sachsen  aufgefunden   wurden, 

nebst  Angabe  ihres  Vorkommens  und  ihrer  Fundorte 409 

Reichenbach : 
Eirnnerung     an    die     Stunden    der     Muse     Sr.    Maj.   des    höchstseeligen    Königs 

Friedrich  August 1 

Rückblicke  auf  die  Grundsätze  der  Naturforschung  im  Laufe  der  Zeit    ....  29 
Nachschrift  zu  „Beobachtungen  über  Schildkröten  im  Nordosten  der  vereinigten 

Staaten  von  C.  Müller" 90 

Das  Schwärmen  der  Bienen  vom  polizeilichen  Standpunkte  betrachtet    ....  194 

Nachschrift  zu  „Micromys  agilis  etc.  von  A.  Belobe"        212 

Nachschrift  zu  ,,Loxia  leucoptera  etc.  von  A.  Dehne" 440 

Sussdorf: 
Ueber  die  Wirkung  gewisser  technischer  Etablissements  auf  die  Atmosphäre,  wie 

auf  das  Leben  des  Pflanzen-  und  Thierreichs 97 

V.   Welch: 

Ausflug  in  den  Norden  Scandinaviens 355 

Ausflug  in  den  Norden  Scandinaviens  (Schluss)     .     .     .     .     , 380 

Kleinere  Mittheilungen  von   ./.  Drechsler: 

Anatomisch -photographische  Bilder ^^^ 

Barometrische  Maxima  und  Minima -^^2 

Bcehe,  de  lu,  Sir  Henry  Thomas 242 

Bernerde 123 

Bernerde,  Nachtrag 445 

Blitze  ohne  Donner 332 

Breulel's  Rückkehr  aus  Afrika        "'" 

Chemische  Harmonika        •     •  207 

Chlorammonium 333 

Chloris  Andina ^'^^ 

Chytridium 334 


Yü. 

_• 

Seite 

Dana's  Mineralogie 166 

Diamant-Krystall :  etoile  du  Sud 205 

Eichenstamm  als  Hammerstock ,  248 

Eier  vom  Kiesen vogel  von  Madagaskar 325 

Fortleben  in  sehr  lebeusfeindlicben  Verhältnissen 246 

Foucaultsches  Pendel 118 

Fucoidee  des  süssen  Wassers .     .          ...  335 

Gasbeleuchtung ' '. 202 

Gasflammcnregulirung ,     .     .     .  248 

Geologische  Aufnahme  des  österreichischen  Kaiserreichs 376 

Geologische  Keichsanstalt  zu  Wien 484 

Getreide- Aufbewahren 448 

Grünsand  im  Zeuglodon-Kalke  Alabama's 204 

Haarrauch 485 

Hausmaus  von  den  Abruzzen.     Nachtrag 448 

Käfer  aus  der  Familie  Curculiones 201 

Käfer  aus  den  Familien  der  Longicornia 245 

Klimatische  Verschiedenheit 482 

Kurzsichtigkeit  und  AVeitsichtigkeit  heilbar 326 

Krystallmodelle  aus  Glas 375 

Meeresgrund,  Proben 243 

Meermilch 206 

Meerwasser,  Dichtigkeit  und  Temperatur             206 

Meteor- Eisen 328 

Mineral -Heilquelle  von  Szliacs 487 

Naturdruck 375 

Orkane 479 

Phosphoresceuz  durch  mechanische  Mittel 44" 

Photographische  Bilder 296 

Plitvica  -  Seen        486 

Ponor 486 

Preiszuertheilung 483 

Preisfrage  der  K.  L.-C.  Akademie  der  Naturforscher 407 

Protuberanzen        207 

Quecksilber,  gediegenes 487 

Reflexionstöne 125 

Regen -Vertheilung  in  den  gemässigten  Zonen 127 

Schlammvulkan  von  Poorwadadi 446 

Schlangen  Nordamerikas 123 

Skelett  des  Irischen  Riesenhirsches 295 

Thierkreislicht 408 

Traubenkrankheit 448 

Trevelyau  -  Instrument        1 99 

Unterirdischer  Verlauf  von  Bächen  und  Flüssen 335 

Versammlung  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte  in  Wien 296 

Verwilderung  der  Hausthiere 481 

Vibrirende  Bewegungen  der  Körper  sichtbar  zu  machen 327 

Vierhundertgradige  Thermometerscala 330 


No.  1.  Januar. 

Allgemeine  deutsche 

BfatnrhiM8che  Zeitang. 


Im  Auttrage 

der 

Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verbindung 

mit  den  auf  dein  llauyttitel  des  Jaliri!:aug's  geiiaHiiteii  Herren 

h  e  r  a  u  s  g  e  g  e  b  e  ii 
von 

Dr.  Adolph  Drechsler. 


Neue  Folge:   erster  Jahrgang. 

^lit  eingedruckten  Holzschnitten  und  Abbildungen. 


HAMBURG  &  LEIPZIG, 

!  V  e  r  1  a  g    V  o  n    II  u  d  o  1  f   K  v;  n  t  z  e. 

1  boo. 

4^ --■-  -  3^''^ 


Erinnerung  an  die  Stunden  der  Muse 

Sr.  Majestät  des  hüchstseligen  Königs 

FRIEDRICH  AUGUST 

bei  Auslegüug  von  Reliquien 

Im   Namen    der    Gresellschaft   Isis    gesprochen 

von 

Dr.    Ludwig   E-eichenbach. 

Die  hier  folg'enden  Erinnerungsworte  wurden  am  4.  November 
in  Geg-enwart  Sr.  Kcenigl.  Hoheit  des  Kronprinzen  ALBERT  und 
Ihro  Kcenigl.  Hoheit  der  Frau  Kronprinzessin  CAROLA  und  vor 
einem  durch  die  naturwissenschafüiche  GeseUschaft  Isis  einge- 
ladenem zahh-eichen  Zuhörerkreise  im  Saale  der  Herren  Stadt- 
verordneten gesprochen  und  nach  öffenthch  wie  privatim  aus- 
gesprochenem Wunsche  am  18.  November  in  demselben  Saale 
vor  einem  zweiten  Zuhörerkreise  noch  einmal  wiederholt. 

Die  Rednerbühne  war  von  einer  durch  den  botanischen  Gärtner, 
Garteninspector  Krause  ausgeführten  Pflanzendecoration  umgeben, 
über  derselben  befand  sich  zwischen  Palmen  die  umflorte  Büste 
des  höchstseligen  Kcenigs  und  vor  der  Rednerbühne  waren  die 
erwähnten  Rehquien  ausgelegt  worden,  Handschriften  der  drei 
verewigten  Könige  FRIEDRICH  AUGUST  L,  ANTON  THEODOR 
und  FRIEDRICH  AUGUST  IL,  dann  der  erste  und  letzte  Band 
des  grossen  aus  Handgemälden  der  Hofmaler  Friedrich,  Moritz 
Tettelbach  und  Andern  bestehenden  Prachtwerkes  Plantae  seJec- 
tae  horti  Pilnitziensis,  getrocknete  Pflanzenexemplare  aus  den  Her- 
barien von  FRIEDRICH  AUGUST  I.  und  FRIEDRICH  AUGUST  IL, 

Allg-.  deutsche  naturhist.  Zeituno-.  1 


sowie  die  Handzeichimngen ,  welche  FRIEDRICH  AUGUST  IL 
auf  der  Reise  in  Dalmatien  eigenhändig"  gefertigt,  endheh  das 
Seite  7  erwähnte  aus  Gemälden  von  Pflanzen  und  Insecten  be- 
stehende Werk  von  Joseph  Lehitsch  und  das  Exemplar  dei* 
Flora  germanica  excursoria,  welches  seit  deren  Erscheinen  auf 
allen  Reisen  bis  in  die  letzten  Stunden  seines  Lebens  König 
FRIEDRICH  AUGUST  IL  bei  sich  geführt  hat. 

Wenn  auch  das  Lesen  einer  dergleichen  Rede  niemals  den 
Eindruck  hervorzurufen  vermag,  welchen  der  Einzelne  in  einem 
in  feierlicher  Stunde  versammelten  Zuhörerkreise  und  in  einem 
entsprechend  decorirten  Saale  empfindet,  so  wird  es  doch  mög- 
lich, hier  noch  eine  Nachricht  hinzufügen  zu  können,  welche 
ein  seitdem  stattgefundenes  Ereigniss,  die  Begründung  eines 
für  die  Wissenschaft  der  Botanik  lebendig  fortwirkenden  Denk- 
males dankbar  verkündet. 

Ihro  Majestät  die  Kcenigin  MARIA  als  Universalerbin  haben 
geruhet,  die  vouSr.  Majestät  demKcenig  FRIEDRICH  AUGUST  IL 
hinterlassenen  und  von  Sr.  Majestät  dem  Kcenig  FRIEDRICH 
AUGUST  I.  I)ereits  begonnenen  botanischen  und  überhaupt 
naturhistorischen  Sammlungen  nebst  Bibliothek  an  die  zum 
Königl.  Hausfideicommiss  gehörige  öffenthche  Naturaliensamm- 
lung, in  Allerhöchster  Erwägung,  dass  nur  auf  diesem  Wege 
der  mögliche  und  wünschenswerthe  Nutzen  für  die  Wissen- 
schaft daraus  hervorgehen  könne,  als  ein  von  derselben  unzer- 
trennbares Ganze  zu  überlassen.  Nach  der  durch  Ihro  Majestät 
Bevollmächtigten,  Sr.  Excell.  Herrn  Staatsminister  von  Könneritz, 
an  das  Ministerium  des  Königl.  Hauses  stattgefundenen  Er- 
öffnung hierüber,  hat  die  Residenzstadt  Dresden  an  die  Stelle 
der  vormals  im  Königl.  Naturalicn-Cabinet  aufgestellten  und  in 


den  Maitagen  1849  verbrannten  Sammlungen  weit  vollständig-ere 
und  in  sofern  doppelt  werthvoUe  und  in  ihrer  Art  einzige  Samm- 
lungen erhalten,  als  an  jeden  einzelnen  Theil  derselben  die 
Erinnerung  an  zwei  von  der  reinsten  und  edelsten  Begeisterung 
für  die  Wissenschaft  durchdrungene  KCENIGE  Sachsens,  eben 
so  an  die  so  innig  mitempfundene  Theilnahme  der  Kcenigin 
MARIA  für  diese  Wissenschaft  und  für  die  Förderung  dersel- 
ben, in  unvergesslicher  Weise  geknüpft  ist. 

Nothwendig  sind  noch  einige  erläuternde  Notizen,  vorzüg- 
lich in  Beziehung  auf  Schriften,  welche  die  Erinnerung  an  den 
verewigten  König  aus  andern  Gesichtspunkten  erfassen. 

Die  Seite  5  genannte  Schrift  führt  den  Titel: 

Friedrich  Ängust  II.,  König  von  Sachsen.  Biographische 
Skizze  von  Dr.  Wilhelm  Schäfer.  Dresden  und  Leip- 
zig. 1854. 

Von  den  erwähnten  beiden  Biographieen  wird  die  von 
Herrn  Regierungsrath  Hä2)e  noch  erwartet,  die  andere  ist  aber 
erschienen  unter  dem  Titel: 

Friedrich  August  IL,  König  von  Sachsen.  Ein  Denkmal 
für  alle  seine  Verehrer,  herausgegeben  von  Dr.  / 
Schladehach.     Dresden  1855. 

Seite  16  wird  hingewiesen  auf: 

Viaggio  di  S.  M.  Federico  Ängiisto,  Re  di  Sassonia  per 
ITstria,  Dalmazia  e  Montenegro  descritto  dal  Dr.  Bar- 
tolomeo  Biasoletto  con  alcune  tavole  lithografia. 
Trieste  1841. 
Reise  Sr.  Majestät  des  Königs  Friedrich  August  von  Sach- 
sen durch  Istrien,  Dalmatien  und  Montenegro  im 


Frühjahr  1838.    Aus  dem  Italienischen  des  Dr.  B. 
Biasoletto  im  Auszug-  übersetzt  und  mit  Anmerk- 
ungen versehen  von  Eugen  Freiherr  von  Gutschmid. 
Dresden  1842. 
Seite  21  ist  ang-ezeig-t: 
König-  Friedrich  August  als  Kunstfreund  und  Kunstkenner, 
dargestellt  von  /  G.  A.  Frenzel,   Director   des   K. 
Cabinets    der   Kupferstiche    und    Handzeichnungen. 
Dresden  1854. 
Ferner  erschien  früher: 

Ueber  königlichen  Sinn.     Rede   zur  Feier  des  Geburts- 
festes Sr.  Maj.  des  Königs  Friedrich  August,  gehal- 
ten von  Dr.  Philipp   Wagner.  Dresden  1853. 
und  später: 

Gedächtnissrede    auf   Seine    Majestät    Friedrich   August, 
König  von  Sachsen,  in  der  öffenthchen  Sitzung  der 
Königl.  Sachs.  Gesellschaft  der  Wissenschaften,  am 
27.  October  1854,  gehalten  von  E.  v.    Wietershei?n. 
Leipzig  1854. 
Bei  dem  Abdruck  der  hier  folgenden  Rede  ist  alles,  was 
sich  auf  die  Erläuterung  der  ausgelegten  Gegenstände   bezog, 
weggelassen  worden,  sowie  einige  Theile  derselben  überhaupt 
nur  im  Auszuge    gegeben.      Auch    die  Angabe    der    beiden 
Hauptmomente  für  die  Begründung  der  Naturkunde  in  Sachsen 
durch  Agricola  und  Heucher,  soll  keine  historische  Darstellung 
sein,  da  zu  derselben  auch  die  Erläuterung  der  Leistungen  jener 
Männer  gehört  haben  würde,  welche  auf  dem  Diplome  der  Ge- 
sellschaft Isis  noch  mit  genannt  sind. 


Verelirungswürdige  Anwesende, 
Allerseits  Iioclizuverelirende  Versammlung! 

Wenn  ich  heute  die  hohe  Aufgabe  zu  lösen  versuche,  über  den  ver- 
ewigten König  vor  Ihnen  zu  sprechen,  so  furchte  ich  nicht  den  Vorwurf, 
es  sei  dies  zu  spät,  nachdem  schon  alle  jene  dankbaren  Nachrufe  von 
öffentlicher  Stätte  erklungen,  denn  der  Schmerz  über  sein  Scheiden  aus 
dem  Reiche  derer,  die  ihn  liebten,  wird  Generationen  überdauern  und 
in  banger  Wehmuth  werden  noch  die  Enkel  der  spätesten  Zeit  einander 
erzählen,  wie  Friedrich  August  die  Seinen  und  die  ganze  Menschheit,  und 
wie  diese  ihn  wieder  geliebt  hat.  Die  Nothwendigkeit  der  Verzögerung 
meiner  Worte  zu  Ihnen,  wurde  theils  dadurch  jbedungen,  dass  ich  wünschte, 
aus  dem  jetzt  erst  vollständig  entsiegeltem  Nachlasse  des  Verewigten, 
Vorlagen  bieten  zu  können,  welche  als  heilige  Reliquien  aus  seinem 
Leben  den  Eindruck  zu  machen  vermöchten,  den  meine  schwachen 
Worte  nicht  hoffen  durften,  machen  zu  können,  und  theils  eben  darin, 
dass  ich  selbst  nur  zu  sehr  fühle,  wie  wenig  mir  selbst  die  Kraft  ge- 
geben ist,  nach  so  ausgezeichneten  Vorgängern  ein  des  erhabenen 
Königs  würdiges  Bild  entwerfen  zu  können.  Nehmen  Sie  darum,  hoch- 
zuverehrende Anwesende,  die  aus  dankbar  treuer  Seele  fliessenden  Worte, 
nehmen  Sie  den  aufrichtigen  Willen  für  das,  was  des  Gegenstandes,  wie 
Ihrer  Anwesenheit  würdiger  ausgesprochen  werden  sollte,  mit  Nachsicht 
entgegen. 

Aber  nur  in  sehr  engen  Grenzen  kann  ich  das  Thema  erfassen, 
welches  nach  vielen  Richtungen  hin  eine  reiche  und  ergiebige  Quelle 
darbieten  Avürde.  Sollte  ich  den  Verklärten  schildern  als  König,  so 
würde  ich  unpassendes  wagen,  denn  der  Segen  seines  Königthums  liegt 
in  unserer  frischen  Erinnerung,  wie  in  den  überall  hin  verbreiteten 
Archiven  des  Landes,  die  biographische  Skizze  von  Dr.  W.  Schäfer  hat 
fleissig  die  Facta  zusammengestellt,  zwei  ausführlichere  Biographien  zu- 
nächst, von  sachkundigen  Männern,  erwarten  wir  bald  zu  erhalten  und 
ein  end-  und  vollgültiges  Urtheil  über  Fürsten  kann  doch  nur  den 
Fürsten  gebühren,  welche  wissen,  was  es  heisst,  Fürsten  zu  sein,  wäh- 
rend die  Völker  von  ihrem  subjectiven  Standpunkte  aus  ihr  Urtheil 
gestalten. 


Aber  auch  die  Könige  haben  eine  menschliche  Seite  und  diese  ist 
es,  in  welcher  sie  jedem  Einzelnen  ihrer  Völker  so  nahe  stehen,  dass 
jeder  Einzelne  diese  Seite  als  die  ihm  bekannte  begrüsst  und  sich  be- 
rechtigt glaubt,  diese  menschliche  Seite  seines  Königs  näher  betrachten 
zu  dürfen.  Und  Heil  allen  Königen,  welche  den  Einzelnen  ihrer  Völker 
so  nahe  stehen,  als  unser  Friedrich  August  seinen  Sachsen  wirklich  ge- 
standen. 

Wenn  aber  in  ihm  seine  angeborne  Neigung  für  alles  Gute,  Schöne 
und  Edle,  wenn  seine  theilnehmende  Liebe  für  alle  Richtungen  mensch- 
licher Thätigkeit,  wenn  insbesondere  dann  auch  sein  reiner  Sinn  und 
seine  Hingebung  für  und  an  die  Natur,  so  oft  zum  Mittel  geworden, 
ihn  denen,  die  ihn  lieben  lernten,  zu  nähern,  so  wird  es  nicht  unpas- 
send sein,  insbesondere  diese  zuletzt  angedeutete  Bestrebung  seines 
Lebens  näher  ins  Auge  zu  fassen. 

Fassen  wir  aber  diese  seine  eigne  Bestrebung  für  die  Erforschung 
der  lebendigen  Natur  auf,  in  der  Harmonie  seiner  Ehrerbielung  für  das 
Wort  und  für  die  Weiche  Gottes,  so  haben  wir  wahrscheinlich  ein  Thema, 
welches  dieses  feierlichen  Tages  nicht  unwürdig  erscheint. 

Wollen  wir  aber  irgend  ein  Factum  in  der  Geschichte,  wollen  Avir 
irgend  einen  Vorgang  im  Leben  des  Individuum  klar  und  deutlich  er- 
fassen, so  müssen  wir,  wie  bei  der  Erforschung  der  organischen  Wesen, 
auf  den  Ursprung  zurückgehen  und  so  dürfen  wir  auch  hier  fragen: 
1)  ivie  und  unter  welchen  Bedingungen  entstand  jene  Harmonie?  2)  wie 
und  in  welcher  Weise  nmrde  dieselbe  geübt  und  3)  welchen  Erfolg  von  ihr 
für  die  Zukunft  dürfen  wir  hoß'en? 

Wir  wenden  uns  zuerst  einem  flüchtigen  liückblicke  zu,  um  die 
Bedingungen  kennen  zu  lernen,  welche  im  vormaligen  Sachsen  das 
Studium  der  Naturkunde  erweckten. 

Georg  Bauer,  im  Jahre  1491  in  Glauchau  geboren,  bildete  sich  in 
Italien,  lebte  dann  als  Arzt  in  Joachimsthal  und  Chemnitz  und  wurde 
der  erste  wissenschaftliche  Kenner  des  Bergbaues.  In  seinen  lateini- 
schen Werken  musste  er,  der  Sitte  der  damaligen  Zeit  gemäss,  seinen 
Namen  latinisiren,  und  als  Georg  Ägricola  erlangte  er  seinen  Ruhm  als 
Mineralog.  Johann  Heinrich  Heucher  in  Wien,  geboren  am  1.  Januar 
1677,  Prof.  Med.  in  Wittenberg,  wurde  unter  August  IIL,  König  von 
Polen,  Leibarzt  und  starb  am  22.  Februar  1746.  Derselbe  gab  die  Ver- 
anlassung zur  Schöpfung  aller  hiesigen  Museen  und  ein  schönes  gros- 
ses Oelgemälde,  sein  Portrait,  hing  im  Königl.  Naturalicncabinet,  wo 
der  ruchlose  Brand  am  6.  Mai  1849  auch  diese  kostbare  Reliquie  der 
Vorzeit  mit  so  vielen  anderen  verzehrte.  Die  Gelehrsamkeit  seiner  Zeit 
war  jene  unerquickliche  Wohlredenheit  über  sogenannte  Raritäten,  Dinge, 
die  man  ihrem  wahren  Wesen  nach  nicht  kannte,  in  möglichst  weit- 
läufiger Exposition  aller  Ideen,  Avelche  über  dieselben  irgend  Jemand 
jemals  gehabt  hatte,  in  schönem  Latein,  wodurch  auch  Heucher  zu  hohem 


Ruhme  gelangte.  Aber  sein  Eifer,  für  die  Sammlungen  zu  wirken,  ist 
mit  der  dankbarsten  Anerkennung  zu  rühmen,  Sachsens  Regenten  för- 
derten dieselben  in  theilnehmender  Liebe  und  schon  damals  sprach  der 
König  von  Preussen  bei  der  Beschauung  derselben:  Er  finde  alle 
Schätze  der  Natur  und  der  Kunst  hier  vereinigt  und  alles  was  das  Meer 
•  und  die  Erde  und  der  Geist  der  Menschen  zu  schaffen  vermöge,  sei  hier 
in  solcher  Weise  zusammengestellt,  dass  es  unnüthig  sei,  Reisen  ins  ferne 
Ausland  zu  machen. 

Während  unter  dem  Churfürst  Friedrich  Christian  die  Museen  sich 
einer  Erweiterung  und  treuen  Pflege  erfreuten,  war  für  das  Königliche 
Naturalien-Cabinet  Prof.  Titius  aus  Wittenberg  an  Heuchers  Stelle  beru- 
fen und  zum  churfürstlichen  Leibarzt  ernannt  worden.  Aber  eine  grosse 
Zeit  für  eine  neue  Begründung  und  Förderung  der  Naturkunde  in 
Sachsen  erblühte  durch  Churfürst  Friedrich  August.  Am  23.  December 
1750  geboren,  regierte  derselbe  vom  15.  September  1768  bis  5.  Mai  1827 
und  zwar  vom  11.  December  1806  als  erster  König  von  Sachsen. 

Friedrich  August  der  Gerechte  lebte  fast  alle  Hauptabschnitte  der 
wissenschaftlichen  Entwickelung  der  Naturkunde  hindurch.  Linnee 
selbst  lebte  noch  zehn  Jahre,  nachdem  Friedrich  August  zur  Regierung 
gelangt  war,  und  starb  am  8.  Januar  im  Jahre  1778.  Die  Begeisterung 
für  Linnee,  welcher  sich  der  ganze  Erdkreis  erfreute,  hatte  ausser  dem 
König  von  Schweden  vielleicht  keinen  zweiten  Monarchen  so  leben- 
dig als  den  Churfürsten  Friedrich  August  in  Sachsen  ergriffen.  Derselbe 
scheint  wie  so  viele  Naturforscher  von  der  Entomologie  ausgehend,  spä- 
ter zur  Botanik  übergegangen  zu  sein.  Der  Maler  August  Johann  Rösel 
in  Augsburg  erweckte  damals  durch  seine  von  1746  bis  1761  heraus- 
gegebenen höchst  sorgfältigen  Beobachtungen  und  durch  die  trefflichen 
Abbildungen  seiner  monatlich  erscheinenden  „Insectenbelusiigungen"  die 
Bewunderung  der  gesitteten  Welt  in  ganz  Deutschland  und  in  dieser  An- 
erkennung wurde  er  als  Rösel  von  Rosenhof  in  den  Adel  erhoben.  In 
derselben  Richtung  spannten  von  Regensburg  aus  Jacob  Christian  Schaef- 
fers  Schriften  über  Insecten  die  Auftnerksamkeit  tiefer  Gemüther  und 
alle  derartigen  Erscheinungen  aus  dem  Leben  der  organisirten  Natur 
wurden  in  jener  frommen  Zeit  von  ihrer  religiös  belehrenden  Seite  als 
Erläuterung  der  Allmacht  Gottes  betrachtet  und  in  wahrer  Weihe  em- 
pfangen. Churfürst  Friedrich  August  hielt  einen  Hofmaler  Namens  Mül- 
ler, welcher  während  des  Sommers  die  Beobachtung  der  Insecten  mit 
ihm  betrieb  und  wie  man  sagt,  die  Verwandlungen  derselben  gemalt 
hat.  Eine  ähnliche  Sammlung  von  Handgemälden,  welche  Pflanzen  und 
Schmetterlinge  darstellen,  vom  Prof  Joseph  Lebitsch  im  Baumgarten- 
bergschen  Cisterzienserkloster  zu  Wien  bis  zum  Jahre  1791  gemalt,  befin- 
det sich  noch  in  der  hinterlassenen  Bibliothek  und  während  die  Pflan- 
zennamen durch  den  Maler  beigeschrieben  sind,  so  hat  der  Churfürst 
Friedrich  August  mit  eigner  Hand  die  Namen  der  Schmetterlinge,  in  so- 


8 

weit  sie  ihm  bekannt  waren,  bezeichnet.  Neben  der  Entomologie  war 
es  die  Botanik,  für  welche  im  Churfürst  Friedrich  August  ein  lebhaftes 
Interesse  erwachte.  Durch  ein  emsiges  Selbststudium  vorzüglich  der 
Linneeschen  Werke,  aber  auch  der  damaligen  Schriften  über  Pflanzen- 
Anatomie  und  ganz  besonders  der  Floren,  wurde  diese  Kenntniss  bald  und 
gründlich  erlangt.  Alle  die  zahlreichen  Prachtwerke  der  Vorzeit  wur- 
den angeschafft  und  studirt  und  insbesondere  bei  der  Benutzung  des 
Gartens  gebraucht. 

Die  Anlage  des  Schlossgarten  in  Pillnitz  hinter  dem  Bergpalais 
wurde  im  Jahre  1769  sogleich  nach  dem  Regierungsantritte  begründet, 
der  Garten  im  Jahre  1776  mit  seiner  hohen  Mauer  umgeben,  im  Jahre 
1782,  nach  dem  vom  Churfürsten  selbst  entworfenem  Plane,  durch  den 
englischen  Garten  vermehrt  und  im  Jahre  1804  sehr  bedeutend  erwei- 
tert. Jene  edle  und  hohe  Menschenwürde  des  verewigten  Königs 
war  fern  von  aller  Prunksucht  und  ging  auch  in  der  Anlage  dieses 
Garten  nur  von  dem  Gesichtspunkte  aus,  eine  unmittelbar  veredelte 
Natur  hier  wiederzugeben.  Daher  fehlen  ihm  alle  jene  pomphaften  Zier- 
rathen,  wir  vermissen  jene  Eremitagen  und  Mausoleen,  jene  Moscheen 
und  Thürme,  jene  Grotten  und  Obelisken  und  Säulen  mit  phantastischen 
Inschriften,  wie  solche  so  häufig  andere  dergleichen  Anlagen  zieren 
oder  verunzieren  mögen.  Nicht  mehr  als  zwei  Werke  der  plastischen 
Kunst  zieren  bis  jetzt  in  ernster  Weise  den  Park.  Nicht  weit  von  dem 
Schwanenteiche,  im  düstern  Haine,  unter  dem  Schatten  majestätischer 
Bäume,  trägt  ein  einsamer  Rasenplatz  im  Mittelpunkte  seines  Ovals 
die  edle  Statue  der  Vesta,  von  Trippel  in  Rom  aus  kararischem  Marmor 
gefertigt.  Sie  hütet  das  heilige  Feuer  und  hebt  den  reinen  Blick  empor 
zum  östlichen  Himmel.  Friedrich  August  der  Erste  hat  diesen  Platz  ihr 
geweiht.  Im  Rasen  an  der  grossen  Lindenallee,  da,  wo  eine  der  Kasta- 
nienalleen gegen  sie  mündet,  steht  nahe  am  Eingange  zu  dem  botani- 
schen Garten  auf  hohem  Obelisk  eine  colossale  eherne  Büste  der  Alles 
durchdringenden  Gaea  von  Rlelschel.  Ihr  Ehrfurcht  gebietender  Blick 
richtet  sich,  wie  einst  der  der  Isis  im  Tempel  zu  Sais,  zurück  in  die  Zeit 
die  da  war,  hinein  in  die  Zeit,  die  da  ist  und  hinaus  in  die  Zeit,  welche 
noch  kommen  wird.  Friedrich  August  der  Zweite  hat  sie  in  tiefem  Sinne 
hierher  gesetzt.  Eine  anmuthige  Natur  gestaltete  sich  hier  überall,  als 
ein  treues  Abbild  jenes  reinen  und  festen,  über  alle  Spielerei  mit  den 
Genüssen  des  Lebens  und  mit  der  Phantasie  erhabenen  Characters 
Friedrich  August  des  Gerechten.  In  jener  Zeit  der  stillen  Beschauung 
der  Werke  der  Gottheit  und  seiner  selbst,  war  es,  wo  bei  dem  ange- 
borenen häuslichen  Sinne  für  eine  ernste  Bethätigung  in  Wissenschaf- 
ten und  Künsten  die  hingebende  Liebe  für  diese  in  dem  Hohen  Hause 
der  Sachsen  eine  bleibende  Stätte  gefunden.  Für  die  damalige  Zeit  sehr 
geräumige  Gewächshäuser  wurden  der  Cultur  der  Gewächse  der  wär- 
meren Zonen,  ein  entsprechendes  Terrain  der  Pflege  anderer  im  freien 


9 

Lande  geweiht  und  von  besonderem  Interesse  ist  ein  Winterhaus,   wel- 
ches grosse  Exemplare  von  Salisburia^  Edwardsia,  von  Lorbeerbäumen, 
Magnolien,  Campferbäumen  und  Myrten,  eine  prächtige  Korkeiche  und 
eine  mehr  als  achtzigjährige  ursprüngliche  japanische  Camellie,  von  17 
Fuss  Höhe  und  48  Fuss  im  Umfange  mit  9  Zoll  dicken  Stamme  enthält. 
Die  Erscheinung  aller  dieser  schönen  Bäume  ist  Avährend  des  Sommers, 
wo    sie    von    ihrer    schützenden    Decke    enthüllt   sind,    wahrhaft    über- 
raschend.    Am   20.    Mai    1820    wurde    der   Vortragende    selbst  von    der 
Universität  Leipzig,  wo  er  als  ausserordentlicher  Professor  der  Medicin 
und  Naturwissenschaften  gelehrt  hatte,  berufen  und  hier  angestellt,  hatte 
das    Grlück,   durch   den    damaligen    Oberkammerherrn   von    Friesen   Sr. 
Majestät  dem  König  vorgestellt  zu  werden,  und    erhielt   dann   bald  Be- 
fehl  nach  Pillnitz    zu   kommen,   um    an    den    botanischen   Arbeiten   des 
Königs  theilnehmen  zu  sollen.     Sehr  bald  überzeugte  derselbe  sich  hier, 
dass  der  König  die  Botanik  nicht,  wie  so  manche  derselben  zugeneigte, 
hochgestellte  Personen,  als  Liebhaberei  betrieben,    sondern  vom  Linnee- 
ischen  Standpunkte  ausgehend,  mit  derjenigen  Gründlichkeit,  welche  dem 
hohen  Königshause  so  eigenthümlich  geblieben  und  welche  freilich  einen 
so  grossartigen  Apparat  literarischer  Hilfsmittel,  als  er  hier  vorfand,  er- 
heischte.    Der  König  war  unermüdet  in  seinem  Bestreben,  die  richtige 
Bestimmung  seiner  Pflanzen  zu  finden  und  unbestimmbare  Gewächse  er- 
regten eine  gewisse  Unruhe  in  ihm,  die  ihn  antrieb,  immer  weiter  nach- 
zusuchen und  noch    andere  Werke   zu  vergleichen,    bis    er    so  glücklich 
war,  die  Auflösung   der  vorliegenden  Räthsel   zu   finden.     Mehrere  der- 
gleichen, durch   lange  Zeit   aufgesammelt,    legte  derselbe   mir   vor  und 
nachdem  es  möglich  geworden,  fast  alle  zu  lösen,  war  ich  so  glücklich, 
der  Gnade  seines  Vertrauens  bis  an  sein  Ende  mich  erfreuen  zu  dürfen. 
Die  Untersuchungen  der  in  jeder  Woche  aufgeblühten  Pflanzen  in  Pill- 
nitz, wurden  jeden  Sonntag   nach    Rückkehr    des   Königs    aus    Dresden 
sorgfältig  betrieben.     Der  König  nahm  seinen  Sitz    in  dem  ersten  klei- 
nen warmen  Gewächshause,    wo  der  Hofgärtner  die   zu   untersuchenden 
Topfpflanzen  in  lange   Reihen   gestellt   und    die    aus    dem   freien   Lande 
in  abgeschnittenen   Exemplaren  dazugelegt   hatte.     Die   zur   Untersuch- 
ung nothwendigen  Bücher  brachten  Lakaien  in  Körben  herbei   und  der 
dienstthuende  Geheime  Kämmerier  blieb  in  der  Nähe,  zum  Dienste  des 
Königs.     Der  König  war  in  diesen  Stunden    überaus  heiter   und    freute 
sich  innig  über  alles  Neue,  was  irgend  ihm  vorkam.     Er   hielt    sein    in 
jedem  Jahre  durch  seinen  Kalligraphen  Schreiner  neu  geschriebenes  und 
um  die  neuen  Ankömmlinge  vermehrtes  Gartenbuch   in    der  Hand    und 
zeichnete   mit    einem   Bleistift   alle  Bestimmungen    und   Berichtigungen 
darin  auf.     Da  so  Wenige  seiner  Zeitgenossen  Gelegenheit  gehabt  haben, 
die  gemüthliche  Seite  dieses  grossen  Königs  kennen  zu  lernen,  so  kann 
ich  dem  Drange  meines  Gefühls  nicht   wiederstehen,    einen  Zug   davon 
zu  berichten. 


Im  Jahre  1824  waren  aus  dem  von  dem  Reisenden  Sieber  aus  Neu- 
holland mitgebrachten  Saamen  schon  viele  Gewächse  zur  ßlüthe  gelangt, 
unter  andern  eine  überaus  zierliche  Veiichenart  mit  epheugestaltigen 
Blättern  und  reinweissen  Blüthen,  welche  nur  in  der  Mitte  das  gewöhn- 
liche schöne  Violet  der  Veilchen  trugen.  Ich  äusserte  meine  Freude 
über  diese  hübsche  neue  Form,  die  auch  dem  König  ausnehmend  ge- 
fiel. Sogleich  fragte  er  den  dabeistehenden  Hofgärtner  John,  wie  viele 
Töpfe  von  dieser  Art  er  erzogen,  und  dieser  antwortete:  „zwei,  Ihre 
Majestät!"  Augenblicklich  gab  ihm  der  König  den  Befehl,  das  zweite 
Exemplar  mir  mit  nach  Dresden  zu  geben,  wo  ich  die  Pflanze  in  einem 
meiner  damaligen  Werke  abbildete  und  die  Freude  genoss,  dass  der 
König  diese  Abbildung  eine  gelungene  nannte.  Von  einer  guten  bota- 
nischen Abbildung  verlangte  er  strenge  Naturtreue  und  vollständige 
Analyse  bei  künstlerischer  Vollendung.  Seinen  Hofmaler  Friedrich  und 
später  dessen  Sohn  hatte  der  König  auf  die  nothwendige  Analyse  der 
Blüthen  aufmerksam  gemacht,  und  die  kostbarste  Zierde  der  Bibliothek 
ist  bis  auf  den  heutigen  Tag  eine  Sammlung  jener  Gemälde  in  neun 
grossen  Foliobänden,  den  der  König  den  Titel  ,,Plantae  selectae  vivis 
coloribus  depiciae  horti  Pillnitziensis"  gegeben.  Im  Jahre  1788  begonnen, 
war  die  erste  Centurie  im  Jahre  1795  vollendet  und  bei  dem  Hinscheiden 
des  Königs  war  bereits  die  neunte  Centurie  begonnen.  —  Bei  dem  an- 
gelegentlichen Wunsche  des  Königs,  dass  die  Kenntniss  der  Natur  in 
den  Gemüthern  der  Jugend  Platz  greifen  möchte,  fragte  er  öfters  nach 
den  dahin  einschlagenden  Anstalten  und  die  Emancipation  des  Natura- 
lien-Cabinets  aus  dem  Zustande  einer  verschlossenen  Raritätenkammer 
in  den  eines  Instituts  zur  Belehrung  des  Volkes,  war  ganz  in  seinem 
Sinne.  Der  König  besass  eine  sehr  kostbare  Sammlung  von  Wachs- 
präparaten durch  einen  Florentiner  Künstler  in  Wien,  unter  Aufsicht 
des  berühmten  Tratlinick  mit  höchster  Treue  nach  der  Natur  gefertigter 
Pilze,  200  Arten  zum  Theil  Gruppen  mehrer  Exemplare,  welche  in  4 
Lieferungen  jede  a  95  Thaler  angekauft  wurden.  Zu  dieser  schönen 
Sammlung  führte  er  mich  im  Jahre  1824  als  er  die  grosse  Frequenz 
der  botanischen  Vorlesungen  erfahren  hatte  und  sagte  in  höchstem 
Wohlwollen:  „Stelleu  Sie  diese  Sammlung  zur  Aufmunterung  der 
jungen  Leute  in  Ihrem  Hiirsaale  auf,  die  Kenntniss  der  Pilze  ist 
schwer."  Bis  1849  wurde  sie  nun  treulich  in  den  Vorlesungen  der  Bo- 
tanik benutzt,  bis  am  6.  Mai  dieses  Jahres  die  republikanischen  Flam- 
men auch  dieses  Kleinod  mit  so  vielen  anderen  in  den  von  allem 
Schutz  gänzlich  entblössten  Galerien  des  Z^vingers  verzehrten.  Zu  wei- 
terer Aufmunterung  der  Zuhörer  sah  es  der  König  sehr  gern,  wenn  ich 
mit  meinen  Zuhörern  alljährlich  einmal  den  herrlichen  Schlossgarten 
in  Pillnitz  besuchte  und  Ihm  dann  ])erichtete,  wie  die  jungen  Mäiiner 
von  der  Grossartigkeit  der  dortigen  Tropenflora  ergriffen,  Seiner  Gnade 
sich  auf  das  dankbarste  verbunden  gefühlt. 


11 

Eine  Sorge  in  der  letzten  Lebenszeit  des  edlen  Königs  war  noch 
die,  Seine  Sammlungen  in  eine  Hand  übergehen  zn  lassen,  welche  sie 
in  ihrem  vollen  Werthe  zu  schätzen  verstände  und  dieselben  in  einem 
vollkommenen  geordneten  Zustande  hinterlassen  zu  können.  So  geschah 
es,  dass  ich  im  letzten  Winter  seines  Lebens  öfter  befehligt  wurde,  die- 
ses Oi'dnen  mit  ihm  zu  vollenden.  Drei  Schränke,  inwendig  wie  Acten- 
repositorien  gebaut,  enthalten  die  prunklose  aber  höchst  schätzbare 
Sammlung.  Sein  letzter  Wunsch  im  Leben,  den  der  Hohe  Verewigte 
gegen  mich  aussprach,  war  der:  es  möge  mir  gelingen,  wie  Er  hoffe, 
in  dem  Prinzen  Friedrich  die  Liebe    für  die  Katur  lebendig  zu  machen. 

Die  tiefe  Trauer  um  diesen  grossen  Monarchen,  in  welchem  alle  da- 
mals lebende  Generationen  aufgewachsen  waren  und  die  Ueberzeugung 
in  sich  hineingelebt  hatten,  ein  anderes  Verhältniss  könne  gar  nicht 
gedacht  werden,  musste  sich  erst  durch  die  Zeit  mildern,  um  irgend 
einen  Entschluss  fassen,  irgend  ein  neues  Unternehmen  begründen 
können. 

Möge  aber  das  bisher  gesagte  als  Einleitung  dienen  für  den  zweiten 
und  Haupttheil  einer  Betrachtung:  wie  und  in  welcher  Weise  von  König 
Friedrich  August  II.  die  Harmonie  Seiner  Nalurstudien   geübt  worden   ist. 

Mag  es  mir  hierbei  erlaubt  sein,  zuerst  den  Eindruck  zu  schildern, 
den  das  erste  Beisammensein  mit  dem  Prinzen  Friedrich  im  Monat  Mai 
1827  im  botanischen  Garteil  und  im  botanischen  Cabinet  in  Pillnitz  auf 
mich  gemacht  hat.  Ich  darf  diesen  Eindruck  zusammenfassen  in  den 
einzigen  Satz:  ich  sähe  in  ihm  den  verewigten  Friedrich  August  wieder 
verjüngt!  —  Dieselbe  Humanität  war  hier  wieder  erblüht,  dieselbe  reine 
Hingabe  an  die  Erforschung  der  Werke  der  Allmacht  sprach  sich  aus, 
aber  Beides  im  Jugendeifer  erglühend.  Auch  der  Prinz  hatte  bereits 
in  frühester  Jugend  Insecten  und  Mineralien  gesammelt  und  das  In- 
teresse für  dieselben  belebte  ihn  noch.  Für  das  Sammeln  hat  indessen 
von  dieser  Zeit  an  das  Studium  der  Botanik  allein  das  Vorrecht  be- 
halten. Auch  hier  bewährte  sich  sogleich,  dass  nicht  ein  oberflächlicher 
Dilletantismus,  sondern  das  gründlichste  Studium  erstrebt  werden  sollte, 
der  Prinz  begann  mit  dem  Ernste,  mit  der  Festigkeit  und  seltenen  Be- 
harrlichkeit seines  grossen  Oheims  die  Einübung  der  Terminologie,  ging 
zur  Physiologie  über  und  zur  Classification  und  für  specielle  Kenntniss 
wurde  mit  dem  Vaterlande  der  Anfang  gemacht.  Nach  der  ersten  Ex- 
cursion  in  den  Plauenschen  Grund  schlössen  die  in  die  übrigen  Theile 
der  nahen  Umgegend  sich  an  und  später  wurden  fast  alle  Richtungen 
des  Landes  betreten,  vorzüglich  sorgfältig  die  sächsische  Schweiz  und 
das  Erzgebirge  durchwandert. 

Auf  diesen  Excursionen  war  es,  wo  seine  reine  Humanität  sich  in 
so  vielseitiger  Richtung  entfaltete.  Er  war  von  vorzüglich  heitrem  Ge- 
müth,  alles  was  die  Natur  bot,  ergriff  ihn  innig  und  tief,  und  mit  ge- 
spanntester Aufmerksamkeit  nahm  er  alles  auf,   was  ihm  neu  war,   oft 


12 

schon  durch  Vorstudien  im  Stande,  sich  zu  erklären,  was  er  nicht  früher 
gesehen.  Sein  Gang  war  überaus  leicht.  In  kleinen  aber  in  schnellem 
und  gleichem  Tempo  wohlabgemessenen  Schritten  durchwanderte  er 
weite  Strecken  in  kurzer  Zeit.  Im  Ersteigen  der  Berge  hatte  er  ebenso 
wie  in  dem  schwierigeren  Absteigen  ohne  Pfad,  bald  eine  grosse  Uebung 
erlangt.  Fast  immer  hielt  er  sich  dabei  aufrecht  und  nur  in  den  äusser- 
sten  Fällen  bog  er  den  Körper  und  wusste  durch  abwechselndes  Er- 
fassen der  Zweige  oder  der  festen  Grasbüschel  an  steilen  Felsen  sich 
zu  erhalten.  Die  Schärfe  seiner  Sinne  befand  sich  in  vollständiger 
Harmonie  mit  der  Klarheit  seines  Geistes  und  mit  der  Tiefe  seines 
Gemüthes.  Schwächen  und  Launen  kannte  er  nicht,  er  ermüdete  nie- 
mals, dieExcursionen  in  das  Gebirge  begannen  wir  zu  Wagen,  gewöhnlich 
um  oder  bald  nach  Mitternacht  und  waren  oft  noch  vor  Tages  Anbruch 
am  Ziele  von  wo  wir  ausgehen  wollten,  so  dass  wir  dann  bis  Abends,  im 
verschiedenartigsten  Terrain  botanisirend,  uns  heiter  bewegten.  Ueberall 
fand  der  Prinz  auf  den  unwegsamen  Pfaden  das  richtige  Ziel.  Als  wir 
einmal  Mittags  in  der  Gegend  von  Altenberg  oben  zur  Försterei  vom 
Zaunhaus  gelangt  wareü,  zeigte  der  Förster  einige  Verlegenheit,  als  er 
hörte,  dass  der  Prinz  da  Mittag  machen  wollte,  aber  dieser  tröstete  ihn 
mit  den  Worten:  „lassen  Sie  uns  einen  Tisch  hier  auf  den  grünen  Ab- 
hang heraus  setzen  und  eine  Schüssel  Milch  bringen,  mit  etwas  Brod, 
das  wird  uns  vortrefflich  schmecken."  Dies  bewährte  sich  wirklich  und 
nachdem  wir  gegessen,  erbot  sich  der  Förster  zur  Begleitung  durch  die 
Buchen,  um  uns  den  richtigen  Weg  von  dort  aus  zu  zeigen.  Der  Prinz 
lehnte  dies  ab,  mit  den  Worten:  „Ich  danke  lieber  Förster,  wir  suchen 
uns  unsern  Weg  immer  gern  selbst."  Hitze  und  Kälte  nahm  er  eben 
so  gern  hin,  er  klagte  nie  über  das  Wetter,  auch  nicht  über  Regen  und 
Schlössen,  nichts  der  Art  konnte  seine  Heiterkeit  trüben. 

Nebenbei  interessirte  er  sich  lebhaft  für  Zoologie  und  die  Spuren 
des  oft  so  verborgenen  Lebens  der  Thierwelt  machten  einen  tiefen 
Eindruck  auf  ihn.  Als  er  die  ersten  Infusionsthierchen  in  ihrem  freu- 
digen Gewimmel  selbst  im  Mikroskope  gesehen,  erklärte  er  seine  Er- 
wartung für  übertroffen  und  wiederholte  sich  öfter  den  Anblick.  Die 
schönen  Beobachtungen  des  Geh.  Med.-Rath  Carus  in  Pillnitz,  sähe  er 
oft  mit  höchstem  Interesse.  Es  bleibt  ewig  wahr:  „ein  sinniges  Ge- 
müth  steht  bei  dem  Wurme  still,  ein  gcAvöhnliches  geht  bei  einer  Welt 
von  Wundern  gleichgiltig  vorüber."  Seine  letzten  Freuden  für  Zoologie 
in  Dresden  waren  der  zweimalige  Besuch  der  Kreuzbergschen  Menagerie, 
wo  die  vier  Giraffen  ihm  die  schönen  Thiergärtcn  in  und  bei  London 
wieder  zur  lebendigen  Erinnerung  brachten  und  dann  der  Besuch  des 
Colibri-Cabinets  im  botanischen  Garten.  Er  kam  unverhofft  am  Sonn- 
tag den  9.  Juji  gegen  Abend,  als  er  die  Königin  in  das  Theater  geführt, 
und  war  von  der  Schönheit  und  Mannigfaltigkeit  der  Colibris  wie  von 
ihren  treu  der  Natur  nachgeahmten  Lieblings-Blüthcn,  zwischen  den  sie 


IS 

sich  scheinbar;  wie  unter  dem  Himmel  der  Tropen  bewegten,  so  entzückt, 
dass  er  an  einem  andern  Tage  mit  der  Königin  zurückkehrte  und  auch 
•ändere  Glieder  des  hohen  Hauses  veranlasste,  diese  schöne  und  merk- 
würdige aus  mehr  als  tausend  Exemplaren  bestehende  Sammlung  zu  sehen. 

In  den  ersten  Jahren  seiner  botanischen  Studien  ging  seine  Ab- 
sicht dahin  die  Gewächse  der  Flora  von  Dresden  möglichst  vollständig 
zu  sammeln.  Seine  grosse  Thätigkeit  erfasste  von  allen  Seiten  diesen 
Vorsatz.  Im  ersten  Anfange  machte  er  sich  von  den  Arten,  die  er  ge- 
funden, Conture  mit  der  Feder  und  schrieb  die  Namen  dazu.  Er  fer- 
tigte dann  Verzeichnisse  nach  den  Lokalitäten,  Verzeichnisse  nach  den 
Verschiedenheiten  des  Boden,  Verzeichnisse  nach  der  Zeit  der  Blüthe, 
Verzeichnisse  der  Arten,  die  er  gefunden,  und  Verzeichnisse  derjenigen, 
welche  ihm  noch  fehlten,  endlich  ein  reiches  Verzeichniss  derjenigen, 
welche  in  der  Flora  von  Flcinus  und  Schubert  sich  noch  nicht  aufgeführt 
fanden,  dennoch  von  ihm  selbst  bereits  aufgefunden  waren.  Nach  und 
nach  bildete  sich  aus  allen  diesen  Arbeiten  ein  Manuscript  über  die 
Flora  von  Dresden,  dessen  Einleitung  eine  Schilderung  der  Gegend 
unter  dem  Titel:  „Gemälde  der  Gegend  um  Dresden"  enthält.  Auch 
eine  Aufzählung  der  „Plantae  Florae  Bresdensis  rariores^'  mit  ihren  Stand- 
orten liegt  diesem  Manuscripte  bei. 

Mit  der  Erscheinung  meiner  Flora  germanica  excursoria  im  Jahre 
1830  und  1831  erweiterte  sich  sein  Plan  und  er  besti'ebte  sich  von 
den  aus  dem  mittleren  Europa  darin  beschriebenen  gegen  5800  Ge- 
wächsen, mit  eigner  Hand  möglichst  viele  zu  finden.  Sein  Verzeichniss 
der  Gewächse  von  Marienbad  hat  Dr.  Heidler  in  seiner  Schrift  über 
Marienbad  zur  Veröffentlichung  vom  Prinzen  erhalten  und  weil  daselbst 
ein  nachgelassenes  Verzeichniss  der  dortigen  Gebirgsarten  von  Göthe  dar- 
auf folgt,  so  ist  in  mehreren  Anzeigen  später  Gutlie  als  Mitverfasser 
des  Verzeichnisses  der  erst  nach  seinem  Tode  gesammelten  Pflanzen 
irrig  aufgeführt  worden.  Von  der  Erscheinung  meiner  Flora  an,  bis  zu 
seinem  Hinscheiden  Avurde  diese  Flora  sein  steter  Begleiter  auf  allen 
seinen  zahlreichen  Reisen.  Aus  dieser  Flora  besonders  bereitete  er  sich 
vor  auf  jede  einzelne  Reise  und  verglich  vorher  die  darin  citirten  Ab- 
bildungen, deren  Eindruck  er  so  treulich  bewahrte,  dass  er  dann  die 
gefundenen  Gewächse  gewöhnlich  sogleich  in  der  freien  Natur  richtig 
erkannte.  Sein  ausgezeichneter  Scharfblick  und  sein  seltener  Takt  im 
Labyrinth  der  Lokalitäten  sicher  zu  gehen,  setzte  ihn  in  den  Stand  im 
Auffinden  schwer  zu  entdeckter  Gewächse  Vorzügliches  zu  leisten  und 
keine  Hindernisse  dabei  konnten  ihn  heminen.  Höchst  auffallend  war 
dies  auf  seiner  Reise  in  Ungarn,  wo  er  in  den  sehr  eigenthümlichen 
Karpathen  unter  stetem  Regen  und  täglich  leidend  von  Nässe,  dennoch 
die  dort  vorkommenden,  zum  Theil  sehr  beschränkten  und  schwer  zu- 
gänglichen Standorten  gehörigen  Pflanzen  glücklich  gefunden.  Einen 
Anderen  interessanten  Beleg  hierzu  verdanke  ich  Herrn  Geh.  Med.-Rath 


14 

Carus  in  folgenden  Worten :  „Wer  das  Glück  gehabt  hat  König  Friedrich 
August  auf  grösseren  Reisen  zu  begleiten  wird  hundertfältig  Gelegenheit 
gefunden  haben,  nicht  nur  seine  tief  begründete  Liebe  für  die  Natur,  son. 
dern  auch  die  Leichtigkeit  zu  bewundern,  in  ihr  sich  zu  orientiren  und 
ihre  Schätze  sich  zugänglich  zu  machen.  Ich  erinnere  mich,  dass  als 
wir  im  Juli  1844  in  England  kaum  die  schönen  Gegenden  der  Cumber- 
landLakes  betreten  hatten,  so  waren  dem  Geiste  des  Königlichen  Herren 
sogleich  die  botanischen  Seltenheiten  gegenwärtig,  welche  diese  Seen 
und  Gebirge  einschliessen.  Kaum  sahen  Avir  bei  einer  reizenden  Abend- 
Kahnfahrt  auf  dem  Windermere-See  von  Weitem  die  Wasserfläche  wie 
mit  zarten  weissen  Blüthen  bestreut,  so  Hess  der  König  darauf  zu  rudern 
im  Voraus  gewiss,  dass  wir  hier  die  niedliche,  maiblumenähnlich  aus 
der  spiegelnden  Fläche  heraiisragende  Lobelia  Dortmanna  sammeln 
würden,  und  kaum  traten  wir  ebendaselbst  am  andern  Morgen  einen 
Fussweg  an,  so  fehlte  es  nicht,  dass  der  erhabene  Forscher  bald  einen 
grünen  Hügel  erstieg,  ihn  als  geeignet  erkennend,  dass  wohl  an  seinen 
Rändern  der  schöne  seltene,  bisher  nur  in  Cumberland  und  Wales  ge- 
fundene gelbe  Mohn,  die  Meconopsis  cambrica  oder  Papaver  cambricum 
Lin.,  da  wachsen  möchte,  und  richtig  trafen  wir  in  Kurzem  schön  blü- 
hende Exemplare  des  hübschen  Gewächses  von  dem  ich  noch  selbst 
eins  zur  Erinnerung  bewahre.  Gelang  es  doch  dem  kenntnissvollen 
Naturfreunde,  als  ich  denselben  zwei  Jahre  nach  einander  zur  Herstell- 
ung seiner  Gesundheit  zum  Besuche  von  Marienbad  begleitete,  während 
der  dort  verlebten  Wochen,  sogar  in  so  bekannter  Gegend  manche  sel- 
tene Pflanze  aufzufinden,  die  von  früheren  Sammlern  dort  nicht  aufge- 
funden worden  war.  Mit  eben  der  Liebe  und  mit  demselben  Streben 
nach  weiterer  Kenntniss  sah  ich  übrigens  denselben  früher  schon  in 
Italien  und  in  der  Schweiz  sammeln.  Nie  verfehlte  er,  wenn  auf  den 
Stationen  umgespannt  wurde,  wenn  irgend  Wetter  und  Oertlichkeit  es 
erlaubten,  sogleich  abzusteigen  und  vorauszugehen,  wobei  dann  neben 
der  Umsicht  in  der  Gegend,  mit  scharfem  Auge  an  Wegen  und  Zäunen 
die  irgend  blühenden  Pflanzen  beobachtet  wurden  und  mancher  gute 
Fund  wanderte  dann  in  die  Mappen.  Kurz!  ist  je  einem  edeln  Geiste 
das  zeitweise  sich  Versenken  in  den  Reichthum  der  ewig  forttreibenden 
und  blühenden  Natur  ein  unerlässliches  reines  und  schönes  Bedürfniss 
gewesen  und  hat  irgend  Einer  die  aus  diesem  Versenken  hervorgehende 
Freudigkeit  auf  eine  würdige  Weise  empfunden,  so  darf  man  vor  Allen 
König  Friedrich  August  als  einen  solchen  bezeichnen."  So  weit  Carus. 
Vom  Jahr  1833  wuchs  sein  Glück  und  sein  Eifer  für  Excursionen 
in  der  Nähe,  dadurch  dass  seine  zweite  hohe  Gemahlin  Maria,  die  gleiche 
Neigung  für  die  Natur  mit  ihm  theilte  und  ihn  ebenso  auf  diesen 
Excursionen  begleitete,  wie  sie  mit  hohem  Interesse,  ja  mit  eigner 
Sachkenntniss,  seinen  Beschäftigungen  zu  Hause,  mit  der  Pflanzenwelt 
folgte. 


15 

Vorzüglich  glücklich  machte  ihn  das  Reisen  und  mit  der  ganzen 
Macht  seines  Zaubers  wirkte  der  Aufenthalt  auf  den  Alpen  auf  ihn  ein. 
Von  ihm  galt  recht  eigentlich  was  Reineck  sagte :  „sei  JMann  im  Leben, 
Kind  in  der  Natur!"  — 

Die  ersten  Reisen  seines  Lebens  in  dem  Jahre  1809  nach  Leipzig, 
im  Jahre  1813  nach  Regensburg  und  zweimal  nach  Prag,  im  Jahre  1815 
nach  Pressburg  und  Wien,  endlich  nach  Paris,  waren  nicht  der  Erhei- 
terung sondern  theils  unwillkührlich  während  der  Kriegszeiten,  theils 
und  zuletzt  der  militärischen  Ausbildung  gewidmet. 

Die  erste  wissenschaftliche  Reise  des  Prinzen  Friedrich  nebst  sei- 
nen hohen  Brüdern  nach  Italien  gegen  Ende  des  Jahres  1821  wurde 
auf  den  Wimsch  des  Königs  gemacht,  aber  leider  ergriff  dieselben  in 
Pisa  ein  hitziges  Fieber,  welches  für  den  Prinzen  Clemens  am  12.  Januar 
1822  einen  tödtlichen  Ausgang  genommen. 

Ln  Jahre  1824  wurde  Belgien  und  Holland  bereist.  Anfangs  1825 
traf  der  Prinz  in  Paris  ein  und  überall  fand  er  reiche  Gelegenheit  seine 
Kenntnisse  daselbst  zu  erweitern. 

Im  Jahre  1828  am  1.  April  begann  die  Reise  mit  dem  Leibarzt  des 
Königs,  Geh.  Med. -Rath  Carus,  nach  Italien.  Ein  junger  Mann,  der 
gegenwärtig  als  praktischer  Arzt  in  New -York  berühmte  Dr.  Gescheid, 
nahm  als  Botaniker  und  Sammler  der  naturhistorischen  Gegenstände 
Theil  an  der  Reise  und  hier  begannen  die  ersten  Studien  des  Prinzen 
in  der  aussergermanischen  Flora.  Die  Reise  ging  über  Wien,  über 
Bruk  an  der  Murr,  Judenburg,  Leoben,  wo  die  erste  Zusammenkunft 
mit  dem  hocherfahrenen  Alpenbotaniker,  dem  Erzherzog  Johann  statt 
fand,  über  Villach,  Udine,  Treviso,  Venedig,  Vicenza,  Verona  und  Parma 
zur  Kaiserin  Maria  Louise,  dann  über  Modeua,  Bologna  nach  Florenz, 
von  da  nach  Rom  und  Neapel,  auf  der  Rückkehr  durch  die  Schweiz 
und  im  August  wieder  nach  Dresden  zurück. 

Am  13.  September  1830  Mitregent  geworden,  Avar  der  Prinz  durch 
mannigfaltige  Arbeiten  der  neuen  Organisation  des  Landes  so  dringend 
beschäftigt,  dass  ihm  nur  die  Erholung  durch  Excursionen  im  Lande 
möglich  geblieben,  aber  eine  weitere  Entfernung  durch  Reisen  nicht  zu- 
lässig war.  Ein  anderes  Hinderniss  bot  hierbei  die  Kränklichkeit  sei- 
ner ersten  Gemahlin  Caroline,  welche  am  22.  Mai  1832  mit  deren  Hin- 
scheiden endigte. 

Am  24.  April  des  folgenden  Jahres  mit  Prinzessin  Maria  Anna 
Leopoldine,  Tochter  des  grossen  Königs  Maximilian  von  Bayern  vermählt, 
empfand  er  in  der  Harmonie  mit  seiner  hohen  Gemahlin  bald  wie- 
der die  Neigung,  die  Alpen  zu  sehen  und  nächst  Marienbad,  wurde  dess- 
halb  in  Salzburg  und  in  Tirol  botanisirt.  An  einem  jähen  Felsen  hatte 
sich  der  Prinz  Mitregent  hier  verstiegen  und  ein  Jäger  hatte  das  Glück 
ihm  zu  Hilfe  zu  kommen. 


16 

Des  Königs  Anton  Hinsclieiden  erfolgte  am  6.  Juni  1 836  und  der 
Prinz  Mitregent  übernahm   von    da  an  die  Königlichen  Pflichten  allein. 

Erst  im  folgenden  Jahre  1837  wurde  es  wieder  möglich  an  das  Rei- 
sen zu  denken,  und  Oestreich;  insbesondere  das  schöne  Kärnthen  und 
Krain  *)  wurden  das  Ziel.  Aber  die  Nachricht  von  einer  ernsten  Erkran- 
kung in  Laibach;  nach  einer  Erkältung  bei  dem  Besuch  der  Adelsberger 
Höhle,  beflügelte  die  Reise  der  Königin  in  Begleitung  des  Geh.  Med.- 
Rath  Carus  dahin,  doch  sahen  sich  dieselben  durch  baldige  Genesung 
des  Königs  beglückt,  welcher  am  23.  August  wieder  in  Pirna  vom  gan- 
zen hohen  Hause  freudig  empfangen  wurde. 

Im  Jahre  1838  wurde  der  König  durch  den  am  3.  Januar  erfolgten 
Tod  Seines  Herrn  Vaters,  des  Prinzen  Maximilian,  auf  das  Tiefste  er- 
schüttert. Am  7.  Mai  begann  die  denkwürdige  Reise  in  Begleitung  des 
Geh.  Med. -Rath  von  Ammon  als  Leibarzt  über  Triest  nach  Dal- 
matien  und  Montenegro,  welche  sein  Begleiter  von  Triest  aus  Dr.  Bia- 
soletto ,  in  italienischer  Sprache  beschrieben  und  Eugen  Freiherr  von 
Gutschmid  deutsch  übersetzt  hat.  Sie  war  die  bedeutendeste  von  allen 
Reisen  des  Königs  in  Bezug  auf  ihre  wissenschaftliche  Ausbeute.  Am 
21.  Juni  nach  Pillnitz  zurückgekehrt,  begab  er  sich  mit  der  Königin 
vom  7.  bis  28.  September  an  über  Leipzig  in  das  Erzgebirge,  haupt- 
sächlich um  daselbst  den  Nothstand  zu  mildern  und  durch  Abhilfe  man- 
cher Mängel  die  Bewohner  zu  trösten. 

Im  Jahre  1840  begann  er  am  22.  Juli  eine  Reise  in  das  Riesenge- 
birge, wo  er  in  Gesellschaft  einiger  jungen  Botaniker  in  der  Wiesen- 
baute einen  fröhlichen  Abend  verlebte,  und  als  ihn  dieselben  nach  sei- 
nem Namen  fragten,  sich  Friedrich  nannte  und  eine  gute  Nacht  wünschte, 
da  er  noch  einen  Brief  an  seine  Fravi  schreiben  müsse.  Die  Herren 
begnügten  sich  damit  nicht,  sondern  suchten  den  Boten  auf,  welcher 
den  Brief  vom  Gebirge  hinabtragen  sollte.  Sie  lasen  hier  zu  ihrem 
Erstaunen:  „an  die  Königin  von  Sachsen."  **)  Er  kam  am  12.  August 
wieder  mit  einer  schönen  Sammlung  von  Pflanzen  zurück.  Am  9.  Sep- 
tember reiste  er  nach  München  und  kehrte  am  8.  October  zurück. 

Im  Jahr  1841  folgte  mit  der  Königin  eine  Reise  nach  Baiern  und 
in  die  Alpen,  von  wo  er  am  22.  August  wieder  zurückkehrte. 

Im  Jahr  1842  reiste  er  am  4.  August  wieder  nach  Böhmen. 

Im  Jahr  1843  besuchte  er  über  Leipzig  Thüringen  und  war  abwe- 
send vom  23.  bis  27.  Juli.  Am  3.  September  begann  er  einen  Ausflug  in 
den  Harz  und  lan^-tc  am  1 6.  December  wieder  an. 


*)  Die  Reise  in  Krain  ist  beschrieben  in  der  Allg.  deutsch,  naturhist.  Zeitung  1847, 
S.  431  —  440. 

**)  Dieser  durchaus  so  und  nicht  anders  statt  gefundene  Vorgang,  wird  in  einigen  säch- 
sischen Wochenblättern  durch  eine  Aeusserung  verunstaltet,  deren  Unmöglichkeit  Jeder- 
mann einsieht,  wer  jemals  das  Glück  gehabt  hat,  den  König  in  seinen  heitersten  Momenten 
y.u  sehen.  Niemals  entschlüpfte  ihm  eine  Aeusserung  gegen  die  Würde  seiner  Stellung, 
Vnd  jeder  Zoll  seiner  Ersclicinung  war  und  blieb  immer  unverkennbar  der  König. 


17 

Im  Jahr  1844  trat  er  die  grössre  Reise  nach  England  an  und  reiste 
am  22.  Mai  ab,  von  wo  er  erst  am  Q.August  unter  feierlichstem  Em- 
pfang wieder  eintraf  Vom  14.  bis  22.  September  machte  er  einen  Aus- 
flug nach  Leipzig. 

Im  Jahre  1845,  dem  Jahre  des  Regens  und  der  grossen  Ueber- 
schwemmung  in  Dresden,  unternahm  der  König  die  schwierige  Reise 
nach  Ungarn,  um  die  Karpathen  aus  eigner  Ansicht  kennen  zu  lernen. 
Auf  keiner  Reise  hat  derselbe  so  viel  von  nachtheiliger  Witterung  als 
auf  dieser   gelitten,   dennoch   übertraf  seine   Ausbeute   alle   Erwartung. 

Im  Jahr  1846  wurde  in  Gesellschaft  der  Königin  am  24.  Juni  ein 
Ausflug  nach  Potsdam  gemacht,  dann  eine  längere  Reise  nach  Tirol, 
von  welcher  er  heiter  und  gesund  am  2.  September  wieder  anlangte. 

Die  Jahre  1847,  1848  und  der  Anfang  von  1849  waren  nicht  ge- 
eignet an  eine  heitere  Reise  denken  zu  lassen,  und  erst  am  14.  October 
1849  wurde  in  Gesellschaft  der  Prinzen  Johann  und  Albert  eine  Reise 
in  das  Voigtland  gemacht. 

Im  Jahr  1851  folgte  am  1.  Juli  über  Wien  und  Triest  eine  Reise 
nach  Oberitalien,  von  welcher  die  Rückkehr  am  11.  August  in  Pillnitz 
statt  fand. 

Im  Jahre  1852  besuchte  er  über  München  abermals  sein  geliebtes 
Tirol,  Kärnthen,  Steiermark  und  Oberitalien,  und  ging  am  15.  Juli  wie- 
der über  Tirol  nach  der  Lombardei  und  über  Modena  und  Toscana  nach 
Sardinien.  Auf  jeder  dieser  beiden  Reisen  wendete  die  Vorsehung  die 
Folgen  von  wirklich  eingetretenen  Unfällen  glücklich  wieder  ab. 

Das  laufende  Jahr  1854  führte  dagegen  jenes  furchtbare  Ereigniss 
herbei,  welches  vielseitig  berichtet  und  näher  beschrieben,  in  die  tiefste 
Trauer  Alle,  die  den  erhabenen  Verklärten  kannten  und  liebten,  so 
schmerzlich  versetzt  hat. 

Die  schriftlichen  •  Aufzeichnungen ,  auf  allen  diesen  Reisen  gesam- 
melt, die  er  die  Gnade  hatte,  mich  bisweilen  lesen  zu  lassen,  sind  von 
höchstem  Interesse. 

Möge  noch  auf  andere  Zeugen  der  Thätigkeit  in  den  Stunden 
der  Muse  des  Königs  geübt,  ein  Blick  zu  werfen  erlaubt  sein:  auf  sein 
Herbarhmi  und  seine  Bibliothek  und  dann  auf  die  unter  Seinen  Befehlen 
gediehene  Fortbildung  des  Weinbergs  in  Wachwitz  und  des  Schlossgartens 
in  Pillnitz. 

Denkt  man  sich  alle  die  schönen  Ergebnisse  seiner  eigenen  Reisen 
Und  Excursionen,  mit  den  zahlreichen  Zusendungen,  die  er  immer  aus 
den  Händen  der  Botaniker,  die  ihn  verehrten,  oder  Reisender,  die  er 
unterstützte,  erhalten,  denkt  man  an  die  Production  des  Gartens  in  Pill- 
nitz und  an  die  Sammlungen  getrockneter  Pflanzen,  die  er  von  Zeit  zu 
Zeit  kaufte,  so  ist  sein  Herbarium  gewiss  ein  bedeutendes  zu  nennen 
und  für  das  Studium  durch  Sachkenner  von  hoher  Bedeutung.  Dasselbe 
ist  ebenso  prunklos  und  einfach  als  das   von  Friedrich  August  I.  einge- 

Allg-.  deutsche  naturhist,  Zeitung-.  2 


18 

riehtet  und  es  gehört  noch  das  von  dem  in  Pesth  verstorbenen  bekann- 
ten Botaniker  Rachel  angekaufte  Herbarium  dazu.  Von  seinen  Dou- 
bletten  theilte  der  König  gern  mit  und  jpühlte  sich  beglückt,  Andern 
dadurch  Freude  zu  machen.  Die  letzte  mir  bekannte  Mittheiluns'  in 
dieser  Art  erhielt  nach  einer  auf  dem  Weinbera-e  zu  Wachwitz  stattiro;- 
iundenen  wissenschaftlichen  Audienz  mit  eigenhändiger  Handschrift  der 
Apotheker  Reichet  in  Chemnitz.  Anspruchslose  Naturfreunde  besuchte 
er  gern  und  so  ist  er  bei  dem  gemüthlichen  Dr.  Dehne  in  der  Nieder- 
lössnitz  zu  wiederholten  Malen  gewesen,  und  hat  sich  an  dessen  schöner 
Sammlung  wie  an  seinen  lebendigen  Thieren  erfreut. 

Die  Ribliothek  wurde  immer  zweckmässig  vermehrt,  indessen  stam- 
men die  meisten  Prachtwerke,  wie  die  von  Jacqiän,  Ventenat,  Waldstein 
und  Kitaibel,  Tenore^  Pohl,  St.  Hllaire,  Ho/fmansegg  und  Link,  Curtis  und 
Hookers  Floi-a  Londinensis,  Flora  danica,  das  grosse  Werk  von  Alexander 
von  Humboldt  und  andere,  aus  der  Hand  Seines  Oheims;  von  grossen 
Prachtwerken  hat  Er  selbst  etwa  vorzüglich  die  Plantae  asiaticae  von 
Wallich  und  Batemans  Orchideae  gekauft.  Die  Abbildungen  seltner  in 
Pillnitz  blühender  Pflanzen  wurden  durch  die  geistvollen  Darstellungen 
des  Hofmalers  Moritz  Tettelbach  vermehrt,  aber  die  immer  zahlreicher 
von  London  aus  erscheinenden,  guten  Abbildungen  aller  neuen  Ent- 
deckungen, Hessen  inimer  mehr  die  Zahl  der  noch  hier  abzubildenden 
Arten  vermindern,  so  dass  nur  die  neunte  Centurie  vollendet  worden 
und  die  zehnte  begonnen. 

Seine  Arbeiten  im  botanischen  Cabinet  in  Pillnitz,  wie  im  Herba- 
rium in  Dresden,  wurden  mit  demselben  Ernste,  wie  von  seinem  ehr- 
würdigen Oheim  betrieben.  Ich  selbst  war  befehligt,  jeden  Freitag  das 
mit  ihm  fortzusetzen,  was  Friedrich  August  I.  eingeführt  hatte,  nämlich 
die  Bestimmung  oder  Berichtigung  der  in  dem  Zeitraum  von  einer 
Woche  zur  andern  aufgeblühten  Gewächse  und  im  Winter  das  Einord- 
nen in  die  Herbarien  und  in  die  Bibliothek.  Jene  Berichtigung  der 
Pflanzen,  die  man  so  häufig  unter  ganz  falscher  Benennung  erhält,  er- 
forderte auch  hier  die  reiche  Bibliothek  und  in  neuerer  Zeit,  wo  die 
Masse  des  Entdeckten  immer  grösser  geworden,  hatte  sich  auch  die 
Schwierigkeit  dieser  Untersuchungen  immer  mehr  und  bedeutend  ver- 
mehrt. Der  König  war  ebenso  wie  in  allem,  was  er  einmal  begonnen, 
unermüdet  beharrlich  und  diese  Stunden  waren  ihm  angenehm,  und  was 
noch  weit  mehr  sagen  will,  sie  blieben  es  ihm  durch  27  Jahre  hindurch 
bis  an  sein  Ende,  denn  der  Prinz  wurde  Mitregent  und  der  Mitregent 
wurde  König,  aber  seine  Liebe  zur  Natur  blieb  sich  bis  in  die  letzten 
Momente  seines  schönen  Lebens  vollkommen  gleich  und  noch  am  letz- 
ten Freitage  vor  seiner  Abreise  hatte  er  die  Freude,  unter  den  im  bo- 
tanischen Cabinet  aufgestellten  Exemplaren,  nächst  vielen  anderen  Ge- 
wächsen, besonders  Orchideen,  die  CaroUnea  princeps  und  Costus  specio- 
ms  zum   erstenmale    blühen    zu   sehen.     Die  Berichtigungen    der  hi^r 


19 

biüliendeuiübvväciiöe  wurden  von  jeher  das  Mittel,  diesen  Garten  bei  der 
Sorgfalt  seiner  Gärtner,  welche  diese  Bestimmungen  nicht  wieder  ver- 
wechselten ,  in  dem  guten  Rufe  zu  halten,  dass  andre  Gärten  mit  ihm 
in  Tauschverbindung  traten  und  die  baaren  Ausgaben  für  anzukaufende 
Pflanzen  sehr  massig  sein  konnten.  —  Auch  sein  Studium  der  Pflan- 
zenwelt war  nicht  einseitig  für  Species  berechnet,  ihn  interessirte  auch 
der  Bau  und  das  Leben  der  Pflanzen  und  die  Fortschritte  der  Physiolo- 
gie, welche  wir  in  seiner  Zeit  J}Iohl  und  Schieiden,  Göppert  und  Unger, 
Jj-misch  und  Cohn,  Schacht  und  Hofmeister  und  Anderen  verdanken,  waren 
ihm  ebenso  geläufig,  wie  die  Systematik,  in  welcher  sein  Geist  immer 
Klarheit  und  wahren   natürlichen  Zusammenhang  verlangte  und  liebte. 

Der  Weinberg  in  Wachwitz  giebt  ein  redendes  Zeugniss  von  der 
tiefen  Gemüthlichkeit  unseres  verklärten  Königs.  In  gewohnter  Beschei- 
denheit beginnend,  kaufte  der  Piunz  im  Jahre  1824  des  Grundstückes 
ersten  Theil,  und  legte  bald  darin  den  Thiergarten  an,  welcher  ihm  bis 
an  sein  Ende  manche  Erheiterung  gewährt  hat.  Durch  successive  Er- 
weiterung ist  es  zu  dem  herrlichen  und  grossartigen  Ensemble  gewor- 
den, welches  für  jeden  Beschauer  so  leicht  zugänglich  ist  und  dessen 
neueste  Acquisition  der  König  noch  kurz  vor  seiner  Abreise  mit  wah- 
rer Freude  erzählte.  In  Hinsicht  der  Lage  und  Aussicht  ist  dieser 
Weinberg  fast  unübertrefflich  zu  nennen,  in  Hinsicht  auf  Bequemlichkeit 
bei  bescheidenen  Ansprüchen,  wahrer  Meuschengrösse  vollständig  ge- 
nügend und  rücksichtlich  der  Erinnerung  an  daselbst  verlebtes  häusliches 
Glück  und  harmonischen  Einklang  zweier  Herzen,  fast  einzig  in  seiner 
Art  und  der  hohen  Würde  des  ganzen  erhabenen  Königshauses  gänz- 
lich entsprechend. 

Die  Pflanzensammlung  im  Schlossgarlen  wurde  während  der  Regier- 
ung Friedrich  August  II.  bedeutend  vermehrt.  Der  Garten  hatte  das 
Glück,  ausgezeichnet  sorgfältige  Gärtner  zu  haben,  vom  Jahre  1798  an 
den  Hofgärtner  John,  nach  dessen  Tode  im  Jahre  1832  am  28.  April 
diese  Stelle  durch  den  vormaligen  botanischen  Gärtner  Terscheck  aus 
Dresden  wieder  besetzt  wurde.  Beide  haben  den  höchsten  Ruhm  eines 
Gärtners  durch  die  ausgezeichnete  Erhaltung  der  alten  Pflanzen  und 
durch  die  fleissige  Heranziehung,  sorgfältigste  Etikettirung  und  Erhalt- 
ung der  Etiketten,  bei  einem  geringen  Personale  von  Gehülfen,  erlangt, 
alles  Eigenschaften,  welche  eben  so  selten  sich  vorfinden,  als  sie  lür 
das  Gedeihen  eines  botanischen  Gartens  unerlässlich  genannt  werden 
müssen.  Beide  Könige  haben  diese  Eigenschaften  immer  erkannt.  Unter 
dem  Hofgärtner  Terscheck  wurden  alle  jene  ehrwürdigen  Zierden  des 
Gartens  in  wahrer  Pietät  für  den  verewigten  hohen  Begründer  dessel- 
ben erhalten  und  die  Vermehrung  der  Arten  von  4000  auf  16000  er- 
hoben. Davon  sind  2500  Staudengewächse  im  freien  Lande  systema- 
tisch geordnet.  In  einem  Wasserbassin  im  Freien  sind  über  20  Arten 
Nymphaea,  Niiphar,  Nelumbium,  Dichorisandra,  Limnocharis,  ViUarsia,  Sa- 

2* 


gittaria  und  dergleichen   zur  Blüthe  gebracht.     Das   Palmenhaus   bietet 
den   Eindruck   der   Tropenwelt  und    ist   dicht    mit   Gewächsen    erfüllt. 
Pandanus  odoratissimus  24'  hoch,  Phoenix  dactylifera,  farinifera,  reclinata, 
und  guianensis  bis  16',  Latania  chinensis  18',  Cycas  revoluta  von  5'  Stamm- 
höhe, Dracaena   longifoUa  14',  arhorea  11',   Aletris  fragrans   24',    Cinna- 
momum  verum,  nitidum,  Cassia  18  bis  22',   Carica  Papaya  14'.     Ein  zwei- 
tes warmes  Haus  enthält  eine  grosse  Anzahl  gut  gepflegter,  zum  Theil 
seltner  Pflanzen,  Billenia  speciosa  von  9',  Ficus  nymphaeifoUa  und  imperialis 
bis  13',  Calypiranthes  caryophyllata  10',  Uvaria  adoratissima    22',   Adan- 
sonia  digitata  20'.     Unter  den  Pflanzen  des  kalten  Hauses  befinden  sich 
noch  diejenigen  Neuholländer,  welche  durch  die  Expedition  von  Joseph 
Banks  mit  zuerst  nach  Europa  gelangt  sind,  grosse  dickstämmige  Bank- 
sien bis  zu  14'  Höhe,  Arten  von  Hakea,  CalUstemon,  Acacia  meist  20  bis 
22 '  hoch.     Die  ganze  Sammlung  dieser  Gewächse  steht  im  Sommer  nach 
ihren  natürlichen  Verwandtschaften  zusammengestellt,  zwischen  Hecken 
im  Freien.     Der  Sachkenner  findet  sich  in    diesem   botanischen   Garten 
dadurch  am  meisten  befriedigt,  dass  eben  nicht,  wie  so  häufig  geschieht, 
die  Sucht  nach   Neuem    das   Alte   verdrängt   hat.     Der   richtige   Unter- 
schied eines  botanischen  Gartens   von  einem  Luxusgarten  bewährt  sich 
hier  durch  die  möglichst  vollständige  Aufstellung  von  Gewächsen  aller 
Familien,  so  auch  reicher  Sammlungen  von  Cisteen,  Compositae,  Labiatae 
und   dergleichen   mehr,   in  ihren  alten   typischen   Formen.      Das   neue 
Orchideenhaus  enthält  neben  einer  Anzahl  anderer  Gewächse  275  Arten 
Orchideen  in  kräftigen  Exemplaren,  daher  dergleichen  in  jedem  Monate 
blühen.     Auch    der   grosse   Raum   zwischen   den    verschiedenen   Palais, 
welche  ^um  Schlosse  gehören,  ist  im  Jahre  1837  durch  den  Hofgärtner 
Terschek  geschmackvoll  angelegt  worden  und  die  neuen  Anlagen  ziehen 
sich  noch  ausserhalb    der  zum  Schlosse   unmittelbar    gehörigen   Räume 
an  der  Elbe  herab  bis  über  die  fliegende  Fähre  hinaus.     In  allen  jenen 
Gewächshäusern,  insbesondere  im  Orchideenhause   und   am   Bassin    der 
Nymphäen  weilte  der  vereAvigte  König  mit  innigster  Freude  und  Liebe 
bis  in  die  letzten  Tage  seines  Lebens  in  Pillnitz.     Der  Schlossgarten  da- 
selbst ist  niemals  öffentlich  und  niemals  gesitteten  Personen  verschlossen 
gewesen.     Jedermann  fand  daselbst  Eintritt  und  bereits  Friedrich  August 
der  Gerechte    freute    sich,  wenn   irgend  Jemand   ftir   den  Garten  Theil- 
nahme  zeigte.     Von  Botanikern  hat  derselbe  früher   Willdenow ,  Schwäg- 
riehen  und  Schkuhr  bei  sich  gesehen.    Friedrich  August  IL  nahm  alle  Män- 
ner der  Wissenschaft  gern  auf,  und  erlaubte  mir  unter  andern  Sprengel 
aus  Halle,  Treviranus  aus  Bonn,  den  Grafen  Hoffmannsegg ,  Prof.  Paria- 
tore aus  Florenz,  Prof.  Dr.  de  Visiani  aus  Padua,  Moretti  aus  Pavia,  Dr. 
Bigelow  aus  Boston,  Baron  von  Müller  aus  Stuttgart  und  Andere  zu  ihm 
zu  führen. 

Dieser  Garten   erscheint  jetzt  zum   ersten  Male  verwaist.     Da  wo 
noch  vor  Kurzem  der  Allgeliebte  Friedrich  August  im  Verein   mit  der  in 


21 

immer  heitrer  Harmonie  seine  Freuden  theilenden  Königin  Maria  sich 
liebend  bewegte,  da  tönt  jetzt  dem  einsamen  Spaziergänger  in  abend- 
licher Weile  ein  Säuseln  aus  den  hocherhabenen  Wipfeln  der  ehrwür- 
digen Liriodendren,  Platanen,  Magnolien  und  canadischen  Pappeln  und 
Tannen  entgegen  und  seine  Wehmuth  übersetzt  es  in  die  wenigen  Worte : 
,,hier  haben  zwei  der  besten  Könige,  welche  jemals  die  Welt  sähe,  mit 
den  Ihrigen  84  Jahre  hindurch  in  reinster  Liebe  gewaltet!" 

Wenn  uns  seine  innige  und  tief  empfundene  Liebe  für  die  Natur 
characteristisch  für  sein  Leben  erscheint,  so  war  doch  sein  allseitig  ge- 
bildeter Geist  empfänglich  für  alle  Richtung,  des  menschlichen  Wirkens, 
er  umfasste  mit  Liebe  das  ganze  weite  Reich  der  Wissenschaften  und 
Künste  und  belehrte  sich  durch  eigene  Anschauung  in  den  Fabriken 
und  Werkstätten  des  Inlands,  wie  in  der  weiterten  Ferne.  In  seinen 
Sammlungen  finden  sich  von  seiner  Reise  mit  seiner  Gemahlin  im  Erz- 
gebirge sogar  die  aus  Holz  gedrechselten  Ringe  aus  den  Spielwaaren- 
fabriken  in  Sayda,  welche  sich  durch  spätere  Manipulationen  in  Thiere 
verwandeln.  Dabei  besass  er  das  seltene  Talent  aus  freier  Hand  in 
richtigsten  Proportionen,  die  aus  dem  mannigfaltigsten  Detail  bestehen- 
den Ansichten  von  Gegenden,  vorzüglich  Gebirgszügen  zu  zeichnen. 
Von  allen  seinen  Reisen  brachte  er  zahlreiche  Blätter  solcher  Hand- 
zeichnungen mit,  sie  mögen  sich  hoch  über  die  Zahl  von  tausend  belau- 
fen, und  es  gehörte  unter  seine  angenehmsten  Vergnügungen  nach  der 
Rückkehr  diese  mit'  Vorlegung  von  Specialcharten  zu  erläutern ,  wo- 
bei seine  unübertreffliche  Erinnerung  für  alle  die  kleinsten  Details, 
räumlich  und  zeitlich  treu  wiedergegeben,  Bewunderung  erregte.  Er 
war  so  gnädig  mir  diese  Relationen  immer  um  so  ausführlicher  zu 
geben,  als  er  beklagte,  dass  in  der  Jahreszeit  seiner  botanischen  Reisen, 
in  welcher  gewöhnlich  mehrere  Fremde  zum  Anhören  der  in  Dresden 
immer  zahlreich  besuchten  Vorlesungen  der  Botanik  hierher  kamen, 
meine  Amtspflicht  mich  hier  fest  hielt.  Besondere  Freude  erregte  ihm 
bei  diesen  Relationen  die  Erinnerung  an  jene  Blicke  von  den  Höhen 
der  Berge  oder  zwischen  Bergen  und  Schluchten  hindurch,  oder  aus 
den  Fenstern  der  Zimmer,  die  er  bewohnte.  Alle  diese  Blicke  wurden 
in  der  Regel  mit  geübter  Hand  dem  Papiere  vertraut  und  seine  Augen 
strahlten  in  reinster  Freude,  wenn  er  bei  Mittheilung  seiner  Berichte 
darüber  Theilnahme  fand.  In  der  höchst  dankenswerthen  Schrift  des 
Director  Frenze!,  ist  diese  seine  ernste  und  weitumfassende  Kunstbestreb- 
ung noch  weiter  erläutert. 

Wollten  aber  alle  diejenigen,  welche  das  Glück  hatten,  durch  ver- 
schiedene Fächer  ihrer  eigenen  Thätigkeit  mit  ihm  in  Berührung  zu 
treten,  darüber  berichten,  welche  Thätigkeit  er  in  eines  jeden  Fache  ge- 
übt hat,  so  würde  sich  nur  der  Beweis  davon  herausstellen,  dass  er  es 
verstand,  das  vielgestaltige  Leben  der  ganzen  gebildeten  Menschheit  in 
seiner  hohen  Individualität  selbst  in  klarster  Harmonie  zu  beherrschen. 


22 

Wenn  aber  die  zweckmässige  Thätigkeit  bis  über  die  Stunden  und 
kleinsten  Momente  der  Muse  verbreitet,  immer  die  Mutter  der  Heiter- 
keit ist,  so  wusste  er  diese  Heiterkeit  auch  noch  durch  eine  seltene 
Menschenliebe  zu  nähren.  Die  feste  und  treue  Anerkennung  der  Wahr- 
heit, des  Kechts  und  der  menschlichen  Würde  und  Sitte  lag  allen  seinen 
Handlungen  und  Aeusserungen  zu  Grunde,  die  wahre  reine  Humanität 
lebte  immer  in  ihm. 

Ich  kann  nicht  unterlassen,  auf  die  Aeusserung  dieser  Humanität 
noch  einen  Rückblick  zu  werfen.  Seine  innige  Liebe  zu  Kindera  war 
so  rein  und  edel,  dass  sie  in  der  That  mehr  als  einmal,  wenn  er  sich 
überall  freute,  wo  wir  gesunde,  muntere,  freundliche  Kinder  der  Land- 
leute trafen,  an  jene  erhabenen  Worte  von  Christus  mich  lebhaft  erin- 
nerte, welche  die  reinste  Reinheit  einer  Seele  verkünden.  Seine  grosse, 
wahrhaft  christliche  Nachsicht  gegen  Alle,  nur  nicht  gegen  sich  selbst, 
ist  zu  bekannt,  denn  sie  hat  selbst  in  den  entscheidensten  Momenten 
treu  sich  bewährt.  Ebenso  lebendig  steht  die  Erinnerung  vor  uns,  wie 
das  hohe  Brüderpaar  bei  Unglück  und  Gefahr  selbstthätig  einschritt, 
bei  jener  furchtbaren  Ueberschwemmung  im  Jahr  1845,  bei  mehreren 
Feuersbrünsten  thatkräftig  mitwirkte,  zu  löschen,  zu  retten,  zu  helfen, 
■TM  trösten. 

Ja,  wahrhaft  tröstend  und  erhebend  war  sein  liebevoller  Blick,  wenn 
er  in  tiefster  Rührung  einen  seiner  treuen  Diener  nach  Genesung  von 
schwerer  Krankheit  mit  beiden  Händen  erfasste,  als  wollte  er  sich  ge- 
wiss machen,  glauben  zu  dürfen,  er  sei  ihm  wiedergegeben.  Bei  allen 
Leiden,  welche  ihm  bekannte  Personen  getroffen,  litt  er  tief  mit  und 
schon  das  Bewusstsein  seiner  Theilnahme  wurde  Vielen  das  Mittel  zur 
heiteren  Genesung.  Sein  im  Anschauen  der  Entwickelung  der  organi- 
sirten  Natiy-  so  tief  begründetes  conservatives  Prinzip ,  welches  z.  B. 
jede  Zerstörung  vegetabilischer  Bekleidung  von  Mauern  oder  jede  Ver- 
nichtung alter  Bäume  missbilligte,  fand  den  höchsten  Reflex  in  seiner 
Achtung  des  Lebens  der  Menschen. 

Einen  Fall  seiner  Achtung  für  das  Alter,  bitte  ich  noch  erzählen 
zu  dürfen.  Es  war  an  einem  schönen  Tage  des  Monat  August  im 
Jahr  1820  als  wir  bei  Tagesanbruch  in  Frauenstein  angelangt,  von  da 
nachdem  der  Prinz  den  Anblick  der  Stadt  für  sein  Stammbuch  gezeich- 
net, über  Schönfeld  hinaufgingen,  um  dann  durch  den  Höllengrund  em- 
porsteigend an  das  2354  Fuss  hochliegende  Dorf  Schellerhau  zu  gelangen 
und  Cineraria  rivuluris  daselbst  blühen  zu  sehen.  Am  heissen  Mittag 
gingen  wir  dem  Ufer  der  wilden  Weisseritz  entlang,  herrliche  Wiesen 
mit  hohem  Grase  lagen  zur  Seite,  die  Arnica  stand  noch  leuchtend  in 
vollester  Blüthc,  die  feinen  federartigen,  smaragdgrünen  Blätter  der 
Bärwurz  erschienen  truppweise  gruppirt  auf  der  Wiese,  das  überaus 
zierliche  Galium  saxatile  streckte  seine  Guirlanden  am  Boden  dahin  oder 
sie    hingen    über    die    Steine    am    Ufer    des    rauschenden   Flusses   mid 


28 

Cirsium  helerophyllum  hob  verstreut  über  die  Wieseh  die  dunkelrothen 
Köpfe  über  die  Arnica  und  über  die  hohen  Gräser  empor.  Ein  tiefes 
Schweigen  beherrschte  die  Landschaft,  denn  die  früher  über  den  Wip* 
fein  kreisenden  Sperber  und  Habichte  beängstigten  nicht  mehr  die  jun- 
gen Brüten  des  Waldes  und  hatten  sich  in  der  Hitze  in  den  dunkeln 
.  Zweigen  des  Dickicht  verborgen.  Nur  die  rein  kastanienbraune  Ligea 
flog  geräuschlos  noch  an  den  grünen  Abhängen  und  suchte  den  aroma- 
tischen Thymus,  zwischen  den  Blumen  auf  der  Wiese  flatterte  die  düster- 
gefärbte, weissgesäumte  Chaerophyllata  herum,  und  hier  und  da  flog  vor 
den  Fusstritten  die  schöngezeichnete  Euprepia  plantaginis  auf,  aber  Noctua 
graminis  sass  hier  und  da  mitten  in  den  Blüthenköpfen  der  Arnica^  still 
ausruhend  unter  den  senkrechten  Strahlen  der  Sonne,  von  der  reissend- 
schnellen  Bewegung  ihres  Flugs  in  der  vei-flossenen  Nacht.  Der  Prinz 
fühlte  sich  sichtbar  glücklich  im  Verständniss  des  reichen  Detail  in  die- 
sem grossen,  erhaben  lebendigen  Bilde  der  friedlichen  Natur  seines 
Landes.  Aber  bald  wurde  dieser  so  reizende  Schmuck  den  Wiesen  ent- 
nommen, denn  als  wir  weiter  gelangten,  sahen  wir  Schnitter  beschäftigt, 
welche  mit  Sensen  die  Wiesen  ihres  hohen  Grases  beraubten.  Wir 
näherten  uns  dem  Uebergange  über  den  Fluss,  wo  man  den  durch  die 
fluthenden  Wintergewässer  weggerissenen  Steg  durch  den  einfachen 
Stamm  einer  massigen  Tanne  ersetzt  hatte,  und  sahen,  dass  eben  ein 
hochbejahter  Schnitter  dem  Baumstamme  sich  näherte,  um  hinüberzu- 
gehen. Als  wir  herankamen,  trat  er  freundlich  grüssend  zurück,  aber 
der  Prinz  fragte  ihn:  „du  willst  wohl  auch  hinübergehen?"  worauf  er 
antwortete :  „meine  Sense  liegt  noch  drüben,  die  w^ill  ich  mir  holen ! "  — 
Hierauf  sagte  der  Prinz:  „dann  bleib  hier,  die  will  ich  dir  geben"  mit 
einigen  Schritten  war  er  hinüber,  fasste  die  Sense,  kam  eben  so  schnell 
wieder  herüber,  reichte  sie  dem  verwundert  dankenden  Greise ,  dessen 
Kindeskinder  vielleicht  noch  lange  einander  diese  Auszeichnung  er- 
zählen. Noch  heute  steht  der  tiefgerührte,  silberhaarige  Greis,  der  wahr- 
scheinlich längst  ruht,  lebendig  vor  meiner  Erinnerung. 

So  liebend  und  mit  der  ganzen  Welt  sich  versöhnend  und  diesen 
Grundsätzen  gemäss  in  jeder  Richtung  hat  Friedrich  August  gewirkt  und 
auch  der  harmonische  Einklang  seiner  Studien  der  Werke  Gottes  mit 
den  Geboten  seines  Wortes,  der  ihn  in  allen  seinen  Thaten  belebte,  hat 
vielfachen  Segen  gebracht. 

Wenn  ich  in  diesem  zweiten  Theile  unsrer  Betrachtung  nur  einige 
wenige  und  rein  objective  Aeusserungen  des  verewigten  Königs  er- 
wähnte, so  bleibt  mir  noch  ein  Schatz  reicher  Erinnerung  an  Aeusser- 
ungen, welche  eben  um  ihrer  tieferen  Subjectivität  willen,  als  Zeichen 
jener  persönlichen  Gnade,  welche  bis  über  die  Grenzen  des  Lebens 
hinausging,  im  dankbaren  Geraüthe  verschlossen,  welche  durch  eine 
jede  Veröfi'entlichung  verlieren  würden,  an  ihrer  hohen  Bedeutung,  an 
jener  heiligen  Weihe,   welche  nur  in  der  eignen  Erfahrung  des  Tndivi- 


24 

duums  lebt.  Dies  Erlebniss  aber,  ist  ein  lindernder  Trost  für  den  Rest 
des  eigenen  Lebens ,  welcher  die  bleibende  Wehmuth,  so  viel  als  noch 
möglich,  erheitert.    , 

Nur  mit  wenigen  Worten  mögen  wir  noch  die  dritte  Frage  zu  be- 
antworten suchen :  welchen  Erfolg  für  die  Zukunft,  von  des  Königs  Har- 
monie in  seiner  Verehrung  des  Wortes  und  der  Werke  Gottes ,  dürfen  wir 
hoffen  ? 

Ich  vermuthe  einen  dreifachen  Erfolg.  Zuerst  hat  der  König  das 
erhabene  Beispiel  gegeben  und  ins  wirkliche  Leben  im  Angesichte  der 
ganzen  Menschheit  geführt:  dass  diese  Harmonie,  wenn  sie  sich  auf  m«e 
und  wahre  Anschauung  der  Natur  treulich  begründet,  wirklich  besteht, 
und  dadurch  bewiesen  dass  wo  diese  Harmonie  gestört  wird,  dann  der 
Grund  in  dem  Mangel  an  Wahrheit  und  Treue  der  Naturanschauung 
liegt.  Jener  falsche  materialistische  Weg,  den  man  gegenwärtig  dem 
Volke  aufdringen  will,  und  weil  man  das  Bessere  nicht  lehrt,  wirklich 
aufdringen  lässt,  wo  Naturforscher  sich  auf  die  Wunder  der  Natur  setzen, 
wie  jene  Fliege,  deren  Carus  erwähnt,  im  Phönix,  in  seinen  „gelegent- 
lichen Betrachtungen  über  den  Character  des  gegenwärtigen  Standes  der 
Naturwissenschaft",  welche  Fliege  auf  dem  Apoll  im  Belvedere  sitzend, 
diesen  allerdings  nur  als  kalten  Marmor  erkennt,  jene  Construction  des 
Geistes  aus  dem  Magen  oder  aus  jeder  anderen  Retorte,  welche  conse- 
quent  zu  der  Anschauung  führen  würde,  dass  die  gegenwärtige,  so 
fein  genusssüchtige  Zeit  nur  aus  lauter  grossen  und  fast  gleichgrossen 
Geistern  bestehen  müsste,  und  welche  von  der  Sterblichkeit  jenes  Magen- 
geistes nach  dem  Aufhören  seiner  Genüsse,  zum  Atheismus  dahinführt, 
ist  freilich  jenes  ,jWissen"  zu  nennen,  „welches  um  Christum  herum- 
geht," darin  stimmen  wir  vollständig  bei,  und  der  vereAvigte  König  hatte 
sehr  recht,  wenn  er  im  Jahr  1848  unmittelbar  nach  seiner  Verwunderung 
darüber,  dass  ein  practischer  Naturforscher  dahin  gelangen  könnte,  die 
Vermuthung  hinzufügte:  es  möge  dabei  doch  wohl  die  wahre  Grundan- 
schauung gefehlt  haben.  Darum  kehren  wir  lieber  zu  dem  alten  Glau- 
ben zurück:  „es  ist  der  Geist,  der  sich  den  Körper  baut!'' 

Nur  auf  diesem  Wege  wird  das  Selbstbewustsein  und  die  Selbster- 
kenntniss  des  Menschen  gefördert  und  er  hat  dann  nicht  vergeblich  die 
vielen  Stufenleitern  der  organisirten  Welt  in  ihrem  Parallelismus  er- 
stiegen, wenn  er  auf  den  Punkt  jener  Höhe  gelangt  ist,  wo  endlich  der 
Geist  in  seiner  Vollendung  selbstständig  wird.  Das  grosse  Reich  dieser 
Geister  werden  wir  nimmer  mit  Destillirkolben  und  Retorten  besiegen 
und  bannen. 

In  der  That,  die  wahre  Anschauung  der  Natur  liegt  im  christlichen 
Prinzipe  und  ist  tief  in  der  Liebe  begründet.  Recht  verstanden  ver- 
kündet auch  das  Gift  der  Pflanzen  und  Thiere  die  Liebe,  und  die  Zer- 
störungen des  Schiffswurmes  sind  nur  Abweichungen  von  seinem  wahren 
Berufe  die  gefährlichen  Wraks  zu  vernichten,  und  alle  conservative  Ver- 


25 

hältnisse  im  physischen  Leben  der  Menschheit  finden  wir  als  Vorbild 
schon  in  der  Natur.  Hier  galten  schon  weit  früher  als  in  der  historischen 
Zeit  alle  nur  denkbare  Verhältnisse  der  Ehe  und  der  Erziehung  mit 
ihren  Folgen;  hier  die  Kinderbewahranstalten  und  Waisenhäuser,  hier 
die  Blinden-  und  Taubstummeninstitute  mit  ihrer  Tast-  und  Zeichen- 
sprache und  die  Hospitäler  für  Kranke  und  Greise,  sie  haben  ihre  Be- 
gründung gefunden  in  der  präadamitischen  Zeit.  Revolutionen  aber 
sehen  wir  nicht  mehr  in  der  Natur,  denn  sie  dienten  nur  in  der  Urzeit 
zu  der  ersten  Bildung  des  Erdkörpers,  zu  der  Vorbereitung  des  Wohn- 
platzes für  den  friedlichen  Menschen,  für  welchen  Zweck  auch  ein 
Untergang  und  ein  Wechsel  von  Thiergenerationen ,  ein  stufen  weises 
Steigern  und  Auftreten  derselben  bedingt  war.  Dagegen  hat  der  Krieg, 
die  Vernichtung  einer  und  derselben  Species  unter  sich  keine  Begrün- 
dung, kein  Vorbild  in  der  Natur.  Was  uns  Homer  und  Aelian,  was 
Oppian  und  PUnius  von  den  Kriegen  der  Thiere  erzählen,  das  sind 
Malereien  der  dichterischen  Phantasie  ihrer  Zeiten,  dennoch  sehr  natur- 
gemäss  nur  im  Bereiche  verschiedener  Arten  geschildert,  denn  die  Art 
in  der  Natur  kennt  für  sich  nur  das  conservätive  Prinzip  und  die  ge- 
selligen Thiere  einer  Art  lieben  einander  unter  sich  vielmehr  als  die 
Menschen,  daher  eine  Unnatur,  wie  der  Krieg,  unter  ihnen  nicht  und 
niemals  Platz  greifen  kann.  Eine  Vernichtung  in  Masse  und  dann  eine 
Vernichtung  der  vollkommensten,  kräftigsten  und  edelsten  Individuen 
untereinander  müsste  im  Plane  der  Schöpfung,  welche  auch  ihre  schwäch- 
sten und  ältesten  Individuen,  so  wie  einerseits  die  Menschheit  hierin  ihr 
nachahmt,  noch  mit  oft  wunderbarer  Sorgfalt  erhält,  inconsequent,  zweck- 
widrig und  selbstvernichtend  für  die  Species  erscheinen.  Und  wirklich 
nehmen  war  auch  wahr,  dass  historisch  und  factisch  erwiesen,  jedem 
bedeutenden  Kriege  im  Plane  der  Vorsehung,  um  der  Menschheit  jene , 
Incohsequenz  zu  beweisen,  als  ganz  unvermeidliche  Wirkung  einer  Ver- 
wundung, Verkrüppelung,  Zerstörung  und  Auflösung  so  vieler  Organis- 
men, Pest  und  Seuchen  aller  Art  und  eine  auffällige  und  factisch  nach- 
gewiesene physische  und  moralische  Schwächung  und  Verderbniss  der 
Generationen  naturgesetzlich  streng  und  sicher  gefolgt  sind.  Wilde 
Völker  haben  auf  diesem  Wege  ihre  ganzen  Stämme  vernichtet,  nur  die 
friedlichen  wie  die  Samojeden,  Grönländer  und  Lappen  haben  sich  ohne 
Krieg  kräftig  blühend  erhalten  und  folglich  auch  von  ihnen  sagte  La- 
martine mit  Recht:  „gebildete  Völker  führen  keinen  Krieg."  Wohl  uns, 
dass  dieser  Ausspruch  jetzt  auch  Deutschland  gebührt. 

Die  Wissenschaft  von  der  Vernichtung  der  Menschheit  und  ihrer 
Werke  ist  in  der  Gegenwart  auf  ihren  Culminationspunkt  gelangt,  und 
vielleicht  auf  diesem  endlich  wird  man  dennoch  die  menschliche  Ohn- 
macht und  den  wahren  Plan  der  Schöpfung  und  das  Prinzip  der  christ- 
lichen Lehre  erkennen  und  jene  zu  einer  conservativen  Wissenschaft  ftir 
den  Schutz  und  für  die  Erhaltung  eines  allgemeinen  Friedens  gestalten. 


2g 

Nur  zum  Schutz  uüd  zur  Vertheidigung  von  König  und  Vaterland  giebt 
es  einen  naturgemässen ,  geheiligten  Krieg.  Nur  wer  dieses  Moment 
erlebt,  wird  mit  Recht  sagen  können,  dass  er  den  sittlichen  Fortschritt, 
dass  er  die  wahre  Veredlung  der  Menschheit,  dass  er  das  lebendig  ge- 
wordene Christenthum  endlich  begrüsste. 

In  ähnlicher  Weise  ist  auch  die  ganze  Natur,  dafern  wir  sie  rich- 
tig verstanden,  ein  Spiegel  der  Menschheit  und  eine  grosse  und  von 
Gott  selbst  erschaffene  und  dem  Menschen  offenbarte  und  auf  allen  «ei- 
nen Schritten  vorgelegte  heilige  Symbolik,  von  Christus  selbst  oft  genug 
als  solche  gedeutet.  Wie  soll  die  Anschauung  dieser  Natur,  die  in  allen 
ihren  Theilen  selbst  nur  Symbol  ist,  wie  soll  sie  die  Bedeutung  der 
Symbole  der  Religion  schmälern  oder  gar  aufheben  können  ?  Der  hoch- 
erfahrene und  allverehrte  Alexander  von  Humboldt  sagt  in  seinem  Kos- 
mos: „Die  christliche  Richtung  des  Gemüths  ist  die:  aus  der  Weltord- 
nung und  aus  der  Schönheit  der  Natur  die  Grösse  und  Güte  des  in  ihr 
wohnenden  Geistes  zu  beweisen."  —  Nur  Fanatiker  ihres  eignen  Wor- 
tes, das  sie  über  das  Wort  Christi  egoistisch  erheben,  können  es  ver- 
suchen, den  von  Gott  selbst  gegebenen  Commentar  seines  Wortes  ver- 
achten und  vor  der  Menschheit  A'-erbergen  zu  wollen. 

Zweitens  dürfte  im  Erfolg  des  erhabenen  Beispiels  des  verewigten 
Königs  und  jener  Theilnahme,  welche  schon  Friedrich  August  I.  für  die 
naturwissenschaftliche  Bildung  der  Jugend  gezeigt  hat,  die  Zeit  heran- 
nahen, wo  endlich  einmal,  da  wo  dies  noch  nicht  stattfindet,  die  wahre 
und  eben  wahrhaft  segensreiche  Kenntniss  der  lebendigen  Natur  in  die 
Bildung  der  Jugend  weiter  und  allgemein  eingeführt  werde,  sobald  da- 
zu die  zweckmässige  Bildung  einer  hinreichenden  Anzahl  sachkundiger 
Lehrer  wirklich  vorausging.  Wir  müssen  dies  wohl  auf  das  dringendste 
wünschen,  denn  die  Naturforschung,  insbesondere  die  Erforschung  der 
lebendigen  Natur,  ist  ja  der  Avahre  Schlitz  für  die  Jugend  gegen  die 
Fehltritte  auf  der  Bahn  ihres  Lebens,  ja  die  Naturforschung  ist  der  ver- 
einte Gottesdienst  aller  Confcssionen  der  Welt. 

Drittens  wird  diesem  Achtung  gebietenden  Vorgange,  der  ernsten 
und  hingebenden  Beschäftigung  eines  der  edelsten  Fürsten  mit  der 
Natur  folgend,  die  Naturkenntniss  auch  wieder  öfters  das  Eigenthum 
von  Privatpersonen  werden,  sie  wird  sie  vor  Müssiggang  und  nach- 
theiligen Genüssen,  vor  unsinnigen  Spekulationen  und  Phantasieen  be- 
wahren, wird  sie  über  ihr  eignes  Handeln  und  Wirken  belehren  und  sie 
aufklären  über  tausende  von  Vorgängen  im  Leben,  sie  wird  ihr  Alter  er- 
heitern und  auf  jedem  Spaziergange  ihnen  eine  treue  und  sie  unterhaltend 
belohnende  Führerin  sein,  wird  ihr  Urtheil  über  die  Welt  berichtigen 
und  mildern  und  in  der  Anschauung  der  Natur  sie  klarbewusst  und 
gläubig  aus  tiefster  Ueberzeugung  zu  deren  Schöpfer  erheben.  Sie  wer- 
den darin  dem  heiligen  Willen  Gottes  selbst  folgen,  welcher  die  Man- 
nigfaltigkeit  und   Schönheit   seiner   unnachahmlichen   Werke   selbst   als 


27 

Mittel  zu  einer  menschlichen  Erkenntniss  seiner  Allmacht  und  Grösse  für 
alle  Menschen  gegeben. 

Zum  Schluss  kommend,  erinnere  ich  zuerst  daran,  wie  dankbar 
die  Beschäftigung  der  Musestunden  des  Königs  von  denjenigen  aner- 
kannt worden  ist,  welche  den  Gegenstand  derselben  zu  schätzen  ver- 
standen. Es  ist  für  jeden  strebenden  Geist  wahrhaft  erhebend,  wenn 
eine  hochgestellte  Person  dieselbe  Richtung,  welcher  er  sich  selbst  ge- 
weiht hat,  beachtet  vmd  würdigt.  Aber  der  ganze,  weit  über  die  Fläche 
der  Erde  verbreitete  Kreis  der  wahren  Naturforscher  war  mit  allem 
Rechte  stolz  darauf,  dass  eine  so  reine  und  so  in  ihrer  Art  einzige  Per- 
sönlichkeit, wie  die  des  verewigten  Königs,  mit  ihm  dasselbe  Bestreben 
getheilt  hat.  Nicht  allein  durch  viele  und  grösstentheils  ganz  anspruchs- 
lose Zusendungen  an  ihn  selbst  gab  sich  dies  kund,  sondern  ausserdem 
nach  dem  Brande  im  Zwinger  durch  zahlreiche  und  zum  Theil  höchst 
bedeutende,  in  mineralogischer  Hinsicht  an  meinen  werthen  Collegen 
Prof.  Geinitz,  in  zoologischer  Hinsicht  an  mich  selbst  gerichtete  Send- 
ungen aus  buchstäblich  allen,  auch  den  entferntesten  Theilen  der  Erde 
wurden  Zeugen  der  freudigsten  Ehrerbietung  für  den  König  und  der 
allgemeinsten  Theilnahme  bei  jenem  Verluste  und  es  war  uns  oft  rüh- 
rend. Beweise  der  innigsten  und  anspruchlosesten  Liebe  darunter  ken- 
nen zu  lernen,  in  einer  Zeit,  in  welcher  vnr  für  die  Neubegründung 
der  Sammlungen  alles,  auch  das  Geringste  aufrichtig  dankbar  empfingen. 

So  allgemeinen  Dank  hat  der  Verewigte  sich  auch  durch  seine 
Theilnahme  für  seine  Anstalten  für  Naturwissenschaften  bereitet.  Als 
nach  lauten  und  heftigen  Gegenbestrebungen  jene  unzweideutigen  Be- 
weise der  Anerkennung  und  Achtung  für  das  Wirken  und  Fortbestehen 
der  Königl.  medicinisch-chirurgischen  Akademie  in  den  Kammern  der 
versammelten  Stände  des  Landes  ausgedrückt  wurden,  da  war  es  wohl 
Niemand  mehr,  als  der  König  selbst,  welcher  darüber  sich  freute,  dass 
diese  Anstalt  durch  seinen  hohen  x\hnherrn  Friedrich  August  den  Ge- 
rechten, dessen  Schöpfungen  er  immer  in  treuester  Pietät  noch  kindlich 
f^rkannte,  in  weiser  Erwägung  ins  Leben  gerufen,  bei  der  stets  beschei- 
denen Stille,  in  der  sie  gewirkt  hatte,  dennoch  so  wie  von  ihm  selbst, 
auch  von  den  Ständen  anerkannt  wurde.  Und  in  der  That  haben  wir 
auch  in  andern  Staaten  nach  Aufhebung  ähnlicher  Anstalten,  die  Wie- 
derherstellung derselben  mehr  als  einmal  erlebt. 

Auch  die  Gesellschaft  Isis,  in  deren  Auftrage  ich  die  Ehre  hatte, 
vor  ihnen  zu  sprechen,  löst  dadurch  nur  ihre  Pflicht  des  tiefempftmde- 
nen  Dankes,  denn  durch  sein  Allerhöchstes  Wohlwollen  ist  sie  gediehen, 
und  auf  diejenige  Stufe  der  Entwickelung  und  Theilnahme  gelangt, 
deren  sie  jezt  sich  erfreut.  Im  Jahre  1834  durch  den  dem  verewigten 
Könige  durch  sein  treffliches  Pilzwerk  bekannten  und  von  ihm  geschätz- 
ten Naturalienmaler  Harzer,  welcher  auch  ftir  König  Friedrich  August  I. 
schon  gemalt  hatte,  frestiftet.  hat  sip  im  Lanfp  rler  ZHt  sich  weiter  ent- 


28 

faltet  und  ist  die  einzige  mir  bekannte,  wissenschaftliche  Gesellschaft 
geworden^  welche  in  jedem  Monate  fünf  zahreich  besuchte  Versamm- 
lungen hält:  eine  Hauptversammlung  für  jeden  Monat  und  noch  vier 
Versammlungen  für  die  Sectionen  Mathemathik  nebst  Physik  und  Chemie, 
dann  Mineralogie,  Botanik  und  Zoologie,  als  die  Hauptwissenschaften 
gesondert.  Es  ist  die  innere  Einigkeit  und  das  anspruchlose  Walten 
aller  Mitglieder,  welche  diese  Entwickelung  unter  der  immer  zugeneig- 
ten Theilnahme  des  Königs  an  den  Mittheilungen  über  ihr  Fortschrei- 
ten und  über  ihr  geräuschloses  Wirken,  so  günstig  gefordert. 

Ich  freue  mich  auch  und  ich  danke  herzlich  dafür,  dass  es  mir  ver- 
gönnt worden  ist,  in  diesem  Saale  sprechen  zu  dürfen,  hier  an  dieser 
Stelle,  von  wo  ich  selbst  in  den  Zeiten  der  Aufregung  mehr  als  einmal 
jene  noch  in  der  Erinnerung  bekannte  breite  Unterlage  und  jene  An- 
sichten unbedingter  Freiheit  und  Gleichheit  auf  die  Gesetze  und  auf  die 
Schranken  der  von  unten  bis  nach  oben  sich  steigernden,  stufenweise  orga- 
nisch gegliederten  Natur  zurückzuführen  versuchte,  hier  wo  man  das  Wohl 
der  Bürger  der  Residenz  in  ernster  Weise  verhandelt,  hier  wo  stets  nur 
das  Gute  wollende  Männer  dasselbe  fördern  und  ausführen  helfen  und 
dadurch  auch  hier  die  Erinnerung  an  eine  grosse  Schöpfung  des  allge- 
liebten Königs  dankbar  und  lebendig  erhalten.  Gewiss  handelten  die- 
selben auch  ganz  im  Sinne  und  im  Geiste  dieses  verewigten  Königs, 
durch  die  neue  Organisation  der  Realschule  in  Neustadt-Dresden,  durch 
welche  sie  das  schönste  Denkmal  ihrer  Achtung  für  die  Naturstudien 
sich  selber  gesetzt  haben.  Denn  sie  haben  im  reinsten  Einverständniss 
mit  den  verdienstvollen  Lehrern  der  Anstalt  diejenige  Harmonie  zwi- 
schen den  Naturwissenschaften  und  den  klassischen  Studien  ins  Leben 
gerufen,  welche  allein  für  die  praktische  Bildung  der  gesitteten  Mensch- 
heit die  entsprechende,  ja,  welche  die  wahre  Aufgabe  der  Zeit  ist,  da 
die  Extreme  sich  niemals  bewährt  haben.  Denn  das  Studium  der  Natur- 
wissenschaften ohne  klassische  Bildung  führte  wohl  immer  zur  anmas- 
senden  Halbwisserei,  während  das  ausschliessliche  Betreiben  klassischer 
Studien  in  der  Vorzeit  geübt,  ohne  alle  Rücksicht  auf  die  lebendige 
Natur,  gar  zu  oft  nur  Pedanten  erzeugt  hat.  Die  Erkenntniss  des  Leben- 
digen ist  es  vor  Allem,  welche  uns  aufklärt  über  die  höchsten  Vorgänge 
in  der  sichtbaren  Welt,  und  welche  unsere  Ahnung  einer  Welt  der 
Geister  in  bewusster  Weise  vermittelt.  Genehmigen  Sie,  hochgeehrteste 
Herren  des  Rathes  der  Stadt  und  Herren  Stadtverordnete,  gewiss  im  Namen 
aller  Mitglieder  der  Isis,  durch  mich  den  innigsten  Dank  für  Ihr  Wir- 
ken durch  diesen  Zweck,  für  das  Wohl  unsrer  Bürger. 

So  segnend  hat  nach  allen  Richtungen  hin  der  Geist  Friedrich 
August's  für  uns  gewirkt  und  er  wird  fortwirken,  aber  wir  beklagen 
dennoch  in  tiefster  Trauer  sein  Scheiden  von  uns,  aus  seinem  liebevol- 
len irdischen  Walten  und  Wirken. 


Aber  einen  Trost  hat  uns  Gott  wiedergegeben,  welcher  eine  in 
gleicher  Weisheit  regierte  Zukunft,  eine  gleiche  Förderung  aller  Wis- 
senschaften und  Künste,  eine  gleiche  Wahrung  aller  Interessen,  eine 
gleiche  und  wahrhaft  väterliche  Liebe  für  Alle  uns  sichert.  Ich  spreche 
ihn  nicht  aus,  diesen  Trost,  denn  der  Dank  und  die  Rührung  dafür  er- 
füllt unsere  Herzen  und  jeder  Einzelne  von'  uns  begegnet  dem  Andern 
in  dem  aus  tiefster  Seele  treu  und  freudig  entquellenden  Wunsche: 
,,Gott  erhalte  den  König,  Gott  erhalte  und  beschützte  immerdar  das 
ganze  hohe  Königliche  Haus ! " 

Genehmigen  Sie  allerseits,  hochzuverehrende  Anwesende,  meinen 
tiefempfundenen  Dank  für  die  theilnehmende  Nachsicht,  welche  Sie 
meinen  schwachen  Worten  gewährten. 


Rückblicke  auf  die  Grundsätze  der  Naturforschung  im 

Laufe  der  Zeit. 


.Prüfet  Alles  und  das  Gute  belialtet!" 


Das  Erdleben  im  Ganzen  betrachtet,  ebenso  wie.  das  Leben  eines  jeden 
einzelnen  organisirten  und  zum  Subject  in  diesem  Erdleben  gewordenen 
Wesen  an  sich,  kann  nur  durch  Gegensätze  bestehen  und  wird  nur 
durch  deren  Gegenwirkung  in  und  ausser  sich,  selbst  als  lebendig  er- 
kannt. Und  wie  nur  in  dieser  Weise  das  Leben  im  Weltall  und  das 
Einzelleben  der  Organismen  seine  Entwickelungsstufen  zu  durchlaufen 
vermag,  ebenso  wurde  auch  das  Wissen  der  Menschen,  so  lange  wir 
Kunde  haben  von  dem  Beginnen  irgend  eines  seiner  manigfaltigen 
Zweige  und  von  dessen  lebendigem  Fortbilden  und  Wachsthum,  immer 
nur  durch  dergleichen  bestimmte  und  oft  schroffe  Gegensätze  gefördert. 
Gegenseitig  einander  anregend,  wirkten  dieselben  im  Wechselkampfe 
des  Menschengeistes,  oft  sogar  das  einzelne  Leben  bedrohend  und  ge- 
waltsam ertödtend,  dennoch  das  allgemeine  erhaltend  und  stärkend  für 
neues  Gedeihen.  Und  alle  Wahrheiten  gingen  auf  diesem  Wege  aus 
ursprünglichen  Irrthümern  und  Zweifeln  hervor,  welche  abschweifend 
nach  den  Extremen  verschiedener  Seiten,  zwischen  sich  nur  erst  nach 
weiser  Erwägung  und  sorgsamer  Prüfung,  in  ihrer  Mitte  die  Wahrheit 
bedingten.  Es  waren  dann  die  Momente  der  wieder  eingetretenen,  der 
endlich  gewonnenen  Ruhe,  welche  die  Wahrheiten  als  Endresultate  der 
Kämpfe  hervortreten  Hessen,  ja,  unbewusster  Kampf  gestaltete  sich  end- 
lich zu  klarem  Bewusstsein. 


so 

Ein  Hineinblicke  selbst  noch  in  die  Fortbildung  der  Naturwissen- 
schaften unserer  gegenwärtigen  Tage,  dürfte  das  Gesagte  anschaulich 
machen,  und  so  wie  die  Materie  von  Alters  her  immer  wieder  sich  auf- 
lösst  und  im  Wechsel  der  Stoffe  sich  zu  neuen  lebensfähigen  Formen 
organisch  verbindet  und  neu  wieder  gestaltet,  ebenso  würde  auch  wie 
vom  Anbeginn  alles  Wissens  das  Walten  derselben  Gregensätze  uns  klar 
machen  können,  wie  nicht  minder  in  der  geistigen  Sphäre  dieselben 
fortwirken  und  wie  sie  weniger  an  sich  neugeboren  als  nevigestaltet,  im 
altgewohnten  Kampfe  noch  heute  verharren  und  in  ihrer  Wechselwirk- 
ung alte  Wahrheiten  wieder  neu  beleben  und  läutern. 

Aber  ein  flüchtiger  Rückblick  nach  den  übriggebliebenen  Spuren 
jener  Bahnen,  in  welchen  das  Ahnen  und  Zweifeln,  das  Erwägen  und 
Prüfen  und  das  Kämpfen  und  Wissen  der  Vorzeit  gewandelt,  wird  allein 
im  Stande  sein,  einen  Vergleich  zwischen  Altem  und  Neuem  vermitteln 
zu  können,  und  es  wird  voraus  nothwendig  werden,  um,  wie  wir  bei 
der  Lebensgeschichte  des  einzelnen  organisirten  Wesens  immer  thun 
müssen,  auch  diese  Betrachtung  einer  Richtung  des  geistigen  Lebens  von 
ihrem  Ursprünge  zu  erfassen,  um  ihre  Entwickelung  klar  begreifen  zu 
können. 

Das  alte,  kräftig  und  kolossal  selbstschaffende  Volk  der  Aegypter 
sah  die  ganze  Natur  durchdrungen  von  übermenschlich  göttlicher  Kraft 
und  aus  Allem  was  lebte,  traten  seiner  Phantasie  göttliche  Eigenschai- 
ten  und  Kräfte  selbstständig  wirkend,  wieder  entgegen.  Auch  ihre 
Thierwelt  repräsentirte  noch  Götter  und  die  Verehrung  des  Ichneumon 
und  Ibis  war  ebenso  auf  Dankbarkeit  begründet,  wie  die  des  durch  einen 
Lichtstrahl  in  reinster  Empf  ängniss  erzeugten  Apis  und  die  des  heiligen 
Ateuchus,  welcher  als  Bild  der  alljährlichen  Verjüngung  des  Lebens  und 
als  Repräsentant  der  männlichen  Kraft  seine  Kugeln  vom  Aufgang  bis 
zum  Niedei'gang  der  Sonne  durch  die  Wüste  unablässig  dahinrollte,  auf 
einer  tief  im  Leben  des  ganzen  Volkes  eingewohnten  Symbolik  beruhte, 
welche  überhaupt  der  ganze  Grund  ihrer  Naturanschauung  und  ihrer 
Götterlehre  geworden.  So  begegnen  wir  den  Aegyptern,  als  den  älte- 
sten Pantheisten,  den  ersten  uns  bekannten  Repräsentanten  für  die  An- 
schauungsweise der  Natur  im  Urgesetze  der  Dynamik.  Ihre  Isis  im 
Tempel  zu  Sais  gab  insbesondere  den  Aufschluss  über  die  Bedeutung 
der  subjectiven  selbstschaffenden  Natur,  welche  bei  ihnen  gegolten,  denn 
sie  führte  die  Inschrift:  „ich  bin  was  da  war,  was  ist  und  was  sein 
wird  und  meinen  Schleier  hat  noch  kein  Sterblicher  gehoben. "  — 
Auch  die  Griechen  begannen  ihre  Naturbetrachtung  und  Philosophie  in 
ähnlicher  Weise,  und  der  schöne  Mythos  von  der  aus  den  Wellen  des 
Oceanes,  aus  dem  Schaume  des  Meeres  entsteigenden  Aphrogeneia ,  aus 
deren  Fusstritten  Pflanzen  entkeimten  und  Thiere  entstanden,  entfaltet 
schon  den  tiefern  Einblick  in  die  Bedeutung  des  Wasserelementes,  wel- 
ches  alle   spätere   Zeiten    als   die   Wiege   des    Lebens   erkannten.     Die 


81 

poetische  Empfindung  der  Zeit  schilderte  die  göttlichen  und  mensch- 
lichen Eigenschaften  der  Thiere  und  ihren  Nutzen,  und  Homer  nennt 
uns  etwa  1000  Jahre  vor  Christo  die  Pflanzen  und  Thiere,  welche  seine 
Zeit  kennen  gelernt  hatte.  Die  Edda  schildert  uns  die  Mythologie  des 
Norden,  die  Genesis  von  Moses  höchst  bedeutungsvoll  die  periodische 
Schöpfung  der  Welt  in  demuthsvoller  Anschauung  aus  dem  Gesichts- 
punkte des  Monotheismus,  Der  uralte  Buddhaismus  zeigt  noch  das 
Eigenthümliche,  dass  er  neben  der  Uebereinstimmung  in  Annahme  eines 
unsichtbaren,  ewigen,  allmächtigen  oder  allgütigen  Schöpfers ,  den  der 
Mensch,  dieser  Lehre  zufolge,  schweigend  anbeten  soll,  die  Möglichkeit 
einer  irdischen  Vollkommenheit  annimmt,  die  durch  Tugend  erreicht 
werden  kann,  um  den  Menschen  selbst  zu  einem  Buddha  oder  Weisen 
zu  machen,  während  für  ein  unwürdiges  Leben  nach  dem  Tode  die 
Seelenwanderung,  die  Einkehr  der  Seele  in  ein  entsprechendes  Thier 
anstatt  anderer  Strafe  erfolgte.  Die  Wissenschaft  entwickelte  sich  vor- 
züglich aus  jenen  Ansichten  über  Gott  und  über  die  Welt  oder  die  Na- 
tur und  über  den  Menschen,  welche  die  Weltw-eisen  Griechenlands  lehr- 
ten. Thaies  (geb.  zu  Miletos  684  v.  Chr.  f  568)  lehrte  in  Jonien  den 
einigen  Gott,  den  er  als  den  Schöpfer  der  Welten  erkannte  und  als  den 
Oberherrn  der  Dämonen,  wie  alles  Lebendigen.  Er  stellte  nächst  der 
Gottesverehruug  die  Selbsterkenntniss  als  die  zweite  Aufgabe  .an  das 
Leben  der  Menschen.  Aesopns  (in  Phrygien  geb.  um  550)  lebte  am 
Hofe  des  Krösus  und  dichtete  Fabeln,  in  welchen  das  Leben  und  Han- 
deln der  Thiere  menschlich  dargestellt  war.  Pythagoras  (geb.  zu  Samos 
580  vor  Chr.  f  500)  verband  in  Folge  vielseitiger  Bildung  die  Kennt- 
niss  der  Natur  mit  der  Mathematik,  nannte  sich  zuerst  selbst  Philosoph 
und  lehrte  die  Unsterblichkeit,  aber  zugleich  die  Wanderung  der  Seelen 
aus  einem  Wesen  in  das  andere.  In  Italien  führten  Xenophanes  y  Par- 
menides,  Melisses  und  Zeno  die  ältere  Lehre  vom  Pantheismus  noch  ein- 
mal zur  weiteren  Ausbildung  hin.  Democritus  (geb.  zu  Miletos,  wurde 
104  Jahr  alt  f  356  vor  Chr.)  empfand  zuerst  die  Noth wendigkeit  das 
Wesen  der  Dinge  an  sich  zu  analjsiren  und  jenen  gar  zu  allgemeinen 
Ajischauungen  des  Pantheismus  eine  ihren  Innern  Zusammenhang  er- 
läuternde Erklärung  entgegen  zu  setzen.  Dieser  nothwendige  und  zu 
weiterer  Forschung  anregende  Gegensatz  gestaltete  sich  in  ihm  zum 
Atomensysteme.  Die  Materie  galt  ihm  als  das  Wesentliche,  und  die 
Endtheilchen  oder  Atome  als  die  Bestandtheile  und  Wiedererzeuger  der 
Dinge.  Socrates  (geb.  zu  Athen  469,  f  399  oder  400  v.  Chr.)  begi'ün- 
dete  durch  seine  praktische  Lebensphilosophie  ein  neues  Bestreben  zu 
reinerer  Anschauung  einer  allmächtigen  Gottheit  und  trank  den  Gift- 
becher, anstatt  seiner  Lehre  zu  entsagen  in  festem  Glauben  an  die  Un- 
sterblichkeit der  menschlichen  Seele.  Piaton  (geb.  zu  Athen  429  oder 
430,  f  384  V.  Chr.)  ging  aus  seiner  Schule  hervor  als  prüfender  Ratio- 
nallst.    Sein  Nachfolger  Aristoteles  (geb.    In  Stagira   in  Maeedonien    384 


32 

f  322*);  der  Stifter  der  peripathetischen  Schule,  wurde  von  dem  bezau- 
bernden Eindruck,  den  die  Natur  auf  ihn  machte,  gefesselt  und  von 
dieser  Bewunderung  der  Schöpfung  zur  Anschauung  und  tiefern  Erforsch- 
ung derselben  geleitet.  Sein  gewaltiger  Geist  geht  von  dieser  Wirklich- 
keit und  von  der  eignen  Erfahrung  und  Realkenntniss  aus  und  schrei- 
tet im  Gegensatz  mit  seinem  Lehrer  Piaton  vom  Besonderen  zum  All- 
gemeinen seine  Anschauung  steigernd.  Aristoteles  wurde  dabei'  wieder 
Analytiker.  Auf  diesem  Wege  wurde  Aristoteles  der  erste,  welcher  mit 
klarer  Anschauung  die  organisirten  Körper  in  ihre  Theile  zerlegte  und 
seine  Anatomie  ist  auch  die  Grundlage  geworden  für  unsere  eigene  Kennt- 
niss  des  Zusammenhanges  und  Baues  der  Formen  wie  der  durch  das  Dasein 
und  die  Eigenschaften  der  Materie  bedingten  Phänomene  des  Lebens, 
Aristoteles  ist  darum  der  erste  Begründer  einer  eigentlich  wissenschaft- 
lichen Naturkunde  mit  allem  Rechte  zu  nennen.  Die  Zurückführung  aller 
Erscheinungen  in  der  Natur  auf  ihre  letzte  Ursache  führte  ihn  vom 
Zerlegen  des  Ganzen  in  seine  Einzelheiten  und  Theile  dann  immer  wie- 
der zurück  auf  die  Bedeutung  des  Zusammenhanges  derselben  und  auf 
das  ewige  Lebendige,  auf  das  an  sich  Unveränderliche  und  an  sich  all- 
ein sich  selbst  immer  Gleiche,  auf  das  immer  schaffend  bewegende 
Höchste  und  Allmächtige,  auf  die  Urintelligenz,  auf  den  einigen  Gott, 
welcher  die  reinste,  nie  für  sich  selbst,  sondern  immer  nur  für  die  Er- 
haltung und  Fortbildung  der  von  ihm  ins  Leben  gerufene  Schöpfung, 
nach  ausserhalb  wirkende  Thätigkeit  und  darum  eben  das  Urbild  der 
reinsten  und  vollkommensten  Seligkeit  ist.  Seine  ganze  praktisch  auf- 
gefasste  Philosophie  ist  ihm  nichts  anderes,  als  eine  ethische  Glück- 
seligkeitslehre, denn  das  höchste  Gut,  die  Glückseligkeit,  entspringt 
aus  dem  reinen  Empfinden  und  Wollen,  aus  der  Wirksamkeit  der  Seele 
und  in  der  Darlegung  eines  reinen  und  den  Grundsätzen  der  Glück- 
seligkeit vollkommen  entsprechenden  Lebens,  welches  in  dieser  seiner 
Vollkommenheit,  d.  h.  eben  in  seiner  Selbstständigkeit  und  moralischen 
Freiheit  und  in  unabänderlicher,  eingelebter  und  fortdauernder  tiefiuner- 
ster  Neigung  und  Ausübung  des  vernünftigsten  Begehrens  und  Handelns 
besteht.  Seine  Politik  beschäftigt  sich  nur  damit,  wie  der  höchste  Zweck 
des  Menschenlebens,  wie  die  Glückseligkeit  in  der  bürgerlichen  Gesell- 
schaft erreicht  werden  könne.  Seine  gründliche  und  ihrer  Tendenz 
nach  so  treffliche  Philosophie  wurde  schon  zu  ihrer  Zeit  als  eine  so 
grossartige,  ausserordentliche  Erscheinung  begrüsst^  dass  sie  sich  lange 


*)  Der  grosse  Hörsaal  der  Natui-kunde  im  Zwinger  in  Dresden  war  mit  den  colossalen 
Portraits  von  Aristoteles,  Linnee,  Cuvicr  und  Okcn  geziert,  in  der  Eiuweihungsrede  im  Jahre 
1831  wurde  durch  die  Biographieen  und  durcli  die  Betrachtung  der  Richtung,  in  welcher 
diese  Männer  gewirkt  hatten,  darüber  Erläuterung  gegeben.  In  ähnlicher  Weise  findet  sich 
auch  siebenzehn  Jahre  später  dasselbe  Thema  in  unsrer  „Allgemeinen  deutschen  natur- 
historischen  Zeitung  1847.  S.  441."  von  Sachse  behandelt. 


33 

erhalten  und  bei  Wiederbelebung  der  Wissenschaften   durch  die  Araber 
vom  Vni.  Jahrhundert  an  wieder  vorzüglich  gepflegt  durch  das  Mittel- 
alter  hindurch    vorherrschend   war^   ja^,     sie    hat   ihren   unverkennbaren 
Einfluss    auf    jii'^ktische   Naturtbrschung   bis    in   unsere   Tage   behalten. 
Beachten  wir  aber  die  Reinheit  im  Wesen  dieser  Philosophie,  so  würden 
wir  befugt  sein,  Aristoteles  —  hätte  er  nach  Christus  gelebt  —  einen  der 
trefflichsten  Christen  zu  nennen.     Theophrastos  (geb.  zu  Eresus  auf  Les- 
bos  370  f  286)  einer  der  ausgezeichnetsten  Schüler  des  Aristoteles,  treff- 
lich als  Denker  und  praktischer  Naturforscher,  wendete  sich  vorzüglich 
der  Untersuchung   des  Pflanzenreichs   zu    und   ist    der   erste   Begründer 
der  Botanik    geworden.      Mit   Aristoteles   ging    die   Forschung   der   peri- 
pathetischen Schule  wieder  unter  und  für  lange  Zeit  fehlte  der  Sinn  für 
eine  Betrachtung  und  Erforschung    der  Natur   und    ihres   Lebens.      Die 
nach  Aristoteles  weiterhin  ihre  Lehren  ausbildenden  Epikuräer  und  Stoi- 
ker hatten  nur  mittelbar  Einfluss  auf  die  Kenntniss  der  Natur  und  deren 
Studien,  die  sie   wohl    kaum   beachteten,    sie    fanden    aber   mehr   Theil- 
nahme  bei  den  Römern  als  des  Aristoteles  tiefer  begründetes  und  klarer 
geordnetes  Wissen.  Zeno's  Schule,  die  Stoiker  lehrten,  dass  nur  dem  Kör- 
perlichen, nur  der  Materie  das  Fortbestehen,   die  Subsistenz    zukommen 
könne,  nicht  aus  einer  zwecklos  erfolgenden  Bewegung  der  Materie,  son- 
dern aus  dem  vernünftigen  Wirken  einer  allumfassenden  Macht  leiteten  sie 
die  in  der  Welt    bestehende  Ordnung   der   Dinge  und   die   in   Perioden 
erfolgte  Schöpfung,  sowie  den  einstigen  Untergang  ab.     Li  der  Schöpfung 
unterschieden  sie  ein  actives  und   ein  passives   Princip,   beide   aber  im 
Urwesen  zur  Einheit  verbunden.     Die  passive  Materie  wurde  durch  das 
active  Princip  gebildet  und  lebendig  gemacht  und    diese   letztere    selbst 
ist  der  Wärmestoff,  welcher  zugleich  denkt  und  will.     Aus  der  ursprüng- 
lichen  Einheit  des   Urwesens    entwickelt    sich   die   Verschiedenheit  der 
Elemente   und    die   Mannigfaltigkeit   der   Dinge.      Die   Verbrennung   ist 
der   Act,   in   dem    diese   Mannigfaltigkeit   in   die   ursprüngliche   Einheit 
sich  wieder  zurückzieht,    sie   ist    der    Grund    aller   Vergänglichkeit   des 
Lebens  und  selbst  der  aus  dem  Aether  gebildeten  Seelen  der  Menschen. 
Ein  unabänderliches  Schicksal  ist  von  der  Vorsehung  zufolge  ihrer  ewi- 
gen  Gesetze   allen   Begebenheiten  in  der  Natur,    so  auch  allem  indivi- 
duellen Leben  bestimmt.     Alle  Schöpfung,  alle  Anordnung  und  Leitung, 
alle  Erhaltung  und  Zerstörung  geht  nur    aus  von   den  Vorschriften  die- 
ser Gesetze.     Das  Leben  soll  darum  naturgemäss'  sein,  als  Vernunftleben 
die  Triebe   und  Leidenschaften  bekämpfend.     Ein   Gut   für    das   Leben 
kann  nur  eine  Tugend  sein  oder    das,   was   zu  ihr   führt   oder   aus   ihr 
hervorgeht.     Nur  diese  Güter'  sind  nothwendig   und   hinreichend,    einen 
Menschen   glücklich    zu   machen.      Ar4stillus   und    Tlmarchus   bestimmten 
300  Jahre  V.  Chr.  die  Stellung  der  Fixsterne  ziemlich  gensiu,  Aristarchus 
(280—264  V.  Chr.)  berechnete  das  Verhältniss  der  Entfernung  der  Sonne 
und  des  Mondes  von   der  Erde   und   deutete  bereits   auf  die  zwiefache 

.'^.llg',  deutsche  naturhist.  Zeitung-.  ,'» 


34 

Bewegung  derselben  um  die  Sonne  und  um  sich  selbst.  Eratosthe- 
nes  sprach  235  v.  Chr.  aus  dass  die  Planeten  sich  in  grossem  Kreise 
um  die  Erde  bewegten  und  Ptolemaeus  stellte  120  Jahre  v.  Chr.  die  An- 
sicht auf,  dass  die  Erde  feststehe  und  die  übrigen  Himmelskörper  sich  um 
sie  bewegten.  Kleanthes  zu  Assos  in  Aeolis  (etwa  250  v.  Chr.)  und  Chry- 
sippos  aus  Kilikien  (f  in  der  143.  Olympiade)  bildeten  die  Lehre  des 
Stoicisraus  weiter  aus  und  Cicero  und  Gellius  gaben  darüber  Bericht. 
Aber  noch  zur  Zeit  kurz  vor  Christi  Geburt  sang  Ovidius  (geb.  43  v. 
Chr.,  f  17  n.  Chr.)  seine  Verwandlungen  von  Göttern  und  Menschen  in 
Thiere  und  Pflanzen,  an  den  urpoetischen  Glauben  der  Vorzeit  in  hei- 
terer Laune  erinnernd. 

Das  Auftreten  von  Christus  als  Lehrer  der  Menschheit  war  von  der 
höchsten  Bedeutung  für  die  Anerkennung  der  Natur  und  für  die  rei- 
nere Erkenntniss  Gottes  aus  der  Natur.  Sein  unablässliches  Hindeuten 
in  seiner  auf  Liebe  begründeten  Lehre,  auf  die  Erscheinungen  in  der 
Natur  und  auf  das  organische  Leben  in  ihr,  auf  die  einzelnen  Pflanzen 
und  Thiere,  seine  Gleichnisse  vom  Senfbaum  des  Orients,  vom  Feigen- 
baum, vom  Weinstock  genommen  und  von  ihrem  Wachsen  und  ihrem 
Gedeihen,  seine  Hinweisung  auf  die  Liebe  der  Henne  für  ihre  Küchlein 
und  auf  die  Sorge  Gottes  für  die  Vögel  unter  dem  Himmel  und  auf  sein 
wachendes  Auge  für  den  Sperling  auf  unserem  Dache,  also  im  Allge- 
meinen auf  die  Fürsorge  und  auf  die  Liebe  Gottes  für  seine  Geschöpfe, 
für  Alles  was  lebt,  auf  ihre  Erhaltung  durch  ihn  selbst  und  auf  seine 
Beachtung  des  Wohles  auch  des  geringsten  derselben,  endlich  selbst  auf 
ihre  Bedeutung  als  Vorbilder  des  menschlichen  Lebens,  mit  einem  Worte, 
auf  die  Wichtigkeit  einer  Ueberzeugung  von  der  Existenz  Gottes,  durch 
die  hingebende  Anschauung  der  Natur  und  durch  das  Studium  der 
Mannigfaltigkeit  ihrer  Geschöpfe  und  der  Erscheinungen  des  Lebens 
in  ihr,  ist  endlich  das  klar  positive  Heraustreten  einer  Synthese  zwi- 
schen den  bis  dahin  kämpfenden  Gegensätzen  der  dynamistischen  und 
atomistischen  Systeme  geworden.  Die  Klarheit  der  Ueberzeugung  von 
dem  eigentlichen  Werthe  der  Objecto,  den  die  Gottheit  in  deren  Dasein 
und  Leben  und  in  ihre  Erhaltung  selbst  legte,  war  durch  Christi  Lehre 
gewonnen  und  der  Glaube  daran  beruhigte,  und  machte  lebendig  für 
das  Beobachten  und  Forschen.  So  schliesst  sich  mit  Christus  die  erste 
grosse  Hauptperiode  aller  Weltweisheit,  aller  Naturforschung  ab  in  der 
wichtigen  Lehre :  Gott,  so  wie  er  die  ganze  Natur  und  alle  Dinge  und 
Wesen  in  ihr  erschaffen,  kennt  auch  das  einzelne  und  geringste  derselben 
und  beachtet  es  und  bleibt  für  sein  JVohl  unablässig  liebend  besorgt.  Hier- 
mit giebt  Christus  selbst  die  nachhaltigste  Empfehlung  eines  hingeben- 
den und  gründlichen  Studiums  der  Natur,  nach  Massgabe  der  Fort- 
schritte aller  Wissenschaften,  welcher  durch  seine  Lehre,  dafern  wir 
dieselbe  richtig  auffassen  wollen,  niemals  begrenzt  worden  sind. 


35  ^ 

So  wie  aber  die  grössten  Ereignisse  der  Zeit  so  oft  ihre  mächtig 
hemmenden  Gegensätze  gefunden,  so  wurde  auch  die  reine  und  einfache 
christliche  Lehre  durch  Missverständnisse  verunreinigt,  der  Liebe  wurde 
der  bitterste  Hass  entgegengesetzt  und  so  führte  die  grausame  Verfolg- 
ung der  Christen  zum  Märtyrerthume.  Jener  schöne  Frieden,  welcher 
durch  die  Lehre  Christi  zwischen  Geist  und  Materie  durch  die  Ueber- 
zeugung  von  der  dauernden  Fürsorge  Gottes  hergestellt  war  und 
welcher  vorbereiten  sollte  für  ein  künftiges,  ewiges  Leben,  dieser  wurde 
gestört  und  jene  reine  Harmonie  wurde  für  eine  Zeitlang  gänzlich  wie- 
der gehemmt  und  die  Bekenner  der  christlichen  Lehre  besiegelten  in 
vorzeitiger  Lösung  der  Materie  vom  Geiste  die  Treue  für  ihren  Glau- 
ben. Auch  diese  frommen  Selbstopfer  stimmten  sich  in  einen  Gegen- 
satz um  und  gegen  den  klar  ausgesprochenen  Willen  Christi  selbst 
wurde  auf  diesem  Wege  alles  Körperliche,  alle  Natur  verachtet  und  er- 
tödtet,  endlich  auch  ohne  Verfolgung  der  eigne  Körper  verflucht,  ka- 
steiet und  zerstört.  Nur  der  Geist  allein  sollte  leben  und  der  himmlischen 
ewigen  Seligkeit  vor  der  Zeit  theilhaftig  werden.  Jener  Anspruch  yJ/o^'^ij  ; 
Gott  habe  die  Natur  selbst  erschaffen  und  alle  jene  Hindeutungen  auf 
die  Heiligung  des  Leibes  und  jene  bestimmten  Aussprüche  von  Christus 
über  den  Werth  der  Natur  und  über  die  Fürsorge  und  Erhaltung  selbst 
der  geringsten  Geschöpfe  durch  Gott,  waren  mit  einemmale  vergessen 
und  alles  Körperliche  war  im  Geiste  dieser  stockfinsteren  Zeit  dem 
Teufel  verfallen,  so  natürlich  auch  die  Anschauung  der  Natur,  dieses 
nunmehr  auf  einmal  vermeintlichen  Werkes  vom  Teufel.  —  So  haben 
wir  hier  im  Märtyrerthume  und  in  den  Casteiungen  abermals  die  äus- 
serste  Höhe  der  schroff  getrennten  Dynamistik  erreicht,  sie  sondert  feind- 
lich und  gewaltsam  die  Materie  eigenmächtig  vom  Geiste,  sie  will  den 
Geist  allein  leben  und  glückselig  sein  lassen,  sie  vergisst,  dass  die  Gott- 
heit selbst  ihm  seine  Zeit  gesetzt  hatte,  für  seine  Abhängigkeit  von  der 
Materie,  für  seine  Läuterung  und  Prüfung  und  dass  die  Aufgabe,  für 
die  Menscheit,  für  den  Glauben  zu  sterben,  bereits  durch  Christus  ge- 
löst war.  Für  unsern  Zweck  erscheint  dies  Moment  als  vorzüglich 
wichtig,  denn  es  erklärt  den  Untergang  der  Wissenschaft  und  der  Na- 
turwissenschaft insbesondere  und  eine  antichristliche  Verdammung  der- 
selben durch  eine  gewisse  Richtung  der  Theologie,  bis  auf  den  heutigen 
Tag.  Parallel  mit  ihrer  unchristlichen  Gleichbedeutung  der  Natur,  als 
des  ursprünglich  Bösen,  verläuft  auch  die  Wiederbelebung  des  Teufels, 
dessen  Macht  Christus  durch  seine  Liebe  gebrochen  und  gänzlich  zerstört 
hatte.  Kaballa  und  Theosophie  sind  Mutter  und  Stiefmutter  von  dieser  Lehre. 

Plinius  (zu  Neocomum  geb.  23  n.  Chr.  f  79)  giebt  von  Rom  aus  in 
seiner  voluminösen  Naturgeschichte  eine  reiche  Compilation  aller  An- 
schauungen, Phantasien  und  Fabeln  über  Natur  und  Menschenleben, 
M^elche  vom  Alterthum  her  bis  in  seine  Zeit  hin,  bis  unter  die  Regier- 
ung  des   die   Naturkunde   begünstigenden  Kaisers   Augustus  entstanden 


waren,  mit  vielem  Fleisse  extrahirte  und  verarbeitete  Berichte,  ohne  eigne 
Kritik.  Pedaklos  Dioscorides  von  Arazarhus  in  Kilikien,  lebte  gleichfalls 
im  ersten  Jahrhundert  nach  Christo,  wirkte  als  Botaniker  für  Arznei- 
kunde, er  studirte  die  Gewächse  und  ihre  Kräfte  und  sein  Werk  wurde 
und  blieb  das  Orakel  durch  sechszehn  Jahrhunderte  hindurch,  in  denen 
es  immer  neue,  endlich  illustrirte  Ausgaben  erlebte.  Claudius  Plolomaeus 
aus  Pelusium  in  Aegypten,  lebte  in  der  Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts 
in  Alexandrien.  Als  Mathematiker  und  Astronom  schrieb  er  vorzüglich 
seinen  AI  mag  es  l  in  Xu.  Büchern,  und  hat  zuerst  geometrische  Landchar- 
ten  gefertigt.  Galemis  zu  Pergamus  in  Kleinasien  geb.  131,  f  in  Griechen- 
land 200,  schuf  ein  philosophisches  System  der  Medicin  und  hinterliess 
seinen  Ruhm  als  Kenner  der  menschlichen  Natur  und  als  Arzt.  Clau- 
dius Aelianus  (in  Praeneste  geb.  225)  als  Römer  griechisch  erzogen, 
schrieb  über  die  Natur  der  Thiere  in  griechischer  Sprache  und  Oppia- 
nus  unter  dem  Kaiser  Septimius  Severus  besang  das  Leben  der  Fische 
und  schrieb  ihnen  menschliche  Ueberlegung  zu  imd  menschliches  Handeln. 
Im  V.  Jahrhundert  erregte  Merchinemetis  Merlin,  geb.  zu  Carmarthen, 
als  Zauberer  und  Weissager  und  deshalb  als  Freund  und  Rathgeber 
der  Könige  Britanniens  gewaltiges  Aufsehen  und  stieg  auch  noch  aus 
seinem  Grabe  um  zu  Weissagen  wieder  empor.  Im  VI.  und  VII.  Jahrhun- 
dert nach  Untergang  des  westlichen  Kaiserthums,  als  neue  Staaten, 
neue  Sprachen  und  Sitten  in  Europa  entstanden,  hörten  die  Schu- 
len der  heidnischen  Philosophen  auf.  Ebenso  hatte  der  Priester- 
geist in  seinem  Bestreben  in  den  christlich  gewordenen  Ländern  mit 
exclusivem  Fanatismus  gepredigt  und  Partheien  erzeugt,  und  Wissen- 
schaft und  Künste  waren  verfallen.  Ueberreste  verblieben  allein  unter 
dem  griechischen  Kaiserthum  sichtbar  und  das  Studium  der  grossen 
Geister  der  Vorzeit  ging  dort  nie  gänzlich  verloren.  Das  Mittelalter, 
die  Zeit  von  der  Regierung  (768)  Karl  des  Grossen  (geb.  in  Achen  den 
2.  April  742,  daselbst  f  28.  Januar  814)  bis  zur  Reformation  bereitete 
ein  neues  Aufblühen  der  Wissenschaft  vor.  Der  mächtige  Beförderer 
des  Christenthums  hob  auch  den  Zweck  und  die  Bedeutung  der  Schu- 
len und  berief  in  sein  deutsches  Reich  gelehrte  Männer  aus  Italien  und 
England  herbei.  Ackerbau  und  Handel  blühten  auf  und  Wissenschaf- 
ten und  Künste  gingen  mit  ihnen  Hand  in  Hand.  Indessen  mögen  wir 
als  einflussreich  auf  Naturkunde  erst  die  Araber  im  VIH.  Jahrhundert 
nennen,  unter  diesen  vor  Allen  andern  Ebn  Sina  oder  Avicenna  (geb. 
zu  Bokhara  978,  f  J036  zu  Hamdan),  welcher  wie  vormals  Galen  ein 
philosophischer  Arzt  war  und  Schriftsteller  als  Philosoph  und  als  Arzt. 
Ihm  folgte  Averrhoes  (geb.  zu  Cordova  in  Spanien  1149,  f  1217  zu  Mar- 
rokko),  unter  den  Arabern  der  berühmteste  Philosoph,  wurde  auch  des 
Verdachts  der  Ketzerei  wegen,  im  Vorausschreiten  über  die  Grenzen 
des  Geistes  der  Zeit,  seiner  Aemter  entsetzt,  verbannt  und  in  Fez  zur 
Busse  verurtheilt,  worauf  der  hochherzige  Kalif  Al-Mansw  (von  753  bis 


775  regierend),  der  Erbauer  von  Bagdad,  ihn  wieder  in  Schutz  nahm. 
Er  war  ein  neuer  Aristoteles,  welchen  er  selbst  für  den  grössten  Philo- 
sophen aller  Zeiten  erkannte.  Schon  seit  der  Mitte  des  sechsten 
Jahrhunderts  ging  alle  Weisheit  aus  den  Klosterschulen  hervor.  Wäh- 
rend des  Vn.  und  VIII.  gelten  die  in  Irland  für  die  besten  Pflanz- 
schulen des  Christenthums  und  in  der  ersten  Hälfte  des  IX.  Jahrhun- 
derts war  in  Irland  Joh.  Scotns  Erigena  geboren",  welcher  wieder  als 
Kenner  der  griechischen  Sprache  auftretend,  die  Alten  studirte  und  un- 
ter andern  auch  eine  Eintheilung  der  Natur  schrieb,  die  (De  divisione 
Natiirae  Üb.  V.  1681)  erst  spät  erschien.  Wahre  Religion  und  wahre 
Philosophie  galten  ihm  als  ein  und  dasselbe  und  die  Körperwelt  war 
ihm  aus  geistigen  Principien  entstanden.  Die  Natur  ist  ihm  1)  welche 
schafft  und  nicht  erschaffen  wurde,  2)  welche  ei'schaffen  worden  ist  und 
erschafft,  3)  erschaffen  worden  ist  und  nicht  erschafft,  4)  welche  nicht 
erschaffen  worden  und  nicht  erschafft.  Albertus  Magnus  {zw  Lauingen 
in  Schwaben  geboren  1193,  nach  And.  1205,  f  12S0  in  Köln)  lehrte  in 
den  Dominikanerschulen  zu  Hildesheim,  Regensburg,  Köln  und  Paris 
und  leuchtete  durch  seine  ausserordentlichen  Kenntnisse  in  der  Chemie 
und  Mechanik  seiner  Zeit  voran,  er  schuf  unter  andern  einen  reden- 
den Kopf  und  zeigte  Wunderwerke,  welche  Kunde  gaben  von  seiner 
Kenntniss  der  Natur  und  von  seiner  Herrschaft  über  die  Kräfte  der- 
selben. Sein  „opus  de  animaUbus"  erschien  in  Folio  in  Rom  1478.  Die 
bis  in  diese  Zeit  herrschende  Scholastik  war  an  bestimmte  Lehrformeln 
gebunden,  ohne  erlaubte  Läuterung  oder  Erklärung  durch  Geschichte 
und  Sprachkunde,  am  wenigsten  durch  Naturkunde  und  Psychologie, 
daher  auch  gänzlich  ohne  Kritik,  allein  auf  den  Auctoritätsglauben  be- 
schränkt und  durch  ihn  beherrscht.  Roger  Baco  (geb.  zu  Sommerset- 
shire  1214  f  1292"),  ein  grosser  Gelehrter  seiner  Zeit,  vereinte  Natur- 
forschung und  Mathematik.  —  Christoph  Columbus  bei  Genua  geb.  1436 
t  20.  Mai  1.506,  entdeckte  im  Jahre  1493  San  Salvator  und  Cuba  und  später 
Amerika's  Festland,  als  eine  für  die  damalige  Kenntniss  neue  Welt. — 
Nicol.  Koperniciis  fgeb.  19.  Febr.  1473  in  Thorn,  f  29  Mai  [11.  Juni] 
1543)  entdeckte  die  wahre  Bewegung  der  Erde  und  des  Planetensystems, 
sowie  es  mit  weiterer  Ausführung  noch  jetzt    gilt. 

Durch  den  in  seltener  Weise  kraftvollen  und  für  Wahrheit  glühen- 
den Augustinermönch  Martin  Luther  (geboren  in  Eisleben  10.  Nov.  1483 
t  18.  Febr.  1546  ebend.)  wurden  die  Geister  von  der  spitzfindigen  Scho- 
lastik wieder  entfesselt  und  die  Forschung  für  alle  Wissenschaften  neu 
wieder  belebt.  Seine  Sprachkenntniss  machte  es  ihm  möglich  aus  den 
Quellen  zu  schöpfen  und  die  treue  Rückkehr  zu  ihnen  gestaltete  seine 
Ansichten  eben  so  rein,  so  dass  er  die  durch  die  Scholastik  eingeführten 
Irrthümer  von  der  Wahrheit  zu  sondern  vermochte.  Aristoteles  erhabenes 
und  auf  die  Glückseligkeit  der  Menschheit  berechnetes  Lehrgebäude  er- 
griff ihn  so  tief,  dass  er  in  Erfurt,   nachdem  er  Magister  geworden,  zu- 


38 

erst  über  diesen  Vorträge  hielt.  Denken  wir  an  den  weiteren  Zustand 
der  Literatur  der  Naturkunde  seiner  Zeit,  so  finden  sich  nur  die  Fabel- 
bücher von  Aesop  und  von  Oppian,  so  wie  die  fabelreichen  Naturge- 
schichten von  Aelian  und  Plinius  als  solche  vor  und  auch  Luther  erfreut 
sich  dieser  Gleichnisse,  welche  sich  in  ersterein  bestreben  das  Menschen- 
leben im  Thierleben  wieder  zu  finden.  *)  —  Unter  dem  Titel  Ortus  Sani- 
iatis  erschien  im  Jahr  1491  in  Mainz  ein  Foliant  in  Mönchsschrift  mit 
zahlreichen  Illustrationen  in  Holzschnitt,  die  damals  bekannten  und  zum 
Theil  fabelhaft  angenommenen  Pflanzen  und  Thiere  und  Mineralien  dar- 
stellend und  ihre  Kräfte  erläuternd,  zugleich  mit  Abbildung  aller  für  Heil- 
ung vorzunehmenden  Operationen  und  technischen  Prozesse  zum  Theil 
offenbar  abergläubischer  und  magischer  Art,  wie  z.  B.  das  Herausschneiden 
gewisser  Steine  aus  dem  Gehirn  der  Adler  u.  a.  Thiere.  —  Lange  waren 
die  Hindernisse  für  Zergliederung  menschlicher  Leichname  unübersteig- 
lich  gewesen  und  die  Anatomie  begann  nicht  als  eigentliches  Wissen, 
sondern  mehr  als  Vermutliung  von  Analogieen  mit  dem  thierischen 
Körper.  **)  Die  Zergliederung  von  Schweinen  und  wo  es  das  Glück 
wollte  von  Affen,  bot  eine  hypothetische  Annahme  vom  wahrscheinlichen 
Baue  des  menschlichen  Körpers  und  jene  ersten  Zeichnungen,  jene  Holz- 
schnitte und  noch  die  ersten  Kupferstiche  der  Italiener  wurden  schema- 
tische Darstellungen  für  ein  Verständniss  der  weitläufig  beschriebenen 
Haupttheile  des  menschlichen  Körpers,  dennoch  zum  Theil  kaum  zu 
entziffern.  Aber  die  Richtung  in  der  Forschung  des  ärztlichen  Standes 
auf  Enthüllung  der  Wahrheit  schritt  in  ihrer  angeborenen  Liebe  zur 
bildenden  Kunst  immer  vorwärts  und  im  Mittelalter  gestaltete  sich  ihre 
Anschauung  grundsätzlich  als  Verein  von  Bild  und  Symbol.  Am  Ende 
des  XV.  und  zum  Anfang  des  XVI.  Jahrhunderts  war  es,  wo  die  schöne 
Kunst,  die  grosse  Schule  der  Maler,  Bildhauer  und  Architekten,  auch 
mit  den  Aerzten  Hand  in  Hand  ging.  So  sehen  wir  als  Repräsentanten 
jener  ersten  und  ältesten  Richtung  die  noch  rohen  Schematismen  von 
Ketham  und  Hundt.  Aber  bald  schuf  der  Bedarf  der  bildenden  Künstler 
an  anatomischer  Kenntniss  die  Kunstanatomic ,  zu  schöner  und  befriedi- 
gender Darstellung  vorzugsweise  der  allgemeinen  äussern  Formen  und 
der  Muskeln  und  die  Anerkennung  des  Skeletes ,  als  des  Typus  und 
Grundgerüstes,  im  Baue  des  Ganzen,  wie  wir  dieselbe  Leonardo  da  Vinci 
geb.  zu  Vinci  1452,  f  1519  zu  St.  Cloud,  Michel  Angelo  Buonarotti  geb. 
1569  zu  Caraveggio,  f  1609  in  Rom,  Raffaelo  Sanü  und  dem  eigent- 
lichen Anatomen  Marco  Antonio  della  Torre  verdanken.  Ihnen  folgten 
die  Restauratoren  in  Darstellung  eines  individuellen  Leichenbefundes, 
es  erschienen  die  fliegenden  Blätter  mit  Darstellung  des  vorliegend  ge- 
gebenen,   mit   wörtlicher  Erläuterung  versehen  und  die  Kunstkenntniss 


*)  Vgl.  Luthers  siimmtliche  Schriften  herausgegeben   von    Walch.    Band  XIV.    1744. 
Seite  1365.  —  **)  Vergl.  Chaulant  die  ältesten  anat.  Abbild.  Leipzig  1853. 


09 

offenbarte  sich  dabei  sichtbar,  wie  z.  B.  die  Leistungen  von  Jacoh  Beranger 
von  Carpi  dies  deutlich  bewiesen.  Hermolaus  Barharus  (zu  Venedig  geb. 
1454,  t  1494),  Nicolaus  Leonicenus  (geb.  in  Lunigo  bei  Vicenza  1428, 
f  1524  zu  Ferrara)  wurden  wieder  Commentatoren  und  Verbesserer  des 
Plinius.  Georg  Agricola  (Bauer,  geb.  in  Glauchau  24.  März  1490,  f  den 
21.  Nov.  1555)  Rector  in  Zwickau,  dann  Dr.  der  Medicin  und  practischer 
Arzt  in  Joachimsthal  und  von  1531  Stadtphysikus  in  Chemnitz,  wurde 
der  Schöpfer  des  Bergbaues  und  der  wissenschaftlichen  Mineralogie  in 
Deutschland.  Tycho  de  Brake  zu  Kundstrop  in  Schonen  geb.  4.  Dec. 
1546,  f  13.  Oct.  1601,  wendete  sich  aus  Bewunderung  darüber,  dass  die 
vorher  berechnete  Sonnenfinsterniss  am  21.  Aug.  1560  genau  zu  dem 
angegebenen  Zeitpunkte  eintrat,  zur  Astronomie,  wo  ihm  König  Fried- 
rich II.  die  Sternwarte  Marienberg  bauen  und  mit  allen  nöthigen  Appa- 
raten versehen  Hess.  Im  Jahr  1599  ging  er  unter  Kaiser  Rudolph 
nach  Prag,  wo  ihm  das  Schloss  Benach  bei  Prag  als  Sternwarte  einge- 
richtet wurde.  Er  beobachtete  sehr  genau,  glaubte  aber  das  Koperni- 
kanische  System  wieder  einführen  zu  können.  Fabius  Columna  (geb.  in 
Neapel  1567,  f  1650)  hat  in  seinem  Phytobasanos,  Neapel  1592,  bereits 
auf  von  ihm  selbst  geätzten  Metallplatten  zu  seinen  Pflanzenabbildun- 
gen Zergliederungen  der  Blüthen  gegeben.  Giordano  Bruno,  geb.  in  Nola 
im  Neapolitanischen,  Domikanermönch,  trat  in  Paris  1583  als  Gegner 
der  aristotelischen  Philosophie  auf,  lehrte  dann  in  Wittenberg,  Helmstädt, 
in  England  und  wieder  in  Padua.  Hervorragender  Genius  dieses  Jahr- 
hunderts xwurde  Franz  Baco,  Lord  von  Verulam  (geb.  22.  Juni  1560  (1561  ?) 
f  1621,  n.  A.  1626?)  Unter  Jacoh  I.  angesehener  Staatsmann,  endlich 
Grosskanzler  des  Reiches,  auch  Viscount  von  St.  Alban,  schrieb  er  ein 
berühmt  gewordenes  Werk :  novum  organon  scientiarum  s.  iudicia  vera  de 
inierpretaüone  naturae,  London  1620,  welches  auf  Verbesserung  der  Na- 
tui'forschung  durch  Selbstdenken,  Selbstbeobachten  und  Selbstforschen, 
also  durch  Befreiung  von  dem  Autoritätsglauben  lebendig  anregend 
wurde.  Als  Object  der  Philosophie  stellt  er  auf:  Gott,  Natur  und 
Mensch  und  bedeutungsvoll  nennt  er  die  Naturgeschichte  die  „prima 
materia  philosophiac."  —  Schon  vor  Baco's  Zeit  wurden  bessere  anschau- 
liche Hilfsmittel  für  das  Studium  der  Naturkunde  geboten.  Galilei  in 
Pisa  1564  f  1642,  führten  die  Schwingungen  einer  Lampe  im  Dom 
zu  Pisa  auf  die  Gesetze  des  Pendels,  welche  sein  Sohn  und  der  Hol- 
länder Huygens  zur  Construction  der  Pendeluhren  benutzte.  Seine  Werke 
über  zahlreiche  Forschungen  erschienen  erst  nach  seinem  Tode.  Johann 
Keppler  in  Weil  geb.  den  27.  Dec.  1571,  f  15.  Nov.  1630,  gab  als  Astro- 
nom durch  sein  Planetensystem  die  Grundlage  für  spätere  Entdeckungen 
und  Combinationen,  insbesondere  für  Newton.  —  Erst  1620  hatten  Con- 
rad Drebbel  und  Zacharias  Jansen  die  Kunst  Vergrösseruugsgläser  als 
Linsen  zu  schleifen  erfunden  und  durch  diese  Kunst  war  der  Natur- 
forschung ein  neuer  Fortschritt  bezeichnet.     Für  Zoologie  bethätigten 


40 

sich  eifrig  William  Rondelet,  geb.  in  Montpellier  den  27.  September  1507 
t  1566  den  30.  Juli:  HippoHlo  Salviani  zu  La  Citta  cli  Castello  an  der 
Tiber  geb.  1514,  j  1572  in  Rom,  und  Pierre  Belon,  welcher  in  Paris  eine 
histoire  naturelle  des  jioissons  etrangers  1551  und  ein  Buch  über  Wasser- 
thiere  überhaupt  1553  herausgab.  Alle  drei  begründeten  die  Kenntniss 
der  Ichthyologie.  Die  illustrirten  zoologischen  Werke  hatten  vorzüglich 
mit  Conrad  Gesner  (geb.  in  Zürich  1516,  f  1565),  welcher  Arzt  und 
Naturforscher  war,  durch  seine  Historia  animalium  oder  „Thierhuch"  eine 
bedeutende  Stufe  gewonnen,  ebenso  wie  für  Botanik  mit  Otto  Brtmfels, 
1530 — 40  zuerst  in  Augsburg  erschienene  „Herharum  vivae  icones"  und 
dann  1532  —  37  zu  Strassburg  deutsch  herausgegebenen  „Conterfeyt 
Kräuterbuch '^  (er  starb  vor  Herausgabe  seiner  Werke  1530)  eine  lange 
fortgesetzte  Reise  von  Kräuterbüchern  begonnen,  welche  theils  im  Cha- 
racter  von  Bearbeitungen  der  Arzneigewächse  oder  zum  Theil  als  Floren 
wie  von  Euricius  Cordus  (f  1535),  Valeriits  Cordns  (f  1544),  Hieronymus 
Tragus  {Bock  f  1554),  Leonardus  Fuchsins  (f  1566),  Clusius  {Charles  de 
l'Ecluse  f  1609)  und  vielen  Anderen,  bis  dieselben  endlich  sich  wieder  als 
allgemeine  Sammelwerke  für  das  bis  dahin  erlangte  Wissen  durch 
Tahernaemontanus  {Theodor  von  Bergzabern  f  1590)  New  vollkommen 
Kräuterbuch  Francf.  1588- — 90,  Johann  Bauhin  (f  1613)  und  Caspar  Bau- 
hin (f  1634)  als  Historia  plantarum  universalis,  Ebroduni  1650  —  51,  oder 
als  Phytopinax  Basel  1596  und  Pinax  Theatri  hotanici  Basel  1523 — 1563 
gestalteten,  während  durch  Robert  Morison  (f  1683)  als  Historia  plan- 
tarum universalis  Oxon.  1678 — 80  ein  dgl.  reich  illustrirtes  Werk  bereits 
mit  in  Kupfer  gestochenen  Tafeln  erschien.  Georg  Marcgraf,  geb.  in 
Liebstadt  1610,  f  1644  in  Afrika,  reiste  aus  Eifer  für  Naturkunde  1636 
nach  Brasilien,  wo  er  sechs  Jahre  lang  sammelte  und  beobachtete  und 
der  erste  Naturforscher  war,  welcher  die  Naturprodukte  dieses  Landes 
kennen  lehrte,  indem  er  mit  seinem  Begleiter  JV.  Piso  aus  Leyden  sie 
bearbeitete,  welche  doch  erst  1648  und  1658  erschienen.  Schon  gegen  Ende 
des  XVI.  Jahrhunderts  wurde  ein  Umstand  Avichtig  für  die  Betrachtung  des 
Himmels,  im  Jahr  1590  spielten  die  Kinder  des  Q-ptiker  Zacharias  Jans- 
sen in  Middelburg  mit  vorhandenen,  aus  Kieselerde  und  Potasche  gefer- 
tigten Glaslinsen  und  setzten  sie  in  einer  Röhre  zusammen,  was  die 
Veranlassung  zur  Erfindung  der  Fernröhre  wurde,  doch  erst  im  Jahr 
1758  wurde  das  erste  achromatische  Fernrohr  durch  Dollond  vollendet. 
Ulysses  Aldrovand,  in  Bologna  geb.  1527,  f  1605,  erkannte  bereits  für 
Zoologie  dieselbe  Nothwendigkeit  durch  seine  Opera  omnia  in  XIII.  vol. 
Bononiue  1599 — 1643,  das  bis  dahin  bekannt  gewordene  über  einzelne 
Thicre  zusammenzufassen  und  wurde  auf  diesem  Wege  nun  der  zweite 
iconographische  Compilator  für  Zoologie.  Joh.  Bapt.  van  Helmont  in 
Brüssel  geb.  1577,  f  1644  den  30.  Dcc,  war  Chemiker  und  Arzt,  wel- 
cher mehrere  Arzneiformen  entdeckte  und  über  geistige  wie  physische 
Bildung  des  Menschen   seine  eigene  Ansichten   hatte.     Neben   der  Seele 


JJie  allgemeine  deutsche 

Naturhistorische  Zeitung 

hat  bisher  durch  ihren  Inhalt,  insbesondere  durch  ihre  unpartheiische 
Anerkennung  der  Leistungen  Anderer,  die  sie  besprach,  einen  freund- 
lichen Kreis  von  Ätitarbeitern  und  Lesern  im  In-  und  Auslande  gewon- 
nen, wodurch  ihr  die  Aussicht  gestellt  war,  den  Beifall,  dessen  sie  sich 
erfreute,  gesichert  zu  sehen.  Das  Hinscheiden  ihres  Verlegers,  des  ehr- 
würdigen Chr.  Arnold  unterbrach  ihre  Erscheinung  und  erst  jetzt  konnte 
der  durch  neue  Kräfte  erweiterte  Kreis  ihrer  Mitarbeiter  unter  einem 
der  Wissenschaft  geneigten  und  thätigen  Verleger  sich  wieder  vereinen, 
so  dass  hiermit  der  erste  Jahrgang  der  neuen  Folge  erscheint. 

Die  früher  als  bewährt  anerkannte  Weise  wird  in  dieser  Fortsetzung 
unermüdet  befolgt.  Mittheilungen  von  Aufsätzen  oder  Notizen  aus  allen 
Zweigen  der  Naturkunde,  welche  die  Sachkenntniss  oder  die  Anschauungs- 
weise derselben  befördern,  sind  uns  willkommen  und  unser  durch  be- 
sondere Paginirung  abgesondertes 

Literaturblatt  der  ISIS 

wird  sich  bestreben,  wie  bisher,  in  unpartheiischer  Weise  Kunde  zu  ge- 
ben von  den  Leistungen,  welche,  diese  Kenntniss  erläuternd,  zu  uns  ge- 
langten, so  dass  wir,  im  Mittelpunkte  Deutschlands  und  Europa's  woh- 
nend, und  durch  eine  der  ausgezeichnetsten  und  vollständigsten  Biblio- 
theken unterstützt,  diese  centrale  Bedeutung  unserer  Zeitschrift  mit 
►Sorgfalt  und  Liebe  wieder  herstellen  werden.  Wir  fassen  hierbei  einzig 
und  allein  die  Verbreitung  der  Wissenschaft  und  des  Sinnes  für  dieselbe 
ins  Auge  und  in  Erwägung,  dass  die  Wahrheit  in  jeder  Richtung  sich 
selbst  herausstellen  wird,  schliessen  wir  keine  Parthei  von  unsern  leiden- 
schaftslosen Besprechungen  aus.  Alle  Mitarbeiter  werden  auf  dem  Titel 
des  Jahrgangs,  in  dem  sich  ihre  Beiträge  befinden,  genannt  und  mit 
Vergnügen  erbieten  wir  uns,  zu  Beförderung  des  Verkehrs  zwischen 
Sammlern,  auch  Addressen  und  Cataloge  von  Gegenständen  für  Tausch 
und  Kauf,  nach  Befinden  durch  Beilagen  oder  durch  billige  Inserate  von 
unserm  Centrum  aus  zur  gegenseitigen  Kenntniss  zu  bringen. 

Alle  Zusendungen  an  die  Redaction  erbitten  wir  ferner  durch  die  Post 
unter  der  Addresse: 

„Für  die  allgemeine  deutsche  Natuiiiistorisclie  Zeitan^'^ 

Dresden  :  oder  Hambukg  : 

nofbuchhandlung  von  Kud.  Kuntze  Ycriagsbuchliandiung  von 

(Hermann  Burdach).  Rudolf  Kuntze. 

Als  Verleger  habe  ich  dem  Vorstehenden  hinzuzufügen:  dass  der 
Jahrgang  der  allgemeinen  deutschen  Xaturhistorischen  Zeitung;  aus 

12  Heften  bestehen  wird,  —  der  Preis  des  Jahrganges,  zu  dessen  ganzer 
Abnahme  man  sich  verj)tlichtet,  auf  8  Tlialer  festgestellt  ist,  —  und  dass 
ich  bereit  bin,  wie  auch  die  Hofbuchhandlung  von  Rud.  Kuntze  (Hermann 
Burdach)  in  Dresden ,  Zusendungen  für  die  Zeitschrift  mit  Vergnügen  zu 
empfangen. 

Rudolf  Kuntze, 

^l•lia,!rsl)llfllllall(llulls  i"  lliimburs  und  Leipzig. 

Orcsiion,  liruik  dor  K.lnisl.  Ilofl.uchiliuckoici  von  C.  C.  McinljOkl  k  Sohne. 


Preis  eines  Bandes  von  12  Heften  3  Tiilr. 


I.  Band.  No.  2.    ^ 

Allgemeine  deutsche 

MiirhistorMe  Zeitung. 


Im  Auftrage 


der 


Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verhindung 

mit  answürtigen  nnd  einheimischen  Gelehrten 

herausgegeben 
von 

Dr.  Adolph  Drechsler. 


Nene  Folge:   erster  Band. 

2.  m. 


INHALT. 


Rückblicke   auf  die  Grundsätze  der  Naturforschung-  im  Laufe  der  Zeit.     Von 

Hofrath  Prof.  Dr.  Rcichcnhach. 
Ueber  die  Porphyre  der  Umgegend    von   Leisnig.     Von  Dr.  Müller  daselbst. 
Literatur -Blatt  der  Isis. 


mwr 


HAMBURG, 

Verlag    von    Rudolf    Kuntze. 

1S55. 

Haupt-Debit  für  Dresden  durch  die  Hofbachhandlong  von  Rud.Kontze  (Herrn.  Burdach.) 


^^^"    Siehe  die  Seiten  de.s  Umschlags. 


liillliyb 


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41 

nahm  er  noch  einen  „Archeus"  im  Magen  an,  den  er  als  den  Grrund  der 
körperlichen  Thätigkeiten  erkannte,  während  der  Seele  nur  die  phy- 
sische Thätigkeit  zukomme.  Die  einzelnen  Körpertheile  hatten  ferner 
ihre  untergeordneten  Archei,  welche  ihrem  oberen  Archeus  gehorchten. 
Diese  Lehre  war  gleichsam  ein  Vorläufer  für  die  Erkenntniss  der  Gang- 
lien und  des  sympatischen  Nerven.  Auch  sein  Sohn  Franc.  Mercur 
V.  ff.,  geb.  1618,  t  1699,  trat  in  die  Bahn  seines  Vaters,  studirte  noch 
Theosophie  und  suchte  den  Stein  der  Weisen.  William  ffarvey,  geb.  in 
Falkstone  1578,  f  1657  den  3.  Juni  in  London,  das.  Prof.  der  Anatomie 
und  Chirurgie  am  Medical  College  und  späterhin  Leibarzt  Karls  I.  Er 
erwarb  sich  um  die  Begründung  einer  wahren  Erkenntniss  des  anima- 
lischen Lebens  grosse,  seiner  Zeit  weit  vorgreifende  Verdienste.  Wir 
nennen  nur  1)  die  Feststellung  des  wahren  Vorganges  im  Blutumlaufe: 
„Exerciiatio  anatomica  de  motu  cordis  et  sanguinis  in  animalihus  Francof. 
1628.  ed.  1.  Lugdhat.  1737.  dann  2)  die  Bestätigung  seines  Grundsatzes ; 
„omne  vivum  ex  ovo"  also  die  schon  damals  gegebne  Wiederlegung  der 
„generatio  aequivoca  durch  seine  Schrift:  ,jExercit.  de  gener atione  anima- 
lium.  London  1651.  Amstelod.  1652.  Otto  von  Guericke  in  Magdeburg, 
geb.  den  20.  November  1602,  f  11.  Mai  16S6  in  Hamburg,  wurde  der 
Erfinder  der  Luftpumpe  so  wie  einer  Luftwage  und  der  erste,  wel- 
cher andeutete,  dass  der  Lauf  der  Kometen  bestimmbar  sei.  —  Als 
Chemiker  dieser  Zeit  zeichneten  sich  aus :  Bohn,  Prof.  der  Med.  in  Leip- 
zig, geb.  1640,  durch  seine  chemischen  Erklärungen  der  Physiologie; 
Joh.  Joach.  Becker,  geb.  in  Speier  1625,  f  16S2  in  Leyden,  Leibarzt  des 
Churfürsten  von  Mainz  und  Baiern.  Seine  „Phtjsica  subterranea"  verband 
Physik  und  Chemie  mit  der  Mineralogie  und  er  wurde  eigentlich  der 
erste  wissenschaftliche  Chemiker.  Georg  Ernst  Stahl,  geb.  in  Anspach 
1660,  f  1734  als  Leibarzt  in  Berlin  wurde  Schöpfer  des  phlogistischen 
Systems  und  Entdecker  der  Eigenschaften  vieler  chemischen  Körper,  er 
hat  überhaupt  weitere  Schritte  zur  wissenschaftlichen  Begründung  der 
Chemie  vorwärts  gethan.  ffermann  Boerhaave ,  geb.  in  Leyden  13.Dec, 
1668,  f  1738  den  23.  Dec,  Prof  derMedicin,  Botanik  und  Chemie,  der 
weltberühmteste  Arzt  seiner  Zeit,  war  der  erste,  welcher  die  chemische 
Analyse  der  Pflanzen  versuchte.  Auch  Friedrich  Hoffmann,  geb.  in  Halle 
den  19.  Febr.  1660,  f  1742  den  12.  Nov.,  Professor  derMedicin  und  be- 
rühmter Arzt  in  Halle,  wurde  einer  der  ersten  Vereinfacher  der  Arz- 
neien als  besserer  Kenner  der  chemischen  Eigenschaften  der  Stoffe.  — 
Eine  decorative  Richtung  bemächtigte  sich  in  dieser  Zeit  aller  Darstell- 
ungen für  die  Natur.  Selbst  die  Anatomie  blieb  von  derselben  nicht 
frei  und  die  Anatomen  Rosso  und  Charles  Etienne  stellten  die  aufge- 
schnittenen menschlichen  Figuren  lebendig  dar,  in  Umgebung  kostbarer 
Mobilien  und  Gewänder,  die  aufgeschnittenen  oder  herausgenommenen 
Theile  ihres  Körpers  selbst  haltend  und  der  Anschauung  bietend.  — 
Tüchtige  Vertreter  zählte  bereits  die  Philosophie.  Paid.  Hausmann  Agricola 

Allg.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.  A 


42 

lehrte  schon  von  1482  an  als  Professor  in  Heidelberg  wieder  die  reine 
Philosophie  des  Aristoteles,  seine  Opera,  cura  Alardi  erschienen  aber 
erst  1539  in  Köln.  Rene  des  Cartes  {Renatus  Carlesius ,  geb.  im  Hag 
1596,  t  1650  in  Stockholm)  wurde  nach  der  scholastischen  Zeit  und 
nach  Vorgang  von  Petrus  Ramus ,  Bern,  Telesius ,  Franciscus  Patricius, 
Jordamis  Brunus ,  Thotnas  Campanella  und  Baco  von  Verulam  einer  der 
ersten,  welche  durch  ihre  Vorgänger  erleuchtet,  ein  originelles  System 
der  Philosophie  schufen.  In  naturhistorischer  Hinsicht  ist  hierbei  zu 
bemerken,  dass  er  die  Verbreitung  und  Einwirkung  der  Seele  über  alle 
Theile  des  Körpers  erkannte,  dessenungeachtet  aber  glaubte  einen  Cen- 
tralpunkt  in  demselben  annehmen  zu  müssen,  von  dem  die  Thätigkeit 
der  Seele  ihren  Ausgang  genommen  und  dafür  galt  ihm  die  Zirbeldrüse, 
als  das  tiefste,  unpaarige  Organ  im  Gehirne.  Thomas  Hobbes  (geb.  in 
Malmesbury  in  der  Grafschaft  Witten  1588,  f  1679)  schuf  als  berühmter 
Jurist  eine  auf  das  Wissen  von  der  Natur  und  dem  Staate  beschränkte 
Philosophie,  indem  er  die  Lehre  von  Gott  von  ihr  ausschliesst,  da  nur 
die  Untersuchung  erzeugter  Objecto  der  Gegenstand  philosophischer 
Forschung  sein  könne.  Dessenungeachtet  ist  seine  Naturphilosophie  selbst 
nur  beschränkt  auf  Mathematik  und  Physik.  Baruch  v.  Spinoza  (geb.  in 
Amsterdam  1 632,  f  in  Prag,  seine  nachgelassenen  Werke  erschienen  in 
Amsterdam  1677),  unterscheidet  einen  vollkommenen  unsterblichen  Theil 
des  menschlichen  Geistes  durch  welchen  wir  handeln,  die  Intelligenz 
von  einem  vergänglichen,  der  Einbildungskraft,  durch  welche  wir  leiden 
und  nimmt  eine  absolute  Nothwendigkeit  an,  durch  welche  also  ein 
pantheistisches  Prinzip  die  Freiheit  des  menschlichen  Willens  begren- 
zen und  aufheben  würde.  Joh7i  Locke  (geb.  zu  Wrington  bei  Bristol 
1632,  f  1704)  ein  edler,  frommer,  streng  wahrheitsliebender,  humaner 
Character  und  sorgsam  prüfender  Geist,  in  welchem  vorzüglich  die  An- 
schauung der  Entwickelungsstufen  von  Körper  und  Geist  so  klar  her- 
vortritt, dass  er  auch  über  Erziehung  der  Menschen  erfolgreich  gedacht 
und  geschrieben.  Er  setzt  die  Vernunft  als  Richterin  ein  zur  Entscheid- 
ung zwischen  menschlicher  Erkenntniss  und  göttlicher  Offenbarung.  — 
Der  ausgezeichneteste  in  der  Reihe  der  Philosophen  dieses  Abschnittes 
war  Gottfried  Wilhelm  Freiherr  von  Leibnitz  (geb.  in  Leipzig  3.^  Juli  1646, 
f, 14.  Nov.  1716  in  Hannover),  er  wurde  der  Gründer  einer  eigenthümlichen 
Schule  der  Philosophie  in  Deutschland.  Seine  Kenntnisse  waren  wieder 
umfassender  als  die  seiner  Vorgänger,  namentlich  sind  seine  Ansichten 
über  Atomistik  nach  vielen  Seiten  durchgeführt  und  „Kraft"  nennt  er 
den  wesentlichen  innerlichen  Grund  der  Veränderung.  Die  im  XV.  Jahr- 
hundert durch  den  Niederländer  Janssen  oder  den  Neapolitaner  Fontana 
stattgefundene  Erfindung  des  Mikroskops  und  die  Entdeckung  der  In- 
fusionsthierchen  durch  Anton  von  Leuwenhook,  wirkte  durch  ihre  Ermög- 
lichung einer  Anschauung  dieser  bis  dahin  unsichtbar  gebliebenen  Welt 
für  Jedermann,  auf  eine  so  bezaubernde  Weise,  wie  es  scheint  auch  auf 


48 

Leibnitz,  dass  derselbe  sein  ganzes  System  des  körperlichen  Seins  auf 
das  Bestehen  aus  Theilchen  der  vormaligen  Atomen,  die  er  Monaden 
genannt  hat,  begründete,  und  die  Saamenthierchen  in  so  weit  dieselben 
von  höheren  Thieren  bekannt  waren,  bereits  als  die  präexistirenden  Em- 
bryonen der  Organismen  ansähe,  welche  durch  die  Empfängniss  eine 
neue  Hülle  erhielten.  Die  vergleichende  Anatomie  erkannte  er  bereits 
als  die  lebendige  Seele  der  ganzen  Naturgeschichte  der  Thiere.  Ge- 
lehrte Zeitgenossen  von  Leibnitz  waren  insbesondere  Newton  und  W. 
V.  Tschirnhuusen.  Während  für  die  Physik  früher  Kopernikus ,  Tycho 
de  Brake  gewirkt  und  Baco  von  Verulam  die  reine  Beobachtung  der 
Natur  nachdrücklich  empfohlen,  während  Galiläi,  Keppler  und  Giardino 
Bruno  als  Märtyrer  der  Wissenschaft  und  der  Wahrheiten  gefallen,  die 
sie  entdeckt  hatten,  bildete  Cartesius  unter  glücklicherem  Verhältnisse  die 
Wissenschaft  weiter  und  gegen  Ende  des  Jahrhunderts  trat  Newton  auf, 
geb.  in  Woolstrope  in  Lincolnshire  den  25.  Dec.  1642,  f  20.  März  1727 
in  London.  Er  erfand  im  Jahr  1664  die  Infinitesimalrechnung,  entdeckte 
eine  neue  Theorie  des  Lichts  und  der  Farben  und  die  Gesetze  der 
Schwere,  und  erntete  vorzüglich  durch  sein  Werk  Philosophiae  natura- 
lis prinöipia  mathematica  einen  unsterblichen  Ruhm.  Ferner  der  be- 
rühmte Mathematiker  und  Naturforscher  Walther  von  Tchirnhausen  (geb. 
in  Kieslingswalde  in  der  Oberlausitz  1651,  -j-  1708),  suchte  die  Logik  zu 
einer  auf  Selbsterkenntniss  des  menschlichen  Geistes  und  auf  feste  Re- 
geln begründeten  Methode  der  Entdeckung  der  Wahrheit  und  Ausbildung 
der  Wissenschaft  zu  erheben  und  Christian  Thomasius  (geb.  in  Leipzig 
1655,  f  1728),  Prof.  der  Jurisprudenz  in  Halle,  erwarb  sich  das  Ver- 
dienst die  Philosophie  durch  verständlichere  Darstellung,  sogar  zum 
Theil  durch  Benutzung  der  deutschen  Sprache  populärer  i:u  machen. 
Christian  Wolf  (geb.  in  Breslau  1679,  f  1754)  von  1707  an  Prof.  der 
Mathematik  zu  Halle,  hatte  sich  durch  sorgfältiges  Studium  seiner  Vor- 
gänger gebildet  und  vereinte  deren  Ergebnisse  vorzüglich  auf  synthe- 
tischem Wege  in  ein  gründlich  und  scharfsinnig  durchgearbeitestes 
System,  welches  bis  in  die  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhundert  sein  Au- 
sehen behielt.  Einer  der  zahlreichen  für  die  Ausbildung  der  Natur- 
kunde wichtigen  Sätze  in  diesem  Systeme  ist  auch  der:  „Jedes  einfache 
Ding  stimmt  mit  der  ganzen  Welt  zusammen  und  darauf  beruht  die 
Vollkommenheit  der  Welt,  und  jedes  hat  in  seinem  Innern  Zustande  eine 
besondere  Beziehung  auf  die  übrigen."  Georg  Friedrich  Meier  (geb.  in 
Ammendorf  im  Saalkreise  1718,  f  in  Halle  1777),  wendete  als  Professor 
der  Philosophie  in  Halle  seine  Beachtung  in  so  besonderer  Weise  der 
Thierwelt  zu,  dass  von  ihm  ein  Werk  unter  dem  Titel  „Versuch  eines 
neuen  Lehrgebäudes  von  den  Seelen  der  Thiere"  Halle  1756  erschien. 
Er  war  nach  Alesandei-  Gottlieb  Baumgarten  (geb.  in  Berlin  1714,  j  1762 
als  Prof.  der  Philosophie  in  Frankfurt  an  der  Oder)  dem  Schöpfer  der 
Aesthetik,    der  letzte   berühmte   Philosoph   in   der  Richtung  von  Wolf. 

4* 


44 

Auch.  Etienne  Bonnot  de  Candillac  (geb.  in  Grenoble  1715,  f  1780)  früher 
in  den  Ansichten  von  Locke  sich  als  scharfsinniger  Denker  bewährend, 
machte  später  vorzüglich  die  Weise  wie  alle  Seelenthätigkeiten  aus  den 
Sinneswahrnehmungen  ursprünglich  hervorgehen  und  sich  weiter  ent- 
wickeln zum  Gegenstande  seiner  Untersuchungen  und  gab  einen  „Traue 
des  animaux  Amstelod.  1755,  2  Bände  in  12.,  worin  er  den  Umfang  und 
die  Beschaffenheit  der  Seelenthätigkeiten  der  Thiere  schildert  und  ihnen 
eine  menschenähnliche  Einsicht  beilegt,  welche  nur  zufolge  des  Mangels 
einer  ausgebildeten  Sprache  und  der  willkührlichen  Richtung  der  Auf- 
merksamkeit mehr  beschränkt  sei.  Der  Hauptzweck  war  die  Wider- 
legung von  Des  Cartes,  welcher  den  Thieren  die  Seele  absprechen  wollte. 
Hierbei  spricht  er  sich  bereits  gegen  die  Anmassung  der  Metaphysiker 
aus,  welche  in  alle  Geheimnisse  der  Natur,  in  die  verborgensten  Ur- 
sachen für  das  Wesen  der  Dinge  eindringen  wollen.  —  Johann  Jacob 
Scheuchzer  in  Zürich  geb.  1672,  f  1733  als  Prof.  der  Mathematik  und 
Stadtphysikus  daselbst  und  dessen  Bruder,  Joh.  Scheuchzer,  daselbst  geb. 
1684,  f  1738,  Prof.  der  Naturgeschichte  und  Stadtphysikus  in  Zürich, 
machten  sich  beide  um  die  naturhistorische  Kenntniss  der  Schweiz  ver- 
dient, letzterer  bearbeitete  zum  erstenmale  monographisch  gründlich  die 
Gräser  und  der  ältere  Bruder  war  einer  der  ersten  Naturforscher,  welche 
sich  mit  wahrem  Ernst  der  Untersuchung  der  Versteinerungen  zu- 
gewendet haben.  —  Bereits  hatte  Francois  Hernandez  die  Naturalien 
Mexiko's  mit  einem  Aufwände  von  mehr  als  60,000  Ducaten  gesammelt 
und  dann  in  seiner  schätzbaren  Historia  plantarum,  animalium  et  minera- 
Uum,  Romae  1651  kennen  gelehrt  und  Casimir  Gomez  Ortega  gab  in 
Madrid  erst  1790  seine  Opera  wieder  heraus.  Jacoh  Bonlius  schloss  in 
gleicher  Weise  Ostindien  auf,  aber  seine  Historia  naturalis  et  medica 
Indiae  orientalis  stellte  erst  Piso  zu  London  1 769  ans  Licht.  Fraficis 
Willugby  Esq. ,  geboren  zu  Middletown  Warwickshire  1635,  f  1672  den 
3.  Juli,  bearbeitete  als  trefflicher  Zoolog  die  Vögel  und  Fische,  aber  seine 
Ichthyographia  erschien  erst  in  Augsburg  1783  und  86,  seine  Ornitho- 
logia  durch  Joh.  Raj  in  London  1676  und  78.  Olaus  Wormius  beschrieb 
sein  Naturalien-Cabinet :  Museum  Wormianum  Amstelod.  1655. 

Nachdem  Robert  Hook  auf  der  Insel  Wight  geb.  1635,  f  1702,  als 
Prof.  der  Mathematik  am  Gresham- College  die  Zusammensetzung  der 
Vergrösserungslinsen  erfunden  und  bereits  1660  ein  Mikroskop  so  zu- 
sammengesetzt, dass  Nath.  Hensham  im  Jahr  1661  die  Spiralgefässe  im 
Wallnussholze  entdeckte,  so  folgten  die  Arbeiten  für  Pflanzenanatomie 
in  erfreulicher  Progression  z.  B.  Rob.  Hook's  micrographia  Lond.  1 667  u. 
die  phytotomischen  Arbeiten  von  Martin  Lister,  als  practischer  Arzt  in 
Lond.  t  1711.  Derselbe  gab  auch  Joh.Goedarts  metamorphoses  et  historia 
insectorum  mit  vielen  deutlichen  Abbildungen  in  Kupferstich  im  Jahr 
1685  in  London  heraus.  Dann  die  ausgezeichneten  bildlichen  Darstell- 
ungen und  Erläuterungen  zur  Pflanzenanatomie  von  JSehem.  Gren>  f  1711; 


45 

welcher    von    1668  an   arbeitete   und   durch   Joh.   Wilkins ,   Bischof   von 
ehester  bereits  als  Lehrer  der  Phytotomie  mit  Gehalt  angestellt  worden, 
endlich  die  treffliche  Anatome  plantarum  London  1675 — 79  von  Marcello 
Malpighi,  geb.  in  Bologna  1628,  f  1694  als  Prof.  daselbst,  und  die  Ar- 
beiten  von   Anton  Leeurvenhoek  in  Delft  geb.  24.  Oct.  1632,   f   1723  als 
Bürger   daselbst,    den   wir    oben   als   Entdecker   der  Infusionsthiere   er- 
wähnten, begründeten  das  tiefere  Wissen  in  der  Kenntniss  der  Pflanzen- 
welt.    Die  vereinten  Werke  des  Letztern:  Opera  omnia,  welche  sich  zu- 
gleich mit  auf  das  Thierreich  bezogen,  erschienen  erst  im  J.  1722,  während 
er  die  „entdeckten  Verborgenheiten  der  Natur"  schon  von  1689  an  ver- 
öffentlicht hatte.     Robert  Sihhald,    geb.  in  Edinburg  den  15.  April  1641, 
t  1678  den  27.  Dec,   wurde   Prof.  der  Botanik   in  Edinburg,   und   von 
ihm  erschien    die   Scotia   illustrata   Edinburg   1684.  —  Ein    Glanzpunkt 
dieses  Jahrhunderts  wurde  John  Srvammerdam ,    geb.  in  Amsterdam   den 
12.  Febr.  1637.  f  16S0  den  17.  Febr.     Er  wurde  der  erste,  welcher  mit 
grösster  Sorgfalt  seine  Beobachtung  auf  die  Verwandlung  und   auf  das 
Leben   und   den   Bau   der  Insekten   wendete.     Seine  Historia  insectorum 
generalis,   Utrecht  1669,  bleibt  ein   Schatz   für   alle  Zeiten,   ebenso  sein 
grosses  Werk  in  dem  er  seine  späteren  Beobachtungen  niederlegte  und 
welches  unter  dem  von  seiner  Begeisterung  für  diese  Forschungen  und 
deren  Ergebnisse  zeugendem  Titel  Btjbel  der  Natur  etc.  in  Leyden  1 737 
bis  38    der   berühmte  Boerhaave   heraus   gab.     George  Edwards ,   geb.  zu 
Stratford  1693,  f  1773  den  23.  Juli  in  Plaiston,  hat  als  Bibliothekar  der 
medicinischen  Gesellschaft  in  London   vorzüglich   durch   seine   getreuen 
Abbildungen  und  Beschreibungen  grösstentheils  ausländischer  Vögel  die 
Ornithologie  seiner  Zeit  auf  eine  ausgezeichnete  Weise  gefordert.     Sein 
Werk  erschien   in    sieben  Quartbänden   als  Natural  historxj  of  uncommon 
Birds  und  als  Gleanings  of  natural  history  1743 — 67,  in  letzteren  befinden 
sich   auch   Insekten   und   einige   Thiere   anderer  Classen.     Derselbe  be- 
sorgte auch  zwei  neue  Ausgaben   von   Mark  Catesbt/s  natural  history  of 
Carolina,  Florida  and  the  Bahama  Islands,  2  Bde  mit  220  illum.  Kupfern 
in  gr.  Fol.  zuerst  London  1731,  43,  48,  dann  von  Edwards  1754  u.  1771. 
Ein   wahrer  Schatz   für   amerikanische  Zoologie.     Charles  Plumier,   geb. 
in  Marseille  1666,  war  Zeichner  und  Maler,  dann  Mönch  des  Orden  der 
Minimi   und  studirte  in  Rom  unter  Paul  Silvio  Boccone,  geb.  in  Sicilien 
1633,  1 1 704  einem  gelehrten  Cisterziensermönch,  die  Botanik.  Zurückge- 
kehrt lernte  er   auch  Joseph  Garidel,    geb.  1659,   f  1737,   Prof.   in  Aix, 
welcher  die  Pflanzen  der  Provence  1715  beschrieb  und  einige  abbildete, 
sowie  Tournefort  kennen,  und  botanisirte  im  südlichen  Frankr.  Louis  XIV. 
war   im  Begriff  Donat  Surian   in   das    französische  Amerika  zu   senden 
und  dieser  erbat  sich  Plumier  zum  Gefährten   von   der  Regierung.     Sie 
reisten  1 690  nach  St.  Domingo   und  nach  Rückkehr   noch   einmal  nach 
Westindien,   von  wo   er  erst  1693  zurückkehrte,   auch  zum  drittenmale 
1695  um  Peru  zu  besuchen,  wo  er  aber  in  Cadix  f  1704.     Seine  Werke 


46 

sind  von  höchster  Wichtigkeit,  obwohl  sehr  eintach  'son  Ansehen. 
„Descr.  des  pl.  de  TAmerique.  Paris  1693  mit  lOTKupf.  Nova  pl.  genera 
Paris  1703.  Nach  seinem  Tode  erschien  das  Werk  „Traue  des  Foug eres 
de  TAmerique  Paris  1705.  Von  1 400  Abbildungen,  die  er  verloren,  rettete 
Boerhaave  508,  die  Burmann  in  s.  pl.  amer.  abschrieb  und  262  abbildete. 
Amstelod.  1755 — 60.  Louis  Feuillee  in  der  Provence  1660  geb.,  studirte 
in  Marseille  und  trat  auch  in  den  Orden  des  Minimi,  durch  den  er  1700 
in  den  Orient  und  1703  nach  Westindien  gesendet  wurde.  Im  Jahr 
1707  zurückgekehrt,  wurde  er  Plumiers  Nachfolger  als  K.  Botaniker 
und  Mathematiker.  Auf  einer  zweiten  Reise  kam  er  1709  nach  Brasilien 
und  schiffte  um  Cap  Hörn  nach  Chile  und  Lima,  wo  er  zwei  Jahre  lebte. 
Sein  Journal  dohservat.  faites  sur  les  cötes  orientales  de  l'Ameriqne  meri- 
dionale  in  drei  Bänden  Paris  1714 — 25,  auch  deutsch  tibersetzt,  enthält 
auch  die  Schilderung  der  dortigen  Natur  durch  einige  Abbildungen  (I. 
;14,  n.  9.  in.  100  pl.)  erläutert.  Amadeas  Frezier ,  geb.  1682,  f  1773, 
bereiste  Chile,  Lima  und  Magellanien  in  den  Jahren  1712  und  13  und 
gab  seine  „Relation  du  voyage  de  la  mer  du  Sud  aux  cötes  du  Chile,  du 
Perou  et  du  Bresil  in  zwei  Bänden.     Amstelod.  1717. 

Der  Anfang  des  XVIII.  Jahrhunderts  war  tiberhaupt  mit  trefflichen 
Vorlagen  für  objective  Forschung  versehen,  der  Gebrauch  der  Ver- 
grösserungsgläser  und  die  fleissige  Anwendung  bis  dahin  erfundener 
Instrumente  zusammen,  Hess  viele  Resultate  schaffen,  die  wir  noch  heute 
dankbar  als  Grundlage  ftir  unsere  Kenntniss  benutzen,  wesshalb  es 
möglich  wird,  von  hieraus  schon  allgemeine  Blicke  nach  dem  Forschen 
für  einzelne  Wissenschaften  richten  und  die  für  dieselben  thätigen 
Männer  selbst  gruppiren  zu  können,  so  dass  wir  für  jede  gesonderte 
Wissenschaft  einige  nennen. 

1  ';.  Unter  den  Physikern  trat  Leonhard  Euler  auf,  geb.  in  Basel  1707, 
f  t.  Sept.  1783  als  Direktor  der  mathematischen  Classe  der  Königl.  Aka- 
demie der  Wissenschaften  in  Berlin.  Seine  neue  Theorie  des  Lichts, 
seine  Undulationstheorie ,  seine  45  grösseren  Werke  und  684  kleinere 
Schriften  sichern  ihm  seinen  unsterblichen  Ruhm.  Die  Brüder  Johann 
MusschenbroeJi ,  geb.  in  Leyden  1688,  Prof.  der  Philosophie,  noch  mehr 
der  jüngere  Bruder  Peter  Musschenbroek ,  geb.  in  Leyden  1692,  f  1761, 
Prof.  der  Philosophie  und  Mathematik  in  Duisburg,  Utrecht  u.  Leyden, 
war  einer  der  berühmtesten  Experimentalphysikcr  seiner  Zeit  und  Er- 
finder des  Pyrometer.  Georg  Christ.  Lichtenberg,  geb.  zu  Ober-Ramstadt 
bei  Darmstadt  1742,  -j-  den  24.  Febr.  1799,  Prof.  der  Mathematik  und  Ex- 
perimentalphysik in  Göttingen,  wurde  als  Astronom,  Physiker  und  geist- 
voller Beurtheiler  dös  Menschenlebens  berühmt.  Alotjs  Galhani,  geb.  in  Bo- 
logna den  9.  Sei)t.  1737,  f  4.  Dec.  1798,  Prof.  der  Anatomie  zu  Bologna, 
ist  der  bekannte  Entdecker  des  nach  ihm  genannten  Galvanismus  vom 
Jahre  1760—1790  geworden. 


47 

Die  Chemie  hatte  noch  keineswegs  ihre  alchymistischen  Träumereien 
der  früheren  Zeiten  verlassen  und  Joh.  Friedrich  Böttger,  geb.  in  Schleiz 
den  5.  Februar  1682,  j  1719  den  13.  März,  Apotheker  und  vorgeblicher 
Goldmacher,  von  dem  echtes,  angeblich  von  ihm  fabricirtes  Gold  noch 
im  Königl.  Mineraliencabinet  in  Dresden  aufbewahrt  wird,  wurde  im 
Jahr  1705  Erfinder  des  rothen,  endlich  1709  des  weissen  meissner  Por- 
zellan. —  David  van  der  Becke,  Arzt,  besonders  Chemiker  und  Physiolog 
in  Hamburg,  spielte  schon  im  1 7.  Jahrh.  eine  wichtige  Rolle.  Sein  Ruhm 
war  durch  Deutschland,  Holland  und  England  verbreitet  und  selbst  bis 
nach  Indien  gedrungen.  In  seinem  Buche  „Experientia  et  tneditationes 
circa  naturaUum  rerum  principia,  Hamburg  1683,  zeigt  er  sich  als  scharf- 
sinnig prüfender,  höchst  belesener,  folglich  im  Geiste  jener  Zeit  hoch- 
gelehrter Mann.  Sein  Aberglaube  ging  dabei  noch  so  weit,  dass  er  im 
Ernste  davon  überzeugt  war,  dass  wenn  man  Schlangen  in  kleine  Stücke 
zerhaue,  diese  Stücke  durch  Fäulniss  und  Sonnenwärme  zu  neuen 
lebendigen  Schlangen  sich  umwandeln  könnten.  Wenn  man  Frösche  im 
Herbste  zerstampfte  und  dem  Schlamme  beimische,  so  würden  im  Früh- 
ling wieder  neue  Frösche  daraus.  Die  Enten,  wenn  sie  im  Herbste  ge- 
storben und  in  Fäulniss  übergegangen,  verwandelten  sich  auch  oft  in 
Schlangen,  weil  sie  dergl.  oft  im  Sommer  verspeisten.  Reiher,  welche 
sich  von  Hechten  genährt  hätten,  würden  zu  Hechten  oder  zu  Karpfen, 
wenn  sie  Karpfen  genossen.  Aus  faulenden  Aalen  würden  wieder  leben- 
dige Aale.  Auf  dergl.  Beobachtungen  fussend  begründet  er  eine  Theorie 
der  Gespenster.  In  jedem  thierischen  Körper  sei  der  bildungsfähige  Ur- 
stoff,  die  idea  seminalis  vorhanden  und  durch  die  Erdwärme  könne  sich 
derselbe  entwickeln,  so  dass  er  nun  in  der  Gestalt,  die  er  im  Leben 
gehabt,  sich  aus  der  Erde  erhebe  und  in  der  Nacht  sichtbar  sei,  auch 
am  Tage  sichtbar  sein  würde,  wenn  der  Sonnenschein  nicht  zu  hell 
wäre,  welcher  selbst  die  Gestirne  unsichtbar  mache.  Der  „spiritus  tnotor" 
möge  die  „ideas  formatrices  qidescentes"  zu  neuem  Leben  berufen  und 
so  stehe  jede  Form  wieder  da  „prout  mortis  tempore  erat."  Das  Buch  bleibt 
ein  characteristisches  Zeichen  für  seine  Zeit  und  für  das  „Od."  —  Caspar 
Neumann  in  Züllichau  geb.  1689,  f  1734  als  Prof.  der  Chemie  in  Berlin  und 
Apothekenaufseher  in  Preussen,  dann  Joli.  Heinr.  Bott,  geb.  in  Halberstadt 
1692,  f  1777,  dieser  Theolog,  Mediciner  und  als  Professor  der  Chemie  in 
Berlin  berühmt,  zugleich  ein  trefflicher  Charakter.  Andreas  Sigismund 
Marggraf,  geb.  in  Berlin  1709,  f  1782,  zeichnete  sich  'als  Hofapotheker 
durch  seine  schöne  Kenntniss  in  der  Chemie  aus,  wurde  Mitglied  der 
Academie  der  Wissenschaften  und  1760  Director  der  physikalischen 
Classe  derselben.  Pierre  Joseph  Macquer,  geb.  in  Paris  1718,  Professor 
der  Chemie  und  geachteter  Schriftsteller  für  theoretische  und  praktische 
Chemie.  Christoph  Ludwig  Hoffmann,  geb.  in  Rheda  in  Westphalen 
1721,  t  1807  am  28.  Juli  in  Etwille  am  Rhein,  stellte  ein  eignes  Sy- 
stem  der  Medicin   auf,   auf  die   Reizbarkeit   sich    begründend   und  un- 


48 

tersuchtc  vorzüglich  die  Krankheiten,  welche  von  chemischen  Umwand- 
lungen der  Säfte  abgeleitet  wurden.  Tornher  Olof  Bergmann,  geb.  in 
Katharinenburg  in  Westgothland  1735,  f  1784  war  ein  Schüler  Zi/e/^m-, 
wurde  im  Jahre  175S  Professor  der  Physik  in  Upsal  und  J767  auch 
der  Chemie,  und  war  ein  für  seine  Zeit  trefflicher  Schriftsteller.  Carl 
Wilhelm  Scheele,  geb.  in  Stralsund  1742,  f  1786,  dessen  vieles  Gute 
enthaltende  „opusciila  chemica  et  physlca^^  erschienen  erst  nach  seinem 
Tode  1788  und  1789.  Anioine  Laurent  Lavoisler,  geb.  in  Paris  1743,  f 
1794  den  8.  Mai  unter  Kobespierres  blutiger  Regierung,  war  seit  1768 
Mitglied  der  Academie,  schrieb  seinen  berühmten  ,,Traite  elementaire  de 
chimie,   1791,  und  schuf  das  antiphlogistische  System. 

Die  objective  Naturkunde  hatte  sich,  wie  wir  oben  gesagt,  durch 
den,  für  die  organisirten  Naturkörper  fleissig  angewendeten  Gebrauch 
der  vergrössernden  Gläser  auf  eine  bedeutendere  Höhe  geschwungen. 
Für  die  unorganisirten  Körper  wurde  dies  Mittel,  zur  Kenntniss  der- 
selben zu  gelangen,  gewöhnlich  verschmäht.  Von  den  ausgezeichnet- 
sten Forschern  im  Bereich  dieser  Richtungen  überlebten  folgende  das 
Ende  des  siebenzehnten  Jahrhunderts.  John  Ray,  geb.  zu  Black  Notley 
in  Essex  am  29.  Nov.  1628,  f  daselbst  am  17.  Jan.  1705.  Einer  der 
geistvollsten  und  umfassendsten  Naturforscher  für  Botanik  und  Zoolo- 
gie, deshalb  der  Aristoteles  Englands  genannt.  Unter  andern  gab  er 
seine  Methodus  plantarum  1682,  seine  Ichthyographia  1686  heraus. 
Augustus  Quirinus  Rivinus,  geb.  in  Leipzig  1652,  f  1725  als  Professor  der 
Botanik  daselbst,  bearbeitete  mehrere  Pflanzenordnungen  nach  eignem 
System  und  erläuterte  sie  durch  gute  Abbildungen,  auf  Metallplatten  ge- 
stochen. —  Hans  Sloane,  geb.  zu  Killileigh  am  16.  April  1660,  f  1753 
als  Präsident  der  Royal  Society  in  London.  Nachdem  eigentlich  der 
Gärtner  Tradescant  f  1652,  das  British  museuni  zuerst  begründet  hatte, 
so  verm.achte  H.  S.  demselben  testamentarisch  seine  reichen  und  kostbaren 
Sammlungen,  welche  das  Parlament  im  Jahre  1759  übernahm.  Er  selbst 
hat  seine  Reisen  nach  Madera,  Barbadoes,  Nievcs,  St.  Christoph  und 
Jamaica  beschrieben  und  die  von  ihm  daselbst  entdeckten  Naturalien 
auf  274  Kupfertafeln  abgebildet.  Das  Werk  erschien  in  London  1707. 
—  Joh.  Heinrich  Heucher,  geb.  in  Wien  am  1.  Januar  1677,  f  1746 
den  22.  Februar  in  Dresden,  als  Leibarzt  des  Königs  von  Polen 
und  Churfürsten  von  Sachsen.  Er  war  früher  Professor  der  Botanik 
in  Wittenberg,  wo  ihm  Abraham  Vater,  geb.  1684,  f  1751,  nachfolgte, 
während  er  selbst  nach  Dresden  berufen,  daselbst  der  Stifter  der  Natura- 
lien- und  Kunstsammlungen  wurde.  Seine  zahlreichen  Schriften  erschie- 
nen als  „Opera  1745"  durch  den  Leibarzt  Dr.  Christ.  Fr.  Haenel.  — 
Rene  Antoine  FerchauU  de  Reaumur,  geb.  zu  Rochelle  1683,  f  1757  zu 
Bermondierc  in  Maine,  war  einer  der  sorgfältigsten  Beobachter  der 
Thicrwelt,  welche  jemals  gelebt  haben.  Seine  Memoires  des  Insectes, 
in  VI.  Bänden,  1734 — 42  gelten   uns    noch   heute   als  Muster  von   Aus- 


40 

dauer  und  Geschicklichkeit  im  Beobachten  und  Untersuchen,  ebenso 
beurkundet  sein  Werk  über  die  künstliche  Ausbrütung  der  Vögel  seine 
Beharrlichkeit,  und  seine  Eintheilung  des  Thermometer  seinen  Scharf- 
sinn. —  Auch  eine  Dame  muss  hier  genannt  werden,  die  berühmte 
Maria  Sibylla  Merian,  später  Gattin  des  Maler  Graf.  Sie  war  geb.  in 
Basel  1647,  f  am  13.  Jan.  1717  in  Amerika,  Tochter  des  Senators  Ma- 
thias Merian,  in  Basel  geb.  1 593,  Verfassers  eines  Florilegium  plantarum 
itinerarium  und  noch  bekannter  durch  seinen  Todtentanz.  Die  Tochter 
widmete  sich  vorzugsweise  der  Beobachtung  der  Insecten  und  ihre 
Metamorphosis  insectorum  surinamensium  Amstelod.  1700  und  ihr  Eni cartim 
ortus  1717,  beide  Werke  mit  Kupfertafeln  von  ihr  selbst,  sind  schätz- 
bare Erinnerungen  an  ihre  Beobachtungsgabe  und  ihren  Fleiss.  Johann 
Jacob  DiUeniiis,  geb.  zu  Darmstadt  16S7,  f  1''^''  als  Professor  in  Oxford, 
nachdem  er  früher  als  Professor  in  Giessen  durch  seine  Gelehrsamkeit 
in  der  Botanik,  insbesondere  durch  seine  durch  ihn  zuerst  erlangte  sorg- 
fältige Kenntniss  der  kryptogamischen  Gewächse  zu  hohem  Ruhme  ge- 
gelangt war.  In  der  Systematik  war  er  Gegner  von  Rivinus.  Johann 
Christian  Biixbaum,  in  Merseburg  geboren  1694,  f  1730,  ging  mit  dem 
K.  liuss.  Gesandten  nach  Constantinopel  und  mit  dem  Grafen  Romanzov 
in  den  Orient,  wo  er  die  Küstenländer  des  schwarzen  Meeres,  Klein- 
asien und  Armenien  als  Botaniker  bereiste,  und  seine  Entdeckungen 
beschrieb  und  abbildete.  Emanuel  Graf  von  Srvedenborg,  geb.  in  Stock- 
holm 16S9,  t  1772  in  London,  war  früher  sehr  thätiger  Physiker  und 
specieller  Naturforscher,  schrieb  z.  B.  eine  Oeconomia  regni  animalis, 
Lond.  1740.  und  Regnum  animale ,  Haag  1744,  wurde  aber  späterhin 
Geisterseher  und  Schwärmer*).  —  Holen  wir  hier  jetzt  noch  einige 
ältere  Reisende  und  sonstige  Beförderer  der  Naturkenntniss  nach: 

Heinrich  Adrian  van  Rheede  tot  Drakensteen,  Statthalter  von  Malabar 
und  Mitglied  der  Ostindischen  Gesellschaft,  Hess  den  berühmt  geworde- 
nen „Hortus  malabaricus"  mit  700  Abbildungen  in  Amsterdam  von  1676 
bis  1703  erscheinen.  Die  von  Bramanen  gesammelten  Pflanzen  sind 
mit  malaiischen,  bramanischen  und  arabischen  Namen  versehen,  und 
wurden  von  dem  Carmeliter-Missionär  P.  Mattei  di  S.Giuseppe  aus  Neapel 
gezeichnet,  die  malabarische  Beschreibung  \on  Emanuel  Carneiroxn  das  Por- 
tugiesische, dann  von  Hermann  von  Donep  in  das  Lateinische  übersetzt. 
Der  Missionär  Casearius  in  Cochin  ordnete  das  Ganze  und  Arn.  Syen, 
Joh.  Commehjn,  Theod.  Janssen  van  Almeloveen,  Joh.  Munniks  und  Abraham 
Poot  besorgten  die  Herausgabe.  —  Georg  Eberhard  Rumphius,  in  Hanau 
1 637  geboren,  wurde  Unterstatthalter  zu  Amboina  und  Mitglied  der  ost- 
indischen Rathsversammlung.  Sein  berühmtes  Werk  ,,Herbarium  amboi- 
nense"'  war    1690    fertig  aber  erst   1740   begann  Joh.  Burmann,   die  Ab- 


*)  Eine  treffliche  Darstellung  seines  Wesens  vergl.   in  „Schleidens  Studien",   Leip- 
zig. 1855.  S.   1S3— 214. 


50 

bilduiigen  stechen  und  den  Text  lateinisch  und  holländisch  mit  sei- 
nen Anmerkungen  drucken  zu  lassen.  Es  erschien  in  sieben  Folio- 
bänden in  Amsterdam.  1741 — 51.  —  Auger  Clufius  aus  Leiden  und 
Joh.  Vesling  aus  Minden,  geb.  1598,  f  1649,  besuchten  Nordafrika,  allein 
jener  wurde  aller  Habe  beraubt,  und  schrieb  nur  seine  „Opuscula  duo 
de  nuce  medica"  Amsterdam  1 634.  über  die  damals  so  kostbare  maldivi- 
sche  Nuss,  dieser  seine  (JbsenKiiiones  de  planus  Aegypti,  Patav.  1638. 
—  Stephan  Flacourt  hat  in  seiner  „Histoire  de  la  gründe  isle  Madagascar^' 
Paris  1661  zuerst  die  Naturgeschichte  von  Madagascar  erschlossen.  — 
Hans  Egeede-Saabye,  geb.  in  Dänemark  den  31.  Jan,  1686,  f  1758  den 
5.  Nov.  auf  der  Insel  Falster,  wurde  Pfarrer  in  Norwegen  und  Missio- 
när in  Grönland.  Seine  Naturgeschichte  von  Grönland  erschien  dänisch 
mit  12  Kupfern  in  Kopenhagen  1741,  französisch  in  Genf  1763  und 
deutsch  in  Berlin  1763,  worin  er  auch  das  fabelhafte  Meerungeheuer, 
die  Riesenschlange  abbildet.  —  Friedrich  Marlens  aus  Hamburg  besuchte 
als  Wundarzt  1671  Spitzbergen,  und  seine  „spitzhergische  oder  grönlän- 
dische Reiseheschreihung"-  Hamburg  1675,  giebt  die  Resultate  seiner  Be- 
obachtungen auch  durch  Abbildungen  wieder.  —  Erich  Pontoppidan,  in 
Aarhuus  geb.  1698,  f  1765  als  Bischoff  von  Bergen  in  Norwegen.  Er 
hat  neben  theologischen  Schriften  auch  die  Naturgeschichte  von  Nor- 
wegen, dänisch  in  Kopenhagen,  1752 — 53,  erscheinen  lassen.  Sie  Avurde 
in  mehrere  Sprachen  übersetzt  auch  deutsch :  Versuch  einer  natürlichen 
Geschichte  von  ISorwegen  etc.,  übersetzt  von  Joh.  Ad.  Scheibe,  in  2  Thei- 
len,  mit  16  und  14  Kupf.  Kopenhagen.  1753 — 54.  —  William  Dampier 
besuchte  1684 — 1699  die  Küsten  der  spanischen  Besitzungen  in  Amerika, 
die  Philippinen,  die  Fischerinseln  und  die  Westküste  Neuhollands.  In 
seinem  „Nouveau  voyage  autour  du  rnonde''^  in  5  Bänden,  Amstelod.  1701, 
gab  er  auch  Abbildungen  der  von  ihm  entdeckten  Naturalien.  —  Will. 
Sherard  war  ein  Mäcenas  der  Botaniker  in  London ,  geb.  zu  Bushby  in 
Leicestershire  1659,  sammelte  selbst  Pflanzen  auf  der  Insel  Jersey,  in 
Cornwallis,  in  der  Schweiz  und  auf  dem  Jura.  Er  wurde  1703  engli- 
scher Consul  in  Smyrna,  wo  er  einen  botanischen  Garten  anlegte,  bis 
er  1721  in  sein  Vaterland  zurückkehrte.  Er  besass  bereits  ein  Herba- 
rium von  12000  Arten. 

Bevor  wir  aber  zu  einer  Auswahl  aus  den  Namen  der  vielen  Na- 
turforscher übergehen,  welche  dieses  Jahrhundert  selbst  sich  geboren, 
mag  es  erlaubt  sein,  wenigstens  auf  eine  von  den  Anstalten,  welche  bis 
dahin  für  Naturkunde  entstanden,  einige  flüchtige  Blicke  zu  werfen. 

So  wie  die  Naturkunde  in  jener  Zeit  grösstentheils  um  der  Medi- 
cin  willen  betrieben  wurde,  so  waren  es  besonders  Apotheker  und 
Aerzte,  welche  dieselbe  studirten,  und  es  waren  die  Leibärzte,  welche 
durch  ihren  Einfluss  auf  die  Monarchen  dieselbe  zu  fördern  vermoch- 
ten. In  England  gründete  bereits  die  Königin  Elisabeth  einen  Pflan- 
zengarten, an  dem  der  Apotheker  John  Parkinson,  geb.  1567,  königlicher 


51 

Botanicus  wurde,  und  seinen  ,,Paradivus  terrestris'-'  1629  herausgab.  Ihm 
folgte  Leon  Pluknet,  geb.  1642,  durch  sein  „Alniagestum'' ,  Lond.  1696, 
und  „Amaltheum''  1705  berühmt.  Im  Apothekergarten  zu  Chelsea  16S6 
eingeweihet,  hat  Jak.  Petivers  grosse  Thätigkeit  bis  f  1718  gewaltet. 
Sein  Gazophylacium,  sein  Museum,  sein  Hortus  siccus  pharmaceuticus  bil- 
den mit  mehreren  andern  Schriften  seine  Opera,  welche  erst  1764  mit 
310  Kupfertafeln  erschienen.—  Die  beiden  Leibärzte  des  Königs  von 
Frankreich,  Louis  XIIL,  Herouard  und  Gmj  de  la  Brosse  bewirkten  nach 
langer  Vorbereitung  die  Stiftung  des  Pflanzengarten  in  Paris.  Letzterer 
hatte  bereits  im  Jahre  1626  den  Entwurf  des  Planes  gemacht,  und  1633 
war  das  Grundstsück  für  67,000  Fr.  angekauft  worden,  nachdem  Bou- 
vard,  Herouards  Nachfolger,  als  Leibarzt  auch  zum  Oberaufseher  und 
de  la  Brosse  als  Aufseher  bestätigt  worden,  erschien  darüber  endlich  am 
15.  Mai  1635  das  Dekret  für  die  weitere  Entwickelung  und  Bestimm- 
ung der  Anstalt.  Nachdem  die  Eifersucht  der  medicinischen  Facultät 
der  Herstellung  lange  entgegengetreten,  wurden  jetzt  drei  Professoren 
aus  ihrer  Mitte  dabei  angestellt:  Jaqiies  Cousinot  für  Botanik,  Urban 
Baudineau  für  Pharmakologie  und  Maria  Cureau  de  la  Chambre  für 
Chemie.  La  Brosse  veröffentlichte  die  Description  du  jardin  Royal  1 636 
mit  einem  Verzeichniss  von  bereits  1 800  Pflanzenarten,  und  1 640  begann 
die  Thätigkeit  der  Professoren  und  Demonstratoren.  Unter  Oberauf- 
sicht des  ersten  Leibarztes  Vautier  von  1642  ging  die  Anstalt  wieder 
rückwärts,  ihm  folgte  Anton  Valloi,  Denis  Joncquet  und  Guy  Crescent  Fa- 
gon.  Nach  Vallots  Tode  übernahm  der  Minister  Colbert  die  Oberauf- 
sicht selbst  und  stellte  den  Hofinaler  Robert  an,  um  Pflanzen  zu  malen, 
welche  in  Kupfer  gestochen  wurden.  Nach  dessen  Tode  folgte  1684 
Joh.  Joubert  aus  Poitou  in  dieser  Stelle  als  Maler,  Louis  ÄIV.  berief 
späterhin,  nach  endlicher  weiterer  Herstellung  des  Etablissements,  den 
als  kenntnissreichen  Botaniker  bekannt  gewordenen  Joseph  Pitton  de  Tourne- 
fort  aus  seinem  Vaterlande,  der  Provence,  geb.  1656,  f  1708,  welcher  im  J. 
1683  als  junger,  26 jähriger  Mann  die  eigentliche  Wissenschaft  der  Bo- 
tanik für  Frankreich  begann.  Er  hielt  Vorlesungen,  bearbeitete  seine  \ie- 
rühmt  gewordenen /w*^2Y?^^/o;2«?.y  rei  herbariae  und  reiste  für  die  Wissenschaft. 
Im  Jahre  1700  ging  er  in  Begleitung  des  Malers  Aubriet  nach  dem  Ori- 
ent, durchreiste  Griechenland,  die  Küsten  des  schwarzen  Meeres  und  die 
archipelagischen  Inseln  imd  kehrte  1702  wieder  zurück  mit  bolanischen 
Schätzen  beladen.  Antoine  Danty  dPsnard  und  Sebastian  Vaillant,  geb. 
1669,  t  1"21;  Musiker,  dann  Wundarzt,  endlich  durch  Tourne  fort  begei- 
stert und  als  dessen  eifriger  Schüler,  war  zum  trefflichen  Botaniker  ge- 
worden und  dann  zu  dessen  Nachfolger  am  botanischen  Garten  ernannt. 
Alle  Werke  Vaillants  sind  ausgezeichnet  und  geistvoll,  seine  Abbildun- 
gen trefflich,  vorzüglich  widmete  er  auch  der  Flora  um  Paris  seinen 
Fleiss  und  stellte  selbst  kryp togamische  Gewächse  naturgetreu  dar. 
Nach  ihnen  trat  der  so  berühmt  gewordene  Name  Jussieu  auf.     Antoine 


52 

Jiissieu,  geb.  1686,  f  1758,  wurde  Professor  am  Garten  und  sein  Bruder, 
Bernard  Jussieu,  geb.  1699,  f  1777,  blieb  vierzig  Jahre  lang  sein 
Sousdemonstrateur  oder  Adjunct.  Sie  legten  den  ersten  Grund  für  das 
natürliche  Pflanzensystem.  Letzterer  reiste  1741  an  die  Küste  der  Nor- 
mandie,  um  die  Polypen  zu  untersuchen  und  erklärte  sie  nach  seiner 
Beobachtung  für  Thiere.  Er  war  es,  welcher  im  Garten  zu  Trianon 
durch  seine  Pflanzungen  die  erste  Andeutung  gab,  für  die  natürlichen 
Verwandschaften  im  Reiche  der  Pflanzen.  Er  war  es  auch,  welcher  die 
Ceder  vom  Libanon  aus  England  brachte,  welche  noch  heute  den 
Hügel  im  „Jardin  des  plantes"  majestätisch  beschattet.  Während  in 
der  Direction  des  Gartens  wieder  die  Leibärzte  Chirac  und  Chicoisneau 
nachfolgten,  ohne  die  Sache  zu  kennen  oder  ihr  nützen  zu  wollen,  ver- 
mehrte Francois  du  Fay,  ein  ausgezeichneter  Militair,  welcher  England 
und  Holland  bereist  hatte ,  die  Anstalt  durch  seine  thätige  Correspon- 
denz  mit  kostbaren  Naturalien  für  alle  Reiche  und  bedachte  sie  gross- 
artig durch  sein  Testament,  wollte  aber  neben  dieses  bedeutend  mate- 
rielle Legat  auch  noch  ein  geistiges  setzen.  Er  erbat  sich  nämlich  von 
dem  Minister  Louis  XV.  den  später  zum  Grafen  erhobenen  Georg  Louis 
Ledere  de  Buffon,  geb.  zu  Montbard  in  Bourgogne,  den  7.  September  1 707, 
f  1788  den  16.  April  in  Paris,  welcher  von  1739  an  Intendant  des 
Pflanzengarten  und  der  mit  ihm  verbundenen  naturhistorischen  Museen 
geworden.  Er  war  ganz  dazu  geschaff'en,  der  Anstalt  und  der  Wissen- 
schaft durch  seinen  Geist  und  seine  Persönlichkeit  unendlich  zu  nützen, 
und  sein  Eifer  verschafi'te  von  jetzt  an  dem  Garten  und  den  Museen 
den  Weltruf,  den  sie  sich  späterhin  weise  bewahrten.  Er  vergrösserte 
den  Garten  und  vermehrte  die  Pflanzungen  desselben,  er  richtete  für  die 
Museen  die  grossen  Galerieen  ein  und  versammelte  die  kenntnissreichsten 
Männer  um  sich  herum.  Er  rufte  Bernard  de  Jussieu  herbei  und  zog 
zunächst  Louis  Jean  Marie  Bauhenton ,  Philibert  Guenau  de  Montheillard 
und  Bernard  Germain  Etienne  de  Lacepede ,  geb.  zu  Agen  1755,  f  1826 
bei  St.  Denis,  1785  als  Aufseher  und  Demonstrator  am  botanischen  Garten, 
1795  als  Professor  der  Zoologie,  an  sich,  die  kenntnissreichen  Mitarbeiter 
an  seinen  Werken,  zur  Histoire  naturelle  gehörig.  Buffon  galt  als  das  Cen- 
trum und  als  die  Krone  des  Ganzen.  Sein  Geist,  sein  Anstand  und 
seine  persönliche  Liebenswürdigkeit  Hessen  ihn  das  erreichen,  was  seine 
Vorgänger  nicht  vermocht  hatten,  erlangen  zu  können.  Er  selbst  und 
die  Anstalt,  für  welche  er  lebte  und  die  Wissenschaft,  für  welche  sie 
existirte,  erhielten  einen  europäischen  Ruf,  und  diese  Wissenschaft  von 
der  Natur  wurde  ein  Liebling  der  Monarchen  und  zog  ein  in  die  Kreise 
der  Vornehmen  und  Reichen.  Seine  Aneiferung  der  Männer,  die  mit 
ihm  sich  verbunden,  seine  lichtvolle  Auffassung  imd  seine  leichte  Be- 
wältigung vielfiichen  Materials,  concentrirte  deren  Kenntnisse  in  sich 
selbst  und  seine  schöne,  wenn  auch  oft  übertrieben  gesuchte,  doch  für 
jene  Rokokozeit,  in  der   er   lebte,   vollkommen   geeignete   Sprache    und 


53 

Schreibart  machten  die  Naturkunde  zum  erstenniale  fähig,  am  Hofe  und 
in  der  vornehmen  Welt  durch  seinen  Mund  und  aus  seiner  Feder  als 
angenehme  und  willkommene  Unterhaltung  zu  glänzen.  Absehend  von 
aller  Systematik,  betrachtete  er  immer  das  Einzelne  an  sich  und 
schmückte  dessen  Erscheinung  in  Form  und  Farbe  und  Leben  durch 
seine  reiche  Phantasie,  und  verbreitete  so  die  Liebe  für  ein  Studium  in 
der  gebildeten  Welt,  welches  bis  dahin  nur  von  einzelnen  Gelehrten  ge- 
pflegt worden  war. 

Sind  wir  durch  Biiffon  zu  den  Männern  übergegangen,  welche  das 
achtzehnte  Jahrhundert  geboren,  so  finden  wir  ihn  als  Zeitgenossen  von 
ziemlich  vielen  ausgezeichneten  Geistern ,  welche  ähnliche  Zwecke  in 
verschiedener  Richtung  verfolgten.  Die  ganze  Anschauung  der  Natur 
ging  bis  dahin  vom  Gemüth  aus,  diese  Anschauung  reflectirte  sich  im 
Leben  der  organisirten  Natur,  es  war  jene  Bewunderung,  welche  schon 
Aristoteles  als  die  Mutter  des  Wissens  erkannte.  Begeisterung  für  das  Er- 
schaffene, Bestreben  dasselbe  einzeln  kennen  zu  lernen,  führte  zum  Beob- 
achten, zum  Sammeln  und  Forschen  und  die  Forschung  brachte  mit  der 
gewonnenen  Kenntniss  eine  demuthsvolle  Ahnung  des  Schöpfers  der 
erschaffenen  Wesen  und  eine  Ueberzeugung  von  dessen  Allmacht  und 
Güte  hervor. 

Carl  Linnee,  Sohn  eines  Predigers  in  Roshult  in  Smaland,  geb.  den 
24.  Mai  1707,  f  1778  den  10.  Januar,  früh  S  Uhr,  hat  diesen  Weg  der 
Bildung  genommen  *).  Der  Beruf,  Naturforscher  zu  werden^  schien  ihm 
angeboren  zu  sein  und  offenbarte  sich  bereits  im  Leben  des  Knaben. 
Sein  Geist  wirkte  in  seltner  Energie  mit  dem  Gemüthe  zusammen  und 
das  Resultat  war  seine  Reformation,  ja  mehr  noch,  seine  eigentlich  wis- 
senschaftliche Schöpfung  und  feste  Begründung  der  ganzen  Naturkunde, 
denn  Linnee  wurde  der  erste,  welcher  eine  noth wendige  Methode,  eine 
eigenthümliche  Bestimmung  der  Begriffe  und  Begrenzung  der  Ausdrücke 
für  Bezeichnung  der  Eigenschaften  der  Körper  ei"fand  und  dadurch  sich 
in  den  Stand  gesetzt  sah,  alles  aus  den  zahlreichen  schon  existirenden 
Werken  als  zerstreut  und  ordnungslos  ihm  bekannt  gewordene  zu  be- 
wältigen, und  von  da  aus  diese  Mannigfaltigkeit  durch  Erhebung  auf 
allgemeine  geistvolle  Anschauungen  dann  wieder  sondern  und  lichtvoll 
classificiren  zu  können.  Wenn  sein  Zeitgenosse  Buffon  die  Naturkunde 
für  die  vornehme  Welt  pikant  zu  machen  verstand,  so  verstand  ea 
Linnee,  sie  für  ein  gründliches  Studium  der  ganzen  gebildeten  Welt  zu- 
gänglich und  fesselnd  zu  macheu.  Linnee  Avar  übrigens  der  erste  und 
zugleich  für  alle  Zukunft  der  einzige  Naturforscher  der  Welt,  dem  es 
vergönnt  war,  das  Wissen  seiner  Zeit  in  seinem  Detail  zu  beherrschen 
und  die  bis  dahin  bekannt  gewordenen  Arten  aller  drei  Naturreiche   in 


*)  Seine  Wirksamkeit  kann  in  diesem  Rückblicke  nur  angedeutet  werden,  mehr  wurdo 
darüber  in  der  „Allgan.  deutschen  nalurhist.  Zeitimg"  1847  S.  449—459  gegeben. 


54^ 

einem  Werke  selbst  zu  beschreiben.  Dies  sind  Umstände,  welche  seiner 
Nachwelt  weder  für  ein  Reich,  noch  für  eine  grössere  Classe  der  orga- 
nischen Reiche  in  gleicher  der  Zeit  entsprechender  Vollständigkeit  wie- 
der möglich  geworden.  Albert  von  Haller  in  Bern,  bald  nach  Linnee 
geboren,  am  16.  Oct.  1708,  f  1777,  den  12.  December,  wurde  Professor 
der  Anatomie,  Physiologie  und  Botanik  in  Göttingen,  wo  er  zu  einem 
seltenem  Ruhme  gelangte.  Die  seltenste  und  vielseitigste  Begabung  des 
Geistes  hatte  sich  auch  hier  bereits  im  kleinen  Knaben  entwickelt,  und 
leicht  mochten  Haller  und  Linnee,  neben  einander  rivalisirend,  ihrer  Zeit 
als  die  grössten  Männer  erscheinen..  Hallers  schönstes  Denkmal  wurde 
die  von  ihm  gestiftete  Gesellschaft  der  Wissenschaften  in  Göttingen  und 
der  von  ihm  begründete  botanische  Garten  daselbst.  Haller  ehrte  seine 
Zeitgenossen,  z.  B.  Peter  Collinson  in  London,  Joh.  GotlUeb  Gleditsch, 
geb.  1714,  t  1786,  Professor  in  Berlin,  Joh.  Georg  Gm  ellin ,  geb.  1709, 
Professor  in  Tübingen  und  Christ.  GotlUeb  Ludwig',  geb.  1709,  f  1773, 
Prof.  der  Physiologie  in  Leipzig,  auch  als  Botaniker  rühmlich  bekannt, 
Adrian  van  Royen,  Professor  in  Leiden,  Humphred  Sibthorp,  Professor  am 
Sherardischen  Garten  in  London  u.  A.  durch  Widmung  seiner  Schriften, 
andere  durch  Erneuerung  der  ihrigen,  sowie  er  die  Flora  von  Jena  von 
Heinrich  Bernhard  Rupp,  f  1719,  welche  1718  erschienen  war,  in  den 
Jahren  1726  und  1745  wieder  herausgab.  —  Joh.  Ernst  Hebenstreit,  geb. 
in  Neustadt  an  der  Orla  1702,  f  1757,  Schüler  von  Rivinus:  „De  con- 
tin.  Rivini  iildustria  Lips.  1726.  Definitiones  plantarum  1731 ,  wurde  vom 
König  von  Pohlen,  August  IL,  im  Jahre  1731  mit  Christ.  Gottl.  Ludivig 
nach  Afrika  gesandt,  um  seltsame  Thiere  und  Pflanzen  für  Dresden  zu 
sammeln,  beide  reisten  über  Marseille  nach  Algier,  Tunis,  Tripoli  und 
anderen  Gegenden  Nordafrikas  und  kehrten  1733  zurück,  wo  sie  auch 
die  zum  Theil  noch  lebende  Zwingerorangerie  mitgebracht  hatten.  Nach 
dieser  Rückkehr  schrieb  Hebenstreit  noch  eine  Diss.  de  methodo  planta- 
rum e,  fructu  optima.  Lips.  1740.  Er  starb  in  Folge  seiner  Sorge  für 
die  bei  Rossbach  verwundeten  Krieger.  —  Eine  grosse  Thätigkeit  ent- 
wickelte sich  im  Beginn  dieses  Jahrhunderts  für  die  Beobachtung  der 
Insecten.  Die  Metamorphose,  welche  die  Vorgänger  gelehrt  hatten,  er- 
griff schon  durch  die  ihr  untergelegte  Bedeutung  die  Gemüther  so  tief,  dass 
man  ihre  Erforschung  mit  einer  wahren  Pietät  und  mit  wahrhaft  aristo- 
telischer Bewunderung  pflegte,  und  dass  alle  Anschauung  der  Gottheit 
aus  der  Natur,  alle  Beziehung  auf  die  später  Teleologie  genannte  Zweck- 
mässigkeit und  Harmonie  in  der  Natur,  durch  diese  Forschung  eine  neue 
Quelle  gefunden.  Als  den  naiven  Vorgänger  dieser  bescheidenen  For- 
scher nennen  wir  zuerst  Joh.  Leonhurd  Frisch,  dessen  Beschreibung 
von  allerlei  Insecten  in  Deutschland,  nebst  nützlichen  Anmerkungen 
und  nöthigen  Abbildungen  von  diesen  kriechenden  und  fliegenden  Ge- 
würme  etc.,  in  13  Theilen  mit  273  schwarzen  Kupfertafeln,  in  Berlin 
schon  1720  bis  1738  erschien.     Aug.  Joh.  Roescl ,  in   Augustenburg   bei 


55 

Arnstadt  in  Schwarzburg-Sondershausen^  geb.  1705,  f  1759  in  Augsburg, 
als  Roesel  von  Rosenhof,  ein  durch  seine  vom  Jahre  1746  bis  1761  her- 
ausgegebenen „Monatlichen  Insectenbelustigungen"  unsterblich  gewor- 
dener Entomolog,  dessen  treffliche  von  ihm  selbst  gefertigten  Abbildun- 
gen und  treue  Beobachtungen  nebst  anatomischen  Darstellungen  kaum 
übertroffen  worden  sind.  Sein  Werk  erscheint  uns  als  eine  sehr  hohe 
Potenz  dessen  von  seinem  Vorgänger  Frisch.  Sein  Schwiegersohn  Klee- 
maiin  gab  unter  dem  Titel  „Beiträge"  die  Fortsetzung  dazu  1761 — 92 
und  94  und  ein  anderes  vortreffliches  und  noch  unübertroffenes  Werk 
die  „Naturgeschichte  der  Frösche^'  etc.  in  gross  Fol.  gab  der  Maler  Joh. 
Dan.  Meyer  in  Nürnberg  heraus  und  für  die  Vorzüglichkeit  dieses  gleich- 
falls durch  die  ausführlichste  Darstellung  der  Verwandelung  und  der 
Anatomie  ausgezeichneten  Werkes  spricht  schon  der  Umstand,  dass  der 
grosse  Albert  von  Haller  selbst  eine  Vorrede  und  lateinischen  Text  dazu 
schrieb.  Derselbe  Meyer  gab  noch  zwei  hundert  Folioplatten  mit  ver- 
schiedenen Thieren  aller  Classen  der  Wirbelthiere  mit  ihren  Skeletten 
(Beinkörpern!)  1748  und  1752  mit  Beschreibung  heraus,  eine  schätzbare 
Sammlung,  welche  alle  bis  dahin  erschienenen  weit  übertrifft.  —  Charles 
Bonnet,  geb.  in  Genf  1720,  f  1793,  begann  seine  Laufbahn  mit  so  aus- 
gezeichneten Beobachtungen  über  das  Leben  der  Blattläuse,  dass  er 
schon  im  zwanzigsten  Jahre  zum  correspondirenden  Mitgliede  der  Aka- 
demie in  Paris  ernannt  wurde.  Seine  philosophischen  wie  seine  natur- 
historischen Werke,  z.  B.  seine  „Contenxplation  de  la  nature"  ed.  2.  111.  vol. 
Hamb.  1782,  seine  „Considerations  sur  les  corps  organises''  Paris  1764, 
vorzüglich  sein  „Tratte  d'Insectologie"  (Oeuvres  compl.  s.J  X.  vol.  Berne 
1779 — 80,  zeigen  eine  Vereinigung  von  sorgfältig  trefflichen  Beobach- 
tungen mit .  correctem  Styl  und  derjenigen  Begeisterung  und  Hingabe 
an  sein  Studium,  welche  den  Leser  zur  Bewunderung  hinreissen  muss. 
Diese  Werke  fanden  auch  so  viel  Theilnahme,  dass  sie  in  die  meisten 
gangbaren  Sprachen  übersetzt  worden  sind.  Sein  Zeitgenosse  Charles 
De  Geer,  Baron  of  Leutsta,  Marschall  von  Schweden,  geb.  in  Stockholm 
1720,  f  1778,  den  20.  März,  war  Schüler  Linnees  und  wurde  gleichsam 
ein  neuer  Swammerdam,  durch  Linnees  Ansichten  für  höhere  Erkenntniss 
gebildet.  Seine  grossen  Memoires  pour  servir  ä  Thistorie  des  Insectes  er- 
schienen in  7  grossen  Quartbänden  in  Stockholm  in  den  Jahren  1752 
bis  78  und  enthalten  eine  so  reiche  Masse  von  anatomischen  Details, 
mit  Klarheit  und  Präcision  der  Anschauung  geboten,  dass  dieses  Werk 
eine  der  vorzüglichsten  Quellen  für  das  wissenschaftliche  Studium  der 
Entomologie  genannt  werden  muss.  Jacob  Christian  Schaff  er ,  geb.  in 
Querfurt  1718,  f  1790  als  Superintendent  in  Regensburg,  wurde  einer 
der  fleissigsten  Schriftsteller  für  Zoologie,  welche  jemals  gelebt  haben. 
Seine  überaus  zahlreichen  Arbeiten,  grösstentheils  Lasecten  betreffend, 
doch  auch  Crustaceen  und  Eingeweidewürmer,  enthalten  so  treue  und 
so  sorgfältig  angestellte  Beobachtungen  aus  der  Natur  und  so  treffliche 


56 

Abbildungen,  dabei  bereits  eine  so  gründliche  Verfolgung  von  Methodik, 
dass  dieselben  unter  das  ausgezeichnetste  gehören,  was  der  angestreng- 
teste Fieiss  in  Rücksicht  auf  seine  Zeit  jemals  geschaffen.  Seine  Zu- 
sammenstellung der  Insecten  der  Gegend  von  Regensburg  Icones  insect. 
circa  Ratishonam  indigenorum,  natürlich  ausgemalte  Abbild.  Regensburger 
Insecten.  3  Bde  mit  280  ill.  K.  Regensburg  \  766 — 79,  ist  eigentlich  die 
erste  iconographische  Fauna,  denn  die  spätere  Zeit  hat  Insectenfaunen 
entweder  nur  beschreibend  gegeben  oder  einzelne  Abtheilungen  vorge- 
zogen, andere  minder  beachtet,  während  Schä/fer  alles  was  ihm  vorkam, 
gegeben.  Ebenso  verdienstvoll  arbeitete  er  für  Ornithologie.  —  Herrn. 
Samuel  Reimarus ,  geb.  in  Hamburg  1694,  f  1786,  Rector  in  Wismar, 
dann  seit  1728  Prof.  der  oriental.  Sprachen  in  Hamburg,  schrieb  über 
„die  vornehmsten  Wahrheiten  der  natürl.  Religion"  1754  und  „Allgemeine 
Betrachtungen  über  die  Triebe  der  Thiere."  Hamb.  1760  u.  1773,  wo- 
durch er  so  viele  Theilnahme  fand,  dass  diese  Schrift  3  Ausgaben  auch 
eine  holländische  Uebersetzung  erlebte,  lieber  seinen  Sohn  s.  später. 
Ein  grosser  Geist  in  anderer  Richtung  war  Peter  Camper,  geb.  in 
Leyden  am  11.  Mai  1722,  f  1789  den  7.  April.  Sein  Vater,  protestan- 
tischer Geistlicher  in  Batavia,  war  erst  1715  nach  Leyden  zurückge- 
kehrt und  lebte  in  freundschaftlichstem  Verhältniss  mit  Roerhaave,  des- 
sen Einfluss  auf  die  erste  Bildung  des  jungen  Camper  noch  möglich 
geworden.  Er  versuchte  sich  bald  als  Schriftsteller  in  schwierigen 
physiologischen  Themen,  machte  durch  seine  Reise  die  Bekanntschaft 
mit  den  ausgezeichnetesten  Männern  seiner  Zeit  und  erhob  sich  durch 
seine  vielseitigste  Bildung  zu  einem  der  ersten  Schriftsteller,  insbeson- 
dere für  Anatomie  und  Physiologie  des  Menschen  und  der  höher  orga- 
nisirten  Thiere  und  ihrer  paläontologischen  Reste,  auch  gab  er  einen 
auf  jene  Wissenschaften  begründeten  „Versuch  über  die  physische  Er- 
ziehung der  Kinder",  welcher  von  der  wissenschaftlichen  Gesellschaft  in 
Harlem  gekrönt  wurde.  Auch  seine  Untersuchuivgen  über  die  Neger- 
Race  und  über  den  Orang-Utang  lassen  ihn  niemals  vergessen.  Sein 
Sohn  Adrien  Gilles  Camper  hat  manche  seiner  Untersuchungen  fortgesetzt 
und  einige  seiner  Schriften  wieder  erneuert.  Nächst  seinem  Sohne  hat 
auch  Vicq  d'Azyr  sein  Leben  beschrieben  und  Dr.  Cogan  u.  A.  einzelne 
seiner  Werke  übersetzt,  während  sich  Abhandlungen  von  ihm  in  den 
Schriften  fast  aller  Akademien  befinden.  —  Axel  Friedrich  Freiherr  von 
Cronstedt,  geb.  in  Südermannland  1722,  f  1765,  steht  hier  ziemlich  isolirt 
als  guter  Mineralog.  Nachdem  Agricola  die  Mineralogie  begründet,  dürfen 
wir  gewiss  Cronstedt  als  denjenigen  ansehen,  welcher  mit  tiefer  wis- 
senschaftlicher Anschauung  zuerst  ein  System  für  dieselbe  versuchte, 
welches  auch  durch  die  deutsche  Bearbeitung  von  Werner,  Leipzig  1780 
erst  später  bekannter  geworden.  —  Thomas  Pennant ,  geb.  zu  Downing 
am  H.Juni  1726,  f  1798  d.  16.  Dec,  erinnert  sich,  dass  ihm  als  Knaben 
von  12  Jahren  Willughhy ,   welcher  damals  seinen  Verwandten  Salisbiiry 


57 

besuchte,  einige  Vögel  geschenkt  und  dadurch  den  Sinn  für  die  An- 
schauung der  Natur  in  ihm  aufgeweckt  habe.  Seine  Werke  haben  auch 
vorzugsweise  die  Katurgeschichte  der  Vögel  und  Säugethiere,  sowohl 
Englands  als  auch  des  Auslands  durch  Abbildung  und  Beschreibung 
erläutert.  John  Hunter,  geb.  in  Long  Calderwood  g.  13—14.  Febr.  1728, 
f  1793  den  16.  Oct.,  übertraf  noch  seinen  älteren  Bruder  William  Hunter , 
geb.  1718  und  zeichnete  sich  aus  als  Anatom,  Zootom  und  Zoolog  über- 
haupt. Er  legte  den  Grund  zum  Museum  für  vergleichende  Anatomie 
in  London  und  erfreute  sich  durch  seine  Kenntnisse  selbst  der  Anei-- 
kennimg  von  Haller.  Seine  Forschungen  bewegten  sich  in  einer  ähn- 
lichen Bahn  wie  die  von  P.  Camper. 

Lazaro  Spallanzani  in  Scandiana  geb.  1729,  y  1799,  wurde  in  Bo- 
logna gebildet  und  im  29.  Jahr  seines  Alters  Prof.  der  schönen  Wissen- 
schaften und  der  Philosophie  in  Reggio,  im  Jahr  1770  Prof.  der 
Anatomie  und  Physiologie  und  Naturgeschichte  zu  Pavia,  von  wo  aus 
er  1790  bis  Constantinopel  reiste.  Seine  überaus  fleissigen  und  scharf- 
sinnigen Beobachtungen  durch  welche  er  mehrere  Erscheinungen  im 
Thier-  und  Pflanzenleben  erklärte,  sind  ausserordentlich  zahlreich  und 
zum  Theil  auch  auf  seinen  Beisen,  besonders  in  Sicilien  angestellt  worden. 
—  James  Bruce  Esq.  of  Kinnaind  zu  Kinnainds  House  in  Stirlingshire 
geb.  den  14.  Dec.  1730,  f  1794  den  27.  April,  dessen  1762  begonnene 
erst  1774  vollendete  afrikanische  Reise  für  Geographie  wie  für  Natur- 
geschichte gleich  wichtig  geworden,  hat  besonders  Abyssiniens  Natur- 
produkte wieder  zur  Kenntniss  gebracht  und  manche  Nachrichten  aus 
den  Zeiten  von  Herodot  und  von  Srabo  zuerst  wieder  beleuchtet.  — 
Natal.  Jos.  von  Necker,  geb.  1730,  f  1793,  Botaniker  in  der  Kurpfalz, 
wurde  durch  seinen  „Traite  sur  la  mycetologie,  Mannh.  1783,  seine  Physio- 
logia  muscorum  ib.  1774,  seine  Deliciae  gallo-belg.  silvestres  Argent.  1768, 
n.  seine  Mementa  botanica.  Neow.  1790  bekannt.  —  Joh.  Hedwig,  geb.  1730, 
•j-  1799,  Prof.  der  Botanik  in  Leipzig,  wurde  durch  seine  tiefer  eingehen- 
den mikroskopischen  Untersuchungen  und  zahlreichen  trefflichen  und 
in  grossem  Maasstabe  gegebenen  Abbildungen  der  erste  bedeutende 
Schriftsteller  für  kryptogamische  Gewächse,  deren  feinere  Organe  er 
eigentlich  zuerst  zur  klaren  Anschauung  brachte.  Seine  „Theoria  genera- 
fionis",  sein  Fundamentum  hist.  nat.  musc.  frondos.  Lips.  1782  nebst  einer 
grossen  Anzahl  andrer  Abhandlungen,  vorzüglich  aber  sein  grosses  spe- 
zielles Werk  über  die  ßlusci  frondosi  haben  ihm  einen  unsterblichen 
Namen  gesichert.  —  Eleazar  Albinus,  ein  fleissiger  Zoolog,  gab  eine  Ja- 
lural  history  of  Birds  in  3  Bänden  1731 — 38  mit  illum.  Abbild.,  dann 
die  English  Song  Birds  Vil%,  ausserdem  Fische,  Insecten  und  Spinnen. 
Die  Abbildungen  sind  manirirt.  —  Joh.  Leonh.  Frisch,  oben  als  einer  der 
ersten  Entomologen  genannt,  war  auch  der  erste,  welcher  ein  gutes 
Werk  über  die  „Vögel  Deutschlands"  Berlin  1734 — 63  gegeben,  dessen 
Fortsetzung  seine  Söhne  Josl   Leopold  und  J.  Christoph   besorgten.     Die 

AUg-.  tlcuuche  nalurhist.  Zeitung-.    I.  5 


58 

Fledermäuse  stehen  liier  zum  letztenmale  unter  den  Vögeln!  —  Von 
Pete7^  Ärtedi  erschien  eine  Bihlioiheca  ichthyologica  und  eine  gute  erste 
Philosophia,  genera,  synonyma  et  species  piscium  und  andere  Werke  über 
die  Fische,  meist  von  Linnee  u. /.  Jul.  Walbom  1738 — 1793  herausgegeben. 
Mathurin  Jacques  Brisson,  geb.  zu  Fonteney  le  Peuple  1723,  Prof.  der 
Physik  in  Paris,  hat  sich  neben  Herausgabe  physikalischer  Werke  in 
der  Zoologie  durch  sein  „Regne  animal"  1756,  vielmehr  noch  durch  seine 
„Ornitliologia"  in  sechs  Quartbänden  mit  261  Kupfertafeln  in  Querfolio 
Paris  1760  als  den  ersten  und  für  alle  Zeiten  als  einen  der  gründlich- 
sten Forscher  bewährt.  Vieles  beschrieb  er  aus  Reaumurs  Sammlung, 
das  meiste  aus  dem  Pariser  Museum.  —  Joh.  Georg  Sulzer  zu  Winter- 
thur  im  Canton  Zürich  geb.  1720,  f  1777,  betrachtete  neben  den  schönen 
Wissenschaften  auch  die  Natur  von  ihrer  ästhetischen  Seite  und  schrieb 
das  auch  ins  Französische  übersetzte  Werk  „Von  den  Schönheiten  der 
Natur"  Berlin  1750,  trug  aber  auch  zur  Kenntniss  der  Natur  in  der 
Schweiz  bei,  durch  Beschreibung  seiner  Reise  durch  dieselbe,  Zürich 
1743.  Joh.  Heinrich  Sulzer  war  ein  gründlicher  Entomolog  und  beför- 
derte die  theoretische  Kenntniss  derselben  besonders  durch  sein  Werk: 
„Die  Kennzeichen  der  Insecten"  mit  24  illustr.  Karten,  Vorrede  von 
Joh.  Gesner,  Zürich  1761  und  durch  seine  „Geschichte  der  Schweizer 
und  ausländischen  Insecten  mit  32  illum.  K.  Winterthur  1776.  Suppl. 
1789.  —  Marcus  Eliezer  Bloch  trat  in  Deutschland  auf  als  ein  erster 
ausgezeichneter  Kenner  der  Fische.  Seine  „allgemeine  Naturgeschichte 
der  Fische"  erschien  in  12  Theilen  mit  432  illum.  Kupf.  in  Fol.  Berlin 
1782 — 95  und  sogar  auch  in  französischer  Sprache  übersetzt.  Die  „öko- 
nomische Naturgeschichte  der  Fische  Deutschlands"  enthält  6  Bände 
mit  216  illum.  Kupf.  Berlin  1783  —  87,  das  „Systema  Ichthyologiae"  hat 
110  Tafeln  und  erschien  erst  durch  J.  Gottloh  Schneider,  Berlin  1801.  — 
Seine  Abhandlung  von  der  Erzeugung  der  Eingeweidewürmer  und  den 
Mitteln  wider  dieselben  mit  10  Kupfertafeln,  Berlin  1782,  wurde  von  der 
Societät  der  Wissenschaften  in  Kopenhagen  mit  dem  Preise  gekrönt.  — 
Abbe  Bazin  gab  ohne  sich  als  Autor  zu  nennen  eine  Naturgeschichte 
der  Bienen  „Hist.  naturelle  des  Abeilles  I.  IL  Paris  1747.  —  Nathanael 
Gottfried  Lcskc,  Prof.  in  Leipzig,  war  ein  vielseitig  gebildeter  Naturfor- 
scher, welcher  durch  seine  „Reise  durch  Sachsen"  mit  40  Kupfertafeln 
Leipz.  1785  seine  Anfangsgründe  der  Naturgeschichte,  Leipz.  1779,  seine 
Physiologia  animalium  Lips.  1775,  seine  Ichthyologia  Upsiensis  Lips.  1774 
so  wie"  durch  Arbeiten  über  Echinodermen,  über  den  Blasenwurm  im 
Hirn  der  Schafe  u.  s.  w.  sich  als  guten  Beobachter  bewährte.  —  William 
Smellle,  geb.  in  Edinburg  1740,  f  1795  den  24.  Juni,  schrieb  eine  „Philo- 
sophy  of  natural  history"  in  2  Bänden,  Edinburg  1790,  welche  auch  nach 
seinem  Tode  in  neuer  Ausgabe  London  1838  erschien.  Ferner  über- 
setzte er  Buffons  Naturgeschichte  der  Vögel  in  9  Bänden  London  1793. 
Jos.  Franz  Edler  v.  Jacquin  gab  „Beiträge  zur  Geschichte  der  Vögel  mit 
19  illustrirteu  Kupfern  4.  Wien  1784.  —  Joh.  Friedrich  Gmelin  (s.  später), 


59 

hatte  alle  specielle  neue  Entdeckungen  sorgfältig  gesammelt  und  liess 
Linnees  systema  naturae  in  der  XIII.  Ausgabe  Leipzig  17S8  erscheinen. 
—  Drew  Drury,  geb.  Wood  Street,  Cheapside,  London  4.  Februar  1725, 
f  1763  den  18.  April,  wurde  durch  seine  schönen  Illusirations  of  natural 
history  mit  150  Kupfertaf.  in  3  Bänden  London  1770 — 82  und  Illustrations 
of  foreign  Entomology  in  3  Bänden  mit  150  Kupfert.  herausgegeben  von 
Westwood ,  London  1837,  rühmlich  bekannt.  —  Joh.  Casp.  Fuessli ,  geb. 
in  Zürich  1706,  f  1782,  eigentlich  Portraitmaler ,  ein  guter  Entomolog 
der  Schweiz ,  gab  vortreffliche  Abbildungen  zu  seinen  Werken :  „Ver- 
zeichniss  der  Schweizer  Insecten,  Zürich  und  Winterthur  1775.  Magazin 
für  Liebhaber  der  Entomologie,  2  Bände,  eb.  1778.  Neues  Magazin 
1782 — 87.  Archiv  der  Insectengeschichte  eb.  1781 — 86.  —  Kasp.  Sioll, 
f  1 795 ,  schuf  ein  schätzbares  Werk  zur  Kenntniss  der  Hemipteren : 
„Natürl.  u.  nach  dem  Leben  gemalte  Abbild,  u.  Beschreibungen  der  Cicaden 
u.  Wanzen  u.  a.  verwandten  Insecten  aus  Europa,  Asia,  Africa  u.  America," 
herausgegeben  von  Winterschmidt,  Nürnberg  1781.  Ursprünglich  hol- 
ländisch Amsterd.  1787 — 90,  \on  Hoiittuyn  beendigt  1815.  —  Joh.  Friedr. 
Wilhelm  Herbst  in  Petershageu  im  Fürstenthum  Minden  geb.  den  1.  Nov. 
1743,  t  1807  den  5.  Nov.  als  Archidiakonus  in  Berlin,  war  ein  verdienst- 
voller Entomolog.  Seine  „Einleitung  zur  Kenntniss  der  Insecten  für 
Ungeübte  und  Anfänger  in  3  Bänden,  Berlin  u.  Stralsund  1784 — 86,  hat 
die  Liebe  für  diese  Wissenschaft  befördert.  Sein  „Natursystem  der  un- 
geflügelten Insecten ,  Berlin  1798 — 1800  mit  23  illum.  Kupf. ,  endlich 
sein  „Versuch  einer  Naturgeschichte"  der  Krabben  und  Krebse  in  drei 
Bänden  mit  62  illum.  Kupfertaf.  Zürich,  Berlin  u.  Stralsund  1782 — 1804 
sind  ausgezeichnet.  Cai^l  Gustav  Jablonsky  gab  ein  grosses  Werk:  „Na- 
tursystem aller  bekannten  in-  und  ausländ.  Insecten"  mit  illum.  Kupf. 
weiches  Herbst  fortsetzte.  Berlin  1785 — 1806.  Davon  sind  nur  202  iil. 
Kupfertaf.  Käfer  und  327  Kupfertaf  Schmetterlinge  erschienen.  —  Joh. 
Rud.  Schellenberg  beschäftigte  sich  so  wie  Stoll  vorzugsweise  mit  Hemip- 
teren und  gab  die  sehr  schätzbaren  Werke :  „Das  Geschlecht  der  Land- 
und  Wasserwanzen  in  der  Schweiz  nach  Familien  geordnet  mit  14  ill. 
Kupf.  Zürich  1800,  auch  in  lateinischer  Sprache.  Ausserdem  auch 
Dipteren:  „Genres  de  Mouches  dipteres^'  mit  42  ill.  Kupf  auch  deutsch: 
„Gattungen  der  Fliegen"'  Zürich  1S03  und  „Entomologische  Beiträge" 
Winterthur  1S02. 

Haben  wir  hiermit  eine  Anzahl  wichtiger  Männer  genannt,  welche 
diesem  Jahrhundert  gehörend,  endlich  schon  in  das  XIX.  Seculum  ein- 
traten, so  verspareu  wir  die  Aufzählung  derjenigen,  welche  in  dieses  län- 
ger hineinlebten,  für  eine  Schilderung  dieses  Jahrhunderts. 

Wenn  bereits  mehrere  der  genannten  Männer  auch  als  Reisende 
aufgeführt  worden,  so  sind  noch  folgende  an  ihre  Namenreihe  anzu- 
schliessen,  durch  deren  Reisen  die  Wissenschaft  Aufklärung  fand.  Für 
Reisen  nach  Asien:  Peter  Kämpfer  in  Lemgo  1651  geb.,   f  1716,   reiste 

5* 


60 

als  Leibarzt  mit  dem  schwedischen  Gesandten  Ludrv.  Fabricius  1683  nach 
Persien,  wo  er  länger  blieb;  dann  auch  Georgien  und  Amerika  durch- 
suchte,  später  als  Arzt  mit  nach  der  Küste  von  Arabien,  nach  Ceilon, 
Bengalen  und  Sumatra  ging  und  nur  1689  ein  Jahr  in  Batavia  blieb. 
Dann  besuchte  er  Siam  und  Corea,  blieb  in  Japan  zwei  Jahre  und 
kehrte  1693  nach  Europa  zurück  um  Leibarzt  des  Grafen  von  der 
Lippe  zu  bleiben  bis  er  starb.  Seine  „Amoenitates  exoticae"  1712  Lemgo 
mit  90  Kupfertaf.  sind  reich  an  Neuigkeiten  für  Zoologie  und  Botanik. 
—  Augustio  Lippl,  geb.  in  Paris  1678,  reiste  unter  Louis  XIV.  mit  einei; 
Gesandschaft  nach  Aegypten,  Nubien  und  Habessinien,  wurde  aber 
daselbst  1704  ermordet  und  seine  gerettete  Sammlung  von  andern  be- 
schrieben. 

Richard  Pococke,  Bischof  von  Ossory  berichtet  über  die  Palme  von 
Theben:  Hyphaene  coriacea  und  m.  a.  Gewächse  in  seinem  Werk: 
Description  of  the  East.  London  1743 — 45.  Friedrich  Hasselquist  in  Ost- 
gothland  geb.  1722,  f  1752,  Schüler  Linnees ,  bereiste  Aegypten  und 
Palästina,  starb  aber  in  Smyrna  und  Liiine  beschrieb  seine  Reise  und 
die  von  ihm  gefundenen  Pflanzen  im  Jahr  1757.  —  Alexander  Rüssel 
lebte  in  Aleppo,  f  1768  und  hinterliess  sein  Werk:  The  natural  hisiory 
of  Aleppo  and  parts  adjacent.  London  1756.  ed.  2.  von  seinem  Sohne 
Patrick  Rüssel,  London  1794,  auch  deutsch  zu  Göttingen  1798.  —  Joh. 
Mariü  hatte  acht  Jahre  lang  in  Asien  gelebt  und  beschrieb  auch  Pflan- 
zen in  seinem  Viaggio  per  l'isola  di  Cipro  e  per  la  Soria  e  Palestina  in  5 
Bänden  1769 — 70  Florenz.  —  Carsten  Niebiihr,  geb.  1733,  j  1815,  reiste 
mit  seinem  ^e^laiiev  Peter  Forskol,  geb.  in  Schweden  1732,  f  1763  nach 
Aegypten  und  Arabien,  wo  letztrer  starb  und  die  Flora  aegyptiaco  ara- 
bica  Havniae  111 A:  und  die  Icones  rerum  naturalium  das.  1776  durch 
Niebuhr  erschienen  und  die  Pflanzen  dann  durch  Martin  Vahl  durch  seine 
Symbolae  botanicae  1790 — 94  genauer  bestimmt  wurden.  —  Jak.  Jul.  La 
Billardiere  reiste  1787  nach  Syrien  und  auf  den  Libanon  und  die  Icones 
plantarum  Syriae  rariorum  Paris  1791  ,  bieten  die  Resultate  der  Reise. 
In  Folge  des  Feldzugs  den  Bonaparte  in  Aegypten  bestanden,  wurden 
durch  seine  Begleiter  D etile ,  Savigny  und  Nectoux  die  Naturalien  für 
das  Denkmal  des  Feldzugs,  die  grosse  Description  de  XEgypte,  Eist.  nat. 
Paris  1813  abgebildet  und  beschrieben,  andere  Inder  Reise  von  Sonnini 
in  Ober-  und  Nieder- Aegypten   und  in  der  von  Benon. 

Das  asiatische  Russland  erschloss  Daniel  Gottl.  Messerschmidt  aus 
Danzig,  welcher  aus  Liebe  für  die  Naturkunde  1716  nach  Petersburg, 
von  da  1720  nach  Tobolsk  ging,  von  wo  er  mit  Stralenberg  den  Obi,  Jenisei 
imd  die  barabinzische  Steppe  durchreiste,  dann  drei  Jahre  allein  in 
Sibirien  blieb ,  die  Tunguska,  Angara,  Lena,  den  Irtisch  und  die  davur- 
ischen,  werchoturischen  und  altaischen  Gebirge  besuchte,  worauf  er  1730 
in  Petersburg  starb,  so  dass  erst  Amman,  J.  G.  Gmelin  und  Pallas  seine 
Entdeckungen  bekannt  machen  konnten.    Ebenso  wurden  die  von  Gottl 


61 

Schober,  einem  von  Peter  I.  an  die  Wolga,  das  kaspische  Meer  und  das 
nordwestliche  Persien  gesendeten  jungen  Arzte  gemachten  Acquisitionen 
nicht  von  ihm,  sondern  von  Lerche  in  den  Nov.  Act.  nat.  curios.   V.  app. 
beschrieben.     Joh.  Christ.  Buxhaum   (s.  oben),    geb.   in  Merseburg  1694, 
t  1730,  gab  seine  .,Plantarum  minus  cognit.  Cent.  I — V.  Petersburg  1728, 
heraus,  welche  dann  bis  1740  nach  seinem  Tode  erschienen.  —  Die  Kai- 
serin Anna  sendete  Traug.  Gerher  und  Heinzelmann  1732  in  das  östliche 
Russland.     Jener   ging   an    die  Ufer   des  Don   und  der  Wolga,   sendete 
seine  Flora  von  Moscau  an  Haller,  wurde  Feldarzt  im  finnischen  Kriege 
und  starb  in  Viborg  1743.     Dieser  besuchte   den  Ural,    das  Gebiet  von 
Orenburg  und  einen  Theil  der  Tartarei,  Amman  machte  bekannt,  was  er 
gefunden.      Ferner   wurde    der  Däne    Veit  Bering ,    welcher   1728   nach 
Kamtschatka,  den  Fuchsinseln,  Alaschka  und  der  Nordwestküste  Ameri- 
kas  bis   zur   Beringsbai  gesendet.     Joh.  Georg  Gmelin  in  Tübingen  geb. 
'  1 709,  welcher  seit  1 727  in  Petersburg  lebte,  Stephan  Krascheninnikow  und 
einige    Künstler   wurden    nach    Ostasien    beordert.      Nach    fünf  Jahren 
folgte  ihnen  Georg  Wilh.  Steller  aus  Weinsheim   in  Baden   an  der  Berg- 
strasse.    Sie  segelten  vom  Peter  Pauls  Hafen  nach  den  Fuchsinseln  zur 
amerikanischen  Küste   und   mussten  dann  auf  der  Beringsinsel  bleiben, 
wo  1741  Bering  starb.     Steller   erreichte   den  Peter  Pauls  Hafen  im  fol- 
genden Jahre,  blieb  in  Kamtschatka,  war  der  einzige  Naturforscher,  wel- 
cher  die  riesenhafte  nach  ihm  benannte  Seekuh,  die  Bhytine  und  einen 
Mammuthelephanten   mit  Fleisch   und  Haut    und  Haaren  gesehen.     Er 
starb  zu  Tjumen  am  Tura  1746  und  Pallas  machte  das,  was  er  entdeckt 
hatte,   bekannt.     Steller   selbst  gab  nur  die  „Ausführl.   Beschreibung   von 
sonderbaren  Meerthieren:   Seekuh,  Seebär,  Seelöwe,  Seeoiter  mit  Anm.  und 
1  Kupf.  Halle  1753  und  seine  „Beschreibung  von  dem  Lande  Kamschatka" 
m.  K.  Frankfurt  a.  M.  und  Leipzig  1774.   —  J.  G.  Gmelin   mit   Gerhard 
Friedr.  JJIüller   und   Ludw.  de  TIsle   de  La  Croyere  hatten  unterdessen  in 
Sibirien   gearbeitet,    sie    durchreisten    1734    die    Gegenden    am    Ob    und 
Tom    bis   zum  Lande  der  Kalmücken,    1735    die  Districte  jenseits  des 
Baikal,  1736  und  37  die  Ufer  der  Lena  bis  zum  62  o  hinan.     Im  folgen- 
den  Winter  verzehrte    eine   Feuersbrunst   alle   von    Gmelin    gesammelte 
Schätze  nebst  seinen  Büchern,   Handschriften   und   seiner  ganzen  Habe 
in  Irkutzk.     Er  erhielt  endlich   die  Unterstützung  von  neuem  zu  sam- 
meln, besuchte  1730  den  Jenisei  und  die  Districte  zwischen  dem  51  und 
66«  N.  B.,    ging   1740   an   den  Ob  zurück,   im   folgenden  Jahr   in   die 
ischimskische,  barabinzische  u.  a.  Steppen,    1742  nach  Isetzkoi  und  die 
nahen  Gebirge  und  kehrte  nach  zehnjährigem  Aufenthalt  wieder  zurück. 
Er  wurde  Prof  der  Naturgeschichte   in  Petersburg,  ging  aber  nach  vier 
Jahren  in  sein  Vaterland  zurück,  wo  er  1755  starb.   Johann  Amman,  geb. 
1707,  fl741,  machte  von  seinen  Entdeckungen  vieles  bekannt.     Gmelins 
Flora  sibiria  in  vier  Foliobänden  Petrop.  1747—69,  enthält  400  Abbild. 


62 

und  ist  von  hoher  Wichtigkeit  für  die  Kenntniss  des  Landes  und  seiner 
Vegetation. 

Von  Catesby's  Werk  über  Nordamerikas  Vögel  und  Pflanzen  war 
schon  die  Rede.  Joh.  Bapt.  Labet,  geb.  1667,  f  1738;  reiste  als  Domini- 
caner zur  Verbreitung  der  katholischen  Religion,  beschrieb  aber  in  sei- 
nem Noiweau  voyage  uux  isles  de  l'Amerique  Paris  1722  in  sechs  Bänden 
die  vollständige  Geschichte  der  Culturpflanzen ,  des  Tabak,  Indigo, 
Kakao,  Orleans,  des  Zuckerrohrs  und  der  Baumwolle.  —  Dasselbe  that 
Brue  für  Afrika  in  seiner  „Nouvelle  relation  de  TAfrlque  occidentale'' 
Paris  1728  in  fünf  Bänden,  worin  im  zweiten  Bande  die  Amyris  Kafal, 
Oresceniia  Cujete,  Acacia  vera,  Intropha  Manihot  u.  a.  beschrieben  werden. 
—  Thomas  Shaw,  Theolog  und  Archäolog,  reiste  nach  Aegypten,  Nord- 
afrika und  Syrien  und  seine  „Travels  or  Observation s  relating  to  several 
parts  of  Barbary  and  ihe  Levant"  Oxford  1738  verzeichnen  an  632  von 
Dillenius  bestimmte  Pflanzen,  worunter  einige  auf  6  Kupfert.  abgebildet 
sind.  —  Diejenige  Reise,  welche  eine  Gesellschaft  von  Spaniern  und 
Franzosen  unter  Anführung  des  Grafen  Manrepas  in  das  tropische 
Amerika  im  Jahre  1735  anstellte,  um  einen  Grad  der  Breite  unter  dem 
Aequator  zu  messen  und  so  die  eigentliche  Gestalt  der  Erdkugel  be- 
stimmen zu  können,  wurde  auch  von  Charles  Maria  de  la  Condamine, 
Bouguer  und  Godin  als  Astronomen  und  Feldmesser,  dann  von  Joseph 
Jussieu  als  Botaniker  und  Morainville  als  Maler  getheilt.  Sie  vereinigten 
sich  zu  Carthagena  mit  den  Spaniern  Georg  Juan  und  Anton  JJlloa,  in 
deren  Gesellschaft  sie  die  Andesgebirge  erstiegen.  Jussieu  musste  lange 
als  Arzt  fungiren,  1747  begann  er  die  Paramos  allein  zu  durchwandern 
bis  an  die  Quellen  des  la  Plata,  von  wo  er  erst  1750  über  Potosi  nach 
Lima  zurückkehrte,  um  nach  Europa  zu  reisen,  Avobei  er  geisteskrank 
wurde,  indessen  hat  A.  L.  Jusvieu  die  durch  ihn  gesammelten  Pflanzen 
erhalten.  Condamine  bereiste  1743  von  Loxa  aus  die  Ufer  des  Ama- 
zonenflusses und  ging  durch  die  ungeheueren  Ebenen  von  Neu-Anda- 
lusien,  Cumana  und  Carracas  nach  Cayenne :  „Belation  abregee.  d'un  voyage, 
fail  dans  finterieur  de  l'Amerique  meridionale.  Paris  1745.  Die  Cinchona 
Condaminea  trägt  seinen  Namen,  sowohl  diese  als  die  Siphonia  Cahuchu 
lehrte  er  kennen.  Ulloa  und  Juan  durchreisten  Peru  und  Chile  nebst 
der  Insel  Juan  Fernandez:  „Belacion  del  viage,  que  hizieron.  Madrid  1748 
in  vier  Bänden.  —  Renatus  Moreau  de  Maupertius  reiste  1736  nach  den 
Polargegenden  um  Gradmessungen  anzustellen  in  Begleitung  des  Geist- 
lichen Oufhier,  das  „Journal  d'un  voyage  au  Nord/'  Amstelod.  1746  ent- 
hält die  naturhistorischen  Ergebnisse.  —  Joh.  Burmann,  geb.  in  Amster- 
dam 1707,  t  1780,  bearbeitete  das  Herbarium,  welches  Paid  //ermann, 
geb.  in  Halle  1640,  f  1695  als  Prof.  in  Leiden,  aber  acht  Jahre  lang 
Arzt  bei  der  holländischen  Factorei  in  Ceylon  gesammelt  hatte,  nach 
seinem  Tode  erschien  erst  das  „Museum  ceylanicum"  1726,  dann  von 
Hermann   der   „Thesaurus  ceilanicus"  Amstelod.  1737  mit  110  Kupfertaf. 


63 

—  Albert  Seba  in  Ostfriesland,  geb.  1665,  f  1736  als  Apotheker  in  Am- 
sterdam, brachte  ein  grosses  Naturaliencabinet  von  Earitäten  aller  Welt- 
theile  zusammen  und  verkaufte  dasselbe  an  Peter  I.,  sammelte  dann 
eii^neues  und  beschrieb  dieses  in  einem  grossen  Werke  in  4  Foliobänden, 
„Locupletissinius  rerum  naturaUum.  Thesaurus"  Amstelod.  1734  —  65  mit 
449  Kupfertafeln. 

Afrika  wurde  in  seinem  Norden  von  Renatus  Besfontaines  1783— 
85  bereist  und  seine  Flora  atlantica  erschien  1800  in  Paris.  /.  L.  M, 
Poiret  durchreiste  Numidien  1785  —  86  und  sein  Voyage  en  Barbarie  er- 
schien Paris  1789.  —  Dänemarks  Consul  P.  K.  A.  Schousboe  verdanken 
wir  die  Beobachtungen  über  das  Gewächsreich  in  Marocco.  Ch.  Nicol, 
Sigisb-  Sonnini  de  Manancour  voy.  dans  la  haute  et  basse  Egypte  erschien 
in  3  Bänden  durch  Tardieu.  Paris  1799,  Leipzig  1800.  —  Nächst  dem 
früher  erwähnten  Bruce  sind  W.  G.  Browne' s  „Travels  in  Africa'%  London 
1799,  für  das  mittlere  Afrika  zu  nennen.  Michel  Adanson  blieb  4  Jahre 
am  Senegal  und  seine  Hist.  nal.  du  Senegal,  Paris  1757,  lehrt  zum 
erstenmale  die  genaue  Kenntniss  des  nach  ihm  genannten  Baobabbau- 
mes und  vieler  anderer  Pflanzen  so  wie  der  dortigen  Thierwelt.  Pierre 
Sonnerat  trug  auch  durch  seinen  „Voyage  aux  Indes  orientales  etc."  s, 
diesen,  worin  er  das  Cap  de  bonne-Esperance,  les  Isles ,  de  France  et  de 
Bourbon  berührte,  zur  Kenntniss  von  Afrika  Bedeutendes  bei.  Isert 
gab  seine  „Reise  nach  Guinea,  Kopenh.  1790"  und  Vahl  und  Willdenow 
beschrieben  die  Pflanzen,  die  er  entdeckt  hatte.  Adam  Afzelius  gab  die 
„Genera  plantarum  guineensium,  Upsal  1809.  Palisot-Beauvois  erschloss 
die  eigenthümliche  Flore  dOware  et  de  Benin.  Paris  1805  — 10.  Von 
Bruce  war  schon  S.  57  oben  die  Rede. 

Südafrika  hatte  bei  weitem  die  meisten  Besuche  erhalten  und  Peter 
Jonas  Bergius,  f  1790,  Prof.  in  Stockholm,  bearbeitete  zuerst  die  Flora 
des  Landes,  nachdem  Michael  Grubb,  Vorsteher  der  Ostdeutschen  Gesell- 
schaft, die  Gewächse  gesammelt  und  mitgebracht  hatte :  Descript.  plant, 
e  capite  bonae  spei.  Stockholm  1767.  —  Andreas  Sparrmann  war  1765 
mit  Capitän  Gustav  Ekeb er g  in  Ostindien  gewesen  und  blieb  1771  u.  72, 
dann  bis  76  am  Cap,  wo  er  für  Zoologie  und  Botanik  zugleich  thätig 
war:  Resa  til  goda  hopps-udden.  Stockholm  1783.  Karl  Peter  Thunberg, 
des  Jüngern  Linnees  Nachfolger  in  der  Professur,  lebte  in  Südafrika  von 
1772 — 78  unci  bearbeitete  nach  seiner  reichen  Sammlung  die  erste  aus- 
führlichere „Flora  capensis  in  Lpsala  nehst  prodromus  1794 — 1800.  Seine 
„Reisen  in  Afrika  und  Asien"  erschienen  auch  deutsch  Berlin  1792.  Thun- 
berg hat  zugleich  in  einer  grossen  Anzahl  von  Abhandlungen  Insecten 
beschrieben.  —  Die  Gärtner  Boor  u.  Scholl  wurden  vom  Kaiser  Franz  I. 
nach  dem  Cap  und  Isle  de  France  gesendet  und  kehrten  1780  mit  rei- 
chen Pflanzenentdeckungen  zurück.  —  fVill.  Patersons  „Reisen  in  das  Land 
der  Hottentotten"  gab  Joh.  Reinh.  Forster  Berlin  1790.  —  Peter  Maria 
Broussonet,  geb.  1761,  f  1807,  durchforschte  die  Canarischen  Inseln  und 


64 

theilte  seine  botanischen  Sammlungen  an  Willdenow  mit.  —  Pierre  Poivre 
bis  1775  Statthalter  auf  den  Maskarenen,  Hess  durch  Sonnerat  aus  Neu- 
Guinea  den  Muskatnuss-  und  Gewürznelkenbaum  dahin  verpflanzen  und 
legte  einen  schönen  botanischen  Garten  auf  Isle  de  France  an.  Sftine 
Sammlungen  waren  bedeutend,  die  von  ihm  gesammelten  Vögel  wurden 
von  Brisson  beschrieben.  Sein  Nachfolger  in  der  Aufsicht  des  botani- 
schen Garten  wadi  Nicolaus  von  Cere  f  1810,  welcher  ebenso  die  Botanik 
und  die  Botaniker  forderte,  wie  er  nur  konnte.  —  Philibert  Commerson 
zu  Chatillon  les  Dombes  geb.  1727,  f  1773  auf  Isle  de  France,  legte  in 
seinem  Geburtsorte  einen  botanischen  Garten  an  und  gab  auf  Linnees 
Wunsch  eine  Ichthyologie  des  mittelländischen  Meeres  für  die  Königin 
von  Schweden  heraus.  Er  reiste  1767  mit  Bougainville  nach  Südamerika 
und  nach  den  Südseeinseln  und  Isle  de  France,  wo  er  fünf  Jahre  lebte 
und  zweimal  nach  Madagaskar.  Seine  Entdeckungen  und  sorgfältigen 
Untersuchungen  dessen,  was  er  entdeckt  hatte,  übertrafen  alle  Erwar- 
tung, er  hatte  über  5000  Arten  Pflanzen  gesammelt.  Auch  seine  zoolo- 
gischen Sammlungen  kamen  an  das  Pariser  Museum. 

Peter  Osbeck,  ein  schwedischer  Schiffsprediger,  war  einer  der  ersten, 
welcher  Java  und    China  besuchte:    „Dagbok    ösfer    en   ostindisk  resa''- 
Stockholm  1757.  —  Was  schon  sein  Vater,  dann  Outgaerden,  Prijon  und 
Lorenz  Gar  ein  gesammelt  hatten  YQVQVixiQ  Nie.  Lorenz  Burmann,  geb.  1734, 
t  1793,  Professor  in  Amsterdam  für  seine  Flora  indica  Lugdb.  1768  mit 
67  Kupfertaf.  —  Chriat.  Friis  Botthöll,  geb.  1727,  f  1797,  Prof.  in  Kopen- 
hagen, beschrieb  die  meist  vom  Missionsarzt  Joh.  Gerh.  König  zu  Tran- 
{[uebar  mitgetheilten  Gewächse  mit  Abbild.  Havn.  1773.  —  Sonnerat  ist 
schon   oben   erwähnt.    —    Will.  Marsden  gab  eine   „Hislory   of  Sumatra" 
Lond.  1784  und  Jac.  Cornel.  Matth.  Bademacher,  geb.  1741,  f  1783,  als 
Rath  der  Ostind.  Gesellschaft  die  erste  Aufzählung  der  Pflanzen,  welche 
sich  auf  Java  gefunden,   in  holländischer  Sprache  Batav.  1780  —  82.  — 
William  Jones,  f  1 794,  ein  Richter  in  Bengalen,  gab  seine  Bemerkungen 
über   indische    Pflanzen   in    den  Asiatic   researches.  —    Will.   Boxburgh's 
Prachtwerk :  „Ptants  of  the  coast  of  Coromandel"  erschien  in  drei  grossen 
Foliobänden  in  London  1795.     .foh.  de  Loureiro,  Missionär  aus  Lissabon 
lebte   lange   in    Cochinchina   und    in  Mozambique  und  Hess  nach  seiner 
Rückkehr  die  „Flora  cochinchinensis"  in  zwei  Bänden  üllyssipona  1790, 
dann  wieder   in  Berlin  1793    erscheinen.  —  Franz  Buchanan,   Begleiter 
des    Mich.  Symes ,    auf  seiner  Gesandtschaftsreise   nach  Ava   botanisirte 
fleissig  und  Joseph  Banks  gab  die  Abbild,  und  Beschreibung  der  Pflanzen  : 
.Ircount  of  an  embassy  to  the  kingdom  of  Ava.     London  1800. 

Carl  Peter  Thunberg  (s.  oben  S.  63)  brachte  das  Jahr  \  776  in  Japan 
zu  und  hat  mit  grösster  Mühe  die  Naturgeschichte  dieses  merkwürdigen 
Landes  erforscht:  „Voyage  au  Japon  etc.''  ed.  fr.  Paris  1796.  „Flora  ja- 
ponica"  Lips.  1784  mit  40  Kupfertaf.  —  Graf  Alexis  Razvmofsky  unter- 
stüzte  naturhistorische  Reisen  im  russischen  Reiche.  —  Pet.  Simon  Pallas, 


fi5 

geb.  in  Berlin  den  22.  Sept.  1741,  f  das.  1811  d.  8.  Sept.,  Akademiker 
und  Inspector  des  K.  K.  Naturaliencabinets  in  St.  Petersburg,  bereiste 
die  entlegeneren  Districte  des  russischen  Keichs  von  1770  bis  1773: 
„Reisen  durch  verschiedene  Provinzen  des  russischen  Reichs^'  in  3  Theilen, 
Petersburg  1771 — 76  mit  104  Kupfert.  dann  „Bemerk,  auf  einer  Reise 
in  die  südl.  Statthalterschaften  des  russ.  Reichs'^  in  zwei  Bänden  Leipzig 
1799 — 1800;  ferner:  „Flora  rossica"  zwei  Bände  Petrop.  1784  und  88, 
Fol.  mit  100  illustr.  K.  und  „Illustrationes  plantarum  minus  cognitarum" 
Lips.  1803  vorzüglich  Salzpflanzen  der  Steppen.  Noch  thätiger  Avar 
Pallas  als  Schriftsteller  für  Zoologie  aller  Classen.  So  für  die  Phytozoen  : 
„Characteristik  der  Thierpflanzen  etc."  herausgegeben  mit  Anmerk.  von 
Chr.  Fr.  Wilh.  Wilkens  von  /.  F.  W.  Herbst  mit  27  Kupfert.  in  2  Theilen 
Nürnberg  1787,  dann  die  „Icones  insectorum"  mit  8  illum.  K.  Erlangen 
1781.  Die  „Miscellanea  zoologica"  mit  14  Kupf.  Haag  1766  und  Lgdb. 
1778.  Die  „Spicilegia  zoologica"  mit  58  Tafeln  in  zehn  Heften.  Berlin 
1767 — 74.  yNovae  spec.  quadruped.  e  glirium  ordine"  mit  39  Kupfertaf. 
Erlangen  1778  —  79  und  1784.  Höchst  ausgezeichnet  und  wegen  seines 
reichen  Inhaltes  wichtig  ist  die  „Zoographia  Rosso-Asiatica"  in  3  Bänden, 
welche  sich  über  die  Wirbelthiere  dieses  grossen  Reiches  erstrecken. 
Petrop.  1811  u.  1831.  Von  den  dazu  gehörigen  Icones  sind  nur  sechs 
Hefte  erschienen.  Er  begann  seine  Laufbahn  mit  einer  „Dissertatio  de 
infestis  viventibus  intra  viventia"  Lgdb.  1769.  Pallas  bleibt  für  alle  Zei- 
ten ein  erhabenes  Muster  als  naturforschender  Reisender,  als  sammeln- 
der, beobachtender,  beschreibender  und  bildlich  darstellender  Naturfor- 
seher. —  Samuel  Gottlieb  Gmelin  reiste  am  Don  hinauf,  nach  Astrakan, 
an  die  südl.  Küsten  des  kaspischen  Meeres,  ging  nach  Zarizin  und  im 
folgenden  Jahre  in  das  nördliche  Persien,  wo  er  verdächtig  wurde  und 
sein  Leben  im  Kerker  beschloss.  „Seine  Reise  durch  Russland"  in  vier 
Bänden  1770 — 84  giebt  für  Naturkunde  geringe  Resultate.  —  Joh.  Gottl 
Georgi  reiste  als  Akademiker  in  Petersburg  mit  dem  Schweden  Johann 
Peter  Falk,  geb.  1730,  f  1774,  welcher  aber  aus  Melancholie  in  Kasan 
sich  selbst  tödtete,  und  dann  mit  Pallas  an  den  Ural  und  nach  Südsibirien : 
„Bemerkungen  einer  Reise  im  Russ.  Reiche,  Petersburg  1775,  nebst  einer 
Flora  des  Baikal-See."  —  Johann  Anton  Güldenstä dt  in  Lief  land  geb.  1745, 
1 1781,  Akademiker  in  Petersb.,  bereiste  die  Krimm  :  „Reisen  durch  Russ- 
land und  im  caucasischen  Gebirge,  herausgegeben  von  Pallas  in  zwei 
Theilen.  Petersb.  1787  und  1791.—  Karl  Ludwig  Hablizl  aus  Preussen, 
später  Oekonomie-Aufseher  in  Taurien,  war  im  Norden  Persiens  gereist 
und  S.  G.  Gmelin  beschrieb  seine  Pflanzen.  —  hvan  Lepechin,  ebenfalls 
Akademiker  in  Petersburg,  bereiste  den  Nordwesten  von  Russland  in 
Europa  wie  in  Asien  und  gab  ein  „Tagebuch  der  Reise  durch  verschie- 
dene Provinzen  des  missischen  Reichs"  in  drei  Theilen.  Altenburg 
1774—83.  —  Erich  Laxmann,  11796,  Prediger  in  Kolywan,  machte  neue 
Pflanzen    in    den  Nov.  commentat.  Petropolit.  bekannt.  —  Joh.  Sievers  be- 


66 

schreibt  in  Briefen  an  Pallas  ächte  Rhabarber  und  andere  Gewächse 
Mongoliens,  wonach  sie  von  letzterem  in  den  Nordischen  Beiträgen  ver- 
öffentlicht wurden.  —  (jvai  Apollo  Musnin-Puschkin,  f  1805,  reiste  in  der 
Krimm  1800  und  1801  und  verbreitete  durch  Exemplare  und  Saamen 
die  Kenntniss  vieler  dortigen  Pflanzen.  —  Das  Ausgezeichnetste  für  die 
Krimm  lieferte  Friedr.  Freih.  Marschall  von  Dieherstein  nach  eigenen  For- 
schungen auf  Reisen  und  nach  den  Mittheilungen  insbesondere  von 
Hahlizl,  Helm,  Londes,  Redorvsky,  Salesow,  Steven,  Tauscher  u.  A.  in  seiner 
.^Beschreibung  der  Länder  am  Kaspischen  Meere,  Frankfurt  1800,"  vor- 
züglich aber  nach  seinen  1798,  1802  u.  1805  angestellten  Reisen  in  der 
Krimm  durch  die  „Flora  iaurico-caucasica"  in  zwei  Bänden  1808,  wozu 
noch  später  als  Suppl.  ein  starker  dritter  Band  erschien. 

Amerika.  —  Joh.  Claylon,  Arzt  in  Virginien,  sendete  die  von  ihm 
gesammelten  Pflanzen  an  Joh.  Friedrich  Gronovius,  geb.  1690,  f  1762, 
Kurator  in  Leyden,  welcher  darnach  seine  „Flora  virginica"  Lgdb.  1743 
in  zwei  Bänden  herausgab.  Theodor  Lorenz  Gronovius,  Sohn  des  vorigen, 
gab  dieselbe  1762  wieder  heraus.  —  Mitchell  und  Golden  sammelten  um 
Neu-York  und  Linnee,  welcher  die  Pflanzen  erhielt,  machte  sie  1743,  44 
bis  50  in  den  Act.  Upsal.  bekannt.  Auch  Coldens  Tochter  Miss  Jenny 
hinterliess,  f  1754,  eine  Flora  von  Neu-York  mit  Abbildungen,  welche 
durch  Wangenheim  Baidinger  und  von  diesem  Joseph  Banks  erhielt.  — 
Peter  Kalm  aus  Finnland,  geb.  1715,  f  1779,  später  Prof.  in  Abo,  wurde 
nach  Nordamerika  gesendet  um  den  rothen  Maulbeerbaum  für  Einführ- 
ung des  Seidenbaumes  zu  holen.  Er  lebte  1747 — 49  in  Pensylvanien, 
Neu-York  und  New-Yersey  und  theilte  seine  Entdeckungen  an  Linnee 
mit.  Seine  Reise  beschrieb  er  in  schwedischer  Sprache,  Stockholm  1753 
in  drei  Bänden.  —  Joh.  Bartram  reiste  an  die  Canadischen  Landseen 
und  gab  „Ohservations,  made  in  his  travels^^  London  1751.  —  Pet.  Franz 
Xaver  Gharlevoix ,  geb.  1684,  f  1761,  Missionär  der  Jesuiten  zu  Quebek 
hat  in  der  „Histoire  et  descript.  gen.  de  la  nouvelle  France"  in  drei  Bän- 
den, erschienen  in  Paris  1744,  auch  die  dortigen  Naturprodukte  genannt. 
David  Crantz,  Missionär  der  Herrnhuthcr,  gab  eine  Historie  von  Grön- 
land, wohin  er  geschickt  worden.  —  Friedr.  Ad.  Jul.  v.  Wangenheim, 
preuss.  Oberforstmeister,  war  in  Amerika  gewesen  und  machte  besonders 
die  dortigen  Waldbäume  durch  seine  Werke  bekannt.  —  Thomas  Walters 
Flora  Caroliniana  Lond.  1788,  Humphry  Marshalls  Arbustum  americanum 
Philad.  1785  und  Ludw.  Castiglioni's  Yiaggio  negli  stati  uniti  dell'  Amer. 
settentrionale"  in  zwei  Bänden,  Milano  1760,  enthält  ebenfalls  natur- 
historische, insbesondere  botanische  Beiträge.  —  Heinrich  Mühlenberg, 
t  1815,  Prediger  in  Lancaster'in  Pensylvanien,  hat  eine  Menge  von 
Pflanzen  in  Nordamerika  gesammelt  und  an  Botaniker  vertheilt,  er  selbst 
gab  ein  Vferzeichniss  seiner  Flora  heraus,  Lancaster  1813.  —  William 
Bartra?n's  (Sohnes  von  Joh.  Bartram) :  Travels  through  North-  and  Sud- 
Carolina.  Philad.  1791.  —  Bavid  Schöpf:   Reise   durch  die  nordamerika- 


67 

nischen  Staaten,  Erlg.  1788  und  ArcMhaU  Menzies  als  Begleiter  des 
Capit.  Georg  Vayicovver  in  den  nördlichen  Theil  des  stillen  Meeres,  wo 
er  Pflanzen  sammelte  und  diese  in  den  Transact.  of  Linn.  Soc.  beschrieb, 
vermehrten  die  Kenntnis s  der  Natur  jener  Länder. 

Weslindien  wurde  von  Grifflth  Hughes,  einem  Geistlichen  auf  Barba- 
does  durch  seine  „Naturai  history  of  Barhadoes^  London,  1750  fol."  er- 
schlössen.  —  Der  Irländer  Patrick  Browne  hat  nach  ihm  mit  grossem 
Fleisse  und  tieferer  Sachkenntniss  beobachtet  und  unermüdet  gesammelt 
und  seine  „Civil  and  natural  history  of  Jamaica.  London,  1756"  ist  ein 
ausgezeichnetes  Werk.  —  Nicolans  Joseph  von  Jacquin  wurde  vom 
Kaiser  Franz  I.  mit  dem  Gärtner  Richard  van  der  Schot  im  Jahre  1754 
nach  Westindien  gesendet  und  sammelte  daselbst  für  den  Garten  zu 
Schoenbrunn  bis  1759.  Sieben  Schiffsladungen  Gewächse  kamen  aus 
Curassao  und  den  westindischen  Inseln  und  noch  überdies  Sendungen 
durch  Boor,  Bredemeyer  und  Marter  aus  Florida,  Carolina  u.  a.  ameri- 
kanischen Ländern  im  Jahre  1784.  Bredemeyer  und  Schacht  wiederhol- 
ten die  Reise  und  kehrten  1788  mit  neuen  Resultaten  zurück.  Die 
„Enum.  syst,  plant,  quas  in  insulis  caribaeis  detexit  Lgdb.  1760" ,  die 
,,Selectarum  stirpium  americanarum  historia  Vindoh.  1763  fol."  und  die  „Ob- 
servat.  botaiiicae"  in  4  Bänden  Vindob.  1764—71  in  Fol.,  endlich  der 
„Hortus  Schambrunnensis"  in  4  Fol.-Bänd.,  Vind.  1797  geben  Zeugniss 
von  diesem  Reichthume.  Ebenso  schuf  Jacquin  Denkmäler  für  den 
Garten  in  Wien,  den  „Hortus  botanicus  Vindob onensis"  in  3  Fol.  Bänden. 
Viennae  schon  1770 — 76,  die  drei  grossen  Foliobände  der  Icones  plan- 
iarum  rariorum  Vienn.  1781  —  95  und  Collecianea  üd  botanicam  et  zoologiam 
spectantia  in  4  Bänden  Vienn.  1786—96.  Olaiis  (Olaf)  Swartz,  geb.  in 
Stockholm  1760,  f  1817,  Professor  in  Stockholm,  war  gleichfalls  in 
Westindien  von  1783 — 87  und  gab  die  „Nova  genera  et  spec.  plant.  Holm 
1788.  Die  Observat.  bot.  Erlang.  1791.  Die  Flora  Indiae  occidentalis  m 
3  Bänden.  Erlang.  1797 — 1806,  die  Orchideae  in  den  Act.  Soc.  sc.  ups. 
Stockh.  Abhandl.  und  Schraders  Journal  1799.  Die  Synopsis  filicum  er- 
schien erst  1806. 

Südaynerika.  Pierre  Barrere,  f  1 755,  gab  eine  Untersuchung  „Sur  la 
cause  physique  de  la  coideur  des  negres  etc."  Paris  1741,  und  einen  „Essai 
sur  Thist.  nat.  de  la  France  equinoxiale."  Paris  1741  zum  erstenmale  die 
Naturalien  von  Guiana  betreffend.  —  Peter  Löfling  1729,  f  1756,  ein 
Schüler  Linnees,  wurde  von  der  spanischen  Regierung  durch  den  Mini- 
ster Carvajal  nach  Cumana  und  Guiana  gesandt,  starb  aber  daselbst  und 
Linnee  beschrieb  seine  „Resa  til  spanika  landerna."  Stockholm  1758. — 
Berühmter  Avurde  das  Werk  des  Apotheker  Fusee  Aublet,  welcher  1762 
— 64  mit  grossem  Fleisse  in  Guiana  gesammelt  und  beobachtet  hatte. 
Seine  „Histoire  des  plantes  de  la  Guiane  Francoise"  besteht  aus  vier 
Quartbänden  und  enthält  392  Kupfert.  mit  deutlichen  Darstellungen  der 
Pflanzen.     Paris  1775.  —  Geringer  sind   die  Beiträge,   welche  Bottboell 


68 

in  seinen  „Descript.  plant,  rar.  Havn.  1776."  gegeben.  —  Donwiico  Van- 
delli  erneute  wieder  die  Erinnerung  an  Brasilien  durch  seinen  „Fascicu- 
lus  plantanim.  öhjssip.  1771.  —  Giov.  lynaz  Molina  eröffnete  durch  sein 
.,Compendio  della  storia  geographica  naturale  e  civile  del  regno  del  Chile'' 
mit  10  Kupf.,  Bologna  1776,  und  seinen  „Saggio  siilla  storia  naturale  del 
Chile, "^  mit  7  Kupf.  Bologna  1782,  die  Kenntniss  dieses  merkwürdigen 
Landes  und  erregte  dafür  so  viele  Theilnahme,  dass  diese  Berichte  in 
mehreren  Sprachen  bearbeitet  wurden,  auch  deutsch  :  „  Versuch  einer.  Äatur^ 
geschichte  von  Chili''''  übersetzt  von  /.  T).  Brandis.  Leipz.  1786.  —  Jos. 
Cölestin  Mutis,  geb.  in  Cadix  1734,  f  1809  auf  Santa  Fe  de  Bogota,  hatte 
schon  an  Zmn<?e  Gewächse  gesendet  und  beobachtete  selbst  fleissig,  vorzüg- 
lich verdanken  wir  ihm  die  nähere  Kenntniss  der  Cinchonen.  —  Jos.  Bom- 
bay, geb.  1742,  f  1795  reiste  mit  den  Spaniern  Hippol.  Ruiz  und  Jos. 
Pavon,  von  1779 — 98  durch  Peru,  Chile  und  die  benachbarten  Districte. 
Letztere  gaben  erst  den  „prodromus  Florae  peruan.  et  chil  Madrit.  1794. 
Rom  1797,  dann  die  grosse  „Flora  peruviana  et  chilensis"  in  3  Foliobänden. 
Madr.  1798.  Auch  Ruiz  untersuchte  die  Chinarindenbäume  und  gab 
eine  ,^Quinologia"  Madr.  1792.  Bon  Pernetty  hat  als  Geistlicher  und 
Bougainvilles  Begleiter  durch  seine  „Histoire  d'un  voyage  aux  iles  Malou- 
ines'-'  in  2  Bänden,  Paris  1770,  und  durch  die  „Biss.  sur  rAtnerique  et 
les  naturels  de  cette  pariie  du  monde,  Berlin  1770,  welche  sich  als  An- 
hang zuCornel  de  Paum  rech,  philo soph.  sur  les  Americans,  Berl.  1770,  be- 
findet, manche  Aufklärung  über  die  Natur  Amerikas  gegeben.  Des 
grossen  Alexander  von  Humboldt  und  ebenso  Aime  Bonplands  gedenken 
wir  für  das  neunzehnte  Jahrhundert. 

Südsee.  James  Cook,' geh.  zu  Marton  in  der  Grafschaft  York  1728,  f  1779 
den  14.  Februar,  reiste  mit  Joseph  Banks,  geb.  zu  Revesby,  Abtey  in 
Lincolnshire  1743,  welcher  schon  1765  Neufoundland  und  Labrador  be- 
reist hatte,  von  1769  an  um  die  Welt  und  brachte  den  Brodbaum  mit 
auf  die  amerikanischen  Inseln.  Die  naturhistorischen  Entdeckungen 
wurden  durch  verschiedene  Gelehrte,  namentlich  J.  Ellis,  S.  M.  A.  Broiis- 
sonet,  Jos.  Gärtner  und  vor  allen  Robert  Brown  bekannt  gemacht.  Cooks 
zweite  Reise  theilte  Joh.  Reinh.  Forster,  zu  Dirschau  im  poln.  Preussen 
geb.  1729,  t  1798  als  Professor  in  Halle.  Er  reiste  früher  nach  Sara- 
tow,  ging  1766  nach  London  und  wurde  Professor  in  Warringhton,  wel- 
ches Amt  er  verliess  und  am  26.  Juni  1 772  mit  seinem  siebenzehnjähri- 
gen Sohne  Georg,  geb.  1754,  f  1794  absegelte.  Am  Cap  gesellte  sich 
noch  Sparrman  dazu.  Das  Feuerland,  Neuseeland,  die  freundschaft- 
lichen und  Societäts-Inseln,  die  neuen  Hebriden,  Neu-Caledonien,  Tanna 
und  die  Marquesäs  wurden  besucht  oder  kennen  gelernt.  /.  R.  Forsters 
..Bemerkungen  über  Gegenstände  der  physischen  Erdbeschreibung  wid  Na- 
turgeschichte auf  einer  Reise  um.  die  Welt  gesammelt,  Berl.  1783,  ist  wich- 
tig. Die  fleissigen  zoologischen  Arbeiten  blieben  lange  liegen,  und 
wurden  erst  durch  Heinr.  Lichtenstein:  „descript.  animalium   etc.,   Berlin 


60 

1844,  bekannt.  Georg  Forster  gab  mit  dem  Vater  die  „Characteres plan- 
tarum"  Lond.  1776,  dann  allein  den  „Prodr.  Florulae  insul.  australiwn" 
Göttingen  1786,  eine  magellanische  Flora  und  Flora  von  St.  Helena  und 
Ascension  in  den  Comment.  Gröttingens.  1787,  eine  Arbeit  „de  planus  es- 
culentis  ins.  australiimi,''  Berlin  1786.  —  Pierre  Sonnerat,  geb.  zu  Lyon 
1745,  t  1814  in  Paris.  Sein  „Voyage  a  la  Nouvelle  Giäne'e",  Fa,ris  IIHJ, 
auch  deutsch :  „Heise  nach  Neu-Gm?iea,  nebst  Beschreibung  der  Philippinen 
und  der  Mollukken'-',  übersetzt  von  J.  B.  Ebeling,  Leipz.  1777,  enthält 
-wichtige  Neuigkeiten  für  Zoologie  und  Botanik.  Ebenso  Thomas  For- 
rest's\  „Voyage  to  new  Guinea'',  Lond.  1779.  —  Die  Resultate  der  Reise 
von  Malaspina  und  L.  Nee  nach  Südamerika,  Mejiko,  den  Philippinen 
und  Inseln  der  Südsee  gaben  eine  reiche,  botanische  Ausbeute,  welche 
Cavanilles  für  seine  „Icones  et  descript.  plantarum''  Madr.  1798 — 99  be- 
nutzte. —  Ferdin.  de  Noronha's  botanische  Sammlungen  sind  durch  Cos- 
signy  an  La  Billardiere  gelangt.  —  Neuholland  war  nach  Magelhaens 
Entdeckungen  erst  von  dem  Holländer  Bick  Hartigh  im  Jahre  1616  auf- 
gefunden worden.  Erst  1629  erhielt  der  Welttheil  durch  Franz  Palsaerl 
den  obigen  Namen  und  Cook  führte  für  die  Ostküste  den  Namen  Neu- 
Süd-Wales  ein.  Die  Engländer  begründeten  1788  die  Colonie  zu  Bo- 
tany-Baj,  die  Wunder  der  Natur  aus  Neuholland  waren  in  Europa  von 
dieser  Zeit  an  der  Gegenstand  des  Verlangens  und  der  Erforschung  und 
unter  die  ersten  Arbeiten  der  Art  gehörten  die  von  James  Edw.  Smith 
in  seinem  „Specimen  of  the  botany  of  Nerv -Holland"' ,  Lond.  1 793.  Die 
in  den  „Transactiones  of  the  Linnean  /Soc/e/y  und  was  in  mehren  Kupfer- 
werken erschienen,  z.B.  „Icones  pictae" ,  Lond.  1770 — 93,  Icones  plantarum 
hactenus  ineditae,  Lond.  1789 — 91,  und  Ani/l.  Salisbury,  in  seinen  „Icones 
stirp.  rariorum"  Lond.  1792.  Henri  Andrews  „The  botanists  Repository" 
begann  1797,  sowie  William  Curtis  „Bolanical  Magazine  or  Flotver  Garden 
Bisplay ed",  welches  in  London  1790  begann  und  bis  auf  den  heutigen 
Tag  fortgesetzt,  von  jener  Zeit  an  ein  wahres  Repertorium  für  die  zur 
Cuitur  in  die  Gärten  gekommenen  Pflanzen,  für  das  Studium  dar- 
bietet. 

Eine  Fortsetzung  dieses  Thema  wird  ebenso  flüchtige  Blicke  über 
die  Anstalten  und  über  die  Männer,  welche  in  das  XIX.  Jahrhundert 
eingingen  und  über  einige,  welche  dieses  Jahrhundert  geboren,  verbrei- 
ten, um  auf  diesem  Wege  die  Vorlegung  und  weitere  Erläuterung  der 
wichtigsten  der  genannten  und  hier  vorhandenen  Werke  für  die  Ver- 
sammlungen der  Gesellschaft  Isis  einleiten  und  dann  zu  einer  Anschau 
ung  der  Gegenwart  gelangen  zu  können.  Dabei  sollen  erst  diejenigen 
Richtungen  der  Wissenschaft  berührt  werden,  welche  bisher  nur  unvoll- 
kommen vorbereitet;  erst  in  der  späteren  Zeit  ihre  Bedeutung  erlangten, 


70 


Ueber  die  Porphyre  der  Umgegend  von  Leisnig. 

Von  Dr.  Müller  daselbst. 

Das  Porpliyrgebiet  der  Umgegend  von  Leisnig^  ein  Theil  des  grossen 
erzgebirgischen  Porphyrmassivs,  gibt  bei  einer  genaueren  Untersuchung 
zu  einer  Menge  interessanter  Beobachtungen  Gelegenheit,  deren  Haupt- 
resultat die  schon  früher  von  Neumann  *j  ausgesprochene  Vermuthung 
völlig  bestätigt,  es  möge  jenes  ausgedehnte  Porphyrterrain  aus  einer 
grossen  Anzahl  verschiedener,  sowohl  in  ihrem  petrographischen  Cha- 
rakter, als  auch  in  ihrem  relativen  Alter  von  einander  abweichenden 
Porphyrmassen  zusammengesetzt  sein. 

Wenn  schon  durch  die  neuen  Naumann'schen  Untersuchungen  **) 
in  Bezug  auf  das  grosse  Porphyrmassiv  überhaupt  eine  mannichfaltige 
Gliederung  sich  herausgestellt  hat,  so  gilt  dies  in  einer  ausgezeichneten 
Weise  auch  von  dem  bisher  als  Einheit  angenommenen  Leisniger  Por- 
phyr insbesondere. 

In  dem  einer  speciellen  Betrachtung  unterworfenen  Distrikte,  im 
Umkreise  von  \^-i  Stunden  von  Leisnig  einem  sanft  undulirten  Hügel- 
lande, welches  nur  durch  die  Mulde  und  einige  bedeutendere  Bäche 
theilweise  schroffere  Einschnitte  erhalten  hat,  ist  das  Grundgestein  Por- 
phyr verschiedener  Art,  der  indessen  nur  an  verhältnissmässig  wenigen 
Stellen  einer  Beobachtung  sich  darstellt,  indem  er  von  aussen  an  den  er- 
wähnten schrofferen  Thalabhängen,  fast  überall  mit  meist  sehr  mäch- 
tigen Sedimentärgebilden  bedeckt  ist,  die  zum  kleinen  Theile  der  secun- 
dären,  zum  grossen  Theile  der  tertiären  und  Diluvial-Periode  angehören. 
Namentlich  sind  es  10  bis  50  Ellen  und  darüber  mächtige  Lagen  von 
GeröUe,  Sand,  Thon  und  Lehm,  welche  die  flach  ansteigenden  Hügel 
und  Kuppen  der  hiesigen  Gegend  zusammensetzen  und  sich  bis  an  die 
steilern  Abhänge  der  Thäler  hinziehen. 

Diese  ausgedehnte  Ueberlagerung  des  Grundgebirges,  des  Porphyrs^ 
erschwert  eine  genauere  Untersuchung  desselben  sehr  und  macht  Fol- 
gerungen in  Bezug  auf  die  Erstreckung,  den  Zusammenhang  und  die 
Idendität  gCAvisser  Gesteinsglicder  äusserst  unsicher,  und  sie  ist  die  Ur- 
sache, dass  die  nachfolgenden  Bemerkungen  einen  ziemlich  fragmen- 
tarischen Character  an  sich  tragen. 

In  der  vorliegenden  Skizze  sind  nur  die  Verhältnisse  der  Porphyre 
hiesiger  Gegend  unter  einander  näher  behandelt,  nicht  aber  die  zu  den 
benachbarten  G  esteinen  der  Schiefer-U&bergangs  -  und  Flötzformationen, 
da  dieselben  schon  ausserhalb  der  Grenzen  des  untersuchten  Bezirkes 
liegen. 


*)  ErläuteruDgeu  isur  geogl-aphlsclien  Charte  des  Königreichs  Sachsen  Heft  I.  S.  105. 
**)  Vergl.  geographische  Charte  von  Sachsen  Sect.  XIV.  2te  Auflage. 


71^ 

Der  Porphyr  des  fragliclien  Districtes  zeigt  sich  vornämlich  in  fünf 
scharf  geschiedenen  Haupttypen,  nämlich  als : 

1)  Feldsteinporphyr, 

2)  Glimmerporphyr, 

3)  Thonsteinporphyr, 

4)  Thonstein, 

5)  Pechsteinporphyr, 

von  denen  der  erstere,  der  Feldsteinporphyr  die  grösste  Verbreitung 
besitzt,  indem  er  nicht  nur  in  der  Umgegend  von  Leisnig,  sondern 
auch  bei  Colditz,  Grimma  und  Mügeln  als  das  vorherrschende  Gestein 
auftritt;  in  ihm  sind  die  andern  Hauptarten  als  kleinere  insularische  oder 
stockförmige  Massen  zerstreut. 

1)  Der  Feldsteinporphyr. 

Er  zeigt  eine  grosse  Mannichfaltigkeit  seiner  Charaktere,  und  muss 
wieder  in  mehrere  selbstständige  Glieder  unterschieden  werden. 

a)    Der  eigentliche  Leisnigei'  (rothe)  Porphyr 
ist  unter  diesen  wegen  seiner  grossen  Verbreitung  der  wichtigste.     Man 
findet   ihn   fast   an    allen  Felsen  und  Entblössungen  um  Leisnig  herum. 

Er  ist  aus  einer  braun-rothen  ins  Lavendelblaue  und  Röthlichgraue, 
-seltner  ins  Grünliche  oder  Gelblichweisse  übergehenden,  dichten  felsiti- 
schen  Grundmasse  (Feldstein)  mit  vielen  eingewachsenen,  in  der  Regel 
zu  Kaolin  zersetzten  Albitkrystallen  zusammengesetzter  Porphyr,  in  wel- 
chem zuweilen  noch  Körner  von  grauem  Quarz  oder  frische  glänzende 
Kry stalle  von  Orthoklas  mit  deutlich  blättrigem  Gefüge  inneliegen. 
Kleine  Blättchen  von  rabenschwarzem  Glimmer  sind  selten.  Die  Feld- 
spathkrystalle  übersteigen  gewöhnlich  nicht  die  Grösse  einer  Erbse, 
meist  sind  sie  noch  kleiner. 

Eine  häufige  Erscheinung  bei  diesem  Porphyr  sind  leere  Blasen- 
räume, selten  die  Grösse  einer  wälschen  Nuss  übersteigend,  meist  un- 
regelmässig configurirt  und  mit  unebnen  rauhen  Wänden,  zuweilen  aber 
auch  in  einer  gewissen  Richtung  gestreckt  und  langgezogen.  Bisweilen 
sind  diese  Höhlungen  mit  zarten  Drüsenhäutchen  von  Quarz  überkrustet, 
oder  mit  fleischrothem  bis  lavendelblauen,  z.  Th.  noch  breiartigem  Stein- 
mark, erdigem  Brauneisenerz,  Chalcedon  und  Achat  von  verschiedenen 
Farben,  bisweilen  mit  krystallisirtem  weissen  Quarz  oder  Amethyst  in 
der  Mitte,  seltner  mit  Kalkspath,  Braunspath  und  Glanzeisenerz  ausge- 
füllt. Gelblichweiser,  wachsgelber  bis  röthlichbrauner  gemeiner  Opal 
(Halbopal)  bildet  hier  und  da  1  Linie  bis  ^j-i  Zoll  starke  Ueberzüge  auf 
den  Klüften  dieses  Gesteins. 

Die  Felsen,  in  welchem  der  Porphyr  an  der  Oberfläche  hervortritt, 
zeigen  bald  eine  unregelmässige  polyedrische  Absonderung  oder  Zer- 
klüftung,   bald   eine  mehr  oder  minder  ausgezeichnete  Absonderung  in 


72 

»Säulen,  Platten  und  Bänke ,  in  einigen  Fällen  auch  .säulenförmige  und 
plattentormige  Absonderung  mit  einander  verbunden. 

Eine  unregelmässige  polyedrische  Absonderung  kann  man  z.  B.  be- 
obachten an  den  Felsen  des  Eichberges,  Dreihügelberges  und  Keilberges. 
Säulen,  drei-,  vier-  und  mehrseitig,  vertikal  aufrecht  stehend  bis  ins 
Horizontale  übergehend,  und  von  der  »Stärke  Aveniger  Zolle  bis  zu  der 
mehrerer  Fusse  anwachsend,  bieten  die  Felsen  des  Leisniger  Schloss- 
berges, so  wie  jene  an  der  Mulde  oberhalb  Leisnig  und  bei  Kloster 
Buch  dar.  Oft  sind  sie  sehr  deutlich  ausgebildet,  oft  aberlässt  sich 
nur  eine  Tendenz  zur  Säulenform  erkennen.  An  dem  erstem  der  ange- 
führten Punkte  sind  die  beinahe  vertikalen,  6  — 12  Fuss  starken,  auf 
mehr  als  100  Fuss  in  die  Höhe  steigenden  Porphyrsäulen  noch  durch 
mehrere  horizontale  Klüfte  gewissermassen  gegliedert  und  plattenförmig 
abgesondert. 

Ausgezeichnete  plattenförmige  Absonderung  bieten  mehrere  Stein- 
brüche und  Felsen  bei  Brösen,  Gorschmitz,  Podelwitz  und  Korpitzsch 
dar.  Die  Platten  sind  oft  nicht  stärker  als  3  Zoll,  bald  horizontal,  bald 
schwebend,  bald  vertikal,  nicht  selten  mannichfaltig  gewunden  oder  ins 
concentrisch-schalige  übergehend,  wie  z.  B.  an  der  Grimmaischen  Chaussee 
unterhalb  Leisnig,  wo  auch  die  Blasenräume  des  Gesteins  häufig  eine 
den  Plattenebenen   parallele  Streckung  wahrnehmen  lassen.     (Fig.  1.) 

Drei  bis  sechs  Fuss  mächtige,  ziemlich  horizontale  Bänke,  durch 
mehr  vertikale  Klüfte  und  Sprünge  in  grössere  kubische  Massen  zer- 
theilt,  findet  man  in  ausgezeichneter  Weise  in  einem  Steinbruche  bei 
der  sogenannten  Köpfgrube  ohnweit  Leisnig,  so  Avie  in  einem  Steinbruche 
bei  Tautendorf.     (Fig.  4.) 

An  den  Avenigen  Punkten,  wo  der  Leisniger  Porphyr  nicht  durch 
Thaleinschnitte  zerrissen ,  oder  durch  Sedimentärgebilde  überdeckt  ist, 
tritt  er  in  der  Gestalt  von  Kuppen  oder  Kegelbergen  hervor,  wovon 
z.  B.  der  Erlenberg  bei  Paudritzsch  und  der  Dreihügelberg  bei  Leisnig 
Beispiele  liefern. 

Dieses  Gestein  verwittert  an  seiner  Oberfläche  sehr  leicht,  und  man 
findet  daher  häufig  an  dem  Fuss  der  Felsen  eine  bedeutende  Ablagerung 
von  Porphyr-Gruss  und  Gerolle  angelehnt,  wie  z.  B.  an  den  Felsen  des 
rechten  Muldegehänges  oberhalb  Leisnig,  in  Avelcher  Schuttmasse  bei- 
läufig erwähnt  das  Anthericum  Liliago  sehr  gut  gedeiht. 

b)  Bcr  ältere  Leisniger  Porphyr. 
In  dem  braunrothen  Leisniger  Porphyr,  welcher  die  Felsen  des 
Dreihügelberges  imd  des  Harlings  an  der  Grimmaischen  Strasse  unter- 
halb Leisnig  constituirt,  findet  man  häufig  verschieden  grosse  (von  Nuss- 
bis  Kopfgrösse:  Fig.  J  und  2.)  eckige  oder  meJir  abgerundete  Frag- 
mente eines  ebenfalls  braunrothen,  aber  sehr  feinkörnigen,  fast  dichten, 
splittrigen,   sehr  quarzigen,  anscheinend  homogenen  Felsitporphyrs  mit 


73 

zuweilen  muschlicliem  Bruch,  in  welchem  nur  selten  einzelne  kleine, 
rauchgraue  Körner  von  Quarz  sich  erblicken  lassen.  Einige  dieser 
Fragmente  ragen  aus  der  einen  Platte  des  sie  umschliessenden  PoVphyrs 
in  die  andere  hinein,  ohne  eine  Zerberstung  erlitten  zu  haben. 

Der  dichte  z.  Th.  rerkieselte  Zustand  der  Fragmente  scheint  das 
Resultat  einer  Frittung  und  Verglasung  durch  das  umschliessende  Ge- 
stein zu  sein,  eine  Ansicht,  die  dadurch  besondere  Wahrscheinlichkeit 
erhält,  dass  die  grösseren  dieser  Bruchstücke  in  ihrer  Mitte  nicht  selten 
eine  mehrkörnige  Textur  wahrnehmen  lassen,  so  wie  auch  durch  eine 
ähnliche  Erscheinung  an  den  Felsen,  wenige  hundert  Schritte  thalab- 
wärts,  wo  die,  von  dem  weissen  Arraser  Thonsteinporphyr  eingeschlos- 
senen zahlreichen  Bruchstücke  des  eigentlichen  Leisniger  Porphyrs  an 
ihrer  Aussenfläche  häufig  eine  gleiche  Verglasung  und  Verdichtung  ihrer 
Masse  erlitten  haben. 

Darüber,  ob  und  wo  jener  ältere  Leisniger  Porphyr  an  der  Tages- 
obei-fläche  hervortritt,  lässt  sich  bis  jetzt  wegen  Mangel  an  hinlänglichen 
Gegirgsentblössungen  um  so  weniger  etwas  Gewisses  anfuhren,  als  bis- 
her noch  keines  jener  Fragmente  in  gänzlich  unverändertem  Zustande 
aufgefunden  wurde,  welches  wenigstens  eine  petrographische  Vergleichung 
mit  benachbarten  Porphyren  gestattet  hätte. 

c)     Jüngerer  Leisniger  Porphyr. 

Den  gewöhnlichen  körnigen  Leisniger  Porphyr  durchsetzt  an  eini- 
gen Punkten  in  meist  nicht  sehr  mächtigen  Gängen  ein  jüngerer  Feld- 
steinporphyr. Derselbe  stellt  sich  als  ein  schmutzig  braunrother,  fein- 
körniger bis  dichter  Felsitporphyr  dar,  der  nur  selten  einige  kleine 
eingewachsene  Quarzkörner,  aber  keine,  wenigstens  keine  bemerkbaren 
Krystalle  von  Feldspath  enthält.  An  dem  rechten  Gehänge  des  Mulden- 
thaies oberhalb  Altleisnig,  am  sogenannten  Kunathsberge,  durchsetzt  ein 
4  bis  8  Zoll  mächtiger  Gang  dieses  Gesteins,  (Fig.  3)  unter  einer  Stei- 
gung von  ungefähr  70"  gegen  Ost,  den  dasigen  braunrothen  Porphyr. 
Obwohl  beide  Gesteine  fest  mit  einander  verwachsen  sind,  so  sind  doch 
die  Grenzen  scharf  und  ziemlich  gradlinig. 

Einen  andern  Gang  dieses  Jüngern  Porphyrs  kann  man  in  dem 
westlichen  Theile  eines  weiterhin  noch  zu  erwähnenden  Steinbruchs  in 
der  Köpfgrube  bei  Leisnig  beobachten.  (Fig.  4.  B.)  Derselbe  steigt 
mit  ungefähr  75"  bis  SO"  östlichem  Einfallen  empor;  er  ist  gegen  1' 
mächtig,  und  besteht  aus  einer  rothbraunen  bis  lavendelblauen  feinkör- 
nigen bis  dichten  felsitischen  Porphyrmasse,  welche  mit  dem  benach- 
barten grobkörnigen  Leisniger  Hauptporphyr,  theils  fast  verwachsen, 
theils  durch  Klüfte  abgesondert  ist,  an  deren  Wänden  man  nicht  selten 
Riefen  und  Rutschflächen  bemerken  kann. 

Ob  dieser  jüngere  Porphyr  mit  dem  später  zu  erwähnenden  Thon- 
steinporphyr identisch,    d.  h.    nur  eine  Modifikation  desselben  sei,    wie 

Allgp.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.  I.  c 


74 

aus  dem  häutigen  nahen  Nebeneinanderauftreten  beider  Gesteine  ve]'- 
muthet  werden  kann,  oder  ob  er  von  selbigen,  wie  durch  sein«  petro- 
graphische  Beschaffenheit,  so  auch  in  Hinsicht  auf  sein  relatives  Alter 
verschieden  und  also  selbstständig  sei,  das  muss  dahin  gestellt  bleiben, 
so  lange  nicht  beide  im  Contakt  mit  einander  beobachtet  werden  können. 

d)     Miischauer  Porphyr. 

Ein  seiner  petrographischen  Beschaffenheit  nach  dem  Leisniger  ge- 
wöhnlichen Porphyr  sehr  ähnlicher,  aber  seinem  Alter  nach  bei  Weitem 
jüngerer  Porphyr  steht  in  und  bei  Muschau  zu  Tage  an.  So  findet  man 
denselben  z.  B.  in  einem  Steinbruch  hinter  der  Muschauer  Schmiede, 
als  ein  röthlichweisser,  röthlichgelber  bis  licht  lavendelblauer,  körniger 
Feldsteinporphyr  und  vielen  zu  Kaolin  verwitterten  Feldspathkrystallen 
und  wenig  Quarzkörnern  das  vorherrschende  Gestein  bildend.  Nicht 
selten  zeigt  er  unregelmässige  oder  länglichrunde  Nussgrosse  Blasen 
und  Cavitäten,  die  zuweilen  mit  einer  schwachen  Rinde  feiner  Quarz- 
kryställchen  überkrustet  sind.  Eine  merkwürdige  Erscheinung  sind 
ferner  die  häufigen  Mandel-  oder  Warzenförmigen  Einschlüsse  einer  mit 
Brauneisenstein  geschwängerten  porphyrartigen  Masse  mit  concentrisch- 
schaaliger  Absonderung.  In  der  Mitte  mehrerer  dieser  Nuss-  bis  Faust- 
grossen, mit  dem  reinen  Porphyr  fest  verwachsenen  Körper  liegt  inwendig 
zuweilen  ein  Kern  von  erdigem  braunen  oder  gelben  Eisenoxydhydrat; 
bei  den  grössren  Stücken  dieser  Art  ist  dagegen  der  Kern  gewöhnlich 
nur  eine  mit  vielem  Eisenoxyd  vermengte  körnige  Porphyrmasse.  Ob 
diese  Körper  als  Fragmente  eines  altern  Porphyrs,  oder  als  die  Resul- 
tate einer  secundäreh  Mandelbildung  angesehen  werden  müssen,  lässt 
sich  schwer  entscheiden. 

Dagegen  findet  man,  ausser  den  genannten  Körpern,  in  der  Haupt- 
porphyrmasse des  Steinbruchs  noch  in  ziemlicher  Menge  eckige  Bruch- 
stücke eines  altern,  weissen  bis  grünlichweissen  Porphyr  mit  innelie- 
genden  kleinen  Blättchen  von  scliAvarzera  Glimmer.  Sie  haben  Faust- 
bis  Kopfgrösse  und  sind  in  der  Regel  zu  einem  thonigen  Gruss  verwit- 
tert. In  petrographischer  Hinsicht  stimmen  diese  Fragmente  ganz  mit 
dem,  J/-1  Stunde  davon  hervortretenden,  später  zu  erwähnenden,  weissen 
Thonsteinporphyr  überein.  Da  dieser  letztere  jünger  ist,  als  der.  ge- 
wöhnliche Leisniger  Porphyr,  so  dürfte  demnach  der  Muschauer  noch 
viel  jünger  sein  als  letztgenannter  Leisniger. 

In  dem  obern  Theile  desselben  Steinbruches,  nahe  unter  der  Damm- 
erde, stehen  Stücke  eines  von  dem  vorwaltenden  grobkörnigen  Porphyr 
ganz  verschiedenen  feinkörnigen,  dunkelrothbraunen,  quarzreichen  Horn- 
steinporphyrs  an  dessen  Grenze  beinahe  in  horizontaler  Richtung  in  den 
obersten  Regionen  des  Steinbruches  sich  hinzieht.  Trotz  der  schon  vor- 
geschrittenen Verwitterung  und  Zerstückelung  des  Hauptgesteins  lässt 
sich   doch    noch    ziemlich    deutlich   wahrnehraön,   dass   letzteres   an  der 


J75 

Grenze  Bruchstücke  des  Hornsteinporphyrs  aufgenommen  hat.  Dieser 
demnach  jüngere  Porphyr  unterscheidet  sich  von  dem  altern  auch  noch 
dadurch,  dass  er  an  der  Grenze  sehr  verwittert  erscheint,  während  der 
andere,  zwar  in  viele  scharfeckige  Stücke  zerklüftet,  nicht  die  geringste 
Verwitterung  wahrnehmen  lässt.  Zugleich  mit  den  Fragmenten  der 
älteren  Porphyre  sind  auch  noch  kleinere  bis  Nussgrosse,  scharfeckige 
Bruchstücke  von  ziemlich  verwitterten  Glimmerschiefer  oder  Thonschiefer, 
so  wie  von  bandartig  gestreiftem  Kieselschiefer  (Grauwackenschiefer) 
in  dem  vorwaltenden  Porphyr  des  Steinbruches  eingeschlossen. 

Wie  weit  der  Muschauer  Porphyr  verbreitet  ist,  darüber  lässt  sich 
nichts  Gewisses  angeben,  da  in  der  Nähe  des  erwähnten  Dorfes  wenig 
Gebirgsentblössungen  , vorhanden ,  und  wegen  der  grossen  petrographi- 
schen  Aehnlichkeit ,  Verwechselungen  mit  dem  gewöhnlichen  Leisniger 
Porphyr  leicht  möglich  sind. 

e)  Doherschivitzer  Porphyr. 
In  und  bei  dem  Dorfe  Doberschwitz  ist  in  mehreren  Steinbrüchen 
ein  dem  gewöhnlichen  Leisniger  Porphyr  ganz  ähnlicher,  braunrother, 
frischer  körniger  Porphyr  aufgeschlossen,  welcher  blos  Orthoklaskry- 
stalle  enthält,  während  der  anderwärts  vorwaltende  Albit  gänzlich  fehlt.  *) 
Bei  dem  Mangel  an  hinlänglichen  Gebirgsentblössungen  muss  es  noch 
unentschieden  bleiben,  ob  dieses  Gestein  als  selbstständig,  oder  nur  als 
eine  Modifikation  des  gewöhnlichen  Leisniger  Porphyrs  zu  betrachten  ist. 

f )  Der  Kieselbacher  Porphyr. 
Im  Dorfe  Kieselbach,  am  rechten  Gehänge  des  gleichnamigen 
Baches,  steht  in  einzelnen  Entblössungen  ein  Porphyr  von  bläulich- 
rother,  lavendelblau^,  felsitischer  Grundmasse  an,  in  welcher  viele,  meist 
längliche ,  Tombackbraune ,  wenig  glänzende  Glimmerlamellen,  und  ein- 
zelne verwitterte,  nebelartige,  Feldspathkrystalle  eingewachsen  sind. 
Die  länglichen  Glimmerlamellen  liegen  bisweilen  einander  ziemlich 
parallel.  Er  begrenzt  gegen  Süden  hin  das  Thonschiefergebirge.  Ob 
dieser  Porphyr  selbstständig,  oder  auch  nur  eine  Modifikation  des  ge- 
wöhnlichen Leisniger  Porphyrs  sei,  kann  für  jetzt  auch  hier  aus  vorhin 
erwähnten  Gründen  nicht  ermittelt  werden. 

2)  Der  Glimmerporphyr. 

An  dem  linken  Gehänge  des  Merschwitz  -  Grundes ,  einige  hundert 
Schritte  unterhalb  der  Liebgensmühle  treten  Partien  eines  eigenthüm- 
lichen  Porphyrs  zu  Tage  aus.  Dieser  stellt  sich  an  der  Oberfläche  als 
ein  loser  oder  bröcklicher  Gruss  dar  von  Erbsen  grossen  Körnern  einer 
röthlichgrauen  bis    fleischrothen ,    sehr  quarzigen  Porphyrgrundmasse,  in 

*)  Vergl.  Naumann.     Erläuterimg  zur  geognost.  Charte  v,  Sachsen  Heft  1.  S.  117, 

6* 


76 

welcher  kleine,  unregelmässige  Blättchen,  oder  sechsseitige  Tafeln  von 
rabenschwarzen  Glimmer  in  Menge  eingewachsen  sind.  Durch  diesen 
Glimmergehalt  nimmt  der  Gruss  ganz  das  Ansehn  eines  in  Verwitterung 
begriffenen  Granites  an,  welcher  Umstand  auch  Veranlassung  gegeben 
haben  mag,  dass  diese  Gesteinspartie  auf  der  2ten  Auflage  von  See- 
tion  XIV.  der  geonostischen  Charte  von  Sachsen  mit  dem  Colorit  des 
Granites  aufgetragen  worden  ist.  Granit  ist  es  indessen  nicht;  davon 
überzeugt  man  sich,  sobald  man  einige  Fuss  tiefer  eindringt.  Das  Ge- 
stein wird  dann  fester,  und  stellt  sich  als  ein  braunrother,  sehr  quar- 
ziger Horsteinporphyr  dar,  in  welchem  in  unregelmässigem  Gemenge 
eine  Menge  kleiner  schwarzer  Glimmerblättchen  eingewachsen  sind.  Der 
Glimmergehalt  scheint  für  dieses  Gestein  characteristisch  zu  sein.  Für 
die  porphyrische  Natur  desselben  spricht  auch  noch  das  in  selbem  häu- 
fige Vorkommen  von  Achat,  Chalcedon,  Amethyst,  Halbopal  und  Hy- 
drophan (Weltauge). 

Die  ersten  der  genannten  Mineralien  bilden  Hand-  bis  Kopfgrosse 
Knollen  oder  Mandeln  im  Porphyr,  welcher  in  der  unmittelbaren  Nach- 
barschaft derselben  ungemein  fest  und  quarzig,  gewissermassen  verglast 
erscheint,  und  nach  Aussen  hin  allmählig  in  jenen  verwitterten  Gruss 
übergeht.  In  dieser  Weise  fand  man  in  einem  zu  Anfange  dieses  Jahr- 
hunderts einige  Ellen  tief  angelegten,  kleinem  Tagebruche  eine  Menge 
abgerundeter  Porphyrblöcke  von  1  ■ —  4  Fuss  Durchmesser  übereinander 
gelagert,  die  an  ihrer  Aussenfläche  in  der  Regel  zu  einer  bröcklichen 
Masse  verwittert  waren,  nach  innen  zu  aber  in  jenen  festen,  quarzigen 
Hornsteinporphyr  übergingen ,  welcher  einen  Kern  von  Bandformigge- 
streiftem,  vielfarbigem  Achat  oder  grauem  Chalcedon  einschloss.  Die 
grösseren  dieser  Kerne  enthielten  in  ihrer  Mitte  oft  Krystalldrusen 
von  weissem  Quarz  oder  noch  häufiger  von  Amethyst,  der  in  der  Regel 
mit  einer  1  bis  2  Linien  starken,  traubigen  oder  tropfsteinartigen  Kruste 
von  gelblichweissem,  honig-  oder  wachsgelben  Halbopal  überzogen  war.- 
Tn  seltnen  Fällen  sassen  über  letztrem  Mineral  noch  Partien  von  edlem 
Opal  mit  dem  reinsten  und  schönsten  Farbenspiel.  Von  letzterm  wer- 
den noch  Stücke  in  der  Königlichen  Mineraliensammlung  zu  Dresden 
aufbewahrt.  *) 

Die  Amethystkrystalle  haben  bisweilen  die  Grösse  von  3 — 4  Zollen  ; 
gewöhnlich  ist  nur  die  sechsseitige  Pyramide,  seltner  das  Prisma  aus- 
gebildet. 

Von  dem  hiesigen  Halbopal  beschreibt  Gössel  **)  Afterkry stalle 
nach  der  sechsseitigen  Pyramide  (?)  des  Kalkspaths. 

Der  Hydrophan  findet  sich  in   diesem  Glimmerporphyr  in   der   un- 

*)  Gö.ssel;  in  der  Auswahl  aus  den  Schriften  der  unter  Werners  Mitwirkung  gestifteten 
Gesellschaft  für  Mineralogie  zu  Dresden  Bd.  3,  1826.  S.  172. 
.  **)  Ebendaselbst  S.  173. 


77 

mittelbaren  Nähe  eines  alten  Stollen.  Der  hier  an  der  Oberfläche  eben» 
falls  zu  Gruss  zersetzte  Porphyr  wird  einige  Fuss  tiefer  consistenter^ 
und  ist  von  vielen,  in  allen  Richtungen  sieh  kreuzenden,  schmalen 
Klüften  durchzogen,  auf  deren  Wänden  hautartige  Ueberzüge  oder 
schwache  Krusten  jenes  Minerals  sich  befinden.  Dasselbe  hat,  wenn 
es  trocken  liegt,  eine  milchweisse  bis  gelblichweisse  Farbe  und  klebt 
an  der  Zunge,  wird  aber  befeuchtet  durchsichtig  und  zeigt  schwaches 
"Farbenspiel;  stellenweise  geht  es  in  schmuzigweissen  krystallinischen 
Quarz  über.  Die  stärkeren  (selten  \'-i "  Dicke  erreichende)  Krusten  des 
Hydrophans  haben  eine  wellenförmige  Oberfläche,  gerade  so,  als  ob  sie 
sich  aus  einer,  an  den  Wänden  der  Porphyrklüfte  herabrieselnden  Flüs- 
sigkeit gebildet  hätten. 

Der  Glimmerporphyr  besitzt  eine  etwas  grössere  Verbreitung  als 
auf  der  geognostischen  Charte  angegeben  ist.  Von  den  beschriebenen 
Punkten  weiter  thalaufwärts,  am  Ausflusse  des  Liebgensmühlgraben  steht 
an  den  Ufern  und  im  Bette  des  Kieselbaches  ein  gleiches  granitartiges 
Gestein  an,  dessen  Feldspathgrundmasse  ganz  zu  thonigen  Kaolin  zer- 
setzt ist,  in  welchem  in  reichlicher  Menge  schwarze,  sechsseitige  Glim- 
raerblättchen  inneliegen.  Auch  am  rechten  Gehänge  des  Grundes,  von 
der  genannten  Mühle  aus  nach  der  Leisnig-Colditzer  Strasse  hin, 
scheint  sich  dieser  Porphyr  auszubreiten,  da  man  früher  dort  auf  den 
Feldern  viele  Achat-  und  Amethystknollen,  umschlossen  von  einem  ähn- 
lichen Porphyr,  vorfand. 

Es  ist  dieses  Gestein  jedenfalls  ein  eigenthümlicher,  von  dem  ge- 
wöhnlichen Leisniger  verschiedener  Porphyr,  über  dessen  Alter  und 
sonstige  Verhältnisse  sich  freilich  etwas  Bestimmtes  nicht  angeben  lässt; 
indessen  scheint  er  nach  seiner  Verbreitung  zu  urtheilen  eine  stockför- 
mige  Masse  im  Leisniger  Porphyr  zu  bilden. 

3)  Der  Thonsteinporphyr. 

Zwischen  den  Dörfern  Arras,  Merschwitz,  Bohlen,  Polditz  und  Fal- 
kenberg tritt  ein  eigenthümlicher  Porphyr  auf,  in  dessen  vorwaltend 
weisser  bis  hellgrüner;  selten  ins  rothbraune  übergehender  thonstein- 
artigen  Grundmasse,  weisse  zu  Kaolin  verwitterte  Krystalle  von  Albit 
und  frische,  glasglänzende,  blättrige  Krystalle  von  Rhyakolith  innelie- 
gen. Kleine  schwarze,  oft  sechsseitig  ausgebildete  Glimmerblättchen 
bilden  einen  häufigen,  aber,  wie  es  scheint,  unwesentlichen  Gemeng- 
theil dieses  Gesteins.  Unregelmässige  Drusen  oder  kleine  Mandeln,  so 
wie  schwache  Adern  und  Trümmer  von  Quarz  oder  Achat  sind  nicht 
selten  in  diesem  Gestein,  welches  an  der  Tagesoberfläche  meist  als  ein 
weisser,  thoniger  Gruss  hervortritt,  und  durch  seine  helle  Farbe  vor- 
züglich aus  der  Ferne  sich  deutlich  von  dem  benachbarten  rothen  Leis- 
niger Porphyr  unterscheiden  lässt.  Es  ist  dies  dasselbe  Gestein,  wel- 
ches Naumann  auf  der  2ten  Auflage  von  Sect.  XIV.  der  geonog.  Charte 


78 

von  Sachsen  unter  dem  Namen  Arraser  Porphyr  mit  einer  besondern 
Farbe  aufgetragen  hat.  Die  Verbreitung  dieses  Porphyrs  ist  ungefähr 
dieselbe,  wie  sie  auf  besagter  Charte  angegeben  ist,  nun  erstreckt  sich 
die  in  der  Gegend  von  Merschwitz  und  Polditz  befindliche  Partie  etwas 
weiter  nördlich  bis  einige  hundert  Schritte  vor  Bohlen.  Denn  an  dem 
Fahrwege  von  Polditz  nach  Bohlen,  ungefähr  der  Böhlener  Windmühle 
gegenüber,  befindet  sich  eine  Thongrube,  in  welcher  das  gewonnene 
Material  nichts  anderes,  als  ein  grösstentheils  zu  Kaolin  zersetzter,  weis- 
ser Porphyrgruss  ist.  Kurze  Entfernung  weiter  hinauf,  nach  dem  Gast- 
hofe zum  heiteren  Blick  hin  und  in  der  Nähe  desselben,  steht  dagegen 
fleischrother  bis  braunrother,  grobkörniger  Porphyr  an,  derselbe,  wel- 
cher nicht  weit  davon  bei  der  Windmühle  in  einem  Steinbruche  auf- 
geschlossen ist. 

Der  Tonsteinporphyr  ist  ein  selbstständiges  und  seinem  Alter  nach 
jüngeres  Gestein ,  als  der  gewöhnliche  Leisniger  Porphyr;  denn  man 
kann  nicht  nur  an  einigen  Punkten  scharfe  Grenzen  zwischen  beiden 
Gesteinen  beobachten,  wie  z.  B.  am  Ausgange  des  Kerpitzscher  Thaies, 
dicht  neben  der  Grim-maischen  Chaussee  (Fig.  5.),  sowie  an  einem  nach 
dem  Pechsteinporphyrbruche  führendem  Fahrwege,  zwischen  dem  weis- 
sen Berge  und  Kerpitzsch  (Fig.  6.),  sondern  es  umschliesst  der  Thon- 
steinporphyr  auch  hie  und  da  deutliche  Bruchstücke  des  Leisniger  rothen 
Porphyrs.  In  dieser  Hinsicht  ist  vornehmlich  eine  Stelle  am  rechten 
Muldenufer-  oberhalb  Arras  bemerkenswerth,  wo  die  daselbst  hervorsteh- 
enden Felsen  aus  nichts^  als  einem  grossartigen  Reibungsconglomerater 
beider  Massen  bestehen.  Hand-  bis  Kopf-  und  darüber  grosse  eckige 
oder  mehr  abgerundete  Bruchstücke,  an  ihrer  Aussenfläche  zuweilen 
verglast,  und  in  einem  splittrigen,  dichten,  braunrothen  Hornstein  um- 
gewandelt, liegen  in  dem  weissen  bis  hellgrünen  Porphyr  zum  Theil 
so  zahlreich  eingewickelt,  dass  sie  als  das  vorwaltende  Material  der 
dortigen  Felsen  erscheinen.  An  verschiedenen  Punkten  bemerkt  man 
hier  in  dem  umhüllenden  Gestein  Klüfte  mit  in  einer  Richtung  erläng- 
ten Reifen  und  Streifen,  als  ob  noch  nicht  ganz  erstarrte,  teigartige 
Massen  sieh  aneinander  gerieben  hätten.  Ausser  in  der  Umgegend  von 
Altleisnig  findet  man  den  Thonsteinporphyr  noch  an  mehrern  Punkten 
bei  Leisnig  und  südlich  davon.  Eine  grössere  Partie  desselben  scheint 
sich  zwischen  den  Dörfern  Lauschka,  Wendishayn,  Queckhayn  und 
Minkwitz  auszubreiten.  Auch  hier  zeigt  es  sich  überall,  wo  man  ihn 
im  Contact  mit  dem  gewöhnlichen  rothen  Porphyr  beobachten  kann,  ent- 
schieden jüngerer  Natur,  Avie  z.B.  am  Ziegenberge  bei  Wendishayn  und 
in  dem  Queckhayner  Thale. 

Ein  merkwürdiges  Verhältniss  stellt  sich  in  einem  Steinbruche  des 
Queckhayner  Thaies  dar,  einige  hundert  Schritte  oberhalb  des  Punktes, 
wo  dasselbe  von  dem  von  Minkwitz  nach  Lauschka  führenden  Fahr- 
wege durchschnitten  wird. 


70 

(Fig.  7  und  8).  Hier  durchsetzt  den  braunrothen  körnigen  Leis- 
niger  Porphyr  ein  gros^entheils  zu  Gruss  zersetzter  chokoladenbrauner 
Thonsteinporphyr,  in  einer  Menge  unregelmässiger,  unter  einander  ver- 
bundener und  vielfach  raniiiicirter  gang-  oder  stockförmiger  Massen, 
welche  hie  und  da  von  länglich  runden  oder  stumpfeckigen  Bruchstücken 
des  durchsetzten  Gesteines  strotzen.  Dieser  jüngere  Porphyr  ist,  wo 
nicht  die  Zersetzung  zu  Gruss  schon  zu  weit  vorgeschritten  ist,  in  lau- 
ter 3  bis  8  Zoll  starke,  nur  wenig  geneigte  Säulen  abgesondert,  die  sich 
ti'otz  der  bedeutenden  Decomposition  des  Gesteins  bisweilen  noch  mit 
I — 2  Fuss  Länge  ablösen  lassen.  Merkwürdig  ist  hierbei  der  Umstand, 
dass  diese  Säulen  nicht,  wie  gewöhnlich,  rechtwinklich  zu  den  Begrenz- 
ungsflächen der  Gänge,  sondern  diesen  parallel  angeordnet  sind.  In 
einigen  Höhlenräumen  dieses  Porphyrs  zeigt  sich  ßrauneisenerz  in 
Afterkrystallen  auch  Braunspath  oder  Spatheisenstein.  Etwas  weiter 
oberhalb  dieses  Punktes  tritt  der  Thonsteinporphyr  mit  seiner  gewöhn- 
lichen weissen  Farbe  hervor. 

Eine  andere  interessante  derartige  Durchsetzung  kann  man  an  dem 
ßosinenberge  bis  Scheergrund,  da,  wo  der  nach  Westewitz  führende 
Fussweg  seinen  höchsten  Punkt  auf  diesem  Berge  erreicht  hat  (Fig.  9.). 
Es  steigt  hier  in  dem  röthlich-  bis  gelblichweissem,  ziemlich  grobkör- 
nigen und  blasigen  Feldsteinporphyr  ein  ungefähr  1  Fuss  mächtiger 
Gang  eines  zu  Gruss  verwitterten  Porphyrs  von  chokoladenfarbiger 
Thonsteingrundmasse,  mit  häufig  eingestreuten  zu  Kaolin  verwandelten 
Feldspathkrystallen  auf  mehrere  Ellen  Höhe  empor.  Das  Nebengestein, 
der  grobkörnige  Leisniger  Porphyr,  ist  auf  3  bis  5  Zoll  Entfernung  von 
den  Salbändern  dieses  Ganges  weg  verglast  und  in  einen  ganz  feinkörnigen 
oder  dichten  splittrigen  Hornsteinporphyr  umgeändert.  An  verschiede- 
nen Stellen  ist  der  jüngere  Porphyr  zu  den  Seiten  hinausgebrochen  und 
hat  sich  mit  dem  Hauptporphyr  auf  manchfaltige  Weise  vermengt ;  bald 
ist  er  auf  schwachen  Spalten  und  Klüften  oder  in  röhrenförmigen  Oeff- 
nungen  in  den  älteren  eingedrungen,  bald  bildet  er  grössere  unregel- 
mässige gang-  oder  stockf  örmige  Massen  in  diesem,  und  umschliesst  oft 
über  kopfgrosse  ziemlich  abgerundete  Bruchstücke  desselben;  so  sieht 
man  auf  mehr  als  60  Schritte  Länge  diese  beiden  Porphyre  in  einer 
stetigen  Verbindung  und  Abwechselung  mit  einander  fortsetzen. 

Etwas  höher  an  demselben  Gehänge  des  Rosinenberges  hinauf  lie- 
gen viele  Stücke  von  weissem  oder  hellgrünem  Thonsteinporphyr  umher. 

Ein  wahrscheinlich  dem  Thonsteinporphyr  ebenfalls  angehöriger  Gang 
von  jüngerm  Porphyr  befindet  sich  in  einem  schon  früher  (Pag.  72  und  73), 
(Fig.  4,  C.)  erwähnten  Steinbruche,  in  der  Köpfgrube,  ungefähr  20  Schritte 
östlich  von  dem  an  citirter  Stelle  beschriebenem  Gange.  Er  ist  12  bis  15'' 
mächtig,  und  steigt  ziemlich  vertikal  in  die  Höhe:  seine  Ausfüllungsmasse 
ist  ein  zu  Gruss  zersetzer   und  aus    der  Gangspalte  zum  Theil   herau8= 


80 

gewitterter;  rötliHch-  bis  gclblichweisser  Porphyr,  der  weniger  durch 
die  Färbung  als  durch  die  scharfen  Haalbänder  und  den  eben  erwähn- 
ten zersetzten  Zustand  sich  von  dem  umschliessenden  altern  Porphyr 
unterscheidet.  Mitten  in  dieser  bröcklichen  Gangausfüllungsmassc  liegt 
ein  grosses  noch  unverwittertes  Bruchstück  des  durchsetzten  Porphyrs, 
Längs  des  einen  (östlichen)  Saalbandes  dieses  Ganges  zieht  sich  ein  3 
bis  4  Zoll  breiter  Streifen  von  drusigem  und  zerfressenem^  rostigem 
Brauneisenstein,  welcher  mit  dem  zunächst  angränzenden  jüngeren  Gang- 
porphyr eine  innige  Vermengung  eingegangen  ist,  von  dem  älteren  Por- 
phyr aber  sich  schaalenförmig  ablöst.     Es  scheint  also  die  Bildung  die- 

or  Art  vom   Erzgang   mit   dem    Jüngern   Porphyr    in   Verbindung  zu 

?ehen. 

Aehnliche  gangförmige  Durchsetzungen  des  Leisniger  Porphyrs  von 
einem  Jüngern,  dem  Thonsteinporphyr  ziemlich  ähnlichen  Porphyr,  kann 
man  noch  an  den  Felsen  des  Leisniger  Schlossberges  in  der  Nähe  der 
Obermühle  beobachten  (Fig.  10). 

4)  Der  Thonsteiii. 

In  einer  niedrigen  Schlucht  zwischen  Altenhof  und  der  Leisnig- 
Döbelnschen  Strasse,  so  wie  zwischen  den  Dörfern  Beiersdorf  und  Ni- 
kolschwitz,  ferner  zwischen  Wallbach  und  Neuenhayn  treten  Partien 
von  lichtrothen,  ziegelrothen  bis  röthlichbraunen ,  bisweilen  weisspunc- 
tirten,  weichem  Thonstein  auf,  deren  Verbreitung  und  Begrenzung  sich 
wegen  der  starken  Bodenbedeckung  in  dortiger  Gegend  nicht  genau 
ermitteln  lässt,  aber  der  Hauptsache  nach  mit  jener,  wie  sie  auf  der 
Naumannschen  Charte,  Sect.  XIV.  2.  Auflage.,  verzeichnet  ist,  über- 
einstimmen dürfte.  Eine  unbedeutende  Partie  ähnlichen  Thonsteins 
tritt  in  dem  von  Gersdorf-  nach  Neudörfchen  sich  hinabzichenden 
Thale  auf. 

Obwohl  diese  Thonsteine,  namentlich  der  von  Altenhof,  mehr  den 
Character  einer  sedimentären  Bildungsweise  an  sich  tragen,  so  scheint 
ihre  Existenz  doch  mit  der  des  Porphyrs  in  enger  Beziehung  zu  stehen, 
und  vielleicht  dürften  sie  als  Porphyre  zu  betrachten  sein,  die  in  ein 
von  Wasser  bedecktes  Bassin  sich  ergossen. 

5)  Der  Pechsteinporphyr. 

Zu  den  merkwürdigsten  Gebilden  der  hiesigen  Gegend  gehören 
die  Pechsteinporphyre.  Die  am  besten  aufgeschlossene  Partie  dieses 
Gesteins  befindet  sich  bei  Kerpitzsch,  unmittelbar  neben  dem  Gasthause 
zum  weissen  Berge.  Rother,  brauner,  grüner,  meistens  aber  schwarzer 
Pechstein  bildet  die  Grundmasse,  in  welcher  Körner  von  glassigem 
Feldspath  und  Quarz,  auch  kleine  Glimmerblättchen  dicht  eingestreut 
sind. 


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II.    Zur  Sage  vom  Zauberer  Virgilius.     HI.    Zur  Naturgeschichte   dt  | 

Mittelalters.     4.    (X  u.  106  S.)    1850.    geh.  24  Sgr | 

Kingston,  W.,  Peter  der  Wallfischfänger,  sein  Jugendleben  und 
seine  Abenteuer  in  den  Nordpol -Regionen.     Ein  Buch  für  Jung 

und  Alt.  Deutsch  bearbeitet  von  M.  B.  Lindau.  Mit  4  lithogr.  Abbildungen. 
8.    (X  u.  444  S.)    1852.    In  lithogr.  Umschl.    cart.  1  Thlr.  221/2  Sgr. 

Kohl,  J.  G.,  Skizzen  aus  Natur  und  Yölkerleben.      2  Bde.   gr.  8. 

(L  X  u.  408  S.    IL  X  u.  816  S.)    1851.    geh.  3  Thlr. 

Mittheilungen  aus  dem  magnetischen  Schlafleben  der  Somnambule 

Auguste  K.  in  Dresden.  Zweite  Ausgabe  der  1843  erschienenen  ersten 
Auflage.  Mit  Titelkpfr.  und  Holzschnitten,  gr.  8.  (XXII  u.  414  S.)  1850. 
geh.  1  Thlr.  15  Sgr. 

Pharmacopoea  Saxonica  jussu  Regio  et  auctoritate  publica  denuo 

edita  recogn.  et  emend.     Mit  einer  Tabelle.    4.    (XVI  u.  296  S.)    1836. 

2  Thlr.  15  Sgr. 

Durch  F.  C.  Janssen  in  Dresden  sind  zu  beziehen : 

IAc«t«*/\n/\m«c«AliA  17/\«*l««4 /VA  ^^  allgemein  verständlicher  Form 
.    ilSirOnOullSCUö  V Orildge  gehalten  zu  Dresden  im  Winter 
1  S^Vas  von  Dr.  Adolph  Drechsler.     Nebst  lithogr.  Sterntafeln.    Dresden  1855. 

25  Ngr. 

In  diesen  Vorträgen  ist  das  Wesentliche  der  populären  Astronomie  in  gedräng-ter  Kürze  anschaulich  und 
leichlfasslich  dargestellt.  Es  können  die  Vorträge  1)  der  nördliche  Fixsternenhimmel  in  astrognostischer  und 
mythologischer  Beziehung,  mit  Sternlafel  (5  Ngr);  2)  der  Thierkreis  und  der  südliche  Fixsternenhimmel  in 
astrognostischer  und  mythologischer  Beziehung,  mit  Sterntaf'el  (5  Ngr.);  3)  die  Bewegungen  der  Erde:  Dreh- 
ung, Wendung  und  Fortschreitung  der  Erdaxe'(4  Ngr.);  4)  die  Planetensysteme,  die  Bewegung  und  physische 
Beschaffenheit  der  Planeten  (4  Ngr);  5)  die  Monde,  mit  hesonderer  Berücksichtigung  des  Mondes  der  Erde 
(4  Ngr.);    6i  die  Kometen.   —  Die  Sonne  (4  Ngr  )  auch  einzeln  bezogen  werden. 

n.  Astrologische  Vorträge,  sSnd^sI'ar^^ 

G-eschichte  der  Astrologie,  gehalten  zu  Dresden  im  Winter  \8^!yo 
von  Dr.  Adolph  Drechsler.  Mit  in  den  Text  gedruckten  Holzschnitten. 
Dresden  1855.  20  Ngr. 

Diese  Vorträge  zeigen  ausführlich  und  deutlich  das  Verfahren,  nach  welchem  von  den  wissenschaftlichen 
Astrologen  die  Nativität  gestellt  und  ausgelegt  wurde,  und  geben  einen  Abriss  der  in  culturhislorischer  Be- 
ziehung bedeutsamen  Geschichte  der  Astrologie.  In  dem  Vorworte  sagt  der  Verfasser:  „Ueber  die  Pietät, 
welche  wir  gegen  unsere  in  den  Wissenschaften  unermüdlich  thätigen  Vorfahren  zu  hegen  und  kund  zu  sehen 
schuldig  sind,  habe  ich  meine  Ansichten  bereits  in  dem  Vorworte  zu  „Scbolien  Itt  Chfistopll  Radol^hS  COSS 
[Dresden,  Roh  Schäfer,  1851]  ausgesprochen;  und  die  Veröffentlichung  dieser  Vorträge  soll  ebenfalls  einen 
Einblick  gewähren  in  die  mühevolle  Arbeit  und  den  unermüdlichen  Eifer  einerseits,  andrerseits  in  die  Schärfe 
der  Gedanken  und  Tiefe  der  Forschungen,  welche  unsere  Vorfahren  auch  auf  den  Versuch  einer  wissenschaft- 
lichen Begründung  und  .auf  den  Aufbau  des  Systems  der  Astrologie  verwendet  haben  " 


81 

Auch  sind  Erbsengrosse  Körner  einer  Sphärolithartigen  Substanz 
nicht  selten,  so  wie  auch  kleine  bis  Zollgrosse  eckige  Fragmente  von 
grünlichgrauem  Thonschiefer  und  einem  zersetzten  glimmerreichen  Schie- 
fergestein (Glimmerschiefer  oder  Gneis),  desgleichen  auch  von  einem 
grünlichweissen  feinkörnigen  Sandstein  (Grauwacken-  oder  Steinkohlen- 
sandstein) in  diesem  Gestein  zuweilen  eingeschlossen. 

Dieser  Porphyr,  welcher  ein  ausgezeichnetes  Strassenbaumaterial 
abgiebt,  ist  durch  Steinbruchbetrieb  auf  bald  20  Ellen  Tiefe  verfolgt 
worden  und  hat  sich  in  Folge  dessen  als  eine  ziemlich  abgerundete, 
gegen  25  Ellen  Durchmesser  haltende,  vertikal  aufsteigende,  stockförmige 
Masse  im  weissen  Thousteinporphyr  herausgestellt,  welche  nur  nach 
Norden  hin  einen  einige  Ellen  mächtigen  gangartigen  Ausläufer  abgehen 
lässt,  indem  man  in  neuerer  Zeit  auf  den  Feldern  nördlich  von  dem 
genannten  Gasthause  dasselbe  Gestein  in  mehreren  Schürfen  als  einen 
schmalen  Streifen  verfolgt  hat.  Gänge  von  schön  bandförmig  gestreiftem, 
:othem  und  braunem  Achat,  V^  —  1  Zoll  mächtig,  ziehen  sich  in  diesem 
Pechsteinporphyr  ungefähr  parallel  seiner  Erstreckung  hin.  Der  weisse 
Thousteinporphyr  ist  in  der  Nähe  dieses  Gesteins  meist  roth  und  braun 
gefärbt  und  enthält  viele  Rhyakolithkrystalle. 

Dass  der  Pechsteinporphyr  den  weissen  Thousteinporphyr  durch- 
brochen habe,  also  jünger  sei,  erleidet  bei  der  deutlichen  stockförmigen 
und  gangförmigen  Gestaltung  desselben  wohl  keinen  Zweifel.  Die  in 
diesem  Gestein  enthaltenen  Schiefer-  und  Saudsteinfragmente  scheinen 
aber  auch  anzudeuten,  dass  sich  vmter  dem  durchbrochenen  Porphyr 
noch  eine  unversehrte  Kruste  von  den  Urschiefern  und  den  diese  be- 
deckenden Gebilden  der  Grauwacken-  oder  wohl  gar  der  Steinkohlen- 
formation zur  Zeit  der  Pechsteinporphyreruj)tionen  befunden  habe. 

Ein  anderes  Pechsteinporphyr  -  Vorkommen  befindet  sich  in  dem 
Queckhayner  Thale,  eiiüge  hundert  Schritte  unterhalb  des  Dorfes  glei- 
rlies  Namens,  am  rechten  Ufer  des  Baches.  Die  petrographische  Beschaf- 
i'cnheit  dieses  Porphyrs  ist  dem  vorigen  ziemlich  analog,  nur  besitzt  die 
1  *echsteingrundmasse  hier  fast  ausschliesslich  eine  lauchgrüne  Farbe. 

Das  Gestein  tritt  nur  au  einer  kleinen  Gebirgsentblössung  an  die 
Tagesoberfläche  hervor;  rings  herum  ist  es  mit  Alluvium  bedeckt.  Es 
lässt  sich  daher  über  seine  Verbreitung  und  Altersverliältnisse  nichts 
gewisses  angeben  ;  indessen  scheint  es  wie  der  Korpitzscher  Pechstein- 
porphyr  nur  eine  kleine  stockförmige  Masse  im  Aveissen  Thonporphyr, 
der  sich  in  seiner  Nähe  vorfindet,  zu  bilden. 

Spuren  von  Pechsteinporphyr  zeigen  sich  auch  am  Rosinenberge 
bei  Scheergrund,  unmittelbar  neben  der  früher  (S.  79)  beschriebenen 
Lokalität.  Es  ragen  hier  eine  ziemliche  Menge  von  Hand-  bis  Kopf- 
grossen Stücken  eines  dem  Queckhayner  ganz  ähnlichen  lauchgrünen 
Pechsteinporphyrs  mit  vielem  Feldspath-  (Rhyakolith-)  und  Quarzkörnern, 
durchzogen  von  vielen  schmalen  Adern  und  Schnüren   ziegelrotheu    bis 

Allg-.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.  I.  - 


82 

braunrothen  Achat  und  Jaspis,  unter  der  schwachen  Lehmdecke  hervor, 
welche  sich  dort  am  Gehänge  angelagert  hat.  Nach  der  Grösse  des 
Raumes,  auf  welchem  man  jene  Bruchstücke  findet,  kann  der  Pechstein- 
porphyr nur  als  eine  sehr  kleine  Partie  von  höchstens  20  Ellen  Durch- 
messer auf  der  Oberfläche  hervortreten. 

Erläuterung  der  Abbildungen  auf  Tafel  I. 

1 .  Porphyr  mit  Tendenz  zur  plattenförmigen  Absonderung  am  Har  - 
inge  unterhalb  Leisnig.  Der  Leisniger  Porphyr  umschliesst  hier  Frag- 
mente eines  altern.     Erstreckung  von  34  Schritten. 

2.  Entblösste  Gebirgsparthie  bei  der  zweiten  Brücke  an  der  Strasse 
zwischen  Leisnig  und  dem  weissen  Berge.  A.  dunkelrother  Leisniger 
Porphyr.     B.    Fragmente  altern  Porphyrs. 

3.  Am  Kunathsberge  oberhalb  Altleisnig.  A.  Leisniger  gewöhn- 
licher Porphyr.     B.    Jüngerer  dichter  Felsitporphyr. 

4.  Köpfgrube  bei  Leisnig.  A.  Leisniger  Porphyr.  B.  Jüngerer 
Porphyr.     C.    Thonsteinporphyr.     D.     Brauneisenerze. 

5.  Bei  der  zweiten  Brücke  am  Harling  unterhalb  Leisnig.  Erstreck- 
ung von  21  Schritten.  A.  Gewöhnlicher  Leisniger  Porphyr.  B.  Araser 
Thonsteinporphyr.  Chocoladenfarbiger,  zersetzter.  C.  Fragmente  des 
altern  Leisniger  Porphyrs. 

6.  Contactverhältniss  zweier  Porphyre  bei  dem  Weissenbefge  unter- 
halb Leisnig.  A.  Weisser  Porphyr  gänzlich  zu  Gruss  zersetzt.  B.  Ro- 
ther Porphyr. 

7.  Verhältniss  zweier  Porphyre  bei  Minkwitz.  A.  Aelterer  Porphyr. 
B.  Jüngerer  Porphyr,  zuweilen  säulenförmig. 

8.  Bei  Minkwitz,  Porphyrdurchsetzungen.  Leisniger  Porphyr  durch- 
setzt von  jüngerem  (Thonsteinporphyr?). 

9.  Contactverhältnisse  zweier  Porphyre  vom  Rosinenberge  bei  Scheer- 
grund,  ohnweit  Leisnig.  A.  Leisniger  gewöhnlicher  Porphyr.  B.  Jüngerer 
chocoladenbrauner  zu  Gruss  zersetzter  Porphyr;  wahrscheinlich  Thon- 
steinporphyr. 

10.  Am  Leisniger  Schlossberge. 


BeobachUiiig-eii  über  Schildkröten  im  Nordosten 
dei'  vereinigten  Staaten, 

bei  Vorlegung  der  Exemplare  mitgetheilt  von  C.  Müller  in  Dresden. 

Schildkröten  sind  durch  alle  heisse  und  gemässigte  Theile  der  Erde 
verbreitet,  doch  während  ihre  Zahl  in  den  heissern  Climaten  Legion  ge- 
nannt werden  darf,  sind    dieselben   in    den    gemässigten  Distrikten    nur 


83 

c 

sparsam  vertreten.  Ihr  Vorkommen  scheint  Indessen  wohl  weniger  durch 
die  mittlere  Wärme ,  als  vielmehr  durch  die  Höhe  der  Sonnenhitze 
bedingt  zu  sein  5  denn  während  wir  hier  in  Deutschland  nur  eine  Art 
und  diese  nur  sparsam  vorfinden^  haben  wir  z.  B.  im  Staate  Massachusetts^ 
welcher  doch  eben  so  kalte  Winter  hat,  als  Deutschland,  zwei  Land-, 
vier  Süsswasser-  und  an  den  Ufern  des  Meeres  noch  eine  Seeschildkröte, 
und  es  ist  möglich,  dass  bei  gründlicher  Durchsuchung  noch  einige 
Species  mehr  aufgefunden  werden  dürften.  Es  kann  aber  hier  nicht 
meine  Absicht  s^in,  mich  über  die  geographische  Verbreitung  der  Schild- 
kröten aussprechen  zu  wollen,  sondern  ich  muss  diess  dazu  Befähigteren 
überlassen;  ich  will  daher  nur. einige  Woi'te  über  die  in  dem  Nord- Osten 
der  Vereinigten  Staaten  vorkommenden  Arten  mir  erlauben  zu  sprechen, 
da  ich  häufig  Gelegenheit  hatte,  diese  Thiere  sowohl  in  der  Freiheit, 
als  auch   in  der  Gefangenschaft  dort  beobachten  zu  können. 

Die  Schildkröten  leben  auch  hier  theils  auf  trocknem  Lande,  theils 
im  süssen  Wasser  oder  Schlamm,  und  die  grösten  Arten  in  der  See. 
j3ei  einem  nicht  zu  spät  eintretenden  Frühjahr  kommen  einige  schon 
Anfang  Mai  aus  ihren  Winterquartieren  wieder  zum  Vorschein;  das  ist 
nämlich  der  Fall  in  den  Staaten  Pensjlvanien,  New- Jersey,  New-York, 
Connekticut  und  Massachusets.  Die  Landschildkröten,  Cisiiido,  kommen 
zuletzt,  doch  die  Arten  von  Emys  findet  man  während  der  Mittagshitze 
oft  schon  Ende  April.  Im  Anfang  bleiben  sie  nur  kurze  Zeit  ausserhalb 
des  Wassers  und  kehren  bald  in  ihre  Schlupfwinkel  zurück.  Die  Beweg- 
ung der  Schidkröten  auf  dem  Lande  ist  unbeholfen  und  langsam.  Wie 
ein  ganz  anderes  Thier,  in  dieser  Beziehung,  erscheint  aber  z.  B.  eine 
Emys  im  Wasser,  erst  ruhig  auf  der  Oberfläche  schwebend  oder  herum- 
schwimmend, taucht  sie  bei  dem  geriligsten  verdächtig  scheinenden  Ge- 
räusch sogleich  unter,  um  in  demselben  Augenblicke  sich  im  Schlamme 
oder  unter  Wurzeln  zu  verbergen.  Sie  scheinen  es  eingelernt  zu  haben, 
sich  unsichtbar  zu  machen;  manchmal  fand  ich  das  Ufer  von  Bächen  oder 
Teichen  sowohl,  als  auch  die  geringste  Hervorragung  in  denselben,  so 
zu  sagen  mit  Emys  picta  oder  punctata  bedeckt,  und  sie  schienen  sich 
sorglos  zu  sonnen ,  doch  sobald  man  sich  'so  nahe  geschlichen  hatte, 
um  darnach  zu  greifen,  verschwanden  sie  meistens  lautlos,  und  nur  bei 
ganz  klarem,  hellem  Wasser  mit  nicht  schlammigem  Grund,  kann  man 
sie  dann  leichter  erhaschen,  da  sie  sonst,  wie  gesagt,  sich  im  Augenblick 
eingraben.  Auch  Landschildkröten,  welche  ich  hinsetzte,  fingen,  sobald 
sie  sich  für  beobachtet  halten  mochten,  sogleich  an,  sich  einzugraben; 
da  sie  eine  ziemliche  Kraft  und  Geschicklichkeit  in  ihren  Beinen  haben, 
so  wird  ihnen  dieses  auch  sehr  leicht.  Die  Geschlechtsfunktion  der 
Schildkröten  wird,  nach  Art  aller  beschuppten  Reptilien,  durch  eine 
wirkliche  Begattung  ausgeübt,  welche  bei  ihnen  von  aussergewöhnlich 
langer  Dauer  ist  und  oft  Tage  lang  anhält.  Die  Gesclilechtstheile  befinden 
sich  in  der  Kloake.    Während  der  Dauer  der  Begattung  sind  sie  für  alles 

7* 


_  84 

Andere  wie  abgestorben  und  ihre  gewöhnliche  Vorsicht  und  Schüchtern- 
heit verlässt  sie  dann  gänzlich.  Ich  habe  Emys  picta  in  der  Begattung 
auf  der  Oberfläche  des  Wassers  schimraend  gefunden,  wo  ich  sie  mittelst 
eines  Netzes  leicht  herausfischen  konnte,  ohne  dass  sie  sich  im  gering- 
sten stören  Hessen;  auch  Cistudo  Carolina  habe  ich  mehrmals  gefunden, 
ohne  dass  sie  die  geringste  Notiz  davon  zu  nehmen  schienen.  Die  Emys 
liängen  mit  den  Bauchschildern  gegen  einander  gekehrt  und  halten  sich, 
noch  mit  den  Vorderbeinen  umklammert,  so  fest  zuzammen,  dass  eine 
ziemliche  Kraft  angewendet  werden  muss,  um  sie  auseinander  zu  reissen. 
Bei  Cistudo  hingegen  sitzt  das  Männchen  auf  dem  Weibchen,  wozu,  wie 
ich  glaube,  auch  die  Vertiefung  auf  seinem  Bauchschilde  dient.  Das  be- 
fruchtete Weibchen  gräbt  kurze  Zeit  darauf  Löcher  in  die  Erde  oder 
in  den  Sand,  wo  hinein  es  seine  Eier  legt,  und  hernach  wieder  mit  einer 
Lage  Erde  oder  Sand  sie  bedeckt,  denn  ohne  diese  Fürsorge  würden  die 
Eier  austrocknen  und  zusammenschrumpfen,  nicht  aber  ausgebrütet  wer- 
den, durch  die  Erddecke  sind  sie  den  intensiven  Strahlen  der  Sonne 
sowohl,  als  auch  dem  starken  Thau  des  Morgens  nicht  ausgesetzt,  son- 
dern sie  erhalten  eine  mehr  gleichförmige  Wärme,  auch  ihren  zahlreichen 
Feinden  würden  diese  Eier,  im  Fall  sie  nicht  bedeckt  würden,  zu  sehr 
biossgegeben  sein. 

Die  Eier  haben  eine  kalkig  -  pergamentartige  Schaale,  welche  sehr 
dünn  ist;  die  Form  können  Sie  aus  den  hier  vorliegenden  Eiern  von 
Chelydra  serpentina  besser  sehen,  als  ich  dieselbe  beschreiben  würde, 
sie  sind  nämlich  kurzwalzigoval.  Die  Zahl  der  gelegten  Eier  ist  bei 
den  Seeschildki'öten  sehr  gross,  bei  den  Arten  von  Cistudo  und  Emys 
jedoch  habe  ich  deren  nicht  mehr  als  6  —  8  bemerkt.  Obgleich  ich  von 
mehreren  eben  erst  gefangenen  Schildkröten  Eier  erhielt,  so  konnte  ich 
dieselben  doch  nie  zum  Auskriechen  bringen,  da  ich  wohl  nicht  die 
uöthige  Sorgfalt  darauf  verwendet  hatte.  Jedoch  scheint  es  auch  schon 
Andern  bedeutende  Mühe  verursacht  zu  haben.  Denn  ich  entsinne  mich 
erst  kurz  vor  meiner  Abreise  von  New-York  eine  Bekanntmachung  aus 
Paris  gelesen  zu  haben,  dass  mittelst  des  künstlichen  Ausbrütungs  -  Ap- 
parates die  Eier  der  mährischen  Schildkröte,  Emys  paludosa,  auszubrüten 
gelungen  sei,  die  Ausbrütezeit  hatte  aber  die  der  Vogeleier  bei  weitem 
überstiegen.  Länger  in  der  Grefangenschaft  lebende  Thiere  legen  unbe- 
fruchtete Eier,  wie  man  ja  auch  bei  den  Vögeln  dies  findet. 

Nach  Angabe  einiger  altern  Naturforscher  sollen  viele  Schildkröten 
ihre  Eier  selbst  ausbrüten.  Auch  unser  Freund  Hr.  Straube  erzählte 
mir,  dass  er  in  Griechenland  Testudo  graeca  oft  halb  in  der  Erde  ver- 
graben, ihre  Eier  ausbrütend,  gefunden  habe.  Dies  ist  aber  wahrscheinlich 
ein  Irrthum  und  die  Thiere  sind  zufallig  während  des  Legens  angetroffen 
worden.  Das  Ausbrüten  durch  die  Mutter  selbst  ist  nicht  möglich,  da 
sie  bei  Weitem  nicht  die  dazu  nüthigc  Wärme  besitzt  und  nur  durch 
das  Daraufsitzeo  die  erwärmenden  Sonnenstrahlen  f)bhalten  würde.    Das 


85 

Weibchen  überlässt  vielmehr,  nachdem  es  die  Eier  bedeckt  hat,  dieselben 
ihrem  Schicksale ;  denn  obgleich  erzählt  wird ,  dass  zur  Zeit  des  Aus- 
kriechens die  Weibchen  zurückkehren,  die  auf  den  Eiern  liegende  Erde 
wegkratzen,  und  so  den  Jungen  das  Auskriechen  erleichtern,  so  halte 
ich  dieses  dennoch  für  eine  P^abel,  denn  ich  habe  ganz  im  Cxegentheil 
gefunden,  dass  sich  die  Jungen  mit  Leichtigkeit  aus  der  dünnen  Sand- 
oder Erdschicht  selbst  herausarbeiten. 

Die  Zeit,  welche  zum  Ausbrüten  erforderlich  ist,  scheint  eine  ziem- 
lich lange  zu  sein,  denn  während  ich  im  Anfang  Juni  Eier  fand,  traf 
ich  die  Jungen  immer  erst  im  August  oder  September. 

Die  Schaalen  der  eben  ausgekrochenen  Jungen  sind  weich,  was  Sie 
auch  bei  den  vorliegenden  Exemplaren  noch  sehen  können,  und  sie  ver- 
härten erst  nach  längerer  Zeit.  Die  Farbe  ist  anfänglich  schon  von 
der  der  Alten  wenig  verschieden,  dagegen  die  (iestalt  etwas  breiter  und 
flacher.  Sobald  sie  ausgekrochen,  suchen  sie  auch  zugleich  die  Plätze 
auf  wo  die  Alten  leben.  Ich  fand  einmal  eine  ganz  kleine  .EVw//.yjO«^«c/'ö^« 
auf  der  Landstrasse  einige  hundert  Schritte  vom  Wasser  entfernt,  wie  sie 
mit  Aveit  vorgestrecktem  Halse  stolz  einherschritt  und  ganz  richtig  auch 
den  Weg  nach  dem  Wasser  einschlug.  In  der  Jugend  wachsen  sie  ziemlich 
rasch,  desto  langsamer  aber  nach  dem  zweiten  .lahre.  Dass  dieselben 
ein  hohes  Alter  erreichen  und  selbst  schon  in  der  Gefangenschaft  150  Jahre 
alt  geworden  sind,  ist  bekannt,  doch  ist  anzunehmen,  dass  sie  in  der 
Freiheit  ein  noch  weit  höheres  Alter  erreichen. 

Ihre  Nahrung  ist  mannigfaltig  und  sie  scheinen  keine  Kostverächter 
zu  sein.  Kleinere  Säugethiere,  Vögel,  Reptilien,  Fische,  wirbellose  Thiere 
und  Vegetabilien,  alles  steht  ihnen  an;  auch  scheint  es  weniger  von 
ihrem  Geschmack,  als  mehr  davon  abhängig  zu  sein,  was  ihnen  ihre 
Kraft  zu  erhaschen  erlaubt.  In  der  Gefangenschaft  nehmen  sie  mit  allem 
vt)rlieb,  Kartoffeln,  Brod,  Fleisch,  Kegenwürmer,  doch  habe  ich  bemerkt, 
dass  die  Arten  Cistudo,  Emys  und  Chelydra,  welche  icli  längere  Zeit 
hatte,  wenn  sie  es  erhalten  konnten.  Fleisch  vorzogen,  welches  sie  dann 
am  liebsten  frassen,  wenn  ich  es  in  lange  schmale  Streifen  g-eschnitten  hatte. 

Beim  herannahenden  Winter  graben  sie  sich  ziemlich  tief  in  die 
Erde,  besonders  habe  ich  bei  den  Süsswasserschildkröteu  bemerkt,  dass 
sie  grosse  Gänge  graben  und  oft  die  ganzen  Ufer  unterminiren ,  ich 
habe  einst  nachgegraben  und  erst  in  einer  Tiefe  von  zwei  Ellen  einige 
Emys  picta  gefunden.  Darum  sind  auch  diese  Winterlager  leicht  zu 
finden,  denn  es  sieht  aus  als  ob  eine  Heerde  Sehweine  an  solchen  Stellen 
gewühlt  hätten;  denjenigen  Arten,  welche  gegessen  Averden,  wird  auch 
zu  dieser  Zeit  sehr  nachgestellt,  da  sie  dann  am  leichtesten  in  grossen 
Mengen  zu  bekommen  sind.  Ich  habe  einmal  im  Spätherbst  auf  dem 
Markte  in  Philadelphia  mehrere  Wagenladungen  von  Cistudo  Carolina 
angetroffen. 

Noch  mu!«s    ich    hier    ihrer   Vorliebe    flir   Musik    P^rwähnung    thun ; 


86 

eben  erst  gefangene  Schildkröten,  welche  sich  ganz  in  ihr  Schild  zurück- 
gezogen hatten ,  wurden  munter  und  steckten  den  Kopf  heraus ,  sobald 
gepfiffen  wurde.  In  der  Kiste,  worin  ich  sie  hatte,  war  ein  Bassin  mit 
Wasser  und  darin  lagen  die  Wasserschildkröten  gewöhnlich,  sobald  aber 
gepfiffen  oder  Flöte  geblasen  wurde,  kamen  sie  sachte  heraus,  um  mit 
weit  vorgestrecktem  Kopfe  zuzuhorchen.  Auch  die  Landschildkröten 
kamen  aus  den  entlegensten  Winkeln  herzu.  Dem  leisen  Pfeifen  und 
dem  Flötcnspiele  schienen  sie  vor  allen  andern  Tönen  von  Instrumenten 
den  Vorzug  zu  geben.  Sobald  die  Musik  authörte,  kehrten  sie  auch 
nach  ihren  Lieblingsplätzen  wieder  zurück. 

Nun  will  ich  mir  zu  den  vorliegenden  Species  noch  einige  Bemerk- 
ungen erlauben : 

Emys  guttata  {Testudo)  Schneider,  und  Emys  picta  Schneider.  Diese 
zwei  Arten  Süsswasserschildkröten  sind  die  gemeinsten  durch  den  ganzen 
Nord  -  Osten  der  Vereinigten  Staaten ,  man  findet  dieselben  in  klaren 
stehenden  Gewässern  und  Bächen,  in  Sümpfe  und  Pfützen  gehen  sie 
aber  wohl  nur  dann ,  wenn  an  frischem  Wasser  gänzlich  Mangel  ist, 
welcher  Fall  bei  anhaltender  Hitze  oftmals  eintritt.  Die  Nahrung  dieser 
Arten  ist  die  schon  oben  erwähnte,  ob  auch  sie  kleinere  Säugethiere 
und  Vögel  anfiillen,  kann  ich  nicht  behaupten,  da  ich  es  nie  gesehen, 
jedoch  ist  es  von  den  grössern  Arten  wohl  zu  erwarten. 

Emys  inscuJpta  Leconte.  Diese  Wasserschildkröte  scheint  grosse 
Wanderungen  vorzunehmen,  sie  ist  nach  den  Beobchtungen  anderer 
Autoren  oft  weit  entfernt  vom  Wasser  in  Wald  und  Wiese  aufgefunden 
worden;  auch  ihr  gemeiner  Name  bezieht  sich  auf  diese  Eigenheit,  da 
sie  Wood-tortoise,  Waldschildkröte,  genannt  wird.  Ich  habe  dieses  auch 
am  vorliegenden  Exemplare,  welches  ich  über  ein  Jahr  lebend  hatte, 
bemerkt,  denn  während  picta  und  guttata  sich  die  meiste  Zeit  im  Wassei- 
befanden,  so  verbargen  diese  sich  meistens  unter  Moos.  Diese  Species 
ist  dieselbe,  welche  vom  Prof  Say  in  seinem  Catalog  irrthümlich  als 
die  Testudo  scabra  Lin  aufgezählt  wurde,  welche  in  den  Vereinigten 
Staaten  nicht  vorkommt. 

Emys  terrapin  (Testudo)  Schöpf  =  Emys  cenfrata  Oken  weicht  so- 
wohl durch  ihre  Lebensweise,  als  auch  durch  die  grossen  Schwimm 
häute  an  den  Füssen  von  den  übrigen  Emtjs  ab  und  könnte  wohl  eine 
eigne  Gattung  bilden,  dieselbe  kommt  nämlich  sowohl  in,  als  am  Ausfluss 
grösserer  Flüsse  vor,  im  Hudson,  Delaware  sowohl,  als  auch  in  den 
halbsüssen  Gewässern  zwischen  New-York  und  Longisland,  New-Jersey 
und  Staten  Island  wird  sie  gefangen  und  wird,  da  sie  gern  gegessen 
wird,  oft  auf  die  Märkte  von  New-York  und  Philadelphia  gebracht,  wo 
sie  zu  guten  Preisen  verkauft  wird. 

Chelydra  serpcntina  (Testudo)  Linn.  oder  wie  sie  in  Amerika  allgemein 
genannt  wird:  Snappiny  turtle,  schnappende  Schildkröte,  darum,  weil  sie 
nach  allem,  was  ihr  in  den  Weg  kommt,  beisst.    Um  Missverständnissen 


87 

vorzubeugen,    muss   ich    bemerken,    ilass    sie  nur  in    stark   bevölkerten 
Gegenden  so  schüchtern  ist^  nicht  aber  im  Süden,  avo  sie  zu  tausenden 
vorkommt  und  leicht  zu  fangen  ist.     Sie  wird  ziemlich  gross,  ist  schon 
doppelt  so    gross,    als    vorliegende,    gefangen   worden    und    wiegt    dann 
15^ — 20  Pfund.    Sie  hält  sich  in  Sümpfen  und  überhaupt  im  tiefen  Schlamm 
auf,  verschmäht  selbst  die  stinkendsten  Pfützen  nicht  und  scheint  über- 
haupt  das   Licht  zu   fliehen,    denn  sie  kommt  meistens  nnr  des  Nachts 
zum  Vorschein.     Obgleich  sie  keineswegs    selten,    so  ist  sie  doch  nicht 
leicht  zu  bekommen,  wenn  man  nicht  hin  und  wieder  eine  auf  ihren  zahl- 
reichen Excursionen  zu  Lande  fängt,  wo  sie  langsam  und  gelassen  ein- 
herschreitet.     Sie   ist    sehr  gefrässig,    und  da  sie  ziemlich   stark  ist,    so 
kann  sie  manches  andere  Thier,  was  ihre  Geschlechtsverwandten  in  Ruhe 
lassen  müssen,  angreifen  und  überwältigen.    Man  hört  sehr  häutig  Klagen 
der  Farmer   über   den   von   ihr   ausgeübten    Raub,    den    sie    an  jungen 
Hühnern  und  Enten  begangen,  ja  selbst  alte  Enten  greift  sie  an,  zieht 
sie  bei  den  Beinen  in  das  Wasser  und  ertränkt  sie,  worauf  sie   dieselbe 
dann   nach   Bequemlichkeit    verzehrt.     Das    hier   vorliegende   Exemplar 
ist  bei  einem  solchen  Raubanfalle  auf  eine  Ente  gefangen  worden,  nämlich 
ein    Freund    von    mir    hörte    eine     seiner    Enten    sehr    schreien,     lief 
hinzu  und  sah  wie  eben  eine  Ente,    trotz  ihres    heftigen  Sträubens  und 
Schiagens  mit  den  Flügeln,    halb  unter    das  Wasser   gezogen  war.     Er 
zog  sie  heraus  und  zu   seinem  Erstaunen  war   eine    dieser  Schildkröten 
daran,  und  so  stark  verbissen,  dass  sie  sich  ruhig  mit  hei'ausziehen  liess. 
Dieser  Verbissenheit  hat  sie  es  auch  zu  danken,  dass  sie  heute  die  Ehre 
hat,  vor  Ihnen  zu  erscheinen.     Während  das  Auge  der  übrigen  Schild- 
kröten eine  gewisse  dumme  Gutmüthigkeit  ausdrückt,  so  leuchtet  dieser 
die  Tücke  und  Bosheit,    so  zu  sagen,    aus  den  Augen    heraus,    und  es 
sind  gewiss  Viele,  die,  wenn  sie  dieser  Art  zum  erstenmale  begegneten, 
vor  ihr   ausweichen   würden.     Obgleich    nun    wohl    dies  Anselm  an    der 
ganzen  Gestalt  des  Thieres  liegt,  so  hat  doch  der  lange  Kopf  und  Schwanz 
etwas   widerwärtig  Schreckhaftes  und  ich  möchte  wissen,    was  Jene  bei 
ihrem  Anblick  im  Leben  sagen  würden,    welche    sich  schon  vor  einem 
Salamander  oder  vor  einer  Eidechse  fürchten.     Dort    gilt  sie    auch    bei 
den  Unwissendem  für  giftig.     Was  mich  wunderte,  war,  dass  vorliegen- 
des  Exemplar   während    eines    vollen    Jahres,    da   ich   es    lebend   hatte. 
nichts  frass,  ich  bot  ihm  alles  Mögliche  an,   jedoch  vergebens,    im  An- 
fange biss  sie  hinein,  später  jedoch  biss  sie  mich  in  die  Hände,  da  sie 
es  zu  wissen  schien,  dass  sie  dadurch  Schmerz  verursachen  und  an  mir 
sich   rächen   könnte.     Ich   hing   ihr  oft    einen  Streifen  Fleisch    über  die 
Nase  und    sie    spazirte    damit   in    der  Stube   herum;    sogar    das   Fleisch 
in  den  Mund  stecken  half  nichts.     Besondere  Vorliebe  schien  sie  für  den 
Ofen  und   den  Aschenkasten  zu   haben.     Bei  Eintritt    des  Winters    ver- 
kroch sie  sich  in  einen  dunkeln  Winkel,    wohin    ich  ihr    ein   paar   alte 
Hader    geworfen    hatte,   jedoch   kam    sie    während   des    Winters    einige 


88 

Mal  hervor,  \\m  eine  Excursion  nach  dem  Ofen  zu  machen.  Sie  ist  ge- 
wöhnlich sehr  fett,  was  wohl  von  ihrer  Gefrässigkeit  kommt.  Ihr  Fleisch 
wird  gern  gegessen  und  daher  auch  diese  Art  auf  den  Märkten  gut 
bezahlt. 

Cinosternum  Pensylvanicum  Edwards.  Diese  Art  ist  mir  nur  selten 
vorgekommen^  jedoch  ist  es  möglich,  dass  dieselbe  in  den  südlichen 
Staaten  häufiger  auftritt.  Das  hier  vorliegende  Exemplar  habe  ich 
1 1/2  Jahr  lebend  erhalten ;  in  ihrer  Lebensweise  kommt  sie  fast  ganz 
mit  Emys  überein,  hält  sich  jedoch  mehr  im  Sumpfe  auf  und  über- 
haupt seltener  im  Wasser.  Sie  war  sehr  gefrässig  und  nahm  mir  das 
Fleisch  aus  der  Hand,  da  sie  sehr  zahm  und  so  fett  geworden  war,  dass 
sie  die  Klappen  an  dem  Sternum  nicht  mehr  schliessen  konnte,  weil 
das  Fleisch  überall  herausquoll.  Bei  Eintritt  des  Winters  verkroch  sie 
sich  unter  Moos  und  kam  erst  im  März  wieder  zum  Vorschein. 
Ein  sehr  ähnliches  Thier  ist: 

Sternothaenis  odoratus  Harlan.  The  stinking  tourtle  oder  stink-pot, 
stinkende  Schildkröte,  dieselbe  sieht  von  oben  Cinosternum  pensylva- 
nicum ganz  ähnlich,  unterscheidet  sich  jedoch  leicht  durch  das  auf  der 
hintern  Hälfte  bedeutend  verschmälerte  Bauchschild.  Sie  hält  sich 
meistens  in  tiefen  schlammigen  Gräben  und  Teichen  auf,  und  ist  gewöhn- 
lich mit  einer  dicken  Kruste  Schlamm  und  Wurzeln  bedeckt,  so  dass  ihre 
eigentliche  Gestalt  nicht  zu  erkennen  ist,  und  sie  wie  behaart  aussieht, 
wodurch  sie  einen  nicht  besonders  angenehmen  Geruch  verbreitet,  daher 
der  Name.  Ein  Freund  von  mir  angelte  einst  zwei  Stück  bei  Patterson 
im  Staate  New -Jersey,  er  musste  sehr  stark  ziehen  und  glaubte  schon 
irgend  einen  grossen  Fisch  an  der  Angel  zu  haben,  war  aber  nicht  wenig 
erstaunt,  als  er  Schildkröten  gefangen.  Zu  meinem  Bedauern  wollte  er 
keine  abgeben,  und  ich  selbst  habe  nie  eine  gefangen,  daher  es  mir 
nicht  möglich  ist  Ihnen  einen  Vertreter  dieser  Gattung  und  Art  vorlegen 
zu  können. 

Sphargis  coriacea  (Testudo)  Lin.  Die  lederartige  Seeschildkröte. 
Ihr  eigentliches  Vaterland  ist  wohl  das  mittelländische  Meer  und  der 
atlantische  Ocean,  doch  wird  sie  auch  hin  und  wieder  an  Küsten  von  New- 
York  und  Massachusetts  gefangen,  sie  ist  jedoch  immer  eine  ziemliche 
Seltenheit. 

Trionyx  ferox  Schöpf.  Die  beissonde  oder  weichschalige  Fluss- 
schildkröte, ist  unter  den  dort  vorkommenden  Flussschildkröten  die  grösstc. 
da  sie  oft-  bis  40  Pfund  schwer  wird.  Sie  kommt  in  ziemlicher  Zahl 
in  allen  grössern  oder  kleinern  Flüssen  südlich  von  New- York  vor,  soll 
jedoch  einzeln  auch  im  Staate  New -York  gefangen  worden  sein.  Vor- 
liegendes Exemplar  ist  aus  dem  Ohio,  wo  sie  ziemlich  häufig  vorkommt. 
Sie  verbirgt  sich  unter  Wurzeln  und  Wasserpflanzen,  und  da  sie  die 
Eigenschaft  hat,  ihren  Hals  sehr  verlängern  zu  können,  so  kömmt  sie 
blitzschnell    mit   ihrem  Kopfe    hervor,    um   sorglos   herumschwimmende 


89 

Wasservögel  oder  Fische  zu  erschnappen.  Ihr  Fleisch  ist  fett  und  wohl- 
schmeckend und  wird  deshalb  sehr  gern  gegessen. 

Die  jungen  Fxemplare  dieser  Schildkröte  sind  von  Thunberg  irr- 
thümlich  als  eigne  Art^  unter  dem  Namen  Testuda  rosirata  beschrieben 
worden. 

Das  Genus  Cistudo,  die  Dosenschildkröten,  sind  von  mehrern  Schrift- 
stellern mit  Unrecht  zu  den  Süsswasserschildkröten  gerechnet  worden. 
Sie  sind  unbedingt  ächte  Landschildkröten,  ich  hatte  häufig  Gelegenheit 
dieselben  sowohl  in  der  Freiheit ,  als  auch  in  der  Gefangenschaft  zu 
beobachten  und  habe  sie  nie  im  Wasser  gefunden,  sondern  im  Gegen - 
theil,  ins  Wasser  hineingesetzt,  zeigten  sie  einen  grossen  Widerwillen 
dagegen,  und  verliessen  es  so  schnell  als  möglich. 

Cistudo  Carolina  Edwards,  früher  Testudo  clausa,  Schöpf,  welche  in 
den  Staaten  New- York,  Pensylvanien,  Massachusetts  und  überhaupt  wohl 
durch  die  ganze  Union  verbreitet  ist,  wo  man  sie  in  den  Wäldern  und 
Wiesen  vorfindet,  doch  scheint  sie  wohl  Wälder  mit  Lavibholz  vorzu- 
ziehen. Oft  ist  sie  halb  in  die  Erde  oder  Moos  vergraben,  worin  sie 
wahrscheinlich  beschäftigt  ist  Würmer  und  Insekten  zu  suchen ,  da  diese 
ihre  Lieblingsnahrung  zu  sein  scheinen.  Auch  in  alten  faulen  Baum- 
stumpfen findet  man  sie,  ich  fing  einmal  eine  in  einem  solchen  Baum- 
stumpfe, ich  hörte  schon  von  Weitem  ein  Geräusch  in  demselben  und 
als  ich  nachsah,  fand  ich  eine  Cistudo  Carolina,  welche  ganz  von  Passalus 
cornutus  umgeben  war  und  ihr  Frühstück  von  und  unter  ihnen  hielt.  Wenn 
sie  entdeckt  ist,  zieht  sie  Kopf  und  Beine  ein  und  schliesst  die  Klappen 
fest  an,  wo  sie  vor  gewöhnlichen  Eaubthieren  völlig  geschützt  ist,  nicht 
aber  gegen  das  grösste  von  allen,  dem  Menschen,  dieser  weiss  sie  schon 
herauszubekommen.  In  der  Gesellschaft  von  Menschen  verliert  sie  ihre 
ursprüngliche  Schüchternheit  sehr  bald  und  wird  so  zahm,  dass  sie  aus 
der  Hand  frisst.  Ich  hatte  oft  einige  in  der  Stube  und  dieselben  Hessen 
sich,  da  sie  alles  frassen,  sehr  gut  halten.     Die 

Cistudo  Blandingii  Holbrook,  welche  derselbe  in  seiner:  American 
Herpetology.  vol.  III.  pag.  35  beschreibt  und  abbildet,  und  als  deren 
Vaterland  er  die  Prairien  von  Illinois  und  den  Staat  Visconsin  nennt, 
kommt  nach  Angabe  des  Dr.  Storer  (siehe  dessen  Report  on  the  Reptiles 
of  Massachusetts  pag.  215)  auch  in  Massachusetts  vor,  wo  ein  Exemplar 
bei  Haverhill  gefangen  worden,  ich  glaube  jedoch,  dass  sie  auch  noch 
in  dem  Districte  zwischen  Illinois  und  Massachusetts  aufgefunden  werden 
dürfte.  Ich  habe  dieses  seltene  Thier  in  Natura  nie  gesehen,  sondern 
kenne  es  nur  aus  Beschreibung  und  Abbildung  Holbrook's.  Sie  unter- 
scheidet sich  ohngefähr  durch  folgendes  von  C.  Carolina:  Das  Rücken- 
schild ist  im  Verhältniss  zur  Breite  etwas  länger,  als  bei  letzterer,  die 
Grundfarbe  ist  schwarz,  jede  einzelne  Platte  dicht  mit  rimden  und  läng- 
lichen hellgelben  Flecken  bedeckt.  Auch  unterscheidet  sie  sich  leicht 
durch  die  Form  der  einzelnen  Platten  von  Carolina,  bei  welcher  die  vier 


90 

Mittelplatten  des  Rückenschildes  sechseckig',  die  fünfte  aber  fünfeckig 
ist,  während  hei  Blandingü  die  vier  siebeneckig,  die  fünfte  achteckig  ist. 
Diese  11  Arteij  sind  sonach  bis  jetzt  alles,  was  von  Schildkröten  in 
dem  oben  erwähnten  nordöstlichen  Theil  der  Vereinigten  Staaten  bekannt 
ist,  bei  einer  gründlichen  Durchsuchung  besonders  der  Staaten  New- York 
und  Pensylvanien  dürfte  wohl  noch  manche  bis  jetzt  nur  in  den  süd- 
lichen und  westlichen  Theilen  der  Vereinigten  Staaten  aufgefundene  Art 
entdeckt  werden  können. 


Nachschrift 

von 
Dr.  Ludwig  Reichenbach, 

Director  am  K.  naturhistorischea  Museum  in  Dresden. 

Nachdem  zwei  sorgfältige  Beobachter  unsrer  Isis  aus  Amerika  zurück- 
gekehrt und  ihre  treuen  Berichte  mitgetheilt   haben,    beginnen    wir   aui 
den  vorstehenden  Seiten    die  Wiedergabe  des  ersten  derselben    und   ich 
\'vigQ   noch   einige  Worte   zuerst  über  Synonymik    hinzu   und   zeige  die 
Abbildungen  an,  um  die  Arten  nachsehen  zu  können. 
Emys  guttata  Schweigg.  Fitzinger:     Neue  Classif.    der  Reptilien,  pag,  45. 
Gray,  Dumeril  und  Bibron  ist  die  Testudo  anonyma   Schneid.,     guttata 
Schneid.    Shaw.     T.   punctata  Schöpff.    Latr.   Daudin.    Leconte.  Harlan. 
Emys  punctata  Merr.  Say.   Clemys  punctata  U'agl.  —  Abb.  Schöpff.  t.  v. 
Shaw  ni.  pl.  X.  f.  I.    Band.  II.  pl.  XXIl.    Holbrooke  pl.  XI.  —  Schneider 
hatte  sein  Exemplar  vom  Baron  von  Bloch  aus  Dresden  erhalten. 
Sie    erreicht   41/2"    engl,    bei   3"   Breite,    Sternum    4",  Höhe  V  8'". 
Holbrooke   sagt    sie    sei   furchtsam    und    sanft    und    leicht  zähmbar.     Sie 
lebt   in   Sümpfen ,    Teichen    und  Flüssen ,    frisst  vorzüglich  Kaulpadden 
und  junge   Frösche.      Sie    steigt    oft   an   das   Land  und  fängt  da  Erd- 
würmer, Grillen   und   Heuschrecken.     Leconte  sagt    sie   seien  über  die 
ganzen  vereinigten  Staaten  verbreitet.   Holbrooke  beobachtete  sie  von  der 
Atlantischen  Küste  vom  43  ^  bis  Florida,   niemals  sah  er  ein  Exemplar 
aus  den  West-  oder  Südwest-Staaten.     Die  kleinen  rundlichen  über  den 
Kopf  und    das    ganze    Rückenschild    sehr    vereinzelten    orangengelben 
Flecken  machen  sie  leicht  kenntlich. 

Emys  picta  Merr.  Schwgg.  Say.  Fitz.  Gray.  Harl.  Dum.  et  Bibr.  Testudc 
picta.  Schneid.  Gen.  Schoepf.  Latr.  Shaw  Band.  Lee.  Clemys  picta  Wagl 
T.  cinerea  Schoepf.  —  Abbild.  Schoepf.  t.  IV.  Shaw.  IH.  pl.  X.  f.  2. 
Holbrooke  pl.  X. 

Von  dieser  schönen  Art  hatten  wir  hier  vor  zwei  Jahren  drei  Exem 
plare  lebendig,  ihre  Schale  ist  ganzrundig,  fast  oval,  ziemlich  niederge 
drückt  und  glatt.  Tfnokplntton   schwarz  ,  fahl  gesäumt,  Randplatte  schön 


91 

roth  und  schwarz  gezeichnet^  der  schwarze  Kopf  gelb  gefleckt  und 
die  Kehle  schwarz  und  gelb  liniirt.  Länge  6V2  bis  1",  Breite  A'^ji'', 
Sternum  6",  Höhe  21/2"-  I"  Gräben  und  Teichen,  häufig  in  Flüssen. 
Sie  sonnt  sich  gern  den  ganzen  Tag  über  am  Ufer  oder  auf  gefallenen 
Baumstämmen  und  Holzscheiten.  Sehr  furchtsam  entflieht  sie  schnell. 
Nahrung,  wie  bei  voriger  Art,  unsere  lebendigen  nahmen  auch  Salat 
und  Semmel  imWasser.  Ueber  die  Vereinigten  Staaten  soweit  als  irgend  eine 
verbreitet,  von  den  Atlantischen  Küsten,  von  Maine  bis  Georgien,  süd- 
licher ist  sie  nicht  nachgewiesen,  dagegen  in  den  nordwestlichen  Thei- 
len.  Dr.  Pickerlng  versichert,  dass  Mr.  W.  Cooper  sie  zu  Sante  de  St,  Maria 
gefunden,  dem  Ablauf  des  Lake  Superior. 

Emys  insculpta  Harlan.  Testudo  insculpta  Lee.  Emys  scabra  Say.  HarL 
E.  pulchella  Schweiyg.  Dum.  Bihr.  E.  speciosa  Gray.  —  Abbildung: 
Holhrooke  pl.  XHI. 

Schale  oval,  etAvas  gekielt,  hinten  ausgekerbt,  röthlichbraun,  Schilder 
mit  strahligen  gelben  etwas  gebogenen  Punktstreifen,  Sternum  vorn  ganz, 
hinten  ausgekerbt,  alle  Platten  vertieft-concentrisch  gestreift.  Vorderrand 
des  Oberkiefers  dreizähnig.  Unterseite  schwefelgelb ,  jedes  Schild  an 
der  untern  Randecke  mit  grossen  schwarzen  Flecken.  Länge  8",  Breite 
5",  Höhe  2V-i'';  Sternum  7"  5'",  Schwanz  21/4".  Lebt  in  Sümpfen  und 
Flüssen,  verlässt  aber  das  Wasser  mehr  als  andere  Wasserschildkröten 
bisweilen  Monate  lang,  ohne  Nachtheil  an  trockenen  Orten  verlebend. 
Denn  im  Wasser  wird  sie,  nach  Haldemans  Beobachtung,  von  einem 
Schmarotzerthiere,  der  Clepsine  scahra ,  gequält.  Die  Exemplare,  welche 
Holhrooke  von  New-Jersey  erhielt,  waren  sehr  lebhaft  und  bewegten  sich 
so  schnell  auf  dem  Lande  wie  im  Wasser.  Beständig  in  Bewegung 
zeigten  sie  sich  auch  immer  geneigt  ihre  Mitgenossen  Emys  serraia 
und  Emys  terrapin  zu  attakiren.  Atlantische  Küstenländer,  von  Maine 
1  is  Pensylvania.  Das  grösste  Exemplar,  welches  Holhrooke  sah,  war 
aus  erster  Gegend  und  befindet  sich  im  Boston  Lyceum. 

l'lmys  terrapin  Holebr.  Testudo  terrapin  Schoepff.  T.  centrata  Latr.  Daud. 
Emys  centrata  Merr.  Schweigy.  Say.  Fitz.  Huri.  T.  concentrica  Shaw. 
Emys  concentrica  Gray.  Lurn.  et  Bihron.  T.  palustris  Leconte.  Ter- 
rapene  lutaria  (Schtveigg.  nee  Linn.)  Bonap.  —  Abbild.  Schoepff  t.  15. 
Shaw  in.  pl.  IX.  f  I.     Holhrooke  pl.  XH. 

Schaale  oval,  über  dem  Genick  etwas  ausgebuchtet,  hinten  ein 
wenig  ausgekerbt,  gedrückt,  sehr  stumpf  gekielt ;  dunkelolivengrün  oder 
dunkelbraun,  mit  schwarzer  concentrischer  Zeichnung,  Brustschild  fahl, 
Schwanz  unregelmässig  geschmitzt.  Kinnladen  fast  fleischfarbig,  Kopf  und 
Körper  russgrau,  unten  weisslich  überall  schwarzspritzfleckig.  Länge  T'/a'', 
Sternum  1"  1"',  Höhe  2''  10'".  In  Salzwasser,  wo  sie  auch  überwintert, 
es  überhaupt  nicht  in  die  Ferne  verlässt.     Furchtsam,  leicht  aufzuregen, 


9Q 

wo  sie  sich  sogleich  verkriecht.  Schwimmt  rfeifesend  schnell  und  bewegt 
sich  auch  schnell  auf  dem  Lande.  Häufig  von  Rhode  Island,  wo  sie 
von  Dr.  Mauran  beobachtet  wurde,  bis  nach  Florida,  auch  an  der  Nord- 
küste des  Golf  von  Mejiko.  Dr.  Binney  sähe  sie  zu  New -Orleans.  Sie 
scheint  die  einzige  Emys  des  Salzwassers  zu  sein,  und  so  wird  sie  von 
einer  Insel  zur  andern  getrieben,  so  dass  sie  Nord-  und  Südamerika 
gleichmässig  zukömmt.  Um  Charleston  ist  sie  sehr  häufig,  so  dass  man 
sife  daselbst  im  Frühling  und  zeitigen  Sommer  in  Menge  zu  Markte  bringt, 

Cheiydra  serpenüna  Schweigger,  Fitz.  Wagl.  Gray.  Testudo  serpentina 
Linn.  Gm.  Lacepede.  Shaw.  Latr.  Daud.  Leconte.  T.  serrata  Penn.  Che- 
lonura  serpentina  Flemming ,  Say ,  Harl.  Bonap.  Holbrook.  Emys  ser- 
pentina Merr.  Emysaurus  serpentinus  Dumerü  et  Bibron.  Rapara 
Gray.  Saurochelys  Latr.  —  Abbild.  Schoepff'  t.  VI.  Sharv  Hl.  pl.  XIX, 
Baudin  t.  XX.  f.  2.     Schinz  t.  2.*)     Holbrook  pl.  XXIII. 

Kopf  gross,  beide  Kinnladen  hakenspitzig,  zwei  Warzen  unter  dem 
Kinn ,  Brustbein  klein ,  kreuzförmig ,  unbeweglich ,  aus  zwölf  Platten ; 
drei  Supplementplatten ;  Schwanz  sehr  lang,  auf  seinem  Rücken  mit  hoch- 
gekielten Knochenschildern  5  Vorderfüsse  mit  fünf,  Hinterfüsse  mit  vier 
Klauen.  Schale  fast  vierseitig  oval,  gedrückt  etwas  dreikielig,  vorn 
ganzrundig,  hinten  siebenzackig.  Dunkelbraun,  unten  weisslich.  Kopf 
.'Ji/ü",  Hals  31/2".  dessen  Umfang  71/2",  Schild  9",  Breite  8",  Höhe  31/4", 
Sternum  1",  Schwanz  6V2",  Schaale  bis  zum  After  2",  ganze  Länge  241/2''. 
Dr.  Pickering  traf  ein  Exemplar  bei  Salem  in  Massachusetts,  welches 
über  vier  Fuss  lang  war.  Gefangen  verbreitet  sie  einen  Moschusgeruch, 
welcher  bei  alten  Thieren  so  bedeutend  ist,  dass  er  unerträglich  wird. 
Ihre  Sitten  sind  ganz  die  des  Alligators  und  wer  bei  dem  Anblick  dieses 
Thieres  nicht  augenblicklich  die  Repräsentation  der  Orocodile  unter  den 
Schildkröten  wieder  erkennt,  der  muss  verzweifeln  für  natürliche  Syste- 
matik irgend  jemals  einigen  Takt  erlangen  zu  können. 

Kinosternon  pensylvanicma  Bell,  Gray.  Bonop.  Testudo  lutaria  pensylva- 
tiica  Edwards.  T.  pensylvanica  Gm.  Schoepff.  Latr.  Baud.  Shaw.  Le- 
conte. Terrapene  pensylvanica  Merr.  Emys  pensylvanica  Sckweigg. 
Harl.  Cistuda  pensylvanica  Say.  Cinosternon  pensylvanicum  Wagl. 
Dum.  Bibron.  —  Abbild.  Schoepff  t.  XXIV.  A.  Shaw  III.  pl.  XIV.  f.  2. 
Schinz.  t,  6. 

Kopf  fast  dreiseitig,  pyramidal,  mit  einfacher  Platte,  Kiefern  hakig. 
Von  oben  und  unten  gesehen  spitz  zulaufend,  zwei  paar  Kehlwarzen: 
Randplattcn  23 ;  Sternum  eilfplattig,  fast  dreithcilig.  Vorder-  Mittel-  und 
Hinterthcil  beweglich,  Mittelfeld  fest,  Supplementplatten  sehr  gross,  Schwanz 

*)  Obwohl  die  Werke  von  Schinz  nur  Copien  enthalten,  citire  ich  doch  die  bei  ihm 
yorkotmneiideri  Abbildunjren  mit.  du  sie  sich  in  den -meisten  Händen  befinden. 


0^ 

lang.  —  Schild  oval,  glatt,  kiellos,  Wirbelplatten  gedrückt,  fast  ziegel- 
ständig, Rückenschild  dunkelbraun,  Aussenrand  und  Unterseite  fahlgelb, 
Hals  und  Extremitäten  aussenseits  weiss,  Pfoten  schwarzgrau,  Schild  3 1/2", 
Breite  2"  10'",  Höhe  13/4",  Sternum  2"  2"'.  Frisst  kleine  Fische  und 
andere  Wasserthiere ,  beunruhigt  die  Angler  sehr,  den  sie  den  Köder 
abbeisst.  Lebendig  hat  sie  einen  leichten  und  nicht  unangenehmen 
Moschusgeruch.  In  den  atlantischen  Staaten  von  dap  Florida  bis  40 « 
Breite  häufig  im  Westen.  Troosl  fand  sie  in  Tennessee  und  Kentucky 
und  Say  hoch  am  Missouri. 

Sternothaerus  odoratus  Bell.  Holbr.  Testudo  odorata  Bosc.  Latr.  Daud.  Le- 
conte.  Terrapene  odorata  et  Boscii  Merr.  Cistuda  odorata  S^atj.  Emys 
odorata  Schweigg.  Harl.  Kinosternon  odoratum  Gray.  Bonap.  Tab. 
aual.  Staurotypus  odoratus  Bum.  et  Bibron.  —  Abbild.  Baudin  H.  t. 
XXIV.  f.  4.  5.     Holbrook  pl.  XXII. 

Kopf  fast  vierseitig  pyramidal ,  vorn  mit  einfacher  Platte ;  ein  paar 
Kehlwarzen,  Eandplatten  23,  Sternum  kreuzförmig  eilfplattig,  zweiklappig, 
Vorderklappe  allein  beweglich,  Supplementplatten  zusammenhängend  mit 
der  Brustbeinrippen-Xath,  Vorderfüsse  mit  5,  Hinterfüsse  mit  4  Klauen. 
—  Schnautze  von  oben  und  unten  gesehen,  zugespitzt,  Schild  oval, 
ganzrandig,  seicht  gekielt,  Sternum  vorn  gerundet,  hinten  ausgekerbt. 
Schwarz  oder  russfarbig,  braun  gewölbt,  bisweilen  lichtbraun  strahlstreifig, 
Unterseite  gelbgrau,  Schilder  ockergelb  gesäumt,  Hals,  Leib  und  Glied- 
massen unterseits  weisslich,  Zehen  schwarzgrau.  Schild  3V2";  Breite  2'' 
\"'y  Höhe  1  '/vi'',  Sternum  1"  1'".  Häufig  in  den  Gräben  der  Reisfelder 
in  Carolina,  wo  sie  kleine  Fische  oder  kleine  Reptilien  und  Kaulpadden 
iVisst.  Sie  ist  kühner  als  Kinosternon  und  beisst  sehr  ernstlich,  wenn  sie 
böss  gemacht  wird.  Auch  sie  verbreitet  einen  starken  und  unangeneh- 
men Moschusgeruch.  Sie  geht  nördlich  bis  Maine -Staat,  ist  häufig  in 
]\Iittel-Florida  und  x\labama  und  längs  des  westlichen  Saumes  der  AUe- 
ghanys,  sogar  bis  zum  Cumberland  River  in  Tennesee,  wahrscheinlich  in 
allen  westlichen  Staaten. 

Trionyx  ferox  Schweigg.  Merr.  Say.  Gray.  Harl.  Testudo  ferox  Schneid.  Gm. 

Schoepff.  Latr.  Shaw.   Leconte.     Testudo   verrucosa  Bartrami  Schoepff. 

T.  Bartrami  Band.  Trionyx  Georgicus  et  Tr.  Bartrami  Geoffr.  Tr.  spi- 

niferus  Lesueiir.      Aspedonectes    ferox    Wagl.      Gymnopus    spiniferus 

Bum.  et  Bibron.  Platypeltis  ferox  Fitz.  Amyda  (Platypeltis)  ferox  Bonap. 

Abbild,  bereits    die  Soft-shelled   Turtle  Penn.    Phil.    Trans.    1771,  pl. 

X.  f.  1—3.,  Schoepff.  f.  XIX.  Schaw.  III.  pl.  XVII.  f.  1 .  Lesueur  Mem. 

d.  Mus.  XV.  pl.  VI.  f.  a.  b.  Bum.  Bibr.  pl.  XXII.  f.  1.,  Schinz  t.  9. 
Kiefern  seitlich  mit  dicken  Lippen,  Schnauze  rüsselartig  verlängert, 
Schild  nur  im  Mittelfelde  knochig,  von  dessen  Seiten  die  Rippenhöcker  aus- 
gehen, zwischen  den  die  Ränder  biegsam  knorpelig,  Vorderfüsse  mit  5  Zehen, 
die  3  vorderen  mit  Nägeln,  Hinterfüsse  ebenso.  Hals  lang  streckbar,  Schild 


H 

nächst  und  am  Vorderrande  spitzzackig,  nächst  dem  Hinterrande  höck- 
rigwarzig;  oben  umbrabraun,  unregelmässig  dunkel  gefleckt.  Baucli 
Seite  schön  weiss  mit  feinen  blutrothen  Gefässen.  Am  Kopfe  jederseits 
ein  gelber  Streif,  verläuft  von  der  Nase  durch  das  Auge  am  Halse  her- 
ab, ein  zweiter  nächst  dem  Kieferrande.  Schild  16",  Breite  12",  Brust- 
bein 1 OV2",  Kopf  2  V:i",  Breite  2".  Höhe  des  Thieres  3".  Bisweilen  weit 
grösser.  In  den  mehr  südlich  gelegenen  Staaten  frisst  sie  die  jungen 
Alligators  in  grosser  Menge  weg  und  die  Alten  fressen,  um  ihre  Brut 
zu  rächen,  sie  wieder.  Oft  erscheint  sie  zahlreich  an  Felsen  am  Was- 
ser und  scheint  da  in  der  Sonne  zu  schlafen,  wo  sie,  wie  Dr.  Geddinfjy 
versichert,  leicht  gefangen  wird,  wenn  man  sie  mit  Netzen  umstellt 
Wenn  sie  beisst,  so  schiesst  sie  den  Kopf  und  den  langen  Hals  schlan 
genartig  vorwärts,  springt  wohl  auch  empor  und  zischt  dabei.  Im  Mai 
suchen  die  Weibchen  sandige  Plätze  längs  der  Ufer  an  den  Wässern, 
die  sie  bewohnen  und  legen  an  60  Eier.  Obwohl  sie  sich  am  Lande 
sonst  schwerfällig  bcAvegen,  so  ersteigen  sie  doch  in  dieser  Zeit  auch 
Hügel  von  mehren  Fuss  Höhe.  Nach  dem  Legen  begiebt  sich  das 
Weibchen  wieder  in  das  Wasser  und  überlässt  das  Ausbrüten  der  Jungen 
der  Sonne.  Die  Eier  beobachtete  Lesueur ,  sie  sind  kuglich  und  mein- 
zerbrechlich,  als  die  der  Emys  Arten,  welche  dasselbe  Wasser  bewohnen. 
Unter  allen  Schildkröten  hat  diese  das  delikateste  Fleisch,  welches  nocli 
das  der  grünen  Schildkröte  übertrifft.  Sie  bewohnt  die  Savannah,  so- 
wie alle  Flüsse,  welche  in  die  Nordküste  des  Golf  von  Mejiko  aus- 
münden, steigt  heran  bis  zur  Jjieite  des  Mississippi,  flndet  sich  in  allen 
Nebenflüssen  desselben,  selb^i  am  Fusse  der  Rocky  Mountains.  Häufig 
ist  sie  in  der  Kette  der  grossen  nördlichen  Landseen  über  und  unter 
dem  Niagarafall,  gemein  im  Mohawk,  einem  Nebenflusse  des  Hudson, 
aber  noch  nicht  bemerkt  in  irgend  einem  andern  atlantischen  Strome 
zwischen  diesem  und  dem  Savannahfluss ,  einer  Entfernung  von  acht- 
hundert Meilen.  Ein  Blick  auf  die  Charte  zeigt,  dass  sie  ohne  Zweifel 
ursprünglich  eine  westliche  Art  ist  und  niemals  zu  Lande  wandernd, 
konnte  sie  zu  Wasser  vom  Great  Valley  des  Mississippi  zu  den  nörd- 
lichen Landseen,  zum  Mohawk  und  selbst  zum  Hudson  river  gelangen. 
Ur.  Garden  war  der  erste  Entdecker  dieser  Art  und  theilte  sie  Pennanl 
mit,  durch  den  sie  bekannt  wurde. 

Sphargis  coriacca  Dumeril  et  Bibron.  Storer.  Testudo  coriacea  Zm.  Gm. 
Latr.  Shaw.  Daudin.  Sphargis  mercurialis  Merr.  Dermochelys  (Blainv.) 
atlantica  Lesueur.  D.  porcata  Wacjl.  Coriudo  Flemming.  Scytina  Wagl. 
—  Abbild.  Holehr 00k e.  H.  pl.  VI. 

Schild  fast  herzförmig,  hinterwärts  zugespitzt,  nur  lederartig,  mit  fünf 
Längsleisten,  jung  höckerig,  im  Alter  glatt,  Gliedmaassen  flossenartig,  hinten 
gestutzt,  ohne  Nägel,  — Kopf  gross,  kurz  und  dick,  Kiefern  hoch,  obere  vorn 
tiefgezähnt,  untere  hackig  eingebogen.  Oberseite  dunkelbraun,  Unterseite 


öS 

weisslich.  Dr.  Hallowel  in  Philadelphia  mass  ein  in  der  Cheasapeake 
Bay  1840  gefangenes  Exemplar:  Kopf  12',  Höhe  am  Mundwinkel  l'^ji", 
.Stirnbreite  zwischen  den  Augenhöhlen  5 ",  grösste  Breite  des  Hinter- 
hauptes 12";  Schild  4'  11",  breit  3'  8",  Höhe  19'/^",  Vorderbein  3' 
51/2",  Hinterbein  1'  11",,  Schwanz  13".  Ganze  Länge  7'  8".  Die 
grösste  Meerschildkröte ;  welche  bisweilen  1200  Pfund  und  darüber 
schwer  wird.  Selbst  Holbrooke  hat  das  seltene  Thier  nicht  lebendig  ge- 
sehen.    Sie  bewohnt  den  atlantischen  Ocean. 

Cistudo   clausa   Bonaparte.     Testudo   clausa  L.  Gm.  Schoepff.  Latr.  JJaud. 

Shaw.   Leconte.     Terrapene  clausa    Merr.  Emys    clausa   Schtvgg.    Wagl. 

Cistuda  clausa  Saij   Harlan.     Testudo  Carolina   Linn.    Gm.    Latr.    Daud. 

Terrapene  Carolina ^^//.  Cistuda  carolinsi  Gray.  jDu?n.  Bibron.  Testudo  vir- 

gulata  La(r.  Band.  Emys  virgulata  Schweigg.  Emys  Schneiderii  Schtveigg. 

Terrapene  maculata  et  nebulosa.  Bell.  —  Ahhil^. Ed>vards\)\.  105.,  Bloch,  a. 

a.  O.  i.\.,  Schoepff.  t.  Yll.  Shaw.  HI.  pl.  7.  Schinz  t.  0.  Holbrooke  pl.  H. 
Schild  hochgewölbt,  stark,  ganzrandig,  Randplatten  2.5;  Sternum  oval; 
mit  1 2  Platten  durch  Scharnier  quer  zweiklappig,  beide  Klappen  in  der- 
selben Achse  beweglich,  unter  einander  so  wie  mit  dem  Schilde  durch 
ein  elastisches  Zellgewebe  verbunden,  Vorderbeine  mit  5.  Hinterbeine 
mit  4  Nägeln.  —  Kopf  länglich,  schmal,  Oberkiefer  vorn  breitliakig. 
Schild  in  der  Farbe  sehr  veränderlich,  unter  hundert  kaum  zwei  ganz 
gleich.  Schwarzbraun  oder  fast  sch^varz,  Zeichnung  hochgelb ,  mannig- 
faltig gefleckt  und  geschnörkelt;  fast  strahlig.  Unterseite  gelb,  die 
Quernäthe  schwarz  gewölkt,  bisweilen  nimmt  das  Schwarz  mehr  über- 
hand und  überwiegt  sogar  das  Gelb.  Kopf  und  Beine  aus  braun  mehr 
oder  minder  gelb,  letztere  mit  gelben  Schuppen.  Schild  6V2",  breit 
41/2";  Höhe  23/4",  Sternum  5"  10'"  —  Sie  wurde  zuerst  im  Jahre  1751 
von  Edwards  als  „Land  tortoise  from  Carolina"  in  seinen  ;;Gleanings 
pl.  205"  abgebildet  und  beschrieben.  Er  erhielt  sie  lebendig  und  sah 
auch  eine  Dose  in  Silber  gefasst.  wie  er  vermuthete  aus  dieser  Species 
gefertigt.  Baron  von  Bloch  in  Dresden  beschrieb  sie  zuerst  in  Deutsch- 
land in  den  Schriften  der  Berl.  Naturf.  VH.  p.  131.  mit  Abb.  Als 
Dosenschildkröte  und  unter  derselben  Bedeutung  bildeten  die  Englän- 
der den  Namen  Box-torloise  und  Bonaparte  den  Gattungsnamen  „Cis- 
tudo" aus  cista  DosC;  und  Testudo  Schildkröte  durch  eine  Syncope.  Die 
Amerikaner  und  Engländer  nehmen  es  bekanntlich  mit  der  Richtigkeit 
der  alten  Sprachen  nicht  so  genau  und  haben  sich  gewöhnt  Cistuda  zu 
schreiben,  welches  Wort  es  nicht  geben  kann,  da  es  unsinnig  ist.  Sie 
ist  von  einer  Grenze  der  vereinigten  Staaten  bis  zur  andern  verbreitet. 
Sie  frisst  Insecten  in  den  Wäldern,  z.  B.  Heuschrecken  und  Pilze,  Cla- 
varien.  In  der  Gefangenschaft  nimmt  sie  alles  an,  auch  Semmel  und 
Brod,  Obst  und  Kartoffeln.  Ich  hielt  sie  mehrmals  lebendig  und  habe 
mich  gleichfalls  überzeugt,  dass  die  Gattung  unter  die  Landschildkröten 


96 

gehört!  In  ein  Bassin  gesetzt,  bestrebte  sie  sich,  sich  sogleich  wiedex 
vom  nassen  Elemente  zu  befreien,  stieg  heraus  und  begann  auf  dem 
Boden  schneller  zu  laufen.  Gegen  den  Winter  grub  sie  sich  in  die 
Erde.  An  dem  letzten  Exemplare,  welches  ich  vor  zwei  Jahren  leben- 
dig besass,  habe  ich  eine  mir  neue  Beobachtung  über  Seelenleben  und 
Affecte  dieser  Tliiere  gemacht.  Das  Exemplar  war  erwachsen  und  liei 
während  der  kühleren  Jahreszeit  in  meiner  Stube  herum,  wo  ich  noch 
ein  ausgewachsenes  Exemplar  von  Tesiudo  graeca  herumlaufen  Hess, 
welches  wenigstens  noch  zweimal  so  gross  war,  als  jene  Cistudo.  Sit; 
frassen  hier  gewöhnlich  Blätter  von  Taraxacum,  Crepis  biennis  oder 
Sallat.  Während  ich  ruhig  arbeitete  hörte  ich  oftmals  ein  Klopfen,  wie 
die  Töne  eines  kleinen  Hammers,  ohne  sogleich  die  (Jrsache  entdecken 
zu  können.  Es  wiederholte  sich  öfterer,  und  wurde  dann  auch,  beson- 
ders wenn  die  Sonne  in  die  Stube  schien,  vor  meinen  Augen  geübt. 
Das  Manö/cr  war  höchst  interessant,  es  bestand  in  einem  feindlichen 
Angriffe  der  kleinen  amerikanischen  Cistudo  auf  die  grosse  Testudo  graeca 
aus  Algier,  ich  bemerkte  nämlich  öfter,  dass  jene  mit  einer  gewissen 
Wuth  auf  das  grosse  Thier  losschritt,  in  dessen  Nähe  sich  so  aufstellte, 
dass  sie  auf  die  Mitte  ihres  Seitenrandes  lossteuerte,  hier  angelangt 
den  Kopf  einzog,  auf  den  Vorderbeinen  sich  emporhob  und  aus  de;- 
Entfernung  von  etwa  einem  Zoll  nunmehr  in  der  Weise,  wie  die  rönii 
sehen  Mauerbrecher,  mit  dem  Vordertheile  ihres  Schildes  auf  den  Mit- 
telpunkt des  Seitenrandes  jener  losstiess  und  diese  Stösse  zehn-  bi."^ 
zwölfmal  wiederholte.  Dies  interessante  Schauspiel  wiederholte  sich  nun 
alltäglich  und  viele  meiner  Freunde  haben  es  mit  angesehen,  bis  die 
kleine  vielleicht  mit  vor  Aerger  über  die  Erfolglosigkeit  ihrer  Bemühungen 
starb.  Von  Testudo  graeca  kann  ich  versichern,  dass  einzelne  Exem- 
plare bei  mir  sich  im  botanischen  Garten  eingruben  und  im  Frühling, 
als  die  Syngenesisten  ausgetrieben  hatten,  wieder  hervorkamen,  um  sich 
von  deren  Blättern  zu  nähren.  Sie  wanderten  Aveit  im  Garten  umher, 
aber  gewöhnlich  immer  auf  derselben  Bahn  und  fanden  sich  auch  meist 
immer  wieder,  sobald  die  Sonne  nicht  schien  oder  es  kühler  wui'de, 
unter  einer  und  derselben  breitblättrigen  Pflanze  versteckt.  Auch  in 
der  Stube  nahmen  sie  täglich  denselben  Weg  und  eine  hielt  ihren  Posten 
auf  einer  Thürsclnvelle,  wohin  sie  gewöhnlich  wieder  zurückging,  wen)i 
sie  entfernt  worden  war. 

Cistudo  Blandingii  Holbrook  pl.  III. 

Kopf  massig,  Oberkiefer  vorn  ausgekerbt,  Unterkiefer  kurzhakig. 
Schale  rundlich-länglich,  glatt,  ungekielt,  ganzrandig;  Sternum  vom  ganz, 
hinten  ausgekerbt,  zweiklappig,  Hinterklappe  ein  wenig  grösser.  Schild 
8",  breit  5"  4'",  Sternum  l^k",  Höhe  3  ",  Schwanz  l'^ji" .  Reinschwarz, 
jedes  Schild  mit  einer  grossen  Menge  kleiner  gelber  Flecken  versehen, 
welche  fast  in   concentrische   Kreise   geordnet  erscheinen.     Brustschild 


97 

iielb,  auf  dem  Unterrande  einer  jeden  Tafel  ein  grosser  schwarzer, 
zaekig  begrenzter  Fleck.  Kopf  und  Beine  schwarz,  gelb  punktirt,  Un- 
terkinnlade,  Kehle  und  Unterhals  gelb.  Lebensweise  wie  bei  voriger 
Art  auf  dem  Lande,  doch  auf  Wiesen  und  Prairieen,  und  bisher  nur 
im  Staate  Illinois  und  im  Districte  von  Wisconsin  gefunden,  wo  sie 
häufig  ist.  Holbrooke  erhielt  sein  Exemplar  vom  Fuchsflusse,  einem 
Nebenflusse  des  Illinois.  Dr.  William  Blanding  in  Philadelphia  hat  sie 
zuerst  beobachtet.  Sie  kann  ihr  Schild  nicht  so  vollkommen  schlies- 
sen,  als  Cistudo  clausa,  und  gehört  zu  der  andern  Gruppe  der  Gattung, 
welche  Jjumeril  und  Bihron  „hiantes"  klaffende  genannt  haben.  — 
Manche  weitere  Bemerkung  über  Schildkröten,  von  den  auch  jetzt  einige 
afrikanische  Emys  im  Gewächshause  des  botanischen  Gartens  glücklich 
den  Winter  durchlebt  haben,  versparen  wir  für  ein  anderes  Mal. 

Nächstens  folgt  auch  der  Bericht  eines  andern  unserer  Mitglieder, 
des  Herrn  Dr.  Matthes,  welcher  ebenfalls  nach  thätigem  Beobachten  und 
sorgfältigem  Samm.eln  in  anderen  Theilen  Amerikas  kürzlich  zu  uns 
zurückgekehrt  ist. 


lieber  die  Wirkung;  gewisser  technischer  Etablissements 
auf  die  Atmosphäre,  wie  auf  das  Leben  des  Pflanzen- 

und  Thierreichs, 

auf  zahlreiche  Beobachtungen  und  Untersuchungen  begründet 
von  Julius  Sussdorf, 

Lehrer  der  Physik  und  Chemie  an  der  mit  der  K.  chir.  medic.   Akademie  verbundenen   K.  Thierarzneischule 

in  Dresden. 

Die  Athmosphäre  ist  der  Sammelplatz  aller  gasförmigen  Eshalatio- 
nen,  sie  mögen  ausgehen  von  den  Vorgängen  im  Innern  der  Erde  oder 
)uÖgen  auf  der  Oberfläche  derselben  auf  natürlichem  oder  künstlichem 
AV^ege  erzeugt  werden.  Es  sind  hier  ganz  besonders  diejenigen  von 
Wichtigkeit,  welche  sowohl  bei  Zersetzung  organischer,  vorzüglich  ani- 
malischer Materien,  bei  Fäulniss,  Verwesung  u.  s.  w.,  entstehen,  als  auch 
diejenigen,  welche  von  dem  Betriebe  technischer  Etablissements  und 
häusslicher  Operationen  auszugehen  pfleger^. 

Beide  würden  sich  in  vielen  Fällen  für  das  Leben  als  nachtheilig 
bewähren,  wenn  sie  in  der  Atmosphäre  sich  anhäufen  könnten.  Dem 
wird  aber  gewöhnlich  vorgebeugt,  theils  durch  die  chemische  Wirkung 
des  Sauerstoffs  in  der  Luft  unter  dem  Einflüsse  des  Lichts  und  der 
Feuchtigkeit,  wodurch  vorzüglich  diejenigen  oxydirt  und  unschädlich 
gemacht  werden,  welche  von  organischen  Zersetzungsprozessen  herrüh- 
ren, oder  welche  keine  Oxyde  oder  niedrigere  Oxyde  sind,  theils  durch 

AUg:.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.    I.  8 


98 

die  fortwährenden  wässrigen  Niederschlagungen  in  den  verschiedensten 
Formen  aus  der  Luft,  welche  vorzugsweise  die  fremden  Gase  absorbiren 
und  so  auf  die  Oberfläche  der  Erde  und  aller  darauf  befindlichen  Gegen- 
stände sich  niederschlagen,  welche  Reinigung  der  Atmosphäre  schon 
bekannt  ist,  aus  dem  erfrischenden  und  reinem  Zustande  derselben  nach 
kräftigem  Regen.  Es  besitzt  dieselbe  demnach  in  sich  selbst  die  Be- 
dingungen zur  fortwährenden  Entfernung  solcher  Stoffe,  aber  aus  jenen 
Niederschlagungen  erwachsen  anderweite  Nachtheile,  welche  unter  ge- 
wissen Umständen  bedeutungsvoll  werden. 

Entstehen  nämlich  dergleichen  fremde  Gase  ununterbrochen  an 
einem  bestimmten  Orte,  so  verbreiten  sich  dieselben  zwar  bis  zu  einer 
gewissen  Hohe  und  bis  zu  einem  gewissen  Umkreise  in  der  Atmosphäre, 
werden  aber  deshalb  auch  fortwährend  in  einem  bestimmten  Umkreis 
auf  die  Oberfläche  der  Erde  niedergeschlagen. 

Solche  ununterbrochene  Quellen  sind  gewisse  technische  Etablisse- 
ments, wie  Coaksöfen,  Hohöfen,  Rost-  und  Metallschmelzöfen,  Arsenik- 
hütten, Sodafabriken  u.  s.  w.,  indem  bei  ihrem  Betriebe  theik  gro&se 
Mengen  saurer  Dämpfe,  wie  schweflige  Säure,  Chlorwasserstoff,  theils 
metallische  Dämpfe,  wie  von  Arsen,  Antimon,  Zink,  Blei  u.  s.  w.  in  die 
Luft  treten,  deren  schädliche  Wirkung  auf  Pflanzen  und  Thiere  wie  bei 
Arsenikhütten  längst  gekannt  ist. 

Ganz  besonders  gehört  hierher  auch  die  schweflige  Säure,  welche 
überall  da  in  Betracht  kommt,  wo  schwefelkieshaltiges  Brennmaterial, 
wie  die  fossilen  Kohlen,  zu  häuslichen  und  technischen  Zwecken  ver- 
wendet wird,  noch  viel  mehr  aber,  wo  Schwefelmetalle  zum  Zwecke  der 
Gewinnung  der  Metalle  zur  möglichst  vollkommenen  Entfernung  ihres 
Schwefelgehaltes  geröstet  und  die  dabei  entstehende  Säure  nicht  con- 
densirt  wird,  sondern  ihren  Weg  frei  in  die  Atmosphäre  nimmt. 

Im  ersteren  Falle,  bei  der  Benutzung  von  fossilen  Kohlen  als  Brenn- 
material oder  zur  Coakserzeugung  werden  gewiss  nicht  unbedeutende 
Mengen  schwefliger  Säure  erzeugt,  allein  dieselbe  macht  wenigstens 
ihre  nachtheilige  Wirkung  nicht  so  schnell  empfindlich,  wie  im  letzte- 
ren Falle.  Dies  kommt  jedenfalls  daher,  dass  sie  gleich  bei  ihrer  Ent- 
stehimg in  einer  viel  grösseren  Masse  von  Luft  vertheilt,  also  sehr  ver- 
dünnt einer  viel  weiteren  Verbreitung  in  der  Atmosphäre  fähig  sind 
und  sich  deshalb  auch  nicht  so  rasch  und  auf  einem  verhältnissmässig 
grösseren  Kreis  niederschlagen,  als  in  den  Fällen,  wo  dieselbe  in  so 
grossen  Massen  und  bei  ihrer  Entstehung  nicht  so  verdünnt  auftritt, 
wie  bei  den  Rösthütten. 

Im  letzterm  Falle  macht  sich  ihre  Wirkung  natürlich  viel  schneller 
und  spezifischer  wahrnehmbar,  als  im  ersteren,  allein  auch  hier  wird 
sie,  wenn  auch  erst  nach  langen  Jahren  nicht  ausbleiben,  wie  dies  auf 
dem  Kohlengebiet  Lyons  ersichtlich,  in  welchem  die  Vegetation  weit 
und  breit  auf  vorher  cultivirten  Ackern  eingegangen,    veranlasst   durch 


99 

die  gewaltigen  Rauchwolken,  welche  die  zahlreichen  CoaksÖfen  ununter- 
brochen ausspeien. 

Treten  nun  hierzu  noch  Metalldämpfe;  so  werden  die  dadurch  ver- 
anlassten Uebelstände  doppelt  sein  und  diese  Verhältnisse  sind  recht 
deutlich  ersichtlich  aus  den  Umgebungen  der  Hütten  im  Muldenthal 
bei  Freiberg. 

Die  Dämpfe,  welche  bei  den  Rost-  und  Schmelzprozessen  in  Hals- 
brück, als  auch  bei  Hilbersdorf  entströmen,  bezeichnet  man  mit  dem 
Namen  des  Hüttenrauchs,  und  sind  dieselben  gebildet  aus  schwefliger 
Säure,  hin  und  wieder  etwas  Chlor  und  Chlorwasserstoff  und  von  Me- 
tallen aus  Arsen-,  Blei-,  Zink-,  Antimon-  auch  Kupfer- Verbindungen. 

Ehe  ich  aber  die  Wirkung  derselben  auf  Pflanzen  und  Thiere  be- 
leuchte, will  ich  das  Wesentliche  über  die  Menge  und  Entstehung  der- 
selben angeben. 

I.  Entstehung-  und  Quantität  des  Hüttenrauchs. 

Den  besten  Ueberblick  und  eine  wichtige  Einsicht  über  die  Quellen 
und  die  Menge  der  durch  den  Hüttenrauch  fortgeführten  Stoffe  wird 
man  gewinnen,  wenn  man  einen  näheren  Blick  auf  die  Grösse  und 
technische  Anlage  dieser  Hütten  wirft,  wovon  mir  genauere  Mittheilun- 
gen  über  die  Hilbersdorfer  Hütten  zugegangen. 

Im  Jahre  1853  sind  daselbst  nahe  an  200,000  Centner  Erze  zur 
Verarbeitung  gekommen,  und  im  Jahre  1854  glaubt  man,  dass  dieses 
Quantum  wenigstens  erreicht,  wenn  nicht  überschritten  wird,  und  da 
überhaupt  diese  Werke  in  der  Production  im  Zunehmen  begriffen,  so 
kann  man  das  jährlich  zur  Verarbeitung  kommende  Quantum  wohl  mit 
200,000  Centner  annehmen. 

Die  zur  Verwendung  kommenden  Erze  sind  wohl  fast  ausschliess- 
lich Schwefelverhindunfjen,  und  zwar  meist  Bleiglanz,  welcher  13  oy^ 
Schwefel  enthält,  während  alle  übrigen  Gattungen  von  Erzen  nie  dar- 
unter, stets  aber  höher  und  dies  oft  beträchtlich  im  Schwefelgehalt 
stehen,  da  gerade  der  Blei-  und  Silberglanz  die  an  Schwefel  ärmsten 
Erze  sind. 

Nimmt  man  nun  die  Menge  des  gesammten  Schwefel  in  den  Erzen, 
me  sie  zur  Verröstung  kommen,  nur  zu  10  "/o  an,  so  ergiebt  sich  dar- 
aus, dass  in  obiger  Quantität  20,000  Centner  Schwefel  enthalten  sind. 

Dieses  Quantum  muss  aber  bis  auf  kleine  Mengen  durch  den  Röst- 
prozess  entfernt  werden,  und  zwar  unter  Vermittelung  des  Sauerstoffs 
der  Luft,  welche  denselben  zu  schwefliger  Säure  verbrennt,  welche  aus 
obigem  Quantum  bei  vollständiger  Verbrennung  40,000  Centner  trock- 
nes  Gas  betragen  würde,  die  der  dortigen  Atmosphäre  in  einem  Jahre 
sich  beimengend  auf  einen  verhältnissmässig  kleinen  Kreis  von  zwei 
Stunden  im  Durchmesser  sich  niederschlagen  Avürde.  Bei  einer  regel- 
mässigen   Entstehung    und    Ausbreitung    würden    alsdann    täglich    fast 


100 

genau  HO  Ctr.  in  die  Luft  treten.  Es  verwandelt  sich  aber  unter  dem 
Einflüsse  des  Sauerstoffs  und  der  Feuchtigkeit  die  schweflige  Säure 
in  Schwefelsäurehydrat ^  wobei  sie  an  Gewicht  um  50*'/o  zunimmt,  so- 
dass täglich  alsdann  165  Centner  Schwefelsäurehydrat  entstehen  könn- 
ten, die  nun  im  dortigen  Umkreis  auf  Erdoberfläche,  Pflanzen  und 
Thiere  wirkten. 

Diese  Masse  kann  in  ihrer  schädlichen  Wirkung  bei  einer  ziemlich 
bedeutenden  Ausbreitung  so  wenig  überraschen,  dass  es  fast  unnöthig 
erscheint,  nach  einem  weiteren  Grund  für  die  vielen  Uebelstände  zu 
suchen,  und  wenn  in  der  That  nur  ^/lo  jener  Menge  täglich  zur  Wirk- 
ung käme. 

Von  dem  Eintritt  der  Salzsäure  in  die  Atmosphäre  will  ich  gänz- 
lich absfehen,  da  wenigstens  auf  den  Hilbersdorfer  Hütten  nur  sehr  ver- 
einzelt Kochsalz  beim  Rösten  der  Silbererze  zugesetzt  wird,  während  dies 
wohl  in  Halsbrück  mehr  betragen  möchte,  von  welchem  Hüttenwerk 
mir  aber  keine  Zahlen  bekannt  sind.  Wir  werden  dieser  Salzsäure 
zwar  später  und  in  nicht  unbedeutender  Quantität  in  den  Futteranaly- 
sen wieder  begegnen,  aber  wahrscheinlich  als  secundäres  Erzeugniss. 

Wie  viel  wohl  ohngefähr  von  Arsenik  und  anderen  flüchtigen  Me- 
tallen in  die  Luft  treten,  kann  wohl  auch  nicht  einmal  annähernd  an- 
gegeben werden,  allein  ihre  Mengen  können  nicht  so  unbedeutend  sein, 
wenn  man  berücksichtigt,  dass  Arsenik  in  allen  dortigen  Erzen  auftritt 
und  dass  nur  ein  kleiner  Theii  der  an  Arsenik  reichsten  in  den  Gift- 
hütten verarbeitet  'wird,  während  alle  anderen  Erze  ihren  Arsenikgehalt 
durch  Röstung  zum  grössten  Theil  verlieren,  und  so  derselbe  in  die 
Luft  tritt,  wie  sich  auch  schon  aus  dem  starken  Knoblauchgeruch  in 
den  dortigen  Hütten  und  deren  Gehöften  bis  über  die  äussere  Verzäum- 
ung  ergiebt,  der  dem  Fremden  natürlich  sehr  auffällt,  was  bei  den  dort 
beschäftigten  Personal  nicht  scheint. 

Am  meisten  ist  nun  das  Auftreten  solcher  Metalle  in  dem  Hütten- 
rauch auffallend,  welche  sehr  schwer  flüchtig  sind,  wie  etwas  Kupfer, 
vorzüglich  aber  die  grossen  Mengen  von  Blei. 

Dass  diese  Metalle  nicht  beim  Röstprozess,  also  nicht  gleichzeitig 
mit  der  schwefligen  Säure  in  die  Luft  treten,  geht  schon  daraus  her- 
vor, dass  die  Rösttemperatur,  welche  nicht  einmal  eine  Schmelzung  der 
Rösterze  herbeiführen  darf,  viel  zu  niedrig  ist,  als  dass  eine  Verflüch- 
tigung solcher  Metalle  eintreten  könnte. 

Die  Quelle  für  diese  im  Hüttenrauch  kann  demnach  nicht  im  Röst- 
prozess liegen,  wohl  aber  in  dem. Nicdersc/imelz-  und  Abtreibungsprozess 
des  Bleies,  wo  eine  sehr  bedeutende  Glühhitze  (bei  einer  Beschickung 
von  600  Centner  Glätte  auf  24 — 36  Stunden),  andauernd  auf  das  Blei 
einwirken  muss,  so  dass  dieses  in  gar  nicht  unbedeutender  Menge  sich 
verflüchtigen  wird,  wenn  man    eben    bedenkt,    wie    das    Blei    z.    B,    vor 


101 

dem  Löthrohre  bei  einer  gewiss  nicht  höheren  Temperatur,  als  in  jenen 
Oefen.  sich  gar  nicht  schwer  verflüchtigt. 

Die  aus  den  Oefen  austretenden  Bleidämpfe  werden  an  der  Luft 
sich  ebenfalls  schnell  oxydiren  und  dann,  mit  der  schwefligen  und 
Schwefelsäure  zusammentreffend,  sich  sehr  bald  wegen  ihrer  Schwere 
mit  den  übrigen  Metalldämpfen  niederschlagen.  Die  Quellen  für  die  am 
schädlichsten  wirkenden  Säuren  und  für  die  Metallverbindungen  sind 
demnach  getrennt,  welches  wohl  für  eine  mögliche  Abstellung  der  Uebel- 
stände  von  Wichtigkeit  ist. 

Die  Röstung  der  Erze  geschieht  aber  in  zwei  verschiedenen  Ein- 
richtungen, theils  in  Flammenröstöfen,  theils  in  offenen  Haufen  zwischen 
Mauern  und  über  einen  Rost  mit  Brennmaterial  ausgebreitet,  den  so- 
genannten Stadeln. 

Den  Aussagen  der  benachbarten  Bewohner  jener  Hütten  beklagen 
sich  dieselben  vorzugsweise  über  die  Nachtheile  des  Hüttenrauches, 
welcher  aus  letzteren  aufsteigt,  und  haben  eine  gewisse  Furcht  vor 
einem  neuen  Brand,  d.  h.  dem  Anstecken  neuer  solcher  Haufen. 

Es  scheint  mir  dies  auch  einerseits  durch  die  Erscheinung  des  Hüt- 
tenrauchs, andererseits  in  Berücksichtigung  der  verschiedenen  Wege 
desselben  aus  beiden  Oefen  begründet  zu  sein.  —  Die  Dämpfe  nämlich, 
welche  aus  den  offenen  Haufen,  die  der  Erde  fast  gleich  sind,  aufstei- 
gen, kühlen  sich  beim  Austritt  sofort  durch  die  umgebende  Luft  ab, 
werden  dadurch  dichter,  schwerer,  weshalb  sie  als  ein  viel  undurchsich- 
tigerer Qualm  erscheinen,  und  verlieren  so  die  Fähigkeit,  höher  in  die 
Atmosphäre  zu  steigen  und  sich  so  weiter  zu  begeben :  sie  ziehen  sich 
daher  im  Thale  und  an  den  Abhängen  hin,  schlagen  sich  hier  in  sehr 
concentrirter  Form  nieder,  so  dass  man  in  naher  Umgebung  einen  weis- 
sen Anflug  an  der  Erdoberfläche  und  den  Pflanzen  deutlich  und  oft  mit 
der  Loupe  krystallinisch  wahrnimmt,  und  »theilen  sich  so  sehr  schnell 
allen  Gegenständen,  zumal  wenn  diese  feucht  sind,  oder  die  Pflanzen 
mit  Thau  beschlagen  sind,  mit,  weshalb  eine  schneller  störende  Wirk- 
ung dadurch  veranlasst  werden  kann. 

Die  Dämpfe  dagegen ,  welche  aus  den  Flammenöfen  durch  einen 
mehr  oder  wenig  hohen  Schornstein  in  die  Atmosphäre  treten,  haben 
eine  höhere  Temperatur  und  gewisse  Geschwindigkeit,  in  Folge  welcher 
sie  sich  höher  in  die  Luft  ausbreiten  durch  ihr  längeres  Streben  in  die 
Höhe  zu  steigen,  sich  daher  auch  nicht  so  schnell  und  dicht  und  auf 
einem  weiteren  Umkreis  niederschlagen. 

II.   Wirkung-  des  Hüttenrauchs  auf  die  Pflanzen. 

Es  giebt  nur  zwei  Wege,  auf  denen  diese  Bestandtheile  des  Hütten- 
rauchs in  die  Pflanzen  gelangen,  einmal  durch  das  Wasser  des  Bodens, 
welches    dieselben    aufj^elöst    den     Wurzeln    zuführt,    andererseits    durch 


102 

Auflegen  derselben  auf  die  Oberfläche  der  Pflanzen  und  allmäliges  Ein- 
dringen, welche  Wirkung  des  Befüllens  ganz  besonders  nachtheilig  wird, 
aber  die  Empfindlichkeit  und  Empfänglichkeit  der  Pflanzen  ist  verschie- 
den, je  nach  den  dabei  mitwirkenden  Witterungsverhältnisscn ,  dem  Alter 
und  der  Art  der  Pflanzen. 

A.    Wirkung  beim  Befallen  bedingt 
1)  durch   Witt  er  Imgsverhältnisse.  ' 

Streicht  der  Hüttenrauch  bei  trocknem  Wetter  und  über  die  trockne 
Oberfläche  der  Pflanzen,  so  scheint  nur  sehr  wenig  haften  zu  bleiben, 
indem  sich  derselbe  M^eiter  nach  oben  und  seitwärts  ausbreitet  und  so 
nicht  so  schnell  sich  niederschlägt,  Aveshalb  alsdann  die  Pflanzen  nicht 
so  intensiv  getroffen  werden;  ähnliches  wird  bei  windigem  trocknen 
Wetter  stattfinden,  wo  die  Dämpfe  einer  noch  weiteren  Ausbreitung 
und  nur  sehr  allmäligen  Niederschlagung,  vorzüglich  die  gasförmige 
schweflige  Säure,  unterworfen  sind. 

Schlägt  sich  der  Hüttenrauch  bei  Regenwetter  nieder,  oder  folgt  auf 
aufgefallenen  Rauch  Regenwetter,  so  wird  derselbe  von  der  Oberfläche 
der  Pflanzen  abgewaschen  und  auf  wie  in  den  Boden  geführt,  wo  der- 
selbe viel  weniger  Nachtheil  bewirkt. 

Schlägt  sich  aber  der  Hüttenrauch  auf  die  durch  Thau,  Nebel  oder 
Regen  befeuchtete  Oberfläche  der  Pflanzen  nieder,  so  absorbirt  die 
Feuchtigkeit  sehr  begierig  die  Säuren,  um  sich  damit  zu  sättigen,  was 
man  sehr  leicht  an  der  sauren  Beschaffenheit  des  Thaus  ersehen  kann. 
Folgt  nun  darauf  trocknes,  warmes  zumal  sonniges  Wetter,  so  verdun- 
stet das  Wasser  der  Oberfläche  bald,  die  flüchtige  schweflige  Säure  hat 
sich  aber  inzwischen  in  nicht  flüchtige  Schwefelsäure  oxydirt,  welche 
nun  bei  diesem  A'^erdunstungsprozess  sich  concentrirt,  theils  durch  die 
Zellwände  der  Pflanzen  in  das  Innere  eindringt,  und  so  bei  fortschrei- 
tender Verdunstung  durch  seine  ätzendsauren  Eigenschaften  zerstörend 
auf  das  Zellgewebe  einwirkt,  so  dass  dieses  bald  nachher  abstirbt,  seine 
grüne  Farbe  mit  einer  oft  gelbbraunen,  in  Form  scharf  begrenzter 
Flecken  erscheinend,  vertauscht,  welche  Stellen  nach  dem  gänzlichen 
Austrocknen  zusammen  schrumpfen,  sich  von  dem  gesunden  Zellgewebe 
ablösend,  alsdann  ausfallend  und  dabei  eine  sehr  mürbe,  zwischen  den 
Fingern  leicht  zerreibliche  Beschaffenheit  an-nehmend. 

Dass  das  Phytochlor  durch  die  Einwirkung  der  Säure  sehr  bald 
zerstört  wird  und  somit  eine  gelbbraune  oder  bleiche  Farbe  eintritt,  ist 
aus  den  Eigenschaften  der  Säure  sehr  erklärlich  und  gleicht  somit  die- 
ser Vorgang  auf  den  Pflanzen  ganz  dem,  welcher  eintritt,  wenn  man 
einen  Tropfen  einer  verdünnten  nicht  flüchtigen  Säure  auf  einen  ge- 
webten Stoff  fallen  lässt,  wo  dieser  sich  einsaugt  und  oft  nichts  wahr- 
nehmen lässt.  Nach  einiger  Zeit  aber,  wenn  die  Verdunstung  die  Säure 
concentrirt  hat,  wird  diese  Stelle  geätzt,  dadurch  mürbe  und  fällt  plötz- 


108 

lieh  scharf  begrenzt  heraus;  ist  der  Stoff  gefärbt,    so   geht   bekanntliGh 
auch  die  Farbe  bald  verloren. 

Für  diesen  Vorgang  und  die  zerstörenden  Wirkungen  des  Hütten- 
rauchs unter  diesen  Verhältnissen  sprechen  aber  einerseits  die  scharf 
begrenzten  punktirten  Flecken  und  Blattspitzen,  welche  in  die  Luft 
herausragend  am  meisten  sich  mit  Thau  beschlagen,  und  somit  Säure 
absorbiren,  welche  Stellen  alsbald  jener  Wirkung  unterliegen.  Anderer- 
seits aber  sprechen  ganz  besonders  auch  die  Aussagen  der  dortigen 
Bewohner  dafür. 

Nicht  alle  Tage,  nicht  bei  trübem,  regnerischen  Wetter,  wie  ebenso 
nicht  bei  sehr  warmen  Tagen  und  Nächten,  an  denen  kein  Thau  fällt, 
zeigt  sich,  obgleich  der  Hüttenrauch  ununterbrochen ,  Tag  und  Nacht, 
bald  nach  der  einen,  bald  nach  der  andern  Richtung  hin  die  Fluren 
bestreicht,  jene  verheerende  Wirkung,  die  man  in  ihren  Folgen  mit 
„vevbrannl"  bezeichnet,  sondern  eben  nur  an  einzelnen  Tagen  wird  dies 
beobachtet,  und  zAvar  bei  gutem,  warmen  Wetter,  am  Tage  und  kühle- 
ren Abenden  und  Nächten  oder  Morgen,  wo  diese  Fluren  mit  Thau  be- 
legt sind,  daher  ganz  besonders  im  Frühjahr  und  Herbst  oder  Spätsom- 
mer, dann  aber  aueli  nur,  wenn  der  Rauch  Abends,  Nachts  oder  am 
frühen  Morgen  darüber  gestrichen  ist,  wo  nun  bei  darauf  folgendem 
guten,  warmen  Wetter  der  Verdunstungsprozess  rasch  erfolgt  und  die 
concentrirte  Säure  zur  Wirkung  bringt. 

Aus  diesen  Beobachtungen  erhellt  der  Einfluss  der  Witterungs- 
verhältnisse. 

Da  nun  aber  stets  der  aufgefallene  Hüttenrauch  als  der  gefährlichste 
bekannt  ist,  und  seine  Wirkung  vermittelt  wird  durch  das  Eindringen 
in  das  Zellgewebe,  so  steht  damit  im  innigsten  Zusammenhang  das 
Durchgangsvermögen  durch  die  Zellwand  und  dieses  ist  abhängig  vom 
Alter   der   Pflanzen   und    Pflanzentheile    und    von    der   .///    der    Pflanze. 

Was 
2)  das  Alter  der  Pflanzen  betrifft, 
sc  tritt  die  Wirkung  als  am  schnellsten  verheerend  vorzüglich  an  den 
jüngstentwickelten  Pflanzen  und  deren  Theile,  den  jüngsten  Blättern 
und  eben  aufgebrochenen  Knospen,  und  ebenso  besonders  an  den  Blüthen 
des  Klees,  der  Hülsenfrüchte  etc.  auf,  und  je  schneller  eine  Pflanze 
sich  entwickelt,  um  so  zarter  und  leicht  durchdringbarer  ist  ihre  Zell- 
substanz, die  daher  dem  Eindringen  um  so  weniger  Widerstand  darbietet, 
während  solche  Pflanzen,  welche  sich  langsamer  entwickeln  und  deren 
Zellwände  sich  mit  dem  Alter  'durch  Vermehrung  des  Zellstoff^,  Ab- 
lagerung von  Holzstoff  oder  Mineralstoffen,  wie  Kieselerde  u.  s,  w.,  mehr 
und  mehr  verdicken,  dem  Durchgang  mehr  Widerstand  entgegensetzen 
und  so  nicht  so  empfindlich  sind. 

Daher    sind    die    Stengel   der  Pflanzen,    wie    die    Gräser   und    deren 
Halme  viel  weniger  empfindlich  und  so  scheint  aus  diesem  Urunde    der 


104 

Sommerroggen  viel  mehr  empfindlich  zu  sein,  als  der  Winterroggen,  wie 
wenigstens  daraus  hervorgeht,  dass  der  letztere  dicht  neben  dem  erste- 
ren  stehend  und  mithin  beide  auf  gleichem  und  gleich  bearbeiteten 
Boden  auch  gleichzeitig  befallen,  doch  sehr  verschieden  entwickelt  waren, 
und  so  der  Sommerroggen  sehr  verkümmert  stand,  der  Winterroggen 
dagegen  verhältnissmässig  kräftig. 

Dass  endlich 
3)  die  Art  der  Pflanzen  eine  verschiedene  Empfindlichkeit  bedingt,  geht 
aus  dem  eben  Besprochenen  hervor  und  liegt  in  der  verschieden  schnel- 
len Entwickelungsfähigkeit,  der  mehr  oder  weniger  starken  Verdick- 
ung der  Zellwände,  wie  ebenso  in  der  mehr  oder  weniger  der  Atmos- 
phäre dargebotenen  Oberfläche,  welche  vom  Hüttenrauch  befallen  werden 
kann.  So  sind  unter  den  Spitzkeimern  die  Spelzengewächse,  Grami- 
neen und  Cyperoideen,  daher  auch  die  Getraidearten  weniger  em- 
pfindlich als  die  Blattkeimer,  und  bei  ersteren  deren  dünne  Blätter  wie- 
der mehr,  als  deren  dickwandigere  Halme,  denn  in  den  Zellwänden  die- 
ser Pflanzen  lagert  sich  bekanntlich  nicht  unbedeutend  Kieselerde  ab, 
und  wie  diese  jene  Pflanzen  vor  einem  schnellen  Verdorren  durch  Ver- 
dunstung von  Innen  nach  Aussen,  bei  anhaltend  trocknem  Wetter,  bei 
der  geringen  Ausbreitung  deren  Wurzelfasern  in  die  Tiefe,  deshalb 
schützt,  weil  ihre  Oberfläche  sich  sehr  schwer  benetzt  und  die  Feuch- 
tigkeit langsamer  austreten  lässt,  so  kann  natürlich  auch  der  Hütten- 
rauch viel  schwieriger  von  Aussen  nach  Innen  durch  den  Kieselerde- 
gehalt der  Zellwände  treten.  Daher  findet  man  nicht,  dass  die  vom 
Hüttenrauch  befallenen  derartigen  Pflanzen  so  braun  ausfallende  Flecken 
zeigen,  sondern  an  den  getroff'enen  Stellen  bleichen,  diese  nach  und 
nach  zusammenschrumpfen,  die  schmalen  Blättchen  und  zarten  Grannen 
sich  endlich  kräuseln  und  zurücklegen  und  vorzüglich  der  Halm  sich, 
aber  auch  langsamer,  fortentwickelt,  weshalb  sich  dies  wieder  in  der 
Beschafi"enheit  des  Heues  abspiegelt,  bei  welchem  die  Halmbildung 
bedeutend  vor  der  Blattbildung  vorherrscht,  ersterer  aber  auch  durch 
seinen  reicheren  Kieselerdegehalt  eine  grössere  Festigkeit  besitzt  und 
so  das  gewonnene  Heu  härter  macht. 

Deshalb  können  in  der  Umgebung  solcher  Hütten  gar  keine  zarten 
Blätter  zeigende  Pflanzen  cultivirt  werden,  wie  z,  B.  Erbsen,  Bohnen, 
Linsen,  und  der  Klee  wird  so  oft  braxln  und  dürr,  dass  er  manchmal 
kaum  zu  verfüttern  ist,  wie  ebenso  die  Blätter  der  Rüben  sehr  schnell 
unterliegen,  und  als  Futter  oft  nicht  zu  verwenden  sind. 

So  sah  ich  in  einem  Garten  Georginen ,  Rosen  und  Nelken,  von 
denen  bei  ersteren  während  24  Stunden  die  jüngeren  Blätter,  Knospen 
und  Blüthcn  gänzlich  zerstört  waren,  während  die  Nelken  wegen  ihrer 
festen  Blattsubstanz  fast  ganz  unversehrt  erschienen. 

Je  schneller  und  je  mehr  nun  die  sich  schnell  entwickelnden  Blatt- 
keimer durch  den  Hüttenrauch  zerstört  werden  in  ihren  einzelnen  Orga- 


105 

nen,  je  mehr  kommt  ihnen  ihre  im  Verhältniss  ihrer  Entwickelung 
stehende  Reproductionskraft  zu  Statten,  indem  sie  ihre  verloren  gegan- 
genen Organe  unermüdlich  wieder  erzeugen,  wenn  sonst  die  Witterungs- 
und Bodenverhältnisse  es  gestatten,  aber  für  ihre  Fruchtreife  werden 
sie  gestört,  weshalb  die  Hülsenfrüchte  dort  nicht  gebaut  werden  können. 

Bei  den  Gräsern  aber  ist  die  Wirkung  nachhaltiger  und  sie  ver- 
kümmern leichter,  weil  vorzüglich  ihre  Spitzen  getroffen  werden,  und 
wenn  daher  der  Hüttenrauch  in  die  Blüthe  oder  kurz  nach  derselben 
auf  diese  fällt,  so  verkümmert  die  Aehre  so,  dass  sie  nur  wenig  Kör- 
ner trägt,  und  diese  oft  so  klein  und  leicht  sind,  dass  sie  sich  kaum 
zum  Vermählen  wegen  der  geringen  Ausbeute"  an  Mehl  eignen  und  da- 
her den  Namen  „Giftkorn"  führen. 

So  widerstehen  den  auch  Pflanzen,  deren  Blätter  wenig  saftreich 
und  fest  sind  und  sich  durch  Harzgehalt  auszeichnen,  dem  Eindringen, 
und  somit  der  Wirkung  sehr  lange,  aber  sie  erliegen  endlich  doch  der 
ununterbrochenen  Auflagerung  des  Rauchs,  wie  dies  ganz  deutlich  an 
einem  Kiefernwäldchen  in  der  Nähe  der  Hütten  (20  Minuten  davon  ent- 
fernt) hervortritt,  welches  mehrere  Jahre  lang  gar  keine  Zeichen  der 
Wirkung  an  sich  getragen ,  aber  endlich  doch  zum  Theil  unterliegen 
musste,  indem  der  zunächst  den  Hütten  gelegene  Theil  gänzlich  einge- 
gangen ist,  der  entfernter  liegende  aber,  nach  derjenigen  Richtung  hin, 
wo  der  Wind  von  den  Hütten  her  weht,  abgestorbene  Zweige  mit  den 
daran  sitzenden  braunen  Nadeln  zeigt,  nach  der  entgegengesetzten 
Richtung  aber  schön  grünt  und  in  den  entferntest  liegenden  und  von 
Anhöhen  geschützten  Theil  ganz  gesund  sich  zeigt.  —  Dass  Kiefern- 
nadeln dem  Eindringen  sehr  lange  Widerstand  leisten,  geht  aus  der 
ganzen  Structur  derselben  hervor,  aber  dass  bei  eintretender  Wirkung 
auf  dieselben  auch  der  Nachthoil  um  so  grösser  ist.  und  den  ganzen 
Raum  in  seiner  Entwickelung  bedroht,  liegt  in  dem  sehr  geringen  Re- 
j)roductionsvermögen. 

Aus  diesen  verschiedenen  Beispielen  ist  die  verschiedene  Empfind- 
lichkeit, bedingt  durch  verschiedene  Umstände  beim  Befallen  der  Pflan- 
zen durch  Hüttenrauch  ersichtlich. 

B.  Der  zweite  Weg  auf  den  die  lösslichen  Bestandtheile  des  Hüt- 
tenrauchs in  die  Pflanzen  zu  gelangen  vermögen,  ist  der 
durch  die  Wurzeln. 

Dass  auf  diesem  Wege  dies  stattfinden  wird,  scheint  mir  nach  den 
Untersuchungen  der  verschiedenen  Bodenarten  nicht  zweifelhaft,  denn 
diese  enthalten  alle  freie  Säuren  und  reagiren  mit  kaltem  Wasser  an- 
gerührt, sehr  stark  sauer,  wie  sie  auch    lössliche  Metallsalze    enthalten. 

Nun  nehmen  zwar  die  Pflanzenwurzeln  die  in  dem  Wasser  gelösten 
Stoffe  nach  gewissen  Gesetzen,  bedingt  durch  die  Verwandtschaft  der 
Pflanzenart  zu  gewissen  Mineral  Stoffen,  auf,  allein  sie  treffen  bekannt- 
lich keine  Auswahl,  sondern  nehmen  Alles  auf,  aber  nicht  in  dem  Ver- 


106 

hältniss,  in  Avelchem  diese  Stoffe  in  dem  Wasser  gelöst  enthalten  sind, 
sondern  nach  dem  verschiedenen  endosmotischen  Vermögen  der  Wur- 
zolfasern  für  die  einzelnen  Bestandtheile. 

Deshalb  ist  wohl  nicht  zu  ZAveifeln  an  der  Aufnahme  der  freien 
Säuren  und  lösslichen  Metallsalze,  allein  die  auf  diesem  Wege  einge- 
di'ungenen  Stoffe  sind  sehr  verdünnt  in  ihren  Lösungen,  zeigen  daher 
auch  nicht  diese  ätzend  zerstörenden  Wirkungen  und  scheinen  über- 
haupt wenig  Nachtheile  für  die  Pflanzen  zu  haben. 

Dies  geht  schon  daraus  hervor,  dass  die  Wurzeln  auch  unter  den 
ungünstigsten  Bodenverhältnissen  ihre  Triebfähigkeit  beibehalten ,  wie 
sofort  ersichtlich  am  Haidekraut,  Avelches  auf  den  nächsten  Höhen  der 
Hütten  aus  seinen  Wurzeln  fort  und  fort  neue  Sprösslinge  treibt,  welche 
aber  sehr  schnell  der  Einwirkung  des  sich  von  Aussen  auflegenden 
Hüttenrauchs  unterliegen  und  daher  gar  nicht  zur  Blüthe  kommen,  und 
so  zwischen  dem  abgedorrten,  schwarzbraunen,  dürren  Reissig  stets  grü- 
nende, junge  Sprösslinge  auftreiben.  Während  also  die  Wurzel  nur  aus 
dem  Boden  dieselben  Stoffe  aufnehmen  kann,  die  sich  von  Aussen  auf  die 
Pflanzen  auflagern,  behält  sie  doch  ihre  Vegetationskraft  bei  und  zeigt 
somit  die  geringe  Empfindlichkeit  gegen  die  auf  diesem  Wege  einge- 
tretenen Säuren,  welches  Verhalten  wiederum  für  die  ätzende  Wirkung 
derselben  auf  der  Oberfläche  spricht. 

Demnach  scheinen  die  dort  so  wenig  beachteten  und  im  Anbau 
fast  vernachlässigten  knollentragenden  und  rübenartigen  Wurzelgewächse 
einer  grösseren  Beachtung  zu  verdienen,  als  manche  Hülsenfrüchte,  um 
die  Betheiligten  vor  den  Schäden,  welche  durch  die  Auflagerung  des 
Hüttenrauchs  entstehen,  mehr  zu  schützen. 

Es  wurden  wenigstens  auch  keine  wesentlichen  Verschiedenheiten 
im  Verhalten  der  Rüben  aus  dortiger  und  hiesiger  Gegend  bei  der 
Untersuchung  beobachtet,  zumal  nicht  im  Säuregehalt,  und  wurde 
auch  in  dortiger  Gegend  nicht  von  einem  Missrathen  der  Hackfrüchte 
gesprochen,  während  dies  bei  dem  Getraide  und  dem  Heu  so  oft  der 
Fall  ist. 

Sowie  sich  nun  diese  Wirkung  sehr  spezifisch  auf  die  Pflanzen 
ausprägt,    so  wird  dieselbe  sich  auch  auf  dem  Boden  bemerkbar  machen, 

III.  Wirkung-  des  Hüttenrauchs  auf  den  Boden. 

Dass  der  Boden  selbst  Veränderungen  erleidet ,  nicht  nur  durch 
Beimischung  von  Stoffen,  die  ihm  sonst  fremd  sind,  sondern  ganz  be- 
sonders auch  durch  die  chemische  Thätigkeit  der  eindringenden  Säure, 
ist  wohl  keinem  Zweifel  unterworfen. 

Die  von  demselben  aufgenommene  Quantität  der  Säure  richtet  sich 
gewiss  sehr  nach  der  physikalischen  Beschaffenheit  des  Bodens,  seinem 
Fenchtigkcitszu.st;nid(>    luul    d(^n    vnitwirkenderi    Witterungsverhältnissen, 


107 

so  dass  bei  Regenwetter  die  Säuren  und  löslichen  Salze  mehr  oder  weni- 
ger tief  geführt  werden. 

Die  in  demselben  eingedrungene  Säure  wird  ihn  zunächst  in  einen 
sauren  Boden  umwandeln,  und  wenn  sie  sich  auch  nicht  lange  im  freien 
Zustande  erhält  und  deshalb  nicht  gut  anhäufen  kann,  so  wird  sie 
sehr  bald  eine  Zersetzung  der  in  demselben  angehäuften  Silicate 
veranlassen,  welche,  wie  durch  die  Kohlensäure  und  das  Wasser  einer 
Verwitterung  unterworfen,  so  auch  an  die  Schwefelsäure  die  Alkalien 
und  alkalischen  Erden  abtreten  und  eine  grössere  Menge  schwefelsaurer 
Salze  bilden,  die  in  der  Asche  der  Pflanzen  wieder  zu  finden  sind. 

Dadurch  wird  aber  aucL  ein  Theil  der  Kieselerde  der  Silicate  in 
Lösung  gebracht  und  diese  den  Gräsei*n  zugeführt,  welche  zur  Folge 
hat,  dass  dieselben  hart  und  weniger  leicht  verdaulich  werden. 

Unter  allen  Umständen  aber  wird  nach  und  nach  aus  dem  besten 
Boden  ein  sogenannter  saurer  Boden  erzeugt  werden ,  indem  sich  die 
SchAvefelsäure  aller  Basen  bemächtigt  und  die  durch  die  Verwesung 
organischer  Ueberreste  gebildeten  Humussäuren  werden  frei.  Dass  aber 
ein  solcher  Boden  nicht  die  Entwickelung  aller  Pflanzen  und  Feldfrüchte 
begünstigt,  ist  bekannt,  und  so  scheint  in  der  That  durch  diese  Ver- 
änderung des  Bodens  nach  und  nach  ein  Wechsel  in  der  Vegetation 
einzutreten,  indem  die  in  saurem  Boden  wachsenden  und  wenig  ge- 
schätzten Futtergräser  mehr  und  mehr  Platz  greifen,  dagegen  aber  die 
weichen,  sogenannten  süssen  und  geschätzten  Futtergräser  nach  und 
nach  verdrängt  werden ,  und  Avenn  die  Aussagen  der  dortigen  Bewoh- 
ner wahr  sind,  so  ist  dies  Verhältniss  bereits  eingetreten,  denn  nach 
diesen  sollen  früher  und  vor  Anlage  der  Hütten  auf  den  benachbarten 
Abhängen  und  im  Thale  die  besten  Futtergräser  und  Futterkräuter  ge- 
wachsen sein,  während  jetzt  allerdings  dort  nur  noch  harte  Gräser,  wie 
..Aira  caespitosa'*'  und  „flexuosa''  neben  Haidekraut  und  einigen  Cype- 
r< »Ideen  auftreten.  Pflanzen  die  den  sauren  Boden  verrathen  und  als 
Futter  nicht  geschützt  sind. 

Dasselbe  kann  aber  auch  auf  den  Wiesen,  welche  jenen  Wirkungen 
vorzüglich  unterliegen,  nach  und  nach  eintreten. 

Ausser  der  Säure  treten  nun  aber  auch  die  in  dem  Hüttenrauch 
vorhandenen  Metalle  im  Boden  auf  und  unter  diesen  ganz  besonders 
das  Blei. 

Um  den  Metallgehalt  kennen  zu  lernen,  wurden  daher  vier  ver- 
schiedene Bodenarten  von  verschiedenen  Entfernungen  und  Richtungen 
einer  quantitativen  Untersuchung  auf  diese  unterworfen  und  folgende 
Resultate  erhalten. 

a)   1   Pfd.  Erde    von  den    den  Hütten  zunächst  gelegenen  Anhöhen, 
auf  denen  nur  verdorrtes  Haidekraut  stand,  gab 

5,69  Grammen  Blei  aus  6,i7  Grammen  Sehwefelblei 
und  0,31         -         Schwefelkupfer, 


108 

b)  1  Pfd.  Erde  aus  dem  Muldenthale.  dicht  hinter  den  Gifthütten 
nach  Abend  gelegen,  auf  welchen  ganz  verkümmerter  Roggen 
stand,  gab 

3,S8  Grammen  Blei  aus  4,4  8  Grammen  Schwefelblei 
und  0,21  -       .Schwefelkupfer. 

c)  1  Pfd.  Erde  von  einem  Wiesengrundstück,  auf  dem  den  Hals- 
brücker  Hütten  gegenüber  gelegenen  Ufer,  gab 

0,17  Grammen  Schwefelkupfer 
und  1,9  7  -       Blei  aus  2,8  8  Grammen  Schwefelblei, 

d)  1  Pfd.  Erde  von  einem  Kleestück  bei  Hilbersdorf,  ca.  Vi  Stunde 
von  den  Hütten  entfernt  und  auf  der  Höhe  nach  Westen  ge- 
legen, gab 

1.16  Grammen  Blei  aus  1,.3"i  Grammen  Schwefelblei 
und  0,10  -       Schwefelkupfer. 

Im  Mittel  gaben  demnach  1  Pfd.  Erde 

3.17  Grammen  rr   52V6  Gran  Blei 
und  0,13  7        -  —     21/4       -      Kupfer. 

Ausserdem  ergaben  sich  auf  1    Pfd.  Erde 
0,3  0  Gran  Arsenige  Säure, 
0,12        -       Antimon  oxyd. 

Aus  diesen  Resultaten,  die  natürlich  ebenso  sehr  wechselnd  durch 
herrschende  Winde  und  Regen  sein  werden,  geht  indess  hervor,  dass 
die  metallischen  ßestandtheile  des  Hüttenrauchs  sich  in  den  nächsten 
Nähen  am  meisten  niederschlagen,  wie  sich  auch  aus  der  Schwere  der- 
selben schon  vermuthen  lässt,  dass  ferner  auch  hier,  wie  bei  den  Fut- 
terkräutern, das  Blei  bei  weitem  unter  allen  Metallen  vorherrschend  ist. 

Dies  ist  indess  natürlich  und  dadurch  begründet,  dass  das  Blei 
als  fast  unlössliches  und  sehr  schweres  schwefelsaures  Bleioxyd 
weder  von  dem  Wasser  durch  Lösung^  noch  durch  Fortschwem- 
men weggeführt  wird,  weshalb  es  sich  schon  so  angehäuft  haben  wird 
und  noch  von  allen  Bestandtheilen  des  Rauchs  fort  anhäuft. 

Der  Bleigehalt  auf  den  bebauten  Fluren  wird  wahrscheinlich  auch 
noch  durch  die  Düngung  mit  dem  Viehmist  vermehrt,  denn  dieser  ent- 
hält stets  Blei,  und  wahrscheinlich  so  viel,  als  der  Menge  des  im  Fut- 
ter enthaltenen  entspricht.  Durch  die  Unlöslichkeit  dieser  Verbindung 
scheint  aber  auch  auf  die  Pflanzen  kein  nachtheiliger  Einfluss  durch 
dieselbe  zu  erwachsen. 

Anders  ist  es  dagegen  mit  dem  Kupfer-  und  Arsenikgehalt,  deren 
Verbindungen  leichter  gelöst  und  so  von  dem  Wasser  theils  fortgeführt, 
theils  den  Pflanzen  zugeführt  werden ,  weshalb  sie  sich  nicht  ansam- 
meln, und  so  stets  in  sehr  untergeordneter  Menge  dem  Blei  gegenüber 
vorhanden  sein  werden. 

Dass  aber  die  Futterkräuter  diese  Verbindungen  Avahrscheinlich 
aufiielinien ,    ü;(.']it    .schon    aus    der  Art    der    Aufnahme    bei    den   Pflanzen 


109 

licrvür,  und  wenn  man  dieselbe  noch  sorgfältiger  abwäscht,  um  sie  von 
allen  aufsitzenden  Bestandtheilen  des  Hüttenrauchs  zu  befreien,  so  sind 
doch  stets  noch  kleine  Spuren  der  Metalle  in  ihnen  aufzufinden,  die 
natürlich  auch  auf  den  Geschmack  einen  Einfluss  haben  müssen. 

Wenn  nun  auch  die  Menge  der  gefundenen  Metalle  auf  1  Pfd.  Erde 
nicht  sehr  bedeutend  erscheint,  und  man  annehmen  könnte ,  dass  die- 
selben bis  zu  einem  Fuss  Tiefe  einen  gleichen  Gehalt  nach  obigen  Mit- 
tel führte,  so  würde  doch  die  Menge  derselben  auf  einem  so  bedeuten- 
den Flächenraum  sich  ausserordentlich  anhäufen,  was  indess  nicht  zu 
vermuthen  steht. 

Nimmt  man  den  Kubikfuss  Erde  zu  100  Pfd.  an,  das  ohngefähre 
Mittel  aus  verschiedenen  vorhandenen  Dichtigkeiten  der  Ackerkrume, 
so  würde  auf  einen  solchen  nach  Maasstab  des  Mittels  obiger  Mengen 
und  vorausgesetzt  bei  gleichmässigem  Gehalt 

10  Unzen  6  Drachmen  56^ '3  Gran  Blei, 
3  Drachmen  45  Gran  Kupfer, 
30  Gran  Arsenige  Säure, 
12  Gran  Antimonoxyd 
kommen. 

Es  erscheint  mir  aber  kaum  als  wahrscheinlich  oder  möglich,  dass 
solche  Mengen  von  Blei  sich  angehäuft  haben  könnten,  und  dass  eben- 
so nicht  die  andern  Metalle  in  dem  Maasse  im  Durchschnitte  auf  1  Ku- 
bikfuss Erde  darin  vorhanden  sein  möchten. 


IV.  Ausbreitung^  des  Hüttenrauchs. 

Dieselbe  ist  zwar  einerseits  in  der  Wirkung  auf  die  Vegetation  zu 
verfolgen,  und  zwar  an  den  gebleichten,  oft  ganz  scharf  begrenzten  Gran- 
nen der  Getreide  und  Spitzen  der  Blätter,  welche  sich  kreiseiförmig 
winden  und  nach  abwärts  legen,  wie  auch  an  den  charakteristischen 
Flecken  auf  den  Blättern  verschiedener  Pflanzen,  Sträucher  und  Bäume, 
ganz  besonders  aber  in  der  sauer  reagirenden  Beschaffenheit  der  Abkoch- 
ung der  Futterkräuter,  welche  Reaktion  guten  Futterkräutern  fremd  ist, 
und  lässt  sich  dieselbe  noch  leichter  und  weiter  verfolgen  an  der  säuern 
Reaktion  des  Thau's,  der  bis  zu  einer  radialen  Entfernung  von  1 V^  bis 
2  Stunden  bei  ziemlichem  Winde,  von  den  Hütten,  noch  deutlich  sauer 
auf  empfindliches  Lackmuspapier  reagirt.  Der  Flächenraum  ist  also 
ein  sehr  bedeutender,  wie  schon  aus  der  noch  zu  beleuchtenden  Be- 
schaffenheit des  Heu's  und  den  Krankheiten  der  Hausthiere  hervorleuch- 
tet, er  wird  indess  vielleicht  am  deutlichsten  erkannt  und  begrenzt  durch 
das  Verschwänden  gewisser  Insekten  aus  jenen  getroffenen  Fluren  und 
Ortschaften,  und  zwar  solcher,  deren  Nahrungsweise  in  dem  Aufsaugen 
des  zuckerhaltigen  Nectariensaftes  besteht. 


HO 

Dahin  gehören  die  Bienen,  die  vor  der  Anlegung  und  Erweiterung;- 
der  Hütten  ebenso  in  den  betroffenen  Ortschaften  gepflegt  worden  sind, 
wie  überall  dies  auf  dem  Lande  üblich  ist,  die  sich  aber  jetzt  gänzlich 
aus  dieser  Gegend  fortgezogen  und  erst  in  einer  Entfernung  von  ohn- 
gefähr  2  Stunden  wieder  heimisch  niedergelassen  haben. 

Diese  sind  aber  vermöge   ihrer  Saugzunge    und   ihrer  ßespiratiou.s 
Organe  gewiss  die  empfindlichsten  Exploratoren  für  die  Ausbreitung  jener 
Stoffe  und  geben  die  Spuren  noch  da  zu  erkennen,    wo  es    der  Chemi«' 
mit  ihren  Hülfsmitteln    vielleicht  sehr    schwor  werden  würde,    dieselben 
nachzuweisen. 

V.  Nachtheile  des  Hüttenrauchs  auf  das  Futter  und  das  Rindvieh. 

Die  indirekten  Nachtheile,  welche  durch  diese  besprochenen  Ver- 
hältnisse für  die  dadurch  betroffenen  Ortschaften  herbeigeführt  werden, 
sind  indess  noch  weit  bedeutender  und  bestehen  in  einer  wirklichen 
Vergiftung  der  frischen  wie  trocknen  Futterkräuter  und  den  dadurc'i 
herbeigeführten  Krankheiten  und  Verlusten  an  Hausthieren  ,  besonders 
an  Rindvieh. 

Alle  von  mir  deshalb  der  Untersuchung  unterworfenen  trocknen  un.l 
frischen  Futterkräuter  zeigten  sich  mehr  oder  weniger  sauer  durch 
einen  Gehalt  an  freier  Schwefelsäure  und  ebenso  metallhaltig.  Was 
zunächst  das  Aeussere  vieler  Heusorten  betrifft,  so  erscheinen  dieselben 
oft  auffallend  blassgrün,  ja  oft  ganz  bleich,  strohartig,  indem  sie  ja 
einem  wirklichen  Bleichungsprozess  durch  die  schweflige  Säure  unter- 
worfen werden. 

Dann  waren  sie  stets  von  einer  sehr  harten  Beschaffenheit,  theils 
herrührend  von  einem  reichen  Gehalt  an  sogenannten  harten  Grasarten, 
theils  herrührend  von  einem  grösseren  Kieselerdegehalt,  der  sich  in  der 
Asche  derselben  vorfand,  und  ebenso  war  oft  die  Halmbildung  vorherr- 
schend vor  der  zarten  Blattbildung,  Verhältnisse,  die  durch  die  Einflüsse 
des  Hüttenrauchs  auf  Boden  und  Pflanzen  herbeigeführt  werden. 

Der  Klee  und  das  Kleeheu  aber  zeigten  die  eigenthümlichen  braun - 
gelben  Flecken,  welche  sehr  mürbe  sind,  wie  alle  die  getroffenen  Theile 
uud  daher  fiel  bei  allem  Trockenfutter  immer  eine  grosse  Menge  kleiner 
Bruchstückchen  ab,  sie  gaben  eine  grosse  Menge  sogen.  Heustaub. 

Der  Geschmack  von  allem  Futter  war  weniger  lieblich,  angenehm, 
gewürzhaft,  sondern  hintennach  so  auffallend  und  lange  anhaltend  herbe, 
metallisch,  so  dass  man  denselben  am  richtigsten  mit  stiptisch  bezeichnet; 
daduch  wird  gewiss  oft  die  Fresslust  der  Thiere  beeinträchtigt,  so  dass  es 
natürlich ,  wenn  es  widersteht,  auch  nicht  den  Eintiuss  auf  die  Ernähr- 
ung ausüben  kann,  als  wenn  es  gesundes  Futter  ist.  Dieser  Geschmack 
kann  zum  Theil  von  den  metallischen  Bestandtheilen ,  ganz  besonders 
von  Kupfersalzen  herrühren,  welche  sich  auch  in  den  kleinsten  Spuren 
durch  ihren  stiptischen,  unangenehmen  und  anhaltenden  Geschmack  aus- 


in  __ 

zeichnen,  zum  Theil  aber  auch  durch  verändernde  Einflüsse  der  Säuren 
auf  organische  Verbindungen,  wie  wenigstens  daraus  hervorzugehen 
scheint,  dass  durch  Aether  ein  Auszug  erhalten  wurde,  welcher  nach 
dem  Verdunsten  ein  so  unangenehmes  resinöses  Extract  hinterlies,  wel- 
ches jenen  Geschmack  auch  zeigte,  ohne  metallhaltig  zu  sein. 

Um  nun  die  Quantitäten  der  ti-eien  Säuren  und  schädlichen  Metalle 
zu  erfahren,  wurden  sehr  verschiedene  Heusoi'ten  von  den  verschieden- 
sten Grundstücken  und  Ortschaften  einer  quantitativen  Untersuchung 
auf  dieselben  unterworfen  und  dazu  folgende  Methoden  eingeschlagen. 

Es  wurden  stets  grössere  Mengen  der  Futterkräuter  fein  zerschnitten, 
innig  gemengt,  und  alsdann  zur  Bestimmung  der  freien  Säuren  10  Gram- 
men verascht,  bei  einer  so  gelinden  Temperatur,  dass  dadurch  keine 
Reduction  der  schwefelsauren  Salze,  Avie  auch  keine  Verflüchtigung  der 
Chloralkalimetalle,  eintreten  konnte. 

Die  Asche  wurde  mit  Salpetersäure  haltigem  Wasser  'vollkommen 
erschöpft  und  aus  diesem  Auszug  mit  salpetersaurem  Baryt  die  Schwefel- 
säure ausgefüllt,  und  mit  salpetersaurem  Silberoxyd  das  Chlor.  Aus 
den  erhaltenen  Niedei*schlägen  wurde  nach  dem  Auswaschen  und  Glühen 
die  in  der  Asche  enthaltene  Menge  der  Schwefelsäure  und  des  Chlors  be- 
i-echnet,  welche  natürlich  als  gebunden  an  Basen  darin  vorhanden  waren, 
da  die  Asche  durch  Gehalt  von  kohlensauren  Alkalien  alkalisch  reagirte. 

Andere  10  Grammen  der  geschnittenen  Futterkräuter  wurden  mit 
Salpetersäure  haltigem  Wasser  ausgekocht  und  ebenso  vollkommen  an 
schwefelsauren  Salzen  und  Chlormetallen  erschöpft  und  aus  den  erhaltenen 
Auszügen  mit  genannten  Reagentien  die  gesammte  Menge  der  Sclfvvefel- 
säure  und  des  Chlors  ausgefüllt,  die  Niederschläge  aber  mit  Berücksich- 
tigung aller  etwa  darinnen  vorhandenen  organischen  Verbindungen  weiter 
behandelt,  und  so  nach  dem  Glühen  die  Menge  derselben  bestimmt. 

Auf  diese  Weise  ergab  sich  stets  aus  der  Abkochung  eine  grössere 
Menge  an  schwefelsauren  Baryt  und  Chlorsilber,  als  aus  der  Asche,  und 
diese  Difi"erenz  betrachtete  ich  als  bedingt  durch  einen  Gehalt  an  freien 
Säuren,  veranlasst  durch  die  saure  Reaktion  des  Futters  und  die  dadurch 
herbeigeführten  Krankheitszustände. 

Dass  natürlicher  Weise  beim  Veraschen  auch  die  freien  Säuren 
sich  verflüchtigen  mussten,  war  meine  Absicht  bei  der  Einschlagung 
dieses  Verfahrens,  allein  es  wurden  doch  auch  chemische  Zersetzungen 
der  Salze  dabei  durch  die  Wirkung  der  Schwefelsäure  auf  die  Chlor- 
metalle herbeigeführt,  indem  die  Abkochung  stets  auffallende  Difi'erenzen 
an  Chlor  ergab,  die  desshalb  auffallend  waren,  weil,  wenn  sie  als  freie 
Salzsäure  in  dem  Futter  vorhanden  sein  sollten,  diese  ihren  Ursprang 
im  Salzsäuregehalt  des  Hüttenrauchs  haben  müssten,  was  wenigstens  in 
vielen  Fällen  und  von  den  Hilbersdorfer  Hütten  ausgehend,  nicht  der 
Fall  ist.  Desshalb  schreibt  sich  diese  Differenz  vorzugsweise  von  dem 
Freiwerden  von  Salzsäure  bei  dem  Veraschen  durch  die  freie  Schwefel 


m 

säure  her,  und  wird  man  dalier,  um  der  Wahrheit  näher  zu  kommen, 
diese  Salzsäure  auf  ein  Aequivalent  an  Schwefelsäure  in  Rechnung  zu 
bringen  haben.*) 

Ebenso  wurden  aus  der  Asche  der  Blei-  und  Kupfer-Gehalt  bestimmt, 
Arsen  und  Antimon  dagegen  aus  der  Abkochung  mit  Salzsäure  haltigem 
Wasser  als  Schwefelmetalle,  stets  unter  Berücksichtigung  der  dadurch 
gleichzeitig  gefällt  werdenden  organischen  Verbindungen,  die  vor  der 
Wägung  erst  beseitigt  wurden. 

Auf  diese  Weise  und  wenn  man  die  Differenz  an  Chlor  auf  Schwe- 
felsäure berechnet;  fand  sich,  dass  in  20  Pfund  Heu,  dem  täglichen  Fut- 
terquantum einer  Kuh,    die  Menge  der  /reien  Schwefelsäure,   als  Hydrat, 


*)  Das  Ziel  dieses  Verfahrens  lief  also  darauf  hinaus,  durch  die  Verasehung  dia 
freien  Säuren  zu  verflüchtigen  und  in  der  Asche  die  Menge  der  gebundenen  zu  finden, 
und  diese  von  der  Gesammtnienge  der  Säuren  im  Futter  abzuziehen,  und  aus  der  Dif- 
ferenz die  Menge  der  freien  Säure  zu  erfahren. 

Gegen  die  Richtigkeit  dieses  Verfahrens  Hesse  sich  einwenden,  dass  eine  sehr  kleine 
Differenz  bei  den  zur  Analyse  verwendeten  kleinen  Quantitäten  Substanz,  berechnet  auf 
eine  grosse  Masse ,  in  demselben  Verhältnis»  heranwächst ,  und  desshalb  überraschen 
kann,  zumal  es  bekannt,  dass  2  Analysen  ein  und  desselben  Körpers  niemals  vollkom- 
men übereinstimmen.  —  Dieser  möglicher  Weise  sich  einschleichende  Fehler  scheiiu 
mir  aber  deshalb  hier  nicht  begründet,  weil  bei  der  grossen  Zahl  der  angestellten  Ana- 
lysen stets  die  Quantitäten  der  Säure  in  der  Abkochung,  dieselben  in  der  Asche  über- 
trafen ,  und  zwar  bei  sehr  verdächtigen  Heusorten  um  sehr  bemerkbare  Differenzen, 
niemals  aber  das  umgekehrte  stattfand.  Dies  liesse  sich  nun  zwar  wieder  dadurch  er- 
klären, dass  bei  der  Veraschung  eine  Verflüchtigung  und  Reduction  eintreten  könnte 
und  dies  stets  zu  Gunsten  der  Abkochung  ausfallen  müsse;  dem  glaubte  ich  durch  die 
Art  der  Veraschung  zu  begegnen ,  welche  bei  so  niederer  Temperatur  und  auf  offnem 
Blech  unter  Umrühren  ausgeführt  wurde,  dass  nicht  gut  au  eine  Verflüchtigung  solcher 
Verbindungen,  die  schon  eine  bedeutende  Glühhitze  gebrauchen,  zu  denken  war,  wes- 
halb auch  für  diese  Zwecke  die  Veraschung  nicht  bis  zur  vollkommenen  Verbrennung 
der  Kohle  ausgedehnt  wurde,  und  fand  sich  auch  stets  in  der  Asche  noch  Arsen,  was 
für  die  niedrige  Temperatur  bei  Gegenwart  von  Koiile  wegen  seiner  leichten  Reducir- 
barkeit  und  Flüchtigkeit  spricht. 

Die  Menge  der  freien  Säure  aber  könnte  dadurch  vermindert  werden,  dass  bei  der 
Veraschung  ein  Theil  der  freien  Säuren  durch  die  sich  bildenden  kohlensauren  Alkalien 
gebunden,  und  so  nicht  verflüchtigt  würden,  wenn  nicht  eine  Verflüchtigung  der  erstcron 
schon  bei  einer  so  niedrigen  Temperatur  vor  sich  ginge,  ehe  noch  die  letzteren  sich 
gebildet  haben;  die  dadurch  herbeigeführte  Differenz  würde  natürlich,  wenn  man  sie 
verfolgen  könnte,  dann  nur  die  Menge  der  freien  Säuren  vermindern,  und  die  der  ge- 
bundenen vermehren,  wie  ebenso  auch  die  etwa  aus  der  Verbrennung  des  Schwefelge- 
haltes der  Proteinverbindungen  entstehende  Schwefelsäure,  welche  stets  in  der  Asche 
auftritt,  sodass  diese  Verhältnisse  nur  zu  Gunsten  der  Anwesenheit  freier  Säuren  spre- 
chen, was  wohl  auch  bei  der  Masse  der  verrösteten  Schwefelerze  als  das  natürliche  er- 
scheint. Die  Diflerenz  durch  das  Verfahren  selbst  zu  ermitteln,  bemühte  ich  mich 
dadurch,  dass  ich  Futter  von  anderen  Gegenden  und  ohne  alle  saure  Reaktion  in  seiner 
Abkochung  auf  diesem  Wege  untersuchte,  und  dabei  für  Schwefelsäure  gerade  das 
umgekehrte  sich  ergab,  nämlich  eine  etwas  grössere  Menge  in  der  Asche,  für  das  Chlor 
aber  dasselbe  für  die  Abkochung,  waa  in  den  entwickelten  Gründen  liegt. 


113 

zwischen  3  bis  8  Quentchen  differirte,  welches  natürlich  in  der  Entfer- 
nung der  WiesengTundstücke ;  den  herrschenden  Winden  und  stattge- 
fundenen Witterungsverhältnissen  seinen  natürlichen  Grund  hat.  Die 
Menge  des  Bleioxyds  in  diesem  Quantum  differirte  von  1  bis  2  Vi  Quent- 
chen, der  Arsenigen  Säure  von  5  bis  IS  Gran. 

Auch  finden  sich  stets  geringe  Mengen  von  Kupfer ,  Spuren  von 
Zink  und  Antimon. 

Wegen  der  durch  die  Einwirkung  der  Säuren  begünstigten  Ver- 
witterung der  Silicate  des  Bodens  und  der  zunehmenden  schwefelsauren 
Salze  muss  sich  dies  auch  in  dem  Aschengehalte  und  der  quantitativen 
Beschafienheit  desselben  wieder  ausdrücken ,  und  wechselte  die  Menge 
der  Asche  verschiedener  Heusorten  zwischen  6  und  9  "/o  vom  Gewicht 
des  lufttrocknen  Heu's ,  im  Älittel  stellte  sie  sich  auf  7;6  "/o  heraus,  von 
welcher  3  —  4  '^/o  durch  Kieselerde  gebildet  waren. 

Am  auffallendsten  aber  ist  die  grosse  Menge  der  schwefelsauren 
Salze  in  der  Asche,  sodass  die  darin  als  gebunden  enthaltene  Schwefel- 
säure von  0,84  bis  1,087<>  vom  Gewicht  des  lufttrocknen  Heu's,  im  Mittel 
aber  0,94  o/o  betrug,  und  stellt  sich  somit  eine  Vermehrung  der  Schwefel- 
säure als  Salze  in  der  Asche  um  das  5  bis  6fache  heraus,  denn  dieselbe 
betrug  in  der  Asche  hiesiger  Heusorten  nur  0,i6  o/o  vom  Gewicht  des 
lufttrocknen  Heu's,  während  dagegen  der  Chlorgehalt  sich  nahe  diesem 
gleich  stellte. 

Es  wird  nun  natürlicher  Weise  nicht  mehr  auffallen,  dass  durch 
den  täglichen  Genuss  solchen  Futters,  bei  den  Quantitäten  zumal,  welche 
die  Wiederkäuer  davon  aufnehmen,  diese  sehr  bald  die  Wirkung  der 
Bestandtheile  des  Hüttenrauchs  erfahren  und  zeigt  sich  unter  denselben 
ganz  besonders  und  wesentlich  die  freie  Säure  für  den  nachtheiligsten 
Bestandtheil. 

Wie  es  eine  bekannte  Erfahrung  bei  dem  Menschen  ist,  welcher 
sich  durch  Aufnahme  grösserer  Mengen  zumal  von  Mineralsäuren  Bleich- 
sucht zuzieht,  ebenso  wird  ein  ganz  analoger  Zustand  bei  den  Thieren, 
und  zwar  bei  den  Wiederkäuern  herbeigeführt,  welcher  sich  dadurch 
Kund  giebt,  dass  die  Haut  ihre  natürliche  Farbe  verliert,  auffallend 
blass  wird  und  ihre  Elasticität  einbüsst,  das  Haar  sich  struppig  zeigt, 
der  Ernährungszustand  nicht  vorschreitet,  sondern  im  Gegentheii  zurück- 
geht und  mit  ihm  zugleich  bei  den  Kühen  die  Ausbeute  an  Milch,  welche 
so  herabsinkt,  dass  die  Thiere  täglich  1  —  2  Kannen  davon  geben, 
welches  Quantum  natürlich  so  gering  ist,  dass  durch  das  Halten  von 
Milchvieh  für  die  Besitzer  nur  Kachtheile  entstehen  müssen. 

Dabei  ist  eine  Aufzucht  auf  den  am  schlimmsten  getroffenen  Ort- 
schaften gar  nicht  möglich,  und  der  Verlust  durch  Stürzen  betragt  bis 
50  o/o  vom  Viehstand,  wobei  schlüsslich  gewöhnlich  Lungenkrankheiten, 
Tuberkeln  auftreten. 

Der  Einfluss  der  Säure  macht  sich  noch  recht   deutlich  bemerkbar 

AUg-.  deutsche  naturhist.  Zeitung-  I.  Q 


114 

in  dem  Verhalten  des  Harns,  der  Excremente  und  der  Milch,  welche 
meist  sauer  reagiren ,  während  ihre  natürliche  Reaktion  gerade  umgekehrt 
ist.  Der  Harn  ist  dabei  mehr  oder  weniger  reich  an  Phosphaten,  weiche 
ebenfalls  dem  Harn  gesunder  Thiere  fremd  sind,  und  nur  bei  Krank- 
heitszuständen  in  demselben  auftreten,  ebenso  erscheint  er  sehr  blass 
und  wässrig. 

Die  Excremente  sind  ebenfalls  sehr  dünnbreiig,  sauer  und  zeigt  eich 
überhaupt  vermehrte  Ausscheidung  durch  den  Darmcanal,  öfter  Durch- 
fall,  sie  zeigen  gugleich  einen  sehr  unangenehmen  säuerlichen  Geruch. 

Die  Milch  ist  ebenfalls  weniger  substanziös,  reagirt  fast  durchgängig 
sauer  und  ist  daher  gewiss  weniger  haltbar,  obgleich  sie  nicht  beim 
Aufkochen  gerinnt. 

Dass  diese  Krankheitszustände,  die  ganz  besonders  durch  den  Herrn 
Professor  Dr.  Haubner  speziell  studirt  worden  sind  und  auf  dessen  Ver- 
anlassung ich  mich  obigen  Beobachtungen  und  Untersuchungen  der  Fut- 
terkräuter unterzog,  wesentlich  durch  die  Wirkung  der  freien  Säuren 
und  nicht  etwa  der  Metalle,  herbeigeführt  wurden,  wodurch  demnach 
eine  veränderte  Blutbeschaffenheit,  die  sich  schon  in  der  oft  ganz  ver- 
schwundenen alkalischen,  ja  selbst  in  einigen  Fällen  schwach  sauren 
Reaktion  desselben  zeigte,  und  somit  ein  abgeänderter  Stoffwechsel  ein- 
trat, ging  ebenso  noch  daraus  hervor,  dass  der  Inhalt  der  Ohrspeichel- 
drüsen, des  Ranzens,  der  Haube  und  des  Psalters,  wie  alle  Abtheilungen 
des  Darmkanals  sauer  war,  während  die  ersteren  stets  einen  alkalischen 
Inhalt  zeigen,  wie  nun  ebenso  sich  dieser  Zustand  bald  zu  Gunsten  ver- 
änderte, wenn  die  Thiere  die  ihnen  zur  Sättigung  der  aufgenommenen 
Mengen  freier  Säuren  nöthigen  Alkalien,  in  Form  von  Kreide  oder 
Pottasche  erhielten,  oder  wenn  das  Futter  ohne  Berücksichtigung  der 
metallischen  Bestandtheile  mit  Hülfe  von  Kalkwasser  vor  der  Fütterung 
entsäuert,  oder  überhaupt  mit  gesundem  Futter  vertauscht  wurde. 

Letzteres  ist  nun  den  betroffenen  Ortschaften  nicht  möglich,  weil 
sie  die  grosse  Menge  ihres  schlechten  und  in  der  Umgegend  verrufenen 
Futters  nicht  käuflich  absetzen  und  somit  vertauschen  können,  sie  sind 
sogar  zum  Theil  darauf  angewiesen,  der  Anhäufung  desselben  durch  einen 
vermehrten  Viehstand  zu  begegnen,  den  sie  stets  nur  mit  grossen  Opfern 
verbinden  können,  indem  selbst  die  gesundesten  und  bestgenährten  Thiere 
oft    nach    kaum   einem    Sommer   der   Wirkung  des  Futters  unterliegen. 

So  auffallend  wie  nun  auch  die  Quantitäten  Bleioxyd  sind,  welche 
täglich  von  den  Thieren  aufgenommen  werden,  und  so  leicht,  wie  man 
dadurch  zu  der  Meinung  veranlasst  werden  könnte,  dass  diese  jeden- 
falls einen  noch  nachtheiligeren  Einfluss  auf  den  Gesundheitszustand 
der  Thiere  ausüben  könnten,  so  Avenig  ist  dies  unter  den  hier  gegebenen 
Umständen  der  Fall. 

Wie  nämlich  die  Arbeiter  in  den  Bleiweiss-,  Bleizucker-  und  ähn- 
lichen  Fabriken,    sich   vor   der   Wirkung   etwa   eingeführter  Bleisalze 


115 

durch  den  Genuss  von  Scliwefelsäurelimonade  schützen^  wie  ebenso 
schwefelsaure  Salze  bekanntlich  bei  Bleivergiftungen  als  sicherstes  Ge- 
genmittel, wenn  die  Einwirkung  desselben  auf  das  Blut  noch  nicht  zu 
weit  vorgeschritten;  betrachtet  werden ,  so  ist  auch  hier  in  dem  Schwe- 
felsäuregehalt und  deren  Salzen  schon  das  natürliche  Gegenmittel  gege- 
ben und  möchte  ebenfalls  das  Blei  des  Futters  schon  als  schwefelsaures 
Bleioxyd  von  den  Thieren  aufgenommen  werden.  Da  nun  dieses  aber 
weo-en  seiner  Unlöslichkeit  nicht  assimilirt  wird,  so  muss  es  auch  durch 
den  Darmkanal  wieder  ausgeschieden  werden ,  und  dies  bestätigte  sich 
in  der  That  bei  der  Untersuchung  des  Mistes,  welcher  bei  allen  Thieren 
reich  an  Bleiverbindungen,  zum  Tlieil  als  schwefelsaures  Bleioxyd,  zum 
Theil  als  Schwefelblei  sich  ergab  und  daher  die  Unschädlichkeit  des 
Bleigehaltes  im  Futter  bestätigte. 

Was  für  einen  Antheil  an  den  Krankheitszuständen  der  Wieder- 
käuer die  übrigen  Metailverbindungen,  wie  des  Arsens  und  des  Kupfers 
haben  ist  mir  unbekannt,  doch  weiss  man  bekanntlich,  dass  diese  Thiere 
wenig  empfindlich  gegen  solche  Metallgifte  sind. 

Dass  aber  auch  gerade  die  Wiederkäuer  mehr  unter  jenen  Verhält- 
nissen leiden,  als  andere  Thiere,  liegt  in  der  einfachen  Thatsache,  weil 
sie  von  allen  am  meisten  vom  Heufutter  geniessen,  während  die  Pferde 
z.  B.  doch  viel  Körnerfrüchte  erhalten,  somit  viel  weniger  von  jenen 
Stofien  aufnehmen,  und  in  dem  anderweiten  Futter  sie  vielleicht  einen 
reichern  Gehalt  an  Alkalien  als  Gegensatz  empfangen. 

Es  entstehen  demnach  für  die  Besitzer  der  vom  Hüttenrauch  getrof- 
fenen Fluren  dreifache  Nachtheile,  einmal  in  der  Beeinträchtigung  der 
der  Cultur  unterworfenen  Vegetabilien,  andererseits  in  dem  Krankheits- 
zustand und  Verlust  an  Vieh  und  schliesslich  in  der  Anhäufung  von 
nicht  verwerthbarem  Futtermaterial,  selbst  Stroh. 

Wie  wichtig  es  daher  ist,  bei  der  Anlegung  technischer  Etablisse- 
ments alle  Verhältnisse  zu  berücksichtigen,  welche  auf  das  Pflanzen- 
und  Thierreich  einwirken  können,  zumal  wenn  dabei  nachhaltig  der 
Atmosphäre  gewisse  Stoffe  beigemengt  werden,  geht  aus  diesen  Betracht- 
ungen und  Folgen  hervor,  und  erscheint  es  daher  als  unumgänglich 
nothwendig,  schädliche  Stoffe  dieser  Art  so  vollständig  wie  möglich  zu 
condensiren. 

Eine  gründliche  Abhülfe  solcher  Uebelstäude  durch  bereits  beste- 
hende Etablissements  kann  daher  auch  nur  durch  die  Condensirung  der 
Bestandtheile  des  Hüttenrauchs  herbeigeführt  werden. 

In  dem  hier  näher  beleuchteten  Falle  gilt  es  aber  ganz  besonders 
die  Entfernung  der  Schwefligen  Säure  zu  bewirken,  welche  nun  zugleich 
für  die  Unternehmer  sehr  vortheilhaft  werden  kann,  indem  damit  die 
Fabrikation  der  englischen  Schwefelsäure  verbunden  werden  könnte,  die 
bei  der  enormen  Masse  von  dem  in  den  Schwefelerzen  enthaltenen 
Schwefel   gewiss  auch  für    die  Kosten   der  Anlage    und  Veränderung  in 

9* 


116 


der  Einrichtung  durch  die  daraus  erhaltene  Schwefelsäure  reiche  Zinsen 
tragen  würde,  zumal  man  in  neuerer  Zeit  angefangen,  aus  solchen 
Schwefelerzen,  wie  aus  Schwefelkies,  den  viel  billigeren  Schwefel  darin 
zu  diesem  Zwecke  zu  benutzen,  da  die  Schwefelsäure  ein  Product,  dessen 
Consumtion  zu  technischen  Zwecken  immer  im  Steigen  begriiFen  ist. 


Mikroskopische  Analyse  der  Moorbäder  zu  Bad  Elster 
im  sächsischen  Voigtlande, 


L.  Rabenhorst. 

Die  chemische  Untersuchung  der  Trink-  und  Badewässer,  sowie 
der  Moorbäder  zu  Bad  Elster  im  sächsischen  Voigtlande  hat  so  gün- 
stige Resultate  gegeben^  dass  das  vaterländische  Bad  in  seinen  chemi- 
schen Bestandtheilen  und  somit  au  Wirkung  dem  Franzensbade  nicht 
nur  gleichzustellen,  sondern  in  mannigfacher  Beziehung  jenem  sogar 
vorzuziehen  ist. 

Der  jetzige  Standpunkt  der  Wissenschaft  und  resp.  der  Praxis  for- 
dert aber,  dass  zu  einer  vollständigen  Kenntniss  der  Bäder  und  Trink- 
wässer auch  die  mikroskopische  Analyse  gehöre,  indem  viele  organi- 
sche Stoffe  sich  der  chemischen  Analyse  entziehen,  manche  unorganische 
wohl  aufgefunden  werden,  aber  die  Chemie  kann  nicht  nachweisen,  in 
welchem  Zustande,  in  welcher  Verbindung  sie  ursprünglich  darin  vor- 
handen waren.  Es  unterliegt  zur  Zeit  überhaupt  keiner  Frage  mehr, 
dass  in  vielen  Fällen  die  mikroskopische  Analyse  viel  schärfer,  bezeich- 
nender ist  und  subtiler  ausgeführt  werden  kann,  als  die  chemische. 
Hierbei  ist  freilich  vorausgesetzt,  dass  das  Mikroskop  richtig  gebraucht 
und  verstanden  wird. 

Da  ich  vor  einigen  Jahren  mehrere  deutsche  Mineralquellen  und 
Moorbäder,  darunter  auch  Franzensbad  mikroskopisch  analysirte,  so 
war  es  mir  von  um  so  grösserem  Interesse,  auch  Elster  in  dieser  Be- 
ziehung kennen  zu  lernen  und  die  Resultate  mit  Franzensbad  verglei- 
chen zu  können. 

Herr  Dr.  Flechsig,  Badearzt  zu  Elster,  unterstützte  meine  Arbeit 
auf  das  zuvorkommenste,  er  sandte  mir  wiederholt  frische  Moorerde 
von  V'^  —  2V2  Elle  unter  Tage,  wie  sie  zu  den  Bädern  verwendet  wird. 
Die  Untersuchung  geschah  in  der  Weise,  dass  zunächst  50  stecknadelkopf- 
grosse Proben  von  jedem  Lager  frisch  analysirt  wurden ;  darauf  wurden 
die  Erden  geschlemmt,  wiederum  analysirt,  dann  geglüht  und  ge- 
schlemmt und  nochmals  analysirt. 


117 

Hierbei  ergab  sich^  dass  mehrere  Organismen  noch  lebenskräftig 
darin  enthalten  wai'en,  die  keinenfalls  dem  Moore  angehören  konnten, 
sondern  durch  Tagwässer  eingeschleppt  oder  einfiltrirt  sein  mussten. 
Um  daher  zu  einem  ganz  ungetrübten  Resultate  zu  gelangen,  hielt  ich 
die  Untersuchung  an  Ort  und  Stelle  mit  Rücksicht  auf  die  Tagwässer 
für  unerlässlich.  Ich  ging  zu  diesem  Zwecke  im  Sommer  1854  auf 
drei  Wochen  nach  Elster  und  studirte  zunächst  die  Tagwässer,  von 
denen  die  Moorlager  direct  oder  indirect  gespeisst  werden.  Es  fanden 
sich  darin  folgende  lebende  Organismen : 
a)    Algen. 

Conferva  rhypophila,  C.  affinis,  Ulothrix  variabilis,  Draparnaldia 
glomerata,  Leptothrix  fontana,  Oedogonium  vesicatum,  Spirogjra 
quinina. 
bj    Desmidieen. 

Euastrum   Rota,   E.   integerrimum ,  E.    oblongum,    Scenodesmus 
acutus,  Sc.  obtusus,  Closterium  Lunula,    C.  striolatum,    Xanthi- 
dium  hirsutum,  Penium  lamellosum,    Arthrodesmus  convergens, 
Rhaphidium  fasciculatum,  Spirotaenia  condensata, 
c)    Diatomaceen  (BacUlarien). 

Pinnularia  oblonga,  P.  major,  Navicula  gracilis,  N.  sphaerophora, 
N.  amphioxys,  N.  cryptocephala,  Eunotia  amphioxys,   Ceratoneis 
Arcus,  Himantidium  Tetraodon,  Synedra  lunaris,   S.  Ulna,  Stau- 
roneis Phoenicenteron,    Gomphonema  constrictum,    Melosira   va- 
rians,  Achnanthes  exilis,  Tabellaria  fenestrata,  T.  flocculosa. 
Nach  Abzug  dieser  unter  a,  b,  c,  aufgeführten  lebenden  Organismen, 
die    sich  wenigstens   theilweise   in    den    oberen  Schichten    der   Moorerde 
wieder  fanden,  ergaben  sich  folgende  Resultate,  die  wir   hier  der  Kürze 
wegen     übersichtlich     und   vergleichend    mit     Franzensbad   zusammen- 
stellen. 


Moor  1/2  Elle  unter 

.l/borSl  2  Elle  unter 

Elster  u.   Erayizens- 

Elster  eiyenthümlich 

Franzensbad  eigen- 

Tarje. 

Tage. 

bad  haben    gemein : 

angehörend  sind: 

thüml.   angehörend: 

Coscinodiscus    punc- 

Coscinodiscus    punc- 

Pinnularia  viridis. 

Coscinodiscus   punc- 

Campylodiscus    Cly- 

tatus. 

tatus. 

nobilis. 

tatus. 

peus. 

Navicula  fuha. 

Pinnularia  viridis. 

viridula. 

Epithemia  g-ibba. 

Epithemia  granulata. 

latiuscula. 

nobilis 

Navicula  fulva. 

Eunotia  Diodon. 

Navicula  eleptica. 

Pinnularia  viridis. 

Eunotia  Diodon. 

Surirella  Solea. 

Navicula  latiuscula. 

Surirella  Palella. 

gracilis. 

Epithemia  g-ibba. 

striatula. 

Stauroneis  amphilep- 

Gomphonema    clava- 

nobilis. 

Dentitula    thermalis. 

Melosiva  distans. 

ta. 

tum. 

Slauioneis   aiiiphi- 

Stauroneis  amphilep- 

Gomphonema     trun- 

Gomphonema       Tri- 

lepta. 

ta. 

catuni. 

dens  (nov.  sp.) 

Gyrosig-ma    attenua- 

Melosira  distans. 

Denticula  thermalis. 

tum. 

Gomphonema     trun- 

Melosira  distans 

catum. 

Achnanthes  — ? 

Surirella  Solea. 

Frag-mente  zwei- 

striatula. 

elhaftcr  Arten. 

Achnanthes    —  ? 
Frag-mentc. 

118 


Kleinere  Mittheilungen. 

Das  Foucaultsche  Pendel.  In  der  schweizerischen  naturforschenden  Ge- 
sellschaft in  St.  Gallen  1 854  hat  Prof.  Dr.  Belahar  über  die  Erscheinung 
der  Drehung    der    Schwingungsebene    eines    freischwingenden    Pendels 
einen  Vortrag  gehalten    imd  denselben   in    einem  Schriftchen  (der  Fou- 
caultsche  Pendelversuch    u.    s.   w.    St.  Gallen  1855)   veröffentlicht.     Die 
Abhandlung  zerfällt  in  drei  Theile:   1)  Theorie  der  Ablenkung,    2)  Be- 
schreibung  der  zum  Foucaultschen  Experimente  nöthigen  Apparate,  .3) 
Eeferat  über  die  wirkliche  Ausführung  des  Versuchs  in  der  Domkirche 
zu    St.    Gallen.      Nach    einigen    kurzen  Erörterungen  über  die  Trägheit 
der   Materie,    Wii'kung    der  Schwere  und  Umdrehung   der  Erde,    folgt  : 
,,dass  die  scheinbare    Abweichung    der  Schwingungsrichtung  eines  Pen- 
dels gegen  einen  auf  dem  Theilkreis  des  Beobachtungsortes  beliebig  ge- 
zogenen   und    anfänglich   mit    ihr    zusammenfallenden   Diirchmesser   an 
den  Polen  am  grösstcn  ist,    und  zwar   nach   Verfluss    von    einer   vollen 
Umdrehung  der  Erde  gerade  360"  beträgt,  dass    sie  dagegen    für    Orte 
zwischen  den  Polen  und  dem  Aequator  um  so  geringer  wird,  je  kleiner 
deren  geographische  Breite  ist,  und  endlich,  dass  sie  am  Aequator  selbst 
ganz  verschwindet  und  also  gleich  Null    ist."       Hieraus    wird   zunächst 
die  Vermuthung    abgeleitet,    dass    „die  Winkelbewegung    der  Schwing- 
ungsebene um  die  Vertikale  des  Aufhängepunktes  gleich    sei  der  Win- 
kelbewegung der  Erde  um    ihre  Achse   während   derselben   Zeit   multi- 
plicirt  mit  dem  Sinus  der  geographischen  Breite"    die  Begründung   die- 
ser  Annahme   ist,   wie    auch  angedeutet  wird,    der  Crahayschen  (Pogg. 
Ann.   B.    88)    und   in    der   Durchführung   zum   Theil    der   von  Director 
Eschrveiler    (Toucaults    Vers.    Dr.    Garthe)   in    Cöln    gegebenen    ähnlich. 
Alle  diese  Beweise  jedoch  sind  nicht  erschöpfend;  denn  nach  den  Unter- 
suchungen von  Clansen,    (Ueber   den  Einfluss    der  Umdrehung  und   der 
Gestalt  der  Erde   auf   die    scheinbaren   Bewegungen   an  der  Oberfläche 
derselben.  Bull.;  de    St.  Petersb.  X.   17.)    und    namentlich    von   Hansen, 
(von  der  danziger  naturforschenden  Gesellschaft    gekrönte    Preisschrift) 
ist   erwiesen,    dass   das  Ablenkungsgesetz  durch    eine  unendliche  Reihe 
darzustellen    ist,   wovon  jener    dem  Sinus    der  Breite  proportinale  Aus- 
druck nur  das  erste  und  allerdings    überwiegende  Glied  ist.     Bei   nicht 
äusserst  feinen  Beobachtungen   werden  die  Correctionsglieder   sich   mei- 
stens in  die  Beobachtungsfehler   verstecken,    und  daher  nicht  besonders 
auffallen,  wie  dies  auch  bei   dem  erwähnten  Experimente    der  Fall    ge- 
wesen zu  sein  scheint.     Diejenigen,  Avelche  sich  mit  dem  Foucaultschen 
Experimente    })raktisch    beschäftigen    wollen,  finden  in  dem  Schriftchen 
eine  ausführliche  und  deutliche  Beschreibung  der  zur  Anfertigung  und 
Einstellung  des  Pendels   zAveckmässig   construirten  Apparate.    — 

Nachdem  Foucault  beobachtet,  dass    ein   auf  der   Drehbank    einge- 
spannter  dünner   Mctallstab    in   Schwingungen    versetzt,    während    der 


119 

Drehung  seine  Schwingungsebene  nicht  mit  der  Drehung  zugleich  ver- 
ändere, hieraus  auf  die  Unabhängigkeit  der  Schwingungsebene  von  der 
drehenden  Bewegung  des  Aufhängepunktes  geschlossen,  um  die  Unab- 
hängigkeit derselben  auch  von  der  täglichen  Umdrehung  der  Erde  zu 
erkennen,  Pendelversuche  zuerst  mit  einem  zwei  Meter  langen  Pendel 
in  einem  Kellergewölbe,  dann  mit  Anwendung  eines  Pendels  von  elf 
Meter  im  Meridiansaale  der  Sternwarte  zu  Paris  gemacht,  die  Abweich- 
ung annähernd  gleich  dem  Produkte  aus  der  Winkelbewegung  der  Erde 
in  den  Sinus  der  geographischen  Breite  des  Auf  hängepunktes  gefunden 
und  (1851)  diese  Eesultate  der  Academie  zu  Paris  mitgetheilt  hatte 
(C.  R.  XXXII.  135.):  wurden  sowohl  über  die  Begründung  einer  Theorie 
der  scheinbaren  Drehung  der  Pendelebene,  als  auch  über  die  Construc- 
tion  eines  für  die  Beobachtung  dieser  Erscheinung  geeigneten  Apparates 
Forschungen  und  Versuche  zahlreich  angestellt  und  veröffentlicht. 

Binei  zeigt  in  einer  Abhandlung  „Ueber  die  Bewegung  des  ein- 
fachen Pendels  mit  Rücksicht  auf  den  Einfluss  der  täglichen  Umdreh- 
ung der  Erde",  (C.  R.  XXXII.  157.)  die  Uebereinstimmung  der  von 
Foucault  gemachten  Entdeckung  mit  den  Poissonschen  Gleichungen 
und  findet  dadurch  die  Nothwendigkeit  der  scheinbaren  Drehung  der 
Pendelebene  auf  analytischem  Wege. 

Ebenfalls  analytisch  wird  dieser  Gegenstand  behandelt  von  Thäker, 
„Ueber  die  Bewegung  eines  freien  Pendels"  (Phil.  Mag.  II.  275.)  und 
von  Tebay,  „Ueber  den  Einfluss  der  Drehung  der  Erde  auf  die  Beweg- 
ung des  Pendels"  (Phil.  Mag.  II.  376.) 

Bravais  „Ueber  die  Systeme,  in  welchen  rechtsdrehende  und  links- 
drehende Schwingungen  nicht  auf  gleiche  Weise  vor  sich  gehen"  (C. 
R.  XXXII.  166)  beweist,  dass  in  der  geographischen  Breite  von  Paris 
der  Secundenpendel  bei  der  kreisförmigen  Schwingung  von  Ost  durch 
Süd  nach  West,  dem  von  West  durch  Süd  nach  Ost  schAvingenden  Pen- 
del in  einem  Tage  um  ungefähr  drei  Secunden  vorauseilen  müsse.  Man 
findet  den  Unterschied  welcher  nach  24  Stunden  bei  diesen  entgegen- 
gesetzten Bewegungsrichtungen  entsteht,  indem  man  mit  zwei  vollstän- 
digen Schwingungen  (4  n)  den  Sinus  der  geographischen  Breite  des  Auf- 
hängepunktes multiplicirt. 

Coombe  liefert  zu  dem  Satze,  dass  die  Abweichung  der  Pendelebene 
dem  Sinus  der  geographischen  Breite  proportional  sei,  in  der  Abhand- 
lung „Ueber  die  Umdrehung  der  Erde"  (Phil.  Mag.  I.  554.)  durch  geo- 
metrische Constructionen  leicht  verständliche  Beweise. 

Auch  Marignac  „Bemerkungen  über  die  Versuche  Foucaults  in  Be- 
zug auf  die  durch  die  Bewegung  der  Erde  hervorgebrachte  Ablenkung 
der  Schwingungsebene  eines  Pendels"  (Arch.  d.  sei.  phil.  et  nat.  XVII. 
116.)  verbindet  den  Beweis  für  das  so  eben  genannte  Gesetz  mit  geo- 
metrischen Anschauungen. 


130 

Man  beobachtet  am  schwingenden  Pendel  nach  einiger  Zeit  eine 
elliptische  Bewegung,  statt  der  ursprünglichen  geradlinigen,  eine 
Fortschreitung  der  Apsidenlinie  und  Verkürzung  der  Axen.  Clausen 
und  Hansen  führen  die  Elemente  der  Gestalt  der  Erdoberfläche,  der 
Umdrehung  der  Erde  und  des  Luftwiderstandes  in  die  analytische  Unter- 
suchung ein,  und  finden  das  Foucaultsche  Sinusgesetz  in  der  täglichen 
Umdrehung  der  Erde.  Die  Gestalt  der  Erdoberfläche  und  der  Luft- 
widerstand liefern  ihnen  die   Correctionsglieder  der  Reihe. 

Die  „Pendelversuche"  von  Bunt  fPhil.  Mag.  L  582;  11.37,  81,  158)  in 
der  St.  Nicolaikirche  zu  Bristol  (51"  27'  Br.)  mit  einem  Pendel  von 
53  Fuss  Länge  ergeben  in  annähernder  Uebereinstimmung  mit  den  Be- 
rechnungen von  GalhraWi  und  Haiighton  die  Bewegung  der  Pendelebene 
in  einer  Stunde  11^4  Grad. 

Cox  zeigt  in  „Beweis  der  Umdrehung  der  Erde  mittels  zweier 
Pendel"  (Athen  1851.  pag.  504),  dass  die  Abiveichung  der  Pendelebene 
durch  Anwendung  von  zwei  Pendeln  schneller  und  leichter  erkannt 
werde,  als  dies  durch  Beobachtung  eines  Pendels  zu  ermöglichen  sei. 
Die  beiden  Pendel  werden  so  construirt,  dass  sie  sich  gegenseitig  in 
ihrem  Schwingen  nicht  stören.  Man  verbindet  die  Gewichte  durch  einen 
Faden,  durch  dessen  Abbrennung  die  Pendel  zu  schwingen  beginnen. 
Beider  Pendel  Schwingungsebenen  fallen  anfänglich  in  eine  Ebene  und 
das  Auge,  welches  sich  in  dieser  Ebene  befindet,  erblickt  zu  dieser 
Zeit  auch  nur  einen  Faden.  Bald  aber  werden  die  Ebenen  der  beiden 
Pendel  sich  schneiden,  die  Fäden  sich  kreuzen,  da  jede  Ebene  sich  um 
den  Aufhängepunkt  ihres  Pendels  dreht. 

Einen  Unterschied  in  der  Geschwindigkeit,  mit  welcher  die  Ablenk- 
ung erfolgte,  je  nachdem  man  die  Schwingungen  im  Meridian  oder  in 
einer  zu  der  Meridianebene  senkrechten  Ebene  beginnen  Hess,  beobach- 
teten Bnfour,  Wartmann  und  Marignac  zu  Genf.  Die  Ebene  drehte 
sich  bei  anfänglicher  Schwingung  im  Meridian  in  2,351  Stunden,  bei 
anfänglicher  Schwingung  in  der  zur  Meridianebene  senkrechten  Ebene 
in  2,110  Stunden  um  25  Grad.  Dufour:  „Ueber  die  scheinbaren  Ab- 
lenkungen der  Schwingungsebene  des  Pendels  bei  dem  Foucaultschen 
Versuche"  (C.  R.  XXXIII.  13).  Marignac.  „Ueber  die  zu  Genf  ange- 
stellten Pendelversuche".  (Arch.  d.  sei.  phil.  et  nat.  XVIL   196.) 

Die  Centrifugalkraft  ist  bekanntlich  am  Aequator  am  grössten ,  sie 
beträgt  hier  V-'so  g.  Mit  der  Entfernung  vom  Aequator  nach  den 
Polen  nimmt  dieselbe  ab.  Die  eine  Componente  derselben  fällt  in  die 
Riclitung  der  Schwere,  die  andere  südlich  in  die  Horizont-Ebene.  Das 
Pendel,  welches  von  Westen  nach  Osten  schwingt,  bringt  bei  seinem 
Gange  von  Westen  nach  Osten  seine  eigne  Geschwindigkeit  mit  der 
Geschwindigkeit  der  Erddrehung  in  vergrössernde  Verbindung.  Hier- 
durch wird  die  Centrifugalkraft  vermehrt  und  das  Pendel  schwingt  in 
einer  Curve,  welche  von  der  anfänglich    geraden  Schwingungslinie  aus 


nach  Süden  holil  ist.  Bei  der  Schwingung  von  Osten  nach  Westen 
tritt  der  entgegengesetzte  Fall  ein.  Hieraus  erklärt  sich  die  ellipti- 
sche Schwingung  des  Pendels.  Die  grosse  Axe  der  Ellipse,  welche  da- 
bei in  den  Enden  eine  Wendung  nach  Südost  und  Nordwest  erhält, 
zeigt  die  Richtung  der  Schwingungsebene.  Diese  wirkliche  Bewegung 
tritt  zu  der  scheinbaren  hinzu,  und  hierdurch  wird  die  Ablenkung  ver- 
grössert. 

Lampray  und  Schaw  geben  in  „Bericht  über  Pendelversuche,  ange- 
stellt auf  Ceylon",  (6"  56'  6"  Br.)  (Phil.  Mag.  ü.  410.)  die  Resultate 
von  elf  Versuchen,  welche  mit  der  berechneten  Grösse  von  stündlich 
1,s  Grad  nahe  übereinstimmen. 

Walkerhvvn.gi\n  seinen  „Bemerkungen  über  Foucaults  Pendelversuch" 
(Rep.  of  the  brit,  assoc.  1851.  2.  pag.  19.)  ein  neues  Element  in  Unter- 
suchung. Wenn  die  Schwingungsebene  sich  dem  magnetischen  Meri- 
dian nähert,  so  vergrössert  sich  die  scheinbare  Bewegung  der  Schwing- 
ungsebene, und  es  verkleinert  sich  diese  mit  der  Entfernung  derselben 
von  ihm,  mit  der  Annäherung  zu  der  auf  der  Ebene  des  magnetischen 
Meridians  senkrechten  Ebene. 

Die  Fallversuche  von  Benzenberg  und  Reich  und  Anderen  zeigten 
die  Abweichung  der  gefallenen  Kugeln  von  der  Verticalen  nach  Osten, 
und  bestätigten  die  von  Nervton  und  Hook  zuerst  durch  Schlüsse  gefun- 
denen Gesetze  dieser  Fallerscheinung.  Gmjof  giebt  in  der  Abhandlung: 
,,Das  Pendel  ist  nicht  lothrecht  zur  Oberfläche  ruhender  Flüssigkeiten" 
(C.  R.  XXXn.  705.)  an,  dass  nicht  nur  fallende  Körper,  sondern  auch 
die  Pendel  von  der  Verticalen  bemerkbar  abweichen.  Das  zu  diesem 
Versuche  im  Pantheon  zu  Paris  aufgehangene  Pendel  hatte  172  Fuss 
Länge  und  wich  ungefähr  um  zwei  Linien  von  der  Verticalen  ab. 
Die  Beobachtungen  wurden  durch  Spiegelung  des  Pendellothes  in  einer 
horizontalen  Ebene  angestellt  und  zwar  mittels  Kugeln,  welche  am  Pen- 
delfaden dicht  unter  dem  Aufhängepunkt  und  über  dem  Gewicht  ange-t 
bracht,  mit  ihren  Spiegelbildern  eine  gebrochene  Linie  bildeten,  so  dass 
die  obere  um  41/3  Millimeter  nach  Norden  durch  eine  Schraube  fort- 
geschoben werden  musste,  damit  die  beiden  Kugeln  mit  den  Spiegel- 
bildern in  einer  geraden  Linie  erschienen. 

Um  das  Pendel  längere  Zeit  in  Schwingung  zu  erhalten,  verband 
Franchot  die  horizontale  Schwingung  des  Pendels  mit  einer  durch  eine 
Spiralfeder  hervorgebrachten  vertikalen  Schwingung.  Wenn  nämlich 
diese  beiden  Schwingungen  in  passenden  Zeitverhältnissen  erfolgen,  so 
wird  die  Dauer  der  horizontalen  Schwingungen  dadurch  verlängert.  In 
der  Mittheilung:  „Pendel  mit  fortdauernder  Bewegung"  (C.  R.  XXXIL 
768.)  wird  ein  Apparat  beschrieben,  durch  welchen  mit  Anwendung 
eines  galvanischen  Stromes  verticale  Schwingungen  erzeugt  werden,  die 
durch  eine  Spiralfeder  auf  das  Pendelgewicht  übertragen,  auf  diese 
Weise  das  Pendel  in  seiner  horizontalen  Bewegung  erhalten. 


182 

Henderson  giebt  ein  Veranschaulichungsmittel  der  scheinbaren  Dreh- 
ung der  Schwingungsebene  bei  der  Bewegung  der  Erde  in  „Beschreib- 
ung des  Geotropcskopes,  eines  Apparates ,  um  das  Princip  des  Fou- 
cault'schen  Versuches  sichtbar  zu  machen^^  (Mech.  Mag,  LIV.  471.) 
an.  Ueber  einer  runden  um  ihren  Mittelpunkt  drehbaren  Scheibe  wird 
durch  einen  umgebogenen  am  Rande  derselben  befestigten  Stabe  ein 
Pendel  so  angebracht,  dass  die  Spitze  des  Pendelgewichtes  genau  über 
dem  Mittelpunkte  der  Scheibe  steht.  Wird  nun  das  Pendel  in  Beweg- 
ung gesetzt  und  zugleich  die  Scheibe  gedreht,  so  zeigt  sich,  dass  die 
Schwingungsebene  an  dieser  Drehung  nicht  Theil  nimmt,  mithin  die 
Drehung  des  Aufhängepunktes  auf  die  Richtung  der  Pendelschwing- 
ungen keinen  Einfluss  ausübt. 

Kühn  beschreibt  in  der  Mittheilung :  „Pendel  ohne  Uhrwerk  längere 
Zeit  schwingend  zu  erhalten"  (Dingl.  p.  J.  CXXI.  317.)  einen  Apparat, 
welcher  auf  magnetischen  Wirkungen  basirt.  Er  sagt,  ein  Pendel, 
welches  an  einer  offenen  Taschenuhrfeder  aufgehängt,  während  69  Minu- 
ten in  Schwingung  blieb,  verharrte  16  Stunden  in  schwingender  Beweg- 
ung, als  die  Spirale  am  obei'cn  Ende  in  eine  feine  Spitze  auslief,  die 
vom  Pole  eines  Magneten  angezogen  wurde. 

In  dem  Werke:  Die  Fortschritte  der  Physik  etc.  Dargestellt  von 
der  physikalischen  Gesellschaft  zu  Berlin.  VI.  u.  VII.  Jahrg.  Redigirt 
D.  A.  König  und  Prof.  Dr.  W.  Beetz.  Berlin  1855.  findet  man  eine 
ausführliche  Zusammenstellung  der  über  das  Pendel  erschienenen  Ab- 
handlungen  theils  mit  Inhaltsangabe    theils  in  Auszügen.  — 

Verschiedene  Vorrichtungen,  durch  welche  man  die  Unabhängigkeit 
der  Schwingungsebene  von  der  drehenden  Bewegung  des  Aufhänge- 
punktes anschaulich  darstellen  kann,  sind  angegeben  von  Sylvester  (C. 
R.  XXXm.  40),  Baudrimont  (C.  R.  XXXII.  307),  Poinsot  (C.  R.  XXXII. 
206),  De  Tessan  (C.  R.  XXXH.  504),  Sire  (C.  R.  XXXV.  431),  Porro 
(C.  R.  XXXV.  855),  Marx  (Pogg.  Ann.  LXXXHI.  302),  Krüger  (Pogg. 
iVnn.  LXXXIV.  151),  Hamann  (Pogg.  Ann.  LXXXVII.  614). 

Prof.  Delabar  zeigt  in  seiner  oben  angeführten  Abhandlung  ein  aus 
No.  11.  des  Unterhaltungsblattes  zur  Zeitung  „der  Deutsche"  von  1854 
citirtes  Verfahren  an,  durch  welches  man  mit  in  einem  ruhigen,  festste- 
henden Gefässe  eingeschlossenem  Wasser  ebenfalls  die  Rotation  der  Erde 
sichtbar  machen  könne.  „Man  nehme  ein  grosses  offenes  Gefäss,  z.  B. 
oine  weite  Glasschale,  fülle  dasselbe  beinahe  bis  oben  mit  Wasser  und 
setze  es  an  einem  ganz  ruhigen  Orte  auf  den  Boden  eines  Zimmers  im 
Erdgeschoss,  wo  weder  Luftströmungen,  noch  andere  Erschütterungen 
stattfinden.  Nachdem  daselbst  die  Oberfläche  des  Wassers  scheinbar 
vollkommen  ruhig  geworden,  pudere  man  auf  dieselbe  mittels  eines 
Läppchens  eine  dünne  Schicht  Bärlappsaamen,  jedoch  so,  dass  sie  nicht 
ganz  den  Rand  der  Schale  erreicht.  Hierauf  streue  man,  etwa  mit  einer 
zusammengefalteten    Karte,    einen    Strich   von    Kohlenpulver  über   die 


nn 

Mitte  der  Bärlappenschicht,  und  endlich  mache  man  am  Rand  des  Ge- 
fässes  in  der  Richtung  der  schwarzen  Linie  ein  Zeichen,  oder  lege  über 
und  parallel  mit  ihr  ein  Stäbchen  diametral  auf  den  obern  Rand  des- 
selben, um  zu  sehen,  ob  und  wie  dieselbe  ihre  Lage  ändere.  Nach 
einiger  Zeit  wird  man  alsdann  wahrnehmen',  dass  der  schwarze  Strich 
der  Lycopodiumschicht  sich  scheinbar  von  Rechts  nach  Links  herum- 
bewegt, woraus  man  zu  schliessen  berechtigt  ist,  dass  die  Erde  sich 
um  ihre  Axe  und  zwar  gerade  umgekehrt  von  Links  nach  Rechts  oder 
von  Westen  nach  Osten  dreht." 

Die  Schlangen  K'ordamerika's.  Herr  Dr.  Benno  Matthes,  welcher 
behufs  naturwissenschaftlicher  Forschungen  sich  längere  Zeit  in  Nord- 
amerika aufgehalten  hat,  macht  uns  folgende  Mittheilung: 

„In  der  im  Januar  1 S53  von  den  Professoren  S.  F.  Baird  und  C. 
Girard  bearbeiteten  und  durch  Smithsonian  Ynstitution  zu  Washington 
herausgegebenen  Monographie,  die  Schlangen  Nord- Amerikas  betreffend, 
ergiebt  sich,  dass  bis  jetzt  in  jenem  Lande  nicht  weniger  als  119  Schlan- 
genarten entdeckt  und  beschrieben  worden  sind,  und  zwar  18  Species 
Giftschlangen  und  101  Species  giftlose  Schlangen.  Unter  den  Gift- 
schlangen befinden  sich  allein  7  Species  eigentliche  Klapperschlangen 
(Crotali) ,  5  Species  Schwirrschlangen  (Crotalophori) ,  1  Species  Acki- 
strodon,  2  Species  Toxicophis  und  3  Species  Elapiden.  Von  den  gift- 
losen Schlangen  gehören  zu  dem  Genus  Eutainia  allein  16  Species,  zu 
Nerodia  10  Species,  zu  Regina  4  Species,  zu  Heterodon  6  Species,  zu 
Pituophis  6  Species,  zu  Scotophis  8  Species,  zu  Ophibolus  9  Species, 
zu  Georgia  2  Species,  zu  Bascanion  5  Species,  zu  Masticophis  6  Species, 
zu  Leptophis  2  Species,  zu  Diadophis  5  Species,  zu  Tantilla  2  Species, 
zu  Storeria  2  Species,  zu  Wenona  2  Species  und  zu  Bena  2  Species; 
die  Genera:  Ninia,  Salvadora,  Chlorosoma,  Contia,  Lodia,  Sonora,  Rhi- 
nostoma,  Rhinochelus,  Haldea,  Farancia,  Abastor,  Virginia,  Celuta, 
Osceola  sind  nur  durch  einzelne  Species  vertreten. 

Vor  1 853  waren  nur  65  Species  von  Schlangen  in  Nordamerika  be- 
kannt, demnach  ist  durch  genauere  Untersuchung  die  Zahl  noch  um 
54  vermehrt  worden,  hierzu  aber  wurde  die  Aufstellung  von  22  neuen 
Genera  nothwendig.  Sämmtliche  119  Species  von  Schlangen  befinden 
sich  im  Museum  von  Smithsonian  Ynstitution." 

Ueber  die  Bernerde  in  der  BrannkrMe  von  Quatiiz  bei  Bautzen  ist 
uns  von  Herrn  E.  v.  Otto  auf  Possendorf  folgende  Mittheilung  gemacht 
worden : 

„In  einer  Lage  erdiger  Braunkohle  an  oben  genanntem  Orte  finden 
sich  Einsprengungen  einer  mehligen,  gelblichen  Substanz,  welche  gerie- 
ben nicht  nur  einen  Harzgeruch  giebt,  sondern  sich  auch  wie  pulveri- 
sirtes   Colophonium   anfühlt.     Man   hat   diese   Masse    Bernerde  genannt. 


124 

Glocker  subsiimmirt  in  seinem  Gyundriss  der  Mineralogie  und  Geognosie 
Nürnberg  1839,  die  Bernerde  von  Zittau,  Muskau,  Wettin  der  erdigen 
Braunkohle,  und  unterscheidet  sie  von  lezterer  nur  durch  ihren  ange- 
nehmen Geruch  bei  dem  Erwärmen. 

Durch  die  Güte  des  Hrn.  v.  Gersheim  in  Bautzen  gelangte  ich  in 
den  Besitz  mehrere  Handstücke  erdiger  Braunkohle  mit  zahlreich  ein- 
gesprengter Bernerde  von  Quatitz.  Durch  Freundes  Hand  (Hrn.  Oek.- 
Commiss.  Lehmann)  Hess  ich  nun  diese  Bernerde  chemisch  untersuchen 
und  erfuhr  folgende  Resultate. 

I.  Bei  Erhitzung  auf  Platin  schmolz  die  Masse  und  entwickelte  gelbe, 
nach  Harz  stark  riechende  Dämpfe,  welche  sich  leicht  entzündeten,  und 
mit  leuchtender,  stark  russender  Flamme  verbrannten.  Die  rückstän- 
dige Kohle  hinterliess  bei  fortgesetzter  Verbrennung  nur  wenig  Asche. 

n.  Bei  der  Behandlung  mit  Weingeist  wurde  im  kalten  Zustande  ein 
Theil  der  Masse  aufgelüset  und  färbte  die  Masse  lichtgelb.  Noch  voll- 
ständiger erfolgte  die  Auflösung  in  heissem  Weingeiste.  Der  ausgesüsste 
und  getrocknete  Rückstand  hatte  die  Farbe  der  übrigen  Braunkohle, 
verbrannte  ohne  Flamme,  und  seine  Dämpfe  rochen  wie  brennende 
Braunkohle. 

Der  Weingeistauszug  opalisirte  mit  Wasser  gemengt,  und  hinterliess 
bei  dem  Verdampfen  eine  glänzend  braungelbe  Masse,  welche,  im  Por- 
zellantiegel verbrannt,  dieselben  gelben,  nach  Harz  riechenden  Dämpfe, 
wie  bei  No.  I.,  zeigte.  Die  sich  hierbei  bildende  Kohle  hinterliess  bei 
weiterer  Verbrennung  keine  Asche. 

ni.  Die  trockene  Destillation  Hess  eine  Menge  braunen  Theers  und 
Wassers  entstehen;  doch  bildeten  sich  hierbei  im  Retortenhalse  keine 
Krystalle  von  Bernsteinsäure. 

Der  Theer  roch  wde  Steinöl  und  lösete  sich  leicht  im  Weingeist. 
IV.   Wasser  vermochte  die  Masse  weder  kalt,  noch  warm  zu  lösen. 

Aus  Obigem  scheint  hervorzugehen,  dass  die  sogenannte  Bernerde 
aus  Quatitz,  da  sie  aller  Bernsteinsäure  entbehrt,  aus  andern  fossilen 
Harzen,  als  aus  Bernstein,  entstanden  sein  müsse,  dass  dieselben  aber 
sehr  reich  an  ätherischen  üelen  waren,  da  sie  trotz  ihrer  Zersetzung  in 
ordige  Masse  immer  noch  deren  enthalten,  was  der  liebliche  Geruch  bei 
ihrer  Verdampfung  beurkundet. 

Dass  nicht  alle  für  Bernstein  ausgegebenen  fossilen  Harze  eigent- 
licher, wirklicher  Bernstein  sind,  führt  Prof  Naumann  schon  an,  (Ele- 
mente der  Mineralogie.     Leipzig  1852.     Seite  436.) 

Bei  wiederholt  sorgfältiger  Betrachtung  vieler  vorliegender  Hand- 
stücke solcher  Braunkohle  mit  eingesprengter  Bernerde  aus  Quatitz  fand  ich 


125 

a)  dass  diese  letztere  sich  fast  stets  in  spitzovalei'  Form  vorfindet, 

b)  dass  an  uiehrern  gut  erhaltenen  Exemplaren  sich  noch  eine  schalige 
Absonderung  mit  im  Mittel  meist  orangegefärbtem  Kern  zeigt, 
Fig.  1.  2.  3.  4.  6.  7.  12. 

c)  dass,  wenn  sie  aus  der  sie  umhüllenden  Braunkohle  herausgebohrt 
wird,  die  Höhlung,  in  welcher  sie  lag,  ebenfalls  diese  spitzovale, 
bohnenartige  Form  erblicken  lässt,  Fig.  5., 

d)  dass  unregelmässige,  eckige  Exemplare  entweder  schon  vor  ihrer 
Zersetzung  destuirt  waren,  oder  durch  ungünstigen  ßi-uch  der  Braun- 
kohle diese  regellose  Form  erhielten,  Fig.  8.  9.  10.  11. 

1.  2.  3.  4.  5.  6. 


7.  8.  9.  10.  11.  12. 

Es  scheinen  demnach  Früchte  gewesen  zu  sein,  welche  ihrer  Leich- 
tigkeit wegen  schwammen  und  an  einen  Ort  zusammen  geschwemmt 
wurden ;  ihres  Harzreichthums,  Form  und  Grösse  wegen  aber  wohl  Coni- 
feren  angehört  haben  dürften,  wie  uns  z.  B.  die  Jetztwelt  bei  Pinus 
pinea  liefert,  oder  einsamige  Nüsse  mit  fleischiger  Hülle  irgend  einer 
frühern  Eiben-Art  gewesen  sein  könnten. 

Betrachtet  man  die  Blütheukätzchen  und  jungen  Zapfen  noch  leben- 
der Coniferen-Arten,  wird  man  fast  an  allen  starke  Harz-Ausschwitzungen 
bemerken,  dadurch  liesse  sich  auf  den  grossen  Harzreichthum  dieser 
einstigen  Früchte  folgern." 


Reflexionstöne  nennt  /.  /.  Oppel  diejenigen,  welche  durch  unter  be- 
stimmten Umständen  hinreichend  schnell  auf  einander  folgende  reflec- 
tirte  Wellen  eines  einfachen  Schalles  erzeugt  werden.  Wenn  in  einiger 
Entfernung  von  einem  in  gerader  Linie  stehenden  die  Schallwellen  re- 
flectirenden  Gitter  ein  Schall  erzeugt  wird,  so  werden  die  um  den  Ent- 
stehungspunkt des  Schalles  concentrisch  fortschreitenden  Schallwellen 
nicht  zu  gleicher  Zeit  an  die  einzelnen  Stäbe  des  Gitters  anschlagen, 
sondern  zuerst  bei  demjenigen  Stabe  anlangen,  welcher  im  Berührungs- 
punkte der  Gitterlinie  und  der  Schallwelleukreise  sich  befindet.  Von 
diesem  Stabe  aus  werden  zuerst  die  Schallwellen  reflectirt,  hierauf  von 
dem  ihm  zunächststehenden  u.  s.  w.  Bei  geigneter  Stellung  aber  wird 
ein  Hörer  die  reflectirten  Schallwellen  in   unmittelbar  auf  einander  fol- 


126 

genden  Zeitmomenten  und  (bei   hinreichender  Nähe   der  Gitterstäbe   an 
einander)  ohne  dieselben  zu  unterscheiden   wahrnehmen.     Diese  zusam- 
nienliängende  Keihe  von  an  den  einzehien  Stäben  immer  neu  entstellen- 
den Schallwellen  bildet  den  Ton.     Es  wird  also  durch  einen  Schall  mit- 
tels  Reflexion    ein   Ton    erzeugt.      Die   Abhandlung^    in    welcher    Oppcl 
diese  Entdeckung  veröffentlicht  hat^  befindet  sich  in  Poggendorfs  Anna- 
len,  XCIV.  Bd.  3.  Hft. :   „Beobachtungen   über   eine   neue  Entstehungs- 
weise des  TonS;   und  Versucli   einer  Theorie    derselben."      Es   ist   diese 
Wahrnehmung  vom  Verfasser   dieser  Abhandlung  bei  einem  Schusse  in 
der  Nähe  eines  Eisengitters  wahrgenommen  worden.     Er  sagt    hierüber 
selbst :  „die  durch  den  Schuss  hervorgebrachte  einfache  Schallwelle  brei- 
tet sich  in  bekannter  Weise  um  den  Punkt  ihres  Ursprungs  mit  gleich- 
massiger  Geschwindigkeit  kreisförmig  aus^  und  erreicht  bei  dieser  Aus- 
breitung nach  einem  gewissen  Zeitintervall  das  erwähnte  aus  gleichweit 
von  einander  entfernten  Stäben  bestehende  Gitter  des  Brückengeländers. 
Der  Punkt  desselben,  bei  welchem  sie  zuerst  anlangt,  wird  ohne  Zwei- 
fel  derjenige    sein,    der   ihrem  Ursprünge  am  nächsten  liegt,  ....  (e,, 
sei  dieser  Punkt  der  Anfang  des  Gitters)  .  .  .  .,    dass    dieser   Stab    das 
Centrum   einer   neuen,   freilich  viel    schwächeren  Welle   bildet,  die  sich 
von    ihm    aus    gleichfalls    kreisförmig   verbreitet   und   von    dem    in    der 
Nähe   befindlichen    Hörer   —   wäre  jener,  Stab    der    einzige   —    als    ein 
schwaches  Echo  des  Knalls  vernommen  werden  würde.     Nun  aber  wird 
die  ursprüngliche,  durch  den  Schuss  hervorgebrachte  Schallwelle,  einen 
Augenblick  später,  in  gleicher  Weise  auch  bei   dem   zweiten  Stabe   des 
Gitters  anlangen,  und  auch  an  diesem  eine  ähnliche  Pteflexion  erleiden, 
also    ein  ähnliches  Echo    des  Schalls    hervorbringen,    welches    aber    das 
Ohr   des  Hörers    in    einem    so  kurzen    Zeitintei'valle    nach  jenem  ersten 
treffen    muss,    dass    es    von    ihm   nicht  unterscliieden  werden  kann  und 
ohne  Zweifel  —  wären  blos  diese  zwei  Stäbe  vorhanden,  —  nur  als  eine 
massige   Verstärkung    des  ersten  Echo's    erscheinen   würde.      Die  unab- 
lässig weiter  gehende  Verbreitung  der   ursprünglichen  Schallwelle    aber 
wird,  gleich  darauf  auch  bei  dem    dritten  Stabe  anlangend,  auch  diesen 
wiederum  zu  einem  neuen  Wellencentrum  machen  ....  auch  der  vierte, 
fünfte,  sechste  Stab  des  Gitters  ....  jeder    derselben   wird   durch  Re- 
flexion  eine    einfache   Welle   liefern    und  jede    dieser   Wellen   wird  das 
Ohr  des  Hörers  etwas  später  treffen  müssen,  als  die  durch    den   vorher 
gegangenen  Stab  hervorgerufene;  .  .  .  Bei  dem   geringen  Abstände  der 
Stäbe  aber  und  der  sich  daraus  ergebenden    noch    geringeren   Differenz 
der  Wege  .  .  .  verglichen  mit  der  normalen  Fortpflanzungsgeschwindig- 
keit des  Schalles  in  der  Luft,  wird  es   vollkommen   begreiflich   Averden, 
dass    die   von   den    verschiedenen    Stäben    ausgegangenen   Stösse    oder 
Wellen  nicht  unterschieden,  nicht   einzeln    vernommen  werden   können, 
sondern   vielmehr    in    ihm    genau    denselben    Eindruck    hervorbringen 
müssen,   wie   eine   continuirliche   Reihe    rasch    auf   einander  folgender 


121 

Stüsse,  d.  h.  wie  die  continuirliche  Wellenreihe  eines  inusikalisch  bestimm- 
baren Tones."  Es  sind  hierbei  zwar  die  Intervalle  nicht  gleich,  was 
für  einen  deutlichen  bestimmten  Ton  erforderlich;  aber  je  zwei  benach- 
barte Zeitintervalle  werden  nahezu  gleich  sein.  Der  Ton  wird  als  im 
Sinken  begriffen  wahrgenommen  werden.  Die  aUmähUg  auftretende 
Ungleichheit  der  Schwingungen,  die  allerwärts  an  Gleichheit  streift,  ver- 
leiht dem  Tone  den  Charakter  des  Artikulirten,  und  dies  hat  er  mit  den 
durch  thierische  Stimmorgane  erzeugten  Tönen  gemein.  —  Mit  Berück- 
sichtigung der  Gitterweite,  Grösse  und  Richtung  der  Entfernung  der 
Schallquelle  und  des  Hörers  werden  allgemeine  und  durch  Zahlenbei- 
spiele erläuterte  ausführliche  Berechnungen  der  Tonhöhe  und  Ton- 
stärke angestellt.  Hierbei  ergiebt  sich  z.  B.  aus  den  Berechnungen, 
dass  „wenn  der  Hörer  stets  bei  dem  Schiessenden  bleibt,  die  Tonhöhe 
direct  proportional  der  Entfernung  beider  vom  Anfange  des  Gitters  ist. 
Entfernen  sich  beide  um  das  Doppelte  vom  Gitter,  so  wird  der  Ton 
um  eine  Octave,  entfernen  sie  sich  nur  um  die  Hälfte  ihres  vorigen 
Abstaudes,  so  wird  er  um  eine  Quinte  höher  werden  müssen  u.  s.  w. 
Bleibt  der  Hörer  an  seinem  Ort,  während  der  Schiessende  sich  entfernt, 
so  nimmt  die  Tonhöhe  in  einem  langsameren  Verhältnisse  zu  als  diese 
Entfernung.  Dasselbe  muss  natürlich  auch  stattfinden,  wenn  der  Schies- 
sende seinen  Platz  behauptet  und  blos  der  Hörende  sich  allmählig  ent- 
fernt oder  nähert";  würde  Jemand,  welcher  an  einer  Stelle  bleibt,  die 
Töne  des  Durdreiklanges  durch  diese  Reflexionstöne  wahrnehmen  wol- 
len, so  müsse  er  bei  ungefähr  einem  Fuss  Gitterweite  der  Stäbe,  sich 
und  den  ersten  Schützen  105',  den  zweiten  Schützen  175'  und  den  drit- 
ten 315'  vom  Gitter  entfernt  aufstellen. 

„Ueber  die  Vertheilung  der  Regen  in  den  gemässigten  Zonen"  befin- 
det sich  in  PoggendorfFs  Annalen  XCIV.  Bd.  1.  Hft.  42  bis  59  S.  eine 
Abhandlung  von  H.  W.  Dove.  Es  sind  derselben  Tabellen:  „Regen- 
menge in  englischen  Zollen  in  Nordamerika"  (6S  Beobachtungsorte), 
„Staat  New-York"  (62  Beobachtungsorte),  „Preussen"  (40  Beobachtungs- 
orte), „Russland"  (21  Beobachtungsorte)  beigegeben,  worin  mit  Angabe 
der  geographischen  Länge  und  Breite  der  Beobachtungsorte  in  Amerika 
und  Russland  die  mittlere  Regenmenge  für  die  einzelnen  Monate,  für 
die  Jahreszeiten  und  für  das  ganze  Jahr  (aus  der  verschiedenen  Anzahl 
der  Jahre,  während  welcher  die  Beobachtungen  angestellt  wurden)  an- 
gezeigt ist.  Nach  einer  genauen  Erörterung  der  klimatischen  und  an- 
deren Einflüsse  auf  die  an  einem  Orte  fallende  Regenmenge  und  aus- 
führlichen Beurtheilung  gegebener  Thatsachen  folgen  allgemeine  Be- 
trachtungen, aus  denen  hier  nur  einige  Sätze  mitgetheilt  werden  können : 
„An  keiner  Stelle  der  Erde  verändert  sich  die  Physiognomie  des  Landes 
so  schnell,  als  in  der  neuen  Welt.  Reich  bebaute  Felder  umgeben 
bevölkerte  Städte,  wo  vor  wenigen  Jahrzehnten  kaum  ein  menschlicher 


128 

Laut  die  Stille  des  Urwaldes  unterbrach.  An  derselben  Stelle,  wo  heute 
ein  einsames  Fort  die  erste  Stelle  fester  Ansiedelung  bildet,  wird  viel- 
leicht in  wenigen  Jahren  schon  das  lebendige  Treiben  einer  städtischen 
Gemeinschaft  sich  geltend  machen.  Auf  diese  Weise  entstehen  zunächs.i 
Culturoisen  in  der  gleichförmigen  Bedeckung  des  Waldes,  die  sich  so 
vergrüssern,  dass  zuletzt  der  Wald  selbst  in  vereinzelte  Gruppen  zer- 
fö,llt.  Wird  dies  ohne  Einfluss  auf  die  Regenverhältnisse  sein?  Lässt 
sich  diese  Frage  irgendwo  für  die  gemässigte  Zone  beantworten,  so  ist 
es  in  Amerika.  Verdichtet  der  durch  den  Tabakbau  erschöpfte  Boden 
von  Virginien  so  viel  Wasserdampf  zu  Regen  als  damals,  wo  er  noch 
mit  Wäldern  bedeckt  war?  Wir  wissen  es  nicht;  aber  bieten  nicht  die 
neuen  Staaten  Gelegenheit,  dieselbe  Frage  zu  beantworten?  Für  die 
tropischen  Gegenden  wissen  wir,  welchen  Einfluss  die  Verwüstung  äus- 
sert, die  man  Cultur  des  Landes  nennt.  Die  Inseln  des  grünen  Vor- 
gebirges und  die  Canaren  haben,  als  der  Urwald  unter  der  Axt  der 
europäischen  Ansiedler  fiel,  oder  wie  auf  den  Azoren  niedergebrannt 
wurde,  sich  immer  mehr  und  mehr  in  nakte  Felsen  verwandelt,  denn 
mit  dem  Waide,  der  sie  bekleidete,  sind  die  liegen  verschwunden  oder 
seltner  geworden,  welche,  als  er  noch  den  Boden  beschattete,  die  Erde 
tränkte."  „Steht  die  Sonne  über  der  wasserreichen  südlichen  Erdhälfte, 
so  wird  ein  grösserer  Antheil  der  durch  sie  erregten  Wärme  gebunden, 
als  wenn  sie  im  nördlichen  Zeichen  verweilend,  eine  überwiegend  feste 
Grundlage  bestrahlt.  Der  Wasserdampf,  welcher  sich  von  der  Herbst- 
nachtgleiche bis  zur  Frühlingsnachtgleiche  über  der  südlichen  Erdhälfte 
in  überAviegendem  Maase  entwickelt,  kehrt  in  der  anderen  Hälfte  des 
Jahres  zur  Erde  als  Regen  und  Schnee  zurück  und  zwar  überwiegend 
auf  der  nördlichen  Erdhälfte.  Wenn  aber  unter  der  Hand  des  Men- 
schen locale  Unterschiede  des  Bodens  immer  mehr  verschwinden,  so 
wird  zwar  dieselbe  Wassermenge  herabfallen,  aber  vorzugsweise  geregelt 
durch  allgemeine  Verhältnisse  aus  einer  mehr  gleichförmigen,  ich  möchte 
lieber  sagen  unregelmässigen  Vertheilung  der  Menge  des  herabfallen- 
den Wassers  wird  der  Gegensatz  einer  trockenen  und  einer  Regenzeit 
sich  entschiedener  herausstellen."  „Wenn  die  Ausrottung  der  Wälder 
und  die  Cultur  des  Landes  die  Ursachen  vermindert,  welche  den  Was- 
serdampf bestimmen,  aus  der  luftförmigen  Form  in  die  tropfbare  über- 
zugehen, so  ist  es  klar,  dass,  wenn  wir  in  Beziehung  auf  die  Bebauung 
des  Landes  sehr  verschiedene  Gegenden,  an  welchen  aber  die  Regen- 
menge gleich  ist,  mit  einander  vergleichen,  der  Ort,  welcher  seinem 
Naturzustand  mehr  erhalten,  wenigstens  in  den  unteren  Schichten  der 
Atmosphäre  relativ  trockener  sein  wird,  da  an  ihm  die  Temperatur 
der  Luft  häufiger  dem  Condensationspunkte  der  Dämpfe  näher  sein 
muss,  als  dort."  Freunden  der  Meteorologie,  welche  aufFakta  gestützte 
Betrachtungen  und  in  bestimmten  Zahlen  angegebene  Verhältnisse  zu 
lesen  wünschen,  mag  diese  Abhandlung  empfohlen  sein. 

Dr.  A.  Drechsler. 


Im  Verlache  von  Rudolf  Kuntze  in  Hamburo;  ist  erschienen : 

JENSEITS  DES  OCEANS. 

B  e  i  t  r  ä  <>•  e   z  ii  r   Kunde   a  m  e  r  i  k  a  n  i  s  c  h  e  ii  L  eben  s. 


IX.  X.  Bfl. 

ROMANTIK 


der 


NATURGESCHICHTE 


oder 


wildes  Land  und  wilde  Jäger. 

Von 

E.  O.  ITebtoer. 

Aus    dem    Englischen 

von 

1.  B.  Lindau. 

Zwei  Bände.      1  Tlilr.    15  Nsjr- 


ERINNERUNG 

an  die 

STUNDEN    DER    MUSE 
ßr.  üttaji'stiit  (Ifs  höchststligfii  %[mp 

FRIEDRICH  AUGUST 

bei 

Auslegung  vou  Reliquien 

im  Namen  der  Gesellschaft  Isis  gesprochen 

von 

Dr.  Ludwig  Reichenbach. 

Preis   G  Ngr. 


Dresden,  Druck  der  Königl.  Hofbuchdruckerci  von  C.  C.  Hcinliolil  Sc  Siilii 


Preis  eines  Bandes  von  12  Heften  3  Thir. 


I  Band.  No.  4. 

Allgemeine  deutsche 

Bfatnrhistorkche  Mtmg. 


Im  Auftrage 


der 


Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verbindung 

mit  auswärtigen  und  einlieimischen  Gelehrten 

herausgegeben 


Dr.  Adolph  Drechsler. 


Nene  Folge:   erster  Band. 
4.  geft. 


INHALT. 

Freie  Uebersetzung  und  Bearbeitung  des  Aufsatzes  von  Jules  Uaime  „la  pisciculture" 

in  der  Revue  des  deux  mondes  vom  Juni  1854  nebst  Zusätzen  von  Hr.  Küchenmeister, 

prakt.  Arzt  in  Zittau. 
Excursion    von   New -Orleans    nach    dem   Urwald    am    Rio   Colorado    in   Texas.      Von 

Dr.  Benno  Matthes. 
Cycadeen-ßlatt  im  Rothliegenden.     Von  E.  v.  Otto  auf  Possendorf. 
Psammomys  obesus  Rüppel.   (Die  dicke  Sandwüstenmaus.)  Von  Dr.  A.  Dehne,  Hoflösnitz 

bei  Dresden. 
Kleinere  Mittheilungen.      —     Literatur -Blatt  der  Isis. 


HAMBURG, 

Verlag    von    Rudolf    K  u  n  t  z  e. 

1855. 

Haupt-Debit  für  Dresden  durch  die  Hofbuchhandltuig  von  Rud.Kuntze  (Herrn.  Bur dach.) 


S^-'    Siehe  die  Seiten  des  Umschlags. 


^fllTi 


iiM^mwi 


129 

Freie   Ueberselzuiig   und  Bearbeitung  des   Aufsatzes 

von  Jules  Haime  „la  pisciculture"  in  der  Revue 

des  deux  mondes  vom  Juni  1854 

nebst  Zusätzen  von  Dr.  Küchenmeister,  pract.  Arzt  in  Zittau. 

Kacli  einleitenden  Bemerkungen,    dass    die  Fischerei   nicht   sowohl 
die  Agricultur  der  Gewässer,  sondern  die  Ernte  aus  ihnen  sei,  die  man 
leider  meist  ohne  Saat  einsammeln  zu  können  sich  einbilde ;  nach  einer 
Aufzählung  der  grossen  Fruchtbarkeit  verschiedener  Fische  (ein  Barsch 
hat  28;220  Eier,    ein   Häring  36,960;    Hechte   80,388  bis  271,160;    eine 
Scholle    100,360;    Rothfedern   71,820   bis   113,840;  eine   Brasse  137,800: 
eine  Schleihe   383,250;     eine   Makrele    546,140;    ein    Plattfisch    [camlet] 
1,357,400;   ein  Stöhr  7,635,200  nach  Petit;  ein  Kabeljau  9,344,000  nach 
Leuwenhoek ;    eine  50  Centimeter  lange  Steinbutte  9,000,000;    eine  Meer- 
äsclie    [muge  ä  grosses    levres]   bis    13,000,000    nach    Välencienness    Be- 
richt in  der  Sitzung  der  Academie   vom    20.   März   1854);  nach   der  Be- 
merkung, dass  trotz  dieser  Fruchtbarkeit  die  Flüsse  in  Folge  zahlreicher, 
natürlicher  und  in  der  Cultur  gelegener  feindlicher  Einwirkungen  jähr- 
lich  fischärmer   AA^lrden   und    dass    nach   Milne  -  Edwards   die   Fischarten 
nicht  allein  in  dem  Verhältniss    abnähmen,    als    ihre  Jungen  verhindert 
werden  bis  zur  geschlechtlichen  Reife  zu  gelangen,  sondern  auch  in  dem 
Verhältniss,     als    die   gelegten   Eier    dem   Nichtbefruchtetwerden     durch 
den  männlichen  Saamen  ausgesetzt   sind;    dass  ausserdem  die  glücklich 
befruchteten   Eier    vor     dem   Ausschlüpfen    der  jungen   Brut   allerhand 
Schädlichkeiten,  z.  B.  dem  Auftrocknen,  wenn  das  Wasser  von  der  Lege- 
stelle zurückgeht,    dem  Ersticken    durch  schlammige  Massen,    den  ver- 
schiedenen Feinden  der  Eier,'  als  Algen,  Insekten,  Crustaceen,  Fische, 
Wasservögel,   Wassersäugethiere ,    z.  B.  Mäuse,  Fischottern,  ausgesetzt 
sind;    nach   dem  Hinweise   auf  die   mangelhafte  Fischgesetzgebung  und 
die  geduldete  Umgehung  der  Gesetze,  auf  die   straflose  Ausübung   der 
Fischerei  zu  allen  Zeiten   des  Jahres,    auf  die    schändliche  Gewohnheit 
der  Fischer  Tausende  von  den  Fischen,    die  für  den  Verkauf  noch   zu 
klein  sind,  ans  Ufer  zu  werfen  und  allda  umkommen  zu  lassen,  tonnen- 
weise den  Laich  an   den  Meeresküsten  auf  die  Aecker  zu  fahren,    oder 
die  Schweine  damit  zu  mästen;  nach  einem  Rückblicke  auf  die  frühere 
Fischgesetzgebung*),  nach  einer  Besprechung   der   neuern   franz.  Fisch- 

*)  Ethelred  U.,  König  der  Angelsachsen,  untersagte  966  den  Verkauf  junger  Fische; 

Malcolm  11.  1030,  bestimmte  die  jährlichen  Perioden  des  Fischfanges;  Eobert  I.  befahl, 

dass  die  einzelnen  Stäbe  der  Fischreusen  2  Zoll  von  einander  abstehen  müssten,  damit 

die  junge  Brut  entschlüpfen  könne;  Robert  HI.  bestrafte  den  Lachsfang  zur  verbotenen 

Zeit  mit  dem  Tode,    Jacob  zwar  nicht   mehr  mit   dem  Tode,    aber   noch  mit   strengen 

Strafen.     Die  französischen  Könige    erliessen  Gesetze   über  die   Art  der  Netze    und   die 

^    Grösse  der  zum  Verkauf  gebrachten  Fische;  Colbert  verbot  1669  das  Fischen  zur  Nacht 

.  und  Laichzeit  mit  Geldstrafen    und  Gefangniss,    im  3.  Wiederholungsfälle    mit  Pranger 

AUg-.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.    I.  , 


180 

gesetze,  z.  B.  der  Ordonnanz  vom  15.  April  1829  und  15.  Novbr.  1S30, 
nach  denen  die  Pi'äfecten  im  Vereine  mit  den  Förstern  die  Zeit  bestim- 
men sollen,  in  der  wegen  der  Streichzeit  die  einzelnen  Arten  geschont 
werden  sollen,  wodurch  denn  in  Folge  von  Unkenntniss  in  naturwis- 
senschaftlichen Dingen  dergleichen  Gesetze  zu  Tage  kämen,  wie  das, 
welches  den  Forellenfang  vom  1.  Februar  bis  Mitte  März,  wo  doch  die 
meisten  Forellen  schon  abgestrichen  haben,  untersagt,  wonach  ferner  nur 
die  und  die  Arten  Netze  verboten  sind,  was  man  alle  Tage  durch  Um- 
änderung der  Netze  umgehen  könne,  wovon  jedoch  alle  in  Teichen  ge- 
zogenen Fische  ausgenommen  sind  und  wonach  endlich  die  Hindernisse 
der  Passage  der  Fische  nur  oberflächlich  bestimmt  wurden)  ;  nach  einer 
Wiedergabe  der  auf  die  Archive  des  Finanzministeriums  gestützten  Be- 
rechnung, dass  von  den  7,570  Kilometern  fliessenden  Wassers  einige 
Wässer  ganz  oder  fast  ganz  entvölkert  sind  und  alle  in  Summa  nur 
521,395  Francs  d.  i.  auf  1  Kilometer  nur  69  Francs  Ertrag  liefern,  wäh- 
rend z.  B.  1  Kilometer  des  heute  noch  fischreichen  Doubs  159,  der 
Mosel  182,  der  Loire  in  der  Loire-inferieure  252,  der  Sarthe  297,  des 
Loiret  309,  der  Mayenne  399,  Leine  498,  der  Maine  sogar  1,378  Francs 
Ertrag  liefert;  endlich  nach  der  Bemerkung,  dass  die  Fischzucht  oder 
die  „pisciculture"  durch  die  Bestrebungen  der  Naturforscher  in  ihrem  gan- 
zen Werthe  aufgedeckt  und  von  der  Regierung  und  aufgeklärten  Priva- 
ten erkannt  worden  sei,  dass  sie  einen  wichtigen  Zweig  der  Naturwissen- 
schaften, Agricultur  und  politischen  Oeconomie  darstelle,  nach  diesen 
einleitenden  Bemerkungen  macht  sich  der  Verfasser  selbst  an  eine  resu- 
mirende  Bearbeitung  dessen,  was  Erfahrung  und  Wissenschaft  in  diesem 
Zweige  bisher  geleistet  haben  und  führt  dies,  wie  man  bald  sehen  wird, 
mit  ebenso  grosser  Sachkenntniss,  als  mit  einer  bei  den  Franzosen  nicht 
immer  zu  findenden  Gerechtigkeitsliebe  durch. 

I. 
Man  kann  in  der  Geschichte  der  künstlichen  Vermehrung  und  ab- 
sichtlichen Bereicherung  der  Gewässer  mit  Fischen  drei  grosse  Perioden 
verfolgen.  1)  Die  Periode  der  Vermehrung  der  Fische  durch  Sammeln 
der  schon  von  den  Aeltern  in  der  freien  Natur  natürlich  und  ohne  Zu- 
thun  der  Kunst  befruchteten  Fischeier  und  der  jüngsten  schon  ausge- 
schlüpften Brut;    nebst   einer   frühern  Fütterung  in  den  frühern  Zeiten. 


nnd  Staubbesen ,  ferner  das  Versperren  der.  Flüsse  in  ihrer  ganzen  Breite  mit  Netzen 
und  gebot  das  Zurückwerfen  der  nicht  ein  gewisses  Maass  habenden  Fische  in  das 
Wasser;  z.  B.  die  zu  Markte  gebrachten  Forellen,  Karpfen,  Barben,  Brassen  und 
Meunier's  nmssten  vom  Auge  bis  zum  Schwanz  wenigstens  6  Zoll,  die  Schleihen,  Bar- 
sche und  Plötzen  wenigstens  5  Zoll  bei  einer  Strafe  von  100  Fr!  messen.  — 

Interessante  Andeutungen  über  Fischgesetze  fand  Referent  auch  in  den  Reisewerken 
über  Island,  wo  die  Art  der  Netz-  und  Fischrcusenlegung  schon  desshalb  genau  gere- 
gelt war,  damit  die  tiefer  im  Lande,  höher  an  den  Flüssen  hinauf,  lebenden  Bewohner 
auch  ihre  Ernte  hätten. 


131 

2)  Die  Periode  der  Vermehrung  der  Fische  durch  Einleitung  einer  durch  die 
Menschen  bewirkten  künstlichen  Befruchtung.  3)  Die  industrielle  Verwerth- 
ung  dieser  Thatsachen  und  die  heutige  künstliche  Fütterung  der  Fische. 

Erste    Periode.      Vermehrung    der    Fische    durch    Sammeln    der  natürlich 

befruchteten  Eier   und  Apparate   zur    Einleitung    natürlicher    Befruchtung 

der  Fische.     Chinesische,  altrömischc;  neusicilianische;  schwedische 

Methode,  sowie  die  Methoden  von  Barrere,  Coste  und  Millet. 

Von  vor  Christi  Geburt  bis  heute. 
Der  jesuitische  Pater  Johann  Baptista  Duhaldu,  ein  chinesischer 
Missionär,  erzählt  im  1.  Theile  der  Geschichte  des  Kaiserreichs  China, 
I.  pag.  35,  1735:  „in  dem  grossen  Flusse  Yang-tse  Kiang,  Provinz 
Kiang-si,  sammeln  sich  zu  einer  gewissen  Zeit  des  Jahres  eine  enorme 
Anzahl  Barken,  um  daselbst  Fischsaamen  zu  kaufen.  Gegen  den  Mai 
sperren  die  Bewohner  den  Fluss  an  verschiedenen  Orten  mit  Flechten 
und  Hürden  in  einer  Ausdehnung  von  9  oder  10  Meilen  (lieues)  und 
lassen  nur  so  viel  Raum,  als  nöthig  ist  für  die  Passage  der  Barken. 
An  den  Flechten  hängt  sich  der  Fischsaamen  an.  Die  Leute  vermögen 
mit  den  blossen  Augen  ihn  im  Wasser  zu  unterscheiden,  wo  Ungeübte 
nichts  erkennen  Avürden.  Sie  schöpfen  von  diesem  mit  Saamen  gemisch- 
tem Wasser  und  füllen  damit  verschiedene  Gefässe  zum  Verkaufe.  Hier- 
von kaufen  fremde,  mit  Barken  ankommende  Kaufleute,  die  den  Saamen 
in  die  entfernten  Provinzen  führen,  wobei  sie  ihn  zur  Zeit  umrühren 
und  helfen  einander  dabei  gegenseitig.  Nach  einigen  Tagen  bemerkt  man 
in  dem  Wasser  Saamen,  der  kleinen  Fischhaufen  gleicht,  ohne  dass  man 
noch  die  Arten  unterscheiden  könnte,  was  nur  mit  der  Zeit  möglich  wird. 
Auch  zeigt  sich  bei  den  Chinesen  die  erste  Spur  künstlicher  Fütterung ; 
denn  andere  Reisende  versichern,  dass  der  junge  Fisch,  sobald  er  zu 
fressen  beginnt,  mit  Sumpflinsen  und  Eigelb  genährt  wird. 

Auch  in  sehr  alten  Zeiten  schon  hatten  die  Römer  ähnliche  Ge- 
wohnheiten. Columella  sagt  in  dem  16.  Capitel  des  VIH.  Buches  de  re 
susticä:  obgleich  die  ersten  Römer  Landbauer  waren,  so  suchten  sie 
sich  doch  städtische  Annehmlichkeiten  und  Ueberfluss  in  verschiedenen 
derartigen  Dingen  zu  verschaffen ;  sie  suchten  ihre  Weiher  und  Teiche 
mit  Fischen  zu  bevölkern,  und  warfen  in  die  von  der  Natur  selbst  ge- 
bildeten Teiche  den  Saamen  der  Seefische.  So  machten  sie  im  Lacus 
Velinus,  Sabatinus,  Vulsinensis  und  Ciminus  die  Goldfische,  den  Lachs- 
hummer (Lupus  marinus)  und  eine  grosse  Anzahl  anderer  Fische  gemein 
und  verwandelten  Salzwasser-  in  Süsswasserfische. 

In  den  späteren  Jahren  wurde  die  Fischvermehrung  ein  wahrer 
Modeartikel  der  reichen  Römer,  der  Fisch,  der  grösste  Leckerbissen  ihrer 
Tafeln,  besonders  in  der  Zeit  von  der  Zerstörung  Carthagos  bis  zur 
Zeit  Vespasians.  Hierin  vergeudeten  Senatoren  und  reiche  Patrizier  die 
in   Asien    und  Afrika    erpressten    Schätze.      Licmius,    Murena,    (juinlus 

10* 


132 

Hortensius ,  Lucius  Philippus  construirten  ungeheure  Bassins,  die  sie 
mit  den  gesuchtesten  Fischarten  besetzten,  Lucullus  durchstach  einen 
Berg,  um  Seewasser  in  seine  Teiche  zu  leiten,  Gajus  Hinius*)  bezog  nach 
Varro  de  re  rusticä  lib.  IIL,  cap.  17,  12,000,000  Sesterzen  (3,000,000  Francs—, 
über  800,000  Thaler)  an  Revenuen  aus  zahlreichen  Gebäuden  und  ver- 
wendete diese  ganze  Summe  auf  die  Ernährung  seiner  Fische.  Die 
reichen  Patrizier  theilten  sogar  ihre  Fischteiche  in  besondere  Abtheilun- 
gen ab,  die  nur  besondere  Arten  von  Fischen  enthielten,  und  hielten 
sich  eine  grosse  Anzahl  von  Fischer,  um  jedem  Fische  seine  Nahrung 
zu  besorgen.  Eine  besondere  Expedition  wurde  ausgerüstet,  um  von 
der  toscanischen  Küste  eine  Art  von  Meerbrasse  zu  holen,  die  dem  grie- 
chischen Meere  eigenthümlich  war. 

Dies  Verfahren  ruinirte  die  Familien  und  entvölkerte  das  Meer  von 
Fischen,   wie   schon   Juvenal  klagt,**)    dass  man  den  Fischen  des  tyrr- 


*)  wird  derselbe  Hinius  sein ,  der  dem  Julius  Cäsar  bei  seinem  Triumphschmause 
6000  Muränen  lieh,  da  er  sie  ihm  um  keinen  Preis  veikaufen  wollte.  K. 

**)  „Mullus  erit  domino ,  quem  recipit  Corsica ,  vel  quem  Tauromenitanae  rupes, 
quando  omne  peractum  est  jam  defecit  nostrum  mare,  dum  gula  saevit,  Eetibus  adsi- 
duis  penltus  serutante  macello  Proxima,  nee  patitur  Tyrrhenum  crescere  piscem." 

Juvenal,  Satir.  v.    vers.  92  —  96. 
„Rothbarth    speiset   der  Herr ,    den    Corsica   oder    die  Klippen    Tauromenium's  uns 
hersandten ;    denn  lange   ist  unser  Meer  schon  völlig  erschöpft  und  geleert ,    da  wüthet 
die  Kehle,     Sämmtliche  Nähen   erforscht   mit   beständigen  Netzen  der  Marktplatz,     Wir 
nicht  dulden,  dass  gross  im  tyrrhenischen  Meere  der  Fisch  Avird." 

Düntzer'sche  Uebersetzung. 

Nach  dem  Satyriker  Lucius,  geb.  148  vor  Christi  Geburt,  gelten  am  meisten  der 
einst  als  Seltenheit  durch  bekränzte  Sclaven  unter  Flötenbegleitung  auf  die  Tafel  ge- 
brachte, zu  Plinius  II.  Zeit  nicht  mehr  geschätzte  Stöhr,  der  Lupus  marinus,  der  an  der 
Tiber  gefangen  wurde  (nach  Düntzer  ein  Hecht,  nach  den  französischen  Auslegern  ein 
Lachshummer),  die  später  gemein  gewordene  Sarpeda  (ein  Umbei  fisch  =  Sciaena 
umbra  oder  Sc.  aquila  und  Corvina  nigra)  der  am  besten  im  Mäotischen  See  gedieh 
und  aus  dem  Pontus  nach  Rom  gebracht  wurde  und  der  aus  Aegypten  gekommene 
Wels.  Letztere  beiden  kamen  eingesalzen  nach  Rom  und  dienten  als  Stomachica. 
Heute  schätzt  man  von  Sciaena  aquila  das  Fleisch,  von  Corvina  nigra  den  Rogen 
cfr.  Lucilius.  IV.  Buch.  Scarus  =  Lippfisch,  Horaz's  Satyr.  2.  Buch.  IL,  vers  22,  war 
gemein  im  camathischen  Meere  und  wurde  erst  bei  Kaiser  Claudius  an  die  italienische 
Küste  verpflanzt.  Noch  Marcial  rühmt  nur  seine  Eingeweide  und  Leber,  alles  Andere 
sei  gemein.  Er  ist  der  kostbarste  aller  Fische  schon  nach  Ennius.  „Alles  Gemeine  ver- 
schmähet der  Magen,  der  selten  geleert  ist,"  sagt  Horaz,  nachdem  er  gefragt:  Wie 
schmeckst  Du's ,  ob  der  Lupus  marinus  im  Meer  gefangen  worden  ,  oder  in  der  Tiber, 
oder  an  der  Mündung  des  tuscischen  Meeres ,  oder  an  den  Brücken.  Warum  lobt  man 
nur  3  pfundigen  Rothbart  ?  Warum  hasst  man  den  gewöhnlichen,  langen,  tüchtigen 
Hecht?"  Sat.  2.  Buch.  IV.  7.3  und  VIII.  9  beschreibt  Horaz  zwei  Arten  eingesalzener 
Fischspeisen,  deren  feinste  das  köstliche  Garum  ,  aus  den  eingesalzeuen  Eingeweiden 
des  iberischen  Scomber,  einer  Art  Thunfische,  deren  weniger  geschätzte  Art  Ulex  heisst 
wozu  auch  die  Leber  des  Rothbarts,  Austern,  Meerigel  und  Meerkrebse  genommen  wurden- 
Die  Eingeweide  der  Butte   und  Flundern   wurden,   wie   es    scheint,    zur  Fülle  g«- 


133 

henischen  Meeres  keine  Zeit  gönne,  sich  zu  vergrössern.  Nutzen  für 
die  Fischzucht  erblühte  hieraus  nicht,  das  Einzige  ist  die  Einführung 
der  Goldfische  in  die  Süsswasserteiche,  in  denen  ihnen  Muscheln  zur 
Nahrung  geboten  wurden. 

Von  da  bis  zum  18.  Jahrhundert  geschah  nichts,  als  dass  man  die 
Mittel  des  Fischfangs  vervollkommnete  und  Teiche  in  grösserer  Anzahl 
anlegte,  um  daraus  Nutzen  su  ziehen.  Könige,  selbst  Karl  der  Grosse, 
Fürsten  und  geistliche  Brüderschaften  legten  zahlreiche  Teiche  an,  und  hat- 
ten fast  ausschliesslich  Privilegien  auf  das  Teichehalten.  Peter  von  Cres- 
centia,  der  Restaurator  des  Landbaues,  giebt  im  13.  Jahrhundert  Mittel 
an,  um  den  grössten  Nutzen  aus  Teichen  ziehen,  ohne  jedoch  vielmehr 
zu  wissen,  als  was  schon  Florentinus  in  den  von  Cassinns  Bassiis  ge- 
sammelten Fragmenten  im  3.  Jahrhundert  nach  Christi  Geburt  gegeben 
zu  haben  scheint.' 

Auf  die  Fischvermehrung  durch  Schutz,  den  man  der  Brut  ange- 
deihen  lässt  und  durch  deren  Verbreitung  und  Verführung  in  die  Ge- 
wässer zielen  besonders  noch  folgende  Methoden  ab : 

1)  Die  bekannte  Art  der  schon  sehr  alten  Fischerei  von  Comachio 
am  adriatischen  Meere,  auf  die  schon  Bonaveri  und  Spallanzani  auf- 
merksam machten.  Die  betreffende  Bucht  hat  ungefähr  150  Meilen  im 
Umfange  und  ist  in  40  durch  Dämme  abgegrenzte  Abtheilungen  getheilt, 
die  alle  in  Communication  mit  dem  Meere  sind.  Während  des  Monats 
Februar,  März  und  April  öffnet  man  die  Schleussen  dieser  Bucht  und 
die  kleinen  Aale  steigen  in  Masse  hinauf  zu  der  Bucht  (monter).  In 
den  Bassins  finden  sie  so  reichliche  Nahrung  bis  zur  Zeit,  wo  sie  aus- 
gewachsen sind  (im  5.  oder  6.  Jahre),  dass  sie  erst  dann  dieselben  ver- 
lassen und  im  October  bis  December  zurück  ins  Meer  ziehen.  Die 
Fischer  bauen  nun  kleine  Kanäle  von  Schilf,  denen  die  Aale  gern  fol- 
gen, und  die  geschlossene  enge  Räume  führen .  wo  sich  die  Aale  an- 
häufen, ohne  entwischen  zu  können.  Dadurch  erndten  die  Fischer 
jährlich  1,000,000  Kilogrammes  Fische  und  circa  400,000  Francs  oder 
^100,000  Thaler  Erlös. 

2)  Die  Abnahme  der  Fische  in  den  schwedischen  Seen  Hess  seit 
der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  an  Gegenmittel  denken.  Zur  Streich- 
zeit durfte  man  schon  längere  Zeit  keine  Netze  mehr  ausstellen.  Carl 
Friedrich  Lund  zu  Linkoeping  aber  ging  schon  1761  weiter.  Unter  den 
dortigen  Fischarten  sind  die  geschätztesten  die  Brasse,  der  Barsch  und 
der  Pölz  (Rothauge).  Er  bemerkte  dass  sie  ihre  Eier  auf  Felsen  oder 
an  Weidenwurzeln,  oder  an  die  Fischreusen  von  Weiden  legen,  mit 
denen  man  sie  zu  fangen  sucht.     So  werden  die  Eier  zerstört  durch  die 

braucht.  Auch  Horaz  II.  8,  vers  42  erwähnt  die  Muränen  (Muraena  Helena),  die  be- 
kanntlich auch  Vedrius  Pollia  in  eiugeteichtem  Seewasser  hielt  und  mit  dem  Fleische 
wegen  geringer  Vergehen  getödteter  Fischer  fütterte. 

cfr.  Noten  von  Düntzer  zu  den  römischen  Satyrikenr.     K. 


134 

Fischer,  oder  durch  Insecten,  Vögel  und  Raubvögel,  und  es  will  von 
Glück  sagen,  wenn  von  10  Eiern  eines  auskriecht.  Das  Verbot,  um 
diese  Zeit  zu  fischen,  würde,  das  sah  lAind  ein,  nur  unvollkommen  diese 
enorme  Verwüstung  aufhalten.  Um  ihre  Vermehrung  zu  erzielen,  liess 
er  in  Nachahmung  der  Natur  grosse,  hölzerne,  durchlöcherte  Kästen  ohne 
Deckel  und  mit  kleinen  Röllchen,  an  denen  sie  leicht  ins  Wasser  hinab- 
gelassen wurden^  versehen  machen.  Innen  brachte  er  nicht. allzu  dicht 
neben  einander  Weidenäste  an,  und  da  hinein  eine  gewisse  Anzahl 
Männchen  und  Weibchen  zur  Streichzeit.  Dort  liess  er  sie,  jede  Art 
in  einem  besonderen  Kasten,  2  —  3  Tage  lang,  etwa  die  Zeit  hindurch, 
wie  lange  das  Eierlegen  dauerte,  und  dann  nahm  er  alle  Fische  mit 
Hülfe  eines  Hamens  hinweg.  Nach  14  Tagen  oder  etwas  später,  je 
nach  dem  Wärmegrade,  schlüpfen  die  jungen  Fischchen  aus.  —  Es 
unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  diese  Methode  eine  sehr  vortheilhafte  ist, 
in  Betreff  der  Fische,  welche  ihre  Eier  anheften,  wozu,  wie  Ref.  unten 
weiter  besprechen  wird,  auch  der  Karpfen  gehört.  Ltind  trug  ferner 
auch  in  einem  Gefäss  mit  Wasser  einen  solchen  mit  Eiern  behangenen 
Ast  in  einen  andern  See  und  reüssirte  damit.  Er  erzog  in  3  Kasten  aus 
50  Brassenweibchen  und  einer  kleinen  Anzahl  Männchen  3,100,000  Brut, 
aus  100  Barschen  3,215,000  Barsche  und  aus  100  Plötzen  4  Millionen 
Junge,  also  in  Summa  10  Millionen  Fische,  die  er  in  den  See  am 
Roxen  setzte.  Dabei  etudirte  er  zugleich  die  Entwickelungsgeschichte 
dieser  Fische,  worin  ihm  3)  Bloch  zu  Berlin  1705  folgte.  Letzterer 
nämlich  liess  sich  in  der  Spree  Wasserpflanzen  sammeln,  die  mit  den 
Eiern  derselben  Fischarten  bedeckt  waren,  und  brachte  sie  in  ein  Ge- 
fäss mit  Süsswasser,  das  er  täglich  erneuerte.  Am  Ende  einer  Woche 
hatte  er  tausende  von  Jungen.  Dabei  bemerkte  er,  dass  einige  Eier 
unbefruchtet  geblieben  und  von  Tag  zu  Tag  trüb  und  undurchsichtig 
worden  waren.  Bloch  sagt  nun,  ohne  es  jedoch  zu  versuchen,  dass 
man  durch  Uebertragung  solcher  mit  Eiern  besetzter  Wasserpflanzen 
in  andere  Seen  und  Teiche,  leicht  andere  Seen  und  Teiche  damit  be- 
völkern könne. 

4)  Im  Jahre  1840  überreichte  der  Baron  Riviere  der  Societe  cen- 
trale d'Agriculture  ein  Memoire,  das  sehr  treffliche  Gedanken  über  die 
Vermehrung  der  Fische  enthielt.  Aber  er  befasste  sich  besonders  nur 
mit  dem  Nutzen,  den  es  gewähren  würde,  wenn  man  im  Frühjahr  die 
kleine  Aalbrut  („les  bouirons")  an  den  Mündungen  der  Flüsse  sammelte, 
und  in  die  Teiche,  Sümpfe  und  sonst  unbenutzten  schlammigen  Grä- 
ben des  Landes  brächte,  wo  sie  ganz  gut  gedeihen.  Er  versicherte, 
dass  man  sie  ganz  gut  lebend  in  kleinen  Wassertonnen  fortbringen 
könnte  und  noch  besser  in  Fischhälteru,  längs  der  Flüsse  und  Canäle. 
Er  ist  zugleich  der  Schöpfer  des  Wortes  „riscicultiire^' . 

Der  von  Rlvirre  gethane  Vorschlag  ist,  wie  man  sieht,  nichts,  als 
eine  Nachahmung  der  chinesischen  Art,  die  Fischbrut  zu  transportiren. 


135 

und  die  Uebertragung  dieser  Methode  auf  den  Aal ,    dessen  Zucht   man 
im  See  Comachio  längst  kannte. 

5)  Seit  1849  und  1850  benutzte  Coste  das  Verfahren,  um  aus  der 
Mündung  der  Ome  die  Aalbrut  in  die  Teiche  des  Jardin  des  Plantes 
zu  transportiren.  Die  Brut  war  im  Mittel  6  —  7  Millim.  lang  und  ohn- 
gefähr  1  Centim.  im  Umfang  bei  ihrer  Ankunft,  nach  28  Monaten 
33  Centim.  lang  und  7  Centim.  im  Umfang.  Coste  nähi't  seine  Fischbrut 
mit  gehacktem  Fleisch  von  nicht  essbaren  Thieren,  besonders  von  sol~ 
chem  der  Mollusken   und  Insecten. 

6)  In  Betreff  der  Forellen  bedient  sich  der  weiter  unten  genannte 
Millet  auch  noch  folgender,  der  Lund'schen  ähnlichen,  (aber  nicht  für 
Karpfen  passenden)  nur  vollkommneren  Methode.  Er  nimmt  eine  Art 
Behälter  mit  doppeltem  Boden,  deren  erster  aus  einem  Rahmen  von  ge- 
gatterten  Querbalken  und  deren  zweiter  in  einem  beweglichen  Sieb  von 
metallenem  Gewebe  besteht.  Die  Weibchen  reiben  sich  auf  den  Barren 
und  lassen  ihre  Eier  gehen,  die  auf  das  Sieb  fallen.  Führt  man  um 
dieselbe  Zeit  die  Männchen  in  den  Apparat,  so  kommt  oft  die  Befrucht- 
ung natürlich  zu  Stande.  So  verliert  man  gar  keine  Eier,  was  bei 
der  andern  Methode  doch  geschieht,  wenn  man  die  Weibchen  in  der 
unten  nach  Millet  angegebenen  Weise  in  der  Gefangenschaft  in  den  Ge- 
wässern hält. 

Hieran  reiht  der  Referent  noch  folgende  eigene  Erfahrungen: 

7)  Es  war  längt  bekannt,  dass  der  frühere  Apotheker  der  k,  Vete- 
rinäranstalt in  Dresden  sich  durch  die  Ergiebigkeit  seiner  Goldfischzucht 
ausgezeichnet  hatte.  Genauere  Erkundigungen  haben  mich  gelehrt, 
dass  er  sich  hauptsächlich  damit  beschäftigte,  kurz  nach  der  Laichzeit 
die  Wurzeln  des  Schilfes  und  anderer  Wasserpflanzen  seines  Bassins, 
an  welche  die  Goldfische  ihre  Eier  angehangen  hatten,  abzuschneiden 
und  in  besondere  Brutkästen  zu  legen,  die  wohl  unsern  jetzigen  Fisch- 
büchsen ähnlich  waren.  Der  Handel,  den  jener  Apotheker  mit  Gold- 
fischen trieb,  beweist  hinlänglich,  dass  er  mit  diesem  Verfahren  reüssirte. 

8)  In  einem  Bassin,  in  dem  zu  Zittau  in  dem  Garten  des  Herrn 
Kaufmann  Stahmer  Goldfische  gehalten  werden,  kommen  alljährlich,  wenn 
auch  sehr  wenig,  junge  Fische  von  selbst  auf.  Dieses  Bassin  ist  seines 
Wasser  wegen,  das  eine  enorme  Zahl  von  Algen  enthält,  sehr  wenig  ge- 
eignet für  das  Ausschlüpfen  der  Jungen  aus  den  Eiern.  Im  Mai  des 
Jahres  1854  sammelte  ich  eine  grosse  Anzahl  von  mit  Goldfischeierchen 
besetzten  Wurzeln  der  Weiden,  Nymphaeen  und  Irides,  sowie  verschie- 
dener Schilfarten  des  Bassins,  und  brachte  sie  in  einen  besonders  dazu 
eingerichteten  Brutkasten.     Alle  Eier  verdarben  durch  Rost  und  Algen. 


136 


Periode  der  künstlichen  Befruchtung  absichtlich  der  Vermehrung  der 

Fische;  oder  Methode  von  Jacobi  und  seinen  Nachfolgern. 

(1760  —  1848.) 

Nach    einem    von   Baron   von  Montgaudnj ,    einem  Nachkommen  des 
berühmten  Buffon,  aufgefundenen,  und  bis  jetzt   unedirten    Manuscripte 
hat  der  Pater  Pinchon  aus  der  Abtei  von  Reeme  bei  Montbard  schon  im 
Jahre    1420    den    männlichen    und    weiblichen    Forellen    allmählig    den 
Saamen  in  ein  Gcfäss  mit  Wasser  abgedrückt,  das  er   mit  dem  Finger 
umrührte.     Dann  brachte  er  die  Eier  in  ein  Holzgef  äss  mit  feinem  Sande 
ins  Wasser.     Der  Apparat  blieb    bis    zum  Momente    der   Ausschlüpfung 
in  einem  massig  fliessenden  Strome    stehen.      Da    die  Sache    aber    nicht 
veröfiFentlicht  wurde,  so  ging  sie  verloren  sowohl  für  die  Wissenschaft, 
als   für   die  Praxis.     Sie    hat   mithin  nur  historische  Rechte,   imd  zwei- 
felsohne ist   Pinchon    der   erste   Erfinder    der    künstlichen   Befruchtung. 
Zu  derselben  Zeit,  wie  Lund  seine  Versuche  mit  natürlich   befruchteten 
Eiern  anstellte,  kam  ein  Lippe-Detmoldischer  Lieutenant  Jacobi  auf  den 
Gedanken,  die  künstliche  Befruchtung  zur  Vermehrung    der  Fische  an- 
zuwenden.    Im  Jahre  1763    stand    ein  Brief  von    ihm   hierüber   in    dem 
Magazin  von  Hannover,  den  später  Yarell  1841  und  Coste   1843  wieder- 
gegeben  haben,   und    schon  1758  hatte   er   über   denselben    Gegenstand 
schriftliche  Bemerkungen  an  den  berühmten  Buffon  gemacht,  die  Lace- 
pede  in  dem    ersten  Bande    seiner  Naturgeschichte   der  Fische    ei-wähnt, 
und   ebenso    an    den    Graf  von    Golstein ,    Grosskanzler   von    Jülich    und 
Berg,  darüber  berichtet.     Golstein  übersetzte  diese  Noten  ins  Lateinische 
und  sendete  sie  so  an  Foitrcroy,  Director  der  Befestigungen  von  Corsica. 
Diese   Uebersetzung   wurde    1 773    in    dem    dritten   Theile    der  „Histoire 
generale    des    Peches"   von    Buhamel- Dumoncean   wiedergegeben,  jedoch 
ohne  dass  Duhamel  neben  Golstein  auch   Jacobi   genannt   hätte.      Weiter 
hatte  1764  Jacobi  durch  Gleditsch  der  Academie    der  Wissenschaften    zu 
Berlin  hiervon  Anzeige  gemacht.     Jacobi  beschäftigte  sich  nur  mit  Forel- 
len und  Lachsen  imd   sagt   selbst,   dass  er    16   Jahre   zugebracht   habe, 
ehe  er  zum  Ziele  gekommen.     Zuerst  beobachtete  er,    dass    in   den  Ge- 
wässern die  Forellen  von  Ende  November  bis  Anfang  Februar  sich  ver- 
einigten,   auf  dem  Sande   festsetzten    und    allda   ihren  Bauch  rieben,  so 
dass  man  deutliche  Spuren  von  dieser  Reibung  au  ihnen  erkennen  könnte. 
Nun  Hess  er  zu  der  Streichzeit  fischen  und   abwechselnd   ein  Weibchen 
und  ein  Männchen  nehmen,  drückte    es    leicht    am  Bauche   über   einem 
halbvollem  Gefässe  mit  Wasser  aus,  und  Hess  dahinein    die    reifen  Pro- 
ducte  beider  Geschlechter  fallen.     Alsdann  rührte  er  Alles  mit  der  Hand 
um,  damit  alle  Eier  von  dem  Saamen  berührt  würden.     Hierauf  brachte 
er   sie   in    einen   Kasten    in    ein  kleines,    fliessendes   Wasser.      Es  hatte 
dieser  am  Boden  reich    mit  Sand   bestreute    Kasten    mas.sive,    hölzerne 
Wände,  an  den  .schmalen  Seitenwänden  ein  viereckiges,   mit  einem  fei- 


137 

nen  Metallsieb  versehenes  Gitter,  so  dass  hierditrch  der  Strom  fliessen 
konnte,  und  einen  durchlöcherten  Deckel.  Nach  drei  Wochen  sah  er 
in  den  Eiern  die  Augenpunkte,  nach  vier  Wochen  die  Bewegung  des 
Thierchens  in  ihnen,  und  nach  fünf  Wochen  die  Eierchen  ausschlüpfen. 
Vier  Wochen  lebten  die  Jungen  von  der  Nabelblase,  dann  stiegen  sie 
herauf  zum  Gitter,  um  fortzukommen,  wurden  in  ein  Bassin  gebracht 
und  hatten  nach  sechs  Monaten  eine  hinlängliche  Grösse,  um  in  einen 
Teich  gesetzt  zu  werden.  Dies  Experiment  hat  er  lange  wiederholt, 
Avusste  schon,  dass  man  durch  häufiges  Umrühren  mit  einer  Feder  die 
Eier  vor  dem  Zusammenkleben  schützen  und  eben  deshalb  bei  der  Be- 
fruchtung umrühren,  und  den  schlammigen  Absatz  des  Wassers  entfernen 
muss,  wenn  der  Erfolg  gelingen  soll.  England  setzte  ihm  für  diese 
Dienste  einen  Jahrgehalt  aus. 

Die  Physiologie  machte  sich  die  Jacobl'sche  Entdeckung  zu  Nutze, 
und  seit  ihm  datiren  die  künstlichen  Befruchtungen  in  den  physiologi- 
schen Laboratorien,  so  zogen  Nutzen  davon  SpalUmzani,  Prevost  in  Genf 
und  Bumasy  und  später  bei  ihren  embryologischen  Studien,  Pusconi  und 
C.  Vogt,  zum  Studien  der  Entwickelung  der  Schleihe  u.  s.  w.  Aber  nur 
in  Deutschland  und  Schottland  zog  man  im  Stillen  praktischen  Nutzen 
hiervon.  In  Deutschland  setzte  der  Förster  Franke  in  Steinberg  (Lippe- 
Schaumburg);  der  Baron  von  Kass  in  Bückeburg  (1831);  Schmltiger  in 
Lippe-Detmold;  Knoche  in  Oelbergen  (1840).  der  auch  besondere  Streck- 
teiche für  Forellen  einrichtete ,  dies  Verfahren  fort.  Letzterer  erhielt 
seit  er  dasselbe  beobachtet,  beiläufig  800  Junge  auf  1000 —  1200 
Eier.  Von  diesen  fand  er  im  nächstem  .Tahre  meist  nur  die  Hälfte  in 
den  Teichen  wieder.  Nach  3  —  4  Jahren  wogen  die  grössten  Zöglinge 
3/4  bis  1  Pfund.  Schon  im  Jahre  1842  gab  die  Regierung  in  Neuchatel 
eine  Insti'uction  für  die  Fischer  heraus,  wie  sie  die  Fischeier  künstlich 
befruchten  und  so  vermehren  könnten. 

In  Schottland  und  England  beschäftigte  sich  schon  vor  dem  Jahre 
1840  John  Shaw  mit  der  Befruchtung  der  Forelleneier  in  besonderen 
von  einer  Quelle  gespeisten  Reservoirs,  in  die  er  die  Eier  im  Befrucht- 
ungsmomente fallen  Hess  und  hatte  einen  ziemlichen  Erfolg.  Das  Wachs- 
thum  der  Brut  ist  folgendes:  Im  Alter  von  8  Monaten  sind  sie  2  eng- 
lische Zoll  lang,  nach  einem  Jahre  33/4,  nach  16  Monaten  6",  und  nach 
zwei  Jahren  6V^"-  Dann  sind  die  Männchen  reif.  Aber  auch  davon 
gingen  weniger  allgemein  nachgeahmte  praktische  Resultate  aus,  eben- 
sowenig als  von  den  Versuchen  von  Andrew  Young  und  Dr.  Knox. 

Seit  1841  hatte  ein  Ingenieur.  GoitUeh  Boccius ,  zu  Hammersmith 
in  den  Wässern  des  Herrn  Drummond  bei  Uxbridge,  dann  auf  den  Län- 
dereien des  Herzogs  von  Devonshire  zu  Chatsworth  und  auf  denen  der 
Herren  Gunrie  in  Carsaltow  und  Hibberts  in  Chalfort  künstlich  Forellen- 
eier befruchtet,   und   bis    1848    schon   200,000  junge   Forellen   gezogen. 


188 

So  war  in  Deutschland  und  England  die  Frage  schon  vor  1848  gelöst, 
bis  wohin  in  Frankreich  nichts  hiervon  zu  bemerken  war;  aber  sie 
fand  immerhin  keinen  allgemeinen  Eingang. 

Periode  der  allgemeinen  Einführung  der  künstlichen  Befruchtung  der  Fisch- 
eier und  künstlichen  Fütterung  der  Brut  und  älteren  Fische,  oder  die  Me- 
thoden von  Remy  und  Gelim,  sowie  ihre  Verhesserung   durch  Millet,  Coste 
und  de  ftuatrefages,  oder  die  Periode  der  künstlichen  Befruchtimg  zu 
Zwecken  der  Industrie  (1848  bis  heute). 
Wie  es  mit  dem  Alumin  gegangen,  so  auch   hier.      Ein    Deutscher 
erfand,  dem  Deutschen  bleibt  das  grosse  Verdienst  der  praktischen  Ver- 
werthung  der  Erfindung.     Ja,  Referent  kann  es  nicht  unterlassen ,    hier 
daran  zu  erinnern,  dass  es  den  Deutschen  wie  schon  vor  Alters  erging. 
Erst  was  die  grosse  Tour  durchs  Ausland  gemacht  hat,  kommt  in  Gelt- 
ung.    „Der  Prophet  gilt  am  wenigsten  in  seinem  Vaterlande",    wie  der 
biblische  Sänger  sagt.     Kurz,  das  Hauptverdienst  bleibt  den  Franzosen. 
Zuerst  unter  den  Franzosen  befasste  sich    1848    de  (Juatrefages   zu   wis- 
senschaftlichen Zwecken  mit    der   künstlichen  Vermehrung   der  Fische, 
nachdem  ihm  Rusconi  und  C.   Vogt  damit   vorangegangen    waren.      Sein 
Verdienst  in  dieser  Frage  ist  jedenfalls   kein   selbstständiges,  doch  hat 
er  das  Verdienst,  seine  Landsleute  auf  die  Wichtigkeit    des  Gegenstan- 
des und  auf  die  Möglichkeit  ihrer  Ausbeutung  aufmerksam  gemacht  zu 
haben,  worin  freilich  Deutschland   auf  beschränktem  Raum ,   Schottland 
und  die  Neufchateler  Regierung  ihm  schon  zuvorgekommen  waren.     Er 
rieth  den  Brutkasten  von  Gohtein,   was  vielmehr   heissen  muss  von  Ja- 
cobi,   und   die  Streckteichzucht  der  Forellen,    die  Knocke  in  Oelbergen 
schon  eingeführt  hatte,  freilich  ohne  diesen  zu  nennen,   vielleicht  auch 
ohne  ihn  zu  kennen.     So    hat  der  gefeierte  Franzose  jedenfalls   als    der 
Wiedererwecker  der  deutschen  Methode  in  Rücksicht  auf  die  Praxis  zu 
gelten  nnd  des  Weiteren  für  die  Gemüther  zugänglich  gemacht  zu  haben. 
für   die   um    diese   Zeit    allgemeiner    werdenden    Versuche    der   Fischer 
Remy  und  Gelim,  die  schon  seit  dem  Jahre  1 844  etc.  die  Annalen  dieser 
Gesellschaft  vom  .Jahre  1844,   wie  Dr.  Haoco   bestätigt,    eine  Unterstütz- 
ung der  Spciete  d'emulation  des  Vosges,  für  ihre  Versuche  und  Erfolge 
in   der  Forellenzucht   erhalten  hatten.     Herr   Dr.   Haxo,    der   sich   der 
Fischer  sehr  warm  annimmt,  lässt  in  seinen  Schriften  durchblicken,  als 
habe    de  Quatrefages  im  Stillen   von    den  Erfolgen    der  Fischer  gewusst 
und  sie  ignorirt.     Es  ist  durchaus  aber  die  Wahrheit  dieser  Insinuation 
nicht  nachzuweisen,  und  de  Quatrefages  hatte  jedenfalls  auf  literarischem 
Wege  Kenntniss  des  Gegenstandes  sich  erworben.     Die  Art  und  Weise, 
wie  durch  reine  Selbstbeobachtung,  ohne  irgend  ein  literarisches  Hilfs- 
mittel ,   Remy  zur  Kenntniss   des  Vorganges    des  Laichens  der  Forellen 
in    der   freien  Natur   gelangte,    wie    er    sich  seinem  Collegen  Gelim.  ver- 


traute  und  die  Sache  praktisch  ins  Werk  setzte  sind  jetzt  allgemein 
bekannt  und  ebenso,  dass  Remy  schon  im  Jahre  1843  deshalb  einen 
Brief  an  den  Präfecten  der  Vogesen  richtete.  Das  Verfahren  weicht 
in  Nichts  von  dem  ab,  was  Jacobi  hierüber  bekannt  gemacht  hatte,  und 
was  in  Pinchotis  Manuscripte  sich  aufgezeichnet  findet;  nur  gingen  die 
Fischer  allmälig  zu  metallenen  Brutkästen  über.  Ihr  selbsttändiges 
Verdienst  ist  es,  dass  sie  hierbei  nicht  stehen  blieben,  sondern  den 
jungen  Forellen,  von  der  Zeit  an,  wo  sich  ihre  Nabelblase  resorbirt  hat, 
eine  passende  Nahrung  zu  geben  suchten.  Hierzu  bedienten  sie  sich 
des  Froschlaiches  und  später  befruchteten  sie  künstlich  die  Eier  pflan- 
zenfressender Fische,  von  denen  die  Forellen  leben,  und  setzten  deren 
Brut  in  die  Teiche.  Auch  gekochtes  Eigelb,  gehacktes  gekochtes 
Fleisch,  Leber,  gehackte  Eingeweide  verschiedener  Thiere  wurden  von 
Coste  und  anderen  zur  Fütterung  benutzt.  3/inef  räth,  die  Brut  dahin 
zu  bringen,  wo  sie  Frosche,  Lymnaeen  und  Planorben  fänden.  Es  ver- 
,steht  sich  dabei  nur,  dass  die  Forellenbassins  vom  fliessenden  Wasser 
gespeisst  Averden.  Bemi/  und  Gelim  besetzten  zuerst  zwei  Teiche  bei 
la  Bresse,  später  mehrere  Teiche  ihres  Cantons,  die  fliessenden  Wässer 
der  Commun  Waidenstein  und  die  Mosellotte,  ein  Nebenfluss  der  Mo- 
sel, mit  Forellenbrut. 

Milne  Edwards  ward  1850  erwählt,  um  die  Sache  im  Auftrage  der 
Regierung  zu  prüfen.  Er  instruirte  sich  zuvor  durch  einen  Besuch  Eng- 
lands über  die  dort  im  Gange  befindlichen  Methoden  und  ging  dann  in 
die  Vogesen  nach  la  Bresse.  Der  sehr  interessante  und  günstige  Be- 
richt reservirt  den  Deutschen  die  frühere  Kenntniss  dieses  Verfahrens, 
und  den  Fischern  zu  la  Bresse  das  Verdienst,  hieraus  für  Frankreich 
einen  neuen  Zweig  der  Industrie  errichtet  zu  haben  und  schloss  damit, 
zu  erwähnen,  wie  Nutzen  bringend  es  für  den  Staat  sein  müsse,  wenn 
die  sämmtlichen  Flüsse  Frankreichs  in  dieser  Weise  mit  Bewohnern 
versehen  würden.  Als  die  geeignetste  Belehrung  für  die  beiden  Fischer 
schlug  der  Berichterstatter  die  vor,  ihnen  den  Auftrag  zu  ertheilen,  die 
Flüsse  Frankreichs  mit  neuen  Bewohnern  zu  füllen.  Denselben  Antrag, 
der  auch  von  Seiten  der  Regierung  acceptirt  wurde,  stellte  durch  Herrn 
de  Quatrefarjes  die  Societe  philomatique. 

Seit  dieser  Zeit  zeigte  sich  überall  ein  mächtiger  Aufschwung  der 
künstlichen  Vermehrung  der  Fische,  und  Laien  und  Gelehrte  beschäf- 
tigten sich  seitdem  mit  dieser  Frage.  Von  ausländischen  Gelehrten 
sind  hier  besonders  unter  den  Franzosen  noch  Valenciennes,  Millet,  Coste, 
der  leider  nicht  immer  ehrlich  in  Betreff  der  Angabe  der  Benutzungen 
seiner  Quellen,  besonders  in  Betreff  Millets  ist,  Berthot  und  Dezem,  Paul 
tlervais  und  Fournet  zu  nennen,  von  italienischen  Deßlippi  in  Turin ;  von 
holländischen  Leistungen  ist  der,  wie  Referent  hörte ,  auf  Kosten  eines 
naturwissenschaftlichen  Vereins  zu  Darmstadt  übersetzte  Rapport  einer 
vom  König  von  Holland  hierüber   niedergesetzten  Commission   zu   nen- 


140 

nerij  der  unter  dem  Titel :  „Handleiding  tot  de  Kunstmatige  Vermenig- 
vuldigen  van  Visschen  1853"  erschien.  In  Deutschland  hat  selbststän- 
diges hierüber  der  Prof.  Fraas  in  München  geleistet.*) 

Valenciennes,  Milne  Edwards  und  Quatrefages  haben  mehr  und  mehr 
Gutsbesitzer  veranlasst,  die  Versuche  zu  wiederholen,  doch  mit  Recht 
vor  sofortigen  übertriebenen  Hoffnungen  gewarnt-  Coste  dagegen  ging 
lebhafter  und  mit  vollen  Hoffnungssegeln  auf  die  Sache  los,  doch  scheint 
er  zu  grosse  Hoffnungen  rege  gemacht  zu  haben.  Cosle  wurde  beauftragt, 
ein  grossartiges  Etablissement  für  künstliche  Fischzucht  herzustellen, 
und  begab  sich  deshalb  nach  Loeclilebrunn  bei  Hüningen,  wo  die 
Herren  Ingenieure  Detzem  und  Berthot  seit  1852    grossartige  Fischzucht 


*)  In  Sachsen  hat  sich  auf  meinen  Vortrag  nnd  Antrag  hin  der  naturwissenschaft- 
liche Verein  zu  Zittau  zuerst  im  Herbste  1s.j3  mit  der  künstlichen  Vermehrung  der 
Forellen  beschäftigt.  Es  wurden  von  dem  genannten  Vereine  Herr  Stadtrath  Lange, 
Vorstand  unseres  Forst-  und  Agriculturwesens,  und  der  Unterzeichnete  gewählt.  Wir 
zogen  im  Frühjahr  1854  die  erste  Brut.  Hierauf  bewilligte  auf  Vortrag  des  Unterzeich- 
neten der  landwirthschaftliche  Verein  der  Lausitz  100  Thaler;  damit  hierfür  kleinere 
Lehranstalten  errichtet  würden.  Die  Verwendung  dieser  Gelder  werde  ich  am  Ende 
dieses  Jahres  dem  Kreisvereiu,  wie  sich  versteht,  berechnen  und  genaueren  Bericht  er- 
statten. Die  Grundsätze,  die  mich  leiteten  und  leiten,  findet  man  auf  den  letzten  Sei- 
ten.    Die  Resultate  in  Betreff  der  Forellen  sind  folgende : 

1)  in  einer  Station  blieben  eigenthümlicher  Verhältnisse  wegen,  die  Versuche  in 
zwei  Brutbüchsen  ohne  Erfolg;  zum  Theil  wohl  auch  deshalb,  weil  die  Löchelchen,  in 
den  die  Büchsen  standen,  zugefroren  waren.  Eine  dritte  Büchse  ist  gänzlich  ver- 
schwunden. 

2)  In  Oderwitz  waren  schon  im  vorigen  Jahre  alle  Versuche  in  den  Brutkästen  und 
Brutbüchsen  erfolglos  geblieben.  Auch  dies  Jahr  gingen  die  grosse  Mehrzahl  der  Eier 
zu  Grunde.  (Diese  Station  habe  ich  in  diesem  Jahre  selbst  gar  nicht  inspieirt,  da  ich 
auf  den  Herrn  Förster  daselbst  mich  sicher  verlassen  konnte.) 

3)  In  Harthau  liess  ich  einen  Apparat  ähnlich  dem  von  Coste,  aus  drei  Sandstein- 
trögen, aber  mit  der  unten  angegebenen  Modification  einrichten.  Wir  erzogen  17  Stück 
junger  Forellen.  Die  in  einem  der  Tröge  eingesetzten  zwei  Stück  Forellen  Weibchen 
und  ein  Männchen,  die  liier  freiwillig  nacli  Ansicht  des  Herrn  Försters  streichen  soll- 
ten, wurden  von  Wasserratten  geholt.  Man  fand  ihre  Spuren  im  Schnee,  und  im  Troge 
die  abgebissenen  Köpfe  der  Forellen.  Für  ähnliche  Uebelstände  ist  durch  Auflegung 
von  durchlöcherten  Zinkblechen  Abhilfe  getroffen  worden. 

4)  In  Oybin  sind  heute  noch  Hunderte  von  erst  im  Februar  befruchteten  Eiern 
ganz  gut,  und  wir  sehen  täglich  der  Ausschl}.ipfung  der  Brut  entgegen. 

5)  In  dem  bei  den  Goldkarpfen  genannten  Bassin  auf  Herrn  Stahmer's  Garten  kamen 
Hunderte  von  Eiern  durch  Algen  und  Insekten  um.  Ich  finde  heute  nur  drei  Eier  mit 
Augenanlagen  und  Gef  ässentwickelung.     Ausgeschlüpfte  Brut  noch  gar  nicht. 

6)  Herr  Lieutenant  v.  d.  A.  von  Fohlen tz  auf  Niedercunewalde  bei  Bautzen  hatte 
sich  im  vorigen  Jahre  einen  Coste'schcn  Apparat  von  Holz  gemacht  und  mich  im  Spät- 
herbst 1854  eingeladen,  ihm  die  Manipulationen  zu  zeigen.  Dies  habe  ich  gethan,  und 
auch  hier  sind  junge  Forellen  ausgeschlüpft,  wie  briefliche  Mittheilungen  mich  benach- 
richtigten. 

Von  einer  andern  Station  bei  Bautzen  sind  mir  keine  Mittheilungen  zugekommen. 
leb  für  meinen  Theil  rathe  zu  einem  Apparate,  wie  der  in  Harthau  von  mir  benutzte. 


141 

angelegt  hatten,  die  in  Folge  des  Coste'schen  Berichts  von  Staatswegen 
Unterstützung  erhielt.  Hier  nun  scheinen  die  Erfolge  hinter  den  Ver- 
sjjrechungen  zurückgeblieben  zu  sein.  Die  Verbindung  Costes,  mit  die- 
sem Institute  hat  zur  Lösung  einer  anderen  interessanten  Frage  beige- 
tragen, der  über  die  Transportfähigkeit  befruchteter  Eier.  Lachs-  und 
Forelieneier  von  Mühlhausen  mit  der  Diligence  nach  Paris  gesendet, 
sind  in  sehr  grosser  Zahl  im  College  de  France  ausgeschlüpft.  Andere 
künstlich  befruchtete  Eier,  in  einem  Kasten  von  Weidenholz,  zwischen 
abwechselnden  Lagen  von  feuchtem  Sande,  innerhalb  eines  Zimmers 
aufbewahrt,  wurden  zwar  anfangs  etwas  runzlicht,  später  aber  im  flies- 
senden Wasser  glatt  und  die  Brut  schlüpfte  aus.  Die  Eier  transportirt 
man  am  besten  in  Lagen  feuchten  Sandes,  befeuchteter  Wasserpflanzen 
und  Moose,  nach  Millet  in  dichtgelegter,  befeuchteter  Leinwand  oder  nach 
Marquis  Vihraye  in  kleinen  befeuchteten  Wattekissen,  die  man  in  Büch- 
sen und  Kübeln  verwahrt.  Millet  transportirte  so  Eier  nach  Florenz, 
die  20 — 25  Tage  unterwegs  waren,  beim  Transporte  zarter  Eier,  zumal 
im  Sommer  gebe  man  etwas  Eis  darum.  — -  Die  beste  Zeit  des  Trans- 
ports ist  kurz  nach  der  Befruchtung,  oder  wenn  die  Augen  schon  durch- 
schimmern. 

Der  Apparat  Costes  ist  bekannt.  Eine  Stenterröhre  mit  einem  Ab- 
flussrohre, dessen  Strom  ein  Hahn  regulirt,  ergiesst  in  einen  mit  feinem 
Sande  belegten  Trog,  in  dem  die  Eier  liegen,  einen  Wasserstrahl,  der 
nach  beiden  Seiten  hin  das  Wasser  in  den  unteren  Trog  treten  lässt. 
Von  diesem  Troge  aus  fliesst  ebenfalls  nach  beiden  Seiten  hin  das  Was- 
.ser  in  andere,  darunter  terassenförmig  angebrachte  Tröge. 

Ich  für  meinen  Theil  ziehe  den  hölzernen  Trögen  solche  von  Sand- 
stein vor  und  fange  ausserdem  das  Wasser  nicht  in  der  Mitte  des  ober- 
sten Troges,  sondern  an  der  Seite.     Von  jedem  Troge  leitet  Avieder  nur 
eine  Oeflnung  das  Wasser  in  den    nächst    unteren  Trog  und    damit  ein 
continuirlicher  Strom  unterhalten  wird,  ist,  wie  sich  von  selbst  versteht, 
die  AbleitungsöÖhung  des  nächst  unteren  Troges  stets  au  der  der  OefFnung 
des    oberen   Troges    gegenüberstehenden   Seite   angebracht.     So   erhalte 
ich   einen    einfachen    in   einem    einfachen    Schraubengange   gewundenen 
Strom.     Wer  den  Coste?>Q\iQYs.  Apparat  anwenden  will,    der  muss  meiner 
Ansicht  nach,  wie   er  in    dem  obersten  Troge    das  Wasser  in  der  Mitte 
fasst,  es  ebenso  im   dritten,    fünften,   siebenten    Troge   fassen,    und   wie 
er   es  im  zweiten   an   beiden  Seiten    nach   dem   unteren  ablaufen  lässt, 
so  auch  wiederum   im   Aierten,    sechsten   Troge   und   so   fort   es    durch 
zwei  seitliche  Oeflfnungen  ableiten.     So    bilden  Trog  "1  und  2,  3  und  4, 
5  und  6  je  einen  abgeschlossenen  Raum  für   sich.      Als   Material    rathe 
ich  lieber  Sandstein,  als  Holz,  theils  der  Dauerhaftigkeit  wegen,   theils 
aber   auch,   weil   Holztröge   viel    schneller   faulen,    und   viel  reichlicher 
Algen   ansetzen.     Das   schlechteste   Holz   für   Tröge   sind   die  harzigen 
Weichhölzer.     Wer  durchaus  Holztröge  nehmen  will,  der  nehme  hierzu 


142 

Weiden-,  Linden-  oder  Buchenholz.  Traurige  Erfahrungen  über  die  Un- 
gleichheit des  Stromes  ohne  einen  Hahn  zur  Regulation  ,  lassen  mich 
rathen,  stets  dieses  schon  von  Coste  angewendeten  Mittels  sich  zu  be- 
dienen. Ein  Apparat  von  Sandstein  aus  drei  Trögen,  jeder  zu  IV'i  Elle 
Länge  und  7  Zoll  etwa  Breite,  in  der  Lichtung  haltend,  kostet  hier  am 
Platze  1  V»  Thaler,  die  Aufstellung  solch  eines  Apparates  mit  Rohr  und 
Hahn  etwa  6 — 8  Thlr.  und  genügt  für  den  Bedarf  eines  Gutes  recht 
gut.  —  Als  Material  zu  Brutbüchsen,  die  man  stets  durch  Steinvorbau 
vor  einem  zu  starken  Wasserstrome  schützen  möge,  nehme  man  ebenso 
nie  Holz,  oder  doch  nicht  die  harzigen  Hölzer.  Weisses  Eisenblech, 
immerhin  noch  das  Beste,  rostet  sehr  leicht.  Ich  habe  aus  zwei  mal 
gebranntem  Töpfertone  in  Muskau  in  der  Niederlausitz  viereckige  Kis- 
ten von  reichlich  ^j-i  Elle  Länge,  5 — 6''  Breite  und  8 — 9"  Tiefe  bauen 
lassen.  Hiervon  kostet  das  Stück  beiläufig  25  Ngr.  und  bin  ich  bereit, 
Freunden  der  Fischzucht  davon  noch  einige  abzulassen.  Sie  dienen  zu 
Versuchen  in  Quellen  und  Bächen.  K. 

Besondere  Cautelen  bei  der  Fiaehzucht. 

Eine  Hauptsache  bei  der  künstlichen  Befruchtung  ist  es,  den  männ- 
lichen Saamen  später  in  die  Schaale,  in  der  mcm  die  Befruchtung  vornimmt,  fal- 
len zu  lassen,  als  die  Eier.     Gut  ist  es  auch,  Beides  gleichzeitig  vorzunehmen. 

Nach  den  von  de  Quatrefages  angestellten  Versuchen,  die  auf  die 
bekannte  Erfahrung  gegründet  sind,  dass  die  Spermatozoiden  (Saamen- 
faden)  nur  so  lange  befruchten,  als  sie  sich  bewegen,  (was  um  so  we- 
niger auffallen  wird,  seitdem  wir  wissen,  dass  diese  Saamenf äden  hinein 
ins  weibliche  Ei  dringen.  Ref.*)  ist  die  Zeit  nur  kurz,  während  welcher 


*)  Die  Ersten,  die  das  Eindringen  der  Saamenf täden  in  das  Ei  beobachteten,  waren 
Newport  (Batrachierei) ,  Barry  (Kaninchenei),  Keber  (Najadenei)  und  Nelson  (Ascaridenei). 
NachL.  Reiclienbach  wurden  diese  Beobachtungen  noch  früher  von  Prevostu.  Dumas:  am  Tri- 
ton-Ei gemacht.  Vor  Allen  Bischoff  bekämpfte  diese  Ansiclit  ziemlich  scharf  im  Vereine  mit 
Funke  in  Leipzig  uudv.  Hessling  in  München.  Inzwisclien  fand  Meissner  —  der  wenn  er  auch 
durch  Kebers  Abbildungen  nicht  überzeugt  ist,  dass  wirklich  dieser  das  Eindringen  der  Samen- 
fäden in  die  Najadeneier  gesehen  habe,  des  sehr  hart  mitgenommenen  Kebers  Benennung, 
der  in  der  Entwickelung  des  Eies  begründeten  Oeffnung  der  Dotterhaut  nach  Analogie  am 
Pflanzenei  als  Mikropyle  vertheidigt,  —  dieses  Eindringen  der  Spermatozoiden  ins  Ei  bei 
Ascaris  mystax,  A.  margiuata,  A.  megalocephala,  Strougylus  ai'matus,  Lumbricus.  Bei  In- 
sekten, wie  Musca  vomitoria,  M.  domestica,  Tipula,  Lampyris  spleudidula,  Elater  (pectini- 
cornis),  Telephorus  bei  einer  Species  von  Adela,  Pyralis,  bei  Tortrix,  Euprepia  lubricipeda, 
E.  Caja,  Liparis  Salicis,  Pieris  Brassicae,  Tenthredo  viridis,  Spathius  clavatus,  AgriouVirgo 
Panorpa,  bei  einer  Crustacee:Gammarus  pulex  hat  Meissner  weiter  das  Bestehen  der  Mikro- 
pyle mit  Sicherheit  nachgewiesen  und  man  muss  daher  wohl  auch  an  das  Eindringen  der 
Spermatozoiden  im  Eie  glauben.  Später  widerrief  Bischoff,  und  sah,  wie  auch  Meissner, 
die  Samenfäden  insKaninchcnei  treten.  Das  Beste  hat  hierzu  erst  Meissner  geleistet,  doch 
ist  es  Unrecht,  wenn  man  für  ihn  Prioritätsstrcitigkeiten  in  Betreff  der  Entdeckung  erheben 
wollte.  Er  und  Bischoff  bestätigten  nur  Gesehenes,  und  Keber  hat  mindestens  das  grosse 
Verdienst  der  Anregung.  K. 


14S 

die  Samenfäden  ihre  Befruchtungsfähigkeit  behalten,  und  diese  Zeit 
wiederum  bei  den  einzelnen  Arten  verschieden.  Die  Samenfäden  des 
Hechtes  stehen  nach  8  Minuten  und  10  Secunden  im  Wasser  still,  die 
vom  Plötz  in  3  Minuten  und  10  Secunden;  die  vom  Karpfen  in  3  Minu- 
ten; die  vom  Barsch  in  2  Min.  40  See;  die  der  Barbe  in  2  Min.  40 
See.  Dabei  wechseln  diese  Bewegungen  noch  nach  den  Temperatur- 
einflüssen. Für  im  Winter  streichende  Fische  ist  eine  Temperatur  des 
Wassers  von  +  4  —  7"  R.,  für  die  im  Frühjahr  eine  solche  von  -f  8 
—  10"  R.;  für  die  im  Spätfrühjahre  (Karpfen  und  Barsch)  eine  Tem- 
peratur von  4-  14  —  1 6  0  R.,  und  für  die  im  Sommer  streichenden  eine 
Temperatur  von  -f-  20  —  25  "R.  die  günstigste  bei  der  Befruchtung,  da 
hier  die  Fähigkeit  der  Bewegung  der  Saamenfäden  ganz  gut  besteht. 
Kleine  Temperaturunterschiede  und  zumal  niedere  Temperaturen  wer- 
den von  ihnen  viel  besser  vertragen,  als  nur  um  ein  Paar  Grad  höhere. 
Herr  Millet  schickte  Forellenmilch  (ganze  Hoden)  in  einem  Gefäss  mit 
Eis  an  Quatrefages  und  füllte  auch  die  Büchse,  in  der  der  Samen 
lag,  mit  Eis  an.  Diese  Milch  behielt  noch  64  Stunden  ihre  befruchtende 
Kraft.  Die  oberflächlichen  Schichten  verloren  diese  Fähigkeit  früher, 
als  die  inneren,  man  braucht  daher  die  Hoden  gefrorener  Fische  nicht 
wegzuwerfen.  Im  Wasser  verlieren  die  einzelnen  Fäden  eher  ihre  Be- 
weglichkeit, als  die  in  Saamenhaufen  zusammengeballten. 

Die  Kürze  der  Dauer  der  Bewegung  der  Saamenfäden  ist  eine  Haupt- 
ursache des  zeitweiligen  Nichterfolgs  der  künstlichen  Befruchtung,  und 
deshalb  Eile  bei  der  Manipulation  nöthig.  Sodann  wird  es  oft  versehen 
mit  der  Temperatur,  die  jede  einzelne  Fischart  erfordert. 

Diese  Arbeit  von  Quatrefages  hat  zuerst  feste,  wissenschaftliche  Re- 
geln der  Befruchtung  bei  der  Fischcultur  präcisirt. 

Letzte  Verbesserungen  der  Fischcultur  durch  den  IVasser-  und  Forstinspecteur 

Millet,  die  zum  grossen  Theil  von  Coste  nur  adoptirt  worden  sind. 
Ist  der  Laich  dem  Weibchen  auf  einmal  oder  in  Zwischenräumen  zu  nehmen? 
Die  Fischeier  sind  nicht  alle  an  einem  und  demselben  Tage  reif; 
das  Weibchen  streicht  in  Zwischenräumen  und  eine  gCAvisse  Anzahl  von 
Tagen  hindurch,  während  welcher  Zeit  das  Männchen  das  Weibchen 
stätig  verfolgt.  (In  dei'  Fischersprache  bei  Karpfen  „Hetzen".  Ref.) 
Und  darnach  hat  man  bisher  immer  gerathen,  man  solle  den  Laich  auf 
einmal  dem  Weibchen  abdrücken,  was  jedenfalls  ebenso  dem  Thiere  als 
dem  Laiche  und  seiner  Entwickelungsfähigkeit  schadet. 

Millet  versuchte  nun  den  Fischen  die  Eier  in  Absätzen  zu  nehmen. 
Da  aber  die  Gefangenschaft  die  geschlechtlichen  Entwickelungen  der 
Fische  nachweislich  nicht  begünstigt,  so  nahm  er  sie  nur  in  dem  Moment 
der  Befruchtung  aus  dem  Wasser  und  brachte  sie  unmittelbar  darauf 
wiederum  ins  Flusswasser,  indem  er  sie  an  einer  durch  die  Kiemen  ge- 
zogenen Schnur  befestigte,  was  sie  ganz  gut  vertrugen. 


144 

Brutapparat  nach  Millet.  1)  Ausserhalb  der  Bäche  und  Seen. 
Wenn  die  Entwickelung  des  Eies  ausserhalb  des  Wassers  in  dem 
die  Aeltern  leben,  Statt  haben  soll  (in  einem  Zimmer  oder  Schuppen), 
besorgt  man  sich  ein  Gefäss  mit  einer  Capacität  von  3U  —  35  Pf.,  mit 
Älischung  von  Kohle,  Kiesel  und  Sand,  um  eine  Art  Filter  herzustellen. 
Durch  ein  mit  einem  Hahne  versehenes  Rohr  leitet  man  das  gereinigt 
abgelaufene  Wasser  in  treppenweise  aufgestellte  Tröge,  in  denen  man 
aui  folgende  Weise  die  Eier  rein  erhält. 

Jedes  auch  noch  so  reine  Wasser  setzt  fremde  Theilchen  ab,  die 
sich  an  die  Eier  anhängen,  so  dass  sie  sich  endlich  mit  einer  für  die 
Entwickelung  von  Byssus  oder  Schimmel  günstigen  Substanz  umgeben. 
(Besonders  die  Kohlentheilchen  des  obigen  Apparates  begünstigen,  wie 
lieferent  aus  eigner  Erfahrung  leider  weiss,  diesen  Absatz.)  Um  diess 
zu  verhüten,  hält  Herr  Millet,  und' nach  ihm  Coste ,  die  Eier  in  einer 
kleinen  Entfernung  unter  dem  Wasserspiegel  vermittelst  kleiner  Siebe, 
die  aus  verschiedenen  Substanzen,  z.  ß.  Haare,  Seide,  Weide,  am  lieb- 
sten aber  aus  galvanisirtem  Metall,  das  sich  leicht  mit  einer  Feder  rei- 
nigen lässt,  und  nicht  so  leicht  mit  Algen,  bes.  Achlja  prolifera,  über- 
zieht, verfertigt  sind.  Diese  Siebe  werden  an  kleinen  über  die  Ränder 
der  Rinnen  gleitenden  Fäden  in  der  gewünschten  Höhe  gehalten.  Uebri- 
gens  hat  schon  Voigt  eine  ähnliche  Einrichtung  angewendet,  indem  er 
die  Lachseier  in  einem  von  allen  Seiten  durchgängigen  Mousselinsack 
an  einem  Faden  in  den  See  warf,  oder  vermittelst  eines  grossen  Steins 
am  Platze  hielt. 

Die  Mühe,  die  man  mit  solch  einem  Apparat  hat,  ist  gering.  Man 
braucht  nur  täglich  morgens  und  früh  den  Behälter  zu  füllen,  das  Sieb 
täglich  einmal  zu  reinigen  und  die  undurchsichtig  gewordenen  Eier  zu 
entfernen.  Seit  Jahren  bedient  sich  Millet  dieses  Apparates,  um  in  Paris, 
in  der  Rio  Castiglione  die  Eier  von  Forellen  und  Lachsen  auskriechen 
zu  machen.  *) 

2)  Innerhalb  der  Bäche  und  Seen. 

Kann  man  im  Wasser  eines  Flusses,  Sees  oder  eines  Teiches  selbst 
operiren,  so  wende  man  doppelte  Siebe  von  metallischem  Gewebe  an, 
die  man  vermittelst  eines  Schwimmers  (Flotteur)  in  einer  passenden 
Höhe  erhält  und  die  somit  dem  Fallen  und  Steigen  des  Wassers  folgen 


*)  Referent,  der  örtlicher  Verhältnisse  halber  seinen  Apparat  nicht  zu  Hause  ha- 
ben konnte,  hatte  Unglück  mit  seinem  derartigen  Apparate,  wird  ihn  aber  von  Neuem 
wieder  vornehmen.  Dieser  Apparat  war  wie  folgt  eingerichtet.  Eine  gut  ausgewässerte 
sogenannte  Oleumflasche  wurde  2  Zoll  vom  Boden  seitlich  in  der  Dicke  eines  kleinen 
Fingers  durchbohrt  und  in  diese  Oeffnung  ein  feines  Abzugsrohr  (am  besten  mit  einem 
Hahne)  gebracht.  Die  Oleumflasche,  die  das  Wasserreservoir  darstellte,  wurde  auf  die 
höchste  Staffel  einer  gewöhnlichen,  treppenförmigen  Blumenstellage  gestellt  und  täglich 
:2weimal  gefüllt.  Von  da  tropfte  das  Wasse^  in  wiederum  mit  Abzugsgefässen  versehene 
Gefuöse,  welche  sich  auf  den  untern  Staffeln  der  Blumenstellage  befanden.  K. 


145 

können.  Für  Arten,  die  in  stillem  Wasser  laichen,  belegt  Millet  das 
doppelte  Sieb  mit  Wasserpflanzen,  oder  bringt  ihre  Eier  in  grossen 
Kübeln  mit  Wasserpflanzen  ins  Wasser. 

Ein  Fluss  des  Salzwassers  auf  die  Eier  der  Fische,  welche  um  zu  laichen, 
das  Meer  verlassen  und  in  die  Süsswässer  hinaufsteigen,  nach  Millet. 

Für  gewöhnlich  ist  Salzwasser  der  Entwickelung  der  Eier  nach- 
theilig. Bekommen  aber  die  Eier  weisse  Flecken,  die  sich  von  der 
Oberfläche  nach  dem  Centrum  zu  ausdehnen,  und,  wenn  man  sie  ver- 
grössern  lässt,  die  Zerstörung  der  Eier  herbeiführen,  so  bringt  man 
dieselben  durch  einen  schAvachen  Grad  von  Salzzusatz  zum  Schwinden 
und  die  Brut  zum  Ausschlüpfen.  Je  niedriger  die  Temperatur  ist,  um 
so  weniger  bekommen  die  Eier  von  Forellen  und  Lachsen  weisse  Flecke: 
um  so  mehr  bei  einer  Temperatur  von  über  10  Grad*). 

Schlussbetrachtungen.  Bei  der'Frage,  welche  Fische  für  einen  District 
am  besten  passen,  prüfe  man  zuerst  die  Natur,  gewöhnliche  Temperatur, 
Tiefe  und  verschiedene  Eigenschaften  der  fraglichen  Gewässer  und  die 
Gewohnheiten,  den  Instinct  und  die  Lebensweise  der  Fische,  die  sich 
daselbst  entwickeln  sollen.  (Eefer.  räth  dabei  zugleich  nachzusehen, 
was  noch  für  Fiscliarten  zur  Zeit  in  diesen  Gewässern  vorkommen,  und 
welche  früher  daselbst  vorkamen.  So  waren  seiner  Zeit  in  der  Nieder- 
lausitz die  Lachse  so  gemein,  dass  ein  Gesetz  erlassen  wurde,  dem 
Dienstpersonale  nicht  mehr  als  zweimal  wöchentlich  Lachs  zum  Essen 
zu  geben.)  Hat  man  eine  passende  Wahl  getrofi'en,  so  wähle  man  zur 
Befruchtung  taugliche  Individuen,  vor  Allem  solche,  die  nicht  zu  lange 
in  engen  Behältern  gefangen  gehalten  waren,  was  dem  Laiche  schadet. 
In  kleinen  von  Bächen  durchflossenen  Weihern  und  Teichen  kann  man 
sie  gern  halten. 

Weiter  beachte  man  genau  die  oben  von  Quatrefages  angegebenen 
Cautelen  in  Betreff  der  Temperatur  des  Wassers  im  Befruchtungsgefäss, 
obgleich  Vogt  bei  den  den  Lachsen  verAvandten  Arten  die  Befruchtung 
bei  in  Eis  gelegenen  Eiern  mit  Erfolg  vorgenommen  haben  will. 

Man  muss  die  Befruchtung  nicht  auf  einmal  vornehmen,  und  womög- 
lich die  Thiere  nicht  aus  dem  Wasser  nehmen,  sondern  unmittelbar  an  der 

*)  Es  ist  eiu  eigenthümlicher  iu  allen  Zweigen  der  Naturgeschichte  sich  wieder- 
holender Erfahrungssatz,  dass  man  einzelnen  Arten  von  Wesen  nur  in  einem  geographisch 
sehr  beschränkten  Räume  begegnet.  So  findet  sich  eine  der  schönsten  Lachsforellen 
nur  an  einer  einzigen  Stelle  des  Genfer  Sees  (eines  Binnensees)  und  nur  zu  einer  ge- 
wissen Zeit.  Sollte  das  nicht  mit  der  Streichzeit  dieser  Thiere  zusammenfallen  und 
daraus  zu  erklären  sein,  ^ass  an  dieser  Stelle  ein  besonders  kalter  Quell  den  See 
speise?  Liesse  sich  das  nicht  so  erklären,  dass  die  Aeltern  instinktmässig  diese  Stelle 
suchten,  weil  ihrer  Brut  hier  ein  möglichst  kaltes  Wasser  zu  ihrer  Entwickelung,  die 
sie  bekanntlich  bei  -f  10  R.  nicht  mehr  durchzumachen  im  Stande  ist,  geboten  wird? 
Am  Ende  kann  der  Geolog  ferner  von  den  Fischen  noch  AVinke  erhalten!  —  K. 

Allg-,  deutvrciie  natnihist.  Zcitunsr    I.  i  ■• 


Oberfläche  des  Wassers  ihres  Saainens  berauben.  Ferner  streiche  man 
nur  leicht,  oder  noch  besser,  man  beuge  die  Thiere  schwach  nach  oben, 
wobei  der  reife  Saamen  austritt.  Nur  Avenn  das  nicht  hilft,  drücke  man 
ganz  leicht  den  Bauch  mit  dem  Finger  und  streiche  gleichzeitig  oder 
fast  gleichzeitig  den  Saamen  ab,  da  die  Forellensaamenfäden  nur  eine 
Minute  sich  bewegen  und  beim  Karpfen  die  mucilaginöse  Eihülle  so 
schnell  im  Wasser  sich  auftreibt,  dass  die  Befruchtung  alsbald  dadurch 
erschwert  ist.  (Dies  sieht  man  ja  schon  an  den  Fröschen,  bei  denen 
das  Männchen  sofort  das  ins  Wasser  fallende  Ei  mit '  seinem  Saamen 
befruchtet.  Ref.)  Mail  wasche  ja  nicht,  wie  einige  riethen,  die  Eier 
vor  der  Befruchtung.  Hat  man  die  Eier  einmal  befruchtet,  so  bediene 
man  sich  der  Apparate  von  Coste  und  Millel  oder  des  Doppelsiebes  oder 
des  „incubateur  flottant"  von  Millel.  Am  besten  befruchtet  man  alsdann 
unter  Wasser,  und  wenn  man  mit  Fischen  zu  thun  hat,  die  ihre  Eier 
anhängen,  nach  vorhergäugigem  Einbringen  von  Wasserpflanzen  oder 
krummen  Reisern  in  das  Sieb.  Mittels  eines  Flotteurs  und  Fadens 
kann  man  den  Apparat  leicht  visitiren.  (In  stehenden  oder  langsam 
fliessenden  Wässern  ist  das  Anbinden  an  einen  Faden  gefährlich.  Ich 
erlebte  es,  dass  Bindfaden  von  der  Stärke  der  Uhrseile  einer  Schwarz- 
wälder  Uhr  nach  Zeit  von  3-  bis  4wöchentlichem  Liegen  im  Wasser 
beim  Herausnehmen  der  Büchsen  zerrissen.  Ref.)  Die  Fische  setzt 
man  aus ,  sobald  sie  ihre  Nabelblase  verloren  haben  und  am  liebsten 
an  nicht  zw  tiefe  Orte,  da  hier  die  grossen  Fische  gewöhnlich  nicht 
sind.  Die  Brut  versteckt  sich  übrigens  leicht  vor  ihren  Feinden.  Als 
Nahrung  kann  man  ihnen  bald  Ueberreste  aus  der  Küche  und  Fleischbank 
reichen  und  alle  dem  Menschen  unbrauchbare,  thierische  Substanzen. 
(Ref.  fragt,  ob  nicht  auch  Qiiarch  ihnen  bekannt  ?)  Manche  Substanzen 
schaden  den  Fischen,  z.  B.  nach  Sivard  de  Beaidleu  ist  der  Erdsalaman- 
der für  Forellen  verderblich.  In  gut  fliessendem  Wasser  erzeugen  übrig- 
bleibende Nahrungsreste  keinerlei  Beschwerde  für  die  Brut  und  man 
kann  sie  selbst  in  kleine  Bassins  setzen. 

Persönliche  Regsamkeit  und  Geschicklichkeit  regeln,  wie  bei  jeder 
Industrie,  auch  hier  den  Erfolg.  Nötliig  ist  freilich  von  Seiten  der  Regier- 
ungen, die  Revision  der  Fischgesetze  durch  Sachverständige  ,  und  eine 
vernünftige  Fluss-  und  Küstenaufsicht,  sowie  Einführung  der  künstlichen 
Befruchtung  an  möglichst  vielen  Orten.  Vorzüglich  soll  hierzu  das  vor- 
handene Personal  der  Verwaltung  der  Wässer  und  Forsten  verwendet 
werden. 

Somit  schliest  Referent  den  Bericht  und  erlaubt  sich,  ausser  den 
früher  schon  eingestreuten,  noch  einige  selbstständige  Bemerkungen 
über  die  Teudenzen,  mit  denen  er  daran  ging,  in  seinem  eignen  Vater- 
lande zuerst  Versuche  der  künstlichen  Foi'ellenzucht  zu  machen ,  und 
zuletzt  seine  Gedanken  über  die  Karpfenzucht  in  Specie  darzulegen. 

Oben  schon  wurde  gesagt,  dass  es  bei  jeder  Industrie,  so  auch  hier  auf 


147 

Fleiss  lind  Greschicklichkeit  des  Einzlnen  ankomme,  und  dass  dies  auch 
von  der  Fischcultur,  als  Industrie ,  zu  sagen  sei.  Nur  schwer  oder 
doch  mit  zu  vieler  Anstrengung,  die  oft  gescheut  wird,  belehrt  man 
sich  aus  Büchern.  Die  Beibringung  eines  einzigen  praktischen  Kunst- 
griffs ersetzt  Stunden.  Wer  daher  zu  der  Förderung  der  künstlichen 
Fischzucht  mithelfen  und  mitbeitragen  will,  der  muss  sich  nicht  scheuen, 
mit  eignen  Opfern  an  Zeit  und  Geld  die  Sache  in  die  Hand  zu  nehmen, 
vor  Allem  sollte  der  Staat  selbst  eingreifen.  Für  unsere  Lausitz  ist  dem  Pri- 
vatfleiss  die  Sache  überlassen.  Als  Lehranstalt  soll,  wie  ich  höre,  die 
öconomische  und  forstwirthschaftliche  Academie  zu  Tharandt  gelten ; 
eine  gewiss  sehr  fruchtbringende  Einrichtung,  wenn  die  Sache  mit  Lust 
und  Liebe  praktisch  betrieben  wird.  Dann  können  von  hier  aus  die 
jungen  Eleven  diese  Kunst  durch  unser  Land  und  weiter  hinaus  ver- 
breiten. Sehr  viel  würde  zweifelsohne  weiter  gewonnen,  wenn  man  schon 
jetzt  die  Oberförstereien  und  Oberforstmeistereieu  des  Landes  dahin  be- 
stimmte, dass  sie  in  ihrer  Nähe,  wo  es  irgend  möglich  ist,  ähnliche  Apparate 
aufstellten,  wie  wir  oben  angegeben  haben.  In  den  meisten  Gegenden 
wird  das  wenige  dazu  nöthige  Steiuniaterial  für  die  Bruttröge  zu  haben 
sein  und  avo  es  fehlt,  ist  es  für  Weniges  von  fern  her  zu  erhalten. 
Wenn  diese  kleinen  Anstalten  errichtet  werden,  haben  die  Revierförster 
die  zweifelsohne  in  dem  Sommer  doch  einmal  die  Oberförsterei  besuchen, 
Gelegenheit,  diese  Anstalten  zu  sehen,  dieselben  ihrem  Bedürfniss  ge- 
mäss zu  Hause  einzurichten,  um  Alles  bis  zum  Herbste  fertig  zu  haben. 
Andere,  wo  solche  Einrichtungen  schwierig  sind,  können  auch  mit  Brut- 
büchsen oder  thönernen  Brutkästen  sich  versehen.  Nur  dadurch  aber, 
dass  man  möglichst  viele  Einzelindividuen  für  die  Fischzucht  interes 
sirt,  kann  man  auf  Erfolg  hoffen.  Der  Grund  ist  einfach :  unter  Vielen 
wird  es  selbstv^erständlich  eine  grössere  Anzahl  zu  der  fi-aglichen  Industrie 
Geschickte  geben  und  je  mehr  diese  sich  betheiligen,  um- so  weniger  wird 
die  durch  Todesfälle  eintretende  Lücke  bemerkt,  um'  so  eher  wird  über- 
haupt die  ganze  Zucht  der  Fische  auf  die  Nachkommen  vererbt  werden. 
Serunt  arbores,  quae  alteri  seculo  prosunt. 
(Man  pflanzt  die  Bäume  auch  für's  kommende  Geschlecht.) 
Wer  sieh  übrigens  einbildet,  dass  die  Forellenzucht  für  Private, 
die  nicht  zum  Forstpersonal  gehören,  leicht  ist,  der  irrt  gewaltig.  Es; 
gehört  eine  ziemliche  Lust  und  Liebe  zu  der  Sache,  um  alle  Hinder- 
nisse zu  überwinden.  Hat  man  auch  endlich  die  Vorurtheile,  die  auch 
hier,  wie  gegen  alle  Neuerungen,  auftauchen,  überwunden,  hat  man  die 
Spötteleien  überstanden,  wenn  nicht  gleich  anfänglich,  weil  kein  Meister 
vom  Himmel  fällt,  grosse  Resultate  erzielt  werden,  hat  mau  den  Eigen- 
sinn Einzelner,  die  für  die  Sache  gewonnen  sind,  sich  aber  einbilden, 
die  Sache  besser  zu  verstehen,  als  man  ihnen  beibringen  will,  besiegt, 
hat  man  keine  Mühe  gescheut,  zu  instruiren.  Stunden,  ja- halbe  Tage  in 
den  Wäldern  sich  herumgetrieben,  um  passende  Stellen  für  die  Brutbüchsen  ' 

11* 


148 

zu  finden,  Stellen ;,  wo  es  hinlänglichen  Strom  giebt  und  man  doch  die 
Büchsen  vor  stürzenden  Quellen  durch  Steinumbau  schützen  konnte, 
hat  man^  was  das  Beste  ist^  ein  kleines  Bassin  in  der  Xähe  der  Wohn- 
ung des  Försters  oder  des  Leiters  einer  Station  erbaut,  damit  er  öfters 
ohne  zu  grosse  Beschwerde  für  sich  nach  den  Eiern  sehen  kann,  dann 
geht  die  eigentliche  Noth  erst  an.  Die  Forellen  sind  in  unsern  Wäs- 
sern auf  ein  Minimum  geschwunden  und  man  ist  froh,  wenn  man  end- 
lich einige  erlangt  hat.  Die  mir  z.  B.  ins  Haus  zum  Verkauf  gebrach- 
ten Thiere  waren  meist  matt,  hatten  zeitweilig  schon  einige  Tage  im 
Halter  gestanden  und  froh  Eier  zu  haben,  wurden  so  viel  ausgedrückt, 
als  beim  leichten  Drucke  Eier  abgingen.  Matte  Fische  lassen  die  Eier 
dann  auch  in  grosserer  Menge  gehen  und  man  verunreinigt  seine  Kästen 
mit  unreifen  Eiern  von  Haus  aus.  Unsere  Bäche  sind  meist  zu  klein,  um 
das  ßlilleische  Verfahren,  die  Fische  an  Bindfäden  in  den  Bach  zu  hän- 
gen, nachzuahmen.  Das  Beste  sind  hier  jedenfalls  Teiche,  die  nur  einen 
kleinern  Umfang  haben  und  leicht  abgelassen  werden  können,  was  auch 
hier  wiederum  nur  bis  Anfang  December  gewöhnlich  möglich  ist,  da  es 
gewöhnlich  dann  noch  keinen  allzu  harten  Winterfrost  giebt.  Da  nun 
aber  bei  uns  die  Streichzeit  von  November  bis  Februar  dauert,  so  ist 
die  Aufbewahrung  in  solchen  Teichen  fast  noch  das  Einzige,  was  Erfolg 
verspricht.  Wer  soll  zur  spätem  Streichzeit  im  Winter  selbst  die 
Forellen  aus  dem  Bache  fangen  ?  Scheut  sich  nicht  Jeder  vor  der  Kälte 
der  Gewässer  in  unserm  kalten  Klima?  Es  bleibt  demnach  nichts  übrig, 
als  zur  Zeit,  wo  die  Forellen  streichen,  sie  in  kleine  Teiche  zu  sammeln 
und  zeitweilig,  wenn  milde  Witterung  eintritt,  sie  dort  heraus  zu  fan- 
gen und  Versuche  des  Abstreichens  in  gewissen  Zwischenräumen  zu 
machen. 

Endlich  bitte  ich,  dass  man  auf  die  Mahnung  höre,  den  Schlamm 
und  die  fleckig  werdenden  oder  die  weiss  gewordenen  Eier  sofort  zu 
entfernen.  Je  mühsamer  die  Leiter  der  Station  oder  ihre  Leute  sind, 
um  so  bessere  Erfolge  wird  sie  haben.  So  zog  der  Herr  Förster  Ho/il- 
feld  in  Solmsdorf  aus  einer  einzigen  Büchse  mit  circa  200  Eiern  gegen 
80  Junge.  Die  grösste  Thorheit  ist  es,  die  Eier,  ohne  diese  Reinigung 
vorzunehmen,  stehen  zu  lassen,  weil  man  sich  wohl  auch  einbildet, 
man   müsse    die   Natur    nachahmen    und   dürfe    die   Eier    nicht   stören. 

Der  Strom  des  Flusses  geht  heute  auch  schneller,  wie  morgen,  es  giebt 
da  auch  Wechsel  und  Störung,  und  es  steht  Niemand  am  Bache,  der 
mit  einem  Dynamometer  die  Stromkraft  regulirt.  Ausserdem  zeigt  es 
aber  zugleich  von  Avenig  Kenntniss,  wenn  man,  um  die  Natur  nachzu- 
ahmen, die  schlechten  Eier  liegen  lässt.  Schlechte  Eier  sind  leichter, 
als  gute.  Diese  sinken,  aufgerührt,  schnell  zu  Boden,  jene  schwimmen 
und  tlottiren  länger  im  Wasser  herum ,  ohne  sich  wieder  zu  setzen. 
Dadurch  erhält  der  freie  Wasserstrom  in  der  Natur  die  Kraft,  die  schlech- 
ten Eier  abzusondern  von   den  guten.     In  unsern  Brutkästen  und  Brut- 


149 

büchseii  ist  diess  uunKijj^lich ,  deshalb  müssen  wir  die  schlechten  aus- 
lesen. Sorgsam  entferne  man  also  alle  Eier,  die  eben  schlecht  zu  wer- 
den beginnen,  und  versuche  hier  zuerst  den  ilUnet&chen  Kochsalzzusatz 
in  besondern  Büchsen,  aber  im  untersten  Troge  des  Apparates,  indem 
man  eine  kleine  Menge  Salz  von  Zeit  zu  Zeit  einstreut.  Sieht  man  im 
Kasten  oder  in  der  Büchse  ein  weisses  oder  rothes  1/3"  langes  tausend- 
fuss  ähnliches  Insekt,  so  suche  man  seiner,  eben  sowie  der  jungen  im 
Wasser  herumschwimmenden  Saugwürmer  unter  allen  Verhältnissen  hab- 
haft zu  Averdeu.  Erstere  sind  oft  schwer  zu  linden.  Leere  Eischaalen 
die  in  den  Kästen  herumschwimmen,  lassen  den  Feind  vermuthen,  der 
oft  innerhalb  der  Eier  sich  eingebohrt  hat  und  leicht  unsern  Augen 
entgeht.  Oft  entfernt  man  ihn  unbewusst,  zum  Glück  für  seine  Anstalt, 
'mit  den  weissen  Eiern,  da  er  nur  in  solchen- lebt  und  auch  deshalb  ist 
die  Reinigung  von  solchen  Eiern  anzuempfehlen.  Die  Brutbüchsen  sind 
A  or  den  grösseren  Wasserraubthieren  durch  ihre  Deckel  geschützt.  Auf 
<lic  Bruttröge  lege  ich  durchlöchertes  Zinkblech,  was  allerdings  den  Ap- 
l'ai'at  um  1  Thlr.  etwa  vertheuert.  Man  kann  jedoch  auch  Haarsiebe 
nehmen,  doch  sind  erstere  sicherer. 

Was  die  Lachse  anlangt,  so  dürfte  die  Gegend  um  Colditz  und  vor 
;Vllem  die  Zscho})au,  in  der  Gegend  von  Mittweida  und  Triebstein,  so- 
Avie  die  Elbe  das  Material  gewähren,  das  zur  Befruchtung  dienen  soll. 
Man  bediene  sich  zur  Ausbrütung  der  Eier  unserer  Tröge. 

Ohne  P^invernehmen  mit  den  Müllern,  die  in  der  Mulde  und  Zscho- 
pau  besonders  die  Fischer  darstellen,  und  ohne  Einvernehmen  mit  den 
Fischern  lässt  sich  nichts  thun.  Je  näher  der  Experimentator  diesen 
Gegenden  ist,  je  "iiäher  am  Flusse  er  wohnt,  um  so  zweckmässiger,  eig- 
net sich  seine  Gegend  für  den  Versuch. 

Betrachhoigen  über  die  Karpfenzucht. 

Die  Karpfenzucht  ist  sicher  eine  der  schwierigsten  iiufgaben.  Es 
giebt  hier  zAvci  W^ege,  die  Vermehrung  durch  die  natürliche  Befrucht- 
uug  der  Fischeier  und  die  durch  künstliche.  Ich  für  meinen  Theil 
glaube,  es  wird  hier  das  Wirksamste  eine  Nachahmung  des  Land'schen 
Apparates  in  der  Weise  sein,  dass  die  Herren  Fischzüchter  einen  gros- 
sen Kasten  von  beiläufig  8  Fuss  Länge,  6  Fuss  Breite  und  2  —  3  Fuss 
Höhe  machen,  der  an  den  Seiten  durchbohrt  ist,  oben  aber  offen  sein 
kann  und  durch  einen  Schwimmer  etwa  '/*  Elle  über  Wasser  gehalten 
wird,  damit  die  Karpfen  nicht  über  ihn  wegschnellen  Icönnen.  In  diese 
Kästen  würden  alsdann  Weidenflechten  in  solchen  Zwischenräumen  zu- 
sammengesetzt, dass  sie  etwa  6  Zoll  breite  Schleussen  frei  Hessen,  aber 
auch  so,  dass  sie  etwa  nur  bis  6  Zoll  (je  nach  der  Grösse  der  Karpfen) 
an  dem  Boden  herabreichten,  und  ebenso  weit  von  den  schmalen  Sei- 
ten des  Apparates  entfernt  bleiben.  So  gestattet  man  den  Karpfen,  an 
Weidenruthen  vorbeistreichend,  ihren  Saamen  anzuhängen.     Sobald  nun 


i^  _ 

das  Streichen  im  Gange  ist,  würden  mittlere  etwa  2 — 4  Pfund  schwere 
Weibchen  und  kleinere  Männchen  in  diese  Kästen  und  oben  auf  das 
Wasser  in  den  Kästen  Teichlinsen  oder  andere  Wasserpflanzen  gebracht 
damit  die  Fische  auch  zu  leben  haben.  Die  nicht  verzehrten  AVasser- 
pflanzen  würden  zugleich  als  Anheftepunkte  für  die  Karpfeneier  die- 
nen*). Nach  2 — 4  Tagen  würde  man  die  Karpien  aus  ihren  Behältern 
entlassen,  was  leicht  durch  an  den  Seiten  angebrachte  grössere  Schie- 
ber möglich  wäre,  worauf  man  denselben  Kasten  oder  dieselben  Ruthen 
nochmals  mit  Streichkarpfen  besetzen  könnte,  da  sicher  die  Streichzeit 
8—10  Tage  anhält. 

Da  dies  Verfahren  das  Einfachste,  am  wenigsten  Zeitraubende  und 
leicht  von  Jedem  zu  Bewerkstelligende  ist,  so  glaube  ich,  würde  es  am 
meisten  Eingang  finden,  und  doch  schon  recht  nette  Erträge  liefern 
können.  Nach  Entlassung  der  Karpfen  aus  dem  Behälter  schwämme  der 
Kasten  auf  dem  Strichteiche  frei  herum,  und  durch  ein  Paar  Rollen  und 
Seile  in  einer  Entfernung  gehalten,  die  das  zeitweilige  Nachsehen  ge- 
stattet. Die  Zeit  der  Ausschlüpfung  füllt  2 — ^4  Wochen  nach  dem 
Eierlegen,  je  nach  der  Temperatur  des  Wassers,  in  dem  die,  Karpfen 
sich  finden. 

Auch  in  Teichen,  der^n  Zuflussgräben  oder  Grenzen  mit  freiwur- 
zelndem Rohr,  gut  mit  Schilf  oder  mit  ihren  AVurzeln  frei  ins  Wasser 
entsendenden  Weiden  besetzt  sind,  wird  man  bessere  Resultate  erzielen, 
als  wo  nicht  hierauf  Rücksicht  genommen  ist.  Ein  Strichteich  bedarf 
frei  im  Wasser 'drehender  Pflanzentheile ,  damit  die  Eier  an  dieselben 
angeheftet  werden  können ;  er  muss  aber  auch  zur  Zeit  des  Striches 
möglichst  niedrig  angespannt  erhalten  werden,  da  die  Karpfen,  wie  man 
beim  Hetzen  sieht,  gern  an  der  Oberfläche  der  Wässer  gehen  und  ihren 
Laich  anhängen.  Steht  das  Wasser  zur  Streichzeit  hoch,  vind  kommt 
es  bei  der  Wärme  des  Juni  (in  welche  Zeit  die  Brutzeit  fällt)  zum 
,stärkeren  Sinken  des  Niveaus  der  Teiche,  so  würden  die  Eier  gleichsam 
aufs  Trockne  gesetzt,  und  der  Strich  ist  verloren,  Wer  die  künstliche 
Befruchtung  bei  Karpfeneiern  vornehmen  Avill,  der  bringe  Wasserpflan- 
zen in  einen  grösseren  Kübel  oder  in  ein  Fass ,  und  drücke  nun  die 
die  Eier  des  Weibchens  auf  diese  Pflanzen.  Zu  derselben  Zeit  aber 
muss  ein  anderer  Gehilfe  dem  Männchen  den  Saaraen  auf  die  abgehen- 
den Eier  drücken,  so  dass  womöglich  die  Producte  beider  Geschlechter 
in  einem  und  demselben  Momente  das  Wasser  berühren.  Orrössere  n\ir 
wenig  durchlöcherte  Kästen  werden  hierauf  mit  diesen  Wasserpflanzen 
erfüllt  und  in  den  Teichen  an  möglichst  warmen  Stellen  gelassen. 


*)  Man  wird  hieraus  abnelimon,  dasa  nicht  bloss  (licKaubfisclic  cte.  die  Feinde  der  Ver- 
mehrung der  Fische  durch  Vernichtung  der  Fischeier  sind,  sondern  die  Pflanzenfressenden 
Fische,  welche  ihre  Eier  an  Wasserpflanzen  hängen,  diese  Pflanzen  verschlingend  auch 
ihre  Brut  verschlingen  und  Feinde  gegen  sich  selbst  werden. 


151 

Hat  man  warmes  Wasser,  wie  es  aus  Dampfmaschinen  abläuft,  zur 
Disposition,  und  kann  man  dadurch  dem  Wasser  künstlicher  Brutstel- 
len eine  stätige  Temperatur  von  20  —  22*'  R.  geben,  so  ist  es  jedenfalls 
gut,  sich  dieser  Einrichtung  zu  bedienen.  Besonders  gut  eignen  sich  die  aus 
den  Tag  und  Nacht  arbeitenden  Maschinen  der  Bergwerke  zu  Tage  tre- 
tenden Dämpfe.  Dass  aber  selbst  die  Dämpfe  der  nur  bei  Tage  arbei- 
tenden Maschinen  noch  recht  Erspriessiiches  leisten,  sieht  man  aus  dem 
Erfolge,  der  in  einem  Berliner  Etablissement  bei  Goldfischen  erzielt 
wird.  Hier  hält  der  Dampf  das  Wasser  stätig  auf  einer  Temperatur 
von  der  angegebenen  Höhe.  Ich  verdanke  diese  Mittheilung  einem 
hochgestellten  Russen,  der  im  April  dieses  Jahres  meine  kleine  Anstalt 
besuchte,  und  mich  auf  die  Benutzung  des  aus  den  Harthauer  Dampf- 
maschinen zu  Tage  tretenden  Dampfes  aufoierksam  machte,  dessen 
Xamen  aber  ich  hier  zu  nennen  nicht  autorisirt  bin. 

Eine  ähnliche  Erfahrung  hatte  ich  Gelegenheit  im  vorigen  Jahre 
bei  einem  hiesigen  Fabrikanten  zu  machen.  In  einem  kleinen  Bassin, 
''iafi  durch  eine  Eöhre  gespeist  wird,  die  durch  stärker  erwärmten  Fa- 
brikraum geleitet  ist,  wurde  von  Seiten  der  Besitzer  ein  Versuch  mit 
künstlicher  Goldfischzticht  gemacht,  und  wirklich  einige  junge  Fische  er- 
lialten.  Einer  dieser  Fische  machte  mir,  als  ich  die  kleine  Brut  sah, 
noch  deshalb  besondere  Freude,  dass  es  mir  gelang,  ihn  am  Leben  zu 
erhalten,  obgleich  er  sich  stark  bestossen  hatte  und  auf  dieser  Stelle  Al- 
gen hervorgewuchert  waren,  die  einen  anderen  ähnlichen  Fisch  schon 
vernichtet  hatten.  Vorsichtiges  Abreiben  der  Alge,  Reinmachen  der 
Wunde  und  Ueberstreichen  mit  einer  Auflösung  von  arabischen  Gummi 
stellten  das  kleine  Thierchen  her.  — 

Welche  Fische  man  in  einer  Gegend  besonders  ziehen  sollte,  das 
haben  wir  schon  einmal  angegeben.  Es  gilt  allen  jenen  nutzenbrinp-en- 
den  Arten,  die  vor  Alters  und  heute  noch  in  ihnen  sich  fanden  und  finden. 
Eine  letzte  Frage,  die  wir  aufzuwerfen  haben,  ist  die:  Kann  man  hof- 
fen, auch  im  Binnenlande  Seelhiere  zu  ziehen,  die  es  nicht  gelingt,  in  Süss- 
nasserthiere  umzuwandeln ? 

Diese  Frage  interessirt  unser  an  Salzquellen  armes  Sachsen  wenif^; 
sie  dürfte  aber  in  Betracht  zu  ziehen  sein,  in  Orten,  wo,  wie  in  der 
Provinz  Sachsen,  die  Salzqtiellen  häufig  sind,  und  ein  immer  noch  ziem- 
lich salziges  Wasser  in  die  freien  Naturwässer  abläuft. 

Man  wird  anfangs  lächein,  ich  glaube  es  und  nehme  es  auch  Nie- 
mandem übel,  denn  ich  habe  schon  oft  gesehen,  ja  selbst  es  erlebt,  dass 
Sachen  belächelt  worden,  die  doch  Avahr  sind  und  endlich  Annahme 
landen.  So  spreche  ich  es  denn  auf  jene  Gefahr  hin  aus:  Es  verlohnte 
■  <h  des  Versuches,  die  unbenutzt  abfiiessenden  Soolen  zu  Bassins  zu  sani- 
•ndn,  und  Austernbrut  in  sie  überzutragen !  In  Sachsen  kenne  ich  eine 
Quelle  bei  Zwickau,  die  der  Analyse  nach  reich  an  Kochsalz,  aber  zu 
schwacli    zum    Salzsieden    ist.      ^'ielleicht    genügt   sie    aber,    um   in    ein 


152 

Bassin  zu  dem  angedeuteten  Versuchen  gefasst  zu  werden.  Wenn  es 
gewünscht  wird,  würde  ich  später  einmal  über  diese  Idee  mich  weiter 
verbreiten.  Es  handelt  sich  nur  um  die  Wahl  des  Momentes  des  Ein- 
satzes der  jungen  Brut  in  die  Bassins,  um  die  Bestimmungen  der  Tiefe 
derselben,  des  Fütterungsmaterials  und  der  Anbringung  von  Dingen,  an 
denen  sich  die  Brut  befestigen  kann.  Kennern  der  Naturgeschichte  der 
Austern  ist  hiermit  schon  genug  gesagt.  Küchenmeister. 


Excursion  von  New -Orleans  nach  dem  Urwald  am  Rio 

Colorado  in  Texas. 

Von 

Dr.  Benno  Matthes. 

Den  I.August  1853  verliess  ich  Cincinnati,  um  einen  Ausflug  nach 
Texas  zu  unternehmen,  einem  Lande,  das  selbst  in  den  übrigen  Theilen 
der  nordamerikanischen  Freistaaten  noch  ziemlich  unbekannt  ist. 

Nach  einer  elftägigen  Fahrt  auf  den  beiden  grössten  Flüssen  Nord- 
amerikas, ich  meine  den  Ohio-  und  Mississippi  River,  erreichte  ich  das 
allgemein  bekannte  New-Orleans,  bekannt  als  die  bedeutendste  Handels- 
stadt des  Südens,  in  der  fast  alle  Nationen  zu  finden  sind  und  alle 
Sprachen  der  Welt  gesprochen  werden.  Hier  vereinigen  sich  der  Euro- 
päer, der  Asiate  und  Amerikaner  um,  von  dem  hier  in  Sklaverei  leben- 
den Afrikaner  bedient,  nach  allen  Theilen  der  Erde  freien  Handel  zu 
treiben.  New-Orleans  ist  aber  auch  bekannt  durch  die  die  Stadt  von 
drei  Seiten  umgebenden  Swamps  oder  Sümpfe,  welche  mit  Hülfe  des 
stets  schlechten  und  schmutzigen  Wasser  führenden  Mississippi  Rivers, 
einen  vollkommenen  Ring  um  die  dicht  zusammengedrängte  und  von 
1 60,000  Einwohnern  bevölkerte  Stadt  bilden.  Die  Stadt  selbst  liegt  be- 
kanntlich tiefer  als  die  Oberfläche  des  Mississippi  bei  gewöhnlichem 
Wasserstande,  wodurch  natürlich  die  Sümpfe  niemals  ausgetrocknet 
werden  können.  Diese  Umstände  sind  wohl  unstreitig  die  Hauptur- 
sachen, dass  New-Orleans  der  ungesundeste  Punkt  in  der  gesammteu 
Union  ist. 

Drei  Wochen  vor  meiner  Ankunft  in  New-Orleans  brach  hier,  wie 
auch  in  Mobile,  Havanna,  Vera  Cruze  und  anderen  an  der  Seeküste 
gelegenen  Städten,  das  gelbe  Fieber  aus,  welches  wieder  wie  gewöhn- 
lich in  erstgenannter  Stadt  am  schnellsten  um  sich  griff  und  die  mei- 
sten Opfer  vorlangte.  Gerade  zur  Zeit  meiner  Ankunft  (den  12.  Aug. 
1853)    hatte    die    Epidemie    ihren    Kuhninationspunkt    erreicht.      In    der 


153 

verödeten  Stadt  waren  die  meisten  Kauf  ballen  geschlossen,  und  auf  allen 
Strassen  erblickte  man  Transportmittel  für  Erkrankte  oder  Todte,  Die 
Einwohner  der  Stadt;  welchen  es  möglich  geworden,  zu  fliehen,  hatten 
die  fernen  Uferstädte  des  Ohio  zum  einstweiligen  Aufenthaltsorte  er- 
wählt. Aus  Furcht  war  der  grösste  Theil  meiner  Reisegefährten  mit 
dem  Steamer  Fanny  Smith,  auf  dem  wir  nach  New -Orleans  gekommen 
waren,  wieder  abgereist,  ohne  den  Fuss  au  das  Land  zu  setzen.  Ich  hatte 
mich  ohne  Bedenken  in  die  Stadt  begeben,  um  vier  Tage  später  mit 
dem  Steamer  Perseverance  nach  der  Insel  Galveston  zu  fahren. 

New-Orleans  bot  ein  schreckliches  Bild  der  Verwüstung  und  der 
Trauer.  Angst  und  Verzweiflung  Avaren  auf  jedem  Gesicht  deutlich 
ausgeprägt,  und  doch  dabei  die  gewöhnliche  Kachlässigkeit  und  der 
vorhersehende  Leichtsinn  überall  sichtbar.  Niemand  dachte  auch  nur 
entfernt  an  Vorsichtsmassregeln,  selbst  die  nächstliegende,  nämlich  die 
Strassenreinigung,  wurde  gänzlich  vernachlässigt.  Die  Strassen  waren 
schmutzig,  der  Unrath  aus  den  Zimmern  und  Küchen  lag  vor  den 
Hausthüren  und  einige,  besonders  aber  die  meist  von  Irländern  be- 
wohnten Stadttheile  verbreiteten  einen  Geruch,  der  das  Athmen  kaum 
ver&tattete. 

Der  ersehnte  Tag  der  Abfahrt  kam  heran.  Ein  uussergewöhnliches 
Leben  und  Treiben  war  in  der  Nähe  der  Seedampfschiffe  wahrzuneh- 
men. Hunderte  von  Arbeitern  und  Sklaven  waren  beschäftigt,  die  Reise- 
utensilien der  sich  Einschiffenden  au  Bord  zu  schaffen.  Die  Verwand- 
ten und  Bekannten  der  Reisenden  hatten  sich  am  Werft  versammelt, 
um  ihren  Angehörigen  das  Geleit  zu  geben.  Besonders  wurde  der  nach 
Galveston  fahrende  Steamer  Perseverance  mit  Passagieren  gefüllt,  da 
die  Berichte  über  den  dortigen  Gesundheitszustand  bisher  sehr  günstig 
gelautet  hatten,  man  daher  dort  noch  ein  schützendes  Asyl  suchte. 
Der  dicht  daneben  liegende  Steamer  Mexico,  nach  Vera  Cruce  in  Mexico 
bestimmt,    zählte  kaum  den  zehnten  Theil  der  Passagiere. 

Schlag  8  Uhr  wurden  beide  Schiffe  von  den  sie  an  das  Werft  fes- 
selnden Tauen  befi-eit,  nach  der  Mitte  des  Mississippi  gesteuert,  strom- 
abwärts gerichtet,  und  beide  Steamer  feuerten  fast  zu  gleicher  Zeit  drei- 
mal hintereinander  ihre  Kanonen  ab.  Auf  den  Gesichtern  der  Reisenden 
lagerten  Frohsinn;  das  Bewusstsein  die  Gefahr  im  Rücken  zu  haben, 
war  in  der  That  auch  ganz  geeignet,  ft-eudige  Gefühle  zu  Avecken. 

Die  Fahrt  von  New-Orleans  bis  zum  Erguss  des  Stromes  in  den 
mexicanischen  Golf  ist  schön  und  höchst  angenehm.  Die  zahllosen 
Baumwollen-  und  Zuckerplantagen  mit  den  herrlichen  Palästen  der  Be- 
sitzer, die  reizenden  Gartenanlagen,  die  vielen  kleinen  Negerhäuser, 
welche  wie  kleine  Städte  sich  ausnehmen,  wechseln  ab  mit  romantischen 
Waldgruppen  und  kleinen  mit  Blumen  besäeten  Prairien.  Da  jede 
Plantage  sich  von  der  andern  unterscheidet,  die  eine  immer  reizender 
als  die  andere  erscheint,  so  bieten    die  Ufer   des  Mississippi   dem  Auge 


154 

ein  herrliches,  ein  grossartiges,  sich  alle  Augenblicke  veränderndes  Pa 
norama,  ein  Panorama,  welches  zeitlebens  Erg-'^nthnm  des  Gedächtnisses 
bleibt. 

Ungefähr  3  Uhr  Xachniittags  begannen  die  Ufer  des  Festlandes 
zu  schwinden.'—  Die  Schiffe,  welche  bis  jetzt  mit  gleicher  Kraft  und 
gleicher  Geschwindigkeit  fahrend,  dicht  bei  einander  geblieben,  began- 
nen sich  zu  trennen.  Noch  einmal  erschallte  der  Donner  der  Kanonen, 
ein  donnerndes  Hurrah  von  den  Passagieren  beider  Schiffe  als  Ab- 
schiedsgruss  und  bald  bezeichnete  nur  noch  der  R;u;ch  am  fernen 
Horizonte  das  Vorhandensein  des  andern  Schiffes. 

Kein  Lüftchen  regte  sich ;  die  See  war  ruhig ;  das  herrliche  Blau 
des  südlichen  Himmels  war  ungewölkt :  die  Sonne  spiegelte  eich  auf  der 
glatten  Wasserfläche:  das  Schiff  fuhr  16  Meilen  in  der  Stunde,  kurz 
Alles  liess  eine  vergnügte  Fahrt,  eine  recht  gemüthliche  Wasserparthie 
erwarten.  Schaaren  von  fliegenden  Fischen,  welche  um  ihren  sie  ver- 
folgenden Feinden  zu  entgehen,  sich  aus  dem  Wasser  emporschnellten  und 
vermöge  ihrer  langen  Flossen  sich  einige  Zeit  vorwärts  flatternd  über 
der  Oberfläche  erhielten,  treibende  Riesenschildkröten  und  eine  zahllose 
Menge  grosser  Wasserblasen,  welche  je  nach  der  Richtung,  in  welcher 
sie  sich  befanden,  roth,  blau  oder  gelb  schillerten,  ergötzten  das  Auge. 

Ich  liess  eine  dieser  Blasen  durch  einen  Matrosen  vermittelst  einer 
Stange  an  Bord  bringen  und  fand  nun,  dass  es  eine  sogenannte  See- 
blase oder  Blasenquelle,  eine  Physalia  war.  ])a  ich  mit  meiner  Hand 
die  über  einen  Fuss  langen,  dunkelblau  gefärbten ,  ein  Avenig  contrac- 
tilen  Fühlfäden  berührte,  so  wurde  mir  augenblicklich  die  Wirkung  der 
Nesselorgane  jener  Quallen  durch  ein  etwas  starkes  Erythem  auf  der 
Oberfläche  der  Hand  practisch  erläutert  und  für  wenigstens  eine  Stunde 
fühlbar  gemacht.  —  Der  Schmerz  ist  ein  ganz  eigenthümlicher  und  ganz 
ähnlich  dem  von  Nesseln  erzeugten.  —  Bald  brach  die  Nacht  ein  und 
der  grösste  Theil  der  Passagiere  suchte  theils  aus  Müdigkeit,  theils 
wegen  der  sich  einstellenden  Symptome  der  Seekrankheit,  das  Lager. 

Ein  Creole,  der  sicji  mit  mir  auf  dem  Deck  eingefunden,  hatte,  er- 
zählte mir  als  Merkwürdigkeit .  das  sein  Sohn ,  welcher  früher  schon 
mit  ihm  über  den  atlantischen  (_)cean  nach  Frankreich  und  zurück  ge- 
gereist und  auf  diesen  Reisen  niemals  seelvrank  gewesen ,  schon  seit 
Mittag  an  Kopfschmerz  leide  und  deshalb  dasJ^ett  hüten  müsse.  Die  Ur- 
sache des  diesmaligen  Erkrankens,  suchte  er  sich  dadurch  zu  erklären, 
dass  er  die  früheren  Reisen  vermittelst  Segelschiff  gemacht  und  dies 
die  erste  Reise  mit  dem  Steamer  sei. 

Am  andei'n  Morgen  8  Uhr  wurde  die  Dampfmaschine  uiigeiähr  2 
Minuten  lang  augeh'alten,  ein  Zeichen,  dass  eine  besondere  Ceremonie 
stattfinde.  Die  Zeit  wurde  nämlich  dazu  benutzt,  um  die  Leiche  de« 
Sohnes  jenes  Creolen  als  erstes  Opfer  der  Seuche  an  Bord  des  Schiffs. 
den  Fluthen  zu   übergeben. 


155 

Der  Tod  des  jungen  Creolen  verbreitete  Schrecken  unter  dem  weib 
liehen  Theil  der  Passagiere,  weniger  unter  den  Männern,  welche  mei- 
stens Amerikaner,  auch  hier  die  diesem  Volke  eigene  stoische  Ruhe  ■ 
recht  deutlich  repräsentirten.  Besonders  zeichnete  sich  der  Capitain 
durch  ein  ganz  unbefangenes  Benehmen,  durch  freundliches  Zureden 
aus,  er  versicherte,  dass  jener  Todte  wahrscheinlich  schon  krank  an 
Bord  gekommen  und  schlug  schliesslich  vor,  dass  die  Herren  in  der 
Cajüte  rauchen  möchten,  indem  der  Tabaksrauch  das  beste  Mittel  gegen 
die  Krankheit  sei. 

Selten  ist  Avohl  von  amerikanischen  Damen  ein  derartiger  Vorschlag 
60  schnell  und  bereitwillig  angenommen  worden,  als  in  diesem  Augen- 
blicke. Was  vor  einer  Viertelstunde  noch  für  einen  schweren  und  un- 
verzeihlichen Verstoss  gegen  den  Anstand  gegolten  hätte,  war  jetzt  zur 
höchsten  Pflicht  geworden.  Die  Damen  promenirten  im  Salon,  um  sich 
so  recht  dem  köstlichen  Cigarrendampf  auszusetzen.  Jetzt  würde  der 
Dampf  von  mancher  Dame  vertragen,  welche  früher  ihren  Gemahl  Avohl 
zwang,  das  Haus  zu  verlassen,  Avenn  er  eine  Cigarre  rauchen  wollte. 
Der  kluge  Einfall  des  Capitains  hatte  zur  Folge,  dass  die  Damen  weni- 
ger furchtsam  und  die  Herren  sogar  heiter  und  lustig  Avurden  und 
schliesslich  nur  noch  Wenige  des  gelben  Fiebers  gedachten.  Glück- 
licher Weise  blieb  jener  Todesfall  isolii't. 

Am  Morgen  des  nächsten  Tages  erblickten  Avir  fern  am  Horizonte 
einen  undeutlichen  dunklen  Streifen,  der  sich  nach  einiger  Zeit  deut- 
licher als  Land  herausstellte.  Gegen  10  Uhr  sahen  Avir  das  ganze  Ei- 
land, nämlich  die  Insel  Gah^eston  vor  uns,  und  bald  erreichten  Avir  die 
in  der  Bay  befindlichen  Sandbänke,  auf  denen  Tausende  von  Pelikans 
ihren  Wohnsitz  aufgeschlagen  und  die  schönen  scharltichrothen  Flamin- 
gos in  Gesellschaft  am  Strande  einherstolzierend  den  Fischen  nachstell- 
ten. Bald  erkannten  wir  deutlich  die  Häuser  auf  der  Insel,  dann  die 
Magnolien  und  Bananen  in  den  Gärten ,  und  dachten  uns  schon  im 
Geiste  auf  der  Insel,  als  ein  kleines  Boot  mit  einer  gelben  Flagge  A^er- 
sehen,  auf  uns  zusteuerte  und  der  darin  befindliche  Hafenmeister  uns 
im  Namen  des  Gesetzes  die  Einfahrt  in  den  Hafen  A^ei-bot. 

Das  gelbe  Fieber  Avar  nämlich  auch  in  Gah-eston  ausgebrochen 
und  da  man  natürlich  allgemein  glaubte,  dass  die  Passagiere  des  vor 
S  Tagen  von  Xcav- Orleans  gekommenen  Dampfschiffes  dif  Krankheit 
importirt  hätten,  so  vei'suchte  man  durch  Quarantaine  der  fernem  Im- 
]jürtation  Schranken  zu  setzen,  eine  Massregel,  Avelche  sich  hier  jedoch 
als  völlig  nutzlos  erAvies,  da  in  Galveston  die  Epidemie  schon  in  hohem 
Grade  vorhanden  war  und  die  Epidemie  heftig  und  im  Verhältniss  zu 
ii-üheren  Jahren  in  diesem  Jahre  IS53  die  meisten  Opfer  forderte.  Die 
Anker  Avurden  geworfen  und  diejenigen  Personen,  welche  für  Gah-cston 
bestimmt  waren,  Avurden  auf  kleinen  Booten  nach  einer  Sandbank  Mus- 
qnito    Island    genannt,    gebracht   und  verproviantirt,  d.  h.  erhielten  ge- 


156 

räuchertes  Fleisch  und  ein  Fass  ziemlich  warmes  Regenwasser.  Dem- 
jenigen; der  68  wagen  würde,  vor  5  Tagen  die  Stadt  zu  betreten,  war 
Grefängnissstrafe  in  Aussiclit  gestellt. 

Jetzt  hatten  die  Pelikans  und  Flamingos  auf  einmal  eine  seltene 
Nachbarschaft,  eine  Nachbarschaft,  welche  nach  dem  Vorbilde  der  frü- 
heren Bewohner  sich  sehr  bald  damit  beschäftigten,  den  Thieren  nach- 
zustellen, wozu  besonders  die  zahllosen  Krabben  Gelegenheit  gaben. 

Ich  übergehe  jetzt  einen  Zeitraum  von  ungefähr  3  Wochen,  nach 
Avelcher  Zeit  ich  in  Houston  vom  gelben  Fieber  geheilt,,  so  weit  gekräf- 
tigt war,  dass  ich  die  Eeise  bis  Round  Top,  eine  Strecke  von  120  Mei- 
len zu  Wagen  machen  konnte.  Der  Reisende,  der  das  erste  Mal,  und 
vielleicht  allein  zu  Pferde,  diese  Strecke,  meistens  Prairie,  durchreisen 
rauss,  wird' den  Weg  so  leicht  nicht  verfehlen,  denn  die  Spuren  von 
Fahrgleisen,  mehr  noch  die  zahlreichen  Skelette  von  gefallenen  Ochsen 
bezeichnen  genau  den  Weg,  den  die  Ochsencaravanen  genommen. 

Round  Top  ist  eine  kleine  Stadt,  in  welcher  zwei  Kaufleute,  ein 
Schmidt,  ein  Schuhmacher,  ein  Sattler,  ein  Stellmacher,  ein  Tischler 
und  ein  Arzt  mit  ihren  Familien  die  ganze  Bevölkerung  bilden,  sich 
aber  ohne  Ausnahme  in  sehr  guten  Verhältnissen  befinden. 

Eine  Meile  von  Round  Top  erwartete  mich  bereits  ein  Freund,  der 
die  juristische  Praxis  in  Deutschland  mit  dem  Pfluge  in  Texas  ver- 
tauschte und  hier  ein  sehr  gemüthliches ,  zufriedenes ,  wahrhaft  idylli- 
sches Leben  führte.  Seine  Farm  Avurde  von  mir  zum  einstweiligen 
Wohnsitz  erkoren,  hier  machte  ich  ineine  ersten  Schiessübungen,  wozu 
mir  das  dicht  an  das  Haus  herankommende  Wild  häufig  Gelegenheit 
bot;  und  hier  erläuterte  mir  ein  wildes  Pferd  zum  ersten  Mal,  dass  es 
sich  auf  flacher  Erde  sicherer  als  auf  seinem  Rücken  sitze ;  es  verein- 
igte sich  hier  überhau])t  x\lles,  um  mich  zu  einem  Texaner  heranzu- 
bilden. 

Zehn  Meilen  von  dieser  Farm,  im  sogenannten  Beaglssettlement, 
lebten  einige  Schlesier,  welche  ich  schon  auf  vaterländischem  Boden 
gekannt  hatte,  und  welche  Avegen  ihrer  für  Texas  hohen  Bildung  von 
den  Aveniger  Gebildeten  den  Beinamen  „die  Lateiner^'^  erhielten.  Diese 
Avurden  sehr  bald  von  meiner  Ankunft  benachrichtigt  und  eines  Morgens 
erschallte  plötzlich  ein  Lärm  in  der  Nähe  unseres  einsam  stehenden 
Hauses,  dass,  Aväre  es  150  Meilen  Avestlich  gewesen,  wir  jedenfalls  an 
einen  Indianerüberfall  gedacht  haben  Avürden.  Ich  eilte  nach  der  Gal- 
Icrie  des  Hauses,  um  mich  nach  der  Ursache  des  Lärms  umzusehen 
und  bemerkte  fünf  oder  sechs  Reiter,  Avelche  so  eben  ihren  Pferden 
den  AVeg  über  die  das  Haus  in  einiger  Entfernung  umgebende  Fencr 
gezeigt  hatten.  Die  kühnen  Voltigeurs  in  der  halbspanischen  Tracht 
Avaren  meine  Schlesier,  meine  Freunde,  Avelche  ich  allerdings  erst  er- 
kannte, als  ihr  Dialect  sie  verrieth.  Viel  Vcrgnügeji  machte  eine  im 
Laufe  des  Gesprächs  von  mir  gestellte  Frage,  nach  einem  Führer  nacli 


157 

dem  Rio  Colorado.  Diese  den  Europäer  charakterisirende  Frage  erhei- 
terte allgemein;  schliesslich  aber  boten  sich  Alle  an,  mir  zum  Führer 
zu  dienen,  welches  Anerbieten  ich  natürlich  nicht  ausschlug. 

Den  andern  Morgen  frühzeitig  war  Alles  bereit;  die  Pferde  gesat- 
telt, die  Hausthür  nach  texanischer  Weise  geschlossen,  d.  h.  mit  etwas 
Bindfaden  zugebunden,  unsere  Büchsen  an  den  Satteln  befestigt,  aufge- 
sessen und  bald  war  die  Farm  im  Rücken.  Nach  Verlauf  von  einer 
Viertel ^^tunde  hatten  wir  das  EikIc  des  nur  aus  Black  Jack,  Quercus 
nigra  gebildeten  Waldes  erreicht.  Vor  uns  lag  eine  herrliche  mit  Blu- 
men besäete,  ungefähr  8  Meilen  lange  Prairie;  in  der  Mitte  derselben 
befand  sich  ein  majestätischer,  ganz  allein  stehender  Baum,  aufweichen 
die  Farmer  mich  aufmerksam  machten,  weil  er  fast  das  einzige  Merk- 
mal auf  der  Tour  bis  zum  früher  erwähnten  Beaglssettlement  ist.  — 
Wir  hatten  nämlich  verabredet,  erst  gemeinschaftlich  nach  dem  Settle- 
ment  zu  reiten,  dort  bis  zum  andern  Morgen  zu  verAveilen  und  dann 
erst  nach  dem  Urwald  am  Rio  Colorado  unsere  Reise  fortzusetzen.  Als 
wir  den  Baum  erreichten,  machten  wir  kurze  Zeit  Halt,  Aveil  er  meine 
ganze  Aufmerksamkeit  auf  sich  zog.  Es  war  nämlich  die  schöne,  maje- 
stätische Lebenseiche,  Quercus  virens  oder  Liveoak,  welche  durch  ihre 
Grösse,  durch  ihre  schönen,  ganzrandigen  Blätter,  aber  mehr  noch  da- 
durch imponirt,  dass  sie  nur  vereinzelt  in  den  Prairien  des  Südens 
vorkommt.  Die  Betrachtung  der  Eiche  schien  meinen  Begleitern  zu  viel 
Zeit  geraubt  zu  haben,  denn  sie  machten  mir  den  Vorschlag,  durch 
schnelles  Reiten  das  Versäumte  Avieder  einzubringen.  Ich  hätte  gern 
gegen  diesen  Vorschlag  opponirt,  denn  mir  war  die  frühere  Schnelligkeit 
mehr  als  genügend,  doch  hielt  ich  jede  Bemerkung  zurück;  vorwärts 
ging  es  in  fliegender  Eile.  Die  Pferde  wurden  nicht  angetrieben,  son- 
dern suchten  sich  gegenseitig  an  Schnelligkeit  selbst  zu  übertreffen. 

Da  man  hier  der  muthigen  Pferde  wegen  nur  mexicanische  Sättel 
gebraucht,  so  gewährte  mir  der  Sattelknopf  einen  Anhaltepunkt,  mit 
Hülfe  dessen  ich  damals  im  Stande  war  mich  auf  dem  Pferde  zu  erhal- 
ten. Auf  diese  Weise  erreichten  wir  sehr  bald  das  Settlement,  welches 
wie  alle  texanische  Niederlassungen,  so  ziemlich  im  Walde  versteckt 
war;  eine  Vorsichtsmassregel,  Avelche  überall  getroffen  wird,  wo  Indianer 
in  der  Nähe  sind,  und  zwar  um  die  Farm  vor  den  Blicken  derselben 
zu  verbergen.  Hier  waren  nun  eigentlich  keine  Indianer  mehr,  sondern 
der  erste  Stamm,  der  Stamm  der  Lepans,  war  erst  160  Meilen  westlich 
anzutreffen,  dennoch  wird  diese  Massregel  beibehalten,  weil  gerade  der 
Indianer  ein  besonderer  Freund  von  grossen  Excursionen  ist. 

Als  Beispiel  einer  solchen  Excursion  führe  ich  nur  an,  dass  1846 
der  früher  in  hannoverschen  Diensten  stehende  Hauptmann  Wrede  und 
Herr  Ciaren  aus  Braunschweig  von  den  Wako  Indians  in  der  Gegend 
bei  Austin  ermordet  wurden.     Diese  Indianer  hatten  von    ihrem  Lager- 


15H 

platz  ans  eine  Strecke  von  migerähv  300  Meilen  zurückgelegt,  um  einige 
Scalps  zu  erobern. 

Auf  einer  der  Farm  des  Settlements  blieb  ich  und  diejenigen  Farmer, 
welche  nicht  ganz  in  der  Nähe  wohnten,  bis  an  den  andern  Moi'gen, 
wo  auch  die  Uebrigen  sich  pünktlich  einstellten.  Jetzt  wurden  die  Vor- 
bereitungen zur  eigentlichen  Excursion  getroffen.  Dicke  wollene  Dek- 
ken  wurden  zusammengerollt  und  auf  die  Pferde  gebunden,  die  Kürbis- 
flaschen mit  Wasser  gefüllt  und  nebenbei  noch  einige  Flaschen  Whisky, 
nämlich  Branntwein,  Bärenschinken,  Speck  und  Brod  in  die  geräumigen 
Satteltaschen  geschoben.  Die  Büchsen  wurden  geladen,  einige  Beile 
mitgenommen,  aufgesessen  und  die  Pferde  in  leichten  Trab  gesetzt. 

Nach  einer  Viertelstunde  waren  wir  aus  dem  Walde  und  unsere 
Pferde  trabten  wohlgemuth  auf  einer  mit  kurzem  Grase  bedeckten  Prairie. 

Schon  bezeichnete  ein  von  den  Gipfeln  riesenhafter  Bäume  gebilde- 
ter Saum  am  Horizont  den  Lauf  des  Colorado,  denn  bekanntlich  stehen 
die  bedeutendesten  Waldriesen  in  der  Nähe  des  Flusses. 

Endlich  erreichten  wir  den  Rand  des  Waldes  und  trafen  nach  Be- 
rechnung meiner  Begleiter  richtig  die  Farm  des  hier  wohnenden  Bären- 
jägers, um  hier  unsere  Thiere  zur  Verpflegung  zu  lassen.  Der  Master 
war  nach  Aussage  der  Sclaven  bereits  seit  J4  Tagen  abw^esend,  seiner 
Lieblingsbeschäftigung,  der  Bärenjagd,  nachgehend. 

Wir  übergaben  nach  Entfernung  der  Decken  und  des  Proviantes 
die  Pferde  den  Negern  und  setzten  unsern  Weg  zu  Fuss  fort. 

Der  Waldsaum  Avar  von  unzähligen  Sängern  bewohnt,  Avelche  durch 
Mannigfaltigkeit  ihres  Gefieders  und  ihren  fröhlichen  Gesang  unsere 
Herzen  erfreuten.  Besonders  zeichnete  sich  die  schöne  scharlachrothe 
und  schwarz  gehäubte  Fringilla  cardinalis  ditrch  Häufigkeit  aus.  —  Ein 
anderer  ebenfalls  von  Baum  zu  Baum  flatternder  Bewohner  des  Waldes 
ist  das  hier  sehr  häufig  anzutreff"ende  Flughörnchen,  Pteromys  volucella, 
welches  auf  Eichen  und  Nussbäumen  seine  Nahrung  sucht. 

Die  Vegetation  ist  am  Rande  des  Urwaldes  übrigens  nicht  beson- 
ders üppig,  sondern  im  Gegentheil  finden  sich  eine  Masse  verkrüppel- 
ter Eichenarten,  wie  Quercus  nigra,  obtusiloba,  coccinea,  palustris  u.  s. 
w.  vor,  welche  der  hier  ganz  gemeine  Parasit,  Tillandsia  usneoides,  so 
dicht  bewohnt,  dass  auch  nicht  ein  einziges  Blatt  zu  sehen  ist;  sondern 
von  allen  Aesten  und  Zweigen  genannter  Parasit  3  —  5  Fuss  lang  herab- 
hängt und  so  dem  Ganzen  ein  eigenthümliches  geisterhaftes  Ansehn 
verleiht.  Nach  dem  Lmern  des  Waldes  zu  wurde  die  Tillandsia  seltener 
aber  auch  die  Eichenarten,  Quercus  nigra  und  obtusiloba,  verschwanden 
gänzlich,  dagegen  trat  eine  andere,  grosse,  schöne  Art,  Quercus  macro- 
carpa  Michx.  an  die  Stelle,  welche  auch  im  dichtesten  Wald  vereinzelt 
vorkommt.  Einzelne  Juglandeen,  wie  Juglans  nigra  L.  und  Caiya  oli- 
vaeformi.s  W.,  ferner  ganze  Gruppen  von  Magnolia  grandiflora  W.,  fin- 
den sieh  im  diclitcren  Walde. 


159 

Jetzt  wurde  hie  und  da  dem  Vordringen  manches  Hinderniss  ent- 
.i;eg-en gestellt;  die  Schlingpflanzen,  vorzüglich  aber  Smilaceen,  von  der 
Stärke  eines  Armes,  sperrten  den  Weg  und  zwangen  uns  oft  zum  Beile 
zu  greifen,  um  einen  Durchgang  möglich  zu  machen. 

Später  reichte  auch  dieses  Mittel  nicht  mehr  und  wir  Avurden  oft 
genothigt,  einen  Umweg  von  Viertelmeilen  zu  machen,  um  der  einge- 
schlagenen Richtung  folgen  zu  können.  —  Je  näher  wir  dem  Rio  kamen, 
desto  ilppiger  wurde  die  Vegetation ;  die  vorher  vereinzelten  Cedern 
fanden  sich  häufiger  vor  und  erreichten  eine  bedeutende  Grösse:  die 
Smilaceen,  das  Rhus  und  der  wilde  Wein  erklommen  die  höchsten  Bäume 
und  auf  den  Gipfeln  derselben  sich  ausbreitend,  bedeckten  sie  oft  ganze 
Baumgruppen,  diesen  ein  schützendes  Dach  geAvährend;  oder  sie  fessel- 
ten schon  vor  Jahren  abgestoi'bene  Bäume  an  Lebende  und  bedeckten 
noch  die  Leiche  mit  prachtvollem  Grün. 

Die  Vegetation  zeigte  im  Allgemeinen  eine  von  mir  nie  geahnte 
Ueppigkeit,  nur  die  Thierwelt  war  wie  ausgestorben ;  kein  lebendes  Ge- 
schöpf war  zu  sehen ,  nur  das  eigenthümliche  tempomässige  Hämmern 
eines  nach  Lisekten  suchenden  Spechtes  verrieth  die  Anwesenheit  eines 
Bewohners. 

Noch  weiter  vorgedrungen,  stiessen  wir  auf  eine  ziemlich  bedeutende 
Kluft,  welche  jedoch  durch  übereinandei-liegende  mit  Schlamm  bedeckte 
Baumstämme  so  ausgefüllt  war,  dass  Avir  über  diese  kletternd  die  andere 
Seite  erreichten.  Es  Avar  dies  eine  sogenannte  Branche  oder  Flussarm 
der  bei  hohem  Wasserstande  des  Rio  selbst  einen  reissenden  Sti-oni  bil- 
det, wodurch  zugleich  der  Aveiche  Boden  an  den  Ufern  immer  mehr  und 
mehr  ausgespült  und  die  am  Rand^  stehenden  Bäume  entwurzelt  werden. 
Ist  das  Wasser  reissend  genug,  so  AA'erden  selbst  die  grösten  Bäume 
fortgeführt,  im  entgegengesetzten  Falle  aber,  der  natürlich  stets  zu  Ende 
der  Ueberschwemmuno-  eintritt,  bleiben  diese  Holzmassen  zurück  und 
bilden  Brücken. 

Auf  der  andern  Seite  angekommen,  sagten  mir  meine  Gefährten, 
dass  Avir  jetzt  bald  den  Rio  erreicht  haben  würden.  Ich  für  meinen 
Theil  Avar  sehr  ermattet,  besonders  durch  das  ungewöhnte  Arbeiten  mit 
dem  Beile.  Da  nun  das  Ende  der  Excursion  sich  näherte,  so  nahmen, 
Avie  gewöhnlich,  mit  der  Hoffnung  die  Kräfte  Avieder  zu,  ich  A'crgass 
die  Müdigkeit  und  war  schliesslich  noch  der  Erste,  der  den  Rio  Colo- 
rado erblickte.  —  Eben  Avar  ich  im  Begriff  meinen  mir  folgenden  Freun- 
den meine  Entdeckung  zu  verkünden,  als  schon  eine  zAveite  mich  daran 
verhinderte.  Ein  Aligator  von  ungefähr  12  Fuss  Länge,  der  auf  einem 
grossen,  zur  Hälfte  in  den  Fluss  gefallenen  Baumstamm  sitzend,  den 
mit  Schlamm  bedeckten  Körper  den  Sonnenstrahlen  ansetzte,  Avar  Ur- 
sache des  unterbrochenen  Freudenrufes.  —  Mir  war  ganz  eigen  zu  Muthe 
als  ich   in   meinem   Leben    das    erste    Mal    eines   von   diesen    collossalen 


160 

Reptilien  vor  mir  sah,  ich  wagte  nicht  zu  sprechen ,  um  die  schlafende 
Schönheit  nicht  zu  wecken.' 

Mein  nächster  Nachbar,  dem  ich  durch  Pantomime  die  Gegenwart 
des  Alligators  angezeigt,  Avar  jedoch  weniger  galant,  legte  die  Büchse 
an,  ein  Knall  und  die  Wellen  bezeichneten  nur  noch  die  Stelle,  wo  das 
Thier  in  die  Tiefe  stürzte.  Einen  Augenblick  war  Alles  ruhig,  dann  er- 
schien dasselbe  wieder  auf  der  Oberfläche,  peitschte  das  Wasser  mit 
dem  Schwänze,  überschlug  sich  mehrere  Male  und  bald  trugen  die  Flu- 
then  eine  leblose  Masse  stromabwärts. 

Der  Schuss  war  aber  noch  vielen  andern  derartigen  Schläfern, 
welche  vorher  nicht  gesehen  worden  waren,  ein  Signal  zur  Flucht,  denn 
an  allen  Enden ,  am  diesseitigen  und  jenseitigen  Ufer  stürzten  grosse 
und  kleine  Alligatoren  in  das  sie  schützende,  tiefe,  schmutzige  Wasser. 

Die  Sonne  stand  hoch,  wir  suchten  daher  einen  bequemen  Platz, 
breiteten  unsere  Decken  aus.  und  lagerten  uns  recht  gemüthlich.  Die 
Whisky -Flasche  ging  im  Kreise  herum  und  jeder  benutzte  den  Inhalt 
derselben,  denn  Branntwein  ist,  so  merkwürdig  es  klingen  mag,  grade 
im  Süden  ein  nothwendiges  Bedürfniss;  er  w'ird  nämlich  hier  als  bele- 
bendes Mittel  benutzt.  —  Etv,'as  Brod  und  etAvas  Bärenschinken  bildeten 
das  ganze  Diner. 

Wenige  Augenblicke  nach  Beendigung  desselben  verfielen  meine 
Gefährten  ihrer  Gewohnheit  nach  in  festen  Schlaf;  ich  zog  es  vor  mir 
einige  Notizen  zu  machen.  Die  dampfende  Cigarre  leistete  mir  ausser- 
ordentliche Dienste,  denn  eine  Wolke  Muskitos  bemächtigte  sich  meiner 
armen  Freunde  dergestalt,  dass  Gesicht  und  Hände  vollkommen  davon  be- 
deckt waren.  Die  Schläfer  wurden  bald  wieder  munter  und  suchten  sich  so 
schnell  als  möglich  von  den  lästigen  Gästen  zu  befreien,  was  auch  mit  Hülfe 
von  Tüchern  bald  gelang.  —  Nach  allgemeinem  Beschluss  wurde  auf- 
gebrochen, da  es  aber  schon  zu  spät  geworden  war,  um  noch  nach 
Hause  zu  kommen,  w^urden  wir  einig,  nach  dem  Cedar-Creek  zu  gehen, 
um  dort  in  der  Nähe  den  andern  Tag  zu  erwarten  und  dann  zu  jagen. 

Nach  Verlauf  von  zwei  Stunden  erreichten  wir  eine  lichtere  Stelle 
im  Walde,  einzelne  kleine  Grasplätze,  welche  in  Verbindung  kleine 
Prairien  bildeten,  zeigten  an,  dass  wir  uns  dem  Ufer  eines  kleinen 
Flusses  näherten.  Meine  Begleiter,  welche  hier  genau  bekannt  waren, 
suchten  einen  schönen  Rasenplatz  zum  Nachtlager  aus,  untersuchten  die 
auf  der  Erde  liegenden  Baumstämme  und  die  darunter  sich  verbergen- 
den schädlichen  Thiere,  wie  Taranteln,  Scorp^one,  Tausendfüsse  oder 
giftige  Schlangen  unschädlich  zu  machen ;  ein  ziemlich  frischer  Ceder- 
stamm  qualificirte  sich  sehr  gut  zum  Kopfkissen,  besonders  da  er  von 
allen  benutzt  werden  konnte.  So  Avaren  denn  die  Vorbereitungen  zum 
Nachtlager  getroffen  und  wir  konnten  noch  das  scheidende  Tageslicht 
als  Beleuchtung  zu  unserer  Tafel  benutzen.  Nach  der  Mahlzeit  erzählte 
ich  meinen   Fitunthni    von  dem  Leben    und  Treiben    der  grossen  araeri- 


16t 

kanischen  Städte,  A'on  den  grossen  Flüssen  u.  s.  w.  bis  ich  die  Bemerk- 
ung machte;  dass  ich  nur  den  Bäumen  erzählte,  meine  eigentlichen 
Zuhörer  aber  sich  in  Morpheus  Armen  wiegten.  Auch  ich  schlief  nun 
bald  xmd  mochte  ungefähr  drei  bis  vier  Stunden  geschlafen  haben,  als 
ganz  eigenthümliche  Töne  in  der  Ferne  mein  Ohr  erreichten,  ich  wachte  auf 
und  hörte  das  Geheul  einer  Heerde  Wölfe,  welche  ungefähr  3  —  400  Schritt 
von  unserm  Lagei'  entfernt  waren.  Ich  kannte  zwar  die  Feigheit  der 
texanischen  Wölfe,  doch  störte  mich  die  Nähe  dieser  Gäste  ungemein. 
Meine  Gefährten  erAvachten  endlich  auch,  eine  Pistole  wurde  abgefeuert 
und  dadurch  die  Serenade  unterbrochen.  —  Ich  für  meinen  Theil  konnte 
lange  nicht  einschlafen,  denn  es  war  ja  das  erste  Mal,  dass  ich  im  Revier 
dieser  Bestien  zubrachte.  Vor  Anbruch  des  Tages  hörte  ich  noch  in  der 
Ferne  das  laute  Gebrüll  eines  Kuguars,  welcher  vielleicht  von  seiner  Jagd- 
parthie  zurückkehrend  noch  einmal  den  Bewohnern  des  Waldes  mit  lauter 
Stimme  seine  Gegenwart  verkündete.  Endlich  schlief  ich  in  Folge  der  Stra- 
paze am  vorigen  Tage  noch  einmal  ein  und  erwachte  ziemlich  spät.  —  Es 
war  heller  Tag  und  meine  Gefährten  verschwunden,  die  Decken  und 
Provianttaschen  lagen  an  der  Erde,  die  Büchsen  fehlten;  sie  waren  also 
auf  der  Jagd. 

Ich  stand  auf,  nahm  die  Büchse  zur  Hand  und  bewegte  mich  einige 
Hundert  Schritt  nach  dem  Creek  zu.  Einige  Compositen  zogen  meine 
Auftnerksamkeit  auf  sich  und  unter  ihnen  fand  ich  zu  meiner  grossen 
Freude  Engelmannia  bipinnatifida.  Einige  bessere,  schöner  entwickelte 
Exemplare  luden  mich  ein,  näher  nach  dem  Creek  zu  kommen  und 
hier  fand  ich  noch  Salvia  lyrata,  penstemoides,  farinosa,  Asclepias  tube- 
rosa,  verticillata,  Argemone  Mexicana,  Indigofera  leptosepala  und  Lind- 
heimeri,  ferner  Krameria  lanceolata,  Brazoria  scutellarioides,  Phlox  Roe- 
meriana,  Lepachis  columnaris,  von  der  übrigens  die  herrliche  Varietät 
pulcherrima  viel  häufiger  als  das  Original  vorhanden  war;  besonders 
häufig  waren  Centrosema  virginica  und  Acacia  hirta:  Ixia  coelestina 
und  Cooperia  Drummondii  dagegen  fanden  sich  sehr  vereinzelt. 

Alle  diese  Pflänzchen  wussten  sich  in  kurzer  Zeit  so  beliebt  zu 
machen,  dass  ich  ihnen  in  Gedanken  versprach,  'recht  bald  wieder  zu 
kommen  und  eine  andere  Büchse  als  heute  mitzubringen. 

Auf  einmal  hörte  ich  in  der  Ferne  einen  Schuss,  dann  einen  zwei- 
ten u.  s.  w.,  dies  waren  meine  Freunde;  ich  versteckte  mich  schnell 
hinter  einen  grossen  Kussbaum ;  ein  Rudel  Hirsche  raste  in  wilder  Flucht 
an  mir  vorüber,  sie  waren  ganz  dicht  und  ich  schoss  nicht,  weil  ich 
mich  so  gänzlich  in  der  Betrachtung  verloren  hatte.  Jetzt  fiel  mir  erst 
ein,  dass  ich  auf  der  Jagd  war,  aber  die  Hirsche  waren  verschwunden ; 
doch  eine  Heerde  wilder  Truthühner,  von  einem  grossen  Hahn  mit 
schwarzen  Haarbüschel  auf  der  Brust  geführt,  schlug  dieselbe  Richtung 
ein.  Diese  Thiere  waren  ebenfalls  auf- der  Flucht,  doch  schritten  sie 
vorsichtiger  vorwärts,  den  Kopf  nach  allen  Seiten  wendend,    wobei  der 

Allg-   (letitNfhe  naturhist,  Zeitung-      I.  j  « 


162 

Führer  durch  zeitweilig  ausgestossene  Töne  die  Heerde  zusammenzu- 
halten suchte.  Ein  neben  dem  Baum  vorhandener  Strauch  deckte  mich 
vollkommen,  nur  noch  dreissig  Schritte  waren  sie  von  mir  entfernt,  da 
knallte  die  Büchse  und  ein  junger  Hahn  bezahlte  mit  seinem  Leben  die 
Unvorsichtigkeit  des  Führers.  Ein  der  fliehenden  Heerde  nachgesendeter 
Schuss  war  vergeblich.  Die  übrigen  Jäger  kamen  nun  einzeln  hei-an 
und  die  Jagd  ergab  4  Hirsche  und  2  Truthühner.  Yon  den  Hirschen 
wurden  nur  die  Hinterkeulen  abgelösst  und  diese  nebst  den  Hühnern 
mitgenommen.  Wir  marschirten  jetzt  ziemlich  schnell,  uiu  noch  vor 
Beginn  der  Mittagshitze  in  die  vor  den  Sonnenstrahlen  schützende  Farm 
des  Bärenjägers  zu  kommen,  woselbst  wir  auch  gegen  10  Uhr  eintrafen. 
Der  Jäger  war  in  letzter  Nacht  zurückgekehrt,  seine  Jagd  war  ergiebig 
gew^esen,  denn  die  ihn  begleitenden  4  Neger  hatten  34  Bärenschinken 
auf  ihren  Pferden  nach  Hause  gebracht,  deshalb  war  er  auch  sehr  hei- 
ter und  erzählte  uns  bei  Tisch  viele  und  unterhaltende  Jagdgeschichten. 

Schliesslich  führte  er  uns  noch  hinter  das  Haus  und  zeigte  uns 
seinen  Charles.  Dies  der  Name  eines  jungen  an  der  Kette  liegenden 
Bären,  der  auf  einer  Parthie  vor  5  Monaten  in  die  Hände  des  Jägers  ge- 
kommen war.  —  Meister  Petz  schien  seinen  Herrn  vortrefflich  zu  ken- 
nen, er  schlug  mit  der  Tatze  in  die  ihm  dargebotene  Rechte,  er  leckte 
die  Hand,  kurz  jede  Bewegung  des  Thieres  bewies  eine  nicht  zu  ver- 
kennende Freude.  Der  Besitzer  schloss  die  Kette  los,  führte  den  Bären 
über  die  Fence  und  entfernte  hier  auch  das  Halsband.  Der  Bär  war 
frei,  nahm  aber  noch  einige  Zeit  Anstand  diese  Freiheit  zu  benutzen, 
dann  wendete  er  das  Gesicht  dem  dichten  Walde  zu:  etwas  schon  längst 
Vergessenes  schien  sich  in  seinem  Gedankenkreise  wieder  einzustellen, 
das  schlummernde  Bewustsein  seiner  frühern  Freiheit  erwachte  plötzlich 
wie  aus  einem  Traume  und  dahin  trabte  das  junge  Thier  nach  dem 
Wohnplatz  seiner  Genossen. 

Nachdem  die  heisse  Zeit  vorüber  und  wir  den  grössern  Theil  unserer 
Hirschkeulen  gegen  Bärenschinken  vertauscht  hatten,  bestiegen  wir 
unsere  leichtfüssigen  Renner,  welche  uns  in  kurzer  Zeit  nach  dem  Beag- 
settlement  brachten. 


Cycadeeii- Blatt  im  Rolliliegenden. 

Von  E.  V.  Otto  auf  Possendorf. 

Auf  dem  Segen -Gottes -Schacht  in  Wilmsdorf  bei  Dresden,  welcher 
von  den  Herren  Gebrüder  Schmidt,  Freudenherg  und  Reiche  in  Dresden 
auf  Steinkohlen  geteuft  wird,  fand  sich  in  der  Teufe  von  7,'j  Lachter,  in 


m  _ 

einer  l  Lachter  mächtigen  Schicht  eines  lockern,  sandigen,  rothen,  mit  vielen 
Grneissbrocken  gemengten  Conglomerates ,  der  Abdruck  eines  Palmeu- 
zweig-ähnlichen  Blattes,  das  wir,  da  es  entschieden,  weder  einem  Farrn, 
noch  einer  Palme  angehören  kann,  für  den  Wedel  oder  das  Blatt  einer 
Cycadee  erkannten. 

Die  sichtbare  Länge  des  Wedels  ist  13",  doch  glauben  wir,  dass  er 
noch  um  mehrer  Zoll  länger  gewesen  sein  müsse;  seine  grösste  Breite 
mit  Einschluss  der  Fiedern  ist  l^li",  welche  sich  aber  nach  der  End- 
spitze zu  bis  auf  2"  pyramidal  verringert. 

Vegetabilische,  kohlige  Substanz  ist  nicht  wahrzunehmen,  das  ganze 
Blatt  ist  auch  nur  reiner  Abdruck.  Spindel  und  Fiedern  sind  mit  einem 
nicht  zu  beseitigenden  rothen,  fetten  Letten  ausgekleidet  und  mit  stark 
hervortretender,  grobkörniger  Conglomeratmasse  umgeben,  wodurch 
sie  stark  vertieft  erscheinen.  Die  nur  an  der  grössern  Hälfte  des  We- 
dels sichtbare  Ehachis  ist  3 — 4  mm.  breit;  die  spitzauslaufenden,  bogen- 
förmig aufw'ärtsgebogenen ,  linearischen  Fiederchen  nehmen  von  der 
Spitze  des  Blattes  an  nach  dessen  Basis  immer  mehr  und  mehr  an 
Länge  zu,  und  es  beträgt  ihre  grösste  Länge  dort  3  ^j-i" ;  sie  sitzen  gegen- 
ständig mit  ihrer  grössten  Breite,  3^/2  mm.,  an  der  Spindel  an  und 
sind  da  offen,  4  mm.  von  einander  entfernt. 

Die  Form  und  Biegung  der  Fiederchen  ähnelt,  obschon  die  unsere 
bedeutend  grösser  sind,  der  der  Cycadites  Brongniarti  Roem  aus  der 
Wealdenformation  Deutschlands. 

Der  Mittelnerv  ist  wenig  sichtbar  und  scheint  nicht  stark  gewesen 
zu  sein,  Seitennervchen  erblickt  man  nur  an  dem  zAveiten,  dritten,  vier- 
ten Fiederchen  rechts,  und  an  dem  dreizehnten  links;  ihre  Stellung  ist 
ziemlich  analog  der  von  Pterophyllum  Jaegeri  Brongn.  aus  dem  Keuper 
und  Schilfsandsteine  Würtembergs  und  Badens. 

Die  Abstammung  unsers  Wedels  von  Cycadeen,  ist  nicht  zu  bezwei- 
feln, und  da  uns  weder  aus  dem  Rothliegenden,  noch  aus  der  Steinkoh- 
lenformation selbst  ein  mit  dem  unsei-n  identisches  Cycadeen  -  Blatt  be- 
kannt ist,  nennen  wir  es  zu  Ehren  des  Direktors  der  Wilmsdorfer  Koh- 
lenbaugesellschaft,  Herrn  Finanzprocurator  Dr.  Schmidt  in  Dresden,  wel- 
cher uns  dieses  Exemplar  verehrte, 

„Cycadites  Schmidti ,  E.  v.  0}' 


Psammomys  obesus  Rüppel. 

(Die  dicke  Sandwiistenmaus .) 
Von  Dr.  A,  Dehne,  Hoflössnitz  bei  Dresden. 
Ich    nenne    Psammomys     obesus    deshalb     dicke    Sandwüstenmaus, 
weil  der  Name  Sandmaus  bereits  an  den  Pallas^oh&ci  Cricetus  arenarius 

12* 


164 

vergeben  ist.  Sie  bewohnt  nach  Rüppel  einsame,  verödete,  sandige 
Orte  in  und  um  Alexandrien  und  gräbt  sich  Höhlen.  Im  Winter  sieht 
man  keine;  sie  bringen  wahrscheinlich  einen  Theil  des  Winters  schla- 
fend zu.  In  der  Gefangenschaft  muss  man  sie  sehr  warm  halten,  da 
sie  gegen  die  Kälte  sehr  empfindlich  sind.  Sie  werden  so  zahm,  dass 
man  sie  ohne  Furcht  angreifen  kann  und  scheinen  überhaupt  von 
sanftmüthigem  Naturell  zu  sein.  —  An  mehreren  Orten,  wie  z.  B.  im 
Berliner  zoologischen  Garten  hat  man  diese  Thiere  zur  Vermehrung 
gebracht;  sie  sind  aber  dennoch  sehr  selten  in  Menagerieen  und  Natura 
lien-Sammlungen.  Ich  gebe  von  meinem  Exemplare,  einem  Männchen, 
welches  von  Berlin  stammt,  hier  die  Beschreibung.  Es  hat  die  Grösse 
des  Eichhörnchens,  sieht  oben  rehfahl  und  unten  weisslich  aus,  hal 
kurze,  behaarte  runde  Ohren  und  einen  langen  cjlindrischen,  dichi 
aber  kurz  behaarten  Schwanz  mit  schwarzer  Endspitze.  Seine  Füsse 
sind  beinahe,  wie  bei  der  Gattung  Meriones,  doch  die  hintern  bei  wei- 
tem nicht  so  lang,  wie  bei  dieser  eben  genannten  Gattung.  Der  Kör- 
per ist  verhältnissmässig  sehr  dick,  beinahe  kugelig,  daher  der  Name. 
—  Der  Pelz  sieht  aus,  als  wäre  er  nass  ;  die  an  der  Basis  schwärzlichen 
(schiefergrauen),  an  der  Spitze  rehfahlen  Haare  ballen  sich  nämlich  in 
Klumpen  von  verschiedener  Stärke  zusammen  und  geben  dem  Pelze 
den  eben  bemerkten  Anschein.  Der  Feinheit  wegen  kann  man  den 
Pelz,  welchem  die  Stachelhaare  gänzlich  fehlen,  am  Passendsten  mit 
der  südamerikanischen  Chinchilla  vergleichen;  er  fühlt  sich  an,  wie 
rohe  Seide.  Die  Länge  der  Wolle  beträgt  einen  reichlichen  halben 
Zoll,  und  die  zwei  Farben  schneiden  gerade  in  der  Mitte  ab.  Die  Unter- 
seite des  Körpers  ist  einfarbig  weiss,  etwas  ins  Strohgelbe  fallend ;  die 
Basis  des  Pelzes  zeigt  hier  keine  andere  Nuance.  —  Die  Schuppenringe 
des  Schwanzes  sind  unter  dem  kurzen,  aber  sehr  dichten,  ziemlich  gro- 
ben Haaren  schwer  und  nur  mit  der  Loiipe  zu  erkennen;  ich  zähle 
derselben  ohngefähr  170.  —  Die  sehr  kurzen  Vorderfüsse  haben  vier 
Zehen  und  einen  Daumenstummel  mit  sehr  deutlichem  Nagel; 
die  längeren  Hinterfüsse  fünf  Zehen;  alle  mit  sehr  wenig  ge- 
krümmten Krallen,  welche  mehr  zum  Graben  im  Sande  als  zum  Klet- 
tern geeignet  scheinen,  versehen.  —  Vibrissen  sehr  lang  und  zahlreich 
über  die  Spitzen  der  Ohren  hinausragend;  über  der  Nase  in  drei  Rei- 
hen und  schwarz,  unter  der  Nase  ohne  reihenweise  Stellung  und  ganz 
weiss.  —  Sohlen  der  Vorderfüsse  sehr  schwielig  und  dünnbehaart,  der 
Hinterfüsse  aber  sehr  dicht  behaart,  um  das  Ausrutschen  auf  glattem 
Boden  zu  verhindern;  die  letztern  mit  eben  solchen  Schuppenreihen 
bis  zur  Zahl  von  zwanzig  an  den  Zehen  versehen,  \vie  dies  am  SchAvanze 
der  Fall  ist.  Augen  schwarz  und  gross,  liervorragend ,  doch  weniger, 
als  bei  der  Gattung  Myoxus.  —  Bewegung  schnell,  vorwärts  schiessend, 
doch  ohne  zu  springen.  —  Obere  und  untere  Nagezähne  gelb,  von  der 
Länge  und  Form,  wie  bei  der  Wanderrate,  Mus  decumanus  L.     Ich  er- 


165 

hielt  meinen  Psainmomys,  ein  Männchen  ohne  Angabe  seines  Alters  aus 
dem  Berliner  zoologischen  Garten  durch  Herrn  Rentier  Lffeldt,  am  I4. 
October  1S54;  er  starb  am  27.  Januar  1S55;  wahrscheinlich  war  er  zu 
fett  geworden. 

Eine  eigentliche  Stimme  habe  ich  nie  von  ihm  gehört,  sondern  nur 
manchmal  einen  oft  in  Zwischenräumen  von  einigen  Secunden  wieder- 
holten Ton,  welcher  Avie  unterdrücktes  Husten  klang;  ich  bin  zweifel- 
haft, ob  dies  nicht  ein  Symptom  krankhaften,  durch  das  hiesige  Klima 
veranlassten  Zustandes  war.  —  Er  frass  Pflaumen,  Aepfel,  Birnen,  Kir- 
schen, Himbeeren,  Erdbeeren,  Mais,  Hafer,  Hanfsaamen,  Brod,  Milch- 
semmel, Zwieback  u.  s.  w. ;  an  gekochten  Kartoffeln,  Runkelrüben,  Möh- 
ren nagte  er  nur  dann  und  wann  aus  Langeweile;  aber  Pflaamenkerne 
wurden  begierig  von  ihm  geöffnet,  um  zu  deren  Inhalte  zu  gelangen, 
welcher  ihm  zur  Arznei,  vielleicht  zur  Beförderung  der  Verdauung  zu 
dienen  schien,  —  Er  war  sehr  reinlich  und  hatte  im  Käfig  ein  beson- 
deres Fleckchen  fih-  seinen  Unrath,  welcher  im  Verhältnisse  zu  seiner 
(irösse  sehr  klein,  kaum  etwas  grösser,  wie  der  von  der  Hausmaus 
war.  —  Einen  Übeln  Geruch  verbreitete  er  gar  nicht,  urinirte  überhaupt 
sehr  wenig,  dass  die  untergestreuten  Sägespähne  stets  trocken  blieben. 
An  den  Drähten  des  Käfigs  nagte  er  Stunden  lang,  versuchte  aber  nie, 
durch  das  Holz  eine  Oeffnung  zu  machen.  —  Wenn  er  sich  auf  die 
Hinterfüsse  setzte,  erinnerte  er  sehr  an  die  bekannten  Stellungen  der 
Springmäuse;  die  Vorderfüsse  waren  dann  beinahe  unter  dem  langen 
seidenartigen  Pelze  versteckt. 

Totallänge  von  der  Nase  bis  zur  Schwanzspitze  10  Zoll  Paris.  Mss. 
Von  der  Nase  bis  zur  Schwanzwurzel  b^ji  Zoll.  Länge  des  Schwanzes 
4'/2  Zoll.  Kopf  von  der  Nase  bis  an  den  ersten  Halswirbel  2  Zoll. 
Von  der  Nase  bis  zu  den  Ohren  1  Zoll  und  4  Linien.  Länge  der 
(Jhren  7  Linien;  Breite  derselben  6  Linien.  Schwanz  von  der  Wur- 
zel bis  zur  Spitze  ganz  unmerklich  verdünnt,  beinahe  vollkommen  cylin- 
drisch,  von  der  Stärke  eines  Gänsekiels.  Umfang  der  Leibesmitte  6 
Zoll.  Hinterer  Fuss  sammt  Zehen  1  Zoll  und  4  Linien.  Mittlere  Zehen 
4  Linien.  Vorderer  Fuss  1/2  Zoll;  mittlere  Zehen  l^j-i  Linien.  Farbe 
des  Ober-  und  Unterkörpers  an  den  Seiten  scharfbegrenzt.  Schwanz 
gleichfarbig  rehfahl,  am  Ende  einen  reichlichen  Zoll  lang  schwarz  ge- 
spitzt. Mund  sehr  klein.  Backen  dick.  Oberlippe  wenig  gespalten. 
Die  Augen  liegen  um  ein  Weniges  den  Ohren  näher,  als  der  Nase.  — 
Das  ganze  Aussehen  des  Thieres  hat  etwas  sehr  elegantes,  wie  bei  Me- 
riones,  Dipus.  Ob  es  wie  diese  Winterschlaf  hält,  ist  unbestimmt;  in 
der  Gefangenschaft  zeigt  es  keine  Neigung  dazu;  nach  der  Analogie 
zu  schliessen,  muss  dies  aber  wohl  der  Fall  sein. 

Am  10.  März  d.  J.  bekam  ich  aus  derselben  Quelle  ein  junges 
halbausgewachsenes  Weibchen  mit  dem  DampfAvagen ;  es  befand  sich 
trotz  der  unterwegs  ausgestandenen  Kälte    ganz  wohl.     Es  ist  weit  leb- 


166 

hafter,  als  das  erstcre  Männchen,  läuft  die  ganze  Nacht  hindurch  in 
seinem  Käfig  hin  und  her;  den  Tag  verbringt  es  dagegen  mit  Schlafen 
und  zeigt  sich  überhaupt  als  bloss  nächtliches  Thier,  wie  Dipus.  Im 
Schlafe  sitzt  es  auf  den  Hinterfüssen,  den  Kopf  zwischen  die  Schenkel 
gesteckt  und  den  Schwanz  kreisförmig  uliter  den  Kopf  gelegt. 


Kleinere  Mittheihingen. 

„Die  Kritik  Haidingers  über  Dana's  Mineralogie'^  schreibt  uns  der 
Mineralog  Herr  E.  Zschau,  „ist  nicht  minder  klassisch  als  das  kritisirte 
Werk,  die  Aufnahme  derselben  in  die  Zeitschrift  ist  durchaus  wünschens- 
werth  und  wird  gewiss  allen  Lesern  willkommen  sein."  Herr  Director  Hai- 
dinger theilt  über  dieses  Werk :  System  of  Mineralogy  von  Prof.  Dana 
iti  Yale  College  Aew  llaven,  Connecticut  in  der  Sitzung  der  K.  K.  geolo- 
gischen Reichsanstalt  am  30.  Jan.  1855  Folgendes  «mit:  „„Es  ist  dies 
eigentlich  die  vierte  Auflage  eines  schon  früher  sehr  geschätzten  Lehr- 
buchs der  Mineralogie,  das  aber  nun  durch  die  angestrengteste  Thätig- 
keit  des  Verfassers  in  der  Zusammenstellung  sowohl,  als  in  den  tiefsten  Stu- 
dien der  einzelnen  Abtheiluugen  nicht  nur  als  das  beste  in  der  englischen 
Sprache,  sondern  gegenwärtig  als  das  beste  systematisch-mineralogische 
Werk  überhaupt  angesolien  werden  kann.  Europa  hat  in  dieser  Be- 
ziehung seine  Superiorität  an  Amerika  verloren.  Achtzig  Jahre  sind 
es,  —  1 774  —  als  der  Altvater  Werner  seine  „äusserlichen  Kennzeichen 
der  Fossilien"  herausgab.  Auf  der  Grundlage  schwedischer  Wissen- 
schaft —  der  Kronstadt  Bergmann  —  fortbauend,  war  bald  darauf 
Freiberg  —  Deutschland  —  das  Hauptquartier  für  Mineralogie.  Auch 
in  unserem  Wien  war  dies  eine  Zeit  wissenschaftlichen  Strebens,  ange- 
regt vorzüglich  durch  Ignaz  Edlen  von  Born,  mit  dem  auch  mein  Vater 
Karl  Haidinger  arlieitete  und  Müller  von  Reichenstein  ,  von  Fichte!, 
Hacquet,  Kramp  und  Bekkerhin,  dazu  die  beiden  Jacquin  Vater  und 
Sohn  und  Andere.  Lidessen  errang  sehr  bald  bei  den  tüchtigen  Vor- 
arbeiten Rome  de  l'Isles  durch  die  wahrhaft  geometrische  Auffassung 
der  Krystallographie  durch  Hauy,  Paris  den  ersten  Platz.  Wohl  kämpf- 
ten Werners  Schüler  und  Nachfolger,  ein  Karsten,  Weiss,  Mohs,  Haus- 
mann, von  Leonhard,  Gr.  Rose,  Breithaupt,  Naumann  mit  Erfolg  für 
Hegemonie  deutscher  Wissenschaft,  und  man  darf  wohl  die  Periode, 
in  welcher  Mohs  in  Freiberg  lehrte  und  seinen  Grundriss  herausgab, 
eine  glänzende  Epoche  des  Vorwaltens  derselben  nennen.  Aber  wäh- 
rend der  Zeit  waren  mit  den  Messungen  vermittelst  des  Wollaston'schen 
Geniometers  auch  in  P^ngland  werthvolle  Arbeiten  geliefert  worden. 
Mit  Dufrcnoy,  Hansmann,  IMiller  und  Brooke  besitzen  neuester  Zeit 
Franki-eich,  Deutschland,  Enghxnd  die  Averthvollsten  Werke.  Das  neu- 
este Werk  Dana'K  trägt  aber  nun    im  Ganzen    die  Palme    davon.     Hier 


167 

Ut  Alles  mit  dem  wahren  Manne  der  Wissenschaft  eigenem  Ausdrucke 
höchster,  bereitwilligster  Anerkennung,  was  frühere  Forscher  geben, 
sorgfältig  gesammelt,  aber  nicht  wie  in  jenem  Handbuche  Hartmann's 
zu  einer  Zeit,  wo  ein  gründliches  grosses  Werk  über  Mineralogie  gerade 
erförderlich  gewesen  wäre,  von  der  Hand  eines  Kompilators,  sondern 
von  der  Hand  eines  erfahrenen  Meisters,  der  noch  zu  der  jSfasse  des 
in  gigantischen  Massstabe  anwachsenden  Materials  ausgedehnte  und 
geistreiche  eigene  Arbeiten  und  Anschauungen  zu  einem  grossen  Gan- 
zen zu  verbinden  die  Kenntniss,  Kraft  und  Ausdauer  besitzt.  Es  ist 
in  der  That,  wieder  Verfasser  sagt:  neu  geschrieben,  neu  geordnet 
und  erweitert  (rewritten,  rearranged  and  enlarged).  Aber  man 
muss  dazu  setzen,  auch  die  Anerkennung  und  Theilnahme  hochge- 
bildeter Spj'achverwandten  namentlich  der  geldbesitzenden:  Fünf  Auf- 
lagen Phillips!  Vier  Auflagen  Dana!  Avährend  in  den  uns  näheren 
Kreisen  nur  immer  über  die  Druckkosten  geklagt  wird,  und  der, 
der  Natur  der  Sache  nach  ärmlich  gestellte  Autor  doch  nicht  auch  noch  sein 
Letztes  für  Hervorbringung  eines  Werkes  geben  kann,  das  dann  nur 
mühsam  Käufer  findet.  Unseres  Kenngott  Uebersichten  der  mineralogi- 
schen Forschungen^  deren  Herausgabe  für  die  Jahre  1844  bis  1851  stets 
der  k.  k.  geologischen  Reichsanstalt  zur  Ehre  gereichen  wird,  fanden 
bei  der  Ungunst  unserer  Verhältnisse  für  die  spätem  Jahrgänge  erst 
in  Leipzig  ein  Asyl. 

Werke  wie  das  vorliegende  von  Dana  bilden  einen  Abschnitt  in 
der  Geschichte  der  Wissenschaft.  Ein  schöner  Wetteifer  sollte  nun  in 
Europa  aufflammen,  um  es  ihm  gleich  zu  thun  und  in  dem  Fortschritt 
der  Wissenschaft,  die  niemals  stillsteht,  sodann  auch  besser.  Wird  ein 
Mineralog  bei  uns  einen  Entschluss  zu  fassen  vermögen  mit  der  Aus- 
sicht auf  Erfolg?  So  viel  ist  gewiss,  dass  ein  deutsches  Werk  dieser 
Art  für  unsere  Arbeiten  von  grösstem  Nutzen  wäre  und  daher  auch  mit 
der  grössten  Dankbarkeit  aufgenommen  werden  müsste."'' 


Herrn  Bischof  J.  C.  Breutels  in  Herrnhut  glückliche  Rückkehr,  brief- 
lich bei-ichtet  an  Rchb.  „Wir  können  Gott  nicht  genug  danken  für  alle 
Bewahrung  und  Durchhülfe  und  für  so  vieles  Gute^  das  wir  genossen 
haben.  Liebe  und  Freundschaft  hat  uns  in  Süd -Afrika  empfangen  und 
durch  dasselbe  begleitet.  Wir  landeten  am  6.  October  1S53  an  der 
Capstadt,  besuchten  unsere  Stationen  Gronekloof,  Gnadenthal,  Elim  und 
von  da  machte  ich  mit  unserem  Missions-Superintendenten  Kölhbig  zu  Land 
die  Reise  durch  die  ganze  Colonie  bis  Silo  und  noch  ein  Stück  ins 
Kafiernland  hinein.  Diese  Reise,  mit  Ochsen  und  Eseln  dauerte  4  Mo- 
nate, wobei  wir  zwei  Monate  in  einem  Zelt  campirten.  Diese  Zigeuner- 
Wirthschaft,  wie  ich  es  nannte,  da  man  sich  behilft  wie  man  kann  und 
oft  das   Wasser   aus  Pfützen    trinken    muss,    in    denen   man    hier    die 


Hände  nicht  waschen  mochte,  war  mir  recht  gemüthlich  und  ich 
befand  mich  wohl  dabei.  Am  Schliiss  meines  Afrikanischen  Aufenthal- 
tes wurde  ich  aber  so  ernstlich  krank,  dass  meine  Rückkehr  i^weifelhaft 
wurde.  Es  war  dies  Folge  geistiger  Anstrengung  und  nicht  der  Stra- 
patzen.  Ich  hatte  Gott  Lob!  meinen  Auftrag  vollendet  und  konnte  also 
ruhig  sterben,  wenn  es  Gott  gewollt  hätte.  Meine  Prau  hat  sich  auch 
auf  dieser  Reise  als  treffliche  Gattin  gezeigt.  Sie  wollte  mich  auch  auf 
der  langen  Landreise  begleiten ,  ich  bat  sie  aber  davon  abzusehen !  — 
Wenn  Sie  nun  nach  den  naturhistorischen  Resultalten  fragen ,  so  muss 
ich  ziemlich  kleinlaut  vor  Ihnen  erscheinen.  Wir  hätten  Elephanten, 
Löwen  u.  s.  w.  sehen  können ,  dies  hätte  mich  aber  vom  Wege  abge- 
lenkt, und  ich  hatte  es  mir  zur  strengen  Aufgabe  gemacht,  einzig  das 
Ziel  meiner  Sendung  ins  Auge  zu  fassen.  Von  Anderen  etwas  zu  bekom- 
men, ist  mit  grossen  Ausgaben  verbunden,  da  das  Geld  dort  wenig  Werth 
hat  und  alles  ungemein  theuer  ist.  In  der  Capstadt  giebt  es  Händler, 
die  alles  aufkaufen ;  ein  LöAvenfell  kostet  circa  40  Thlr.  Ich  habe  mir 
einige  wenige  kleine  Felle,  die  ich  Ihnen  beifolgend  als  Zeichen  meines 
guten  Willens  übersende,  mitgebracht.  Leider  war  auch  auf  der  Reise 
der  Platz  so  beschränkt,  dass  ich  auch  von  Phanerogamen  wenig  einlegen 
konnte;  doch  hat  meine  gute  Frau  während  meiner  Abwesenheit  hübsch 
eingelegt.  Aber  den  Kryptogamen  wendete  ich  meine  ganze  Aufmerksam- 
keit zu  und  die  Ausbeute  liat  sich  besser  gezeigt,  als  ich  erwartete.  Schim- 
per  untersucht  bereits  die  Moose  und  Gotische  die  Hepaticae.  Für  Moose 
u.  s.  w.  ist  das  Land  zu  trocken,  doch  reisten  wir  gerade  in  der  nassen 
Jahreszeit  ab ,  die  für  sie  am  günstigsten  ist.  Afrika  ist  das  Land  der 
Blumen  und  die  Phanerogamie  so  übermächtig,  dass  sie  alles  in  ihren 
Bereich  hineinzieht.  Man  glaubt  nach  einem  stattlichen  Equisetum  zu 
greifen  und  es  ist  ein  Restio,  nach  einem  Ljcopodium  und  es  hat  eine 
kleine  Blume!  —  Ich  habe  also  das  ungünstigste  Feld  gewählt,  aber 
ich  that  es  aus  Liebe  zu  diesen  gewöhnlich  vernachlässigten  Kindern 
der  Flora.  Von  Gefässpflanzen  werde  ich  ungefähr  50  —  60  Arten  mit- 
gebracht haben.  Leider  hat  meine  Zeit  noch  keine  genauere  Durchsicht 
gestattet",  u.  s.  w. 

Wir  können  zu  dem  Vorstehenden  noch  hinzufügen,  dass  die  Algen 
und  Pilze  Herr  Dr.  Rahenhorst  in  'Dresden  zur  Bestimmung  erhalten  hat. 
Sobald  die  Bestimmungen  erfolgt  sind,  werden  Sammlungen  zum  Ver- 
kaufe zusammengestellt,'  und  es  ergeht  die  vorläufige  Anzeige  an  das 
betreffende  Publikum  und  zumal  an  diejenigen,  die  besonders  berück- 
sichtigt sein  wollen,  in  Betreff  der  Zahl  und  Qualität  der  Exemplare 
ihre  Bestellungen  frühzeitig  an  den  Herrn  Dr.  L.  Rabenhorst  in  Dresden 

gelangen  zu  lassen. 

Rr.  A.  Drechsler. 


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UiUUii 


Im  Verlage  von  Rudolf  Kuntze  in  Hamburg  ist  erschienen ; 


"b 


Jenseits  des  Oceans. 


Beiträge  zur  Kunde  amerikanischen  Lebens. 


-^yd'm-'- 


JJnl)alt  trc0  L  — X.  pantrfe: 
I.  Leben  im  fernen  Westen,  von  Ruxton.  1852. 8«.  geh.22V:2Ngr. 


IL  Wanderungen  durch  südamerikanische  Repubhken, 

von  Georg  Byam.    185!.    8*\    geh.  221/2  Ng:r. 


III.  Wildes  Leben  im  hmern  von  Cenü'al- Amerika,  von 

Georg  Byam.     1850.    8".   geh.  I  Thlr. 


IV.  V.  Mexikanische  Bilder,  von  R.  G.  Mason.   2  iheiie.   8». 


geh.   1   Thlr.   10  Ngr. 


VI.  VII.  Eroberer  und  Sclaven  der  neuen  Welt.  Geschichte 

der  Einführung  der  Sclaverei  in  Amerika.    2  Theile.   1853. 


8".    geh.  1  Thlr.  15  Ngr. 


VIII.  Die  Mormonen  im  Thale  des  grossen  Salzseees, 

von  J.  "W.  Gunnison.    1855.     8".    geh.  22 V^  Ngr. 


IX.  X.  Romantik  der  Naturgeschichte  oder  wildes  Leben 

und  wilde  Jäger,  von  C.  G.  Weber.  2  Theile.   1855.  8«. 


geh.  J   Thlr.  15  Ngr. 


Dresden,  Druclt  der  Könijl.  Hofbuchdruckerci  von  C.  C.  iMcinhold  &  Söhn 


Preis  eines  Bandes  vou  12  Heften  3  Thir. 


I.  Band.  No.  5.   ' 

Allgemeine  deutsche 

KatnrhiMsehe  Zeitung. 


Im  Auftrage 


der 


Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verbindung 

mit  auswärtigen  nnd  einlieimisclien  Gelelirten 

herausgegeben 

von 

Dr.  Adolph  Drechsler. 


Neue  Folge:   erster  Band. 

5.  gfft. 


INHALT. 


Mus  decumuiius  Palla-;.  l)ie  Wanderratte  und  ihre  Varietäten.  —  Mus  Musculus  L.  Di«  Haus- 
maus und  ihre  Varietäten.  —  Hypudaeus:  Arvicola  sublerraneus  de  Selys.  Mitteleuropäisclie 
Wurzehnaus.  —  Myoxus  speciosus  Dehne.  Prächtig-er  Haselschläfer.  —  Mus  sylvaticus  L. 
Die  Waldmaus  und  ihre  Varietäten.    Von  Dr.  A.  Dehne. 

Hypothetische  Ansicht  über  Erhebung-  des  Spitzenberg-s  bei  Possendorf  und  über  die  Folgen 
derselben.    Von  E.  v.   Otto. 

Experimenteller  Nachweis,  dass  Cysticercus  cellulosae  innerhalb  des  menichlichen  Darmkanales 
sich  in  Taenia  Solium  umwandelt.  —  Ueber  eine  Abart  der  Taenia  Coenurus,  d.  h.  des  Band- 
wurmes, von  der  die  Quese  des  Schaafes  und  des  Rindes  herstammen.  Von  Dr.  Küchenmeister, 
pract.  Arzt  in  Zittau. 

Das  Schwärmen  der  Bienen,  vom  polizeilichen  Standpunkt  betrachtet  von  Dr.  L.  Reichenhach, 
Director  am  K.  naturhistorischen  Museum  in  Dresden 

Kleinere  Mitlheilunffen.    —    Literatur -Blatt  der  Isis. 


HAMBUHG, 

Verlag    von    Rudolf    Kuntze. 
''1855. 
Haupt-Debit  für  Dresden  durch  die  Hofbuchhandltmg  von  Rud.  Etmtze  (Herrn.  Burdach.) 


^^ — 


^^^    fSiehe  die  Seiten  des  Umschlags. 


169 

Mus  decumanus  Pallas. 
Die  Wanderratte  und  ihre  Varietäten. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Diese  jetzt  so  allgemein  verbreitete  Ratte  hat  sich  in  einem  solchen 
Grade  für  den  Menschen  als  schädlich  erwiesen,  dass  man  mit  Recht 
allenthalben  auf  ihre  Verminderung  bedacht  ist.  Sie  thut  nicht  allein 
an  rohen  und  zubereiteten  Esswaaren,  sowohl  aus  der  Pflanzen-  als 
Thierwelt,  bedeutenden  Schaden,  sondern  unterwühlt  auch  die  Grebäude 
namentlich  Ställe,  dermaassen,  dass  die  Grundmauern  derselben  locker 
werden  und  allmählig  einstürzen. 

Die  Mittel,  sie  zu  vermindern,  sind  unzählig  und  diejenigen,  welche 
den  sofortigen  Tod  nach  sich  ziehen,  die  empfehlenswerthesten.  Hier- 
her geholfen  unter  andern  eiserne  Bügelfallen  mit  starken  Fedei'n,  wie 
auch  eine  Art  zangenförmiger  Maulwurfsfallen  mit  Federn  und  zwei 
am  Ende  eines  jeden  Schenkels  angebrachten  verwundenden  Spitzen, 
wie  solche  von  dem  Schmied  PuUtzsch  in  Höllenstein  bei  Stolpen  sehr 
schön  und  billig  verfertigt  wei'den. 

Die  Tödtung'  mit  Arsenik,  Strychnos  nux  vomica,  Phosphor  und 
dergleichen  gehört  in  die  Reihe  der  Thierquälereien ;  namentlich  müssen 
die  unglücklichen  Thiere  nach  dem  Genüsse  des  letztern  eines  schmäh- 
lichen, qualvollen  Todes  sterben;  sie  schwellen  bis  zur  Kugelform  auf 
und  geben  erst  nach  mehreren  Stunden  unter  vielen  Schmerzen  den 
Geist  auf.  Auch  ist  mit  dem  Setzen  von  Gift  stets  Gefahr  für  andere 
Thiere  und  auch  für  die  Menschen  verbunden,  indem  die  vergifteten 
Ratten  es  oft  wieder  durch  Erbrechen  von  sich  geben  und  Getreide, 
Kartoffeln  und  andere  Nahrungsmittel  damit  verunreinigen. 

Die  Wanderratte  stammt  aus  Indien  und  Persien;  nach  England 
und  Frankreich  wurde  sie  um  das  Jahr  1730  durch  Handelsschiffe  ge- 
bracht. Gleich  nachher  verbreitete  sie  sich  über  ganz  Europa,  zeigte 
sich  erst  in  allen  Hafenstädten,  übersiedelte  auf  dieselbe  Weise,  wie 
wir  sie  aus  dem  Oriente  erhalten  hatten ,  nach  Amerika  und  allen  übri- 
gen Colonieen.  Den  Weg  nach  dem  südlichen  Russland  über  Astra- 
chan, wo  sie  1727  zuerst  bemerkt  wurde,  hat  sie  sich  von  ihrer  Hei- 
math aus  zu  Lande  gebahnt.  In  Paris  sah  man  sie  zuerst  1753;  in  den 
vereinigten  Staaten  von  Nord  -  Amerika  1775.  Nach  Bechstein  gab  es 
1772  noch  keine  in  Thüringen.  177S  und  79  waren  sie  in  Quedlinburg 
schon  so  häufig,  dass  sie  grossen  Schaden  anrichteten.  Wolf  bemerkte 
sie  im  Nürnberg'schen  seit  Anfang  dieses  Jahrhunderts.  Ohngefähr 
um  dieselbe  Zeit  kamen  sie  nach  Italien.  In  Hamburg  wo  ich  sie  von 
1803  bis  1808  beobachtete,  nahmen  sie  untern  andern  auf  dem  Speers- 
orte den  untern  Theil  der  Häuser,  die  Abzugskanäle,  Souterrains  u.  s.  w. 

AUg-,  deutsche  naturhist.  Zeitung-.    I.  <  o 


170 

ein,  während  die  schwarze  Hausratte:  Mus  Rattus  L.  die  obern 
Etagen  und  Boden  gleichzeitig  in  Menge  bewohnte.  Ich  habe  oft  ge- 
sehen, wie  sie  unter  Brücken  friedlich  mit  Katzen  und  Hunden  nach 
Futter  suchten,  welches  sie  unter  dem  Abfall  aus  den  Küchen  häufig 
fanden. 

Von  Varietäten  habe  ich  seit  1851  eine  Zucht  von  schneeweissen 
Albinos :  Mus  decumanus  albus  oculis  rubris ;  sie  sind  in  Wahrheit 
sehr  schön  und  schon  wegen  des  ihnen  mangelnden  höchst  unangeneh- 
men Geruchs  den  weissen  Mäusen  weit  vorzuziehen.  Bei  guter  Pflege 
und  in  geräumigen  Käfigen  vermehren  sie  sich  stark. 

Am  1.  März  1852  bekam  ich  von  einer  sieben  Junge;  sie  hatte 
sich  in  ihrem  Drathkäfig  ein  dichtes  Nest  von  Stroh  gemacht.  Die 
Jungen  hatten  die  Grösse  der  Maikäfer  und  sahen  blutroth  aus ;  bei 
jeder  Bewegung  der  Mutter  Hessen  sie  ein  feines  durchdringendes  Fie- 
pen (Quitschen)  hören;  am  8.  waren  sie  schon  ziemlich  weiss ;  vom  13. 
bis  16.  wurden  sie  sehend.  Am  18.  Abends  kamen  sie  zum  Ersten- 
male  zum  Vorschein ;  als  aber  die  Mutter  bemerkte,  dass  sie  beobachtet 
wurden,  nahm  sie  eine  nach  der  andern  ins  Maul  und  schleppte  sie  wieder 
ins  Nest;  einzelne  kamen  jedoch  bald  wieder  aus  einem  andern  Loche 
hervor.  Allerliebste  Thierchen  von  der  Grösse  der  Zwergmaus  mit 
ohngelähr  drei  Zoll  langen  Schwänzen.  Am  21.  hatten  sie  schon  die 
Grösse  gewöhnlicher  Hausmäuse,  am  28.  die  der  Waldmäuse:  Mus  syl- 
vaticus  L.  Sie  saugten  noch  dann  und  wann  (ich  sah  sie  sogar  noch 
am  2.  April  saugen),  spielten  mit  einander,  jagten  und  balgten  sich  auf 
die  gewandteste  und  unterhaltendste  Weise,  setzten  sich  auch  wohl  zur 
Abwechselung  auf  den  Rücken  der  Mutter  und  Hessen  sich  von  dersel- 
ben herumtragen.  Sie  übertrafen  an  Possirlichkeit  bei  weitem  die 
weissen  Hausmäuse. 

Am  Tage  und  nach  Mitternacht  schlafen  die  Wanderratten;  früh 
und  Abends  sieht  man  sie  in  grösster  Thätigkeit.  Sehr  gern  trinken 
sie  Milch;  Kürbiskerne,  Hanf  gehören  zu  ihren  Leckerbissen.  Für  ge- 
wöhnlich bekommen  sie  mit  Wasser  oder  Milch  oberflächlich  angefeuch- 
tetes Brod,  dann  und  wann  auch  gekochte  Kartoffeln,  welche  sie  sehr  gern 
fressen.  Fleisch  und  Fett,  Lieblingsgerichte  für  sie,  entziehe  ich  ihnen, 
sowie  allen  andern  Nagern,  welche  ich  in  der  Gefangenschaft  ernähre, 
gänzHch,  da  nach  solchen  ihr  Urin  und  selbst  ihre  Ausdünstung  stets 
einen  widrigen  und  penetranten  Geruch  bekommen. 

Der  eigenthümliche ,  so  höchst  unangenehme  Geruch,  welchen  die 
gewöhnHchen  Mäuse:  Mus  musculus  L.  und  noch  mehr  deren  Albinos 
verbreiten  und  allen  Gegenständen,  die  damit  in  Berührung  kommen, 
dauernd  mittheilen,  haben  die  weissen  Wanderratten  nicht  im  Mindesten ; 
im  Gegentheil  riecht  ihr  Urin  nicht  einmal  so  stark,  wie  der  vom  Meer- 
schweinchen :  Cavia  Cobaya  L. 


171 

Am  9.  April  trennte  icli  obige  Mutter  von  ihren  Jungen  und  setzte 
sie  -wieder  zum  Männehen.  Am  11.  Mai  warf  sie  abermals  eine  Anzahl 
Junge. 

Von  den  am  1.  März  zur  Welt  gekommenen  hatte  ich  seit  Anfang 
April  ein  Pärchen  in  einem  achtzehn  Berliner  Kannen  haltenden  Glase 
mit  achtzolliger  Mündung  abgesondert  gehalten  und  schon  am  11.  Juni 
Nachmittags,  also  im. Alter  von  103  Tagen,  erhielt  ich,  nachdem  ich 
einige  Stunden  vorher  das  Männchen  abgetrennt  hatte,  sechs  Junge  von 
ihnen.  Trotz  der  Weite  des  Glases  schien  der  Mutter  doch  der  Raum 
für  ihre  Jungen  zu  eng  zu  sein  und  sie  bemühte  sich  vergebens,  ein 
weiteres  Nest  zu  machen,  wobei  sie  öfter  die  armen  Kleinen  so  verscharrte 
dass  man  nichts  mehr  von  ihnen  sah;  doch  fand  sie  dieselben  bald 
wieder  zusammen;  sie  säugte  sie  bis  zum  23.  ganz  gut  und  sie  wurden 
bereits  etwas  weiss ;  doch  auf  einmal  waren  sie  alle  verschwunden  und, 
als  ich  nachsähe,  hatte  die  Mutter  ihre  sämmtlichen  Jungen  gefressen 
so  dass  keine  Spur  mehr  von  ihnen  zu  finden  war. 

Herr  Hofrath  Reichenbach,  welchem  ich  das  erste  von  Waldheim 
stammende  Weibchen  meiner  weissen  Ratten  verdanke,  die  andern  waren 
von  Hessen- Cassel,  theilte  mir  darüber  unterm  31.  October  1851  Fol- 
gendes mit: 

„Mit  meinen  weissen  Ratten  habe  ich  mancherlei  Schicksale  gehabt ; 
sie  haben  schon  viermal  Junge  geboren,  vier  bis  sieben  Stück  und  je- 
desmal haben  die  Alten  sie  wieder  gefressen.  Das  Letztemal  bemerkte 
ich,  dass  vorzüglich  das  Männchen  die  Jungen  packte  und  herumzauselte, 
wobei  sie  jämmerlich  quiekten;  ich  sonderte  also  das  Männchen  ab, 
aber  hierbei  entkam  es  endlich^  tobte  drei  Wochen  lang  in  der  Stube 
iimher  und  liess  sich  in  keiner  Falle  oder  auf  sonstige  Weise  fangen, 
weil  ich  die  vielen  Schränke  nicht  entfernen  konnte.  Endlich  scheint 
das  Thier  in  der  Nacht  durch  das  obere  offene  Fenster  entkommen  zu 
sein,  denn  es  lief  mit  der  grössten  Behendigkeit  perpendiculär.  —  Früher 
hatte  dasselbe  schon  das  zweite  Weibchen  getödtet. 

Nachdem  ich  nun  das  Männchen  von  dem  Weibchen,  welches  ge- 
boren hatte,  entfernt  hatte,  hoffte  ich  die  Jungen  erziehen  zu  können, 
aber  vergebens!  die  Mutter  frass  sie  von  selbst  auf." 

Rchh. 

Die  Wanderratten  verrathen  viel  List ;  da  ihre  Käfige  inwendig  von 
Holz  und  von  aussen  mit  Blech  beschlagen  sind,  so  suchen  sie  das 
Holz  durchzunagen  und  wenn  sie  eine  Zeit  lang  genagt  haben,  greifen 
sie  mit  den  Pfoten  durch  das  Gitter  um  die  Stärke  des  Holzes  zu  unter- 
suchen und  zu  sehen,  ob  sie  bald  durch  sind.  Beim  Reinmachen  der 
Käfige  wühlen  sie  mit  Rüssel  und  Pfoten  den  Unrath  au  die  Oeffnung, 
um  auf  diese  W^eise  sich  desselben  zu  entledigen. 

Da  sie  sehr  geil  sind,  so  muss  man  die  Männchen  sogleich,  wenn 
die  Weibchen   trächtig   sind,    absperren,    denn   sie  lassen   ihnen   keine 

13* 


172 

Ruhe  und  fressen  auch  die  Jungen  am  ersten.  Die  Mutter  hat  übrigens 
viel  Liebe  zu  ihren  Jungen;  sie  bewacht  dieselben  sorgfältig;  diese 
erwiedern  aber  auch  die  erwiesene  Zärtlichkeit  ihrerseits  auf  alle  mög- 
liche Weise. 

Die  weisse  Wanderratte  hat,  wenigstens  die  Race,  welche  ich  be- 
sitze, einen  längern  Kopf  und  schlankeren  Wuchs,  als  die  gemeine  graue 
ursprüngliche  wilde  Art. 

Am  25.  Februar  1855  wollte  ich  eine  ohngefähr  ein  Jahr  alte  Albino- 
Wanderratte  durch  Ersäufen  tödten,  um  sie  von  ihren  Leiden  zu  be- 
freien ;  sie  hatte  nämlich  seit  vier  Monaten  im  Nacken  ein  erbsengrosses 
Loch  im  Felle,  durch  welches  die  Halsmuskeln  deutlich  sichtbar  waren ; 
auch  bemerkte  ich  zu  keiner  Zeit  eine  Annäherung  zur  Heilung,  im 
Gegentheil  schien  der  wunde  Fleck  grösser  zu  werden ;  die  Umgebung 
der  Wunde  war  stark  entzündet  und  im  Umfang  von  einem  Zoll  gänz- 
lich von  Haaren  entblösst. 

Nachdem  ich  sie  bereits  ein  halbes  Dutzend  Mal  in  eiskaltes  Wasser 
mehre  Minuten  lang  getaucht  hatte,  lebte  sie  noch  und  putzte  sich  mit 
ihrem  Pfötchen,  um  das  Wasser  aus  ihren  Augen  zu  entfernen.  Das 
arme  Thier  dauerte  mich;  es  sprang,  indem  ich  den  Topf  öffnete  in 
den  Schnee  und  suchte  zu  entfliehen.  Nun  setzte  ich's  in  einen  Käfig 
auf  eine  Unterlage  von  Stroh  und  Heu  und  brachte  es  in  die  warme 
Stube;  es  erholte  sich  bald  so  weit,  dass  man  sah,  das  kalte  Bad  habe 
ihm  nichts  geschadet;  der  Appetit  hatte  eher  zu-  als  abgenommen;  be- 
gierig frass  es  in  Wasser  getauchtes  Brod,  gekochte  Kartoffeln,  Hafer 
u.  s.  w.  —  Nach  einigen  Tagen  setzte  ich's  wieder  aus  der  warmen 
Stube  in  ein  ungeheiztes  Zimmer,  gab  ihm  aber  Heu,  woraus  es  sich 
alsbald  ein  bequemes  Lager  bereitete. 

Zu  meinem  Erstaunen  bemerkte  ich  nun,  dass  der  offene  Schaden 
im  Nacken  von  Tage  zu  Tage  kleiner  wurde,  die  Entzündung  schwand 
immer  mehr  und  mehr  und  am  10.  März  war  die  Heilung  vollständig 
erfolgt;  auch  war  die  ganze  betreffende  Stelle  bereits  wieder  mit 
kurzen  Haaren  bewachsen;  am  26.  März  hatten  diese  ihre  vollkom- 
mene Länge  erreicht  und  man  bemerkte  nur,  dass  die  Stelle,  wo 
die  offene  Wunde  gewesen  war,  noch  von  Haaren  entblösst  blieb;  am 
4.  April  sah  man  aber  auch  von  dieser  nichts  mehr. 

Hier  hatte  also  offenbar  das  eiskalte  Bad  die  bedeutende  Entzünd- 
ung gehoben  und  dadurch  die  Heilung  bewerkstelligt.  Kaum  glaube 
ich,  dass  ein  anderer  Nager  aus  der  Gattung  Mus  im  Sinne  der  Neuern 
ein  solches  wiederholtes  Bad  ohne  tödlichen  Ausgang  .überstanden  haben 
würde  und  nur  aus  der  Lebensweise  und  Lebenszähigkeit  der  Wander- 
ratte, deren  zweites  Element  das  Wasser  ist,  last  sich  ein  so  glück- 
licher Erfolg  erklären. 

Noch  muss  ich  aus  früherer  Zeit  ein  merkwürdiges  Beispiel  von 
dem  Naturell    und    der  Fruchtbarkeit   der  Wanderratten   erzählen:     Am 


173 

23.  Februar  1853  nämlich  warf  ein  Albino-Weibchen  sieben  Junge,  zwei 
davon  blieben  aber  nur  am  Leben;  die  andern  hatte  wahrscheinlich 
das  Männchen  gefressen.  Nachdem  obige  zwei  drei  und  eine  halbe 
Woche  alt  waren,  nahm  ich  sie  am  19.  März  von  ihrer  Mutter  weg  und 
gab  ihnen  Semmel  in  Milch  getaucht.  Leider  hatte  ich  sie  in  der  ersten 
Nacht  an  eine  etwas  zu  kühle  Stelle  gesetzt  und  ich  fand  sie  am  an- 
dern Morgen  beide  erstarrt;  eine  war  gänzlich  ohne  Leben,  die  andere 
bewegte  sich  noch  etwas  und  ich  erwärmte  sie  in  der  Hand  und  am 
Ofen,  worauf  sie  sich  nach  einigen  Stunden  so  weit  erholte,  dass  sie 
etwas  weiche  Milchsemmel  und  Zucker  leckte;  sie  starb  aber  dennoch 
an  demselben  Tage.  Hier  muss  ich  erwähnen,  dass  Nager  überhaupt 
und  insbesondere  Junge  sehr  wenig  Kälte  vertragen,  welches  man  sehr 
oft  bei  allen  Arten  von  Mäusen  bemerkt,  die  man  in  Fallen ,  worin  sie 
lebendig  bleiben,  gefangen  hat  und  die,  obgleich  man  sie  reichlich  mit 
Futter  versorgt  hat,  dennoch  bei  einigen  Thermometergraden  unter  dem 
Gefrierpuncte.  bald  nachdem  sie  gefangen  sind,  todt  gefunden  werden. 

Kaum  hatte  ich  am  19.  März,  also  25  Tage  nach  ihrer  Geburt, 
die  oben  erwähnten  zwei  Jungen  von  der  Mutter  entfernt,  so  bemerkte 
ich,  dass  letztere  ihr  Nest  von  Neuem  in  Ordnung  brachte  und  als  sie 
hiermit  zu  Stande  war,  wieder  eine  Anzahl  Junge  gebar.  Schon  ein 
Paarmal  hatte  ich  die  Beobachtung  gemacht,  dass  die  Wanderratte  so 
schnell,  nachdem  sie  gOAvorfen,  wieder  trächtig  wird  und  wenn  sie  noch 
säugende  Junge  hat,  schon  wieder  gebärt;  doch  konnte  ich,  weil  ich 
die  Tage  nicht  angemerkt  hatte,  die  Zeiträume  nicht  genau  angeben. 

Aus  diesem  Umstände  ist  es  wohl  zu  erklären,  dass  man  oft  junge 
Ratten  und  Mäuse  antrifft  und  hülflos  umherirren  sieht,  welche  der 
mütterlichen  Pflege,  der  Wärme  und  Milch  entbehrend,  sich  noch  nicht 
selbständig  ernähren  können  und  demnach  rettungslos  umkommen  und 
der  Kälte  und  dem  Hunger  erliegen  müssen,  denn  jedenfalls  wird  nach 
der  letzten  Geburt  die  ältere  Hecke  Verstössen,  da  die  Mutter  nicht 
beide  zugleich  säugen   kann. 

Die  Wanderratten  lieben  die  Gesellschaft  ihres  Gleichen  sehr;  sie 
machen  sich  dann  ein  gemeinschaftliches  Nest  und  erwärmen  sich  auf 
diese  Weise,  indem  sie  dicht  zusammenkriechen.  Stirbt  aber  eine  von 
ihnen,  dann  machen  sich  die  Uebrigen  gleich  über  sie  her,  beissen  ihr 
erst  den  Hirnschädel  auf,  fressen  den  Inhalt  und  verzehren  dann  nach 
und  nach  das  ganze  Cadaver  mit  Zurücklassung  der  Knochen  und 
des  Fells. 

Die  untern  Nagezähne  wachsen  ihnen  oft  bis  zu  einer  unglaublichen 
Länge  und  sind  dann  spiralförmig  gewunden,  so  dass  sie  zwei  vollkom- 
mene Windungen  vorstellen;  auch  habe  ich  gesehen  dass  sie  in  ähn- 
lichen Fällen  durch  das  Backenfell  gewachsen  waren  und  die  Ratten 
am  Fressen  verhindert  haben,  so  dass  diese  endlich  verhungern  mussten. 


174 

Da  den  Albinos  die  Stachelhaare  fehlen',  so  ist  ihr  Pelz  viel  feiner 
als  der  der  gewöhnlichen  grauen  Ratten.  Man  findet  dies  bei  allen 
Albinos  ohne  Ausnahme,  z.  B.  bei  den  Seidenhaasen,  den  weissen  Mäu- 
sen u.  a. ;  auch  sind  sie  alle  zärtlicher  und  gegen  die  Kälte  empfind- 
licher, als  ihre  Stammracen. 

Die  grau-  und  weissscheckig"e  und  die  schwarz-  und 
weissscheckige  Wanderratte. 

Von  jeder  dieser  Varietäten  besitze  ich  ein  lebendes  Exemplar, 
welche  ich  der  Freigebigkeit  des  Herrn  Rentier  Effeldt  in  Berlin  ver- 
danke. Die  grau-  und  weissscheckige  hat  auf  dem  Oberkörper  die  Farbe 
der  wilden  gemeinen  Wanderratte.  Der  Unterkörper  ist  rein  weiss; 
dieses  Weiss  zieht  sich  an  den  Seiten  sehr  weit  nach  dem  Rücken  zu 
hinauf;  auch  sind  Schenkel  grösstentheils  von  dieser  Farbe.  Kehle  und 
IJnterhals  grau.  Schwanz  graulich  fleischfarben.  Ohren  ebenso.  Augen 
wie  bei  den  wilden  grauen. 

Die  schwarz-  und  weissscheckige  ist  glänzendtiefschwarz,  wie  man 
diese  Farbe  oft  ebenso  bei  einigen  Spielarten  der  Kaninchen  antrifft; 
die  zwei  Farben  sind  ebenso  vertheilt,  wie  bei  der  grau-  und  Aveiss- 
scheckigen.  Schwanz  und  Ohren  gleichfalls  graulich  fleischfarben.  Die 
Köpfe  bei  diesen  beiden  Spielarten  sind  noch  gestreckter,  als  bei  den 
oben  beschriebenen  Albinos.  Sie  verbreiten  wie  diese  nicht  den  gering- 
sten unangenehmen  Geruch.  Mit  einem  solchen  Albino,  welchen  ich 
ihnen  zugesellt  habe,  vertragen  sie  sich  sehr  gut  und  ich  hoffe,  sie  bald 
zur  Vermehrung  zu  bringen. 

Zimmetfarbene  und  andere  Varietäten  habe  ich  noch  nicht  bekom- 
men können. 

Die  ganz  schwarze  Wanderratte  kommt  auch  in  Berlin  vor;  aber 
auch  diese  habe  ich  noch  nicht  gehabt.  Man  muss  sich  hüten,  sie  für 
die  schwarze  Hausratte :  Mus  Rattus  zu  nehmen ,  von  welcher  man  sie 
jedoch  sogleich  durch  die  kleinern  Ohren,  den  kürzern  Schwanz  und 
den  glänzendschwarzen  fest  anliegenden  Pelz  unterscheiden  kann,  wel- 
cher bei  Mus  Rattus  locker,  langhaariger  und  ohne  Glanz  ist. 

Bastarde  von  Mus  Rattus  L.  und  Mus  decumanus  Pallas,  wie  Beck- 
xtein  sie  beobachtet  hat,  sind  mir  auch  noch  nicht  vorgekommen. 


Mus  Musculus  L. 
Die  Hausmaus  und  ihre  Varietäten. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 
Die  Hausmaus  ist  ursprünglich  in  Europa  einheimisch,  da  hingegen 
die  drei  Ratten  Geschenke  wärmerer  Kliraate  sind;    Mus  Rattus  L.,  die 


175 

schwarze  Hausratte  und  Mus  decumanüs  Pallas,  die  Wanderratte  ^  stam- 
men aus  Indien  und  Mus  alexandrinus  Geoffr.-Sf.-Hil.,  die  Alexandrini- 
sche  Ratte  aus  dem  nördlichen  Afrika.  Wir  finden  die  Hausmaus  be- 
reits in  den  ältesten  Zeiten  erwähnt  und  sie  hat  merkwürdigerweise 
auch  in  den  mehrsten  Sprachen  ziemlich  denselben  Namen;  so  in  der 
griechischen,  lateinischen,  englichen,  holländischen,  deutschen,  dänischen, 
schwedischen,  russischen,  polnischen,  böhmischen,  sowie  in  allen  übri- 
gen slavischen  Sprachen.  M.  s.  hierüber  Nemnichs  Polyglottenlexicon 
der  Naturgeschichte.  Nach  Amerika  und  Australien  ist  sie  durch  Schiffe 
gebracht  worden ;  jetzt  finden  wir  sie  beinahe  allenthalben,  wo  mensch- 
liche Wohnungen  sind.  Ihre  gewöhnliche  Farbe  ist  grau  mit  etwas 
hellerm  Unterkörper.  — 

Von  Varietäten  führe  ich  folgende  an: 

a)  Oberkörper  von  der  Farbe  der  gewöhnlichen  Hausmaus;  Unter- 
körper gelblich.     Hier  in  der  Lössnitz  nicht  selten, 

b)  Oberkörper  gleichfalls  wie  bei  der  gewöhnlichen;  Unterkörper 
rein  weiss.     Gleichfalls  hier  nicht  selten. 

c)  Hausmaus  von  den  Abruzzen.  Wurden  von  Herrn  Doctor  Ra- 
henhorst im  Sommer  1847  gesammelt.  Oberkörper  grau,  wie  bei  der 
gewöhnlichen  Maus ;  Unterkörper  graulich-weiss.  Schwanz  etwas  kantig, 
oben  graulich,  unten  weiss,  ziemlich  dicht  behaart  mit  sehr  engen,  ohn- 
gefähr  zweihundert  Schuppenringen.  Schwanzwirbel  fünf  und  zwanzig. 
Nagezähne  gelblich.  Augen,  Ohren,  Krallen  wie  bei  der  gewöhnlichen 
Hausmaus.  Obere  Schnurrhaare :  Vibrissen  schwarz,  untere  weiss.  Füsse 
und  Zehen  mit  kurzen,  weisslichen  Haaren  ziemlich  dicht  besetzt. 

Totallänge  fünf  und  drei  viertel  Zoll;  von  der  Nasenspitze  bis  zur 
Schwanzwurzel  zwei  und  drei  viertel  Zoll;  Schwanz  drei  Zoll.  Länge 
des  Hinterfusses  sieben  Linien.  Länge  der  Ohren  fünf  Linien;  Breite 
derselben  vier  Linien. 

d)  Reinweiss  mit  rothen  Augen;  Albino.  Ich  habe  sie  zu  hunder- 
ten  gezogen,  aber  seit  Jahren  wegen  ihres  höchst  unangenehmen,  pene- 
tranten Geruchs  abgeschafft.  Sie  sind  sehr  geil;  zur  Zeit  der  Brunst 
treten  die  Hoden  stark  hervor,  ausserdem  sieht  man-  nichts  von  ihnen. 

Früher  wui'den  weisse  Mäuse  zu  den  Seltenheiten  gerechnet,  jetzt 
sind  sie  durch  Zucht  häufig  geworden;  hie  und  da  durch  Entkommen 
wieder  verwildert,  haben  sie  sich  auch  in  Häusern,  Casernen  u.  s.  w. 
häufig  fortgepflanzt. 

e)  Erbsengelb,  gleichfalls  Albino  mit  rothen  Augen.  Sehr  selten. 
Auch  diese  habe  ich  ein  paar  Jahre  lebend  gehabt.  Ich  setzte  sie  mit 
gewöhnlichen  Mäusen  in  einem  grossen  Behältnisse  zusammen,  um  Ver- 
mehrung zu  bekommen,  aber  vergebens ;  die  Jungen,  welche  ich  erhielt, 
waren  stets  gewöhnliche  Mäuse. 

Diese  gelbe  Maus  hatte  den  penetranten  Mäusegeruch  noch  in  weit 
höherm  Grade,  wie  die  weissen,  er  war  bei  ihr  beinahe  unausstehlich. 


176 

f)  Grau-  und  weissscheckig.  Eine  solche  bekam  ich  am  23.  Juni 
1849;  die  weisse  Farbe  war  bei  ihr  sehr  vorherrschend;  die  Augen 
hatten  wenig  Pigment,  waren  jedoch  nicht  so  roth,  wie  bei  vollkommenen 
Kakerlaken.  Sie  war  ein  trächtiges  Weibchen  und  warf  schon  am  28. 
Juni  sieben  Junge,  welche,  wie  sich  später  erwies,  sämmtlich  die  Färb- 
ung gewöhnlicher  Hausmäuse  hatten;  doch  hatten  einige  eine  weisse 
Schwanzspitze,  ein  Paar  weisse  Zehen,  eine  Blässe,  ein  weisses  Fleck- 
chen am  Bauche  u.  s.  w.  Im  Februar  1850  waren  von  dieser  Genera- 
tion wieder  Junge  vorhanden,  welche  gleichfalls  vor  den  gewöhnlichen 
Hausmäusen  wenig  voraus  hatten. 

Am  9.  November  1850  setzte  ich  zu  jenem  scheckigen  Weibchen 
ein  schönes  isabellfarbiges  Männchen;  beide  vertrugen  sich  sehr  gut 
und  bereiteten  sich  in  ihrem  Behältnisse  aus  Federn  und  Stroh  ein  be- 
quemes Nest.  Die  Jungen,  welche  ich  später  von  diesen  erhielt,  waren 
wiederum  ganz  unbedeutend  von  gewöhnlichen  Hausmäusen  verschieden. 

Hieraus  erkennt  man  das  Bestreben  der  Natur  die  Nachkommen- 
schaft solcher  Spielarten  stets  wieder  zur  ursprünglichen  Staramrace 
zurückzuführen.  Nach  Sonnini  ist  es  ausgemacht,  dass  weisse  Albino- 
Negerinnen  mit  schwarzen  Negern  schwarze  und  nicht  scheckige  Kin- 
der zeugen.  Nach  Buffon  kommt  doch  das  Letztere  gleichfalls  vor.  Es 
ist  mir,  wie  auch  Andern,  jedoch  nie  gelungen,  von  weissen  Mäusen, 
Ratten,  Kaninchen,  wenn  man  sie  in  reiner  Zucht  erhält,  anders  ge- 
färbte, scheckige  oder  gewöhnliche  Junge  zu  erzielen;  jedoch  möchte 
ich  kaum  bezweifeln ,  dass  dies  stattfinden  könnte.  Auch  höhere  Thiere, 
welche  nicht  selten  dem  Albinismus  unterworfen  sind,  z.  B.  isabellfar- 
bene Pferde,  von  denen  man  hie  und  da  Zuchten  hat,  erhalten  sich  voll- 
kommen rein,  wenn  sie  nicht  mit  anders  gefärbten  in  Berührung  kommen. 

g)  Die  Isländische  Maus :  Mus  Musculus  var.  Islandicus,  Mus  Is- 
landicus  Thienemann.  Sie  steht  in  jeder  Beziehung  in  der  Mitte  zwi- 
schen der  Hausmaus  und  der  Waldmaus :  Mus  sylvaticus  L.  Dies  gilt 
von  der  Grösse,  der  Farbe  und  den  Verhältnissen  der  Gliedmaassen. 
Die  Füsse  sind  länger,  als  bei  der  Hausmaus  imd  kürzer,  als  bei  der 
Waldmaus.  Der  ^^chwanz  ist  zweifarbig,  unten  weiss,  jedoch  nicht  so 
entschieden,  Avie  bei  Mus  sylvaticus,  auch  nicht  so  dünn  und  fadenför- 
mig, wie  bei  dieser,  Augen  und  Ohren  grösser,  als  bei  Mus  Musculus  und 
kleiner,  als  bei  Mus  sylvaticus.  Sehr  Avahrscheinlich  ist  sie  daher  Bastard 
von  beiden  genannten,  welche  ]\[einung  dadurch  noch  mehr  gewinnt, 
ich  möchte  sagen  zur  Gewissheit  wird,  dass  man  einige  unter  ihnen 
findet,  die  mehr  der  Hausmaus  und  wieder  andere,  die  mehr  der  Wald- 
maus ähnlich  sind,  je  nachdem  die  Mutter  eine  Hausmaus  oder  eine 
Waldmaus  war.  —  Sie  ist  gleichfalls  hier  in  der  Lössnitz  nicht  sehr 
selten. 

h)  Die  im  Freien,  in  Mauern,  in  Gebüschen,  Felsen,  Feldrainen 
lebende  Hausmaus.    Sie  ist  etwas  grösser  als  die  in  Häusern  lebende, 

>*.  - 


177 

gewöhnlich  dunkler  von  Farbe^  hat  einen  längern  und  dichter  behaarten 
Schwanz  mit  sehr  deutlichen  Schuppenringen;  auch  die  Augen  sind 
etwas  grösser;  übrigens  ist  sie  ihr  in  Allem  gleich. 

i)  Die  schwanzlose  Hausmaus.  Ohne  Spur  von  Schwanz.  Man  sieht 
deiitlich^  dass  sie  ohne  Schwanz  geboren  ist  und  denselben  nicht  durch 
Zufall  verloren  hat.  Sonst  unterscheidet  sie  sich  durch  nichts  von  der 
gewöhnlichen.     Ich  fing  sie  am  26.  December  1851   in  der  Falle. 

k)  Die  kleine  zwergartige  Hausmaus.  Zwei  solche ,  welche  ausge- 
wachsen nur  die  Grösse  der  Zwergmaus :  Micromys  minutus  Pallas  hat- 
ten, bekam  ich  im  Februar  1851  von  dem  Rittergutsbesitzer  Herrn 
Herrn.  Schulze  in  Wachau  bei  Leipzig.  Ausser  der  geringern  Grösse 
sind  sie  den  gewöhnlichen  vollkommen  gleich.  Sie  waren  dort  in  den 
Zimmern  des  Ritterguts  -  Gebäudes  ziemlich  häufig. 

Eine  eigenthümliche  krebsartige  Krankheit  befällt  häufig  die  Mäuse 
hiesiger  Gegend.  Sie  bekommen  dann  an  den  Augen,  Ohren,  der  Zunge, 
Nase,  dem  Munde,  kurz  an  den  sämmtlichen  Organen  des  Kopfs  pilz- 
artige parasitisch  wuchernde  Auswüchse,  welche  binnen  kurzer  Zeit  so 
zerstörend  auf  die  Sinnesorgane  wirken ,  dass  die  mit  diesen  Exanthe- 
men befallenen  Mäuse  elend  verhungern  müssen.  Jene  pilzartigen  Aus- 
wüchse sind  weisslich;  sie  erscheinen  zuweilen  auch  am  übrigen  Kör- 
per, z.  B.  an  den  Extremitäten.     Ursache  ist  wohl  der  Schimmelpilz. 

Was  die  anatomischen  und  osteologischen  Verhältnisse  der  Haus- 
maus anbetrifft,  so  findet  man  in  Merrems  Monographieen :  Vermischte 
Abhandlungen  aus  der  Thiergeschichte  von  Blasius  Merrern ,  Göttingen 
1781,  dieselben  auf  das  Genaueste  und  ausführlichste  mit  dessen  be- 
kannter Gründlichkeit  auseinander  gesetzt.  Den  in  diesen  Monogra- 
phieen angeführten  imd  abgebildeten  Sackegel :  Fasciola  saccata  habe 
ich  gleichfalls  häufig  bis  zu  fünf  Stück  in  der  Leber  der  Hausmaus 
gefunden. 

Höchst  merkwürdig  ist  die  Entdeckung  hTichenmei.sters,  welcher  nach- 
gewiesen hat,  dass  sich  Cysticercus  fasciolaris  Rudolphi,  der  Ratten  und 
Mäuse  in  der  Katze,  welche  diese  gefressen  hat ,  in  Taenia  crassicollis 
umwandelt.  Ebenso  beobachtete  vo)i  Siebold,  dass  Cysticercus  pisifor- 
mis in  Hasen  und  Kaninchen  der  Jugendzustand  von  Taenia  serrata  der 
Hunde  ist,  dass  Coenurus  cerebralis  Rud.  der  Drehwurm,  die  Quese  im 
Gehirn  der  Schaafe  und  Echinococcus  veterinorum  Rud.,  der  Blasen- 
wurm im  Hunde  zu  Bandwürmern  werden. 


178 

Hypudaeus:  Arvicola  subterraneus  de  Selys.*) 
Mitteleuropäische  Wurzelmaus. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Diese  wegen  ihres  Haushaltes  sclir  merkwürdige  Maus  nenne  ich 
mitteleuropäische  Wurzelmaus  zum  Unterschiede  von  der  Pallas'schen 
sibirischen  Wurzelmaus:  Mus  Hypudaeus,  oeconomus  Pallas,  mit  wel- 
cher sie  sehr  grosse  Aehnlichkeit  hat ;  ihre  Lebensart  ist  eben  so ,  wie 
Pallas  dieselbe  bei  jener  in  seinen  berühmten  Reisen  aus  einander  ge- 
setzt hat;  sie  gräbt  sich  dieselben  Gänge  und  scharrt  lange  Wurzeln 
für  ihre  Vorrathskammern  aus. 

In  drei  Kammern,  welche  zu  einem  Bau  gehörten,  fand  ich  am 
15.  December  1841  achtzehn  Unzen  Wurzeln,  jede  Art  ziemlich  geson- 
dert und  gereinigt.  Sie  bestanden  in  Löwenzahn:  Leontodon  Taraxa- 
cum  L. ,  Kümmel:  Carum  Carvi  L.,  Quecke:  Triticum  repeus  L., 
Hainanemone :  Anemone  nemorosa  L.,  Sauerampfer :  Riimex  Acetosa  L., 
KnöUchen  der  gemeinen  Butterblume :  Ficaria  ranunculoides  Mch. ,  Ra- 
nunculus  Ficaria  L. ;  auch  einige  Zwiebeln  der  sehr  häufig  hier  im 
Lössnitzgrunde  wachsenden  doldigeu  Vogelmilch:  Ornithogalum  umbel- 
latum  L.  und  wenige  Möhren :  Daucus  Carotta  L.  lagen  dabei. 

Die  Mae-azine  sind  ohns^elahr  einen  Fuss  tief  unter  dem  Rasen  der 
niedrig  liegenden  Wiesen  angebracht  und  haben  sechs  bis  acht  Zoll 
im  Durchmesser.  Die  oben  erwähnten  drei  waren  ziemlich  nahe  bei- 
sammen und  zu  ihnen  führten  mehrere  zickzackf  örmige  ganz  flach 
unter  dem  Rasen  fortlaufende  Gänge  oft  von  zwölf  und  mehreren  Ellen. 

Einen  solchen  Hypudaeus,  w^elchen  ich  ganz  jung  aufzog,  hatte  ich 
lebend  vom  1.  August  4841  bis  zum  28.  April  1842,  an  welchem  Tage 
er  starb.  Er  war  sehr  fett  geworden  und  so  zahm,  dass  ich  ihn  oft  in 
die  Hand  nahm  und  eine  kurze  Zeit  mit  mir  herumtrug;  ein  harmloses, 
possirliches  Thicrchen!  doch  durfte  man  ihm,  wie  allen  Nagern,  nicht 
ganz  trauen,  denn  alle  beissen  zuweilen,  ich  möchte  sagen,  instinctmäs- 
sig.     Später  habe  ich  noch  mehrere  im  Käfig  gehalten. 

Sperrt  man  Htjp.  subterraneus  mit  Hyp.  amphibius  zusammen,  so 
entsteht  ein  wüthender  Kampf  und  der  schwächere  subterraneus  muss 
unterliegen,  wenn  man  ihn  nicht  gleich  wieder  abtrennt. 


*)  Diagnose:  Taille  un  peu  moins  forte,  que  celle  de  l'arvalis.  Oreilles  un  peu  plus 
courtes,  de  la  longiieur  du  poil,  presque  nues.  Yeux  tres-petits.  Queue  de  la  longueur 
du  tiers  du  corps,  bicolore,  noirätre  en  dessus,  blanche  en  dessous.  Pelage  d'un  gris  noir- 
ätre  en  dessus,  cendr^  ou  blanchätre  sur  l'abdomen  seulement.  Pieds  cendre  fonce.  13 
paires  de  cotes, 

Selys.    Etudes  de  Miccomammalogie. 


179 

Auch  diese  Maus  vermehrt  sich  unter  sonst  günstigen  Umständen 
ziemlich  stark;  doch  findet  man  in  ihren  Nestern  gewöhnlich  nur  vier 
bis  fünf  Junge. 

Da  die  Wiesen  des  Lössnitzgrundes  zuweilen  von  dem  austretenden 
LössnitzbachC;  überschwemmt  werden,  so  kommen  in  solchen  Fällen 
unzählige  dieser  Mäuse  um's  Leben;  namentlich  sind  es  die  hülf losen 
Jungen,  welche  in  den  Nestern  ersaufen  müssen ;  die  Alten  retten  sich 
oft  durch  Schwimmen. 

Von  der  dunkeln  Varietät  der  gewöhnlichen  Feldmaus:  Hyp.  arva- 
lis  Pall.,  kann  man  den  subterraneus  auf  den  ersten  Blick  durch  die 
viel  kleinern  Augen,  die  beinahe  ganz  nackten  Ohren,  schwärzlichen 
Füsse,  stumpfen  Kopf  und  den  sehr  gedrungenen  Körperbau  unterschei- 
den, ohne  der  Abweichungen  im  Baue  des  Skeletts  zu  gedenken. 

Der  Schwanz  hat  ohngefähr  achtzig  Schuppenringe. 

Bei  Brod  und  Gretreidekörnern,  der  Lieblingsnahrung  des  Hyp.  (ir- 
valis,  verhungert  er  in  wenigen  Tagen.  Mit  Runkelrüben,  Möhren,  Pa- 
stinak, Sellerie,  den  Wurzeln  der  Nachtkerze:  Oenothera  biennis  L., 
rohen  Kartoffeln,  Aepfeln,  Kürbiskernen  u.  s.  w.  erhält  man  ihn  in  der 
Gefangenschaft  am  Leichtesten. 

Die  Dimensionen  nebst  Beschreibung  des  Skeletts  befinden  sich  in 
Edm.  de  Selys  Longchamps  Essai  monographique  sur  les  Campagnols 
des  environs  de  Liege.  1836.  —  Eben  so  noch  genauer  in  desselben 
Verfassers  Etudes  de  Micromammalogie.     Paris  1S39. 

Höchst  wahrscheinlich  gehört  hierher  auch  der  Hypudaeus  ruf'es- 
centifusciis  Nager:  die  röthlich  braune  Feldmaus,  welchen  Tschudi  in 
seinem  Alpen-Thierleben  S.  495  nach  dem  Naturforscher  Nager  folgen- 
dermassen  beschreibt: 

Oben  braun  mit  röthlichem  Anflug,  unten  ziemlich  scharf  abgeschie- 
den aschgrau,  mit  rundlichen  im  Balge  verborgenen  Ohren,  stumpfer 
Schnauze,  schmalem  Kopfe,  dünnbehaartem,  oben  braunem,  unten  grauem, 
W"  langem  Schwänze,  während  das  schlanke,  gestreckte  Skelett  bis  zur 
Schwanzwurzel  \"  T"  misst.  Die  Vorderzähne  sind  schwach,  gelb,  die 
Füsse  klein. 

Diese  Feldmaus  bewohnt  ausschliesslich  die  Thalwiesen  von  Ursern, 
wo  sie  sehr  häufig  ist,  besucht  keine  Gebäude,  nährt  sich  im  Sommer 
von  Merleiwurzeln  und  sammelt  solche  für  den  Winter  in  einem  eigenen 
Magazine  unter  der  Erde  neben  ihrer  Wohnstube. 

Tschudi  nach  Nager. 


180 

Myoxils  speciosiis  Dehne. 
Prächtig-er  Haselschläfer, 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Myoxiis  supra  fulvus ,  auriculis  rotundatis  subnudiusculis ,  oculis 
magnis  valde  prominentibus  ,  canda  corporis  longitudine;  cylindrica^  pi- 
losissima,  annulis  circiter  160,  palmis  tetradactylis ,  plantis  tetradacty- 
lis  pollice  brevi  abrupto  ctim  rudimento  nnguicuH,  singulis  callosissimis, 
unguiculis  acutis  falcatis,  gula,  pectore  et  abdomine  cinereo-rufescenti- 
bus;,  brachiis  supra  fulvis,  dentibus  incisoriis  badiis  validis;  vibrissis 
quinque  seriebus  horizontaliter  dispositis. 


Dieses  prächtigen  Haselschläfcrs  hat  Herr  Dr.  Rabenhorst  bereits 
in  der  Zeitschrift  Flora  1S49,  Nr.  25.  S.  41  Erwähnung  gethan;  er  fing 
ihn  zweimal  in  einer  Höhle  bei  Tursi  im  Basilicate  am  Fusse  der  Ape- 
ninnen  im  Sommer  1847.  Das  eine  Exemplar  entwischte  leider  wieder 
aus  der  Falle.  Er  ist,  wie  die  Dimensionen  zeigen,  um  ein  Beträcht- 
liches grösser,  als  Myoxus  avellanarius  L.,  diesem  aber  übrigens  sehr 
ähnlich;  die  Haare  namentlich  die  des  Schwanzes  sind  viel  länger  und 
stehen  lockerer,  auch  ist  ihre  Farbe  lebhafter  und  vollkommen  fuchsroth. 

Der  weisse  Fleck  an  der  Kehle,  welchen  Myoxus  avellanarius  so 
deutlich  zeigt,  fehlt  hier  gänzlich.  Die  Füsse,  der  Schwanz,  kurz  Alles 
ist  stärker,  kräftiger;  die  Krallen  sehr  gebogen,  sichelförmig.  Sohlen 
ausnehmend  schwielig,  zum  Klettern  auf  den  Sträuchern  und  Bäumen 
ganz  eingerichtet;  Augen  sehr  gross ^  vorstehend;  Ohren  rund^  wenig 
behaart;  Lippen  mit  ziemlich  starken,  borstigen  Wimpern  dicht  besetzt; 
Vibrissen  in  fünf  horizontalen  Reihen  stehend,  zolllang. 

Die  sämmtlichen  Zehen  zeigen  auf  der  obern  Seite  deutliche  Sehup- 
penringe,  ohngefähr  zwanzig  an  der  Zahl;  diese  Ringe  erstrecken  sich 
gleichfalls  noch  über  die  Hand  hinaus  bis  an  das  Gelenk  und  sind  un- 
ter der  Behaarung  noch  deutlich  zu  erkennen. 

Die  Vorderfüsse  haben  vier  Zehen,  die  hintern  gleichfalls,  diese 
letzteren  mit  einem  grossen  abgestutzten  Daumenstummel,  welcher  blos 
eine  Spur  von  Nagel  trägt. 

Die  Schneidezähne  sind  dunkelgelb,  breit,  sehr  stark. 

Der  cylindrische  Schwanz  zeigt  ohngefähr  160  Schuppenringe, 
welche  wegen  der  starken  Behaarung  schwer  zu  zählen  sind.  Die  läng- 
sten Haare  des  Schwanzes  sind  einen  halben  Zoll  lang. 

Der  Unterpelz  fällt  allenthalben  etwas  ins  aschgraue. 

Totallänge  von  der  Nasenspitze  bis  zur  Sclnvanzspitze  sechs  Zoll, 
inclusive   der   langen  Endhaarc   des  Schwanzes,    ohne   diese   fünf  und 


181 

einen  halben  Zoll.  Von  der  Nase  bis  zur  Schwanz  würz  el  drei  Zoll. 
Länge  des  Schwanzes  drei  Zoll,  ohne  die  langen  Endhaare  zwei  und 
einen  halben  Zoll.  Länge  des  Kopfes  von  der  Nasenspitze  bis  zum  ersten 
Halswirbel  einen  Zoll.  Von  der  Nasenspitze  bis  zum  hintern  Augen- 
winkel sechs  Linien,  Länge  der  Ohrmuscheln  vier  Linien,  Breite  der- 
selben ebenso.  Die  längsten  Vibrissen  einen  Zoll.  Hintere  Fusswur- 
zeln  sammt  Nägeln  sieben  Linien,  vordere  vier  Linien.  Zehen  der  Hin- 
terfüsse  drei  Linien,  der  Vorderfüsse  zwei.  Umfang  der  Leibesmitte 
zwei  und  ein  Drittheil  Zoll. 


Mus  sylvaticiis  L. 
Die  Waldmaus  und  ihre  Varietäten. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Sie  ist  über  ganz  Europa  und  das  westliche  Sibirien  verbreitet. 
Ln  Sommer  in  Wäldern  und  Feldern,  im  Winter  auch  in  den  Häusern, 
in  Mühlen,  Kellern  und  Scheunen,  wo  sie  sich  durch  Anlegung  von 
Magazinen  sehr  schädlich  macht.  Häufig  findet  man  in  hohlen  Bäumen, 
unter  den  Wurzeln  derselben,  in  Felsenspalten  u.  s.  w.  Vorräthe  von 
Kirsch-  und  Pflaumenkernen,  Haselnüssen,  Castanien,  Kürbiskernen,  den 
Kernen  der  Weinbeeren,  Früchte  von  Vaccinium  vitis  idaea:  Preisseis- 
beeren u.  s.  w. ;  diese  rühren  grösstentheils  von  der  Waldmaus  her, 
welche  sie  sich  zum  Wintervorrathe  eingetragen  hat. 

Sowohl  in  ihrer  Freiheit,  als  in  der  Gefangenschaft,  gewährt  es  viel 
Vergnügen,  sie  zu  beobachten;  sie  ist  ungemein  gewandt  und  erinnert 
durch  ihre  schönen  grossen  Augen  und  Ohren,  ihre  langen  Füsse  und 
ihr  ganzes  Betragen  lebhaft  an  den  Gartenschläfer :  Myoxus  Nitela  Schre- 
ber,  wie  auch  an  die  Springmäuse.  Ich  hatte  sie  zu  Dutzenden  lebend. 
Abends  und  in  der  Nacht  sind  sie  am  thätigsten;  einzelne  von  ihnen 
zeichnen  sich  vorzüglich  durch  Munterkeit  und  ungemeine  Beweglichkeit 
aus ;  während  ihre  Kameraden  der  Ruhe  pflegen,  vertreiben  sie  sich  die 
Zeit  durch  Spielen  und  Klettern,  wobei  sie  den  Schwanz  halbbogenför- 
mig aufgerichtet  tragen.     Ihr  Geruch  hat  wenig  Unangenehmes. 

Ihre  gewöhnliche  Farbe  ist  am  Oberkörper  braungelblich  grau, 
nach  dem  Rücken  hin  etwas  dunkler ;  am  Bauche  ist  sie  weiss,  so  dass 
beide  Farben  ohne  Uebergänge  scharf  geschieden  sind;  die  Grenze 
zwischen  Ober-  und  Unterkörper  ist  jedoch  mehr  ins  Gelbliche  fallend. 
Am  Halse  hat  sie  oft  ein  gelbes  Fleckchen.  Schwanz  oben  grau,  unten 
weiss,  ein  wenig  kantig.  Beine  weiss.  Ohren  ziemlich  nackt  mit 
schwärzlichem    Rande.     Schwanz    mit    ohngefähr    150   Schuppenringen. 


18S__ 

Stirn    mehr   bogenförmig;    als    bei  Mus   Musculus,    und    M.    agrarius. 
Schnurrhaare :  Vibrissen  sehr  lang. 

Von  Varietäten  führe  ich  vor  allen  Dingen  an: 
a)  Die  grosse  Waldmaus  mit   gelbem  Halse   und   halbmal  längerm 
Schwänze,   Mus  sylvaticus  var.  flavicollis,  cauda  dimidio   longiori."    Sie 
ist  in  den  Sandsteingebirgen  der  sächsischen  Schweiz,  z.  B.  in  der  Ge- 
gend von  Pirna  nicht  sehr  selten.     Ein  wirklich  schönes  Thier! 

Das  erste  Exemplar  von  derselben  erhielt  ich  durch  den  Conserva- 
tor  Herrn  Schneidet^  welcher  dasselbe  am  26.  August  1848  bei  Pirna 
in  einer  Falle,  die  er  für  Myoxus  Nitela  aufgestellt  hatte,  fing.  Ihr 
entnehme  ich  folgende  Dimensionen. 

Totallänge  von  der  Nasenspitze  bis  zur  Schwanzspitze  7  V2  Zoll 
Paris.  M.  Von  der  Nasensjbitze  bis  zur  Schwanzwurzel  3  Zoll  und  3 
Linien,  Länge  des  Schwanzes  4  Zoll  und  3  Linien.  Länge  des  Hin- 
terfusses  sammt  Krallen  10  Linien.  Länge  der  Zehen  des  Hinterfusses 
mit  den  Krallen  2V2  Linien.  Länge  der  Ohren  6  Linien.  Breite  der- 
selben ebenso.  Entfernung  der  Nasenspitze  von  den  Ohren  1  Zoll. 
Augen  gerade  in  der  Mitte  zwischen  Nase  und  Ohren,  etwas  grösser 
wie  bei  gewöhnlicher  Waldmaus.  Nagezähne  wenig  gelb^,  schmal  und 
schwach.  Vibrissen  sehr  lang  und  stark;  die  längsten  angedrückt  bei- 
nahe einen  Zoll  über  die  Ohren  hinausstehend;  obere  schwarz,  untere 
weiss.  Schwanz  mit  200  Schuppenringen,  oben  graulich,  unten  weiss, 
etwas  kantig.  Oberlippe,  Unterlippe,  Kinn,  Kehle  gelblich  weiss. 
Füsse  genau,  wie  bei  gewöhnlicher  Waldmaus,  doch  nach  Verhältniss 
länger.  Unterkörper  weiss  mit  schiefergrauer  Basis  des  Pelzes,  hinsicht- 
lich des  Colorits  vom  Oberkörper  scharf  begrenzt. 

Bei  diesem  Exemplare  ist  der  Hals  nicht  gelb ;  dahingegen  besitze 
ich  durch  die  Güte  des  Herrn  Conservators  Klocke  in  Dresden  zwei 
lebende  Exemplare  gleichfalls  aus  der  sächsischen  Schweiz,  deren  eins 
jene  Zeichnung  in  vorzüglichem  Grade  besitzt.  Bei  ihm  ist  die  Farbe 
des  Halses  beinahe  orangegelb;  der  Rücken  schön  braun,  wie  bei  dem 
Gartenschläfer.  Ein  Paar  prächtige  Thiere!  aber  nicht  so  lebhaft,  wie 
gewöhnliche  Waldmäuse;  ich  bekomme  sie  selten,  manchmal  kaum  in 
vierzehn  Tagen  zu  sehen;  mehrentheils  verbergen  sie  sich  in  ihrem 
Neste  und  kommen  nur  zum  Vorschein,  wenn  sie  fressen  wollen. 

Ich  möchte  sie  beinahe  für  eine  eigene  Art  halten;  doch  kommt 
sie  wieder,  die  Grösse  und  lebhaftere  Zeichnung  abgerechnet,  mit  der 
gewöhnlichen  Waldmaus  zu  sehr  überein.  Sie  ist  also  wahrscheinlich 
nur  eine  Local- Varietät,  welche  vielleicht  durch  reichliche  imd  ihrem 
Wohlbehagen  zusagende  Nahrung  eine  aussergewöhnliche  Grösse  und 
Färbung  erhält.  Weitere  Beobachtungen  an  Ort  und  Stelle  müssen  hier- 
über in  Zukunft  bestimmtere  Aufschlüsse  geben. 

Herr  Sehjs  de  Longchamps  in  Lüttich  schreibt  mir  darüber  unterm 
13.  März  d.  J.  wie  folgt: 


18S 

„Je  ne    crois  pas  qiie  ce    soit   une    espece    distincte.      La   Lon- 
gueur  de  la  queue  varie  Leaucoiip  clans  le  Mus  sylvaticus." 

b)  Die  Mittelform  zwischen  der  Wald-  und  Hausmaus,  Mus  islan- 
dicus  TMenemann,  ist  bei  Mus  Musculus  L.  beschrieben. 

c)  Die  isabellfarbige  Waldmaus.  Ich  habe  sie  nur  einmal  im 
Sommer  1833  in  der  Gegend  von  Penig  bekommen.  Sie  ist  sehr  selten. 
Weisse  und  andere  Spielarten  habe  ich  nie  bekommen  können. 


Hypothetische  Ansicht  über  Erhebung  des  Spitzenbergs 
bei  Possendorf,  und  über  die  Folgen  derselben. 

Von  E.  V.  Otto. 

Versteinerungsleerer  Thonschiefer :  Urthonsehiefer,  bildet  das  Lie- 
gende der  Steinkohlenflötze  von  Hähnichen  Lind  Rippien  und  zieht  sich 
sogar  unter  den  Flötzen  des  Windberges  bei  Potschappel  hinweg;  er 
hat  demnach  seine  normale  Lagerung  als  Schiefergestein,  er  ist  so  zu 
sagen  geschichtet. 

Zu  Tage  finden  wir  ihn  auf  dem  breiten  Rücken  des  Spitzenberges 
und,  aus  dem  Rothliegenden  hier  und  da  hervortretend,  an  dessen  gen 
Süd,  West  und  Nord  gelegenen  Seiten ,  während  er  an  der  östlichen 
Seite  noch  niemals,  'Selbst  tief  nicht,  bemerkt  wurde. 

Der  Spitzenberg,  1001  Pariser  Fuss  hoch,  ist  östlich  und  westlich 
sanft  abgeflacht,  fällt  nördlich  etwas  steiler,  am  steilsten  südlich  ab, 
und  zeigt  uns  auf  seinem  sehr  breiten  Rücken  zwei  hervorragende  Kup- 
pen. An  diesen  letztern  erscheint  der  Thonschiefer  fast  ganz  entblösst, 
während  er  auf  dem  Plateau  nur  durch  eine  seichte  Ackerkrume  be- 
deckt ist. 

Betrachten  wir  nun  den  Thonschiefer,  wo  er  auf  und  an  diesem 
Berge  zu  Tage  kommt,  und  mitunter  zu  Strassenmaterial  gebrochen 
wird,  so  finden  wir 

«)  dass  er  oben  auf  dem  Berge,  besonders  bei  den  Kuppen,  sehr 
hart  und  spröde  ist,  ja,  wird  er  geschlagen,  klingt,  dass  er  eine 
braunrothe  oder  dunkel  blaugraue  Farbe  hat,  oft  auch  griffel- 
artig abgesondert  ist, 
/5)  dass  er  an  den  Seiten  und  dem  sehr  umfangreichen  Fusse  des 
Berges  weicher,  thonreicher  auftritt,  mehr  Glimmer  führt,  sich 
sogar  fettig  anfühlt, 
f)  dass  er  auf  diesem  Berge  überall  nach  allen  Himmelsgegenden 
hin  fallend,  sogar  im  engen  Räume  kleiner  Brüche,  angetroffen 
wird,  dass  er  st'bst  hier  und  da  völlig  aufgerichtet  erscheint, 


184 

d)  dass  ihn  dann  und  wann  durchsetzende  Quarzadern  ebenso  ver- 
worfen, wie  seine  allgemeine  Lagerung,  sind. 

Diese  Wahrnehmungen  sind  die  Resultate  vieljähriger  Beobacht- 
ungen; durch  momentane  Besichtigungen  können  sie  nicht  erzielt  wer- 
den, da  die  kleinen  Brüche  meist  schnell,  wie  es  der  Ackerbau  erheischt, 
wieder  zugeschüttet  und  besät  werden. 

Da  nun,  wie  im  Eingange  schon  erwähnt  wurde,  das  Rothliegende 
nur  auf  dem  Plaieau  dieses  Berges  fehlt,  während  es  an  seinen  Seiten 
in  seiner  weiten  Umgebung,  selbst  auf  höhern  Bergen  überall  angetrof- 
fen wird  und  aus  den  oben  angeführten  Beobachtungen  können  wir 
wohl  füglich  schliessen,  dass  der  Thonschiefer  des  Spitzenberges  sich 
nicht  mehr  in  seiner  ursprünglichen  Lagerung  befindet,  sondern  gewalt- 
sam emporgehoben  und  dadurch  so  verworfen  und  zerrissen  wurde;  ja, 
es  drängt  sich  uns  die  Vermuthung  auf,  dass  bei  diesem  Vorgange,  wenig- 
stens gegen  die  Gesteine  seines  Plateau's,  starke  Hitzegrade  thätig  ge- 
wesen sein  müssen. 

Die  klingende  Härte,  die  dunkle,  meist  rothe  Farbe,  sowie  die  zu- 
weilen vorkommende  griffelartige  Absonderung  des  Thonschiefers  auf 
seinem  Scheitel  machen  diese  Vermuthung  wahrscheinlich. 

Suchen  wir   nun   in   der  Umgegend   dieses   Berges   nach   eruptiven 

Gesteinen,  welche  seine  Erhöhung  bewirkt  haben  könnten,  finden  wir  nur : 

nördlich,    1/2  Stunde   von  ihm  entfernt,    den  jungen  Thonporphyr 

von  Hähnichen,  und  südlich,    3/*  Stunden  entfernt,  den  Basalt  des 

Wilschberges. 

Andere  Porphyre,  Granite  und  überhaupt  Massengesteine  trifft  man  nur 

in  viel  grösserer  Entfernung  an. 

Bei  näherer  Betrachtung  des  Thonporphyrs  bei  Hähnichen  ergiebt 
sich,  dass  derselbe  westlich  von  diesem  Orte  sein  Ende  erreicht,  dass 
er  sich,  was  der  Schacht  von  Rippien  bestätigte,  östlich  senkt  und  von 
dorther,  etwa  bei  Nickern,  Lockwitz,  emporgedrungen  sein  müsse.  Ohn- 
streitig  hat  er  die  Verwerfung  in  der  Kohle  bei  Rippien  verursacht. 

Hierdurch  erhellet,  dass  er  gewiss  keinen  Antheil  an  der  Erhebung 
des  Spitzenberges  gehabt  haben  könne. 

Es  bleibt  uns  nur  noch  der  Basalt  und  ihn  halten  wir  für  den 
Ruhestörer,  der  einst  normal  abgelagerten  Schiefergesteine  des  Spitzen- 
berges, welche  einst  gewiss  in  gleicher  Teufe,  wie  ihre  Fortsetzung- 
unter  den  Kohlenflötzen  von  Hähnichen,  Windberg  u.  s.  w.  abgelagert 
waren. 

Diese  unsre  Vermuthung  zu  motivircn,  wollen  wir  jetzt  versuchen. 

Der  Basalt  ist  anerkannt  als  feuerflüssige  Masse  aus  der  Tiefe  her- 
vorgedrungen und  hat  dazu  Spalten  und  Klüfte,  sie  mochten  nun  schon 
früher  vorhanden,  oder  erst  durch  seine  Eruption  entstanden  sein,  benutzt. 

Fand  die  flüssige  Masse  nun  mehrere  einander  nahe  Spalten  (die 
mitunter  nach  oben  zu  weit  von    einander   divergirten) ,    so  erfüllte   sie 


185 

diese  zugleich  und  bestrebte  sich  in  allen  die  feste  Erdkruste  zu  durch- 
brechen. 

Da  nun  der  Widerstand,  welchen  sie  in  den  verschiedenen  Klüften 
und  Spalten  zu  besiegen  hatte,  ohnstreitig  wohl  auch  ein  verschiedener, 
ein  grösserer,  ein  minderer  war,  so  drang  sie  in  derjenigen  Spalte  oder 
Kluft,  in  welcher  sie  den  wenigsten  Widerstand  fand,  nicht  nur  am 
schnellsten,  sondern  auch  am  weitesten,  ja  bis  zu  Tage  hervor.  Durch 
den  Ausfluss  über  die  Erdkruste  aus  einer,  oder  aus  einigen  Spal- 
ten verminderte  sich  die  Stärke  des  Nachdruckes  von  unten  gegen  die 
Masse,  welche  mit  mehr  Widerstand  in  den  andern  Spalten  zu  kämpfen 
hatte;  dadurch  wurde  sie  hier  am  schnellen  Vordringen  gehindert,  ver- 
lor an  Kraft,  wurde  kühler,  bis  sie  endlich  erstarrte,  die  einmal  einge- 
nommenen Räume  erfüllend.  Was  sie  über  sich  bis  dahin  erhoben  hatte, 
das  blieb  natürlich  durch  ihr  Erstarren  in  der  neu  erhaltenen  Lage  stehen. 
Lehrt  nun  auch  die  bisherige  Erfahrung,  dass  nur  selten  (z.  B.  in 
Böhmen  in  der  Röhn)  sich  mehrere  Basaltkuppen  zu  einer  Hauptmasse 
vereinigt  finden,  so  giebt  sie  doch  zu,  dass  mehrere  Basaltablagerungen 
aus  einer  und  derselben  Masse,  durch  eine  und  dieselbe  Eruption  entstan- 
den sein  können. 

Es  handelt  sich  bei  diesen  Erfahrungsresultaten  aber  auch  nur  um 
über  der  Erdoberfläche  sichtbare  Basaltablagerungen.  Erblicken  wir 
davon  mehrere  in  geringer  Entfernung  von  einander,  so  können  wir 
annehmen,  dass  die  eruptive  Masse  an  dieser  Stelle  mehrfach  leichtes 
Durchbrechen  hatte,  und  dass,  sind  die  verschiedenen  nahen  Kuppen 
sichtbar  nicht  in  eine  Hauptmasse  vereinigt,  die  verschiedenen  Spalten, 
aus  welchen  sie  ausflössen,  sich  schon  in  bedeutender  Tiefe  von  einan- 
der trennten. 

Walteten  aber  bei  einer  Basalteruption  nicht  so  günstige  Umstände 
ob,  konnten  ein  oder  mehrere  Arme  dieser  emporstrebenden  Masse,  durch 
unbesiegbaren  Widerstand  gehindert ,,  nicht  bis  zu  Tage  durchbrechen, 
dann  erscheint  es  wohl  nicht  Avidersinnig,  anzunehmen,  dass  ihr  Empor- 
streben die  ihr  Widerstand  leistenden  Gesteine  hob  und  ihre  Lagerung 
zerrüttete,  sie  selbst  aber  unter  diesen  erstarrte  und  sich  ablagerte. 

Diesen  Fall  präsumiren  wir  für  die  Erhebung  des  Spitzenberges. 
Ist  nun  auch  der  Spitzenberg  von  der  nächsten  bekannten  Basaltabla- 
gerung fast  eine  Stunde  entfernt,  kann  dies  unsrer  Vermuthung  doch 
nicht  widerstreben,  denn  wir  wissen  ja, 

dass  die  Basalte  von  den  übrigen  Gebirgen  unabhängige  Züge  bilden, 
dass  in  Deutschland  sich  eine  förmliche  basaltische  Zone  von  den 
Sudeten  bis  an  die  Eifel  vorfindet, 
woraus  sich  folgern  lässt, 

dass  alle  diese  Basalte  in  ihrem  einst  feuerflüssigen  Zustande  ge- 
wissermassen  durch  einen  tiefliegenden  Kanal  mit  einander  ver- 
bunden waren,  und 

Allg^.  deutsche  naturhist.  Zeitung-.     L  14 


186 

dass  sie  aus  diesem  nur  da  eruptiv  wurden,  wo  Spalten  und  Klüfte 
es  ihnen  ermöglichten,  wenn  auch  nicht  alle  emporsteigenden  Arme 
die  obere  Erdkruste  zu  durchbrechen  im  Stande  waren. 

Durch  diese  unsere  Annahme  Hesse  sich  auch  das  Hervortreten  der 
beiden  Kuppen  des  Spitzenberges  leicht  erklären. 

Die  den  ganzen  Berg  emportreibende  Basaltmasse  konnte  an  diesen 
zwei  Punkten  am  weitesten  empordringen,  hob  die  Gesteine  derselben 
natürlich  auch  am  meisten  in  die  Höhe. 

Die  gewaltsame  Erhebung  der  Schiefergesteine  des  Spitzenberges 
lässt  nun  nicht  nur  vermuthen,  dass  sie  nothwendig  Störungen  und  Ver- 
werfungen in  der  normalen  Schichtenablagerung  der  in  der  Nähe  be- 
findlichen KoJilenflötze  und  deren  Decke,  des  Rothliegenden ,  hervorge- 
bracht haben  müsse,  sondern  es  bestätigt  diese  Vermuthung  auch  die 
arge,  zu  Tage  sichtbare  Verwerfung  des  grauen  sandigen  Conglomerats 
des  Kothliegenden  am  Käferberge  bei  Possendorf,  welcher  nordwestlich 
vom  Spitzenberge  liegt,  und  eben  so  nur  wenige  Minuten  von  ersterem 
wie  von  den  Hänicher  Kohlenwerken  entfernt  ist. 

Wenn  wir  nun  selbst  unsere  hier  ausgesprochene  Ansicht  hypo- 
thetisch nannten,  gaben  wir  schon  zu,  dass  wir  sie  selbst  nicht  für 
unwiderlegbar  halten ;  so  lange  aber  nicht  andere  causae  efficientes, 
denen  die  Erhebung  und  Zerrüttung  des  Thonschiefers  des  Spitzberges 
wahrscheinlicher  zugeschrieben  werden  könnte,  erwiesen  sind,  vermu- 
then wir, 

dass  Basalt  mittelbar  durch    die  Erhebung   des   Spitzenberges   auf 

die  theilweise  Verwerfung  der  nahen  Kohlenflötze  und  deren  Decke 

gewirkt  habe. 
Wäre  dem  so,  dann  könnten  Kohlenbau  -  Versuche   auf  dem  östlich 
und  südlich  hinter  dem  Spitzenberge  gelegenen  Fluren  auch  noch  durch 
gute  Erfolge  belohnt  werden. 


Experimenteller  Nachweis ,  dass  Cysticercus  cellulosae 

innerhalb  des  menschlichen  Darmkanales  sich  in 

Taenia  Solium  umwandelt. 

Von  Dr.  Küchenmeister,  pract.  Arzt  in  Zittau. 

Vor  einiger  Zeit  sollte  in  der  Entfernung  mehrerer  Meilen  von 
meinem  Wohnorte  ein  Delinquent  durch  das  Fallschwert  vom  Leben 
zum  Tode  befördert  werden.  Durch  Vermittelung  befreundeter  Aerzte 
gelang  es  mir,  das  im  Jahre  1853  nutzlos  Versuchte  in  der  That  zur 
Ausführung  zu  bringen,    wenn  auch  die  Kürze  der  mir  zu  Gebote  ste- 


187 

henden  Zeit  (6  —  8  Tage)  wenig  Hoffnung  auf  Erfolg  gab.  Ungefähr 
130  Stunden  vor  dem  Tage  der  Hinrichtung  des  Delinquenten  wurde 
ihm  durch  einen  befreundeten  Arzt  in  Ermangelung  des  Cysticercus 
cellulosae  ein  frischer  Cysticercus  tenuicollis  aus  dem  Schweinmesente- 
rium  und  circa  10  Stunden  vor  jenem  Tage  6  Stück  Cysticerci  pisi- 
formes  aus  dem  Kaninchen  beigebracht.  Da  es  Sitte  ist,  sobald  die 
höchste  Bestätigung  des  Todesurtheils  erfolgt  ist,  dem  Delinquenten  in 
seiner  Kost  gewisse  Begünstigungen  noch  zu  gestatten,  so  gab  der  be- 
treffende Arzt  dem  Delinquenten  zu  dieser  Zeit  auf  meinen  Vorschlag 
gute  Bouillonsuppen  mit  Fagonnudeln  (in  Stern-  und  Gräubchenform) 
oder  ähnlichen  Amylaceen,  und  brachte  in  diesen  Suppen,  nachdem  sie 
auf  die  Temperatur  der  Blutnärme  abgekühlt  naren ,  die  7  Stück  Blasen- 
würmer, denen  die  Schwanzblase  theils  geöffnet,  theils  abgeschnitten 
war,  so  dass  dieselben  etwa  die  Grösse  der  betreffenden  Fa9onnudeln 
hatten.  So  erhielt  der  Delinquent  die  Finnen,  ohne  dass  er  es  wusste, 
in  dem  Suppengericht. 

Ungefähr  84  Stunden  vor  dem  Tode  des  Delinquenten  fand  meine 
Frau  in  iinserem  Abendessen  (das  in  warmem,  aus  einer  meiner  Wohn- 
ung in  Zittau  benachbarten  Restauration  entnommenem  Schweinebraten 
bestand)  Finnen.  Wo  diese  Finnen  herstammen,  dachte  ich,  da  gibts 
auch  noch  andere,  und  ich  beeilte  mich  in  jener  Restauration  selbst 
weitere  Nachforschungen  nach  eingekochtem,  frischem  Schweinefleische  an- 
zustellen. 

Nach  längerem  Bitten  und  nachdem  ich  den  Leuten  begreiflich  ge- 
macht hatte,  dass  ich  meiner  Wurmuntersuchungen  wegen  nach  solchem 
Fleisch  lange  schon,  weil  es  verheimlicht  wird,  vergebens  getrachtet 
hätte,  erfuhr  ich  denn  endlich,  dass  das  Schweinefleisch  einem  Schweine 
entstamme,  das  in  der  betreffenden  Restauration  selbst  beiläufig  60  Stun- 
den voi'her  geschlachtet  worden  war,  und  erhielt  endlich  1  Pfund  des 
am  stärksten  finnigen  rohen  Fleisches,  dass  bis  dahin  im  Keller  aufbe- 
wahrt worden  war.  Da  der  Abend  schon  zu  weit  vorgeschritten  war, 
um  an  den  Aufenthaltsort  des  Delinquenten  mich  noch  an  demselben 
Tage  begeben  zu  können,  bewahrte  ich  das  Fleisch  bei  der  milden  Tem- 
peratur, die  wir  um  diese  Zeit  hatten,  über  Nacht  in  einem  ungeheiz- 
ten Zimmer,  und  fuhr  am  4.  Tage  vor  der  Hinrichtung  vor  Tages- 
grauen nach  dem  Aufenthaltsorte  des  Delinquenten,  in  Gesellschaft  eines 
befreundeten  Gerichtsarztes.  Genau  72  Stunden  vor  dem  Tode  des  De- 
linquenten war  ich  in  dem  Orte,  seiner  Retention  angekommen,  und 
sofort  wurde  von  dem  erstgenannten  Arzte  dem  Delinquenten  ein  Früh- 
stück von  den  von  mir  mitgebrachten  Finnen  bereitet.  Da  eine  Suppe 
um  diese  Zeit  zu  auffällig  gewesen  wäre,  schlug  ich  einige  Butterschnitten 
mit  Cervelatwurst  vor,  wobei  die  Pfefferkörner  der  Wurst  entfernt  und 
herausgeschält  und  die  dadurch  entstandenen  Lücken  mit  Finnen  aus- 
gefüllt werden  sollten.     Der  betreffende  Arzt,    dem  CervelatAvurst  nicht 

14* 


188 

sogleicli  zur  Hand  war^  nahm  Blutwurst  und  scliälte  einige  Fettwürfel 
der  Wurst  aus,  an  deren  Stelle  er  die  Finnen  einlegte,  und  Alles  gut 
von  den  Seiten  her  verstrichen  werden  konnte.  So  erhielt  der  Delin- 
quent 72  Stunden  vor  seinem  Tode  12  Stück  Cysticerc.  cellulos., 
60  Stunden  vor  dem  Tode  in  einer  Reisssuppe  1 8,  36  Stunden  vor  dem 
Tode  in  Nudelsuppe  15,  24  Stunden  vor  dem  Tode  in  Wurst  12  und 
12  Stunden  vor  dem  Tode  in  Suppe  noch  einmal  18  Stück  Cysticerci 
cellulosae,  also  in  Summe  75  Stück  von  letzteren,  die  beiläufig  72,  84, 
108,  120  und  132  Stunden  nach  dem  Schlachten  des  Thieres  an  freier 
Luft  sich  befunden  hatten. 

Die  Hinrichtung  erfolgte  demnach  etwa  120  Stunden  nach  der  Bei- 
bringung von  Cytsicercus  tenuicollis  und  72  Stunden  nach  der  ersten, 
60  Stunden  nach  der  zweiten  Beibringung  von  Cysticerci  cellulosae. 
Dem  Delinquenten  selbst  hatten  Wurst  und  Suppen  so  gut  gemundet, 
dass  er  noch  am  Abende  vor  seinem  Tode  dem  betreffenden  Arzte  sei- 
nen warmen  Dank  dafür  aussprechen  zu  müssen  glaubte. 

Am  Tage  nach  der  Hinrichtung  begab  ich  mich  nach  der  20  Stun- 
den von  hier  entfernten  anatomischen  Anstalt,  an  welche  der  Leichnam 
abgeliefert  werden  musste,  konnte  jedoch  zu  meinem  Leidwesen  erst 
48  Stunden  nach  der  Hinrichtung  zur  Untersuchung  des  Darmkanals 
gelangen,  die  in  Gegenwart  mehrerer  Professoren  von  den  Herren  Pro- 
sectoren  Dr.  D.  und  Dr.  Z.  und  mir  vorgenommen  wurde. 

So  gering  bei  der  Kürze  der  Ernährungsfristen  meine  Hofinung, 
die  jungen  Taenien  zu  finden,  auch  sein  musste,  so  sehr  ich  auch  darauf 
gefasst  war,  selbst  im  glücklichsten  Falle  die  Haken  der  jungen  Taenien 
nicht  wieder  aufzufinden,  da  sie  leicht  im  Darmschleime,  wenn  er  sich 
zu  zersetzen  beginnt,  abfallen,  so  hatte  ich  doch  das  Glück,  wie  wir 
bald  sehen  werden,  noch  einige  junge  Taenien  mit  Haken  zu  finden, 
(obgleich  nämlich  bei  dem  Durchsuchen  des  in  ziemlich  dichter  Schicht 
aufgelagerten  Schleimes  es  mir  nicht  gelingen  wollte,  etwas  zu  finden, 
was  eine  junge  Taenia  darstellte,  so  gelang  es  mir  doch  in  einem  Stück 
Duodenum  (wo  ich  überhaupt  der  Zeit  nach  die  jungen  Taenien  erwartet 
hatte)  das  ich  einige  Minuten  im  Wasser  aufgeweicht  hatte,  eine  kleine 
Taenia  zu  finden,  die  mit  ihrem  vorgestreckten  Eüssel  an  der  Darm- 
schleimliaut  festsass,  wie  auch  die  übrigen  Herren  Mitsecirenden  sich 
überzeugten.  Wie  man  sich  leicht  denken  kann,  war  ich  durch  den 
Fund  etwas  freudig  erregt  und  ersuchte  daher  Herrn  Dr.  Z.  den  kleinen 
Cestoden  sammt  der  Schleimhautpartie,  in  der  er  sass,  auf  das  Objekt- 
gläschen zu  übertragen. 

Es  gelang  dies  ziemlich  gut,  und  wir  sahen  eine  junge  Taenie  mit  vor- 
gestülptem Rüsselchen,  an  dem  ebenfalls  nach  vorwärts  gerichtet  4  Haken 
sehr  locker  aufsassen,  die  deutlich  durch  Vergleichung  mit  andern  Prä- 
paraten von  Taenia  Solium,  Taenia  serata  vera  und  Taenia  ex  Cisticerco 
tenuicoUi  sich  als  Haken  der  Taenia  Solium  erwiesen.     Lizwischen  hatte 


189 

ich,  während  die  Herren  die  Taenia  genauer  untersuchten,  das  Duode- 
num weiter  durchlaufen  und  noch  3  Stück  gefunden,  von  denen  2  je  1  oder 
2  Paar  Haken  darboten,  die  ebenfalls  der  Taenia  Solium  angehörten, 
und  deren  drittes,  was  Herr  Dr.  D.  aus  dem  Darmschleime  erhob,  den 
bis  auf  2  Haken  "erster  Reihe  unverletzten  Hakenkranz,  in  Summa 
22  Haken  der  Taenia  Solium  enthielt.  Dieses  Präparat,  sowie  die  andern 
befinden  sich  zur  Zeit  noch  auf  der  betreffenden  anatomischen  Anstalt 
und  es  ist  in  Betreff  des  Letztern  nur  zu  bedauern,  dass  ein  grosser 
Theil  der  Haken  erster  Reihe  beim  Zusätze  von  flüssiger  Gelatine  in 
die  Nachbarschaft  des  Taenienrüssels  entrollte,  während  die  Haken  zwei- 
ter Reihe  in  vollkommener  Zahl  und  Ordnung  an  ihrem  Platze  erhal- 
ten sind. 

Wer  je  die  Haken  von  Taenia  Solium  gesehen,  der  wird  zugestehen, 
dass  es  keinem  Zweifel  iinterlag,  dass  die  4,  mit  mehr  oder  weniger 
Haken  versehenen  Taenien  der  Taenia  Solium  und  der  gefütterten  Cy- 
sticercus cellulosae,  nicht  aber  den  andern  Finnen  angehörten.  Ausser 
diesen  4  Taenien  fanden  wir  im  Abspülwasser  des  Darmschleimes  noch 
6  Stück  junger  Taenien,  aber  ohne  Haken.  Sämmtliche  10  Taenien 
hatten  mit  Ausnahme  einer  einzigen ,  die  beiläufig  6  —  8  Millimeter 
lang  war  und  einen  recht  nett  ausgebildeten,  noch  kaum  genarbten  An- 
hang hatte ,  eine  Grösse  von  3  —  4  Millimeter  Länge.  Alle  zeigten  am 
Hinterleibsende  die  kleine,  S-förmig  geschweifte,  kerbige  Einziehung,  die 
Jeder  kenneu  wird,  der  irgend  Cestoden  zweiter  Stufe  mit  Schwanzblasen 
durch  Fütterungsversuche  in  Taenien  umzuwandeln  versucht  hat. 

Von  den  letzten  Fütterungen  fanden  sich  im  ganzen  Darmkanal 
keine  Spuren  und  ich  glaube,  dass  nur  die  ersten  beiden  Fütterungen 
mit  Cysticerci  cellulosae  ein  Resultat  geliefert  haben,  da  wahrscheinlich 
die  meisten  Cisticerci  cellulosae  zurZeitderUeberführungindenDarmkanal 
des  Delinquenten  schon  gestorben  waren.  Bis  jetzt  nämlich  ist  es  mir 
nicht  gelungen,  aus  Blasenwürmern,  die  später  als  3  —  4  Tage  nach 
Tödtung  ihres  Wirthes  zum  Experimente  benutzt  wurden ,  Taenia  zu 
erziehen.  Ueberblicken  wir  noch  einmal  kurz  die  durch  dieses  Experi- 
ment gewonnenen  Resultate,  so  steht  hiernach  fest: 

1.  dass  der  Cysticercus  cellulosae  der  Scolex  der  Taenia  Solium 
hominis  ist; 

2.  dass  die  Ansteckungsweise  mit  Taenia  Solium  ganz  dieselbe  wie 
bei  allen  andern  aus  Blasenwürmern  stammenden  und  wohl  überhaupt 
wie  die  der  meisten  Taenien  ist, 

3.  dass  wir  uns  also  mit  Taenia  Solium  anstecken,  indem  auf  die- 
jenigen Speisen,  welche  wir  roh  geniesen,  oder  die  wir,  schon  gekocht, 
kalt  verspeisen  und  in  Portionen  aus  Fleischläden  und  von  anderwärts 
her  beziehen,  Cysticercus  cellulosae  übertragen  werden,  wofür  ich  schon 
in  meinem  Werkchen  über  Cestoden  imAllg.  etc.  Belege  beigebracht  hatte; 


190 

4.  dass  die  bisherige  Medicinalpolizeigesetzgebung  vieler  Staaten 
in  Betreff  des  finnnigen  Schweinefleisches  eine  wenig  gerechtfertigte  ist, 
insofern  sie  den  Schlächter,  der  solches  Fleisch  verkauft,  den  Schaden 
allein  tragen  lässt.  Besser  als  derartige  Massregeln  wirkt  eine  offene 
Belehrung  und  Ermahnung  zur  Vorsicht  mit  dem  finnigen  Schweine 
fleische.     Ich  füge  endlich  noch  hinzu: 

5.  dass,  nach  den  Experimenten  von  Benedeus ,  und  nach  den  von 
Hrn.  Prof.  Haubner  in  Dresden  und  mir,  in  Folge  meines  Antrages  an 
das  k.  Sachs.  Staatsministerium  des  Innern,  auf  Regierungsbefehl  ange- 
stellten Versuchen,  es  hinwiederum  erwiesen  ist,  dass  man  Cysticercus 
cellulosae  beim  Schweine  durch  Fütterung  mit  reifen  Gliedern  von 
Taenia  Solium  erziehen  kann,  und  zwar  in  solcher  Menge,  dass  ich  in 
4'/2  Drachme  des  Fleisches  eine*^  zum  Experiment  verwendeten  Schwei- 
nes 133  Cysticerci  cellulosae  zählte,  was  auf  den  Stein  Schweinefleisch 
beiläufig  SO;OüO  Stück  dieser  Finne  ergiebt; 

6.  dass  es  uns  bisher  weder  beim  Hunde  noch  beim  Schaafe  gelang, 
durch  Verfütterung  reifer  Glieder  von  Taenia  Solium  Cysticerci  cellu- 
losae zu  erziehen,  eben  so  wenig  als  es  uns  je  gelungen  ist:  a)  aus 
Taenia  serrata  vera  (ex  Cistic.  pisiformi);  b)  aus  Taenia  ex  Cysticerco 
tenuicolli;  c)  aus  Taenia  Coenurus  (ex  Coenuro  cerebrali);  d)  aus 
Taenia  Echinococcus  Cisticerci  cellulosae  zu  erziehen,  während  es  doch 
ganz  leicht  ist,  aus  a:  Cysticercus  pisiformis;  aus  b:  Cysticercus  tenui- 
collis  und  aus  c.  Coenurus  cerebralis  sie  heranzubilden,  ja  auch  ^e  leider 
zu  früh  unternommene  Sektion  für  die  Erziehung  der  Echinococcus 
aus  T.  Echinococcus  zu  sprechen  scheint. 

Hiernach  überlasse  ich  es  Jedem  selbst,  wenn  er  auch  nicht  die 
Haken  der  einzelnen  Taenienarten  unterscheiden  könnte,  ein  Urtheil 
über  das  unlängst  bei  EngeJmann  in  Leipzig  erschienene  Buch  „über 
die  Band-  und  Blasenwürmer  etc.  von  K.  Th.  von  Siebold"  auszusprechen. 

Indem  ich  zum  Schlüsse  eile,  habe  ich  nur  noch  zu  bedauern,  dass 
es  mir  nicht  erlaubt  ist,  Öffentlich  denen  zu  danken,  die  mich  freund- 
lichst bei  obigem  Experimente  unterstützten,  ferner:  die  Bitte  an  ein- 
flussreiche Mitglieder  der  Gesellschaft,  ja  an  alle  Freunde  der  phy- 
siologischen Heilkunde,  denen  diese  Zeilen  zu  Gesichte  kommen,  zu 
richten,  dass  Jeder  in  seinem  Kreise  dahin  zu  wirken  suche,  dass  das 
gewiss  unschädliche  Experiment  der  Finnenfütterung  bei  voraussichtlich 
dem  Tode  verfallenen  Verbrechern  zu  wiederholen  gestattet  werde,  damit 
wir  die  ganze  Entwickelungssuite  der  Taenia  Solium  durch  z.  B.  in 
4wöchentlichen  Zwischenräumen  gemachte  Fütterungen  ganz  frischer  Cy- 
sticerci cellulosae  in  jedesmal  massiger  Zahl  verfolgen  imd  zusehen  kön- 
nen, ob  —  was  durch  mein  Experiment  unentschieden  geblieben  ist  — 
Cysticercus  pisiformis  und  tenuicoUis  im  Menschen  ebenfalls  sich 
weiter    entwickeln:    so   wenig   ich  bis  jetzt  glaube  dies   annehmen  zu 


191 

können.  Im  Falle  stattfindender  Begnadigung  der  Verbrecher  kann 
man  ja  leicht  die  Bandwürmer  wieder  abtreiben,  und  auf  diese  Weise 
dem  ängstlichsten  Gemüthe  genügen  und  der  Wissenschaft  zugleich 
nützen.  [W.  med.  W.  Nr.  1.  1555].  Dass  Tausende  von  nicht  verur- 
theilten  Personen  aller  Stände  mit  ihren  Speisen  Finnen  geniessen,  lehrt 
die  Erfahrung. 


lieber  eine  Abart  der  Taenia  Coenurus, 

d.  h,  des  Bandwurmes,  von  der  die  Quese  des  Schaafes 

und  des  Rindes  herstammen. 

(Zugleich  eine  Bitte  an   die  Herren  Oeconomen    des  Markgrafthums  Niederlausitz    mich 

mit  Zusendung  von  Köpfen  von  Schaafen,  die  an  der  ächten  Dreh  -  Krankheit 

verendeten ,   zu  erfreuen.) 

Von  Dr.  Küchenmeister  in  Zittau. 

Gerade  ein  Jahr  ist  es  am  heutigen  Tage,  dass  bei  dem  ersten  der  von 
dem  hohen  Ministerio  des  Innern  zum  Experiment  bestimmten  Schaafen, 
die  in  Folge  der  Fütterung  mit  Eiern  der  Taenia  Coenurus  von  der 
ächten  Dreh  -  Krankheit  befallen  worden  waren,  die  Section  vorgenom- 
men und  die  jungen  Quesen  aufgefunden  wurden.  Seit  jener  Zeit  ist 
es  wiederholt  und  an  verschiedenen  Orten  gelungen,  diese  Quesen  aus 
den  Eiern  des  genannten  Bandwurmes  zu  erziehen.  Dabei  ist  zugleich 
darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  dass  dieser  Bandwurm  eine  eigene 
und  leicht  bei  einiger  Uebung  zu  unterscheidende  Art  sei,  die,  wie  neuer- 
dings auch  Prof.  Roll  in  Wien  gegen  von  Siebold  hervorhebt,  wesentlich 
von  denjenigen  Bandwürmern  abweiche,  welche  man  aus  der  Finne  des 
Kaninchen,  aus  der  Finne  im  Netze  der  Schweine  und  aus  anderen 
Finnen  oder  Blasenwürmern  im  Darmkanale  gewisser  Thiere,  besonders 
der  Hunde,  erziehen  kann.  Es  ist  ferner  berichtet  worden,  dass  der 
Bandwurm,  aus  dessen  Eiern  die  Schaafquesen  sich  entwickeln,  dadurch 
entsteht,  dass  von  den  Hunden  die  ihnen  vorgeworfenen  Köpfe  dreh- 
kranker Schaafe  verzehrt  werden  und  weiter,  dass  der  betreffende  Band- 
wurm im  reifen  Zustande  4  Saugnäpfe  und  auf  einem  kurzen  Mützchen 
vorn  am  Kopfe,  das  man  in  der  Kunstsprache  Rostellum  oder  Rüssel- 
chen nennt,  24  bis  höchstens  28  in  eine  doppelte  Reihe  gestellte  Haken 
von  einer  bestimmten  Grösse  trae-e. 

Der  betreffende  Bandwurm  wurde  als  den  andern  Bandwürmern 
allen  ähnlich  geschildert,  die  einen  platten  gegliederten  Körper  mit  2 
seitlichen  Rändern,  einem  rechts  und  einem  links  gelegenen,  haben.  Damals 
aber  behielten  wir  uns  vor,  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  vielleicht 
noch  andere  Bandwürmer  die  Dreh-Krankheit  erzeugen  könnten.  Einen 
solchen  andern  Bandwurm  komme  ich  denn  nun,  hierdurch  anzuzeigen. 


192 

Füttert   man   nämlich  Hunde   mit   der   Qiiese  von  Schaafen,    so   findet 
man  zuweilen  unter  den  gezogenen  Bandwürmern  ein  Exemplar, 

welches  nicht  platt  und  zweikantig  sondern  dreikantig  ist,  dessen  Kopf, 
statt  24  —  28,  vielmehr  30  —  32 ,    vielleicht  auch  noch  einige   Haken 
mehr  trägt,  und  dessen  Haken   bei  der  mikroskopischen   Messung  die 
grössten  Haken  anderer  Taenia  Coenurus  um  Etwas  ühertreffen. 
Man  glaubt  auf  den    ersten  Anblick    dieses   Bandwurms    gar  keine 
Taenia  Coenurus    vor    sich   zu   haben,    kann    sich   nur   schwer   von  der 
Abstammung    solcher    Bandwürmer   von    der   Schaafquese    überzeugen ; 
und  doch  ist  es  nicht  anders.     Man  braucht  nämlich  nur  auf  die  Saug- 
näpfe am  Kopfe  eines  solchen  Bandwurms   zu    achten    und   das  Räthsel 
ist  gelöst. 

Es  besitzt  nämlich  dieser  Bandwurm  nicht  4  Saugnäpfe ,  wie  die 
andern  derartigen  Bandwürmer,  sondern  6.  Es  entsteht  aber  dieser 
Bandwurm  mit  6  Säugnäpfen  in  der  That  aus  der  Schaafquese,  denn 
unter  den  Köpfen,  welche  iri  einer  Quesenblase  sich  finden  und  die  im 
Hundedarme  zu  reifen  Bandwürmern  werden,  finden  sich  nach  den  An- 
gaben älterer  Schriftsteller  und  Thierärzte  auch  solche,  welche  statt  4 
vielmehr  6  Saugnäpfe  tragen.  Dieselben  müssen  jedoch,  wie  schon  von 
Anderen  hervorgehoben  wurde,  sehr  selten  sein,  dürften  aber  nicht  so 
selten  sein,  als  man  bisher  zu  glauben  geneigt  war.  Eben  daraus  aber 
geht  auch  weiter  hervor,  dass  im  Ganzen  nur  selten  Bandwürmer  mit 
6  Saugnäpfen  gefunden  werden  können,  eben  weil  die  Quesenköpfe  mit 
6  Saugnäpfen  selten  sind,  (oder,  was  dasselbe  heisst,  wenn  wir  die  dem 
Laien  auffälligste  Form  ins  Auge  fassen)  dass  Skantige  Bandtvimner  im 
Hundedarme,  welche  von  der  Schaafquese  stammen,  selten  sind.  Trotz 
dieser  Seltenheit  ihres  Vorkommens  werden  die  Oeconomen  den- 
noch sich  vor  dieser  3kantigen  Form  der  Taeniae  Coenurus  ebenso  zu 
fürchten  haben,  wie  vor  ihrer  gewöhnlichen  2kantigen  Form.  Ich  selbst 
fand  diese  erstere  Form  nur  zweimal  unter  beinahe  1000  untersuchten 
und  einzeln  bestimmten  Taenia  Coenurus.  (Hoffentlich  [ist  man  überzeugt, 
dass  ich  mit  dieser  Zahl  1000  nicht  übertrieben  habe,  und  zum  Belege 
erwähne  ich  nur,  dass  ich  am  13.  und  14.  Januar  allein  101  von  Herrn 
Dr.  Günther,  k.  Landgerichtsarzt  in  Eibenstock,  mir  freundlich  gesen- 
dete Bandwürmer  aus  der  Schaafquese  durch  miskroskopische  Haken 
messung  bestimmte.) 

Es  würde  genügen,  auf  diese  Skantige  Form  mit  6  Saugnäpfen,  die 
man  schon  mit  blossem  Auge  erkennt,  wenn  man  den  Bandwurmkopf 
zwischen  zwei  Grlasplatten  presst  und  so  gegen  das  Licht  gehalten  be- 
trachtet, aufmerksam  gemacht  zu  haben.  Aber  es  knüpft  sich  an  diese 
Betrachtungen  noch  eine  Arbeit  für  die  Zukunft  von  rein  wissenschaft- 
lichem Literesse,  eine  Arbeit,  die  mir,  dem  Alleinstehenden,  zu  bewäl- 
tigen, sehr  schwierig  ist,  ja  die  ich  überhaupt  gar  nicht  werde  unter- 
nehmen können,  wenn  nicht  die  Herren   Oeconomen   in   meiner  Nähe 


193 

die  Gewogenheit  haben,  mir  mit  der  jedesmaligen  nächsten  Post  (im 
Winter  in  Stroh  oder  Heu  oder  noch  besser  in  Häcksel  mit  Leinwand 
umnäht  und  verpackt,  um  den  Frost  abzuhalten)  den  Kopf  des  frisch 
geschlachteten  Schaafes  zu  senden,  das  sie  wegen  der  Dreh  -  Krankheit 
schlachten  mussten.     Was  ich  zu  thun  beabsichtige  ist  Folgendes: 

1.  Ich  werde  jeden  einzelnen  Kopf  einer  Quesenblase,  in  der  sich 
bisweilen  800  Köpfe  finden,  mit  dem  Mikroskope  auf  das  Vorhandensein 
von  6  Saugnäpfen  untersuchen  und  sodann  sofort,  wenn  ich  einen  der- 
artigen Kopf  finde,  ihn  allein  an  einen  Hund  verfüttern. 

2.  Hierdurch  würde  zugleich  der  directeste  Beweis,  der  möglich 
ist,  dafür  geliefert,  dass  wirklich  die  Finnenköpfe-  im  Darme  gewisser 
Eaubthiere  zu  reifen  Bandwürmern  werden.  Wir  verfolgen  alsdann  die 
mit  besonderen  bekannten  Kennzeichen  versehenen  Finnen  im  Hunde- 
darme weiter.  Ich  werde  dann  zAveifelsohne  Bandwürmer  aus  jenen  Quesen- 
köpfen  im  Hundedarme  erziehen,  welche  6  Säugnäpfe  haben,  und  mög- 
lich ist  es,  dass  man  dann  auch  bei  der  Verfolgung  ihrer  Entwicklung 
die  Gründe  dafür  erforschen  kann,  warum  solche  Bandwürmer  drei- 
kantig werden. 

3.  habe  ich  dabei  in  Absicht,  eine  Frage  über  Erblichkeitsverhält- 
nisse zu  erörtern.  Ich  würde  nämlich  die  Eier  solcher  dreikantigen 
Bandwürmer  mit  6  Saugnäpfen  an  Schaafe  verfüttern ,  um  sie  drehend 
zu  machen  und,  wenn  es  geht,  die  Quesen  bis  zur  Zeit,  wo  sie  Köpfe 
in  sich  erzeugen,  wachsen  lassen,  um  zu  sehen,  ob  solche  Quesen 
etwa  eine  gewisse  vorherrschende  Neigung  zeigen,  mehr  Köpfe  mit 
6  Saugnäpfen,  wie  sie  ihre  Aeltern  hatten,  statt  derer  mit  4  Saug- 
näpfe zu  erzeugen. 

Ich  glaubte  diese  öfi'entliche  Darlegung  hier  schuldig  zu  sein,  damit 
die  Herren  Oeconomen  die  Gründe  dafür  einsehen,  weshalb  ich  sie  bitte, 
die  Gewogenheit  zu  haben,  mich  in  meinen  Bestrebungen  zu  unter- 
stützen, da  leider  durch  einen  eigenthümlichen  Zufall,  einmal  durch, 
einmal  ohne  meine  Schuld,  die  Fütterung  von  Schaafen  mit  diesen 
Bandwürmern  unterblieben  ist. 

Den  ersten  Bandwurm  fand  ich  unter  10  anderen  Taeniis  Coenuris 
von  denen  ich  an  die  Herren  Geheim-Rath  Gurlt  in  Berlin  und  die  Pro- 
fessoren Leuckart  und  Roll  in  Giessen  und  Wien  sendete.  Im  Versehen 
ergrifi"  ich  bei  der  Sendung  an  Herrn  Gurlt  den  dreikantigen  Bandwurm, 
den  ich  für  mich  behalten  wollte,  an  dem  ich  aber  nur  die  zahlreichen 
Haken  gesehen  hatte,  weil  ich  nur  das  Rüsselchen  der  Hakenmessung 
wegen  untersuchte.  Herr  Gurlt  schrieb  mir,  er  hätte  einen  eigenthüm- 
lichen dreikantigen  Bandwurm  erhalten,  der  Avegen  Verschiedenheit  der 
Form  imd  der  Grösse  der  Haken  keine  Taenia  Coenurus  zu  sein  scheine. 
Auch  er  hatte  bloss  für  die  Haken  sich  interessirt  und  so  wenig  als  ich 
die  6  Ventousen  gefunden,  den  Wurm  aber,  wie  er  schrieb,  seiner 
Form  wegen  reservirt. 


194 

Am  13.  Januar  1855  erhielt  ich,  durch  des  Herrn  Dr.  Günther  in 
Eibenstock  Güte,  101  Stück  Taeniae  Coenurus,  und  unter  ihnen  befand 
sich  ein  ein  Zoll  langes  Stück  einer  dreikantigen  Taenia,  zu  der  ich 
vergeblich  den  fehlenden  Körper  suchte,  aber  den  Kopf  besass.  An  ihm 
nun  fand  ich  die  6  Saugnäpfe.  Die  andere  Hälfte  der  in  demselben 
Hunde  erzogenen  Bandwürmer  hatte  Herr  Dr.  Günther  auf  mein  An- 
suchen an  Herrn  Professor  May,  an  der  K.  bayerschen  landwirthschaft- 
lichen  Centralanstalt  zu  Weyhenstephan  bei  Freisingen  gesendet,  der  mich 
um  etwa  vorräthiges  Futtermaterial  gebeten  hatte.  Dorthin  musste  die 
zweite  Hälfte,  der  eigentliche  Körper  meines  dreikantigen  Bandwurmes 
gekommen  sein.  Da  fiel  mir  denn  auch  jener  im  Versehen  an  Herrn 
Gurlt  gelangte,  dreikantige  Bandwurm  ein;  ich  meldete  Herrn  Gurlt, 
dass  ich  überzeugt  sei,  jener  Bandwurm  müsse  6  Saugnäpfe  haben,  er- 
suchte ihn,  den  Wurm  darauf  zu  untersuchen,  und  siehe  da,  der  Kopf 
hatte  6  Saugnäpfe,  und  Herr  Gurlt  erkennt  ihn  nun  mit  mir  für  eine 
Varietät  der  Taenia  Coenurus  an. 


Das  Schwärmen  der  Bienen, 

vom   polizeilichen   Standpunkte  betrachtet 

von 
Dr.  Ludwig  Reichenbach, 

Director  am  K.  naturhistorischen  Museum  in  Dresden. 

Besonders  zwei  Fälle  von  schweren  Nachtheilen,  welche  durch  Bie- 
nenschwärme herbeigeführt  wurden,  haben  in  neuerer  Zeit  Aufsehen 
erregt.  Der  eine  Fall  vom  Ende  Juni  1820  wird  folgendermassen  er- 
zählt: Unweit  Schmögelsdorf  hinter  Wittenberg,  neben  der  nach  Berlin 
führenden  Kunststrasse,  wo  die  Einwohner  des  Dorfes,  sowie  die  der  be- 
nachbarten Dörfer,  eine  ungewöhnliche  Anzahl  von  Bienenstöcken  theils 
für  sich  unterhalten,  theils  während  des  Sommers  von  anderen  Orten  a  Korb 
1 1/3  bis  2  Ngr.  zur  Fütterung  übernehmen ,  gerieth  der  Kaufmann  E. 
auf  der  Rückreise  nach  Berlin  im  eignen  Wagen  mit  zwei  Pferden  un- 
ter schwärmende  Bienen.  Statt  schnell  zuzufahren,  fuhr  der  Kutscher 
langsam,  ja  er  hieb  auf  das  Geheiss  seines  Herrn,  der  Anfangs  die  Bie- 
nen für  Wespen  hielt,  um  sich  her,  um  die  Bienen  zu  verjagen  oder 
zu  tödten.  Die  Thiere  wurden  dadurch  immer  mehr  aufgeregt  und  um- 
gaben den  Wagen  und  die  Pferde  immer  hartnäckiger.  Der  Kaufmann 
nahm  mit  seiner  Frau  die  Flucht  und  rief  nach  Hülfe.  Man  fand  bald 
darauf  den  Knecht  auf  der  Erde  liegend,  das  eine  Pferd  todt.  Der 
Knecht  genas  unter  den  Händen  der  Aerzte.  Das  andere  Pferd  er- 
stickte am  zweiten  Tage  durch  die  Geschwulst.  —  Der  zweite  Fall  er- 


195 

eignete  sich  erst  im  vorigen  Jahre  und  wird  in  folgender  Weise  berich- 
tet: Am  27.  Mai  hielt  der  Bauer  Meier  aus  Casseburg  im  Lauenburgschen 
vor  der  Wohnung  eines  Bauers  zu  Wotersen  auf  der  Landstrasse  mit 
einem  Viergespann,  als  plötzlich  eine  Bienenkönigin  oder  Weisel  in  der 
Mitte  eines  Bienenschwarmes  aus  dem  nahen  Garten  hervorkam  und 
sich  auf  ein  Pferd  setzte.  Unglücklicher  Weise  verliessen  in  demselben 
Augenblicke  die  Bienen  von  etwa  sechs  Stöcken  den  Garten  in  dersel- 
ben Kichtung  des  ersten  Schwarmes,  welchem  sie  sich  anschlössen  und 
warfen  sich  auf  die  übrigen  Pferde,  die  gleich  Anfangs  durch  Anwend- 
ung des  Schweifes  den  Zorn  der  Bienen  erregten.  Das  erste  Pferd  er- 
lag sogleich  ihren  Stichen,  die  Uebrigen  starben  theils  an  demselben, 
theils  am  folgenden  Tage.  Alle  Versuche  zur  Vertreibung  der  Bienen, 
welche  in  die  Nüstern  und  Ohren  krochen,  durch  Abschiessen  v,on  Pul- 
ver und  Uebergiessen  mit  kaltem  Wasser  blieben  erfolglos.  Menschen, 
welche  zu  Hülfe  kamen,  unter  ihnen  der  Gutsherr  Bernstor/f-  Gijldenseen, 
mussten  mit  geschwollnen  Gesichtern  das  Feld  räumen.  Der  Bauer, 
dessen  Bienen  schon  früher  zwei  Pferde  an  derselben  Stelle  getödtet 
hatten,  soll  die  vom  Grafen  angebotene  reichliche  Entschädigung  für 
die  Beseitigung  des  Bienengartens,  oder  Abtretung  des  Gehöftes  hart- 
näckig von  der  Hand  weisen. 

Solche  Fälle  haben  hier  und  da  Besorgniss  erregt  und  folgende 
Anfrage  veranlasst,  deren  Gegenstand  wir  Sachkundigen  zu  weiterer 
Erwägung  freundlich  empfehlen. 

„In  wie  weit  ist  das  Halten  von  Bienen  in  städtischen  Gärten  mit 
Rücksicht  auf  die  damit  etwa  verbundene  Gefahr  für  die  Umwoh- 
nenden zu  gestatten?" 

Der  Umstand,  dass  gesetzliche  Vorschriften  schwerlich  aufzufinden 
sein  dürften,  scheint  wohl  dafür  zu  sprechen,  dass  bereits  mehrfache 
Ueberlegungen  des  Gegenstandes  zu  der  Ansicht  geführt  haben  mögen, 
gesetzliche  Bestimmungen  über  diesen  Punkt  nicht  eigentlich  geben  zu 
lassen.     Betrachten  wir  indessen  die  Sache  in  folgender  Weise : 

1)  Die  Bienenzucht  ist  ein  Theil  der  Viehzucht  und  häuslichen 
Industrie  und  verdient,  sowie  die  Zucht  aller  nützlichen  Thiere,  so 
z.  B.  auch  die  Zucht  der  Seidenraupen  in  geeigneter  Lage,  durch  die 
Gemeinden  und  deren  Obrigkeiten  in  aller  Weise  gefördert  zu  werden. 

2)  Die  mannichfaltigeu  Nachtheile,  welche  aus  der  Viehzucht  ent- 
springen, z.  B.  durch  das  Ausschlagen  der  Pferde  und  Maulthiere,  das 
Treten  und  Stossen  der  Rinder,  das  Eindringen  wilder  Bullen  auf  Men- 
schen und  dergl.  sind  so  zufällig,  wie  das  Stechen  der  Bienen  und  so- 
wie in  jenen  Fällen  meist  Unvorsichtigkeit  von  Seiten  der  Menschen 
die  Veranlassung  des  Unfalls  wird,  so  ist  diese  auch  bei  dem  gewöhn- 
lichen Stechen  durch  einzelne  Bienen  gar  nicht  zu  läugnen,  da  Bienen 
und  Hummeln   oder   Wespen   niemals   ungereizt   stechen,   folglich   der- 


196 

jenige,  welcher  nicht  gestochen  sein  avüI,  nur  die  Pflicht  hat,    das  Auf- 
reizen dieser  Thiere  sorgfältig  zu  meiden. 

3)  Ein  anderer  Umstand  tritt  ein,  wo  gewisse  öfter  wiederkehrende 
Phänomene  im  Leben  der  Thiere  in  ernster  Weise  dem  Wohl  und  dem 
Leben  des  Menschen,  ohne  dessen  Verschuldung  nachtheilig  zu  werden 
vermögen,  dann  aber  eine  Möglichkeit  vorliegt,  den  eventuellen  Nach- 
theil gesetzlich  hemmen  zu  können.  Dahin  gehören  gewisse,  selbst  für 
den  Menschen  nachtheilig  Averdende  Krankheiten  der  Thiere,  insbeson- 
dere die  Tollwuth  der  Hunde. 

4)  In  gewisser,  entfernter  Analogie  zu  diesem  Falle  steht  auch 
das  Schwärmen  der  Bienen.  Die  vollendete  Entwickelung  einer  zweiten 
oder  mehrerer  Königinnen  in  einem  Stocke  veranlasst  die  Volksmasse 
in  einem  Staate  der  Bienen,  sich  in  Partheiungen  zu  lösen  und  instinct- 
raässig  schaaren  sich  diese  Partheien  einzeln  um  ihre  einzelnen  Weisel 
herum  und  folgen  diesen  von  ihrem  Stocke  ausziehend,  bei  deren  Aus- 
flug ins  Freie.  Der  Zweck,  eine  neue  Colonie  zu  bilden,  wird  meist 
in  der  Nähe  erstrebt,  an  dem  ersten  besten  Baumstamme  oder  an  den 
Zweigspitzen  eines  Astes,  auch  auf  einem  Busche,  seltner  an  Mauern 
und  Planken  und  Stangen,  fallen  sie  an  und  hängen  sich  daselbst  klum- 
penförmig  zusammen,  ganz  ergriffen  von  ihrem  Innern  Berufe,  ohne 
Aufregung  nach  aussen  und  ohne  Neigung  zu  stechen.  Und  während 
so  dieser  Prozess  in  aller  Ruhe  geübt  wird,  so  beendet  der  Besitzer 
ihn  damit,  dass  er  den  Klumpen  als  wohlerworbenes  Eigenthum  mit 
einem  Flederwisch  einstreicht  in  einen  neuen  Korb  oder  in  sonst  einen 
Behälter.  Nur  zufällig  und  in  höchst  seltenen  Fällen  ist  die  Fläche, 
die  sie  im  Fluge  für  ihre  Niederlassung  erfassen  ein  lebender  Körper, 
noch  am  öftersten  wie  man  berichtet  ein  Pferd,  weil  eben  hier  die  grosse 
Fläche  ihnen  in  geeigneter  Höhe  scheinbar  einen  sicheren  Platz  zum 
Niederlass  bietet.  Auch  diese  Niederlassung  geschieht  gewiss  anfangs 
mit  derselben  Ruhe,  wie  an  der  Planke  oder  am  Baume.  Aber  der 
Reiz  der  fremdartigen  Berührung  bringt  den  thätigen  Gegenreiz  im 
Pferde  hervor,  dieses  fängt  an  mit  den  Hautmuskeln  zu  zucken  oder 
mit  dem  Schweife  zu  schlagen,  wohl  gar,  wenn  die  Niederlassung  am 
Kopfe  geschehen,  diese  Theile  heftig  zu  wenden  und  kräftig  zu  schüt- 
teln und  die  Tödtung  der  Bienen  durch  Erdrückung  erstrebend,  wer- 
den diese  in  die  äusserste  Aufregung  gebracht  und  bemühen  sich  gegen 
den  sich  bewegenden  Boden,  auf  dem  sie  sitzen,  Rache  zu  üben.  In 
dieser  Weise  geschieht  es  dann,  dass  sogar  Pferde  und  Menschen  ganz 
lieh  erliegen,  wie  oben  gesagt  worden  ist. 

5)  Jeder  aufmerksame  Bienenwirth    beobachtet    aber  schon  um  sei 
nes  eigen  Vortheils  willen    das   Schwärmen    seiner   Bienen   mit   Sorgfalt 
und  alle  jene  vorgekommenen  Fälle  von  weiter  verflogenen  Schwärmen 
kommen  gewöhnlich  nur  in  sehr  exponirten,  offenen,  oder  nur  mit  nie- 


197 

deren  Zäunen  oder  Brustwehrspalieren  umgebenen,  an  Poststrassen  ge- 
legenen reiclibesetzten  Bienenhaltungen  vor,  wo  die  Bienen  von  dem 
Stocke  gerade  ausfliegend  auch  wohl  die  niedere  Umzäunung  überflogen 
und  wahrscheinlich  eines  nahen  geeigneten  Kuhepunktes,  um  sich  nie- 
derlassen zu  können,  entbehrten,  folglich  zur  Wahl  der  sich  zunächst 
bietenden  Fläche  des  Pferdes  gewissermassen  gezw^ungen,  eine  Ausnahme 
machten  von  ihrer  sonst  für  lebendige  Wesen  ganz  unschädlichen  Sitte 
einen  Baumstamm,  Zweig,  Busch  oder  Stange  oder  eine  Planke  zu 
ihrer  Niederlassung  zu  wählen. 

6)  Da  man  gewöhnlich  bei  uns  überall  die  Bienen  in  Gärten,  in 
der  Nähe  von  Häusern  und  Mauern,  von  Planken,  Stacketen  und  Bäu- 
men zu  halten  pflegt,  ja  sogar  Fälle  vorkommen,  dass  man  sie  auf 
Balkons  und  Corridors,  oder  auf  Gängen  in  Häusern,  ja  bisweilen  in 
Stuben  und  Kammern,  s.  Lenz  FV.  344.  selbst  in  höheren  Etagen,  also 
mitten  in  der  Berührung  mit  den  Menschen  und  selbst  im  Innern  der 
Wohnungen  derselben  zu  halten  gewohnt  ist,  so  erklärt  sich  daraus, 
dass  in  allen  dergleichen  Fällen  das  Vorhandensein  von  sehr  nahegeleg- 
nen zur  Niederlassung  geeigneten  Flächen,  das  so  nachtheilige  Verfol- 
gen lebendiger  Wesen  gar  nicht  aufkommen  Hess,  so  dass  auch,  soviel 
mir  bekannt  ist,  die  Tödung  eines  Pferdes  oder  Menschen  durch  Bie- 
nen, ja  selbst  das  Befallen  eines  solchen  durch  einen  Schwärm  inner- 
halb Sachsen  vielleicht  niemals  berichtet  worden  ist. 

7)  Das  Bedenken  Einzelner,  dass  die  Bienen  an  einem  Orte,  beson- 
ders in  einem  Garten  an  Nahrung  Mangel  leiden  und  deshalb  in  die 
benachbarten  Gärten  fliegen  müssten,  ist  in  den  meisten  Fällen  sehr 
unbegründet,  da  alle  Bienen  ihre  Nahrung  einem  grossen  kreisrunden 
Reviere,  dessen  Durchmesser  wenigstens  eine  Stunde  beträgt,  entneh- 
men und  durch  ihren  Instinct  immer  wieder  sich  heim  finden. 

8)  Das  Bedenken  Anderer,  dass  sie  von  den  Bienen  des  Nachbars 
„das  Bekriechen  jedes  nur  denkbaren  Gegenstandes^'  befürchten,  ist 
gänzlich  unbegründet  und  diese  Sitte  dem  Naturell  der  Bienen  vollkom- 
men entgegen.  Es  findet  aber  hierin  offenbar  eine  Verwechselung 
statt  mit  den  Wespen,  welche  dies  thun,  dem  Gesetze  aber  unzugäng- 
licher sind,  da  sie  nicht  unter  die  Categorie  der  Hausthiere  gehören. 

9)  Das  Entfernen  frei  herumfliegender  Bienen  aus  irgend  einem 
Garten  wird  dann  zur  Unmöglichkeit,  wenn  im  Umkreise  von  einer 
Stunde  dergleichen  irgendwo  colonisirt  sind.  Aber  selbst  in  dem 
Falle,  dass  solche  Colonisirung  nicht  statt  fände,  werden  immer  noch  zahl- 
reiche Arten  von  wilden  Bienen  und  Hummeln  die  Gärten  besuchen,  so 
Avie  auch  diese  den  Honig  sogar  aus  den  Blumen  vor  den  Fenstern  und 
in  den  Zimmern  sich  holen. 

10)  Könnte  aber  das  Entfernen  der  Bienen  aus  den  Gärten  im  Be- 
reiche der  Möglichkeit   liegen ,  so  würde  man  dies  über   die  weit  nach- 


198 

theiligeren  Wespen  und  Hornissen  niemals  vermögen,  da  auch  diese  ein 
ziemlich  weites  Revier  haben. 

11)  Eine  Verordnung  gegen  das  Bienenhalten,  im  Allgemeinen  also 
ein  Verbot  für  dasselbe  würde  erstens  ein  sehr  inconsequentes  Eingrei- 
fen in  die  Natur  sein,  weil  der  Nutzen  der  Bienen  für  die  Befruchtung 
der  meisten  unserer  Vegetabilien  auch  der  Obstbäume  ganz  unberechen- 
bar ist,  auch  eine  Verordnung  gegen  das  Eindringen  der  noch  schmerz- 
hafter stechenden  Hummeln,  Wespen  und  Hornissen  in  unsere  Gärten 
und  Zimmer  unmöglich  bleibt.  Im  Herbste  1828  geschah  es  sogar,  dass 
kleine  Kinder  mit  auf  das  Feld  genommen  und  an  Wald-  und  Wiesen- 
rändern sich  selbst  überlassen  zur  Ruhe  gebracht,  durch  die  kleinen 
Kriechmücken  dergestalt  zugerichtet  wurden,  dass  sie  an  der  allgemei- 
nen Entzündung  verstarben.  Diese  den  Folgen  der  iKolumbatschker  Mücke 
im  Banat  so  ähnlichen  Fälle  standen  aber  ebenfalls  ausserhalb  allen 
Gesetzes  und  nur  die  Erfahrung  lehrte  hier  die  noth wendig  gewordene 
Vorsicht  beachten.  Ein  Verbot  gegen  die  Bienenzucht  würde  aber  auch 
zweitens  ein  Eingriff  sein  in  den  Erwerb,  dessen  Quellen  in  der  Gegen- 
wart nach  allen  Richtungen  hin  möglichst  beachtet  und,  wo  es  thun- 
iich  ist,  noch  vermehrt  werden  müssen. 

12)  Ein  „Verbot  einer  Aufstellung  der  Bienenstöcke  in  der  Um- 
gebung von  Blumengärten,  welche  zum  Aufenthalt  für  Kinder  und  Er- 
wachsene bestimmt  sind  im  Allgemeinen^*  käme  ziemlich  gleich  mit 
dem  Verbote  der  Bienenzucht  überhaupt.  Die  Bienenstöcke  befinden 
sich  meist  überall  in  den  Gärten  oder  in  der  Nähe  der  Gärten  und 
Häuser  und  alle  Blumengärten,  sowie  alle  Gärten  überhaupt,  sind  Auf- 
enthaltsorte für  Erwachsene  und  Kinder,  oder  können  solche  Bestimm- 
ung, wo  sie  nicht  statt  fand,  täglich  erhalten  und  die  Bienen  und  alle 
noch  weit  lästigeren  Insecten  würden  auch  wie  oben  gezeigt,  deshalb 
aus  den  Gärten  noch  nicht  verschwinden.  Dass  man  auch  anderwärts  nicht 
glaubt,  dass  in  diesem  Falle  man  gesetzlich  einschreiten  könne,  scheint 
der  Bericht  aus  Lauenburg  klar  zu  beweisen,  wo  Schwärme  aus  dem 
reichbesetzten  Bienengarten  eines  Bauers  in  Wotersen  schon  früher  zwei 
Pferde  und  später  das  Viergespann  des  Bauers  Meier  getödtet,  mehrere 
Menschen  und  den  eignen  Gutsherrn  Grafen  Berns dor/f-Gyläenseen  furcht- 
bar zugerichtet  hatten,  dennoch  aber  gesagt  wird :  dass  der  Bauer  die 
vom  Grafen  angebotene  reichliche  Entschädigung  für  die  Beseitigung 
des  Bienengartcna  von  der  Nähe  der  Landstrasse  oder  die  Abtretung 
des  Gehöftes  hartnäckig  verweigert. 

13)  Da  jedoch  durch  das  Schwärmen  allein  eine  Gefahr  und  in 
Fällen,  wo  diese  auf  Pferde  auffallen,  durch  den  leidenden  Theil  unver- 
schuldet herbeigeführt  wird,  so  scheint  dieser  Vorgang  in  der  Bienen- 
zucht der  einzige  zu  sein,  welcher  für  obrigkeitliche  Beachtung  sich 
eignet.  Doch  kann  auch  diese  Beachtung  vielleicht  nur  mehr  in  der 
Verwarnung,  als  in  der  einer  Verordnung  oder   eines  Gesetzes    erschei- 


199 

nen,  und  nur  in  dieser  Weise  glaube  ich,  dass  es   möglich   wird,   Klä- 
gern Beruhigung  gewähren  zu  können. 

Solche  Verwarnung  würde  im  Monat  Mai  durch  die  Obrigkeiten  oder 
Gemeindevorstände  vielleicht  in  folgender  Weise  gefasst  werden  können : 
„Bei  dem  nun  wahrscheinlich  baldigen  Eintritt  warmer  und  son- 
nenheller Witterung  dürfte  gegen  Ende  Mai  und  während  der  nächst- 
folgenden Monate  das  Schrvürmen  der  Bienen  erfolgen.  Da  jeder  Bienen- 
züchter, welcher  sich  den  Vortheil  künstlicher  Ableger  nicht  schon  ver- 
schafft hat,  durch  Beobachtung  seiner  Stöcke  die  Anzahl  der  von  ihnen 
zu  erwartenden  Schwärme  nach  der  Zahl  der  Mutterzellen  in  den 
Stöcken  ungefähr  zu  berechnen  vermag,  so  ist  die  strengste  Aufmerk- 
samkeit auf  diese  Schwärme,  wo  nöthig  die  Aufstellung  von  Wächtern 
und  die  genaueste  Instruction  derselben  für  das  Einfangen  der  Schwärme 
auch  da  wo  für  den  Anflug  derselben  passende  Bäume  und  Sträucher 
nicht  vorhanden  sein  sollten,  die  Aufstellung  von  Körben,  nach  Betin- 
den  auf  Stangen,  mit  dem  nöthigen  Köder  von  Melisse  oder  dergleichen 
geboten. 

Obgleich  nachtheilige  Folgen  von  Bienenschwärmen  Demjenigen, 
welchen  sie  treffen,  theilweise  selbst  zugeschrieben  werden  müssen, 
da  man  bei  nöthiger  Ruhe  einen  Bienenschwarm  sogar  auf  der  Hand 
halten  kann,  ohne  gestochen  zu  werden,  auch  wo  es  möglich  wird  durch 
Eintreten  in  einen  dunklen  Raum  mit  lichter  Oeffnung  oder  Einbringen 
des  von  einem  Bienenschwärme  befallenen  Pferdes  in  einen  dunklen 
Stall,  den  Schwärm  sogleich  zum  Abfliegen  durch  die  lichte  Oeffnung 
nach  dem  Tageslichte  veranlassen  kann,  so  werden  dennoch  hierdurch 
alle  Bienenzüchter  für  aus  Mangel  an  Aufmerksamkeit  auf  ihre  Stöcke 
etwa  entstehende  Folgen,  als  Veranlasser  derselben  verantwortlich  ge- 
macht/' — ■ 


Kleinere  Mitlheilungen. 

Das  Trevelyan  •  Instrument  (Thermophon)  wurde  zuerst  von  Trevelyan 
(1829)  construirt,  und  daher  nach  ihm  benannt.  Dieser  bemerkte,  dass 
ein  heisser  Eisenstab,  welchen  er  zufällig  auf  einen  Bleiblok  legte,  in 
zitternde  Bewegung  gerieth  und  einen  Ton  hervorbrachte.  Die  Con- 
struction  des  Instruments  bezweckte  die  Erleichterung  der  Bewegung 
des  heissen  Wiegers  (Wacklers)  auf  der  kalten  festen  Unterlage.  Der 
Wieger  des  Instruments  ist  ein  prismatischer  Metallstab  (ungefähr  6  Zoll 
lang),  dessen  Querschnitt  ein  gleichseitiges  Dreieck  bildet  (ungefähr 
1/2  Zoll  hoch).  In  der  Verlängerung  der  Axe  des  Prismas  wird  ein 
dünner  Stab  (ungefähr  12  Zoll  lang)  angebracht.  Die  Unterlage  bildet 
ein  längs  der  Axe  gehälfteter  Blei  -  oder  Zinkcylinder,  welcher  auf  der 
Durchschnittsebene  ruht  und  dessen  Wölbung  nach  oben   gerichtet  ist. 


Der  Wieger  wird  mit  einer  Kante  quer  über  die  Unterlage  gelegt,  wobei 
das  Ende    des  Stieles    (etwa    eine  Kugel)  auf  dem   Tische    ruht.     Diese 
auflieo-ende  Kante  muss  aber  abgestumpft  (ungefähr  V-*  Zoll  breit)  sein 
und  in  der  Mitte  längs  der  Axe  des  Prismas  eine  Einne  erhalten.     Der 
Wieo-er  muss  nun   in   ruhiger   Lage    auf  einer  der  beiden  Seiten  neben 
der   Rinne    ruhen    können.      Bringt   man    den   nicht  erwärmten  Wieger 
in  schwankende  Bewegung,    so   können    die  einzelnen  Stösse    auf  beide 
Seiten  mit  dem  Auge  wahrgenommen  werden  und  es  tritt  sehr  bald  die 
ruhio'e  Lage  wieder  ein.     Wird   der    Wieger   erwärmt,    so    erfolgen    die 
Stösse  rascher  aufeinander,    die  Schwankung  wird  dauernd  und  es  ent- 
steht ein  Ton.     Nach  Faraday  (1831)  ist  der  Vorgang  hierbei  folgender : 
der  auf  einer  Seite   ruhende    erwärmte  Wieger  theilt   seine  Wärme    der 
Unterlage  mit,  dehnt  dieselbe  an  der  Berührungsstelle  aus,  wird  gehoben 
und   fällt   auf  die    andere  Seite    der  Rinne.     Die  erste  Berührimgsstelle 
Avird  dadurch  frei,  erkaltet  und  nimmt  ihren  frühern  Raum  wieder  ein. 
Nun  o-eschieht  die  Erwärmung  und  Hebung  auf  der   zweiten  Seite   und 
der  Wieo^er  fällt  wieder  auf  die  erste  Seite  der  Rinne  u.  s.  f.     Der  hier- 
durch erzeugte  Ton  ist  an  sich  sehr  schwach;    er  wird    aber  durch  die 
Resonanz  des  Bodens  (des  Tisches)  verstärkt  und  'deutlich  wahrnehmbar. 
Nimmt   man    die    Unterlage   in    die  Hand,    so    dass  das   Mitklingen  des 
Tisches    nicht   stattfindet,    so    wird  der  Ton  so    schwach,    dass  er  nicht 
mehr  wahrnehmbar  ist.     Die  Schwingungen  selbst  können  durch    einen 
Grashalm  zur  Anschauung  gebracht  werden,    welchen    man    quer   über 
das  Prisma  legt ;  dieser  dreht  sich  allmählig  bis  ziemlich  (aber  nie  ganz) 
in    der  Richtung   der  Axe   des   Prisma.  —  Die  Bemerkung,    dass   eine 
heisse  Silberstange  auf  einen  kalten   Ambos   gelegt  einen  Ton   erzeuge, 
ist  schon  von  Schwarz  (1805)  auf  der  Seigerhütte  zu  Hettstätt  gemacht 
worden.  Forhes  weicht  in  der  Erklärung  dieser  Erscheinung  wesent- 
lich  von  Faradmj   ab.     Er   schreibt   die  Bewegung   einer  abstossenden 
Kraft  zu,  welche  beim  Uebergange   der  Wärme   von   einem  Körper  zu 
einem    anderen    von    geringerer    Leitungsfähigkeit    statthabe.      Hierbei 
stellt  er  nun  folgende  allgemeine  Gesetze  auf:  1)  die  Schwingungen  finden 
niemals  zAvischen  Substanzen  von  gleicher  Natur  statt;  2)  beide  Substanzen 
müssen  metallisch  sein;     3)  die  Vibrationen    geschehen   mit    einer   dem 
Unterschiede    des  Wärmeleitungsvermögens   der   Metalle   proportionalen 
Intensität,  und  das  Metall  vom  schwächeren  Leitungsvermögen  muss  noth- 
wendig  das  kältere  sein.  —  Nach  Seebeck,  welcher  den  Wieger  auch  auf 
zu"-espitzte  Drähte  stellte,  sind   diese  Schwingungen  um   so   stärker,  je 
grösseres  Leitungsvermögen  der  heisse  Wieger  hat  (wodurch  ein  schnel- 
leres  Abgeben   der  im    Berührungspunkte    entstehenden   Kälte   an   die 
übrigen  Theile  desselben  bewirkt  Avird),  je  weniger  sich  dieser  und  je 
mehr  sich  das  kalte  Metall  der  Unterlage  bei  der  ErAvärmung  ausdehnt. 
Ucbrigens   darf  in   der   kalten    Unterlage    das   Leitungsvermögen   nicht 
vollkommen  sein,  weil    sonst  nicht  allein  der  Ort,  welcher  den  Wieger 


^1 

heben,  sondern  auch  der  gegenüberstehende;  auf  welclien  derselbe  fallen 
soll,  sich  ausdehnen,  dadurch  dem  fallenden  Wieger  entgegenkommen  und 
das  Fallen  verringern  oder  vielleicht  verhindern  würde.  Es  fusst  diese  An- 
sicht auf  der  Faradaijschen  Erklärung.  —  Die  obigen  drei  von  Forbes  aufge- 
stellten allgemeinen  Gesetze  widerlegt  Jo/in  TyndaU,  Professor  der  Physik  an 
der  Royal  Institution  in  London  {Poggendorfs  Annalen,  XCIV.  B.,  613. 
bis  628.  S.)  und  giebt  ausführlich  die  Experimente  an,  durch  welche 
der  Beweis  für  die  Unhaltbarkeit  jener  Gesetze  geliefert  werde.  Ad  1) 
Nach  seiner  Angabe  gelingt  der  Versuch,  wenn  der  Wieger  von  Eisen 
und  die  Unterlage  eine  Messerklinge  (in  einen  Schraubstock  eingeklemmt) 
oder  Messingblech  ist,  oder  der  Wieger  von  Kupfer  und  die  Unterlage 
dünnes  Kupferblech  oder  Kupferfolie  oder  Kupferdrähte  (bei  den  letzten 
Schwankungen  ohne  Ton),  ferner  Messing- Wieger  und  Messing -Unter- 
lage, Silber-Wieger  und  Silber-Unterlage,  Zink-Wieger  und  Zink-Unter- 
lage und  ebenfalls  Zinu-Wieger  und  Zinn-Unterlage.  Ad  2)  Der  Mes- 
sing-Wieger vibrirt  und  erzeugt  Töne  auf  Bergkrystall ,  Flussspath, 
Festungs-Achat,  Steinsalz  (auf  diesem  gelingt  der  Versuch  sehr  leicht), 
Aventurin,  Onyx,  versteinertem  Holz,  Glas,  Steingut,  Flintglas  u.  s.  w. 
Ad  3)  Zur  Widerlegung  des  als  dritten  von  Forhes  aufgestellten  Ge- 
setzes wurden  ein  kupferner,  ein  messingener  und  ein  eiserner  Wieger 
auf  den  Rand  einer  dünnen  Silberplatte  gelegt ,  ferner  ein  messingener 
Wieger  auf  den  Rand  eines  Halb  -  Sovereign  -  Stückes  und  der  Versuch 
gelang.  Bekanntlich  aber  leitet  Silber  die  Wärme  besser  als  Kupfer, 
Messing  und  Eisen,  und  Gold  besser  als  Messing.  Die  besondere  Be- 
handlung des  Wiegers  oder  der  Unterlage,  welche  im  einzelnen  Falle  erfor- 
derlich ist,  damit  das  Experiment  gut  gelingt,  ist  am  angeführten  Orte 
angegeben.  Der  Wieger  kann  auch  eine  von  der  oben  angeführten 
abweichende  Form  erhalten ;  er  kann  für  grössere  Leichtigkeit  in  der 
Bewegung  auf  den  Rücken  ausgehöhlt  sein.  Bei  der  Bewegung  auf 
zugespitzten  Drahtstiften  wird  die  breite  Seite  des  Wiegers  auf  dieselben 
gelegt.  Li  der  Regel  hat  der  Wieger  eine  schiefe  Stellung,  bei  feinen 
Versuchen  ist  die  horizontale  Lage  desselben  zweckmässig,  welche  da- 
durch hergestellt  wird,  dass  man  den  Stiel  durch  eine  geeignete  Stütze 
erhöhet. 


Käfer  aus  der  Familie  der  Curculiones  in  Mossambique  gesammelt  und 
von  H.  Dr.  Gerstäcker  bearbeitet,  enthielten  nach  der  in  der  Sitzung  der 
physikalisch -mathematischen  Klasse  der  Ak.  d.  Wissenschaften  zu  Ber- 
lin (Monatsbericht,  Februar  1855)  gemachten  Mittheilung  des  H.  Peters 
unter  23  Arten  15  neue  Arten,  von  welchen  zwei  zugleich  neue  Gat- 
tungen bilden.  Die  neuen  Arten  sind:  1)  Apoderus  nigripes ,  2)  Ceo- 
eepliülus  latirosiris,  3)  Brachycenis  cmmdatus ,  4)  Brachycerus  congestus, 
5)  Brachycerus  erosus,  6)  Microcerus  spiniyer.  7)  Microcerus  subcaudatus, 

Allg.  deutsche  natnvhist.  Zeitung-    I,  |  5 


202 

8)  Microcerus  albivenfer,  9)  Spartecerus  quadraius ,  10)  Spartecenis  capu- 
cinus,  11)  Siderodactylus  flavescens.  Mitophorus ,  nov.  gen.  (Tribus  Bra- 
chyderides) ;  gcneri  Eusomo  afiue;  12)  Mitophorus  pruinosus,  13)  Alcides 
olivaceus.  Tetragonops,  nov.  gen.  (Tribus  Cryptorhjnchides) ;  geniis  Zy- 
yopi  et  Sphadasmo  affine;  14)  Tetragonops  fascicularis,  15)  Rhina  cmipli- 
collis.  —  Die  von  H.  Peters  gegebeneu  Diagnosen  findet  man  in  dem 
bereits  genannten  Bericht.  Diejenigen  der  neuen  Gattungen  sind  fol- 
gende :  Mitophorus.  Rostrum  capitis  fere  longitudine.  Scrobiculus  anten- 
nalis  oculum  versus  admodum  dilatatus.  Antennae  tenuissimae,  valde 
elongataC;  scapo  thoracis  basin  fere  attingente,  apice  clavato:  funiculi 
articulis  ad  sextum  usque  sensim  brevioribus,  septimo  sexto  paulo  lon- 
giore,  clava  angusta^  gracili;  triarticulata.  Frons  sulco  transverso  a  rostro 
distincta.  Thorax  subcylindricus  ^  latitudine  vix  longior.  Elytra  in  (^ 
oblongo- ovata,  in  9  ovata.  Femora  antica  sat  fortiter  clavata:  tibiae 
curvatae.  Mas  a  femina  differt  femoribus  posticis  elongatis.  —  Tetra- 
gonops. Rostrum  thoracis  fere  longitudine.  deplanatuni.  Oculi  frontales, 
subquadrati,  plani,  prope  basin  rostri  fere  contigui.  Antennae  inter  me- 
dium et  basin  rostri  insertae  scapo  breviusculo,  caput  non  attingeute, 
funiculo  elongato,  7 — articulato :  articulis  5  primis  oblongis  (primo  ceteris 
multo  latiore),  6.  et  7.  brevibus,  clava  ovata,  subacuminata.  Thorax 
transversuS;  antrorsum  attenuatus.  Scutellum  distinctum.  Elytra  sub- 
trigona.  Pectus  ad  rostrum  recipiendum  distincte  canaliculatum.  Tibiae 
basi  subdentatae.  — 


Die  Priorität  der  Erfindung  der  Gasbeleuchtung  beanspruchen  be- 
kanntlich sowohl  die  Engländer,  als  auch  die  Franzosen.  Die  Revue 
des  deux  Mondes  (1.  M.  1855)  enthält  eine  kurze  Mittheilung,  welche 
den  Nachweis  zu  liefern  beabsichtigt,  dass  diese  Priorität  den  Franzosen 
zustehe.  Der  Erfinder  der  Gasbeleuchtung  ist  nach  ihr  der  Franzose 
Philippe  Le  Bon,  welcher  seit  1785  den  Gedanken  fasste,  das  sich  bei 
der  Holzverbrennung  bildende  Gas  zur  Beleuchtung  zu  benutzen.  Eine 
ziemlich  lange  Zeit  beschäftigte  er  sich  mit  diesem  neuen  Gegenstand, 
bis  er  1799  dem  Institut  seine  Entdeckungen  mittheilte.  Bald  darauf, 
1800,  erhielt  er  für  seine  Erfindung  das  Privilegium,  und  im  folgenden 
Jahre,  1801,  veröffentlichte  er  eine  Schrift,  um  das  grössere  Publicum 
mit  den  Resultaten  seiner  Forschungen  bekannt  zu  machen.  Das  Buch 
ist  betitelt:  „Thermolampes ,  ou  poeles  qui  chauffent ,  eclairent  avec  eco- 
nomie,  et  offrent,  avec  plusieurs  jyroduits  precieux ,  wie  force  motrice  ap- 
plicable ä  tonte  espece  de  machines."  —  Le  Ron  hatte  bereits  .aus  Holz 
das  Oel,  den  Theer,  die  Holzsäure  und  das  Gas  gewonnen,  aber  in  seiner 
Schrift  zeigte  er  an,  dass  es  möglich  sei,  dieselben  aus  allen  fetten  Sub- 
stanzen zu  bereiten.  Von  1799  bis  1802  machte  Z^  5ow  zahlreiche  Ver- 
suche.    Zu  Havre  brachte  er  zuerst  seine  Thermolampen  in  Anwendung ; 


203 

aber  das  Gas^  welches  er  erhielt,  gebildet  aus  Kohlenwasserstoff  und 
Kohlenoxyd;  war  nicht  gereinigt ,  leuchtete  nur  dunkel  und  verbreitete 
einen  sehr  unangenehmen  Geruch.  Es  wurde  daher  seine  Erfindung 
nur  wenig  beachtet ;  und  der  Erfinder  wendete  sich  nach  Versailles,  um 
nahe  bei  der  Wasserleitung  von  Marly  eine  Essigsäure -Fabrik  einzu- 
richten. Er  endete  in  dürftigen  Verhältnissen,  da  er  auf  die  fortgesetzten 
Gas-Versuche  sein  Vermögen  verwendet  hatte.  Die  Engländer  machten 
nach  Angabe  der  Revue,  bald  darauf  gelungene  Anwendungen  von  den 
Ideen,  welche  Philipp  Le  Bon  zuerst  ausgesprochen.  Im  Jähe  1804  Hess 
in  England  Windsor  (ein  Deutscher,  Namens  Winzer)  sich  das  Patent 
dieser  Erfindung  ertheilen,  und  beanspruchte  überhaupt  das  Verdienst 
die  Gasbeleuchtung  erfunden  zu  haben.  Im  Vereine  mit  Murdoch  brachte 
er  1805  die  Gasbeleuchtung  in  mehrere  Ateliers  zu  Birmingham,  unter 
andern  in  die  Maschinenfabrik  von  James  Watt.  Die  erste  Gasanstalt 
zur  Beleuchtung  der  Stadt  wurde  in  London  1810  errichtet.  Erst  im 
Jahre  1818  veranstaltete  in  Frankreich  der  prefet  de  la  Seine,  M.  de 
Chabrol  im  Hospital  Saint  Louis  die  erste  Einrichtung  zur  Öffentlichen 
Gasbeleuchtung.  — 

Nach  den  Angaben,  welche  aus  England  stammen,  fällt  die  Erfind- 
ung der  Gasbeleuchtung  in  das  Jahr  1792,  in  welchem  Williatn  Mw- 
doch  sein  Haus  und  seine  Werkstätte  zu  Redruth  in  Cornwall  mit  dem 
aus  Steinkohlen  erhaltenen  Gase  beleuchtet  habe.  Schon  1822  hatte 
London  ausser  mehreren  kleinen  Gaswerken  4  grosse  Gas-Compagnien, 
welche  47  Gasometer  mit  917940  Kubikfuss  Inhalt  besassen,  und  jähr- 
lich 397  Millionen  Kubikfuss  Gas  für  ungfähr  68400  Brenner  lieferten. 
Die  gesammte  damals  in  London  gelieferte  Gasmenge  belief  sich  auf 
beiläufig  450  Millionen  Cubikfuss  in  einem  Jahre.  Im  Jahre  1837  waren 
in  London  18  öffentliche  Gaswerke  mit  176  Gasometern,  in  denen 
1 460  Millionen  Kubikfuss  Gas  bereitet  wurden.  Der  Verbrauch  belief  sich 
in  den  längsten  Abenden  auf  7120000  Kubikfuss  und  es  leuchteten  im 
Ganzen  169700  Brenner,  theils  in  den  öffentlichen  Strassen,  theils  im 
Privatgebrauche.  Im  Jahre  1847  wurden  in  England  94  Städte,  in 
Wales  2,  in  Schottland  7,  in  Irland  3  Städte  mit  Gas  beleuchtet,  wofür 
das  Anlagecapital  der  verschiedenen  Anstalten  mehr  als  6  Millionen 
Pf.  Sterling  betrug. 

Man  findet  häufig,  dass  Erfindungen  von  verschiedenen  Personen 
zu  fast  gleicher  Zeit  gemacht  werden  und  dies  hat  wohl  einfach  seinen 
Grund  darin,  dass  die  Wissenschaft  im  Allgemeinen  oder  in  einem  be- 
sonderen Zweige  eben  auf  denjenigen  Standpunkt  gelangt  war,  auf 
welchem  irgend  eine  Erfindung  nicht  nur  ermöglicht,''  sondern  Avohl 
schon  gänzlich  vorbereitet  ist.  Die  Erfinder  haben  die  Gedanken 
der  Vorgänger  in  ihrer  Wissenschaft  vollständig  in  sich  aufgenommen, 
und  gelangen  bei  der  inneren  Verarbeitung  derselben  einen  Schritt  wei- 
ter vorwärts  in  der  Gesammtrichtung  ihrer  Wissenschaft,  wobei  es  leicht 

15* 


204 

erklärlich,  dass  zu  ganz  naheliegenden  Zeiten  in  mehreren  mit  der  Ver- 
gangenheit und  Gegenwart  der  Wissenschaft  vertrauten  Personen  ähn- 
lich fortschreitende  Schlüsse  oder  ähnlich  sich  bildende  Gedankenreihen 
entstehen.  Die  Ergebnisse  der  Wissenschaft  bilden  eine  Kette,  in  wel- 
cher ganz  natürlich  ein  Glied  an  das  andere  sich  anreiht;  warum  sollten 
nicht  zwei  Personen  zu  gleicher  Zeit  sich  veranlasst  finden,  das  Glied 
welches  eben  der  natürlichen  Folge  nach  anzufügen  ist,  aufzuweisen 
und  an  seine  Stelle  zu  bringen?  — 


Aus  den  Erläuterungen,  welche  H.  Ehrenberg  in  der  Königl.  Preuss. 
Akademie  der  Wissenschaften  zu  Berlin  über  den  Grünsand  in  Zeuglodon- 
Kalke  Alabamas  in  Nordamerika  als  besonders  wohlerhaltene  Polythalamien- 
Formen  und  über  seine  Wichtigkeit  für  deren  weitere  Strukturverhältnisse, 
(Monatsheft,  Februar  1855)  gegeben,  entnehmen  wir  folgende  Mittheilung: 
„Obgleich  ich  schon  im  Jahre  1838  sehr  ausführliche  Uebersichten  der 
Strukturverhältnisse  der  Polythalamien-Thiere  der  Akademie  mitgetheilt 
und  durch  Abbildungen,  welche  in  den  Abhandlungen  publicirt  sind, 
erläutert  habe,  so  haben  doch  diese,  sogar  an  todten,  getrockneten  Thieren 
leicht  zu  wiederholenden  und  fortzusetzenden  Struktur-Erläuterungen,  auf 
die  allein  eine  Systematik  sich  gründen  lässt,  die  gewünschte  Frucht 
nicht  getragen.  Ja  es  ist  sogar  ein  neues  grosses  Werk  in  Aussicht 
gestellt  und  in  Probe  vorgelegt,  worin  als  erster  Grundsatz  auch  vor 
dieser  Akademie  ausgesprochen  worden  ist,  dass  man  die  Struktur  zu 
kennen  weit  entfernt  sei,  und  dass  auf  ganz  anderer  Basis  eine  neue 
Systematik  erst  einzuleiten  sei.  Diese  Basis  ist  der  Probe  zufolge,  Ein- 
fachheit der  Struktur,  denn  es  ist  weniger  als  zuvor  angedeutet.  So 
ist  es  denn  erft-eulich,  dass  die^^Natur  immer  selbst  wieder  zu  Hülfe  kommt, 
wenn  Widerspruch  in  grossem  Massstab  gegenübertritt.  —  Es  erscheint 
freilich  wenig  glaublich,  dass  es  der  Naturforschung  gelingen  könne, 
in  unsichtbar  kleinen  Organismen  die  noch  weit  unsichtbareren  organi- 
schen Canäle  jemals  zu  fester  Geltung  zVi  bringen.  Allein  es  hat  sich 
doch  gefunden,  dass  die  Organismen  selbst  im  Stande  sind  dergleichen 
anschaulich  zu  machen.  Durch  eine  solche  einfache  Benutzung  der 
inneren  organischen  Lebensthätigkeit  gelang  es  1830  und  1834  die  Er- 
nährungscanäle  der  Infusorien  und  Medusen  zu  injiciren.  Es  war  die 
Indigo -Fütterung,  welche  diese  Anschauungen  und  Erläuterungen  gab. 
Das  Leben  selbst  injicirt  freiwillig  das  Ernährungssystem  der  für  seine 
strukturlose  Ursubstanz  gehaltenen  grösseren  und  auch  der  unsichtbar 
kleinen  Organismen  unwiderleglich.  Auf  ähnliche,  ja  wie  es  scheint, 
noch  mannichfachere  Weise  kommt  nun  die  Grünsandbildung  der  Phy- 
siologie des  kleinen  Lebens  zu  Hülfe.  Die  Bildung  des  Grünsandes 
besteht  nämlich  in  einer  allmähligen  Erfüllung  der  inneren  Räume  der 
kleinen  Körper  mit  grünfarbiger  Opalmasse,  die  sich  darin  als  Steinkern 


205^ 

sammelt.  Es  ist  eine  besondere  Art  natürlicher  Injection  und  sie  er- 
scheint, den  neuesten  Resultaten  der  Prüfung  nach,  so  vollständig  und 
so  fein  sich  zugestalten,  dass  sich  nicht  bloss  die  grösseren  und  gröberen 
Zellen,  sondern  oft  auch  die  ailerfeinsten  Canäle  der  Zellwände  und 
all  ihre  Verbindungsröhren  versteinert  und  isolirbar  darstellen.  Nimmer- 
mehr würde  es  gelingen,  auf  künstlichem  Wege  so  feine  Lijectionen 
je  zu  machen,  als  sie  die  Natur  durch  diese  Steinkernbildung  selbst 
darstellt.  Ich  halte  diesen  neuen ,  den  physiologischen ,  Gesichtspunkt 
der  Grünsandbilduug  für  einen  sehr  ei'folgreichen  und  entwickeln- 
den." Dieser  Zeuglodon-Kalkstein  wird  als  geblich  und  unter  der  Loupe 
sehr  fein  und  dicht  grünlich  punktirt  bezeichnet.  Diese  feinen  Pünkt- 
chen sind  die  als  Chlorit  -  Körner  erscheinenden  Polythalamien.  Durch 
Auflösen  der  Masse  mit  schwacher  Salzsäure  erhielt  H.  Ehrenberg  eine 
doppelte  Art  von  Rückstand.  Am  Grunde  sammelten  sich  die  Chlorit- 
Körner  mit  etwas  quarzigem  Sande  und  darüber  schwebte  eine  lockere, 
feinflockige,  einem  thonigen  Mulm  ähnliche,  gelbliche  Masse. 


Ein  52,275  Grammes  (254,33  Karat)  wiegender  Diamantkrystall  wurde 
im  Juli  1853  im  Districte  Bogagem  in  Brasilien  von  einer  in  den  Gru- 
ben arbeitenden  Negerin  gefunden.  Dieser  Diamant,  welcher  der  grösste 
von  allen  bis  jetzt  aus  Brasilien  nach  Europa  gekommenen  ist,  hat  den 
Namen  Etoile  du  Sud  erhalten  und  obgleich  sein  GcAvicht  durch  das  Schleifen 
ungefähr  auf  die  Hälfte  reducirt  werden  wird,  so  dürfte  er  dennoch  zu 
den  kostbarsten  bis  jetzt  aufgefundenen  Diamanten  zu  zählen  und  unter 
ihnen  besonders  anzuführen  sein.  Herr  Bufrenoy  hat  ihn  der  Akademie 
vorgelegt  (C.  R.  XL.  3.)  und  dabei  auf  einige  Eigenthümlichkeiten  des- 
selben aufmerksam  gemacht,  welche  auf  Gänge  oder  Gruppen  von 
Diamantkrystallen  schliessen  lassen  dürften.  Es  findet  sich  auf  einer 
Fläche  desselben  eine  ziemlich  tiefe  Höhlung  vor,  welche  als  durch  einen 
früher  darin  ruhenden  octaedrischen  Diamantkrystall  entstanden  aufge- 
fasst  werden  kann.  Ebenso  werden  auf  zwei  anderen  Flächen  desselben 
ebenfalls  Höhlungen,  aber  von  geringerer  Tiefe,  erkannt,  die  durch 
ihre  Streifen  auch  als  durch  aufsitzende  Diamantkrystalle  gebildet  er- 
scheinen. Eine  platte  Stelle  einer  Seite  lässt  vermuthen,  dass  hier  der 
Diamant  mit  der  Masse  des,  Ganges  in  Verbindung  gewesen  und  viel- 
leicht bei  den  Diluvial-Phänomenen  losgetrennt  wurde.  Einige  schwarze 
Lamellen  an  demselben  scheinen  zu  dem  in  den  Alpen  und  in  Brasi- 
lien häufig  mit  Quarzkrystallen  vorkommenden  Titaneisen  zu  gehören. 
Es  führt  dies  zu  der  Vermuthung,  dass  der  Diamaut  als  Auskleidung 
von  Geoden  in  gewissen  uns  bis  jetzt  noch  unbekannten  (nach  Mittheil- 
ungen von  Herrn  Lomonoso/f  zum  metamorphischen  Terrain  von  Brasi- 
lien gehörigen)  Gesteinen  lagere,  und  dass  die  Bildung  der  Diamant- 
krystalle vielleicht  mit   der  Bildung   der  Quarzgeoden  im  Carraiischen 


306 


Marmor  Aehnlichkeit  habe.  —  Dieser  Etoile  du  Sud  kann  seinem  Preise 
nach  nicht  bestimmt  werden,  denn  Diamanten  von  so  bedeutender  Grösse 
kommen  nicht  in  den  Handel  und  es  existirt  für  dieselben  kein  zwi- 
schen der  Zunahme  der  Grösse  und  der  Zunahme  des  Werthes  festge- 
stelltes Verhältniss.  —  Das  specifische  Gewicht  dieses  Diamanten  hat  H. 
Ralphen  bei  15»  C.  3;5-29  gefunden. 


Die  Dichtigkeit  und  Temperatur  des  Meerwassers  haben  die  Drn.  Schlag- 
intweit  auf  ihrer  Reise  von  England  nach  Bombay  untersucht  und  die 
Resultate  durch  H.  v.  Humboldt  der  K.  Pr.  Akademie  der  Wissenschaf 
ten  zu  Berlin  mitgetheilt.  Nach  dem  Bericht  vom  Februar  1855  haben 
sich  folgende  Temperaturhöhen  und  Dichtigkeitsverhältnisse  herausge- 
stellt: 

Ort.  Temperatur,  C. 

Atlantische  Ocean,   Lissabon   bis 

Cap  St.  Vincent 20o— 21«     . 

Mittelländisches  Meer,     Gibraltar 

bis  Malta 21"   -22"     . 

Mittelländisches  Meer,   Malta  bis 

Alexandrien 23"  —  24"     . 

Rothes  Meer,  Golf  von  Suez 

.       27"  — 23oNördl.Br.       24"  — 28"     . 

-  22"  — 14"       -        -  300  —  31"      . 

-  Golf  von  Aden   .     .  28,8" 
Arabisches  Meer,  Cap  Guardafar 

bis  Bombay 27"— 28^     .     .     .  1,0278 


Spec.  Gewicht. 

1,0287  bei  17",  6 

1,0287 

1,0298 
1,0393 
1,0315 
1,0306 
1,0275 


Die  Erscheinung  der  Meermilch,  einer  milchähnlichen  Färbung  des 
Meerwassers,  wird  häutiger  als  das  Phänomen  der  rothen  Meere  und 
zwar  in  den  intertropischen  Meeren,  namentlich  im  Golf  von  Guinea 
und  im  arabischen  Meere  wahrgenommen.  Da  diese  Erscheinung  in 
der  Regel  zugleich  mit  der  Phosphorescenz  des  Meeres  beobachtet  wird, 
so  erklärt  man  diese  weisse  Färbung  gewöhnlich  als  eine  Wirkung  von 
phosphorescirenden  Thierchen.  Nach  den  von  (Juatrefages  zu  Boulogne 
angestellten  Beobachtungen  geben  die  Nocliluken  nicht  immer  einen 
glänzenden  hellen  Schein,  sondern  bisweilen  werden  dieselben  auch 
mattweissschimmernd  gesehen.  Sind  sie  nun  in  grosser  Menge  beisam- 
men, so  dürfte  wohl  durch  ihren  auf  weite  Strecken  in  die  weisse  Farbe 
übergehenden  Schimmer  die  milchähnliche  Färbung  des  Meeres  sich 
erklären  lassen.  Graf  ton  Chapmann  zählt  diese  Thierchen,  welche 
den  weissen  Schein  des  Meeres  verursachen  zu  den  Salpcn  oder  Pyro- 
somen.  [C.  R.  XL.  316.]     Schon  die  Alten  haben  mehr  als  ein  Jahrhun- 


207 

dert  vor  unserer  Zeitrechnung  dieselbe  Erscheinung  im  Arabischen 
Meere  beobachtet.  Der  Geograph  Agatharchides  [Geographi  minores, 
Oxford  1698]  erzählt,  dass  das  Meer  längs  der  Küste  von  Arabien  ein 
weisses  Ansehen,  wie  ein  Fluss,  habe;  die  Ursache  dieser  Erscheinung 
sei  ein  Gegenstand  des  Erstaunens. 


Die  chemische  Harmonika,  die  bekanntlich  aus  einer  über  einen 
brennenden  Strom  WasserstofFgases  gehaltenen  Glasröhre  besteht  und  bei 
welcher  der  Ton  durch  die  schnell  auf  einander  folgenden  VerpufFungen 
des  Wasserstoffgases  gebildet  wird,  kann  nach  R.  Böttger  [Poggendorffs 
Annalen,  XCIV.  B.  S.  572]  einfach  auf  folgende  Art  hergestellt  werden: 
„Füllt  man  ein  gewöhnliches,  etwa  12  bis  18  Kubikzoll  Wasser  fassen- 
des Arzeneiglas  mit  nicht  zu  enger  Mündung  mit  Wasser,  leitet  dann 
so  lange  gewöhnliches,  aus  käuflichem  Zink  und  Salzsäure  bereitetes 
Wasserstoffgas  in  das  Glas,  bis  dieses  zu  V*  damit  gefüllt  ist,  und  lässt 
hierauf  das  im  Glase  befindliche  Wasser  vollends  auslaufen,  so  dass 
folglich  zu  den  drei  Raumtheilen  Wasserstofi'gas  im  Glase  noch  ein 
Eaumtheil  athmosphärischer  Luft  hinzutreten  kann,  nähert  hierauf  das 
offene  Glas,  schwach  geneigt  mit  seiner  Oeffnung  nach  unten,  einer 
Weingeistflamme,  so  entzündet  sich  an  der  Mündung  des  Glases  das 
Luftgemeng  ganz  ruhig,  ohne  Explosion,  unter  gleichzeitigem  Auftreten 
eines  ungemein  reinen,  lauten,  einige  Minuten  anhaltenden  Tones." 
Hierbei  wird  bemerkt,  dass,  (wie  man  in  einem  verfinsterten  Zimmer 
wahi'nehmen  kann,)  das  Flämmchen  seinen  Sitz  an  der  inneren  Münd- 
ung des  Glases  hat  und  nach  dem  Innern  des  Glases  gerichtet  ist.  — 
Denjenigen,  welche  im  Experimentiren  mit  Gasarten  nicht  vollständig  ge- 
übt sind,  dürfte  aber  wohl  bei  der  Anstellung  dieses  Versuches,  wegen 
der  möglichen  Knallgasexplosion,  eine  sehr  vorsichtige  Behandlung  der 
gefüllten  Flasche  anzurathen  sein. 


Die  Protuberanzen,  welche  bei  totalen  Sonnenfinsternissen  als  rothe 
Lichtbüschel  am  Rande  der  vom  Monde  bedeckten  Sonne  beobachtet 
worden  sind  und  die  helle  Glorie  um  beide  Himmelskörper  haben  zu 
der  Vermuthung  Veranlassung  gegeben,  dass  die  eigentliche  Photosphäre 
der  Sonne  von  zwei  Hüllen  umgeben  ist,  deren  eine  ihr  zunächst  lie- 
gende in  rothem  Lichte  leuchtet,  deren  zweite,  weit  umfangreichere, 
weisses  Licht  hat.  Die  rothen  Lichtbüschel  werden  nun  gewöhnlich 
als  durch  Emportreiben  der  rothen  Hülle  entstanden  aufgefasst;  über 
die  Verursachung  dieses  Emportreibens  konnte  aber  nichts  Bestimmtes 
angegeben  werden.  Indess  hatten  doch  die  Beobachtungen  der  Sonnen- 
finsterniss  im  Jahre  1851  einen  Zusammenhang  zwischen  den  Pro  tube- 
ranzen, Sonnenfackeln  (hellstreifige  Stellen  der  Sonne)  und  Sonnenfleckeu 


208 

■wahrscheiulich  gemach t^  da  mehrere  Protuberanzen  sich  an  denjenigen 
Stellen  gezeigt  hatten^  wo  kurz  vor  oder  nach  der  Finsterniss  Flecken 
und  Fackeln  gesehen  worden  waren.  Gegen  diese  Auffassung  hat  sich 
Carlos  Moesta,  gestützt  auf  die  von  ihm  zu  Peru  bei  der  Sonnenfinster- 
niss  1853  gemachten  Beobachtungen,  ausgesprochen.  Er  sagt  am  Schlüsse 
seines  dem  Minister  des  öffentlichen  Unterrichts,  Dr.  Silvester  Ochagavia, 
vorgelegten  Berichtes,  dass  während  der  grössten  Verdunkelung  die 
Protuberanzen  sichtbar  gewesen,  aber  weder  vor  noch  nach  der  Son- 
nenfinsterniss,  irgendwelche  Fackeln  oder  Flecken  wahrgenommen  wor- 
den seien.  Hieraus  gehe  nun  hervor,  dass  ein  Zusammenhang  zwischen 
Protuberanzen,  Fackeln  und  Flecken,  wie  man  denselben  bisher  ange- 
nommen habe,  nicht  stattfinde.  Wenn  die  Protuberanzen  gasartige  Aus- 
dünstungen seien,  welche  in  der  dritten  Atmosphäre  der  Sonne  sicht- 
bar werden,  so  müssen  diese  während  der  Sonnenfinsterniss  von  185.3 
durch  sehr  kleine  Oeffnungen  hindurchgegangen  sein.  Die  kurze  Dauer 
der  Protuberanzen,  in  Verbindung  mit  dem  AVechsel  ihrer  Farbe  und 
anscheinenden  Bewegung,  seien  Umstände,  welche  auf  Stürme  und  Re- 
volutionen, die  in  ähnlicher  Weise  wie  in  der  Erdatmosphäre  ge- 
schehen, schliessen  lassen.  Im  Jahresberichte  der  Münchener  Stern- 
warte für  1S54  spricht  Prof.  Lamont  in  München  ebenfalls  über  die 
Protuberanzen,  und  findet  die  Ursache  dieser  Erscheinung  nicht  in  der 
Sonne  sondern  in  der  Erdatmosphäre.  Er  erklärt,  er  habe  bemerkt, 
dass  bei  partiellen  Sonnenfinsternissen  von  Zeit  zu  Zeit  bald  da,  bald 
dort  in  der  Atmosphäre  kleine  dünne  Wolken  entstehen,  welche  sich 
nach  kurzer  Zeit  wieder  auflösen.  Dieser  Vorgang  sei  in  vollständiger 
Uebereinstimmung  mit  den  bekannten  Verhältnissen  der  Wolkenbildung ; 
durch  die  Bedeckung  der  Sonne  entstehe  eine  Depression  der  Temperatur 
und  hieraus  eine  Condensation  der  Dünste  in  der  Luft.  Diese  Wolken- 
bildung  werde  vorzugsweise  da  entstehen,  wo  die  Temperatur  am  tief- 
sten ist:  im  Schattenkegel  des  Mondes.  Während  nun  der  Schatten- 
kegel sich  fortbewege,  bilden  sich  darin  Wolken  und  lösen  sich  bald 
wieder  auf.  Die  Wolken  im  Schattenkegel  werde  man  nicht  wahrnehmen, 
auch  dann  nicht,  wenn  sie  über  den  Kegel  hinausreichen  und  die  Sonne 
nicht  vollständig  bedeckt  sei.  Wenn  aber  die  Sonne  vollständig  durch 
den  Mond  bedeckt  ist,  so  tritt  am  Mondrande  die  Beugung  des  Sonnen- 
lichts ein,  es  gelangen  vornehmlich  die  violetten  Strahlen  des  Sonnen- 
lichts in  den  Schattenkegel,  und  man  werde  nun  unter  diesen  Umständen 
am  Mondrande  die  erwähnten  dünnen  Wolken  in  violetter  Beleuchtung 
sehen.  Diese  Hypothese  gewähre  eine  hinreichende  Erklärung  für  die 
Form,  die  Farbe,  die  Grösse  und  für  den  Wechsel  in  der  Erscheinung 
der  Protuberanzen. 

Dr.  A.  Drechsler. 


Verlag  von  Eudolf  Kuntze  in  Hamburg. 

Arzeneien  -  Taxe  für  die  Königl.  Sachs.  Lande.  4.  Aufl.   4.  (vi  u.  51  S.) 

1847.  15  Sgr. 

Byam,  G.,  Wildes  Leben  im  Innern  von  Central- Amerika.    Aus  dem 

Engl,  von  M.  B.  Lindau.  Mit  einer  lithogr.  Ansieht.  (VI  u.  208  S.)  1S52. 
geh. IThlr. 

Byam,  G.,  Wanderungen  durch  Chile  und  Peru.    Aus  dem  Engl,  von 

M.  B.  Lindan.  Mit  3  lithogr.  Abbildungen.   (VI  u.  275  S.)  1851.  geh.  221/2  Sgr. 

Grässe,  Dr.  Job.  G.  Th.,  Beiträge  zur  Literatur  und  Sage  des  Mittel- 
alters. I.  Die  Mirabilia  Romae  nach  einer  Handschrift  des  Vatican. 
II.  Zur  Sage  vom  Zauberer  Virgilius.  III.  Zur  Naturgeschichte  des 
Mittelalters.     4.    (X  u.  106  S.)    1S50.    geh.  24  Sgr. 

Kingston,  W.,  Peter  der  AValllischfänger,  sein  Jugendleben  und 
seine  Abenteuer  in  den  Nordpol -Regionen.     Ein  Buch  für  Jung 

und  Alt.  Deutseh  bearbeitet  von  M.  B.  Lindau.  Mit  4  lithogr.  Abbildungen. 
8.    (X  u.  444  S.)    1852.    In  lithogr.  Umschl.    cart.  1  Thlr.  22V.2  Sgr. 

Kohl,  J.  G.,  Skizzen  aus  Natur  und  A^ölkerleben.  2  Bde.  gr.  8. 
(L  X  u.  408  S.    n.  X  u.  816  S.)    1851.    geh.  3  Thlr. 

Mittheilungen  aus  dem  magnetischen  Schlafleben  der  Somnambule 

Auguste  K.  in  Dresden.  Zweite  Ausgabe  der  1843  erschienenen  ersten 
Auflage,  Mit  Titelkpfr.  und  Holzschnitten,  gr.  8.  (XXH  u.  414  S.)  1850. 
geh.  1  Thlr.  15  Sgr. 

Pharmacopoea  Saxonica  jussu  Regio  et  auctoritate  publica  denuo 

edita  recogn.  et  einend.     Mit  einer  Tabelle.    4.    (XVI  u.  296  S.)    1836. 
2  Thlr.  15  Sgr. 

Durch  alle  Buchhandlungen  ist  zu  beziehen : 

IAcfrnnninicrllP  Vnrträo-P  "^  allgemein  ver.ständlicher  Form 
.    n^ll  UilUllili^tllt?   ¥  UrildgtJ  gehalten  zu  Dresden  im  Winter 

1  S^Vää  von  Dr.  Adolph  Drechsler.    Nebst  lithogr.  Stemtafeln.    Dresden  1855. 

25  Ngr. 

In  diesen  Vorträg-en  ist  das  Wescnlliche  der  populären  Astronomie  in  gedräng'ter  Kürze  anschaulicli  und 
leichtfasslich  darg-estelU.  Es  können  die  Vorträge  1)  der  nördliche  Fixsternenhimniel  in  aslrog-noi^tischer  und 
niytholog-ischer  Beziehung-,  mit  Sterntafei  (5  Ng^r.);  2)  der  Thierkreis  und  der  südliche  Fixsternenhimmel  in 
astro^nostischer  und  mytholosischer  Beziehung-,  mit  Sterntafel  (5  Ng-r.);  3)  die  Bewegungen  der  Erde:  Dreh- 
ung-, Wendung-  und  Forisclireitung-  der  Erdaxe  (4  Ngr.);  4)  die  Planetensysteme,  die  ßeweg-ung-  und  physische 
BeschalTenlieit  der  Planeten  (4  IVg-'r);  5)  die  Monde,  mit  besonderer  Berücksichtigung-  des  Mondes  der  Erde 
(4  Ngr.);    6j   die  Kometen.   —  Die  Sonne  (4  Ngr.)  auch  einzeln  bezog-en  -werden. 

11.  Astrologische  Vorträge,  ständmss  des  Systems  uml  der 
Geschichte  der  Astrologie,  gehalten  zu  Dresden  im  Winter  ISs^/^ö 
von  Dr.  Adolph  Drechsler.  Mit  in  den  Text  gedruckten  Holzschnitten. 
Dresden  1855.  20  Ngr. 

Diese  Vorträge  zeii,-en  ausführlich  und  deutlich  das  Verfahren,  nach  welchem  von  den  wissenschaftlichen 
Astrologen  die  Nativiläl  gestellt  und  ausgelegt  wurde,  und  geben  einen  Abriss  der  in  cullurhislorischer  Be- 
ziehung- bedeutsamen  Geschichte  der  Aslrolog-ie.  In  dem  Vorworte  sagt  der  Verfasser:  „üeber  die  Pietät, 
welche  wir  g-egen  unsere  in  den  Wissenschaften  unermüdlich  thätigcn  Vorfahren  zu  hegen  und  kund  zu  geben 
schuldig  sind,  habe  ich  meine  Ansichten  bereits  in  dem  Vorworte  zu  „Scholien  za  Christoph  Rudolphs  COSS" 
Presden,  Roh.  Schäfer,  1851]  ausgesprochen;  und  die  VeröfTenllichung-  dieser  Vorträg-e  soll  ebenfalls  einen 
Einblick  gewähren  in  die  mühevolle  Arbeit  und  den  unermüdlichen  Eifer  einerseits,  andrerseits  in  die  Schärfe 
der  Gedanken  und  Tiefe  der  Forschung-en,  welche  unsere  Vorfahren  auch  auf  den  Versuch  einer  wissenschaft- 
lichen Beg^ründung-  und  auf  den  .Aufbau  des  Systems  der  Astrologie  verwendet  haben." 


Die  allgemeine  deutsche 

Naturhistorische  Zeitung 

hat  bisher  durch  ihren  Inhalt,  insbesondere  durch  ihre  unpartheiische 
Anerkennung  der  Leistungen  Anderer,  die  sie  besprach,  einen  freund- 
lichen Kreis  von  Mitarbeitern  und  Lesern  im  In-  und  Auslande  gewon- 
nen, wodurch  ihr  die  Aussicht  gestellt  war,  den  Beifall,  dessen  sie  sich 
erfreute,  gesichert  zu  sehen.  Das  Hinscheiden  ihres  Verlegers,  des  ehr- 
würdigen Chr.  Arnold  unterbrach  ihre  Erscheinung  und  erst  jetzt  konnte 
der  durch  neue  Kräfte  erweiterte  Kreis  ihrer  Mitarbeiter  unter  einem 
der  Wissenschaft  geneigten  und  thätigen  Verleger  sich  wieder  vereinen, 
so  dass  hiermit  der  erste  Band  der  neuen  Folge  erscheint. 

Die  früher  als  bewährt  anerkannte  Weise  wird  in  dieser  Fortsetzung 
unermüdet  befolgt.  Mittheilungen  von  Aufsätzen  oder  Notizen' aus  allen 
Zweigen  der  Naturkunde,  welche  die  Sachkenntniss  oder  die  Anschauungs- 
weise derselben  befördern,  sind  uns  willkommen  und  unser  durch  be- 
sondere Paginirung  abgesondertes  '    vx; 

Literaturblatt  der  ISIS 

wird  sich  bestreben,  wie  bisher,  in  unpartheiischer  Weise  Kunde  zu  ge- 
ben von  den  Leistungen,  welche,  diese  Kenntniss  erläuternd,  zu  uns  ge- 
langten ,  so  dass  wir,  im  Mittelpunkte  Deutschlands  und  Europas  woh- 
nend, und  durch  eine  der  ausgezeichnetsten  und  vollständigsten  Biblio- 
theken unterstützt,  diese  centrale  Bedeutung  unserer  Zeitschrift  mit 
Sorgfalt  und  Liebe  wieder  herstellen  werden.  Wir  fassen  hierbei  einzig 
vind  allein  die  Verbreitung  der  Wissenschaft  und  des  Sinnes  für  dieselbe 
ins  Auge  und  in  Erwägung,  dass  die  Wahrheit  in  jeder  Richtung  sich 
^^elbst  herausstellen  wird,  schliessen  wir  keine  Parthei  von  unsern  leiden- 
schaftslosen Besprechungen  aus.  Alle  Mitarbeiter  werden  auf  dem  Titel 
des  Jahrgangs,  in  dem  sich  ihre  Beiträge  befinden,  genannt  und  mit 
Vergnügen  erbieten  wir  uns,  zu  Beförderung  des  Verkehrs  zwischen 
Sammlern,  auch  Addressen  und  Cataloge  von  Gregenständen  für  Tausch 
i\nd  Kauf,  nach  Befinden  durch  Beilagen  oder  durch  billige  Inserate  von 
unserm  Centrum  aus  zur  gegenseitigen  Kenntniss  zu  bringen. 

Alle  Zusendungen  an  die  Redaction  erbitten  wiiifjprn^r.diireJi^dieiPoät 
imter  der  Addresse:  ;  ■     :  'il'^a.?  :.,j^^äv,5, 

„Für  die  allgemeine  deutsche  Natuiiiistorische  Zeitung" 

Dresden  :  oder  Hamburg  : 

Hofbuchhandlung  von  Rud.  Kuntze  Verlagsbuchhandlung  von 

(Hermann  Burdach).  Rudolf  Kuntze. 

Als  Verleger  habe  ich  dem  Vorstehenden  hinzuzufügen:  dass  der 
Band    der   allgemeinen   deutschen   Naturhistorischen   Zeitung    aus 

12  Heften  bestehen  wird,  —  der  Preis  des  Bandes,  zu  dessen  ganzer 
Abnahme  man  sich  verpflichtet,  auf  3  Tlialer  festgestellt  ist,  —  und  dass 
ich  bereit  bin ,  wie  auch  die  Hofbuchhandlung  von  Rud.  Kuntze  (Hermann 
Burdach)  in  Dresden,  Zusendungen  für  die  Zeitschrift  mit  Vergnügen  zu 
empfangen. 

Rudolf  Kuntze, 

Verlagsbuchhandlung  in  Uamburs. 


Drcsacn,  Druck  der  Könitfl.  riün)UtliJruLkcr.'i  von  C. 'tj^MtoI'd^&iSohni.- 


Preis  eines  Bandes  von  12  Heften  3  Thlr. 


A^j-«^ 


t  I.  Band.  No.  6.   ^ 

Allgemeine  deutsehe 

JaMktorMe  Zeitnng. 


Im  Auftrage 

der 

Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verbindung 

m\{  äiiswMv^m  nnd  einlieimisclien  Gelehrten 

herausgegeben 

von 

Dr.  Adolph  Drechsler. 


Neue  Folge:   erster  Band. 


INHALT. 


Die   tropischen   Wälder   und   ihre   Fauna.     Aus   Dr.   A.  E.   Brehm's  liandschriftlicheii 

„Reiseskizzeu  aus  Nord -Ost -Afrika." 
Zu  Micromys  agilis.  Von  Dr.  A.  Dehne. 
Talpa  europaea  L. ,    der  gemeine  europäische  Maulwurf   und    seine  Varietäten.     Von 

Dr.  A.  Dehne. 
Vespertilio  Noctula  Schrb.     Von  Dr.  A.  Dehne. 
Sore.v  chrysothorax.    Die  gelbbrüstige  Spitzmaus.    Von  Dr.  A.  Dehne.     —    Nachschrift 

von  Dr.  Ludwig  Reichenbach,  Director  am  K.  naturhistorischen  Museum  in  Dresden. 
Kleinere  Mittheilungen.     —     Literaturblatt  der  Isis. 


HAMBURG, 

Verlag    von    Rudolf    Kuntze. 
1855. 

Haupt-Deljit  für  Dresden  durch  die  Hofbuchhandliing  von  Bud. Kuntze  (Herrn.  Burdach.) 

%g-  — j^i 

^^'   Siehe  die  Rückseite  des  Umschlags. 


209 

Die  tropischen  Wälder  und  ihre  Fauna. 

Aus   Dr.   A.   E.   Brehm's  handschriftlichen 
„Reiscskizzcn  aus  Nord- Ost -Afrika." 

„Es  prangt  der  Wald  in  bunter  Schöne 
Wie  eine  neue,  reiche  Welt." 

Das  Wasser  ist  in  den  Tropenländern  die  alleinige  Bedingung  zu 
einem  höheren  vegetabilischen  und  thierischen  Leben.  Nur  der  Mangel 
desselben  ist  die  Ursache  der  Wüstenbildung.  Wo  es  regnet,  hört  selbst 
die  Wüste  auf  Wüste  zu  sein ;  sie  verwandelt  sich  allgemach  in  die 
lebendigere  Steppe,  und  diese  geht  nach  und  nach  in  die  ungemessnen 
Wälder  des  Inneren  über.  In  vielen- dieser  Letzteren  ist  noch  kein  Axt- 
schlag gehört  Avorden,  viele  hat  noch  kein  Pulsschlag  der  Civilisation 
durchzittert,  sie  gehören  noch  ganz  sich  selbst  und  der  Wildniss.  Ne- 
ben der  Hütte  des  Negers  baut  sich  noch  heute  der  Aar  seineu  Horst, 
neben  dem  Elephanten  durchwandert  jene  Wälder  das  wüste  Rhinozeros, 
mit  dem  König  der  Wildniss  durchschleicht  sie  der  „rosenfellige"  Pan- 
ther.    Diese  Wälder  sind  es,  von  den  ich  hier  reden  will. 

Wenn  der  dem  Aequator  zuw^andernde  Reisende  den  achtzehnten 
Grad  der  nördlichen  Hemisphäre  überschritten  hat,  und  in  das  Gebiet 
jener  Regen  gekommen  ist,  welche  die  Flüsse  des  Innern  schwellen,  be- 
merkt er  gar  bald  den  mächtigen  Einlluss  des  vom  Himmel  bescheer- 
ten  Wassers.  Die  Sandmeere  verschwinden^  die  staubigen  Ebenen,  auf 
denen  er  bis  jetzt  nur  halbdürres  Riedgras  wuchern  sah,  bekleiden  sich 
mit  einem  anfangs  allerdings  nur  spärlichen  Pflanzenteppich ;  selbst  zwi- 
schen den  glühenden  Felsmassen,  deren  starre  Oede  den  Menschengeist 
niederdrückt,  sprosst  es  und  keimt  es,  und  sehnt  es  sich,  Zweige,  Blätter 
und  Blüthen  in  den  reinen  Aether  hinauszutreiben.  Mit  jedem  Breiten- 
grade, den  man  durchreist,  begegnet  man  neuen  Pflanzenformen;  die 
Ai-ten  werden  zahlreicher,  zahlreicher  auch  die  Individuen  der  Gewächse. 
Schon  unter  dem  16.  Grade  n.  Br.  vereinigen  sich  die  früher  nur  ein- 
sam hier  und  da  an  den  Ufern  der  Ströme  stehenden  Mimosen  zu  Wäl- 
dern, sie  erstarken  zu  gewaltigen,  blüthenduft-  und  schattenspendendeu 
Bäumen.  Je  mehr  man  sich  dem  Gleicher  nähert,  je  flammender  die 
Blitze,  je  rauschender,  länger  anhaltend  die  Regengüsse  der  tropischen 
Gewitter  werden,  um  so  reicher  wird  die  Flora  und  mit  ihr  die  Fauna 
des  unenthüllten,  märchenhaften  Innern.  Die  undurchwanderten  Ebenen 
deckt  ein  mannshoher,  von  einzelnen  sich  aus  ihm  erhebenden  Bäumen 
und  Gesträuchen  überragter  Graswald;  in  den  Niederungen  treten  die 
Bäume  näher  zusammen  und  verzweigen  ihre  Kronen  zu  einem  kühlen 
Laubdach,  in  dessen  Schatten  nun  auch  andere,  Avasserbedürftigere  Pflan- 
zen gedeihen  können ;  selbst  auf  den  Bergen  bemerkt  man  vegetabilisches 

Allg-   deutsche  naturhisl.  Zeitunjr     1.  -ja» 


210 

Leben.  Nördlich  des  13.  Grades  sind  nur  die  Ströme  die  Herzadern  und 
Träger  des  Lebens,  und  ihre  Ufer  bis  zum  16.  Grade  hinab  mit  Wäldern, 
welche  oft  ganz  das  Bild  der  Urwälder  des  Innern  geben,  bedeckt,  süd- 
lich desselben  wird  wegen  der  Menge  der  fallenden  Regen,  und  der  damit 
im  Einklang  stehenden  Kürze  der  Alles  ertödtenden  Zeit  der  Dürre, 
der  Pflanzenwuchs  allgemein.  Je  bälder  die  Wiederkehr  des  Chariefs") 
erfolgt,  desto  mehr  ähnelt  die  Vegetation  jener  der  Tropenländer  des 
wasserreichen  Amerikas.  Während  in  den  Auaclie**)  mit  dem  Aufhören 
der  Regenzeit  auch  das  sich  in  ihnen  ansammelnde  Wasser,  und  damit 
der  Lebensunterhalt  der  Bäume  verschwindet,  so  dass  diese  kaum  genug- 
sam gekräftigt  sind,  die  zweite  Jahreszeit  zu  überstehen,  sind  alle  Ge- 
wächse südlich  des  13.  Grades  so  gesättigt  worden,  dass  sie  fasst  das 
ganze  Jahr  hindurch  in  voller  Uej^pigkeit  fortleben  können.  Desshalb 
endet  erst  dort  die  verhältnissmässig  dürftige  Vegetation  der  gleichsam 
noch  immer  durstigen  Pflanzen  der  Steppe ;  und  desshalb  findet  man 
erst  dort  ebensowohl  auf  den  Bergen,  als  in  den  Thälern,  auf  Hoch- 
ebenen und  in  Niederungen  jenes  Pflanzenleben,  welches  wir  sonst  nur 
in  der  Nähe  immer  wasserreicher  Ströme  bemerken.  Die  Trockenheit 
der  regenlosen  Monate  ist  aber  auch  dort  noch  so  gross,  dass  sie,  wenn 
auch  nur  auf  kurze  Zeit,  den  Blätterschmuck  der  Bäume  vernichten 
und  sie  auf  einige  Wochen  in  Todesschlummer  versenken  kann.  Aber 
bald  erweckt  sie  der  wieder  fallende  Regen  zu  Frühlingslust  und  Früh- 
lingsleben. Und  mit  diesem  freundlichen  Bilde  will  ich  beginnen,  ob- 
gleich es  schwer  ist,  seine  Pracht  würdig  zu  beschreiben. 

Wir  betreten  vom  Ufer  aus  an  einer  etwas  freien  Stelle  den  Urwald, 
aus  welchem  uns  ein  ununterbrochenes,  wirres  Stimmengetön  entge- 
genschallt, und  Balsamduft  anweht.  Schon  nach  wenigen  Schritten 
umgiebt  uns  von  allen  Seiten  der  grossartige  Wald.  Alles  in  ihm 
schwelgt  in  der  üppigsten  Fülle.  Das  Auge  weiss  nicht,  wohin  es  sich 
wenden  soll ;  das  Ohr  strebt  vergeblich  das  nicht  endende  Tönechaos 
zu  ergründen ;  der  Fuss  zögert  weiter  zu  schreiten.  Pflanzen  und  Vögel 
entfalten  eine  ungeahnete  Pracht.  Die  von  goldnen  BlüthenrÖschen  schim- 
mernden Wipfel  der  Mimosen  haben  meist  noch  eine  Decke  von  Schling- 
pflanzen erhalten;  die  blumenreiche  Liane  rankt  von  Baum  zu  Baum, 
bemächtigt  sich  eines  grossen  Theiles  des  Waldes,  und  verwebt  Wipfel 
und  Stämme,  Baumkronen  und  niedere  Gebüsche  zu  einem  einzigen, 
undurchdringlichen,  undurchsichtigen  Ganzen,  in  welchem  es  lebt  und 
webt,  dass  dem  Naturfreunde  das  Herz  aufgeht.  Blumen,  welche  unsre 
schönsten  Gärten  zieren  würden,  wachsen  hier  wild.  Wir  zählen  allein 
von  Winden  mehr  als  zehn  Arten.  An  einigen  Schlinggewächsen  be- 
wundern   wir    die    Blumen,    an   andern   die   Früchte.     Eine   von   ihnen 


*)     Charicf  bedeutet  die  Regt>iizeit. 
♦*)     Plural  von  „Wahd"  oder  „Wadi",  Niederung'. 


21t 

trägt  eine  carminrothe;  gurkenähnliche  Frucht,  welche  die  Eingebornen 
„Tammr  el  aabihd"  nennen,  d.  h.  die  Frucht  der  Sklaven;  andere  bieten 
den  Vögeln  ihre  grossen  herzförmigen ,  zinnoberfarbenen  Beeren  zur 
leckeren  Speise.  An  einigen  Stellen  ranken  sich  Riesenbohnen  an  den 
Bäumen  empor.  Sie  haben  schöne  Blüthen,  und  fusslange,  fleischige 
Schoten  mit  schweren  Saamenkernen,  Die  Sudahnesen  benutzten  sie 
nur  als  Viehfutter,  obgleich  ich  gar  nicht  zweifle,  dass  sie  ein  gutes 
Gemüsse  geben  würden.  Selbst  auf  die  Blätter  und  Ranken  erstreckt 
sich  die  bildnerische  Schöpfungskraft.  Erstere  strahlen  nicht  nur  in 
allen  Schattirungen  von  dunkelgrün  bis  dunkelroth,  sondern  zeigen  auch 
die  mannigfaltigsten  Formen;  die  Ranken  sind  glatt  oder  mit  feinen 
Stacheln  besetzt,  und  haben  zu  ihrem  Querschnitt  oft  zusammengesetzte 
geometrische  Figuren.  Viele  Bäume,  Gesträuche  und  andere  Pflanzen, 
vor  allen  aber  die  Mimosen  verbreiten  balsamische  Wohlgerüche.  Kurz, 
die  Wälder  würden  ein  Paradies  sein,  wenn  sich  die  Produktionskraffc 
nur  auf  die  Wipfel  der  Bäume  beschränkt  hätte.  Allein  nicht  bloss 
in  der  Höhe,  sondern  auch  in  der  Tiefe  ist  der  Pflanzenwuchs  ausser- 
ordentlich. Das  Gras  bedeckt  nicht  selten  den  Boden  bis  auf  4  Fuss 
Höhe,  und  macht  jede  Bewegung  schwierig,  in  Verbindung  mit  Schling- 
pflanzen und  niederen  Gebüschen  oft  geradezu  unmöglich.  Der  Wald 
ist  halbe  Meilen  weit  vollkommen  undurchdringlich.  Jede  Grasart,  jeder 
Baum,  fast  jedes  Rankengewächs  besitzt  Stacheln  oder  Dornen.  Die 
Gräser  sind  unter  allen  die  unangenehmsten.  Eine  Art  heisst  Askanit, 
und  lässt  ihre  feinen  Stacheln  in  den  Kleidern  und  der  Haut  des  Ein- 
dringlings sitzen;  eine  zweite  nennen  die  Araber  Esseik  und  hassen  sie 
fast  noch  mehr  als  die  erste.  Ihre  Aehre  haftet  am  Linnenzeug  so  fest, 
dass  sie  weder  im  trocknen  Zustande,  noch  durch  Waschen  daraus  ent- 
fernt werden  kann.  Ein  drittes  Gras,  die  Tarbe  (zu  deutsch  ungefähr 
„Wegerich")  der  Araber,  erzeugt  Saamenkapseln  von  solcher  Härte,  dass 
sie  das  Schuhwerk  zerschneiden  und  höchst  lästig  werden.  Hierzu  kom- 
men noch  Gebüsche  mit  Dornen  von  allen  Grössen  und  Gattungen,  von 
den  3  bis  4  Zoll  langen  Mimosendornen  an,  bis  zu  den  kleinen,  gebo- 
genen des  Nahakhsirauches ,  oder  der  während  des  Frühlings  kahlen 
Harahsi  herab.  Nur  mit  grossen  Wasserstiefeln  kann  man  hier  und  da 
in  das  Innere  des  Waldes  eindringen,  allein  diese  sind  bei  der  herr- 
schenden Hitze  eine  drückende  Last,  und  werden  auch  da,  wo  die  zu 
einem  einzigen  Dornengeflechte  verwebten  Gesträuche,  Disteln  und  Grä- 
ser jedes  weitere  Vordringen  hemmen,  unbrauchbar.  — 

Aber  dennoch  versuchen  wir  immer  von  Neuem  in  das  Innere  des 
Waldes  zu  gelangen.  Dort  eröffnet  sich  uns  eine  neue  Welt;  wir  kön- 
nen nicht  aufhören  zu  bewundern.  Ruhelos  schweift  der  Blick  umher. 
Soll  das  Auge  die  mit  den  prächtigsten  Farben  geschmückten  Vögel 
verfolgen,  soll  es  an  den  duftigen  Blüthen  haften  bleiben,  oder  soll  es 
sich  au  einer  zierlichen  Gazelle,  einem  Erdeichhörnchen,  einem  goldigen 

16* 


212 

Käfer,  einem  buntfarbigen  Schmetterling  erfreuen?  Es  ist  gar  nicht 
fähig,  air  das  Schöne,  Herrliche,  Erhabene,  welchem  es  nach  allen 
Seiten  hin  begegnet,  mit  einem  Male  dem  Geiste  vorzuführen.  ]\Iit  Ent- 
zücken und  Erstaunen  betrachten  wir  die  auftauenden  Gestalten  und 
die  Pracht  der  Farben,  mit  welchen  die  Natur  hier  Alles  austattete. 
Erst  durch  seine  Bewohner  gewinnt  der  Wald  seinen  vollen  Reiz.  Wer 
empfände  nicht  ein  lebhaftes  Vergnügen,  wenn  er  die  stahlblaue,  in  der 
Sonne  in  allen  Farben  schillernde  Glanzdrossel :  Lamprotornis,  durch  die 
Zweige  schlüpfen  sieht?  Wer  vermag  es,  dem  Fluge  einer  Paradies wittAve: 
Videa  paradisea,  welche  das  für  sie  fast  allzugrosse  Gebäude  ihres  Trauer- 
schleiers mühsam  durch  die  Lüfte  dahinschleppt,  gleichgültig  zu  folgen? 
Die  verschiedensten  Stimmen  und  Töne  sind  hörbar.  Von  dem 
kühnen,  starkklauigen  Adler  an,  bis  zu  der  smaragdgrün  schillernden 
Biene  schwirrt  und  summt,  singt  und  lockt  es  in  allen  Zweigen.  Schon 
von  Weitem  leuchtet  die  hochcarminrothe  Brust  eines  Würgers,  des 
Laniarius  erythrogaster,  aus  den  dichtesten  Hecken  hervor.  Sein  merk- 
wüi'diger  Lockton  fällt  auf;  es  ist  ein  hell  melodischer,  dem  unsers 
Pirols  entfernt  ähnlicher  Plift',  welchem  ein  höchst  unmelodisches  Knar- 
ren folgt.  Wir  schleichen  dem  Vogel  nach  und  hören  plötzlich  den 
Pfiff  von  der  einen,  das  Knarren  von  der  andern  Seite  erschallen :  Männ- 
chen und  Weibchen  haben  sich  vereinigt,  den  ununterbrochenen  Lock- 
ruf hervorzubringen.  Das  Männchen  beginnt  seinen  Flötenton  und  das 
wohl  achtsame  Weibchen  endet  das  Duett  mit  seinem  eigenthümlichen  Knar- 
ren*). Hoch  auf  den  Wipfeln  grösserer  Bäume  sehen  wir  eine  Art  des 
Nashornvogels:  Tokus  erythrorynchus ,  der,  weil  seine  Brutzeit  herran- 
naht,  da  oben  seinen  Paarungsruf  unter  den  lebhaftesten  Gesten  in  alle 
Winde  hinausschreit.  Unter  scheinbar  htichst  anstrengenden,  ergötzlich  an- 
zusehenden Bewegungen  des  Oberkörpers,  beginnt  er  langsam  seinen, 
aus  einem  einzigen  Tone  bestehenden  Ruf,  wird  aber  endlich  so  hitzig, 
dass  er  zuletzt  seiner  Stimme  mit  dem  Kopfe  nicht  mehr  folgen  kann, 
denn  bei  jedem  Ausrufe  neigt  er  diesen  tief  herab.  Ganz  ähnlich  klingt 
das  Ruksen  eines  niedlichen  Erdtäubchens,  welches  wahrscheinlich  eben- 
falls nach  einer  Gefährtin  seufzt.  Man  hört  wenig  Sänger,  aber  viel 
Schreier,  welche  wieder  alle  von  dem  Kreischen  der  in  die  Blätterfarbe 
gekleideten  Papageien  übertönt  werden.  Zuweilen  erschallt  auch  ein 
eigenes  Gegurgel  dazwischen.  Es  rührt  von  einer  der  hier  vorkommen- 
den Affenarten  her.  Der  langgeschwänzte  Affe :  Cercopithecus  griseovi- 
ridis,    durcheilt  mit   kühnen  Springen    die  höchsten  Aeste  der  himmel- 


*)  Wir  können  etwas  Aehnliches  bei  unsern  Hausgänsen  bemerken.  Das  „Gahk" 
des  Weibchens  folgt  so  schnell  auf  das  „Gihk"  des  M<ännchens,  dass  man  ebenfalls 
glauben  könnte ,  Beides  rühre  nur  von  einem  Vogel  her.  Dass  sich  die  verschiedenen 
Geschlechter  der  Vogelpaare  gegenseitig  antworten,  ist  bekannt;  bei  unserm  Wendehals: 
Jyn\  torquilla,  kann  ea  jeder  meiner  Leser  leicht  selbst  beobachten. 


218 

anstrebenden  Bäume:  ein  altes  Männchen,  erfahren  in  allen  Lagen  des 
Affenlebens,  ausgelernt  und  listig,  ist  es,  welches  mit  jenen  seltsamen 
weit  hörbaren  Tönen  die  komisch  hinter  ihm  dreinspringende  Heerde 
leitet.  Und  dazu  hämmern  die  Spechte,  summen  und  brummen  Tausende 
von  Insekten,  rasseln  die  Schlangen  und  Eidechsen,  knarren  und  rau- 
schen die  Bäume ! 

Jeder  Schritt  fast  bringt  ein  neues  Wunder  vor  unsre  Augen.  Es 
gibt  in  den  Bäumen  nur  wenige  Höhlungen,  in  welche  die  Vögel  ihre 
Nester  bauen  könnten ;  deshalb  hat  die  allgütige  Natur  diese  gelehrt, 
sich  selbst  Wohnungen  zu  erbauen,  welche  fast  gleiche  Sicherheit  als 
jene  Baumhöhlen  gewähren.  Ein  finkenartiger  Vogel,  Aqv  „Webervogel" 
genannt  wegen  seiner  Kunst,  Gras,  Wolle  und  andere  Stoffe  zu  Nestern 
zu  verweben,  befestigt  an  den  Enden  der  schwächsten  und  biegsamsten 
Zweige  mit  langen  zähen  Grashalmen  sein  künstliches  Haus,  versieht 
es  mit  einem  kegelförmigen  Dache,  unter  dem  er  einen  röhrenförmigen 
Eingang  anbringt,  und  lässt  sich  und  seine  Brut  behaglich  vom  Winde 
schaukeln.  Keine  Schlange  kann  in  seine  Behausung  eindringen,  kein  Affe 
kann  ihm  seine  Eier  rauben,  kein  anderer  Eäuber  seine  Brut  bedrohen, 
er  lebt  sicher  und  sorglos  und  schlüpft,  wenn  seine  Kinder  flügge  ge- 
worden, fröhlich  mit  ihnen  aus  seiner  engen  Thüre  heraus.  Ein  anderer,  ihm 
entfernt  verwandter  Vogel  von  der  Grösse  unsers  Staars,  der  schwarze 
ewig  lärmende  Textor  Alecto  trägt  sich  eine  Menge  von  dornigten  Aesten 
zusammen,  verbindet  sie,  fast  wie  unsre  Elstern,  zu  einem  wirren  Gan- 
zen, macht  sich  von  einer  Seite  einen  nur  ihm  zugänglichen  Weg  zu 
dem  Innern  des  scheinbaren  Dornenhaufeus  und  glättet  und  wölbt  sich 
dort  seinen  Sitz.  Die  Honigsauger  verstehen  ihr  kleines  Nestchen,  wel- 
ches sie  ebenfalls  an  Zweigen  aufhängen,  aus  Baumwolle  so  zusammen- 
zufilzen,  dass  es  nicht  leicht  zerstört  werden  kann.  Die  kleinen  Finkcn- 
arten  tragen  sich  einen  Haufen  dürres  Gras  zusammen,  welchen  keiner 
ihrer  Feinde  als  Nest  erkennt,  und  legen  da  ihre  Eier  hinein.  Die 
Ziegenmelker  verlassen  sich  auf  ihr,  einem  Stück  Baumrinde  ähnliches 
Gefieder  und  legen  ihre  zwei  Eier  platt  auf  den  Boden,  weil  auch  sie 
kaum  von  ihrer  Umgebung  zu  unterscheiden  sind.  Andre  graben  sich 
tiefe  Höhlen  in  steile  Erdwände,  und  wieder  andere  kleben  und  leimen 
ihre  Nester  zwischen  und  an  die  breiten  Blätter  verschiedener  Bäume. 
Um  eine  einzeln  stehende  Dumapalme  sehen  wir  mit  Verwunderung  viele 
Paare  eines  kleinen  Seglers  schwärmen,  und  bemerken,  dass  die  Vögel- 
chen immer  zu  den  langgestielten,  breiten  und  gebogenen  Fächerblättern 
zurückkehren.  Von  oben  schimmmert  uns  etAvas  Weisses  entgegen,  wir 
besteigen  den  Baum  und  finden ,  dass  es  das  Nest  dieses  gewandtesten 
aller  Flieger  ist.  Es  besteht  aus  Baumwollenfasern  und  ist  in  "die  Mitte 
der  Blattriefe  geklebt.  Wir  bemerken  fast  an  allen  Blättern  dieselbe 
Erscheinung.  In  einigen  Nestern  liegen  Eier,  in  anderen  sehen  wir 
Junge.     Die   Nestchen   sind   so   flach,    dass   wir   fürchten,    die   kleinen 


214 

unbeholfenen,  kaum  dem  Ei  entschlüpften,  oder  zum  Theil  noch  in  die 
Schaale  desselben  eingeschlossenen  Geschöpfe  möchten  bei  einem  hefti- 
gen Sturme  heraus-  und  herabgeschleudert  werden.  Aber  die  gütige 
Natur,  die  ewig  sorgsame  Mutter  aller  lebenden  Wesen,  hat  einen  be- 
wunderungswürdigen Instinkt  in  die  Seele  des  kleinen  Thierchens  gelegt, 
um  das  seiner  Brut  Drohende  zu  verhüten :  Junge  und  Eier  sind  von  den 
Alten  mit  Speichel  angeleimt  worden  !  Wie  viele  verschiedene  Wege  geht 
die  Natur,  und  dennoch  führen  alle  glücklich  zum  Ziele! 

Unter  den  Säugethieren,  welche  den  Wald  bewohnen,  gibt  es  wenig 
Höhlengräber.  Die  Erdeichhörnchen  des  Sudahn:  Sciurus  brachyotos, 
leben  in  Höhlen  und  schlüpfen  beim  Erscheinen  eines  Menschen  rasch 
da  hinein.  Grössere  Baue,  welche  wir  hier  und  da  bemerken,  sollen 
nach  Aussage  der  Eingebornen  einem  Stachelschwein  angehören;  bis  jetzt 
ist  der  Bewohner  des  Baues  noch  von  keinem  Europäer  gesehen  worden. 
Mäuse-  und  Rattenlöcher  gibt  es  überall;  es  ist  aber  gefährlich  diesen 
unvorsichtig  nachzuspüren,  weil  die  häufig  vorkommenden  Vipern  gern 
von  den  Löchern  Besitz  nehmen.  — 

Das  ist  ungefähr  das  Bild,  welches  uns  das  Innere  des  Waldes 
aufrollt  während  des  Chariefs.  Auch  von  Aussen  betrachtet,  machen 
die  Wälder  einen  grossartigen  Eindruck.  Dunkelgrüne  Baumkronen  mit 
frischen,  lebendigen  Blättern  wechseln  in  den  mannigfaltigsten  Schattir- 
ungen  mit  lichter  gefärbten  ab ;  die  herrlichsten  Baumformen  heben 
sich  stolz  über  das  andere  Holz  empor.  Ueberall  ist  Leben,  nur  die 
während  der  allgemeinen  Blüthezeit  blätterlose  Harahsi  steht  mitten  in 
dem  Blättermeer,  und  wartet,  bis  die  Ströme  fallen  und  das  Laub  vieler 
anderen  Bäume  vergilbt  oder  gar  abfällt,  um  dann  erst  in  ihren  Früh- 
lingsschmuck sich  wieder  zu  kleiden. 

Mit  der  zunehmenden  Dürre  wird  einer  der  Bäume  nach  dem  andern 
entlaubt.  Die  gluthheissen  Chamasihne  ertödten  und  entführen  die 
Blätter,  von  dem  ganzen  Reichthum  der  Wälder  bleibt  nur  das  Unan- 
genehme derselben  zurück;  Blätter  und  Blüthen  sind  verdorrt,  Disteln, 
Stacheln  und  Dornen  sind  geblieben.  Die  Geschöpfe  ziehen  sich  nach 
Süden,  oder  kehren,  wenn  sie  von  Norden  kamen,  nach  Norden  zurück. 
Der  Wald  verödet  und  wird  stiller.  An  Stelleu,  wo  die  Bäume  nicht 
allzudick  stehen,  zünden  die  Eingebornen  das  von  ihren  Rinderheerden 
verschmähete  oder  nicht  niedergetretene  Gras  an,  vertilgen  dadurch 
vieles  Ungeziefer,  vertreiben  aber  auch  auf  lange  Zeit  die  interessanteren 
und  harmloseren  Bewohner  desselben.  Erst  die  wieder  fallenden  Regen 
bringen  diese  zurück. 

Betrachten  wir  nun  die  Fauna  der  Wälder  etwas  genauer.  Von  ihrer 
Flora  kann  ich  nicht  sprechen,  weil  ich  sie  nicht  kenne,  ich  will  bloss 
zwei  Bäume  zu  beschreiben  versuchen:  den  Affenbrodhaum  und  die 
Dulehhpalme.     Beide     kommen    ungefähr    unter    denselben   Graden   der 


215 

Breite  vor;  sie  beginnen  zwischen  dem  14.  und  13.  «  n.  Br.  und  werden 
nach  Süden  zu  immer  häufiger^  während  wir  sie  nördlich  des  vierzehn- 
ten Grades  niemals  bemerkt  haben. 

Der  Affenbrodbaiim  oder  die  Adansonie:  Adansonia  digitata,  arabisch 
Tabaldie,  Boabahb  und  Khunkhlehs  oder  Gunglehs  genannt,  ist  ohne  Zwei- 
fel der  merkwürdigste,  die  Dulehbpalme  wahrscheinlich  der  schönste 
Baum  Ost-Sudahns,  Ersterer  ist  unter  den  Bäumen  das,  was  die  Dick- 
häuter unter  den  Thieren  sind.  Man  kann  sich  nichts  Riesenhafteres 
denken,  als  einen  solchen  Baum.  Der  Stamm  ist  fast  immer  hohl,  aber 
von  ungeheurem  Umfange.  Siebzehn  Klaftern  Umfang  —  in  Mannes- 
höhe gemessen  —  ist  keine  seltene  Stärke,  zehn  Klaftern  die  gewöhn- 
liche. Die  in  Dörfern  stehenden  Bäume  sind  oft  zu  Ställen  eingerichtet, 
welche  fünfzehn  bis  zAvanzig  Ziegen  beherbergen.  Zu  dem  Umfange 
der  Adansonien  steht  ihre  Höhe  in  keinem  Verhältniss;  sie  beträgt 
wohl  nie  mehr,  als  120  Fuss.  Der  Stamm  verjüngt  sich  stark,  schon 
in  geringer  Jiöhe  laufen  Avagrechte  Aeste  aus,  welche  ungefähr  die  Dicke 
unsrer  grössten  Eichen  haben.  Dreissig  bis  vierzig  Fuss  über  der  Erde 
hat  der  Stamm  bereits  kaum  seine  halbe  Stärke  mehr.  Von  Zweigen  ist 
eigentlich  an  dem  ganzen  Baum  nichts  zu  bemerken,  erhat  nur  starke  Aeste, 
und  diese  starren  während  der  Zeit  der  Dürre  so  kahl,  so  sonderbar 
in  die  Luft  hinaus,  dass  der  Eindruck  des  dickhäutigen  Riesen  nur  um 
so  mächtiger  wird  und  sich  dem  Geiste  um  so  tiefer  einprägt.  Wäh- 
rend der  Regenzeit  überkleidet  sich  der  ganze  Astbau  mit  Blättern, 
welcher  dem  Baume  ein  majestätisches  Ansehen  geben ;  sie  sind  gross, 
langgestielt ,  und  wie  die  Finger  einer  Hand  fünfzählig  —  daher 
„digitata";  —  ihre  dicken  Stiele  vertreten  die  Stelle  der  Zweige.  An 
der  Adansonie  ist  alles  kolossal,  auch  ihre  Blüthen  und  Früchte  sind  es. 
Erstere  sind  prachtvolle ,  schneeweisse  Malven ,  übertreffen  aber  alle 
Malven  an  Grösse.  Sie  sind  zahlreich,  leuchten  schon  von  Weitem  zwi- 
schen den  dunkelgrünen  Blättern  hervor  und  sind  ein  wundervoller 
Schmuck  des  gigantischen  Gewächses ;  ich  kenne  keinen  herrlicheren 
Anblick,  als  den  einer  blühenden  Tabaldie.  Die  eiförmigen,  einem 
halb  ausgewachsenen  Kürbiss  an  Grösse  gleichen  Früchte  hängen  an 
langen  Stielen,  besitzen  eine  rauhe,  harte,  grünlichgraugefärbte  Schale 
und  enthalten  ein  säuerlich  schmeckendes  Mehl,  in  welchem  die  vielen 
bohnengrossen  Samenkerne  liegen.  Wenn  man  das  Mark  in  Wasser 
auflösst  und  mit  Zucker  und  Citronensaft  versetzt,  erhält  man  eine  er- 
frischende, wohlschmeckende  Limonade.  Der  oft  ausgesprochenen  Mein- 
ung, dass  der  Boabahb  ein  sehr  hohes  Alter  erreichen  müsse,  scheint 
die  Beschaffenheit  des  Holzes  zu  widersprechen.  Dieses  ist  eine  leichte, 
korkartige  Masse  von  sehr  geringer  Festigkeit  und  Härte,  und  schwer- 
lich das  Erzeugniss  eines  langen  Wachsthums.  Unter  der  saftigen,  glän- 
zenden, kohlschwarzen  Rinde  liegt  ein  feines,  zähes  Bast,  welches  von 


216 

den  freien  Negern  zu  festen  Flechtereien  und  anderen  zierlichen  Arbei- 
ten verwendet  wird. 

Der  Dulehb  ist  wohl  eine  der  edelsten  Formen  der  Palmen.  Sein 
Stamm  steigt  kerzengerade  in  die  Plöhe,  verdünnt  sich  wenige  Fuss 
oberhalb  der  Erde,  wird  dann  allmählig  bis  zur  Mitte  seiner  Höhe  wie- 
der dicker  und  verjüngt  sich  von  da  an,  einer  korinthischen  Säule 
ähnlich,  bis  zu  seiner  Krone,  dem  Kapital  des  vollendet  schönen  Bau- 
werks der  Natur.  Die  Krone  selbst  ist  eines  solchen  Trägers  werth. 
Sie  enthält  breite,  fächerartige  Blätter,  welche  in  ihrer  Gestalt  noch  an 
die  der  Dumapalme  erinnern ,  sich  aber  von  diesen  dadurch ,  dass  ihre 
Stiele  nicht  von  der  Last  der  Blätter  herabgebeugt  Averden ,  sondern  in 
jeder  Richtung  gerade  vom  Stamme  abstehen,  vortheilhaft  unterscheiden. 
Zwischen  den  untersten  Blattstielen  brechen  die  Fruchthalter  hervor, 
in  denen  die  in  Trauben  gereiheten,  braunen,  kopfgrossen  und  essbaren 
Früchte  hängen.  Erst  wenn  sie  abgefallen  sind,  kann  man  sich  ihrer 
bemächtigen,  denn  die  Dulehbpalme  ist,  wie  ich  mich  durch  mehrere 
Versuche  überzeugt  habe,  unersteiglich. 

Gern  möchte  ich  meinen  Lesern  noch  ähnliche  Bilder  zeichnen, 
wenn  ich  meine  Schwäche  nicht  gar  zu  lebhaft  fühlte.  Der  Laie  vermag 
es  nicht,  einzudringen  in  die  Geheimnisse  einer  so  grossartigen  Pflan- 
zenwelt. Ich  muss  es  mir  versagen;  will  aber  noch  einen  Ueberblick 
über  die  interessantesten  Klassen  der  Fauna  jener  Wälder  hier  fol- 
gen lassen. 

Wenden  wir  uns  zunächst  zu  den  Insekten.  Es  lässt  sich  erwarten, 
dass  eine  so  reiche  Vegetation  das  Gedeihen  und  die  Ausbildung  dieser 
so  sehr  an  die  Pflanzen  gebundenen  Thierklasse  begünstigen  muss. 
Wir  finden  desshalb  auch  fast  alle  Ordnungen  dieser  grossen  Klasse  in 
namhafter  Arten-  und  Lidividuenzahl  vertreten,  von  den  Coleopteren  an^ 
bis  zu  den  Heteropieren  herab.  Die  am  Meisten  ins  Auge  fallenden  Kä- 
fer scheinen  mit  am  Reichsten  repräsentirt  zu  sein.  Die  Prachtkäfer : 
Bupresten,  umfliegen  bei  Tage  die  blühenden  Mimosen,  und  spiegeln, 
wenn  sie  sitzen,  ihre  glänzenden  Flügel  in  der  Sonne,  um  deren  Pur- 
purstrahlen ,  welche  selbst  durch  den  auf  die  Flügel  gehauchten  Gold- 
staub hindurchschimmern,  zu  zeigen;  sie  erscheinen  in  vielen  Arten  und 
so  zahlreichen  Individuen,  dass  man  mehrere  Dutzende  von  einem  Bäum- 
chen ablesen  kann.  An  allen  sonnigen  und  feuchten,  graslosen  Stellen 
sieht  man  prachtvolle  Sandkäfer:  Cicindelen,  sich  fliegenartig  in  der  Luft 
oder  auf  dem  Sande  herumtummeln,  sie  sind  scheu  und  nur  in  der  Frühe 
des  Morgens  leicht  zu  erlangen,  wo  sie  dicht  neben  einander  an  den 
th  anfeuchten  Grashalmen  der  Flussufer  hängen  und  ohne  besondere 
Mühe  massenweise  „geschöpft"  werden  können.  Nach  den  Untersuch- 
ungen des  Herrn  Professor  Ajyetz  in  Altenburg  haben  wir  sechs 
Arten  dieser  ausgezeichneten  Käfer  aufgefunden.  Von  den  Laufkäfern: 
Carabicinen,    hat  derselbe  bis  jetzt   aus   unseren  Sammlungen  33  Arten 


217 

bestimmt,  von  den  Glanzkäfer^:  Cetonien,  glaube  ich  ohngefähr  sechs 
Arten  beobachtet  zu  haben.  In  den  Lachen  wimmelt  es  von  Wasser- 
käfern und  Spielern :  Hydrocantharen,  letztere,  die  Gyriniden,  von  denen 
wir  fünf  Arten  mitgebracht  haben,  tanzen  zu  Hunderten  in  jeder  Uferbucht, 
hinter  jedem,  die  Strömung  mindernden  Busche  auf  der  Oberfläche  des  Was- 
sers herum ;  erstere ,  die  Dyticiden,  kommen  zwar  in  mehren  Arten  vor 
—  Herr  Prof.  Apetz  hat  neun  bestimmt  —  sind  aber  schwerer  zu  erbeu- 
ten. Die  Dung-  und  Aaskäfer  sind  in  der  Xähe  jeder  Rinderheerde  zahl- 
reich zu  finden  und  zeichnen  sich  durch  Reichhaltigkeit  der  Arten  aus. 
Unter  den  ersteren  nennen  wir  die  bekannte  Copris  Isidis,  welche 
man  aus  ihren  6  —  S  Fuss  tiefen  Erdhöhlen  vermittelst  eingeschütteten 
Wassers  vertreibt,  die  durch  ihre  Grösse  und  Körpergestalt  auffällt. 
Springküfer:   Elateriden,  und  Rüsselkäfer :  Rhynchophoren  sind  gemein. 

Die  stechenden  Insekten  der  Wälder  sind  nicht  minder  zahlreich. 
Um  jedes  gefallene  Thier  sammeln  sich  grosse,  gefährliche  Hornissen 
zu  Hunderten,  fressen  gierig  von  dessen  Fleisch  und  stechen  heftig: 
unter  den  Wespen  sind  die  Goldwespen:  Chrysididen,  vorzüglich  ausge- 
prägt. Diese  prachtvollen,  intelligenten  Thiere  werden  oft  zu  einer 
wahren  Plage  für  den  Reisenden,  zumal  weil  sie  Avegen  ihres  schmucken 
und  unschuldigen  Aeussern  oft  verkannt  und  gern  gefangen  werden. 
Eine  Art  derselben  kommt  häufig  in  die  Wohnungen :  sie  gleicht  einem 
leuchtenden  Smaragd  an  Farbe,  und  ist  ein  Avahrer  Teufel  an  Bösartig- 
keit, denn  sie  sticht  sehr  empfindlich.  Aechte  Honigbienen  gibt  es  auch. 
Die  freien  Neger  sammeln  ihren  Honig  in  grosse  Barahm  oder  Töpfe, 
betrachten  ihn  als  Leckerbissen  und  halten  ihn  hoch  im  Preise. 

Auffallend  ist  es,  dass  man  wenig  Schmetterlinge  bemerkt.  Die  Tag- 
falter,  unter  denen  die  Ritter  am  Meisten  hervortreten,  fallen  eher  ins 
Auge,  als  die  Nachtschmetterlinge,  sind  aber  weit  weniger  zahlreich,  als 
diese,  sowohl  an  Arten,  als  an  Individuen.  Dies  hat  vielleicht  seinen 
Grund  darin,  weil  die  Puppen  der  Xachtschmetterlinge  mehr  Zeit  zu 
ihrer  Ausbildung  brauchen  und  desshalb  die  trockene  Jahreszeit  leichter 
überstehen,  als  die  Tagschmetterlinge.  Diese  erreichen,  wie  bemerkt, 
in  den  Papilioniden  ihre  höchste  Ausbildung,  und  tragen  oft  eine  erstau- 
nenswerthe  Farbenpracht  zur  Schau.  Mit  Gelb  und  Schwarz  in  allen  Misch- 
ungen scheinen  sie  mehr  als  den  übrigen  Farben  bevorzugt  zu  sein.  Alle 
grossen  Tagfalter  sind  sehr  scheu  und  verlieren  sich,  wenn  sie  sich  ver- 
folgt sehen,  bald  in  den  höchsten  Wipfeln  der  Bäume.  Dabei  gaukeln 
sie  mit  solcher  Leichtigkeit  über  Dornenhecken,  Graswälder,  Büsche, 
Gräben  und  Lachen  hinweg,  welche  der  schwerbesehiihete ,  unter  der 
Tropensonne  keuchende  Fänger  durchkriechen,  durchwinden,  umgehen 
oder  durchwaden  muss,  dass  er  gewöhnlich  nur  das  Nachsehen  hat. 

Für  die  Dipteren  sind  die  tropischen  Waldgegenden  ein  Paradies. 
Die  Biesfliegen  sind  ungemein  zahlreich.  Wahrscheinlich  gehört  der  Tu- 
bahn der  Araber  hierher.     Es  ist  die  „Fliege",   welche  sie  zwingt,  sich 


2j8 

mit  ihren  Rinder-  und  Kamelheerden  während  der  Regenzeit  in  die  höch- 
sten und  trockensten  Stellen  der  Chala  zu  flüchten.  Man  hat  behaup- 
tet, dass  dieses  Thier  die  Hauptursache  von  dem  unfehlbaren  Zugrunde- 
gehen des  Kamels  südlich  des  13''  n.  Br.  ist.  Ich  selbst  habe  es  nie 
gesehen,  und  auch  nie  eine  genügende  Beschreibung  erhalten.  Die  mir 
von  den  Nomaden  gegebenen  Mittlieilungen  sind  naiv  genug.  „Der  Tu- 
bahn" sagen  sie  „kommt  in  grosser  Anzahl  zu  den  Kamelen ,  und  da 
sterben  sie  davon."  „„Nun,  und  Avas  ist  der  Tubahn?""  „Kennst 
Du  den  Tubahn  nicht?  Es  ist  eben  derTubahn."  So  ungefähr  beschreiben 
diese  Leute  ein  Thier,  welches  keine  Haare,  keine  Federn  hat,  nicht 
schreit,  keine  nachzuahmenden  Bewegungen  macht,  und  als  „ein'  Ge- 
schenk des  Teufels —  „aus  billahi  aaleihn" — (vor  dem  uns  Gott  schützen 
möge)  angesehen  wird. 

Unter  die  Ordnung  der  Dipteren  —  bei  deren  Erwähnung  ich  meine 
grosse  Unkenntniss  gern  zugestehen  will  —  gehören  bekanntlich  auch 
die  Quälgeister  der  Tage  und  Nächte  jener  Gegenden,  die  gierigen, 
heisshungrigen  Fliegen,  zu  deren  Entwehrung,  wenn  sie  von  Nutzen 
sein  sollte,  der  Mensch  eine  eigene  Hand  haben  müsste;  und  die  der 
Hölle,  d.  h.  den  auch  ausserdem  viel  Böses  und  Schädliches  bergenden 
Sümpfen,  entstammten  Musquitos.  Jede  Beschreibung  der  Art  und  Weise 
wie  diese  Dämonen  in  Mückengestalt  auftreten,  misslingt;  jede  Schil- 
derung der  Pein  und  Unannehmlichkeit,  welche  sie  verursachen,  bis  sie 
ihren  glashellen  Leib  mit  dem  Blute  so  eines  armen  Menschenkindes 
gemästet  haben,  bleibt  hinter  der  Wirklichkeit  zurück.  Ehe  man  noch 
die  von  den  saugenden  Rüsseln  der  Tagfliegen  schmerzenden  Augen- 
lider schliesst  —  denn  die  afrikanischen  Fliegen  sind  im  Vergleich  mit 
ihren  weit  harmloseren  europäischen  Collegen  raffinirte  Bösewichter; 
kriechen  dutzendweis  in  die  Ohren,  die  Nase,  die  Augen,  soweit  sie 
können,  auch  in  den  Mund,  und  lassen  sich  nicht  so  leicht  vertreiben, 
wie  eine  gesittete  norddeutsche  Hausfliege  — ,  verdunkelt  sich  die  Luft 
von  den  Schwärmen  der  Musquitos.  Jede  im  Schatten  gewesene  Blatt- 
seite, jeder  Rohrstängel,  jedes  Schilf blatt,  jeder  Grashalm,  speit  diese 
Nichtswürdigen  aus  zur  Qual  der  Menschen  und  Thiere;  sie  sind  da, 
um  ihr  Marteramt  zu  verrichten,  und  sollten  sie  aus  den  Wolken  her- 
unterkommen. Unter  unheilkündendem  Summen  nähern  sie  sich  ihrem 
ausersehenen  Opfer;  die  Kreise,  die  sie  in  ihrem  Fluge  beschreiben, 
werden  enger,  die  Furcht,  —  ich  darf  wohl  diesen  Ausdruck  brauchen 
—  wächst  mit  der  Dunkelheit  des  Abends,  denn  ein  unsiohtbarer  Feind 
ist  furchtbarer,  als  ein  sichtbarer.  Der  seinem  Feinde  mit  Todesver- 
achtung im  Kampfe'  gegenüberstehende  Neger  des  weissen  Flusses 
fürchtet  sich  vor  den  Musquitos  und  bettet  sich  in  einen  Aschenhaufen, 
der  Europäer  säubert  sein  Gacenetz,  zieht  es  sich  über  den  Kopf,  bläst 
Tabaksdampf  in  alle  Falten  desselben,  schläft  ein  und  wacht  von  dem 
Jucken  wieder  auf,  welches  die  Stiche  von  einigen  Dutzend  dieser  Pei- 


219 

niger,  die  doch  unter  das  Netz  gekommen  sind,  ihm  verursachen.  Jede 
Nacht  wiederholt  sich  diese  Plage;  jede  Nacht  beginnt  und  endet  mit 
Verwünschungen  gegen  sie.  Man  muss  das,  jeder  Bequemlichkeit  baare 
Lager  eines  Reisenden  im  Innern  Afrikas  kennen,  man  muss  monate- 
lang allnächtlich  von  den  Musquitos  zerstochen  worden  sein ,  um  diese 
Plage  wirklich  begreifen  zu  können.  Zur  Zeit  der  Dürre  ist  es  etwas 
besser,  Musquitos  giebt  es  aber  das  ganze  Jahr.  — 

Auch  von  den  Netzflüglern :  Neuropteren ;  finden  wir  in  den  Tropen 
Afrikas  viele  Familien,  Geschlechter  und  Arten.  Die,  Sparrwerk  und 
Bäume  zerstörenden  Termiten,  welche  sich  würdig  an  die  Musquitos  an- 
schliessen,  gehören  mehr  der  Steppe,  als  den  Urwäldern  an :  sie  sind 
die  schädlichsten  Gesellen  dieser  Ordnung.  Von  den  harmlosen  Flor- 
fliegen oder  Perliden  kennt  man  mehrere  Geschlechter  im  Sudahn.  Eine 
Art  der  dieser  Familie  nahe  stehenden  Sialiden  fanden  wir  oft  zvi  Hun- 
derten an  den  Mimosenstämmen  schattiger,  wasserreicher  Urwälder 
hängen,  wo  sie  von  den  Vögeln  begierig  aufgesucht  werden.  Die  Fliege 
hatte  einen  köstlichen,  rosenölartigen  Geruch,  und  theilte  diesen  den 
Vögeln  mit. 

Afrika  ist  das  Land  der  Orthopteren.  Während  des  Charief  fressen 
grosse  Vögel  nichts  als  Heuschrecken.  Man  sieht  den  heiligen  Ibis  in 
langen  Zügen  nach  der  Steppe  wandern  und  findet,  wenn  er  von  da 
zurückkommt,  sechzig  bis  achtzig  dieser  Thiere  in  seinem  Kröpfe.  Er 
füttert  damit  seine  fressbegierige  Brut  gross.  Selbst  Störche  und  Kra- 
niche, sogar  Falken  verschmähen  es  nicht,  auf  Heuschrecken  Jagd  zu 
machen.  Ihre  Anzahl  übersteigt  alle  Begriffe ;  ich  glaube ,  schon  die 
Artenzahl  der  in  Afrika  vorkommenden  Mantiden,  Phasmiden,  Acrididen, 
Locustiden  und  anderer  Familien  dürfte  vier  bis  fünfhundert  überstei- 
gen. Einige  Arten  des  sonst  ziemlich  seltenen  „fliegenden  Blattes^': 
Phyllium;  sind  in  den  Urwäldern  häufig. 

Aus  der  Ordnung  der  Heteropteren  nenne  ich  die  Wasserwanzen : 
Hydrocoren  ;  und  Schildwanzen:  Scutellerideu  ;  als  häufige  Erscheinungen 
der  innerafrikanischen  Thierwelt:  die  Aphanipteren  verschwinden  zum 
grössten  Theile  innerhalb  des  Wendekreises.  Unser  Pulex  irritans, 
der  in  Egypten  in  den  Kleidern  der  feinsten  europäischen  Löwen  ein 
gar  lustiges  Leben  führt,  plagt  die  Sudahnesen  nicht.  Dafür  haben 
sie  aber  um  so  mehr  mit  Parasiten  zu  kämpfen,  und  werden  ihrer  nie 
Herr.  Die  Thierchen  haben  die  Farbe  ihres  Körpers,  bei  den  Negern 
sind  sie  schwarz,  also  jedenfalls  andere  Arten,  als  die  unsrigen. 

Während  wir  bei  den  niedern  Thieren  Afrikas  noch  fortwährend 
an  europäische  Formen  erinnert  werden:  tritt  die  Eigenthümlichkeit 
und  Selbstständigkeit  der  afrikanischen  Fauna  bei  den  Wirbellhieren  so 
deutlich  hervor,  dass  oft  gar  keine  Vergleichung  afrikanischer  Typen 
mit  europäischen  zulässig  ist.     Ich  brauche  wohl  nur  an  das  urweltiiche 


220 

Kleeblatt;  Elephant,  Nilpferd  und  Nashorn,  dem  sich  als  passende  Zugabe 
noch  das  Krokodil  anschliesst^  zu  erinnern ,  um  verstanden  zu  werden. 
Wenn  wir  die  Repräsentanten  einer,  Europa  und  Afrika  gemeinsam 
angehörenden  Form  mit  einander  vergleichen,  finden  wir,  dass  die  afri- 
kanischen Thiere  gewöhnlich  kleiner,  aber  farbenprcächtiger  sind,  als 
die  europäischen.  Bei  der  Klasse  der  Vögel  kann  diese  Erscheinung 
als  Gesetz  aufgestellt  werden,  dessen  Begründung  sich  bei  den  (im 
engeren  Sinne  genommenen)  Familien  der  langliälsigen  Geier :  -Gyps,  bei 
^QX^^Y Seeadler:  Haliaetos;  der  Adler:  Aquila;  Falken:  Falco;  Sperber:  Ni- 
sus ;  Eulen:  Bubo,  Otus,  etc.;  schwalhenartiger  Vögel:  Chelidones;  Kukuke: 
Cucuhis, Chrysocopus  ;  Haben:  Corvus;  Spechte:  Picus,  Dendrobates;  Wür- 
ger: Lanius;  Dickschnäbler:  Loxiadae;  ^w</«er« .- Emberica ;  Sänger:  Syl- 
vidae;  Tauben:  Columba,  Turtur,  Peristera;  Hühner:  Gallinaceae;  Trap- 
pen: Otis ;  Störche:  Ciconia;  Löffler :  Platalea  und  anderen  nachweisen 
lässt.  Dass  bei  der  Klasse  der  Amphibien  mehr  oder  weniger  das  Um- 
gekehrte stattfindet,  scheint  seinen  Grund  in  den,  der  Ausbildung  för- 
derlichen Verhältnissen  des  Erdtheils  zu  haben.  Bei  den  Säugethieren 
lässt  sich  das  Gesetz  aber  ebenfalls  auf  viele  Sippen :  Gattungen ,  an- 
wenden, so  z.B.  auf  die  Luchse:  Lynx;  Füchse:  Vulpes ;  Hasen:  Lepus 
und  andere. 

Die  Fische  der  Flüsse  Ost-Sudahns  oder  der  Gegend,  deren  Fauna 
ich  aufzähle,  sind  bis  jetzt  gar  nicht,  oder  nur  in  sehr  wenigen  Arten 
wissenschaftlich  bestimmt  worden.     Ich  kenne  sie  nicht. 

Ungleich  zahlreicher  als  die  Fische  sind  die  ebenfalls  an  die  Flüsse 
gebundenen  Amphibien,  welche  w^iederum  von  den  Reptilien  an  Familien, 
Arten  und  Individuen  übertroften  M'^erden.  Von  ersteren  kennt  man  bis 
jetzt  einige  Schleichen  und  Schwanzlurche :  Apoda  und  Caudata.  Die 
froschähnlichen  Thiere:  Ecaudata  sind  ziemlich  häufig,  und  zwar  die 
ächten  Frösche  mehr,  als  die  Kröten,  Laubfrösche  und  Unken.  Während 
der  Regenzeit  hört  man  in  jeder  Lache  die  bekannten  Concerte  dieser 
Thiere. 

Die  Klasse  der  Reptilien  zeichnet  sich  durch  einen  ausserordent- 
lichen Reichthum  an  Sauriern  und  Serpenten ,  und  eine  ebenso  grosse 
Armuth  an  Cheloniern  aus.  Die  Saurier,  von  der  Rieseneidechse,  dem 
Krokodil,  an  bis  zu  den  Chironten  und  Schleichen  herab,  rasseln  durch 
das  Gras  und  das  dürre  Laub  der  Wälder  in  übergrosser  Zahl.  Auf 
dem  Geäst  der  Bäume  jagen  die  bedächtigen ,  langsamen  Chamaeleonen, 
an  kühlen,  dunklen  Orten  (z.  B.  in  Häusern,  zwischen  Felsenritzen,  in 
Höhlen  etc.)  die  nächtlich  nur  erscheinenden  Gekonen  den  Insecten  nach. 
Wenn  man  die  ächten  Eidechsen  wegen  ihres  Farben glanzes  bewundert, 
gewinnt  man  die  unschuldigen  Chamäleonen  und  Gekonen  wegen  ihrer 
Gemüthlichkeit  lieb.  Erstcre  lassen  sich  bis  zu  einem  gewissen  Grade 
zähmen,  nehmen  ihrem  Wärter  Insecten  aus  der  Hand,  erfreuen  ihn 
durch  ihr    ewig   wechselndes  Farbenspiel,    und    sind    mit    einem    Worte 


221 

i 

recht  artige  Stubengeiiossen :  nur  leben  sie  leider  nicht  lange  in  der 
Gefangenschaft.  Die  Schnelligkeit  der  übrigen  Familien  dieser  Ordnung 
scheint  bei  ihnen  nur  auf  die  unsteten,  nimmer  müden  und  von  einan- 
der unabhängigen  Augen,  von  denen  sich  eins  in  die  Höhe  richtet, 
während  das  andre  zu  Boden  blickt,  das  eine  sich  rückwärts  und  das 
andere  vorwärts  dreht,  oder  still  steht,  Avährend  das  andere  sich  bewegt, 
und  auf  die  blitzschnell  5  Zoll  weit  aus  dem  Rachen  hervorschiessende 
Zunge  reduzirt  zu  sein.  Man  hat  geglaubt,  dass  das  Chamäleon  seine 
Hautfarbe  wechsle,  um  sie  den  es  umgebenden  Gegenständen  zu  accom- 
modiren.  Ich  bezweifle  diese  Meinung,  weil  sie  nicht  mit  meinen  Be- 
obachtungen übereinstimmt.  Dagegen  glaube  ich  bemerkt  zu  haben, 
dass  Gemüthsbeweguugen  und  Aeusserungen  des  Gemeingefühls,  als 
Hunger,  Durst,  Bedürfniss  nach  Schlaf,  Sättigung,  Kitzel*)  etc.  wesent- 
lichen Einfluss  auf  die  Farbenveränderungen  des  Thieres  haben.  — ■ 
Die  Gekoneu  haben  zwar  ein  weniger  hübsches  Aeussere,  als  die  Vori- 
gen —  sie  werden  wegen  ihrer  mächtigen  Gestalt  und  Farbe  sogar  oft 
für  giftig  gehalten  und  deshalb  verfolgt  — ,  besitzen  aber  viele  Eigen- 
schaften, welche  diesen  Mangel  vergessen  lassen,  und  sie  mindestens 
interessant  machen.  Mit  dem  Einbruch  der  Nacht  verlassen  sie  ihre 
Schlupfwinkel  und  rufen  laut  und  frühlich  ihren  Namen:  Geck,  Geck; 
langsam  schleichen  sie  hervor  und  wandern  nach  Beute  im  Zimmer 
umher.  Ihre  Klebefinger  setzen  sie  in  den  Stand,  senki^echte  und  wag- 
rechte Flächen ,  letztere  von  beiden  Seiten,  d.  h.  auch  mit  dem  Rücken 
nach  unten  gekehrt,  zu  begehen :  daher  laufen  sie  mit  aller  Gemäch- 
lichkeit an  der  Zimmerdecke  umher.  Hände  und  Augen  sind  bei  ihnen 
vorzüglich  ausgebildet.  Erstere  besitzen  4  oder  5  breite  Zehen  mit 
querlaufenden  Hautfalten  und  mittelgrossen  Nägeln ;  letztere  haben  das 
Unheimliche  der  Augen  aller  übrigen  Reptilien  verloren,  und  einen 
sanften,  wirklich  lieblichen  Ausdruck. 

Von  den  Wcwneidechsen:  Monitores,  finden  wir  den  in  Egypten  ge- 
wöhnlichen Waran:  M.  niloticus,  auch  in  den  Urwäldern  wieder.  Er 
wird  an  menschenarmen  Orten  oft  bis  8  Fuss  lang  und  liegt  während 
der  Nachmittagsstunden  sich  sonnend  an  den  Ufern  der  Ströme,  in  deren 
Fluthen  er  beim  Erscheinen  eines  Menschen  sogleich  verschwindet. 
Obgleich  seine  langen  Zehen  keine  Schwimmhäute  haben,  ist  er  doch 
ein  trefflicher  Schwimmer  und  Taucher.  Wahrscheinlich  lebt  er  eben- 
falls fast  nur  von  Insekten.  Seine  Hautfarbe  ist  grünlich  grau,  er  ist 
äusserst  behend  und  eben  so  harmlos,  als  die  übrigen  ächten  Eidechsen. 

Diese  letzteren,  wenn  sie  auch  in  den  Wäldern  gemein  sind,  ge- 
hören eigentlich  der  Steppe  an,  und  sollen  bei  der  Beschreibung  dieser 
ihre  Stelle  finden.  Die  Jguanier  und  Cyclosaurier  kommen  in  mehreren 
Gattungen  vor. 

*)  Observavimus  colorem  CLaniaeleonis  in  actu  eoitus  lacteam  fieri. 


232       , 

Leider  fehlt  es  in  den  Wäldern  auch  nicht  an  den  gefährlichsten 
aller  ;Reptilieii,  den  Schlangen.  Es  gibt  Schlangen,  deren  Giftzahn  einen 
Menschen  binnen  einer  halben  Stunde  rettungslos  tödtet,  und  welche 
ungeachtet  ihrer  Furchtbarkeit  nur  anderthalb  Fuss  lang  sind ;  ich 
kenne  sie  nur  aus  den  Beschreibungen  der  Eingebornen.  Andere,  z.  B. 
die  gefürchtete  Brillenschlange,  werden  vier  bis  sechs  Fuss  lang,  und 
geben  den  Klapperschlangen  an  Bösartigkeit  und  Gefährlichkeit  Nichts 
nach.  Man  ist  vor  diesen  Ungeheuern  keinen  Augenblick  sicher,  weder 
im  Walde,  noch  im  Hause;  sie  besuchen  selbst  die  Wohnungen  der 
Städte.  Unter  die  giftlosen  Schlangen,  die  wahrscheinlich  viel  zahl- 
reicher sind^  als  die  giftigen,  ist  die  Assala  der  Eingebornen  (eine  Boa?), 
deren  ich  schon  Erwähnung  gethan  habe.  Kleine  unschädliche  Nattern 
sind  gemein.  — 

Von  diesen  unheimlichen  Geschöpfen  gehen  wir  um  so  lieber  zu 
den  lieblichsten  aller  Waldbewohner_,  den  Vögeln,  über,  als  sich  gerade 
unter  ihnen  die  schönsten  und  interessantesten  Erscheinungen  der  Fauna 
Central- Afrikas  befinden.  Die  Ornis  der  tropischen  Wälder  ist  unge- 
mein reich  an  Arten  und  Exemplaren,  zu  denen  sich  noch  während  un- 
sers  Winters  die  aus  Europa  kommenden  Wandergäste  gesellen.  Es 
gibt  gewisse  Sammelplätze,  d.  h.  holz-  und  wasserreiche  Stellen  in  den 
Wäldern,  die  nahe  an  hundert  Arten  und  eine  nicht  zu  berechnende 
Individuenzahl  von  Vögeln  beherbergen.  Ohne  sie ,  die  lebensfrohen, 
munteren  und  stimmbegabten  Thiere  würden  die  Wälder  ungeachtet 
ihrer  übrigen  Fauna  todt  sein.  Sie  sind  es,  welche  durch  ihre  heitere 
Lebenslust  erst  das  Leben  der  Wälder  erwecken.  Während  die  grös- 
seren Vögel,  die  gewöhnlich  stumm  sind,  sich  erst  durch  ihr  Erschei- 
nen bemerklich  machen,  verkündigen  die  kleineren  ihr  Dasein  lange 
vorher,  ehe  sie  sichtbar  werden.  Ich  habe  das  Bild  der  Vogelwelt  zu 
schildern  versucht,  wie  es  sich  uns  beim  ersten  Eintritt  in  den  Urwald 
darstellt,  dringen  wir  jetzt  etwas  tiefer  in  diesen  ein. 

Man  kommt  bei  einer  Trennung  der  Steppe  und  des  Waldes  oft  in 
Verlegenheit,  einem  Thiere  seinen  richtigen  Platz  anzuweisen.  Gerade 
im  Sudahn  sieht  man  häufig  Steppenvögel  in  den  Wäldern,  welche 
Wasser  enthalten,  um  dort  zu  trinken,  während  wiederum  ächte  Wald- 
bewohner sich  zuweilen  weit  hinaus  in  die  Chala  verirren.  Ich  ziehe 
derartige  Vögel  dann  zu  dem  Bereiche,  welcher  der  Brutort  derselben 
ist.  Deshalb  gehören  die  überall  vorkommenden  grossen  und  kleinen, 
langhälsigen  und  dickköpfigen  Geier:  Neophron,  Gyps,  Otogyps,  Vultur, 
den  Urwäldern  an,  weil  diese  ihren  Horst  enthalten.  Wir  kennen  in 
Nord-Ost-Afrika  sieben  Arten  dieser  überaus  nützlichen  und  gewaltigen 
Thiere,  wobei  eine  früher  unbekannte  Art,  welche  von  mir  entdeckt  und 
benannt  wurde,  mitgezählt  ist.  Als  vermittelndes  Bindeglied  zwischen 
ihnen  und  den  Edeladlern:  Aquila,  findet  sich  der  vollstimmige  Seeadler 
Levaillants:  lialiaetos  vocifer,  der  Abu-Tohk   der  Araber.     Er  ist  ein 


S28 

prachtvoller  Vogel,  der  seine  nordischen  Gattungsverwandten  an 
Schönheit  des  Gefieders  weit  übertrifft,  ihnen  aber  an  Körpergrösse  nach- 
steht. Der  Kopf,  Hals,  die  Kehle,  der  Nacken  und  Schwanz  sind 
schneeweiss;  Brust,  Bauch  und  ein  Theil  des  Flügels  zimmtbraun,  das 
übrige  Gefieder  schwarz.  Man  muss  sich  den  Seeadler  auf  dem  Wipfel 
eines  grünbelaubten,  dicht  am  Ufer  eines  Stromes  stehenden  Baumes 
denken,  um  sich  von  seiner  erst  dann  hervortretenden  Schönheit  einen 
Begriff  zu  machen.  Während  unser  Vogel  in  der  Nähe  der  Menschen 
sehr  scheu  ist,  schaut  er  in  den  Urwäldern  dem  Schützen  dreist  ins 
Rohr,  und  ist  dort  leicht  zu  erlegen.  Er  verzehrt  nur  Fische  oder  auf 
dem  Flusse  schwimmendes  Fleisch;  Vögel  und  Säugethiere  scheint  er 
nicht  zu  fangen ;  wenigstens  habe  ich  gesehen,  dass  ein  Regenvogel  kühn 
genug  war,  mit  ihm  zugleich  von  einem  Fische  zu  fressen.  Seinen 
weitschallenden  Ruf  vernimmt  man,  ehe  man  ihn  sieht. 

Unter  den  Edeladlern  fehlen  die  grossen  nördlichen  Formen,  wie 
Stein-  und  Kaiseradler ,  und  nur  die  Schreiadler\  Europas  finden  in  allen 
ihren  sehr  subtilen  Arten  und  Unterarten,  in  den  Raubadlern,  von  wel- 
chen wir  drei  Arten  mit  Bestimmtheit  anzunehmen  berechtigt  sind,  ihre 
Vertreter.  Während  des  Winters  begegnen  wir  auch  Bonellis  und  dem 
gestiefelten  Adler:  A.  Bonelli  und  pennata,  in  den  Wäldern.  Nur  den 
Wäldei'n  eigenthümlich  ist  die  von  Baron  Müller  entdeckte  und  nach 
mir  benannte  Aquila  Brehmii.  Ziemlich  südlich  tritt  zu  den  Genannten 
der /r(r!fMJen«<//er  Levaillants :  Spizaetos  occipitalis,  ein  kleiner  schwarzer 
Adler  mit  hohen  Füssen  und  kurzen  Flügeln.  Er  ist  ein  gewandter 
Flieger,  aber  ein  ziemlich  träger  Vogel,  der  sich,  wenn  er  aufgebäumt 
hat,  stundenlang  damit  beschäftigt,  seine  aus  drei  bis  vier  Zoll  langen, 
schwarzen  Federn  bestehende  Haube  aufzurichten  und  niederzulegen. 
Seine  Erscheinung  erinnert  an  den  Habicht;  diesem  gleicht  er  auch  an 
Kühnheit,  denn  er  nimmt  selbst  die  bissigen  Erdeichhörnchen  vom 
Boden  auf,  obgleich  er  sich  sonst  nur  von  Ratten  und  Mäusen  ernährt. 
Die  Afi'en  lässt  er,  wie  alle  übrigen  Adler,  ungeschoren,  weil  er  den  ver- 
einigten Angriff  einer  ganzen  Gesellschaft  mit  Recht  fürchtet.  Biswei- 
len, aber  äusserst  selten,  verirrt  sich  auch  unser  Fischadler:  Pandion 
haliaetos,  bis  in  die  Wälder  des  Sudahn. 

DerNaumann'sche  Adlerbussard:  Buteaetos  rufinus,  welcher  Egypten 
angehört,  gelangt  streichend,  denn  er  wandert  nicht,  einzeln  in  unser 
Terrain,  und  findet  dort  drei  seiner  Verwandten,  den  Bvteo  Augur ,  exi- 
niius  und  senegalensis.  Die  in  Egypten  häufigen  Milane  und  Gleitaare: 
Milvus  parasiticus  und  Elanus  melanopterus  scheinen  die  Wälder  nicht 
zu  lieben. 

Dagegen  treffen  wir  die  Edelfalken  und  unter  ihnen  vorzüglich  die 
Wanderfalken  als  sehr  zufriedene  Bewohner  der  Wälder.  Unser  Falco 
peregrimis  sieht  sich  auch  manchmal  in  ihnen  um,  fliegt  am  blauen  Fluss 
bis  Rosseeres  hinauf^  beneidet  seine  Sippschaft  um  ihr  sorgenfreies  Le- 


224 

ben,  kehrt  aber,  weil  er  sich  würdig  vertreten  sieht,  bald  wieder  in 
seine  nordischen  Fichten-  und  Föhrenwaldungen  zurück.  Seine  Reprä- 
sentanten sind  der  südliche  Wanderfalke,  der  mittelafrikanische,  Feldeggs- 
und  der  Nackenfalke:  Falco  tanypterus,  biarmicus,  Feldeggii  und  cervi- 
calis,  welche  die  tropischen  Wälder  selten  oder  nie  verlassen.  Man 
begegnet  ihnen  oft.  Hoch  oben  auf  den  letzten  Aesten  einer  Tabaldie  sitzen 
sie  und  spähen  nach  Beute  umher,  stürzen,  wenn  sie  dieselbe  gewahren, 
blitzschnell  herab,  ergreifen  sie  und  kehren  langsamer  zu  ihrer  Warte 
zurück.  Der  schönste  Vogel  dieser  Gruppe  ist  der  rothhülsige  Falke: 
Falco  ruficollis.  Er  ist  die  Zierde  der  Wälder  und  zeigt  den  Wander- 
falken in  höchster  Pracht;  ist  aber  kleiner,  als  unser  Baumfalke.  An 
Kühnheit  gibt  er  seinen  Verwandten  Nichts  nach,  an  Schnelligkeit  über- 
trifft er  alle  mir  bekannten  Falken.  Ich  habe  unter  seinem  Horste  den 
schnellsten  aller  Flieger:  Cypselus  parviis,  gefunden  und  später  gesehen, 
wie  ein  Falkenpaar  einem  dieser  Segler  so  lange  nachjagte,  bis  dieser 
von  einem  seiner  Verfolger  ergriffen  wurde.  Der  Lieblingsaufenthalt 
dieses  überaus  zierlichen  Vogels  sind  die  Dulehbpalmen,  auf  deren  brei- 
ten Blättern  er  seinen  Horst  erbaut  und  friedlich  neben  einer  grossen 
Taube:  Columba  guinea,  nistet.  Seine  Nahrung  sucht  er  sich  spielend. 
Wie  ein  Pfeil  vom  Bogen  stürzt  er  sich  unter  einen  der  zahlreichen 
Webervogelschwärme,  und  weiss  sich  stets  einen  dieser  Vögel,  welcher 
zu  seiner  Sättigung  für  einen  Tag  ausreicht,  zu  verschaffen.  Auch  liebt 
er  die  höchsten  Spitzen  der  Adansonien.  Der  merkwürdige  Falco  con- 
color  ist  eine  ungleich  seltenere  Erscheinung. 

Im  Winter  kommen  die  Thurm-  und  Röthelfalken :  Cerchneis,  in 
unser  Revier,  und  werden  dort,  weil  sie  einzig  und  allein  Heuschrecken 
verzehren,  zu  wahren  Wohlthätern  für  dasselbe.  Unsere  Habichte  und 
Sperber  sind  durch  die  ziemlich  plumpe  Form  der  Sippe  Melierax, 
zu  welcher  der  Singfalke  gehört,  vertreten.  Im  Sudahn  kommen  zwei 
Arten  M.  prjlyzonus  und  M.  gahar  vor ;  der  erstere  ist  gemein.  Ein  wirk- 
licher Sperber  ist  der  gewandte  Nisus  minulus ,  der  aber  höchst  einzeln 
beobachtet  wird.  Das  alte  System  stellte  in  die  Nähe  der  Sperber  noch 
einen  der  sonderbarsten  Raubvögel  Afrikas,  den  naktwangigen  „Sperber": 
Nisus  gymnogenys,  der  in  neuerer  Zeit  zum  Typus  des  neuen  Geschlechts 
Polyporoides  erhoben  worden  ist.  Er  ist  ein  höchst  auffallender  Vogel 
mit  ziemlich  einfarbigem,  blaugrauen  Gefieder,  sehr  hohen  Beinen  und 
Flugwerkzeugen,  die  einen  Adler  durch  die  Lüfte  tragen  könnten,  und 
scheinbar  in  gar  keinem  Verhältniss  stehen  zu  dem  schmächtigen  Kör- 
per des  Vogels.  Sein  Habitus  erinnert  lebhaft  an  die  stets  auffallend 
gestalteten  Reptilienfresser,  und  in  der  That  lebt  er  nur  von  diesen 
Thieren.  Im  Sudahn  gehört  er  nicht  unter  die  häufigen  Raubvögel. 
Man  sieht  ihn  zuweilen  mit  langsamen,  trägen  Flügelschlägen  von  einem 
Baume  des  lichteren  Waldes  oder  der  Steppe  zum  andern  fliegen.  Ueber 
seine  Lebensart  ist  Nichts  bekannt. 


225 

Die  Weihen  ,  das  Bindeglied  zwischen  Falketi  und  Eulen ,  gehören 
obgleich  sie  auch  in  den  Wäldern  erscheinen,  der  Steppe  an.  DerHeuglin'- 
sche  Clrciis  MüUeri  ist  kein  Weihe,  sondern  ein  zwischen  ihnen  und  den 
Bussarden  stehender  Vogel,  den  ich  Heuschreckenbussard  nennen  möchte. 
Sein  wahrer  systematischer  Name  ist  PoUornis  rufipennis.  Während  der 
Regenzeit  ist  er  auf  allen  Waldblössen  gemein,  maussert  und  frisst  Heu- 
schrecken; mit  dem  Dürrwerden  des  Grases  verschwindet  er;  Niemand 
weiss,  wohin  er  geht. 

Von  den  Eulen  haben  wir  drei  Arten  aufgefunden,  welche  drei  Ge- 
schlechtern angehören.  An  der  Stelle  unseres  Uhu  finden  wir  den  Buho 
lacieus,  anstatt  unserer  Ohreule  den  Oius  afrikanus ;  Otus  leucoiis  dürfte 
unser  Otus  hachyotos,  die  allerliebste  Passerina  jmsilla  unseren  Zwerg- 
kauz vertreten.  Europäische  Gäste  sind, in  den  Urwäldern  die  in  der 
halben  Welt  herumwandernde  kurzohrige  Eule  und  eine  Zwergohreule  ■ 
Ephialtes,  welche  sich  wegen  ihrer  geringen  Grösse  specifisch  von  E.  scops 
unterscheidet. 

Das  Geschlecht  der  Ziegen?nelker  besitzt  in  Afrika  zahlreiche  Arten 
die  aber  meist  der  Steppe  gehören.  In  den  Urwäldern  ist  der  stufen- 
schrvänzige  Ziegenmelker:  Caprimulgus  climacurus,  und  der  „Vogel  mit 
vier  Fliigeln'^-  C.  longipennis,  heimisch;  unser  67.  ^?/roi?«e«/*  erscheint  jeden 
Winter  als  Gast.  Der  stufenschwänzige  Ziegenmelker  sitzt  halbo-eschlos- 
senen  Auges,  mit  plattgedrücktem  Körper  unter  den  niederen  Mimosen- 
buschen  und  lässt  den  Jäger  nahe  herankommen,  weil  er  von  diesem 
übersehen  zu  werden  glaubt.  Zur  Paarungszeit  schnurrt  er  ebenso  ge- 
müthhch  als  unser  europäischer  Nachtschatten,  und  hat  desshalb  vmi 
den  Arabern  den  Namen  Khurre  erhalten.  Im  Fluge  nimmt  er  sich 
prachtvoll  aus;  sein  Stufenschwanz  schwimmt  wie  die  Schleppe  eines 
Gewandes  durch  die  Lüfte.  Den  Vogel  mit  vier  Flügeln  sah  ich  nie, 
weil  er  erst  unter  dem  elften  Grade  vorkommt;  aber  Alle,  die  ihn  sahen, 
stimmen  dann  überein,  dass  es  keine  phantastischere  Erscheinung  geben 
kann,  als  diesen  Vogel,  wenn  er  fliegt.  Er  ist  klein  (nur  S"  lang)  be- 
sitzt aber  an  den  Spitzen  der  Flügel  eine  sechzehn  Zoll  lange,  nackte 
J^eder  an  deren  Ende  sich  breite  Barten  befinden.  Diese  Anhängsel 
müssen  beim  Fluge  allerdings  als  zwei  andere  Flügel  erscheinen. 

Als  Repräsentant  unseres  Mauerseglers,  welcher  die  Urwälder  nur 
auf  seinem  Zuge  berührt,  sieht  man  den  schon  genannten  Cypselus  par- 
vus,  zu  dem  südlich  des  14.  o  noch  der  C.  ca/Ter  hinzutritt.  Letzterer 
nistet  wie  die  Uferschwalben  in  selbst  gegrabenen  Höhlen,  welche  er  an 
steilen  Uferstellen  anbringt.  An  der  Stelle  unserer  Eauchschwalbe  fin- 
det sich  die  rothstirnige  Glanzschwalbe:  Cecropis  rufifrons,  anstatt  unserer 
Uferschwalbe  die  kleinere  Cotyle  palustris. 

Die  farbenprächtigen  Bienenfresser  zählen  fünf  einheimische  Arten, 
welche  von  den  europäischen:  Merops  apiaster  und  M.  Savignyi  auf 
ihrem  Zuge  besucht  werden.     Unter  den  ersteren  zeichnet  sich  M.  super^ 

AUg-,  (Isutsehe  natnrhist,  Zeitung-    I 

17 


886 

hus  durch  seine  Grösse  und  Schönheit,  M.  Bulockn  durch  sein  lebhaft 
gefärbtes  Gefieder  aus.  Die  Bienenfresser  tragen  wesentlich  zur  Beleb- 
ung der  Wälder  bei.  Pärchenweise  sitzen  die  Vögelchen  auf  hervorra- 
genden niederen  Aesten  und  rufen  von  Zeit  zu  Zeit  ihr,  allen  gemeinsa- 
mes Guep,  Guep  —  welches  ihnen  ohne  Zweifel  ihren  französischen 
Namen  Gucpier  verschafft  hat  —  bis  sie  ein  fliegendes  Insekt  erspähen,  auf 
das  sie  sich  mit  grosser  Schnelligkeit  stürzen.  Ihre  Gesichtsschärfe  ist 
ausserordentlich,  sie  nehmen  selbst  kleine  Insekten  bis  auf  hundert  Fuss 
Entfernung  wahr.  Während  der  eine  Gatte  seinem  Raube  nachfliegt, 
bleibt  der  andere  ruhig  sitzen ;  ich  habe  nie  gesehen,  dass  zwei  Bienen- 
fresser um  die  Beute  gestritten  hätten.  Sie  sind  verträgliche,  höchst  ge- 
sellschaftliche und  liebenswürdige  Vögel,  welche  den  Beschauer  ebenso- 
sehr durch  ihr  schönes  Federkleid,  als  durch  ihr  Betragen  erfreuen. 

Unter  den  Eisvögeln  treten  in  den  Urwäldern  jene  merkwürdigen 
Formen  auf,  welche  die  Systematiker  Dacelo  und  Halcyon  genannt  haben. 
Die  Ornis  Centralafrikas  zählt  mehrere  Arten  derselben,  welche  sämmt- 
lich  mehr  dem  Lande,  als  dem  Wasser  angehören  und,  anstatt  der  Fische, 
Insekten  fangen.  An  unseren  Eisvogel  erinnert  die  wunderschöne  Alcedo 
coeruleocephala ,  welche  sich  von  ersterem  durch  viel  geringere  Grösse 
—  sie  ist  nur  halb  so  gross  —  und  eine  prachtvolle  Federholle,  welche 
sie  ausbreiten  und  erheben  kann,  unterscheidet.  Der  gescheckte  Eisvogel 
Egyptens :  Ceryle  rudis,  ist  hier  seltener,  als  am  Nil. 

Unser  Kukuk  ist  wie  der  sddeuropäische  Strausskukuk  nur  Gast  in 
den  tropischen  Wäldern.  Von  den  einheimischen  Arten  dieser  Familie 
haben  wir  vier  aufgefunden,  unter  denen  der  Goldkukuk:  Chal- 
cites  auratus,  der  schönste  ist.  Er  hat  ungefähr  die  Grösse  und  Ge- 
stalt unseres  Wendehalses;  sein  Purpurgetieder  wetteifert  mit  dem  der 
Glanzdrosseln  und  Honigsauger  an  metallischem  Glanz  und  an  Farbe. 
Centropus  senegalensis ,  ein  unscheinbarer,  selbst  brütender  Kukuk,  der 
beständig  nach  Ameisen  stinkt,  weiss  die  dichtesten  Gebüsche  der  Ur- 
wälder mit  derselben  Leichtigkeit,  wie  in  Egypten  die  Rohrdickichte 
zu  durchschlüpfen.  Centropus  caffcr  und  C.  superciliosus  lieben  mehr  die 
freieren  Waldparthien. 

Zu  den  gemeinsten  Waldvögeln  Üst-Sudahns  gehört  die  abyssinische 
Manielkrähc:  Coracias  abyssinica,  welche  die  unsrige  mit  kleinerem 
Körper,  aber  in  höherer  Ausbildung  darstellt.  Ihr  Schwalbenschwanz, 
dessen  äusserste  Steuerfedern  um  4  Zoll  verlängert  sind,  und  ihre  inten- 
siveren Farben  unterscheiden  sie  leicht  von  dieser.  Die  kordofanischen 
Wälder  behergen  eine  ungleich  seltenere  Art  der  Mantelkrähe,  die 
C.  naevid. 

Hedenborgs  Wüstenrahe:  Corvus  umbrinus,  ist  auch  im  Sudahn,  die 
rveissbr ästige  Krähe:  aber  C.  scapulatus,  häufiger  als  er.  Südlich  des 
13<^  begegnet  man  zuweilen  dem  äusserst  vorsichtigen  Corvultur  crassi- 
rostris ,    einem  ziemlich  grossen  Raben  mit  geierartigem  Schnabel. 


227 

Die  Nashornvögel:  Buceroditae  treten  in  zwei  Sippen  auf;  Bucorvus 
und  Tockus.  Von  ersteren  kommt  nur  eine  Art,  der  fast  (JLe  Grösse 
eines  Truthahns  erreichende,  höchst  vorsichtige  und  ziemlich  seltene 
B.  ahyssinicus  vor;  von  letzteren  sind  zwei  Arten,  T.erythrorhynchos  xm.^ 
T.  nasutus,  gemein.  Es  sind  phantastische  Vögel  mit  komischen,  ernst- 
haften Bewegungen  und  Manieren.  Im  Fluge  strecken  sie  den  Hals 
lang  aus  und  stürzen  sich,  nachdem  sie  einige  Fügelschläge  gethan  ha- 
ben^ in  einem  tiefen  Bogen  nach  unten,  erheben  sich  aber  bald  wie- 
der zu  der  früheren  Höhe.  Ihr  Flug  ist  der  der  Spechte,  ihr  Gang  der 
der  Raben.  Sie  fressen  Früchte,  Insekten  und  »Sämereien,  und  sind 
höchst  gutmüthige  Thiere. 

Schon  Gloger  bemerkt,  dass  die  Wälder  mit  harten  Holzarten  arm 
an  Spechten  sind.  Im  Sudahn  finden  wir  nur  drei  Arten  dieser  Wald- 
ti'ommler :  Picus  aethiopicus,  P,  poicephalus  und  P.  Hemprichii,  von  denen 
keine  unsern  P.  major  an  Grösse  übertrifft.  Während  die  südamerika- 
nischen Spechte  zum  Theil  ein  prachtvolles  Gefieder  haben,  besitzen 
sie  ein  sehr  unscheinbares  Federkleid.  Sie  ähneln  in  ihrem  Betragen 
unsern  Buntspechten. 

Centralafrika  ist  wie  an  Papageien,  so  an  Bartvögeln  arm;  die  tro- 
pischen Wälder  beherbergen  von  ersteren  nur  Palaeornis  cubicularis 
und  P.  Mayeri  Büppels]  von  letzteren  nur  zwei  Sippen,  Trachyphonus 
und  Laimoclon.  T.  margaritatus  scheint  die  Steppe  mehr  zu  lieben,  als 
seine  Verwandten ;  er  ist  in  Kordofahn  gemein,  während  er  an  den  Ufern 
der  Ströme  zu  den  Seltenheiten  gezählt  werden  muss.  Von  dem  Ge- 
schlecht Laimodon  haben  wir  drei  Arten :  L.  senegalensis,  hrifenalus  und 
haematops ,  aufgefunden.  Die  Bartvögel  lieben  die  dichtesten  Baum- 
wipfel, in  denen  sie  kaum  zu  entdecken  sind.  Sie  sitzen  dort  lange 
Zeit  ruhig  auf  einem  Aste  und  singen,  wenn  man  das  x\usstossen  ein- 
zelner Töne  Singen  nennen  will. 

In  Egypteu  ist  der  Wiedehopf  ein  häufiger  Vogel,  im  Sudahn  ver- 
schwindet er  fast  gänzlich.  Dort  scheint  ihn  eine  ihm  entfernt  ähnliche 
Form,  Promerops ,  welche  ich  Baumtvieclehopf  nennen  möchte,  zu  vertre- 
ten. Diese  zählt  drei  Arten:  P.  erythrorhynchos.  cyunomelas  und  minor, 
von  denen  die  erste  die  häufigste  ist.  Die  Baumwiedehöpfe  haben  den 
bekannten,  sprichwörtlich  gewordenen  Geruch  unserer  JJpnipa  epops, 
sind  ebenso  lebhafte^  aber  Aveit  lautere  Vögel,  als  er.  Man  sieht  sie  in 
kleinen  Gesellschaften  baumläuferartig  an  den  Stämmen  der  Mimosen 
herumklettern  und  hört  von  Weitem  ihre  ununterbrochene  Unterhaltung. 
In  den  von  Menschen  fernen  Wäldern  sind  sie  dummdreist  und  wissen 
nicht,  was  Gefahr  ist.  Der  Jäger  kann  einen  nach  dem  andern  herab- 
schiessen,  ohne  die  Gesellschaft  zu  zersprengen.  Die  Lebenden  umflie- 
gen die  Gefallenen  mit  lautem  Beifallsgeschrei  und  setzen  sich,  ohne  diese 
zu  verlassen,  dem  Tode  aus.     Die  letztgenannten  Arten  leben  paarweise 

17* 


228 

Amerikas  Colibris  finden  ihnen  ebenbürtige  Vertreter  in  den  Honig- 
saugem ,  von  denen  wir  drei  Arten  kennen  gelernt  haben.  Sie  sind 
häufig  nn^  der  Schmuck  aller  Wälder  und  blüthenreicher  Gärten.  Sie 
wissen  ihre  metallisch  schimmernden  Farben  immer  im  günstigsten  Lichte 
zu  zeigen.  Ihr  Betragen  ähnelt  dem  unserer  Goldhähnchen.  Sie  kom- 
men mit  leisem,  immer  wiederholtem  Lockrufe  zu  den  Tlüthen,  hängen 
sich  an  die  Zweige  und  tauchen  ihre  Spechtzunge  tief  in  die  Blumen- 
kelche, um  von  deren  Nektar  zu  naschen.  Dabei  verschmähen  sie  aber 
auch  kleine  Insekten  nicht.  Sie  sind  ungemein  muntere,  intelligente 
Vögelchen. 

Neben  wirklichen  Fliegenfängern:  Muscicapa,  zu  denen  mehrere 
europäische  Arten  als  Wintergäste  kommen,  beherbergen  die  Urwälder 
zwei  ihnen  eigenthümliche  Formen:  Muscipeta  und  Bicnirus.  Erstere 
hat  zwei  prächtige  Arten,  bei  denen  die  Schwanzfedern  und  Schwanz- 
deckfedern eine  Länge  von  6  —  8  Zoll  erreichen.  Es  sind  kleine  Vögel 
mit  seidenartigem  Gefieder  und  stahlblauer  Unterseite.  Bei  der  M.  me- 
lanogaster  ist  der  Rücken  und  der  Schwanz  zimmtbraun,  der  bebuschte  Kopf 
dunkelblauschwarz ;  bei  M.  superha  schneeweiss.  Beide  ähneln  unsern 
behenden  Fliegenfängern  nicht,  sondern  sind  still  und  träge. 

Die  würg  er  artigen  Vögel:  Laniadae,  zeichnen  sich  durch  einen  Reich- 
thum  von  Sippen  aus;  fast  jede  Art  der  in  den  Urwäldern  vorkommen- 
den Würger  gehört  einer  besondern  Untergattung  an.  Unsere  europäi- 
schen Würger  sind  Wintergäste.  Wir  haben  im  Ganzen  14  Würgerarten, 
—  von  denen  vier  noch  unbekannt  waren,  aufgefunden,  und  zweifeln  nicht, 
dass  die  Wälder  noch  mehr  Arten  beherbergen.  Von  ihnen  sind  zwei 
Arten  durch  Farbe  oder  Gestalt  ausgezeichnet :  der  Laniarius  eryihrogaster 
durch  die  Pracht  seines  Gefieders  und  Prionops  cristutus  wegen  seines 
Kopfschmuckes.  Er  trägt  einen  helmartigen  Federbusch  auf  dem  Kopfe, 
welchen  er  kronenartig  ausbreiten  oder  zu  einem  schmalen  Kamm  zu- 
sammenlegen kann  und  ist  besonders  desshalb  merkwürdig,  weil  sich  bei 
ihm  die  Bindehaut  der  Augenlider  nach  Aussen  umstülpt  und  in  Ver- 
bindung mit  der  äussern  Haut  einen  freien  in  mehrere  Lappen  zerspal- 
tenen,  lebhaft  gelb  gefärbten  Kranz  bildet,  eine  Erscheinung,  für  welche 
ich  in  der  Vogelwelt  kein  zweites  Beispiel  kenne. 

Die  Ordnung  der  Dickschnübler :  Loxiadae,  zählt  in  unserm  Gebiet 
verhältnissmässig  wenige  Familien.  Grosse  Finken  fehlen;  die  eigent- 
lichen Fringilliden  fallen  vielmehr  Avegen  ihrer  geringen  Grösse  auf. 
Ein  ächter  Kernbeisscr  ist  Coccoihraustes  fascta/us,  ein  niedliches  Vögel- 
chen; das  Männchen  unterscheidet  sich  von  dem  Weibchen  durch  ein 
purpurrothes  Halsband  und  dunklere  Färbung  des  Gefieders.  Er  hat 
die  Gi-össe  des  Zeisigs  und  besitzt  glatte,  kurze  Federn.  Sein  Gesang 
ist  einfach,  aber  ebenso  gut,  als  der  des  C.  cantans,  eines  noch  kleineren 
Vogels,  welcher  sich  selbst  in  den  wüstesten  Gegenden  jener  Länder 
gern  aufhält.     Sehr  selten  begegnet  mau  einem  kleinen  ,    wahrscheinlich 


229 

noch  unbekannten  Steinsperlinge  —  von  Petronia  petronella  scheint  er  ab- 
zviweichen  — ;  die  plumpe  Ptjrglta  Srvainsonn  ist  häufiger.  Der  Haus- 
sperling der  sudahnesischen  Walddörfer  zeigt  unsei'e  P.  domesiica  in  hö- 
herer Färbung;  wir  haben  sie  P.  r-iifidorsalis  genannt.  Ein  ganz  ächter 
Sperling  ist  die  bisher  der  Gattung  Serinus  zugezählte  P.  lutea:  (Lichtnst.) 
welcher  im  Niederholz  und  in  der  Steppe  in  grossen  Flügen  vorkommt 
und  ganz  das  Wesen  und  Geschrei  unseres  Feldsperlings  hat^  obgleich 
er  einem  gezähmten  Kanarienvogel  ähnlicher  sieht,  als  diesem.  Der 
Sippe  Asirilda  gehören  mehrere  äusserst  niedliche  Finken  an,  welche 
sich  durch  Farbenschmelz  und  herrliche  Vertheilung  der  Farben  hervor- 
thun.  A.  minima  liebt  die  Dörfer,  A.  cinerea  die  Gärten,  die  6  —  8  andern 
Arten  dieser  Untergattung  sind  Waldbewohner.  Zu  den  finkenartigen 
Vögeln  zählen  wir  auch  die  Wittwen:  Vidua,  kleine  schöngefärbte  Vögel- 
chen, bei  denen  vier  Schwanzdeckfedern  eine  abnorme  Grösse  erreichen. 
Die  Männchen  tragen  diesen  Schmuck  vor  der  Paarungszeit,  verlieren 
ihn  aber,  noch  ehe  ihre  unscheinbaren  Jungen  flügge  geworden  sind. 
Im  Sudahn  leben  zwei  Arten,  die  ziemlich  gemeine  V.  paradisea  und 
die  seltenere  V.  enjthrorhyncha  sive  serena.  Der  Flug  der  Wittwen 
hat  etwas  Schwerfälliges,  zumal  bei  heftigem  Winde ;  dann  ist  das  Thier- 
chen  nur  fähig,  diesem  entgegen  zu  fliegen,  weil  sich  der  Wind  bei 
jeder  andern  Richtung  in  dem  Federgebäude  verfängt. 

Neben  den  Finken  beobachten  wir  zwei  Ammerarten,  von  denen  die 
eine  Emberiza.  caesia ,  auch  in  Europa  vorkommt.  Unsern  Goldammer 
vertritt  die  prächtige  E.  flaviventris,  ein  kleines  Vögelchen  mit  hochgel- 
bem Unterkörper  und  bräunlichem  Rücken.  Die  erstere  ist  ziemlich 
häufig,  letztere  seltener. 

Auf  den  Waldblössen  trifft  man  auch  Lerchen  an.  Im  Winter  er- 
scheint eine,  von  der  griechischen  Melanocorypha  Calandra  abweichende, 
etwas  kleinere  Kalanderlerche,  die  M.  rufescens  Ldg.  Brehm,  in  Flügen  in 
den  Wäldern;  M.  hrachydaclyla  ist  zu  derselben  Zeit  oft  in  Schwärmen 
von  Tausenden  zu  sehen.  Alle  übrigen  Lerchenarten  des  Sudahns  gehö- 
ren der  Steppe  an. 

An  den  Ufern  der  Ströme  sieht  man  während  unsrer  Wintermonate 
die  Schafstelzen :  Budytes,  in  grosser  Anzahl  neben  und  unter  den  Vieh- 
heerden.  Die  erst  in  nevierer  Zeit  in  mehrere  Arten  getrennten  Thier- 
chen  tiberwintern  zwar  auch  schon  in  Egypten  und  warten  dort  den  Akt 
der  Mauser  ab;  jedoch  scheinen  die  Meisten  bis  nach  dem  Sudahn  zu 
wandern.  Wir  haben  die  von  meinem  Vater  aufgestellten  Arten  ohne 
Ausnahme  im  Sudahn  gefunden,  neben  ihnen  aber  auch  noch  bisher 
unbekannte  entdeckt.  Im  Ganzen  kennen  wir  acht  verschiedene  Arten 
der  Schafstelze,  welche  in  Nord-Ost- Afrika  ihren  Winteraufenthalt  neh- 
men. Zu  derselben  Zeit  bemerkt  man  auch  unsere  weisse  Bachstelze 
an   den    Strömen.     Die    dort    einheimische    Bachstelze    heisst   Motacilla 


Lichtensteinü  und  findet  sich  überall,  wo  Felspartien  das  Bett  der  Flüsse 
begrenzen,  oder  in  dasselbe  hineintreten. 

Von  unsern  Sängern  erscheinen  die  bekanntesten  fast  ohne  Aus- 
nahme zur  Winterzeit  im  Sudahn,  welcher  so  arm  an  ihnen  ist,  dass 
wir  bis  jetzt  nur  zwei  Arten  von  ijinen,  d.  h.  den  eigentlichen  Sjlvien, 
kennen  gelernt  haben,  die  jahraus  jahrein  dort  leben. 

Ein  guter  Sänger  der  Urwälder  ist  der  überall  vorkommende  Dross- 
ling :  Pycnonotos  obscurus,  der  einzige  Gartensänger  jener  Länder.  Die 
ihm  nahestehenden  Drosseln  fehlen ;  einige  Arten  erscheinen  auf  dem 
Zuge.  Unsrer  Amsel  ähnelt  der  ebenfalls  singende  Cercoirichas  erythrop- 
terus ,  ein  fröhliches,  munteres  Vögelchen,  welches  die  niederen  Gebü- 
sche bewohnt.  Diese  werden  auch  von  einem  ganz  merkwürdigen  Vo- 
gel, dem  raäusegrauen  Crateropus  leucocephalus ,  den  höheren  Bäumen 
vorgezogen  und  eifrig  nach  Insekten  durchsucht.  Lärmend  durch- 
schlüpfen dieselben  auch  die  dichtesten  Dornengehege  und  begrüssen 
den  Jäger  mit  nie  enden  wollendem  Geschrei.  Sie  halten  sich  in  Gesell- 
schaften zusammen  und  sind  häufig. 

Unsre  hübschen  geschwätzigen  Meisen  haben  in  Nord-Ost- Afrika  nur 
einen  Vertreter,  Parus  leucomelas,  ein  ganz  seinem  Namen  entsprechend  ge- 
zeichnetes Vögelchen,  an  welchem  man  jene  Behendigkeit  und  Leben- 
digkeit, welche  unsere  Pariden  auszeichnet,  vermisst.  Wir  haben  ihn  nur 
wenige  Male  beobachtet. 

Um  so  zahlreicher  an  Arten  und  Individuen  sind  die  Tauben.  In 
den  Urwäldern  verschwinden  die  in  Egypten  häufigen  Felsen-,  Turiel- 
nnd  a,egyptischen  Tauben :  Columba  livia,  turtur  und  aegyptiaca,  aber  viele 
neue  Aten  treten  an  ihre  Stelle.  Die  schöne  C.  guinea  ist  die  grösste 
Taube  der  Tropen,  die  C.  chalcopsilos  die  kleinste.  C.  (Oena)  capensis, 
die  Papageitaitbe ,  erscheint  oft  in  den  Gärten  der  Städte  und  Dörfer; 
die  Lachtaube :  C.  risoria,  ist  gemein  und  schlägt  sich  zu  gewissen  Zei- 
ten in  Flüge  von  Tausenden  zusammen,  welche  dann  die  trockensten 
Stellen  der  Wälder  aufsuchen;  eine  ihr  sehr  ähnliche,  grössere  Taube: 
C.  semitorquata,  liebt  mehr  die  Ufer  der  Flüsse,  die  papageigrüne  C.  abijs- 
sinica  erwählt  die  dichtesten,  acht  tropischen  Waldpartieen.  Letztere 
zeichnet  sich  durch  ihr  lebhaft  gefärbtes  Gefieder,  die  Papageitaube 
durch  ihre  auffallende  Gestalt,  die  „erzgefleckte"  Erdtaube  durch  ihre 
Zierlichkeit  vor  der  übrigen  Sippschaft  aus;  alle  drei  sind  ein  wahx^er 
Schmuck  der  Wälder.  Man  findet  die  abyssinische  Taube  südlich  des 
13«  n.  Br.  paarweise  ziemlich  häufig  in  den  Waldungen;  ihr  grünes 
Federkleid  erregt  unsre  volle  Bewunderung,  aber  dennoch  wissen  wir 
nicht,  ob  wir  nicht  lieber  der  Papageitaube  mit  ihrer  schönen  schwar- 
zen Kehle  auf  dem  lichten  Grunde,  mit  den  zimmtbraunen  Unterflügeln 
und  dem  sehr  langen,  stufenförmigen  Schwänze  den  Vorzug  geben  sol- 
len. Nur  der  Schnabel,  die  Füsse,  Flügel  und  die  Beschaffenheit  der 
Federn    erinnert   noch    an   eine   Taube;    ihr   Totalhabitus    ist  ein    ganz 


231 

eigenthümlicher,  uns  Nordländern  völlig  fremder.  Der  kaum  mehr  als 
lerchengrosse  Körper  trägt  einen  Schwanz,  der  mindestens  ebenso  lang 
ist,  als  jener.  Noch  kleiner  und  fast  noch  zierlicher  ist  die  Erdtaube. 
Man  hört  kurz  nach  der  Regenzeit  ihr,  zu  einem  nur  wenig  modulir- 
ten  Rufe  verkümmertes  Rucksen  in  den  dichtesten  Gebüschen  erschal- 
len, und  gewahrt  bei  einem  aufmerksamen  Spähen  die  zierliche,  auf 
einem  niederen  Zweige,  im  tiefsten  Dunkel  sitzende  Taube  in  trauter 
Gemeinschaft  ihres  Weibchens,  dem  das  Männchen  seine  Liebesseufzer 
spendet.  Das  sind  gar  freundliche  Bilder  aus  der  Vogelwelt,  an  die 
man   sich  nach  Jahren  noch  gern  erinnert. 

Perlhühner  und  Frankoline  sind  ächte  Waldbewohner.  Erstere  sind 
südlich  des  15^  überall  gemein.  In  einsamen  Gegenden  haben  wir 
Kitts  von  50  und  60  Individuen  bemerkt.  Sie  sind  wenig  scheu  und 
immer  eine  sichere  Beute  des  Jägers,  welcher  den  schmetternden  Lock- 
ruf des  Hahns  schon  vom  Weiten  vernimmt.  Die  Frankoline  leben  nur 
in  kleinen  Familien  und  sind  seltner  als  jene. 

Wie  die  Hühner,  lieben  auch  einige  Sumpfvögel  unser  Gebiet.  So 
begegnen  wir  zwei  Arten  yow  Dick  fassen:  Oedicnemus;  einevo.  Rennvogel. • 
Cursorius ;  und  einem  Lappenkiebitz:  Lobivanellus  in  den  Waldungen, 
selbst  auf  den  trockensten  Stellen.  Zu  ihnen  gesellt  sich  der  die  Hüh- 
ner mit  den  Kranichen  verbindende  Pfauenkranich:  Balearica  pavonina, 
welcher  nur  dann  an  den  Fluss  kommt,  wenn  er  trinken  will,  während 
die  zur  Winterszeit  häufigen  numidischen  und  grauen  Kraniche  den  Strom 
nur  verlassen,  um  sich  auf  der  Taf  hera  ihre  Nahrung  zu  suchen. 

Die  Familie  der  Reiher  zeigt  uns  in  den  tropischen  Wäldern  alle 
europäischen  Formen,  einige  europäische  Reiher,  z.  B.  der  Nachtreiher 
und  der  Fischreiher  erscheinen  dort  sogar  in  höchst  eigner  Person.  Ich 
nenne  von  den  10  Reiherarten,  die  wir  in  unserm  Revier  bemerkt  haben, 
nur  zwei,  den  Riesenreiher :  Ardea  Goliath;  und  die  allerliebste  A.  Sturmii, 
weil  diese  mir  die  merkwürdigsten  zu  sein  scheinen.  Der  erstere  ist 
in  der  That  ein  Goliath;  er  ist  doppelt  so  gross,  als  unser  Fischreiher, 
besitzt  einen  mächtigen  Schnabel  und  einen  Schlund,  in  welchen  man 
die  geballte  Faust  einschieben  kann.  Seine  Trägheit  wird  ihm  nur 
wegen  seiner  grossen  Vorsicht  ungefährlich ;  noch  scheuer  als  der  Fisch- 
reiher, entfliegt  er  dem  herannahenden  Jäger  schon  aus  grosser  Ent- 
fernung und  wird  selten  seine  Beute.  Bei  all'  seiner  Plumpheit  ist  er 
nicht  schmucklos,  sondern  trägt  ein  ziemlich  lebhaftes  Federkleid;  der 
Hals  und  Unterkörper  sind  zimmtbraun,  der  Rücken  reihergraublau. 
Wir  haben  bei  keinem  andern  Reiher  ein  so  starkes  Abfäi'ben  des  wie 
Daft  auf  dem  Gefieder  liegenden  FaTbenstaubes  bemerkt,  als  bei  ihm. 
Ganz  das  Gegenstück  zu  dieser  wirklich  imposanten  Erscheinung  ist 
die  kleine,  unscheue  A.  Sturmii.  Sie  ist  unstreitig  einer  der  schönsten 
Vögel  dieser  Gruppe.  Der  Oberkopf  und  Rücken  sind  stahlgrün,  letz- 
tere:r  ist  mit  langen,  schmalen  Federn  bedeckt;  Brust  und   Bauch   sind 


23^ 

grau,  die  Füsse  gelb,  der  Vordorhals  rostfarben,  der  Schnabel  schwarz. 
An  Grösse  gleicht  sie  der  siideuropäischen  A.  ralioides.  Man  findet 
Sturms  Reiherchen  in  den  Gebüschen  an  den  Ufern  der  Ströme  und 
Chuahr,  wo  es  geschickt  zwischen  den  Aesten  und  Wurzeln  durch- 
schlüpft, um  kleine  Fische,  Insekten  und  Weichthiere  zu  ei'haschen. 

Zu  den  reiherartigen  Vögeln  stellt  das  System  die  merkwürdige 
Form  Scopus,  von  welcher  wir  eine  einzige  Art,  Sc.  umbreUa,  in  den 
Urwäldern  aufgefunden  haben.  Es  ist  ein  merkwürdiges,  rabengrosses 
Thier  mit  mittellangen  Reiherbeinen  und  starkem,  stumpfen  Schnabel; 
wie  sein  Name  andeutet,  von  düsterer,  brauner  Färbung.  An  der  Stelle 
unsers  Löfflers  tritt  die  Platalea  temnroairis,  Temm,  ein  kleinerer  Vogel, 
als  unsere  l'l,  leucorodia,  auf,  welcher  sich  auch  durch  seine  nackte 
Stirn  und  die  carminrothen  Füsse  hinlänglich  von  dieser  unterscheidet. 
Unsere  Störche  kommen  auf  ihrem  Zuge  dort  vor,  neben  ihnen  aber 
auch  noch  zwei  einheimische  Arten,  die  Ciconia  Äbdimn  und  C.  leucoce- 
phala.  Der  lüaffschnabel:  Anastomus  lamelligerus,  ein  mittelgrosser, 
storchartiger  Vogel,  ebenso  auffallend  wegen  seines  mir  an  den  Spitzen 
sich  berührenden  Schnabels ,  als  wegen  der  in  hornähnlichen  Plättchen 
endigenden  Federn  der  Brust  und  des  Rückens,  ist  nicht  selten,  und 
einigt  sich  oft  in  Schaaren  von  mehreren  Hundert  Individuen.  Hierher 
sind  auch  die  Marabu-  und  Sattelstörche :  Leptoptilus  Argalla  und  Myc- 
teria  ephippiorhyncha ;  sowie  die  Nimmersatte:  Tantalus  Ibis  zu   zählen. 

Der  heilige  Ibis  hat  noch  einen  Gattungsverwandten  in  dem  Harpi- 
prion  Hagedasch,  welcher  sich  durch  seine  metallisch  schimmernden 
Flügeldeckfedern  bei  günstiger  Beleuchtung  schon  aus  grosser  Entfern- 
ung kenntlich  macht.  Sein  Geschrei  ähnelt  dem  Wehklagen  eines  Kin- 
des: man  hört  es  auf  eine  Viertelstunde  weit.  Im  Winter  erscheint 
sehr  einzeln  auch  der  ungarische  FalcineUus  ignens  an  den  Strömen  der 
Wälder  Central- Afrikas ,  doch  ist  er  auch  schon  in  Island  geschossen 
worden. 

Egyptens  Goldschnepfe :  Rhynchaea  variegata  sive  capensis;  die 
,^Beccacina  d'orata"  der  Italienischen  Jäger  Unteregyptens ,  kommt  mit 
nnsern  Ueerschnepfen  einzeln ,  aber  regelmässig  während  des  Winters 
an  den  Regenteichen  der  tropischen  Wälder  vor.  Dort  haben  wir  auch 
die  Parra  africana  beobachtet,  ein  schöngezeichnetes,  rallenähnliches 
Thiei',  mit  so  langen  Zehen,  dass  es  über  eine  Teichlinsendecke  laufen 
kann,  ohne  ins  Wasser  einzusinken. 

Die  Flüsse  des  Sudahn  beherbergen  drei  Arten  von  Gänsen,  welche  3 
verschiedenen  Sippen  gehören.  Die  Sporengans :  Plectropterus  melano- 
notus;  brütet  mit  der  kleinen  Sarcidiornis  melanonotos  an  den  Regen- 
teichen; eine  Art  der  Nilgans :  Chencüopex  egypiiaca,  nistet  auf  Bäumen, 
an  den  Ufern  der  Ströme  oder  in  überschwemmten  Waldpartien ;  sie  ist 
viel  kleiner  als  die  in  Egypten  vorkommende  Art  und  specifisch  von 
ihr  verschieden.     Neben  den  auf  dem  Zuge  vorkommenden  europäischen 


233 

Enten  haben  wir  nur  eine  einzige  einheimische  Entenart,  die  Anas  (sehr 
mit  Unrecht  Dendrocygna  genannt)  viduata  aufgefunden.  Die  Wittwen- 
oder  Schleierente  ist  südlich  des   14"  gemein. 

Mehrere  Arten  von  Seeschwalhen  verfolgen  von  Egypten  aus  den 
Lauf  des  Nils  und  vertheilen  sich  an  den  Strömen  des  Sudahn.  Wäh- 
rend die  fischraubende  Sterna  caspia  dieselben  nie  verlässt,  sondern  mit 
abwärts  gerichtetem  Kopfe  beständig  über  ihrem  Wasserspiegel  herum- 
fliegt, besuchen  die  englischen :  St.  anglica ;  weisshärügen :  St.  leucopa- 
reia  und  weissßügeligen :  St.  leucoptera  in  Schaaren  die  Waldblössen  und 
Steppen,  um  dort  Heuschrecken  zu  fangen.  Der  den  Seeschwalben  nicht 
unähnliche  Scheerenschnahel  ist  unter  ersteren  das,  was  die  Eulen  unter 
den  Falken  sind,  ein  nächtlicher  Vogel.  Mit  Beginn  der  Dämmerung 
verlässt  er  die  Sandbänke,  auf  denen  er  den  Tag  über  regungslos  mit 
plattgedrücktem  Leibe  lag,  und  fliegt  unter  schwermüthigem  Rufe  — 
welcher  überhaupt  allen  nächtlichen  Vögeln  eigenthümlich  zu  sein  scheint 
—  dicht  auf  der  Oberfläche  des  Wassers  dahin.  Dann  und  wann  senkt 
er  seinen  Unterschnabel  in  die  Wellen,  als  wolle  er  sie  pflügen,  wahr- 
scheinlich um  Insekten  zu  finden.  In  der  Zeit  des  niedrigsten  Wasser- 
standes, April,  Mai,  Juni,  gräbt  er  sich  flache  Löcher  in  den  Sand  und 
legt  in  diese  seine  3  bis  4  graugrünlichen,  mit  braunen  Puncten  und 
Flecken  besprengten  Eier.  Der  Scheerenschnahel  ist  sehr  gesellig  und 
hält  sich  immer  in  Flügen  von  20  bis  100  Individuen  zusammen.  Man 
findet  ihn  von  dem  20"  an  an  einzelnen  Stellen. 

Grössere  oder  kleinere  Schaaren  von  Pelekanen  sind  stetige  Gäste 
der  Urwälder ;  hier  und  da  begegnet  man  wohl  auch  einer  Scharbe. 
Von  ersteren  kommt  Pelecamis  minor  von  Egypten  herauf;  eine  von  uns 
nur  einmal  in  einem  grossen  Fluge  bemerkte  Art  scheint  dort  heimisch 
zu  sein.  Wir  haben  sie  wegen  ihrer  aussergewöhnlichen  Grösse  P.  gi- 
ganteus  genannt. 

An  die  Scharben  schliesst  sich  der  taqx\\q\\q Schlangenhaisvogel :V\oiu% 
Levaillantii,  an,  mit  dem  ich  meine  Aufzählung  der  Vögel  beendige.  Sein 
Name,  welcher  ihn  zuerst  von  den  Hottentoten  gegeben  sein  soll,  ist 
einer  der  bezeichnendsten,  welche  ich  könne.  Der  Hals  hat  schon  in 
seiner  Färbung  grosse  Aehnlichkeit  mit  einer  Schlange,  aber  erst  wenn 
man  den  Vogel  schwimmen  sieht,  tritt  diese  recht  eigentlich  hervor. 
Er  ist  einer  der  gewandtesten  Schwimmer,  welche  es  gibt.  Schon  wenn 
er  ruhig  dahin  schwimmt,  ragt  nur  der  dünne  Hals  über  die  Oberfläche 
des  Wassers  hervor,  der  übrige  Körper  ist  ganz  vom  Wasser  bedeckt, 
unsichtbar  und  fast  unverwundbar.  Unser  Vogel  schwimmt  aber  nur  selten 
so,  dass  er  überhaupt  sichtbar  ist.  Gewöhnlich  schwimmt  er  „entre  deux 
eanx"  d.  h.  zwischen  dem  Grunde  und  der  Oberfläche  des  Wassers. 
Hierbei  bewegt  er  seinen  dünnen  Hals  wie  eine  Schlange  nach  allen 
Richtungen,  um  hier  oder  da  etwas  Geniessbares  zu  erspähen.  Auf 
die  Sandbänke  setzt  er  sich  gern  mit  ausgebreiteten  Flügeln,  als  wolle 


zu 

er  mit  einer  gewissen  (xefallsiicht  seine  ganze  Pracht  entfalten.  Er  ge- 
hört in  der  That  zu  den  Prachtvögeln.  Die  ganze  Vorderseite  ist  mit 
schwarzen,  dichten,  sammetweichen  Federn  bedeckt,  die  Flügel  sind 
schwarz,  werden  aber  durch  schmale,  lange,  wie  mit  Silberstreifen  be- 
säumte Federn  gar  sehr  geziert.  Der  Rücken  ist  mit  braunen,  grau 
und  schwarz  gestreiften  Federn,  der  Hals  mit  kurzen,  wolligen,  braun, 
grau  und  weiss  gefärbten  Federchen  bekleidet.  Da  die  Wasserjagd 
des.  Schlangenhaisvogels  zu  schwierig  ist,  schiesst  man  ihn  am  Besten 
auf  Bäumen,  welche  er  zu  seiner  Nachtruhe  erwählt  hat,  und  mit  Son- 
nenuntergang regelmässig  besucht. 

Ungleich  ärmer  als  die  Klasse  der  wanderungsfähigen  Vögel  ist  die 
der  Säugethiere,  sowohl  an  Arten,  als  einzelnen  Individuen.  Und  den- 
noch sind  die  tropischen  Wälder  wiederum  verhältnissmässig  reich  an 
Säugethieren,  unendlich  reich  z.  B.  im  Vergleich  zu  Deutschlands  Wald- 
ungen. Der  furchtbare  afrikanische  Büffel :  Bos  ca/f'er,  durchzieht  unser 
Gebiet  in  grösseren  und  kleineren  Trupps ;  er  ist  ebenso  gefährlich  als 
die  Kaubthiere  jener  Länder,  ein  Schrecken  der  Eingebornen.  Sehr 
viele,  zum  geringsten  Theile  noch  bekannte  Antilopen  kommen  aus  der 
Steppe  fortwährend  in  die  Wälder  herein,  mehrere  Arten  scheinen  so- 
gar letztere  der  ersteren  vorzuziehen.  So  ist  die  Antilope  saltatrix  an  den 
Ufern  des  blauen  Flusses  eine  ziemlich  häufige  Erscheinung;  A.  Ca- 
ama,  der  Total  der  Eingebornen,  wird  ebenfalls  oft  genug  bemerkt.  In 
den  Gebirgen  Takheles  lebt  ein  wildes,  braunes  Schaf  mit  löwenartiger 
Mähne;  ein  solches  erhielten  wir  von  einem  Türken  und  besassen  es 
längere  Zeit  lebend;  es  ist  meines  Wissens  noch  gänzlich  unbekannt. 
Hirsche  fehlen.  Gegen  die  Steppe  hin  zeigen  sich  noch  andere  Wieder- 
käuer; die  langhälsige  Giraffe  ist  keine  Seltenheit. 

Alle  Berichte  der  Eingebornen  lauten  übereinstimmend,  dass  in  den 
inneren  Steppenwaldungen  eine  Art  wilder  Esel  vorkommt.  Ich  habe 
nie  ermitteln  können,  ob  dieses  Thier  der  Equus  zehra  oder  E.  Burchellii 
ist.  E.  quagga  soll  nur  in  Südafrika  leben,  weil  ich  nicht  einmal  ein 
Fell  des  fraglichen  Einhufers  gesehen  habe.  Man  erzählt  sich  viel  von 
der  unbändigen  W^ildheit  des  Humahr  el  Chala,  oder  Steppenesel,  wie 
ihn  die  Araber  nennen,  obgleich  sie  stets  bemerken,  dass  er  mehr  ein 
Bewohner  der  Wälder,  als  der  Steppe  sei.  Gewöhnlich  wird  das  Land 
Tahka  genannt,  wenn  man  nach  dem  Aufenthalte  des  wilden  Esels  fragt. 

Afrika  zählt  bekanntlich  die  meisten  Familien  der  Dickhäuter.  Süd- 
lich des  140  tritt  der  gewaltige  Elephant:  Elephas  africanus,  als  stetiger 
Waldbewohner  auf.  Er  durchzieht  grosse  Strecken  in  zahlreichen  Her- 
den, und  er  ist  es,  welcher  die  dichtesten  Waldpartieen  gangbar  macht. 
Der  Führer  der  Herde  bricht  sich  durch  das  von  Dornen  und  Schling- 
pflanzen verwachsene,  für  alle  übrigen  grossen  Thiere  undurchdringliche 
Dickicht  Bahn,  bricht  mit  seinem  kräftigen  Rüssel  die  starken  Aestc 
und  schwachen  Zweige  ab,    um   erstere    neben   seinen  Weg   zu   werfen. 


235 

und  letztere  zu  verspeisen;  hinter  ihm  her  traben  die  übrigen  Glieder 
der  Herde  und  vernichten  mit  ihren  plumpen  P'ilssen  oder  dem  ge- 
schickten Rüssel  alle  übrigen  Hindernisse:  10  bis  15Elephanten  hinter- 
lassen nach  einem  einmaligen  Durchzuge  eine  Strasse.  Diese  wählt  dann 
das  zur  Nachtzeit  den  Fluthen  entsteigende  Nilpferd:  Hippopotamus 
amphibius,  zu  seinen  Weidegängen,  in  ihnen  bewegt  sich  das  blind- 
wüthende  Nashorn:  Rhinoceros  afrikanus,  jenes  furchtbare  Thier,  wel- 
ches keine  Feinde  hat,  weil  es  keinen  Gegner  findet,  der  es  bewältigen 
könnte.  Nur  der  muthige  Neger  oder  der  listige  Abyssinier  wagt  zu- 
weilen einen  wohlvorbereiteten  Kampf  mit  ihm;  jener  gräbt  die  dem 
unbehülflichen  Koloss  verderblichen  Falllöcher,  dieser  greift  es  mit  dem 
Schwerte,  aber  nun  dann  an,  wenn  er  in  Gesellschaft  Avohlerprobter 
Gefährten  ist.  Der  arabische  Name  ist  Fertint  oder  Anasa,  es  ist  das- 
selbe Thier,  in  welchem  der  Baron  Müller  das  fabelhafte  Einhorn  zu 
finden  geglaubt,  und  über  welches  er,  auf  die  mangelhafte  Beschreibung 
eines  Arabers  hin,  der  kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschaften  weit- 
läufig berichtet  hat.  Die  Anasa  ist  ungleich  seltener,  als  die  beiden 
Vorhergehenden  und  mir  nie  zu  Gesicht  gekommen;  trotzdem  zweifle 
ich  mit  vollem  Rechte  an  der  Existenz  des  Einhorn,  weil  ich  gewiss 
weiss,  dass  Fertint,  Anasa  und  Nashorn  gleichbedeutend  sind.  In  dem 
oberen  Stromgebiet  des  blauen  Flusses  finden  sich  wilde. Schweine  vor, 
welche  der  Beschreibung  nach  der  Art  Phacochoerus  aethiopicus  ange- 
hören. Ausserdem  findet  man  dort  unter  den  Dickhäutern  noch  die 
KUppschiefer,  jene  auffallend  gestalteten,  kaum  hasengrossen,  in  Höhlen 
lebenden  Gebirgsbewohner.  Hyrax  capensis  soll  in  Abyssinien  häu- 
fig sein. 

Die  Ordnung  der  Nager  ist  durch  mehrere  Familien  vertreten.  Ich 
gestehe,  dass  dieselben  mir  nur  wenig  bekannt  sind.  Wir  sind  dem 
Steppenhasen  auch  in  den  Urwäldern  oft  begegnet,  haben  die  Höhlen 
der  Stachelschweine  südlich  des  13"  in  jedem  Walde  gesehen,  und  viele 
Mäuse  beobachtet,  aber  nicht  gesammelt  und  folglich  nicht  wissenschaft- 
lich bestimmt.  Die  in  Egypten  häufigen  Springmäuse  sind  im  Sudahn 
seltener  und  treten  dort  in  andern  Arten  auf,  wenigstens  haben  wir 
Dipus  jerhoa  im  Bereich  der  Tropen  nicht  aufgefunden.  In  den  hoch- 
stämmigen Mimosenwaldungen  haben  wir  eine  kleine  Haselmav^,  welche 
vielleicht  noch  ganz  unbekannt  war,  erlegt,  aber  leider  später  verloren. 
Kletternde  Eichhörnchen  gibt  es  nicht,  der  gemeine  Sciurus  brachyotos 
Ehrenbergs,  klettert  nicht,  sondern  gräbt  sich  Erdhöhlen  unter  dichten 
Gesträuchen,  deren  Umkreis  er  selten  verlässt.  Er  ist  ein  munteres, 
fröhliches  Thierchen  und  durch  sein  glattes,  borstenartiges  Haar  beson- 
ders ausgezeichnet.  Ungeachtet  seiner  grossen  Gewandtheit  wird  er  oft 
eine  Beute  der  Raubvögel ,  gegen  deren  Fangwaflfen  seine  scharfen 
Zähne  Nichts  ausrichten.  ■ —  Die  erstaunlich  zahlreichen  Mäuse  der 
Steppe  und  Wälder  bedürften  einer  sorgfältigen  Beobachtung  und  Sich- 


286 

tung;  wir  hatten  zu  dieser  lohnenden  Arbeit  leider  keine  Zeit^  weil 
wir  nnsre  Sammlungen  auf  die  Ornis  beschränken  mussten. 

Nächst  den  Wiederkäuern  zählt  die  Ordnung  der  Buuhthierc  die 
meisten  Familien  und  Arten.  Die  Unterordnung  der  Insektenfresser 
tritt  gegen  die  der  Fleischfresser  zurück.  Erstere  besitzt  viele  Spitz- 
mäuse und  einen  kleinen  Igel,  letztere  dagegen  die  gefährlichen  Käuber 
der  Wälder,  unter  denen  der  gewaltige  Löwi  obenansteht.  Büren  und 
Marder  fehlen;  letztere  finden  jedoch  ihren  Vertreter  in  dem  Ichneumon: 
Herpestes  griseus,  und  der  äusserst  behenden  Viverra:  Viverra  civetta, 
Avelche  von  den  Eingebornen  Khut  el  (Ijehahli:  Bergkatze  genannt  und 
häufig  gezähmt  wird.  Die  Familie  der  Hunde  ist  durch  den  Schakal: 
Canis  aureus  und  den  Canis  cerdu  vertreten,  in  der  Steppe  lebt  der 
seltnere  C.  picius.  Von  den  Hyänen  kennt  man  drei  Arten,  worunter 
die  Hyaena  crocuta,  der  „Marafihl"  der  Eingebornen  gefürchtet  wird. 
Sie  ist  grösser  und  kühner,  als  die  //.  siriala ,  jenes  über  ganz  Nord- 
Ost-Afrika  verbreitete,  überall  gemeine  Eaubthier.  Als  Uebergangsforra 
von  den  Hunden  zu  den  Katzen  finden  wir  den  Gepard:  Felis  jubata, 
der  in  Abyssinien  durch  die  kaum  von  ihm  zu  unterscheidende,  etwas 
lichtere  und  kleinere  F.  Sömmeringii  Rüppell,  ersetzt  wird.  Dass 
der  Gepard  ohne  Mühe  zur  Jagd  abgerichtet  werden  kann,  ist  bekannt. 
Wer  ihn  in  seiner  Gefangenschaft  beobachtet,  erkennt  bald,  dass  er 
auch  in  seinem  Betragen  ein  Mittelding  zwischen  Katze  und  Hund   ist. 

Von  ersterer  hat  er  bezüglich  seiner  Gestalt  nur  den  Kopf,  die 
Zeichnung  des  Fells  und  den  langen  Schwanz,  bezüglich  seines  Betra- 
gens nur  das  Spinnen  und  Geschrei;  von  letzteren  seine  Körperform, 
seine  Biederkeit  und  leichte  Zähmbarkeit.  Er  verliert  in  der  Gefan- 
genschaft bald  alle  Wildheit,  und  zeigt  nie  jene  Tücke,  die  allen  Katzen- 
arten gemein  zu  sein  scheint.  Ganz  das  Gegenstück  zu  ihm  ist  der 
Leopard:  F.  leopardus,  der  „Simmer"  der  Eingebornen,  welcher  zu  den 
gefürchtetsten  Raubthieren  der  Wälder  gezählt  werden  muss.  Der  Lörve 
des  Sudai^  kommt  in  einer  grossen  Art  vor  und  ist  südlich  des  14" 
überall  anzutreffen.  F.  caracal  (?),  der  in  unserm  Gebiet  auftretende 
Luchs  gehört  mehr  der  Steppe  an:  die  Wälder  beherbergen  dagegen 
die  kleine  F.  manicnlala,  von  welcher  unsere  Hauskatze  abstammen  soll. 
Wir  zweifeln  an  der  Begi-ündung  dieser  Ansicht. 

Ost-Sudahn  beherbergt  weit  weniger  Arten  von  Fledermäusen,  als 
Egypten.     Ich  kenne  sie  nicht. 

Mit  den  Aeffern  und  Affen  gelange  ich  zum  Schluss  meiner  sehr 
unvollständigen  Aufzählung.  Von  ersteren  sind  wir  dem  Galago  sene- 
galensis  in  den  Uferwaldungen  des  weissen  Flusses  oft  begegnet;  er  ist 
ein  kleines  Thierchen  mit  seidenweichem  Fell,  grossen  Ohren,  grossen 
Augen,  und  ähnelt  unserm  Eichhorn  mehr,  als  den  eigentlichen  Affen. 
Von  diesen  unterscheidet  ihn  wesentlich  sein  Betragen  ,  er  ist  sehr  still 
und  träge.     Die  Affen  treten  in  drei  Familien  und  vier  Arten  auf    Cer- 


887 

copithecus  griseoviridis  ist  der  gemeinste,  Colohus  Quereza,  Rüppell,  der 
seltenste  Affe  unsers  Gebiets.  Cynocephalus  Sphinx,  der  auf  Egyptens 
Monumenten  dargestellte  Pavian,  findet  sich  in  allen  Felspartien ;  Cerco- 
pithecus  pyrrhonolos  Ehrenberg,  nur  in  den  einsamen,  menschenleeren 
Wäldern. 

Somit  hätte  ich  einen  flüchtigen  Ueberblick  der  Fauna  der  tropi- 
schen Wälder  gegeben.  So  unvollständig  er  ist  und  bei  der  bis  jetzt 
herrschenden  grossen Unkenntniss  derThierwelt  desinnernnur  sein  kann, 
zeigt  er  doch,  wie  aussergewöhnlich  reich  der  Sudahn  an  lebenden 
Wesen  ist.  Die  Menge  der  Thiere  ist  so  gross,  dass  der  Sammler  und 
Forscher  nur  einen  Z^veig  des  Ganzen  behandeln  muss,  wenn  er  etwas 
nur  einigermassen  Vollständiges  leisten  Avill.  Meine  Leser  werden  be- 
merkt haben,  dass  ich  mich  vorzugsweise  der  Klasse  der  Vögel  gewid- 
met habe.  Die  Säugethiere  sind  bis  jetzt  nur  von  Rüppell  beobachtet 
worden,  von  den  Fischen  des  Sudahn  hat  Heckel  die  durch  Russegger 
nach  Europa  gebrachten  Exemplare  beschrieben;  alle  übrigen  Klassen 
des  Thierreichs  harren  zur  Zeit  noch  eines  sie  sichtenden,  ordnenden 
und  beschreibenden  Naturforschers.  Und  deshalb  möge  man  mit  mei- 
ner dürftigen  Uebersicht  vorlieb  nehmen,  und  mir  es  auch  verzeihen, 
wenn  ich  an  manchen  Orten  nicht  ausführlicher,  als  es  die  Anlage 
meines  Werkchens  erlaubt,  geworden  bin. 


Zu  Micromys  agilis. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Am  8.  Juli  1847  fingen  wir  auf  unserer  Wiese  im  Lössnitzgrunde 
eine  bereits  trächtige  Micromys  agilis  mit  vier  Jungen;  sie  wurden, 
da  die  letztere  noch  der  mütterlichen  Pflege  und  der  Milch  bedurften, 
sämmtlrch  in  einem  geräumigen  Zuckerglase  aufbewahrt  und  mit  Zwie- 
back, saftigen  Früchten,  Hafer,  Mais,  Kürbiskernen,  Möhren,  Runkel- 
rüben und  dergleichen  gefüttert,  wobei  sie  sich  sehr  wohl  befanden. 
Am  15.  mussten  sie  jedoch  schon  getrennt  werden,  da  die  Mutter  wie- 
der sechs  Junge  (halb  so  gross  wie  von  gewöhnlichen  Mäusen)  gewoz'- 
fen  hatte;  eine  davon  war  todt.  Nun  wurde  ihr  das  aus  zerbissenem 
Grase  bestehende  Nest,  welches  wir  von  der  Wiese  mitgenommen 
hatten,  gegeben ;  sie  brachte  dasselbe  in  einer  halben  Stunde  in  Ordnung 
und  beim  Nachsehen  wurden  die  fünf  Jungen  ganz  munter  beisammen 
liegend  gefunden.  Diese  waren  in  vierzehn  Tagen  alle  sehend,  mehrere 
schon  einige  Tage  früher,  auch  mit  Ausnahme  des  Bauches  ziemlich 
behaart;  nun  nagten  sie  schon  am  Zwieback  und  dergleichen,  putzten 
sich  und  machten  die  possirlichsten  Stellungen.  Einige  Wochen  später 
musste  die  Mutter  von  den  Jungen  getrennt  werden,  weil  sie  eine  todt 
gebissen  und  gefressen  hatte. 

Unter  allen  kleinen  Nagern,  welche  ich  lebend   zu    beobachten  Ge- 


238 

legenheit  gehabt  habe,  stehen  diese  Mäuschen  hinsichtlich  ihrer  Behen- 
digkeit im  Klettern  und  Springen  obenan ;  man  kann  ihnen  stundenlang 
zusehen,  ohne  zu  ermüden ;  dabei  sind  sie  niedlich  von  Gestalt  und  An- 
sehen, höchst  reinlich  und  riechen  durchaus  nicht,  wie  dies  z.  B.  bei 
den  weissen  Mäusen  (Albinos  von  Mus  Musculus  L.)  in  hohem  Grade 
der  Fall  ist. 

Zur  Begattung  habe  ich  sie  bis  jetzt  nicht  bringen  können. 

Man  kann  sie  ohne  -Furcht  mit  den  Händen  fangen,  da  sie  nie  beis- 
sen;  sie  werden  sehr  zahm.  Eines  der  Hauptzüge  ihres  Charakters  ist 
Neugierde ;  so  oft  sie  ein  Geräusch  vernehmen ,  kommen  sie  aus  ihrem 
Neste  hervor,  um  zu  sehen,  was  vorgeht. 

Sie  wollen  wie  alle  Nager  sehr  reinlich  gehalten  sein  und  nur  dann 
befinden  sie  sich  wohl.  Wenn  sie  frisches  Heu  bekommen,  welches 
jede  Woche  einmal  der  Fall  ist,  fangen  sie  sogleich  an,  dasselbe  zu 
zerbeissen  und  zum  Bau  ihres  künstlichen  Nestes  zu  benutzen.  Dieses 
ist  kugel-  oder  ballförmig,  hat  nur  einen  Eingang,  ist  innerlich  mit 
den  zartesten  Grasfasern  ausgefütteri  und  bietet  ihnen  gerade  so  viel 
Raum  dar,  um  bequem  darin  liegen  zu  können. 

Ihre  Stimme  gleicht  oft  dem  Zirpen  einiger  kleinen  Grillenarten, 
oft  hat  sie  Aehnlichkeit  mit  dem  trillernden  Tone  der  Meerschweinchen, 
welchen  diese  zur  Zeit  der  Begattung  hören  lassen.  Sie  sind  stets  in 
Bewegung  und  nur  einige  Stunden  gegen  Morgen  und  nach  Mittag 
scheinen  sie  zu  ruhen. 

Beim  Reinigen  ihrer  Behältnisse  muss  man  sich  sehr  in  Acht  neh- 
men, dass  man  sie  nicht  drückt  oder  fallen  lässt,  denn  sie  sind  weit 
zärtlicher,  wie  gewöhnliche  Mäuse  und  die  geringste  Quetschung  führt 
ihren  Tod  herbei. 

Um  sie  gesund  zu  erhalten,  muss  man  ihnen  Gelegenheit  zum 
Springen  und  Klettern  geben  und  dies  geschieht  am  Besten  durch  her- 
unterlangende Drähte,  welche  sie  mit  ihren  kleinen  Pfoten  leicht  um- 
fassen können;  dann  sieht  man,  mit  welcher  ungemeinen  Sicherheit  sie 
sich  von  einem  Drahte  zum  andern  schwingen,  ohne  einmal  fehl  zu 
gi'eifen.  Sie  sind  im  Stande,  mit  grösster  Leichtigkeit  zwischen  glatten 
Gegenständen  wie  Glas  und  verziertem  Blech,  sobald  sie  nur  nahe  ge- 
nug zusammenstehen,  hinauf  und  umher  zu  steigen;  dabei  breiten  sie 
ihre  Finger  so  weit,  wie  möglich  aus,  um  mehr  Anhaltepunkte  zu  ge- 
winnen. 

Sie  sitzen  sehr  gern  hoch  und  mögen  sich  wohl  im  Freien  häufig 
dadurch  den  Blicken  des  Menschen  und  den  Verfolgungen  der  Raub- 
thiere  entziehen,  dass  sie  sich  zwischen  den  Aesten  der  Erlen-,  Weiden-, 
Wachholder-  und  anderer  Gesträuche  verbergen. 

Den  Schwanz  tragen  sie  oft  hoch,  wie  Siebenschläfer  und  Hasel- 
mäuse und  benutzen  ihn  sehr  geschickt  beim  Klettern  als  Wickelschwanz. 


239 

Nach  Herrn  Professor  Czerwiakowski ,  welcher  sie  am  13.  August 
V.  J.  hier  sah^  kommt  M.  agilis  auch  bei  Krakau  vor,  woselbst  sie  von 
Herru  Conservator  Schauer  gefangen  wurde,  sowie  nach  einer  Mittheil- 
ung des  Herrn  Dr.  llabenhorst  auch  bei  Prag.  —  Im  Uebrigen  ver- 
Aveise  ich  auf  meine  kleine  Monographie  von  diesem  hübschen  Thierchen. 


Talpa  europaea  L. ,  der  gemeine  europäische  Maulwurf 
Lind  seine  Varietäten. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Dieses  allgemein  bekannte,  dabei  aber  auch  durch  Körperbau  und 
Lebensart  gleich  merkwürdige  Thier  bewohnt  ganz  Europa  und  Sibirien. 

Von  der  wohlwollenden  Natur  zur  Vertilgung  von  schädlichen  In- 
sektenlarven, Eegenwürmern,  Schnecken,  Maulwurfsgrillen  u.  s.  w.  be- 
stimmt und  dazu  mit  dem  schärfsten  Geruchsorgane  und  ganz  eigen- 
thümlich  geformten,  muskulösen,  sehr  breiten,  händeartigen,  schrägge^ 
stellten  Vorderfüssen  versehen,  wird  er  dennoch  wiegen  des  bei  seiner 
nützlichen  Beschäftigung  unvermeidlichen  Aufstossens  des  Erdbodens 
und  Unterwühlens  von  Erbsen ,  Salat,  Gurken  und  anderen  Gartenfrüch- 
ten, schonungslos  verfolgt  und  es  ward  ihm  mit  allen  möglichen  Fallen, 
Drahtschlingen,  mit  Spaten  und  Hacken  nach  dem  Leben  getrachtet. 

Mich  dauert  jeder  gefangene  und  getödtete  Maulwurf  und  ich  möchte 
jedem  wegen  unverdienten,  gewaltsamen  Todes  einen  versöhnenden 
Nachruf  weihen;  aber  der  Mensch  ist  nun  einmal  Egoist  und  wer  ihm 
Schaden  zufügt,  meine  er  es  gut  oder  böse,  der  ist  sein  Feind.  Doch 
jetzt  ist  mau  wenigstens  so  weit  gekommen,  dass  man  den  Maulwurf  in 
den  Wäldern  möglichst  schont  und  ihn  für  absolut  nützlich  anerkannt 
hat;  ein  Trost  für  seineu  Defensor. 

Von  Varietäten  führe  ich  folgende  an: 

a)  Den  hellchromgelblich  Aveissen.  Einüberaus  schönes  Thier;  allent- 
halben von  ebengenannter  Farbe,  doch  unten  etwas  dunkler.  Ich  erhielt  die- 
sen sehr  seltenen  Maulwurf  am  21.  Juni  1S49  aus  einem  nahen  Weinberge. 

1))  Den  isabellfarbigen  Maulwurf.  Er  wurde  mir  zweimal  aus  der 
Gegend  von  Penig  gebracht.     Allenthalben  egal  isabellfarbig. 

c)  Den  aschgrauen,  starkseidenglänzenden  Maulwurf  mit  safrangel- 
bem Unterkörper,  Talpa  cinerea  sericeosplendens.  Diesen  gleichfalls 
sehr  schönen  Maulwurf  will  der  Baron  von  Hüpsch  unter  den  Namen: 
Talpa  eifliaca  cinerea,  grauer  eifelischer  Maulwurf,  als  eigene  Art  an- 
erkannt wissen.  Man  lese  darüber  nach:  Naturforscher  drittes  Stück; 
Halle  1774.  S.  98  und  flg.;  er  ist  aber  nur  Spielart  des  geAvöhnlichen. 
Am  sogenannten  Bleiberge  in  der  Eifel  soll  er  nicht  gar  selten  sein 
und  sich  in  der  Färbung  immer  gleich  bleiben.  Mein  Exemplar  erhielt 
ich  von  dem  benachbarten  Walmsdorf,  am  18.  Mai  1849. 


840 

d)  Den  scheckigen  Maulwurf  mit  über  hundert  kleinen  weissen 
Flecken;  wie  einer  in  den  Bei'linischen  Sammlungen  Bd.  VI.  Stück  III. 
Berlin,  1774  beschrieben  und  abgebildet  ist,  habe  ich  nie  gesehen. 

e)  Den  ganz  weissen  Maulwurf  habe  ich  gleichfalls  aus  der  Peniger 
Gegend  einmal  bekommen. 


Vespertilio  Noctuki  Schrb. 

Von  Dr.  A.  Dehne. 

Vom  17.  November  1847  bis  im  Monat  März  1848  besass  ich  ein 
schönes  glänzend  kaffeebraunes  Exemplar  von  Vespertilio  Noctula  lebend. 
Sie  war  die  erste  Fledermaus,  welche  ich  so  lange  erhielt;  ich  füt- 
terte sie  mit  lebendigen  Fliegen,  wovon  sie  oft  ein  Schock  und  mehr 
hintereinander  verzehrte;  wenn  keine  Fliegen  zu  bekommen  waren,  so 
gab  ich  ihr  klein  geschnittenes  Rind-,  Kalb-**,  Schöpsenfleisch  oder  auch 
kleine  Vögel.  Eines  Tages  frass  sie  über  die  Hälfte  von  einer  Frin- 
gilla  Linaria ;  die  Knochen  zerknirschte  sie  mit  ihren  scharfen  Zähnen 
so,  dass  man  es  deutlich  hörte;  an  Regenwürmer  wollte  sie  aber 
durchaus  nicht  gehen,  sie  schienen  ihr  zuwider  zu  sein.  Sie  kaute  mit 
einer  solchen  Schnelligkeit,  wie  ich  es  noch  bei  keinem  Thiere  gesehen 
habe;  wenn  eine  Portion  ganz  klein  zermalmt  war,  dann  machte  sie  den 
Rachen  weit  auf,  um  sie  zu  verschlingen  und  so  konnte  man  das  herr- 
liche Gebiss  genau  sehen. 

In  ihrer  sehr  ausgebildeten  Physiognomie  hatte  sie  etwas  Hyänen-, 
Bären-  oder  auch  Hunde-  (Doggen-)  artiges.  Die  Augen  waren  klein 
und  sehr  hell.  Ihre  Stimme  war  ein  oft  wiederholter,  durchdringender 
und  ziemlich  weit  vernehmbarer  Ton,  wie  wenn  man  mit  einem  Messer- 
rücken ganz  leise  und  schnell  hintereinander  gegen  eine  Glasglocke 
schlüge.  Sie  roch  auffallend  fuchsartig ;  ihr  Flug  war  sehr  leicht  und  schnell. 

Vespertilio  discolor  Natterer  habe  ich  einmal  acht  Tage  mit  Fliegen 
erhalten,   sowie    Rhinolophus  Hipposideros  Bechstein  gar   nur   drei  Tage. 

Aus  der  so  höchst  merkwürdigen  Familie  der  Fledermäuse  haben 
wir  hier  ohngef  ähr  ein  Dutzend  Arten ;  auf  ihnen  findet  man  auch  hier 
wiewohl  sehr  selten,  die  so  abweichend  gestaltete  Nycteribia  Vespertilio- 
iiis  Fabric,  sowie  sehr  häufig  mehrere  Arten  kleiner  Milben  auf  den 
Flughäuten  und  dem  Pelze.  —  So  unbeholfen  die  Fledermäuse  auf  den 
ersten  Anblick,  wenn  sie  sich  nicht  in  ihrem  Elemente  der  Luft  be- 
wegen, zu  sein  scheinen  und  so  ungeschickt  sie  auf  horizontalen  Gegen- 
ständen einherlaufen,  so  sind  sie  dennoch  im  Stande,  ihre  Gliedmaasen 
zu  Allem,  was  ihnen  nöthig  ist,  zu  gebrauchen;  sie  können  sich  mit 
ihren  Ilinterfüssen  am  ganzen  Körper  putzen  und  kratzen,  wobei  sie 
die  sonderbarsten  Stellungen  annehmen.  Auch  mit  ihrer  langen  und 
schmalen  Zunge  lecken  sie  sich  überall,  wo  es  die  Reinlichkeit  erfordert, 


241 

Sorex  clirysothorax. 
Die  g-elbbrüstig-e  Spitzmaus, 

Von  Dr.  A,  Dehne. 
Sorex  supra  fiisco-rvifus,  auriciilis  magnis  nudiusculis  plicato-forni- 
catis;  caiida  dimidiam  partem  corporis  superante  sub  quadrangulari, 
subpilosa,  annulis  densissimis  circiter  150,  palmis  plantisque  albis,  cal- 
losis,  pentadactjlis  unguiculis  albis,  acutis,  subulatis,  pectore  aureo, 
mento  albo,  gula,  bracbiis  abdomineque  argeuteo-ciuereis ,  dentibus  al- 
bidis;  oculis  miuutissimis,  rostro  mediocri,  vibrissis  sparsis  numerosis, 
rima  anali  inaxima. 


Diese  schöne  Spitzmaus  findet  sich  sehr  selten  in  den  Bergen  am 
linken  Elbnfer  der  Dresdner  Gegend;  die  meinigC;  ein  Männchen,  wurde 
bei  Wilsdruf  in  einer  Höhe  von  ohngef  ähr  700 '  über  der  Nordsee 
gefangen.  Sie  macht  ein  natürliches  Bindeglied  zwischen  den  Unter- 
gattungen Sorex  und  Crocidura,  doch  neigt  sie  sich  nach  ihrem  Habi- 
tus entschieden  mehr  der  erstem  zu. 

Ihre  Grösse  übersteigt,  wie  die  Dimensionen  zeigen,  um  Etwas  die 
der  kantenschwänzigen  Spitzmaus  (Sorex  tetragonurus  Herrn.) 

Der  Oberkörper  ist  bräunlich  rostfarben,  das  Kinn  weiss,  Kehle 
silbergrau,  Brust  schön  goldgelb,  Bauch  silbergrau,  so  dass  diese  Far- 
ben gerade  in  der  Mitte  des  Unterkörpers  scharf  begrenzt  sind ;  Zehen 
weiss,  Mitte  der  Beine  silbergrau.  Der  braune  Pelz  des  Oberkörpers 
und  der  gelbe  der  Brust  sind  an  der  Basis  aschgrau;  die  silbergrauen 
Parthien  allenthalben  gleichfarbig. 

Die  Haare  des  Unterkörpers  sind  prismatisch ,  sie  irisiren  bei  dem 
in  Alcohol  aufbewahrten  Exemplare,  namentlich  unter  der  Loupe  und 
im  hellen  Sonnenlichte,  wie  die  Stacheln  der  Aphrodite  aculeata. 

Der  Schwanz  ist  von  der  Stärke,  wie  bei  Sorex  tetragonurus  und 
auch  ebenso  vierkantig,  aber  länger,  mit  sehr  engen,  ziemlich  deutlichen 
Schuppenringen,  ohngef  ähr  150  an  der  Zahl,  versehen,  dünn  behaart, 
oben  bräunlich,  unten  weisslich;  hie  und  da  stehen  zwischen  den  kür- 
zeren einzelne  Stachelhaare. 

Der  Kopf  trägt  ganz  den  Charakter  von  Crocidura,  auch  sind  die 
Zähne  weiss,  die  Lippen  wulstig;  Schuurrhaare  zahlreich,  erreichen  au- 
gedrückt die  Ohren,  stehen  zerstreut,  ohne  dass  deutliche  Eeihen  wahr- 
nehmbar sind.  Ohren  vom  Bau,  wie  bei  Crocidura,  gross,  beinahe  nackt, 
sehr  zart  und  dünn.  Augen  in  der  Mitte  zwischen  Ohren  und  Nasen- 
spitze, sehr  klein.  Füsse  und  Krallen,  wie  gewöhnlich;  Sohlen  sehr 
schwielig.     Afterritze  gross,  taschenartig. 

Totallänge  von  der  Nase  bis  zur  Schwanzspitze  vier  Zoll  paris.  M. ; 
Schwanz  ein  und  ein  Dritttheil  Zoll;  von  der  Nasenspitze  bis  zur 
Schwanzwurzel  zwei   und   zwei  Dritttheil  Zoll;   Länge   des   Kopfes  von 

Allg-.  deutsche  naturliist.  Zeitung-,    I.  -i  o 


242 

der  Nase  bis  zum  ersten  Halswirbel  einen  Zoll ;  Umfang  der  Leibes- 
mitte zwei  Zoll;  Länge  der  mittleren  Zehen  zwei  Linien  und  eine  halbe, 
der  ganzen  Fusswurzel  fünf  und  eine  halbe,  von  der  Nase  bis  zu  den 
Ohren  zwei  Dritttheile  Zoll ;  Länge  der  Ohren  ein  Viertheil  Z. ;  Breite 
derselben  etwas  weniger. 


Nachschrift 

von 
Dr.  Ludwig  Reichenbach, 

Director  am  K.  naturhisturisclien  Museum  in  Dresden. 

Ich  habe  mit  grossem  Vergnügen  diese  sehr  merkwürdige  Ent- 
deckung meines  geehrten  Freundes,  dem  wir  schon  so  manche  in- 
teressante Bereicherung  der  Fauna  der  hiesigen  Gegend  verdanken, 
kennen  gelernt. 

In  Hinsicht  auf  die  Art  bin  ich  allerdings  kaum  in  Zweifel  geblie- 
ben, dass  dieselbe  mit  der  in  meiner  vollständigsten  Naturgeschichte 
der  Säugethiere :  Rauh s äug ethiei^e  S.  345  beschriebenen  und  unter  No.  720 
abgebildeten  braunbrüstigen  Spitzmaus,  Topino  peltirosso  :  Crocidura  tho- 
racica Bonaparte  Fauna  italica  fasc.  29.  F.  7.  einerlei  ist,  folglich  die- 
sen Namen  behalten  muss.  Beschreibung  und  Maass  stimmt  ganz 
überein. 

Da  aber  Bonaparte  nur  ein  einziges  Exemplar  in  Toskana  erhalten, 
folglich  zweifelhaft  blieb,  ob  dasselbe  nicht  V^arietät  einer  andern  Art 
sei,  mir  auch  nicht  bekannt  ist,  ob  man  ein  zweites  irgendwo  auffand, 
so  ist  diese  Entdeckung  eines  innerhalb  Sachsen  erlangten  Exemplars 
von  höchstem  Interesse  und  ein  neuer  Beweis  für  die  oft  ungeahnte 
Verbreitung  mancher  noch  wenig  beobachteten  Thiere. 

Hierbei  kann  ich  nicht  unterlassen,  die  Beobachtung,  den  Einfang 
und  das  Studium  dieser  kleinen  Raubsäugethiere ,  sowie  der  Nager  und 
Fledermäuse  recht  angelegentlich  zu  empfehlen.  Exemplare  dieser  Ge- 
schöpfe in  Branntwein,  würde  ich  von  allen  Oi'ten  her  immer  dankbar 
empfangen,  da  ich  denselben  für  unser  zoologisches  Museum  eine  beson- 
dere Aufinerksamkeit  widme. 


Kleinere  Mittheilungen. 

Sir  Henry  Thomas  de  la  Beche,  der  berühmte  Geolog  befindet  sich 
nicht  mehr  unter  den  Lebenden.  In  London  im  J.  1796  geboren,  er- 
wuchs er  in  Devonshires  anmuthigen  Thälern.  Er  wurde  1810  Cadet 
in  Marlow  an  der  Themse,  von  avo  die  Schule  nach  Sandhurst  verlegt 
wurde.     Als  Officier  verliess  er  den  Militärdienst,  um  ganz  dem  Studium 


243 

der  Greologie  sich  zu  widmen,  worauf  er  auch  schon  1S17  Mitglied  der 
Geological  Society,  die  damals  seit  1S07  bestanden,  geworden.  Im 
Jahre  IS  19  untersuchte  er  selbst  geologisch  die  Schweiz  und  Italien, 
worauf  seine  Resultate  durch  die  Wahl  zum  Mitglied  der  Royal  Society 
of  Sciences  anerkannt  wurden.  Zahlreiche  Arbeiten  von  dieser  Zeit  an 
der  OefFentlichkeit  übergeben ,  haben  grossen  Beifall  gefunden ;  z.  B. : 
„Ueber  die  Temperatur  und  Tiefe  des  Genfersees,  über  die  Geologie 
der  Schweiz  und  die  der  französischen  Küste,  auch  über  die  verschie- 
denen Bezirke  Brittanniens,  z.  ß.  Süd-Pembrokeshire,  Lyme-Regis,  Beer  in 
Devonshire  u.  a,".  Mit  Conybeare  vereint,  berichtete  er  an  die  Geological 
Society  über  die  Entdeckung  des  merkwürdigen /^/^«V>,v«//r2/^,  dßs  schlangen- 
halsigen  Sauriers  aus  dem  Lias  von  Bristol.  Nachdem  er  seine  Güter 
auf  Jamaica  besucht  hatte,  gab  er,  1525  zurückgekehrt,  einen  umfassen- 
den Bericht  über  die  Geologie  dieser  westindischen  Insel,  deren  Ver- 
hältniss  er  in  dieser  Richtung  zum  ersten  Male  erschlossen.  Im  Jahre 
1830  erschienen  seine  „Geological  Notes"  und  sein  „Sections  and  Views 
of  Geological  Phenomena"  und  1831  sein  in  mehrere  Sprachen  über- 
setztes ,,Geological  Manual".  Alle  Zeichnungen  fertigte  er  mit  eigener 
Hand.  Mit  Unterstützung  aus  der  Staatskasse  bearbeitete  er  mehrere 
Jahre  lang  mit  aller  möglichen  Anstrengung  die  geologische  und  trigo- 
nometrische Darstellung  von  Cornwall,  Devonshire  und  West-Sommer- 
set. Durch  seine  eignen  reichen  Sammlungen  begründete  er  das  Lon- 
don Museum  of  the  practica!  Geology.  Im  Jahre  1848  wurde  er  selbst 
Director  „of  the  Geological  survey"  und  of  the  Governments  School  of 
Mines."  Sein  ursprünglich  kräftiger  Körper  erlitt  endlich  eine  Glieder- 
lähmung, welche  es  dennoch  nicht  vermochte,  ihn  den  wissenschaftlichen 
Arbeiten  ganz  zu  entziehen.  Noch  zwei  Tage  vor  seinem  Tode  brachte 
er  in  seinem  Museum  einige  Stunden  im  Rollstuhle  zu  und  verschied 
am  13.  April  d.  J.  Sein  Andenken  bleibt  überall,  wo  die  Wissenschaft 
lebt,  seine  Humanität  bei  allen  die  ihn  kannten,  in  der  dankbarsten 
Erinnerung;. 


Kleine  Proben  vom  Meeresgrund  sind  bereits  früher  bis  12000  Fuss 
Tiefe  analysirt  worden.  Herr  Ehrenberg  hat  unlängst  vom  Herrn  Lieute- 
nant Maunj  ein  Stückchen  Meeresboden  von  der  Grösse  einer  halben 
Linse  in  einer  Papierhülle  erhalten,yauf  Avelcher  bemerkt  war:  Specimen 
of  Soundings  in  (he  Coral  Sea.  2150  Fath.  By  Passed  Midshipman 
Brooke.  U.  S.  Navy.  [Älonatsbcricht  d.  K.  Pr.  Acad.  d.  Wissenschaften 
März   1855.] 

Diese  kleine  Substanz  ist  demnach  aus  einer  Tiefe  von  12900  Fuss 
erhoben,  und  (wahrscheinlich)  aus  dem  Süd-Ocean  Australiens.  Herr 
Ehrenberg  sagt  in  dem  Berichte:  „Ich  habe,  um  nicht  durch  Reinigen 
der   kleinen  Menge  von   Talg    für   die   mikroskopische   Prüfung   einen 

18* 


244 

Substanzverlust  zu  erleiden,  den  grösseren  Theil  in  einem  Uhrglase 
unter  Wasser  erwärmt.  Dabei  setzten  sich  erdige  Theilchen  zu  Boden 
und  der  Talg  ging  zur  Obei'ääche.  Diese  freigewordenen  Erdtheilchen 
wurden  sofort  geprüft.  Aber  auch  die  Talgthcilchen  enthielten  noch 
eine  nicht  geringe  Menge  fremder  Stoffe.  Mit  Schwefeläther  und  Terpen- 
tinöl habe  ich  das  Fett  auch  von  diesen  allmälig  entfernt  und  einen 
Rückstand  erhalten.  Diese  erdige  Theilchen  habe  ich  dann  auf  zehn 
Glimmerblättclien  sehr  dünn  ausgebreitet  und  mit  Canada  Balsam  über- 
zogen. So  ist  es  gelungen,  eine  scharfe  Analyse  der  mechanischen  Misch- 
ung der  kleinen  Bodensubstanz  herbeizuführen.  Was  diese  Mischung 
anlangt,  so  besteht  sie  hauptsächlich  aus  einem  feinen  thonigen  Mulm 
in  welchem  Quarzsandtheilchen  unterschieden  werden,  deren  einige  far- 
big, schwarz,  röthlich  und  grün  sind.  Doppelte  Lichtbrechung  charak- 
terisirt  dieselben  bei  polarisirtem  Lichte  wie  Quarz.  Mit  diesen  unor- 
ganischen Stoffen  haben  sich  in  der  so  kleinen  Menge  doch  bisher  24 
verschiedene  organische  Stoffe  und  selbstständige  Lebensformen  fest- 
stellen lassen,  und  ausserdem  4  unorganische  Formen.  Es  sind  nem- 
lich  aus  sieben  verschiedenen  Klassen  Körperspuren  beobachtet  worden." 
Die  beobachteten  28  Formen  des  Meeresbodens  sind  foldende: 

Polygastern  4  Formen:  Coscinodiscus  profundus?  —  Mesocena? 
septenaria.  —  Mesocena?  senaria.  —  Navicula  cristata. 

Phytolitharieji    7    Formen:    Amphidiscus.    —    Lithosphäridium. 
Spongolithis  acicularis,  cenocephala,  Fustis,  robusta,  Tinceros. 

Polythalamien  2  Formen:  Globigerina?  Fragm.  —  Spiroplecta  pro- 
fundissima.  n.  sp. 

Polycystinen  5  Formen:  Cornutella  clathrata  profunda?  —  Eucyr- 
tidium?  —  Flustrella  concentrica.  —  Haliomma?  —  Spongo- 
discus. 

Geolithien  2  Formen:  Cephalolithis.  —  Dictyolithis  micropora. 

PVeiche  ' Pflanzentlieile  4  Formen :  Bastfaser.  —  Epidermis.  —  Paren- 
chyma  vasculosum.  —  Par.  cellulosum. 

Anorganische  Formen  4 :  Sterncrystal,  sechsstrahlig.  —  Grünsand.  — 
Quarzsand.    —  Mulm.  - — " 

„Wohlcrhaltene  Schaalen  in  überschwenglicher  Menge,  Erfülltsein 
der  Schaalen  mit  weichen  Körpern,  Farblosigkeit  der  weichen  Körper 
und  Mangel  häufiger,  oft  aller  Erkenntniss  der  aus  der  Tiefe  gehobenen 
Formen  in  d(^  Oberflächen-Verhältnissen  sind  für  jetzt  die  auch  durch 
diese  Probe  befestigten  Gründe  für  das  Belebtsein  der  Tiefe."  Auch 
in  einer  Tiefe  von  12,900  Fuss  ist  eine  Oberfläche,  welche  der  Kreide- 
bildung sich  anschlicsst  nicht  erreicht  worden;  es  wird  vielmehr  be- 
merkt, dass  in  der  zunehmenden  Tiefe  eine  Abnahme  der  Polythalamien 
und  Zunahme  der  Polycystinen  und  Spongolithen  sich  zeigten,  welche 
einen  Charakter  bieten,  der  sich  von  der  Kreidebildung  weiter  zu  ent- 
fernen scheint.  — 


245 

Käfer  aus  den  Familien  der  Longiconüa ,  Paussidae  und  Ptiniores. 
Unter  23  von  Herrn  Peters  in  Mossambique  gesammelten  und  von  Herrn 
Dr.  Ger.stäcker  bearbeiteten  Arten  aus  der  Familie  der  Longicornia  sind 
14  neu,  und  zwei  derselben  bilden  neue  Gattungen.  [Monatsbericht  der 
K.  Pr.  Academie  der  Wissenschaften  zu  Berlin.  April  1855.]  Die 
neuen  Arten,  deren  Diagnosen  in  dem  Berichte  sich  behnden,  sind: 
1)  Ceramhyx  (Hammaticherus)  incultus ,  2)  Callichroma  heterocnemis ,  3) 
Callichroma  leucorhaphis,  4)  Callichroma  ruficrus,  5)  Compsomera  specio- 
sissima,  6)  Closteromerus  insignls,  7)  Obrium  murinum,  8)  Ceroplesis  mili- 
taris ;  Cymatura,  nov.  gen.  Corpus  elongatum,  cylindricum,  tomentosum. 
Frons  inter  antennas  profunde  excisa,  tuberculo  antennifero  admodum 
elevato.  Palpi  articulo  ultimo  subulato.  Antennae  (feminae?)  corpore 
breviores,  articulis  3.  —  10.  longitudine  decrescentibus.  Thorax  an- 
gustus,  basi  apiceque  evidenter  constrictus,  spina  laterali  post  medium 
sita  instructus.  Elytra  latitudine  communi  triplo  fere  longiora,  lateribus 
subparallela^  apice  subtruncata,  angulo  externo  producto,  fimbriato. 
Mesosternum  lineare.  Pedes  breviusculi,  tibiae  mediae  extus  profunde 
excisae.  9)  Cymatura  bifasciata,  [„Eine  zweite,  ebenfalls  neue  Art  dieser 
Gattung  besitzt  das  Berliner  Museum  von  Port  Natal:  Cymatura  scopa- 
ria."]  Rhaphidopsis,  nov.  gen.  Corpus  parallelum,  subcylindricum ,  to- 
mento  brevi  dense  vestitum.  Caput  magnum,  thoracis  latitudine,  sutura 
media  longitudinaliter  divisum:  fronte  a  vertice  sutura  transversa  sepa- 
rata.  Antennae  distantes:  niaris  corpore  tertia  fere  parte,  feminae  vix 
longiora:  articulo  primo  ceteris  crassiore,  2.  brevissimo,  3.  dimidio  fere 
longiore  quam  1.  sequentibus  ad  10.  usque  sensim  brevioribus,  ultimo 
praecedente  dimidio  longiore,  apice  acutissimo.  Thorax  longitudine  non 
latior,  subcylindricus ,  basi  sat  late  constrictus,  lateribus  pone  medium 
in  spinam  brevissimam,  tuberculi  formen  dilatatus.  Elytra  thorace  paullo 
latiora,  latitudine  communi  plus  duplo  longiora.  Pedes  breviusculi. 
Prosternum  simplex,  medio  angustatum,  mesosternum  tuberculo  parum 
elevato  instructum.  —  10)  Rhaphidopsis  inelaleuca.  [,,Ausserdem  ist 
dieser  Gattung  beizuzählen:  Ceroplesis  Klugii  Dej.  Cat.  (C.  ornata 
Klugi.  lit.),  welche  mit  den  übrigen  Ceroplesis -Arten  nichts  als  die 
scheinbar  analoge  Zeichnung  der  Flügeldecken  gemein  hat.")  11)  Tra- 
gocephala  frenata,  12)  Zographus  hieroglyphicus ,  13)  Oberea  scutellaris, 
1 4)  Oberea  pallidula.  —  Von  der  Familie  der  Paussidae  wurden  in  Mos- 
sambique zwei  Arten  aufgefunden,  nemlich:  1)  Paussus  Humboldtii  West- 
WQod,  und  2)  Paussus  inermis.  Die  letztere  Art  ist  neu;  sie  gehört  zu 
Westwoods :  „Sectio  B.  Prothorax  subcontinuus"  und  ist  dem  Paussus  ver- 
ticalis,  Reiche,  zunächst  verwandt.  —  Die  neuen  Arten  von  der  Familie 
der  Ptiniores  aus  Mossambique  sind :  1)  Ligniperda  (Apate  Fabr.  Guer.) 
congener,  2)  Ligniperda  cylindrus,  3)  Sinoxylon  conig erum.  — 


246 

Ueber  das  Fortleben  (Wiederauf lebcnj;  das  sich  Erhalten  und  Fortbe- 
stehen eines  trägen  und  zähen  Lebens  in  sehr  lebensfeindlichen  Verhält- 
nissen, sind  von  Herrn  Ehrenher g  neue  Beobachtungen  gemacht  und 
der  K.  Pr.  Akademie  der  Wissenschaften  [Monatsbericht,  April  1855) 
mitgetheilt  Avorden,  Die  Herren  DDr.  Schlagintweit  hatten  im  August 
1851  auf  dem  Monte  Rosa  Mooserde  des  Weisthorpasses  gesammelt  und 
in  Papier  gehüllt  mitgebracht.  Herr  Ehrenberg  hatte  die  Mooserde, 
welche  er  davon  erhalten,  in  den  Papierpäckchen,  in  welchen  sie  sich 
befand,  in  einem  Schreibpult  aufbewahrt.  Im  Mai  1853  wurden  bereits 
von  demselben  mit  dieser  Mooserde  Versuche  angestellt,  und  er  fand, 
[Monatsbericht  1853,  S.  326  und  363]  dass  Räderthiere  und  Bärenthierchen, 
nicht  nur  nach  jahrelangem  Trockenliegen  in  gleichen  athraospärischen 
Verhältnissenfortleben,  sondern  dass  auch  Formen  aus  über  11000  Fuss 
Alpenhöhe,  dabei  den  Alpen  ganz  eigenthümliche  Arten,  die  in  ganz 
anderen  atmosphärischen  Verhältnissen  entwickelt  worden,  sobald  sie 
[in  Berlin  c.  100  Fuss  Erhebung  über  dem  Meere)  in  Wasser  kamen 
ein  thätiges  Leben  erkennen  Hessen.  Es  waren  also  diese  Thierchen 
ungefähr  zwei  Jahre  ohne  sichtbare  Feuchtigkeit  in  völlig  trockner 
Mooserde  in  Papier  aufbewahrt  gewesen.  Bei  diesen  1853  angestellten 
Versuchen  wurden  7  Arten  lebend  gesehen:  Callidina  scarlatina,  Milne- 
sium  alpigenum,  Macrobiotus  Hitfelandä ,  Echiniscus  SxiUus',  E.  Arclomys^ 
E.  Victor,  E.  Testudo;  Eier  des  Milnesiutii  aspigenum,  meist  frei,  Macro- 
biotus Hufelandii,  stets  in  Häuten.  Die  dazwischen  liegenden  Formen 
der  Callidina  alpium,  C.  rediviva,  Anguillula  ecaudis,  A.  longicaudis  wur- 
den nicht  lebendig  bewegt  gesehen,  obwohl  sie  sich  passiv  ausdehnten. 
Nachdem  nun  die  Mooserde  bereits  4  Jahre  trocken  gelegen,  hat  jetzt 
Herr  Ehrenberg  die  Versuche  wiederholt.  Es  wurde  ein  Theil  der  Moos- 
erde in  einem  Uhrglas  unter  reines  Wasser  gebracht,  am  folgenden 
Tage  umgerührt  und  dann,  nachdem  sich  Bodensatz  gebildet,  das  Wasser 
bis  zu  diesem  abgegossen.  Der  Bodensatz  bestand  aus  einer  leichteren 
und  einer  schwereren  Schicht.  Die  erstere  (obere)  enthielt  viele  schon 
mit  der  Lupe  erkennbare  weissliche  Theilcheu;  Räderthierchen  und 
Bärenthierchen,  mit  abgelössten  Moosblättchen.  Die  untere  Schicht  war 
Sand.  Es  fanden  sich  stets  die  3  Arten  von  Callidina,  3  bis  4  Arten  von 
Echiniscus,  Milnesium  alpigenvm,  Macrobiotus  Hufelandii  und  Anguillula 
ecaudis  und  longicaudis,  mit  vielen  stachligen  Eiern  des  Milnesium  und 
glatten  Eiern  des  Macrobiotus.  An  Individuenzahl  waren  die  Callidina 
scarlatina  und  alpium  weit  überwiegend.  Herr  Ehrenberg  fand  diesmal 
noch  drei  Formen  lebend:  Callidina  scarlatina,  Milnesium  alpigenum  und 
Macrobiotus  Hufelandii.  Vor  zwei  Jahren,  also  nach  zweijährigem  Trok- 
kenliegcn,  mochten  ungefähr  20  von  100  und  jetzt,  nach  vierjährigem 
Trockenliegen,  etwa  2  von  100  in  Wasser  gebracht,  das  Leben  sicht- 
bar fortsetzen.   —   Die   betreffenden   Formen   sind    1854   in    der   Mikro- 


247 

o-eologie  Taf.  XXXV.  B.  abgebildet.  ~  lu  dem  Berichte  heisst  es  am 
Schlüsse:  „Eben  weil  es  mm  zusammengezogene  Thierchen  giebt,  die 
nie  wieder  aufleben  (todte)  und  zusammengezogene,  die  sehr  bald  unter 
günstigen  Bedingungen  in  volle  Lebensthätigkeit  übergehen  (nicht 
todte),  so  verhalten  sich  diese  Thiere  den  verdorbenen  und  den  unver- 
dorbenen Eiern  ähnlich,  obwohl  auch  diesen  nicht  gleich.  Ein  unver- 
dorbenes Ei  ist  aber  weder  scheintodt  noch  hat  es  ein  latentes  Leben. 
Es  hat  vielmehr  ein  offenbar  sich  erhaltendes,  unter  gewissen  Beding- 
uno-en  sich  auch  entwickelndes  Leben.  Todte  verdorbene  Eier  sind 
nicht  entwickelungsf ähig ,  indem  sie  die  Bedingung  dazu,  die  Selbst- 
erhaltung zuerst  verloren  haben.  Entwickelungsf ähige  Eier,  sind  aber 
offenbar  nie  todt  gewesen,  noch  haben  sie  ein  latentes  Leben  gehabt 
im  Sinne  latenter  Wärme  oder  latenter  Electricität,  vielmehr  ist  dieses 
physikalische  Gleichniss  unpassend.  Es  giebt  physikalisch  keinen  Kör- 
per ohne  Wärme  und  Electricität,  allein  es  gibt  todte  Eier,  die  nie  wie- 
der entwickelungsfähig  für  das  Leben  sind.  Eier  und  eingezogene, 
trocken  lebende  Räderthiere  sind  wiederum  nicht  im  gleichen  Verhält- 
niss.  Eier  erhalten  sich  nur  in  einem  sich  gleichbleibenden  Zustande 
ohne  Entwickelung,  wenn  nicht  besondere  äussere  Bedingungen  ein- 
wirken, die  trockenen,  d.  h.  mit  unbemerkbarer  Feuchtigkeit  lebenden 
zusammengezogenen  Räderthiere,  nähren  sich  ohne  Zweifel  oft  noch 
selbstthätig  in  diesem  Zustande,  bilden  und  legen  Eier.  Die  Bärenthier- 
chen  häuten  sich  dabei.  Beide  letztere  sind  also  nicht  ohne  eigene  Ent- 
wickelung in  ihrem  eiartig  zusammengezogenen  Zustande.  Weder  die 
Eier  noch  diese  Thiere  kann  man  scheintodt  nennen,  da  man  von  bei- 
den kein  anderes  Lebenszeichen  zu  erwarten  berechtigt  ist,  als  die 
oben  vorhandenen,  wenn  auch  kargen,  doch  offenbaren."  Von  den 
Räderthieren  wurden  bei  den  zuletzt  angestellten  Versuchen  nur  die 
grössten  Formen  lebend  gefunden;  sie  dehnten  sich  aus,  zogen  sich 
schnell  ein,  krochen  und  kauten,  aber  wirbelten  nie.  Fast  jedes  Exem- 
plar enthielt  ein  ziemlich  reifes  Ei  im  Körper.  Von  den  Bärenthieren 
hatten  nur  die  grössten  und  kleinsten  Formen  das  Leben  fortgesetzt ;  die 
mittleren  Formen  wurden  todt  gefunden.  —  Die  Physiologie  eröffnet 
auch  hier  ein  Gebiet  für  interessante  Forschungen.  Es  sind  nemlich 
einerseits  die  Grenzen  aufzusuchen,  bei  welchen  in  der  That  das  Leben 
vollständig  aufhört,  so  dass  unter  allen  nur  möglichen  Bedingungen  und 
Verhältnissen  die  Thätigkeit  des  selbstständigen  Lebens  nicht  wieder 
sichtbar  werden  kann,  und  andererseits  sind  die  Merkmale  ^desjenigen 
Zustandes  zu  ergründen,  in  welchem  die  Lebenstjiätigkeit  zwar  auf  ein 
Minimum  reducirt,  aber  gleichwohl  durch  Anweridung  bestimmter  Mit- 
tel sich  wieder  vergrössert,  und  ihren  normalen  Zustand  erreicht,  wo- 
bei namentlich  auch  die  Ursachen,  welche  das  Leben  in  diesen  gleich- 
sam ruhenden  Zustand  versetzen  und  die  Bedingungen  aufzusuchen  sein 


248 

würden,  unter  welchen  allein  das  Leben  bei  diesem  niedrigen  Grade 
von  Thätigkeit  für  die  Möglichkeit  einer  wieder  eintretenden  Vergrös- 
serung  derselben  fortbesteht.  — 


Ein  Apparat  znr  Regulirung  von  Gasflammen,  auf  Aufforderung  des 
Herrn  K.  Ritter  von  Hauer  für  die  K.  K.  geol.  Reichsanstalt  zu  Wien 
von  Herrn  S.  Marcus  (Mechaniker  am  K.  K.  physik.  Institute)  construirt, 
wurde  von  Herrn  von  Hauer  in  der  Sitzung  derselben  (20.  April)  vor- 
gezeigt, ,;Die  Anwendung  des  Leuchtgases  in  chemischen  Laboratorien, 
welche,  abgesehen  von  der  Wohlfeilheit  dieses  Brennmaterials,  so  viele 
Vortheile  bietet,  erschien  nur  dann  minder  vortheilhaft ,  wenn  es  sich 
darum  handelte,  durch  längere  Zeit  eine  gleichförmige  Temperatur 
mittelst  einer  Gaslampe  zu  erhalten;  der  Druck,  welcher  von  den  gros- 
sen Gasometern  ausgeübt  wird,  und  der  die  Zuströmung  des  Gases 
durch  das  ganze  Röhrensjstem  bis  zu  den  einzelnen  Ausflussöffnungen 
bewirkt,  ist  nemlich  ein  so  ungleicher,  dass  stets  im  Verlaufe  von  24 
Stunden,  eine  Reihe  bedeutender  Schwankungen  in  der  Menge  des  zu- 
strömenden Gases  stattfinden.  Der  von  Herrn  Marcus  construirte  Ap- 
parat hat  nun  die  Bestimmung ,  als  Regulator  zu  dienen ,  um  diese 
Schwankungen  auszugleichen,  und  wird  demnach  zwischen  der  anzu- 
wendenden Lampe  und  der  Röhre,  welche  das  Gas  zuleitet,  eingeschal- 
tet. Er  besteht  aus  zwei  Glasgefässen,  welche  durch  ein  heberförmig 
gebogenes,  gleichschenkliges  Rohr  verbunden  sind.  Beide  sind  zur 
Hälfte  mit  Wasser  gefüllt,  welches  sich  im  Stande  der  Ruhe  in  glei- 
chem Niveau  befindet.  Wird  in  das  erste  dieser  Gefässe,  welches  durch 
eine  Ausflussröhre  mit  der  Lampe  commvmicirt,  das  Gas  eingeleitet,  so 
Avird  durch  den  auf  die  Oberfläche  des  Wassers  stattfindenden  Druck 
eine  gewisse  Menge  desselben  durch  das  heberf örmige  Rohr  in  das 
zweite  Gefäss  gepresst.  Li  diesem  zweiten  Gefässe  befindet  sich  ein 
Schwimmer  von  Kork,  welcher  in  dem  Maasse  als  das  Niveau  des  Was- 
Siers  steigt,  sich  hebt  und  einen  Hahn,  der  die  Zuströmung  des  Gases 
vermittelt,  schliesst."  — 


Ein  Stück  eines  Eichsnstammes,  der  vom  Herbst  1851  bis  zum  Früh- 
jahr 1854  auf  dem  Eisenwerke  zu  Dereö  im  Gömörer  Komitate  als  Ham- 
merstock den  Schlägen  eines  Dampfhammers  (bis  1853  eines  von  90  Ctr.^ 
dann  eines  anderen  von  60  Ctr.  Wucht)  mit  senkrechtem  Hube  ausge- 
setzt war,  wurde  vom  Herrn  Bergrath  F.  v.  Hauer  der  K.  K.  geol.  Reichs- 
anstalt zu  Wien  (20.  März)  vorgelegt.  Das  Eichenholz  hatte  eine  schwarze 
Färbung  erhalten,  welche  nach  der  Erklärung  des  Herrn  Dr.  Reissek 
von  Impregnation  mit  einem  fremden  Körper  herrührt,  die  Holztextur 
war  vollkommen  erhalten,  sämmtliche  Zellen  aber  befanden  sich  in  einem 
vorgeschrittenen  Stadium  der  Humification. 

Dr   A.  Drechsler, 


Die  allgemeine  deutsche 

Naturhistorische  Zeitung 


1 

che  ■ 


hat  bisher  durch  ihren  Inhalt,  insbesondere  durch  ihre  unpartheiische 
Anerkennung  der  Leistungen  Anderer,  die  sie  besprach,  einen  freund 
liehen  Kreis  von  Mitarbeitern  und  Lesern  im  In-  und  Auslande  gewon- 
nen, wodurch  ihr  die  Aussicht  gestellt  war,  den  Beifall,  dessen  sie  sich 
erfreute,  gesichert  zu  sehen.  Das  Hinscheiden  ihres  Verlegers,  des  ehr- 
würdigen Chr.  Arnold  unterbrach  ihre  Erscheinung  und  erst  jetzt  konnte 
der  durch  neue  Kräfte  erweiterte  Kreis  ihrer  Mitarbeiter  unter  einem 
der  Wissenschaft  geneigten  und  thätigen  Verleger  sich  wieder  vereinen, 
so  dass  hiermit  der  erste  Band  der  neuen  Folge  erscheint. 

Die  früher  als  bewährt  anerkannte  Weise  wird  in  dieser  Fortsetzung 
unermüdet  befolgt.  Mittheilungen  von  Aufsätzen  oder  Notizen  aus  allen 
Zweigen  der  Naturkunde,  welche  die  Sachkenntniss  oder  die  Anschauungs- 
weise derselben  befördern,  sind  uns  willkommen  und  unser  durch  be- 
sondere Paginirung  abgesondertes 

Literaturblatt  der  ISIS 

wird  sich  bestreben,  wie  bisher,  in  unpartheiischer  Weise  Kunde  zu  ge- 
ben von  den  Leistungen,  welche,  diese  Kenntniss  erläuternd,  zu  uns  ge- 
langten, so  dass  wir,  im  Mittelpunkte  Deutschlands  und  Europa's  woh- 
nend, und  durch  eine  der  ausgezeichnetsten  und  vollständigsten  Biblio- 
theken unterstützt,  diese  centrale  Bedeutung  unserer  Zeitschrift  mit 
Sorgfalt  und  Liebe  wieder  herstellen  werden.  Wir  fassen  hierbei  einzig 
und  allein  die  Verbreitung  der  Wissenschaft  und  des  Sinnes  für  dieselbe 
ins  Auge  und  in  Erwägung,  dass  die  Wahrheit  in  jeder  Richtung  sich 
selbst  herausstellen  wird,  schliessen  wir  keine  Parthei  von  unsern  leiden- 
schaftslosen Besprechungen  aus.  Alle  Mitarbeiter  werden  auf  dem  Titel 
des  Jahrgangs,  in  dem  sich  ihre  Beiträge  befinden,  genannt  und  mit 
Vergnügen  erbieten  wir  uns,  zu  Beförderung  des  Verkehrs  zwischen 
Sammlern,  auch  Addressen  und  Cataloge  von  Gegenständen  für  Tausch 
und  Kauf,  nach  Befinden  durch  Beilagen  oder  durch  billige  Inserate  von 
unserm  Centrum  aus  zur  gegenseitigen  Kenntniss  zu  bringen. 

Alle  Zusendungen  an  die  Redaction  erbitten  wir  ferner  durch  die  Post 
unter  der  Addresse : 

„Für  die  allgemeiüe  deutsche  Naturhistorisclie  Zeitung" 

Dresden  :  oder  Hamburg  : 

Hofbuchhandlung  von  Rud.  Kuntze  Verlagsbuchhandlung  von 

(Hermann  Burdach).  Rudolf  Kuntze. 

Als  Verleger  habe  ich  dem  Vorstehenden  hinzuzufügen:  dass  der 
Band    der  allgemeinen   deutschen   Naturhistorischen   Zeitung    aus 

12  Heften  bestehen  wird,  —  der  Preis  des  Bandes,  zu  dessen  ganzer 
Abnahme  man  sich  verpflichtet,  auf  3  Thaler  festgestellt  ist,  —  und  dass 
ich  bereit  bin,  wie  auch  die  Hofbuchhandlung  von  Rud.  Kuntze  (Hermann 
Burdach)  in  Dresden,  Zusendungen  für  die  Zeitschrift  mit  Vergnügen  zu 
empfangen. 

Eudolf  Kuntze, 

Verlagsbuchhandlung  in  Hamburg. 

Dresden,  Druck  der  Königl.  Hoaiuclidruckcrci  von  C.  C.  Meinhold  ic  Söhne. 


Preis  eines  Bandes  von  12  Heften  3  Tlilr. 


ß/o-^^— 


I.  Band.  No.  7. 

Allgemeine  deiitsche 

MurhiMsche  Zeitong. 


Im  Auftrage 


der 


Gesellschaft  ISIS  in  Dresden 

in  Verbiudung 

mit  auswärtigen  und  einlieimischen  Gelehrten 

herausgegeben 

von 

Dr.  Adolph  Drechsler. 


Neue  Folge:   erster  Band. 

7.  Qcft. 


INHALT. 

Die   liemibatcacliier    im  Allicemeinen    und    die    Heniibatrachier  von   Nord  -  Amerika    im 

Specielleu,  von  Dr.  Benno  Mutthcs. 
Beilrag    zur    Kryptogamen  -  Flora    Süd  -  Afrika's.     Pilze    und    Algen.       Bearbeitet    von 

Dr.  L.  Rabenhorst. 
Ueber  die  Varietäten   der  Helix  nemoralis   L.   und    Hei.  hortensis  .Müll.      Von   Theodor 

Reibisch,  Privatlehrer  in  Dresden. 
Kleinere  Mittlieiluna;en.     —     Literaturldalt  der  Isis. 


HAMBUEG, 

Verlag    v  o  n    R  u  d  o  1  f    K  u  n  t  z  e. 
■^1855. 

)          Hau[)t-Debit  für  Dresden  durch  die  Hofbuchliandlimg  von  Kud.  Kuntze  {llerm.  Burduch.) 
^^5— ^i 

Siehe  die  Rückseite  de.s  Umschlags. 


249 


Die  Hemibatrachier  im  Allgemeinen 

und 

die  Hemibatrachier  von  Nord -Amerika  im  Speciellen 


von 
Dr.  Benno  Matthes. 

Einzelne  Zweige  der  Naturwissenschaften  wurden  in  frühem  Zeiten 
so  vernachlässigt,  dass  eine  genauere  Kenntniss  derselben  sich  erst  in 
neuerer  Zeit  zu  verbreiten  anfing. 

Besonders  betraf  diese  Vernachlässigung  diejenigen  Thiere,  welche 
durch  eine  etwas  abstossende  Aeusserlichkeit  dem  Menschen  Ekel,  Ab- 
scheu oder  Furcht  einflössten. 

Diese  Eigenschaften  sind  bei  oberflächlicher  Beobachtung  vorzüglich 
den  Reptilien  eigen  und  daher  wurden  diese  ganz  besonders  der  Gegen- 
stand der  allgemeinen  Vernachlässigung. 

Die  Schrifsteller  und  Naturforscher  der  frühern  Zeiten  unterliessen 
aus  Furcht  vor  den  Thieren  jede  genaue  Untersuchung,  aber  fühlten, 
von  ihrem  Standpunkte  gezwungen,  wohl  das  Bedürfniss,  Einiges  über 
diese  Thiere,  über  die  Lebensweise  derselben  u.  s.  w.  zu  sagen.  Sie 
griffen  daher  kühn  in  das  Gebiet  der  Phantasie  und  erschöpften  dieselbe 
auf  alle  erdenkliche  Weise.  So  wurde  durch  Naturforscher  früherer 
Zeiten  der  Aberglaube  dem  leichtgläubigen  Volke  eingeprägt  und  zwar 
so  tief,  dass  trotz  der  verflossenen  Jahrhunderte,  trotz  der  jetzt  beinahe 
allgemeinen  Verbreitung  der  Naturwissenschaften  es  bis  auf  den  heutigen 
Tag  nicht  gelungen  ist,  denselben  gänzlich  zu  exstirpiren. 

Solimts,  Albertus,  Aellan,  ScaUger,  Jonsion  u.  A.  m.  stempelten  ein- 
zelne Reptilien  zu  wahren  Unholden.  So  heisst  es  z.  B.  vom  Basilisk: 
„Sein  Blick  tödtet  auf  der  Stelle,  streift  das  Fleisch  von  den  Knochen, 
entblättert  die  Bäume,  verdorrt  die  Felder  und  macht  die  Felsen  mürbe." 
Dergleichen  Fabeln  wurden  nicht  allein  von  den  Ungebildeten  geglaubt 
und  verbreitet,  sondern  auch  wissenschaftlich  gebildete  Männer  beschäftig- 
ten sich  damit.  Im  Jahre  1662  machte  es  sich  ein  gcAvisser  Zwm^er,  Professor 
der  Theologie  zu  Basel,  zur  Aufgabe,  die  Nachwelt  mit  seiner  Unter- 
suchung über  die  Entstehung  der  Basilisken  zu  beglücken.  Er  beobach- 
tete zehn  Eier,  welche  sein  Haushahn  gelegt  haben  sollte  und  welche 
er  als  Basilisken -Eier  ausgab.  Dass  aber  aus  allen  diesen  Eiern  kein 
Basilisk  auskroch  erklärte  dieser  Gelehrte  dadurch,  dass  eigentlich  eine 
Kröte  zum  Ausbrüten  benutzt  werden  müsse. 

Zehn  Jahre  später,  also  1672,  veröffentlichte  Dr.  Scheffers  in  Frank- 
furt seine  Untersuchung   über  ein  Basilisken-Ei;  welches  ein  Haushahn 

Allp'.  rlentschc  naturhist.  Zeitung-,    I.  \<^ 


250 

im  Jahre  1571  gelegt  haben  sollte  und  in  welchem  das  Eiweiss  durch  Blut 
und  das  Dotter  durch  etwas  wie  Kröten  -  Saamen  vertreten  gewesen  sei. 

Wie  gefährlich  es  aber  ist,  dergleichen  Berichte  nicht  glauben  zu 
wollen,  ergiebt  sich  aus  den  höflichen  Worten  eines  der  erstgenannten 
Naturforscher,  welcher  sagt :  „Wer  solche  Dinge  für  Fabeln  und  Lügen 
hält,  beweist  sein  mittelmässiges,  dummes  und  dünnes  Gehirn  und  giebt 
zu  erkennen,  dass  er  nicht  weit  in  der  Welt  gekommen  und  mit  gelehr- 
ten und  gereisten  Personen  nie  Umgang  gepflogen  hat." 

Nach  dergleichen  höchst  unzweideutigen  Bemerkungen  ist  es  jeden- 
falls gerathen,  kein  Wort  mehr  über  dergleichen  veraltete  Ansichten 
fallen  zu  lassen,  sondern  endlich  zu  meinem  eigentlichen  Thema,  den 
Hemibatrachiern,  überzugehen. 

Es  kann  nicht  meine  Absicht  sein,  eine  vollständige  Abhandlung 
über  die  Hemibatrachier  zu  geben,  sondern  ich  begnüge  mich  nur,  das 
Allgemeine  derselben  zu  berühren,  und  die  Hemibatrachier  von  Nord- 
Amerika  specieller  zu  bearbeiten.  Da  ich  aber  nicht  alle  bekannten 
Arten  selbst  besitze  und  es  doch  mein  Wunsch  war,  den  speciellen  Theil 
so  vollständig  zu  geben,  dass  er  sich  zur  Bestimmung  eignet,  so  war  es 
nothwendig,  die  Beschreibung  der  mir  fehlenden  aus  „Holbrook"  North 
American  Herpetology  zu  entlehnen. 

Die  Hemibatrachier  im  Allg-emeinen. 

Unter  Salamandrae  Brogn.,  Laur.,  Latr.,  Cuv.,  Salamandrinen,  Sala- 
mander oder  Molche;  Urodeles,  Dumeril;  Caudata,  Oppel;  Schwanz- 
Batrachier;  Gradientia,  Merrem;  Gang-Batrachier,  verstand  man  früher 
alle  diejenigen  Batrachier,  welche  im  Gegensatze  zu  den  froschartigen, 
sich  durch  das  Vorhandensein  eines  Schwanzes  und  durch  ihre  krie- 
chende Fortbewegung  auszeichnen. 

Im  weitesten  Sinne  also  aufgefasst,  zog  man  daher  sämmtliche  Ich- 
thyodeen  oder  Fischlinge,  jene  natürliche  Uebergangsgruppe  von  den 
Batrachiern  zu  den  Fischen,  mit  in  diese  Ordnung.  Die  Anatomie  der 
Fischlinge  aber  ist  so  verschieden  von  der  der  Salamandrinen,  dass  eben 
eine  eigene  Ordnung  für  diese  aufgestellt  werden  musste. 

Unter  Salamandrinen  im  engern  Sinne  versteht  man  jetzt  also  nur 
diejenigen  Keptilien,  welche  Leopold  Fitzinger  unter  der  Ordnung: 

„Hemibatrachia^^ 
zusammenstellt  und  deren  Art-Charakter  im  Allgemeinen  zu  beschreiben 
ich  mir  zur  Aufgabe  gemacht  habe. 

Der  Körper  der  Hemibatrachier  ist  mehr  oder  weniger  lang  ge- 
streckt, cylinderfömig,  abgerundet,  ziemlich  dick,  zuweilen  plump ;  Kopf 
ziemlich  gross,  abgeflacht  oder  gewölbt;  Schnauze  mehr  oder  weniger 
lang,  abgerundet;  Bachen  meist  tief  gespalten;  Nacken  vom  Kopf  abge- 
setzt (enger  als  der  Kopf),   Kehle  meist  mit  einer  häutigen  Queifalte; 


251 

Schwanz  mehr  oder  weniger  lang,  rund  oder  von  den  Seiten  zusammen- 
gedrückt; im  vollkommen  entwickelten  Zustande  mit  vier  ausgebildeten 
Beinen  versehen,  von  denen  die  vordem  stets  vier,  die  hintern  meist 
fünf,  oder  vier  freie  oder  an  ihrer  Basis  vereinigte  Zehen  besitzen. 

Die  äussere  Gestalt  der  Hemibatrachier  ist  mit  einem  Worte :  „eidech- 
senartig". Sie  repräsentiren  die  Echsen  unter  den  Batrachiern  wie 
Ophiosaurus  ventralis  und  Anguis  fragilis  die  Schlangen  unter  den  Echsen 
und  Chelydra  serpentina  die  Krokodile  unter  den  Schildkröten. 

Die  äussere  Haut  der  Hemibatrachier  ist  meist  zart  und  dünn,  be- 
sonders bei  den  vorzugsweise  im  Wasser  lebenden ;  bei  den  auf  dem 
Lande  lebenden  ist  bei  einigen  die  Haut  ebenfalls  sehr  zart,  z.  B.  bei 
Salamandra  rubra,  Sl.  erythronota,  Sl.  longicauda,  Sl.  glutinosa  etc.; 
bei  andern  dagegen  ist  die  Haut  uneben,  mit  grossen  Warzen  bedeckt 
und  mit  der  irrthümlich  sogenannten  Ohrdrüsse  versehen,  wie  bei  Sala- 
mandra maculosa  Laur.,  welche  aus  dichten,  zusammengedrängten,  stark 
entwickelten,  abgegrenzten  Schleimdrüsen  gebildet  wird  und  am  hiuter- 
seitlichen  Rande  des  Kopfes  sich  befindet.  Bei  Salamandra  symmetrica 
ist  die  Haut  sehr  stark,  über  und  über  mit  Tuberkeln  besäet,  daher 
ganz  rauh  anzufühlen.  Die  in  der  äussern  Haut  sich  befindenden, 
stets  nach  Aussen  sich  öffnenden  Schleimdrüsen  secerniren  einen  eigen- 
thümlichen,  wenig  scharfen,  klebrigen,  eiweissartigen,  milch  weissen 
Schleim,  welcher  bei  einigen,  namentlich  bei  Salamandra  glutinosa  und 
Salam.  maculosa,  sehr  reichhaltig  vorhanden  ist,  besonders  aber  in  der 
Angst,  bei  Schmerz  u.  s.  w.  austritt  und  sich  auf  der  Oberfläche  der 
Haut  verbreitet.  Daher  findet  man  bei  lebend  in  Alcohol  geworfenen 
Salamandern  diese  sehr  oft  über  und  über  mit  einem  feinen,  aus  ge- 
ronnenen Eiweiss  bestehenden  Häutchen  bedeckt,  welches  abgeschält 
werden  muss,  um  die  natürliche  Färbung  des  Thieres  wahrnehmen  zu 
können. 

Diese  Secretion  dieser  Thiere  gab  Veranlassung  zu  der  Fabel,  dass 
die  Salamander  (Sal.  maculosa  Laur.,  jetzt  noch  Feuersalamander  genannt) 
sich  im  Feuer  aufhalten  können,  ohne  zu  verbrennen. 

Man  ging  sogar  so  weit,  die  Salamander  bei  Feuersbrünsten  zu  be- 
nutzen, sie  in  das  Feuer  zu  werfen,  um  dieses  zu  löschen,  ein  Umstand, 
der  wohl  mit  zur  Erfindung  der  Feuerspritzen  beigetragen  haben  mag, 
weil  sich  das  Experiment  stets  als  nutzlos  erwies. 

Zur  Zeit  Franz  I.  muss  der  Glaube  an  die  Feuerbeständigkeit  noch 
ziemlich  fest  gewesen  sein,  denn  dieser  wählte  einen  Salamander  in 
Flammen,  mit  der  Unterchrift:  „nutrio  et  extinguo"  zu  seiner  Devise. 

Die  Haut  der  Hemibatrachier  wird,  wie  die  der  meisten  Reptilien 
von  Zeit  zu  Zeit  abgestossen;  nur  geschieht  dies  nicht  auf  einmal,  wie 
bei  den  Echsen  und  Schlangen,  sondern  die  Häutung  geschieht  mehr 
partiell  und  ist  daher  weniger  bemerkbar.  In  Gefässen,  worin  Tritonen 
oder  Salamander  gehalten  werden,    sieht  man  die  abgestossenen  Haut- 

19* 


252 

stücken  herumschwimmen  und  zwar  so  oft,  dass  man  wohl  zu  der  An- 
nahme berechtigt  ist,  dass  die  Häutung  öfterer  geschieht,  als  bei  den 
beschuppten  Reptilien.  Bei  Sah  symmetrica,  welcher,  wie  schon  gesagt, 
unter  den  Salamandern  die  härteste  Haut  besitzt,  lost  sich  im  Alcohol 
stets  derTheil  der  Haut,  welcher  sich  schon  von  der  neu  ersetzten  Haut  sepa- 
rirt  hatte,  wie  wir  dies  ebenfalls  bei  den  Schlangen  im  Alcohol  gesehen. 

Am  Auge  der  Salamander  stülpt  sich  die  Haut  zwischen  der  Augen- 
höhlenwand und  dem  Augapfel  ein  und  bildet  eine  Hautwulst,  welche 
die  Stelle  von  Augenliedern  vollkommen  vertritt. 

Das  Auge  selbst  ist  mit  einer  im  Verhältniss  zum  Bulbus  grossen 
Cornea  versehen;  die  Iris  ist  meist  goldig,  kupferfarben,  röthlich  oder 
einfach  geblich  gefärbt,  selten  dunkel  und  einfarbig ;  die  Pupille  ist  rund. 
Die  Ohren  sind  von  der  äussern  Haut  bedeckt,  haben  keine  Paucken- 
höhle  und  auf  dem  ovalen  Fenster  liegt  ein  in  Fleisch  befestigtes,  um- 
gestülptes Knorpeldeckelchen. 

Die  Nasenlöcher  stehen  meist  vorn  und  seitlich,  öffnen  sich  entweder 
nach  vorn,  nach  oben  oder  ein  wenig  nach  der  Seite  und  münden  in 
die  Eachenhöhle. 

Zwischen  Kehlkopf  und  Luftröhre  ist  ein  Unterschied  nicht  wahr- 
zunehmen; die  Stimmritze  besteht  aus  einer  sehr  feinen,  hinten  nach 
dem  Oesophagus  gelegenen  Längsspalte.  Die  Salamander  sollen,  wenn 
von  aussen  ein  Druck  auf  die  Lungen  ausgeübt  wird,  einen  quiecken- 
den  Ton  von  sich  geben  können.  Ich  habe  niemals  einen  Ton  gehört, 
obgleich  ich  fast  in  allen  Theilen  Nord -Amerikas  Salamander  gefangen 
und  stets  hierauf  achtete,  zweifle  aber,  da  eine  Stimmritze  vorhanden, 
an  der  Möglichkeit  durchaus  nicht. 

Der  Uebergang  von  den  Luftröhren  zu  den  Lungen,  oder  besser 
gesagt  Lungensäcken ,  wird  durch  feine  häutige  Branchien  vermittelt, 
welche  sich  nach  dem  Lungensack  zu  erweitern  und  auf  diese  Weise, 
ohne  Unterscheidung,  allmählich  in  die  Lungensäcke  übergehen. 

Die  Lungensäcke  beiderseits  sind  gleich  gross,  länglich  rund,  auf 
der  Innern  Fläche  fast  glatt  und  erscheinen  beinahe  als  aus  vielen  Bläs- 
chen zusammengesetzte  einfache  Blasen. 

Die  kleinen,  meist  etwas  rückwärts  stehenden  Zähne  der  Hemiba- 
trachier  dienen,  wie  dies  überhaupt  bei  den  meisten  Wirbelthieren  (mit 
Ausschluss  der  Mammalien)  und  den  wirbellosen  Thiei^en  der  Fall  ist, 
nicht  zur  Verkleinerung  der  Nahrung,  sondern  zum  Ergreifen  und  Fest- 
halten des  Raubes.  Ausser  den  Zähnen  an  beiden  Maxillcn,  finden  sich 
noch  Querreihen  Zähne,  an  den  beiden  Vomer,  welche  Querreihen  von 
vorn  und  aussen,  etwas  nach  hinten  laufen  und  sich  in  einen  Central- 
punkt  vereinigen  oder  getrennt  bleiben.  Dieser  Zahnbau  findet  sich 
bei  Sah  fasciata,  Sal.  subviolacea,  Sal.  talpoidea.  Bei  andern  finden  sich 
ausser  diesen  Querreihen  an  den  Vomer  noch  Längsgruppen  oder  Längs- 
reihen, welche  sich  mehr  nach  hinten  bis  zum  Keilbeinkörper  erstrecken. 


253 

Diese  Längsgruppen  stehen  vorn  entweder  mit  den  beiden  Quer- 
reihen direct  in  Verbindung  oder  sind  durch  einen  kleinen  zahnlosen 
Raum  separirt.  Der  Zalmbau,  wie  er  zuletzt  beschrieben  Avorden  (näm- 
lich ausser  den  gewöhnlichen  Zähnen  in  beiden  Maxillen,  zwei  Reihen 
Zähne  am  Vomer  und  den  bis  zum  Keilbeinkörper  sich  erstreckenden 
Zahngruppen  oder  Zahnreihen) ,  scheint  der  vorherrschende  zu  sein, 
denn  er  findet  sich  bei  Sah  rubra,  Sah  salmonea,  Sah  gutta  -  lineata, 
Sah  erythronata,  Sah  auriculata,  Sah  quadrimaculata,  Sah  glutinosa, 
Sal.  cirrigera,  Sah  Jefi"esoniana,  Sah  bilineata,  Sah  symmetrica,  Sah  lon- 
gicauda,  Sal.  granulata  und  Sal.  quadridigita. 

Die  Zunge  ist  bei  verschiedenen  Arten  verschieden  gestaltet,  ent- 
weder breit  und  rund  (bei  Sal.  rubra,  Sal.  maculata,  Triton  ingens), 
länglich  und  schmal  (bei  Sal.  salmonea),  herzfömig  (bei  Sal.  glutinosa), 
oder  länglich  oval  (bei  Sal.  cirrigera) ;  entweder  nur  in  der  Mitte  durch 
ein  kleines  Bändchen  angeheftet  und  daher  mit  den  vorderen  und  seit- 
lichen Rändern  leicht  beweglich  (wie  bei  Sal.  rubra,  Sal.  auriculata, 
Sal.  cirrigera,  Sal.  bilineata,  Sal.  gutto  - lineata)  oder  ist  noch  an  der 
Spitze  angeheftet  und  daher  nur  seitlich  beweglich  (wie  hei  Sal.  gluti- 
nosa, Sal.  fascieta,  Sal.  erythronata  und  Sal.  subviolacea)  oder  der  grösste 
Theil  der  untern  Fläche  ist  angeheftet  und  daher  sehr  wenig  beweglich 
(wie  bei  Triton  dorsalis). 

Die  Ansicht,  dass  die  Zunge  der  Salamandrinen  auf  der  ganzen 
Unterfläche  angewachsen  und  unbeweglich  sei,  ist  nicht  richtig,  denn  ge- 
rade der  Fall,  wo  die  Zunge  grösstentheils  angewachsen  und  sehr  wenig 
beweglich  ist,  ist  der  seltenste  und  der,  wo  die  Zunge  vorn  und  seitlich 
oder  nur  seitlich,  mit  Leichtigkeit  bewegt  werden  kann,  ist  der  häufigste. 

Bei  Salamandra  musculosa,  welchen  ich  früher  nicht  untersucht 
hatte  und  von  welchem  ich  daher  vermuthete,  dass  vielleicht  hier  die 
Zunge  auf  der  ganzen  Unterfläche  angewachsen  sei,  fand  sich  diese  nur 
auf  der  grössern  hintern  Hälfte  angeheftet,  Vorder-  und  Seitenränder 
aber  sind  etwas  frei  und  beweo-lich. 

Untersucht  man  in  Alcohol  gelegene  Exemplare,  so  findet  man  die 
Spitze  und  Seiten  der  Zunge  zusammengezogen,  die  Zunge  hat  im  Gan- 
zen eine  andere  Gestalt  bekommen  und  gewährt  ein  natürliches  Bild  durch- 
aus nicht.  Betrachtet  man  bei  einem  derartigen  Präparat  die  Zunge, 
so  kann  man  wohl  glauben,  dass  die  Zunge  gar  nicht  oder  nur  sehr 
schwer  beweglich  sei,  ein  Glaube,  der  aber  ein  irrthümlicher  ist,  denn 
bei  der  vor  einiger  Zeit  in  Gegenwart  des  Herrn  Prosector  Voigtlaender 
an  Salamandra  musculosa  gemachten  Section  ergab  sich,  dass  nach 
Enthauptung  des  Thieres,  die  Zunge  vcrhältnissmässig  weit  aus  dem 
Rachen  herausgestreckt  und  wieder  zurückgezogen  wurde. 

Der  Oesophagus  derHemibatrachier  ist  ziemlich  lang ;  der  Magen  längs 
gestellt,  ziemlich  gross,  ohne  blinden  Sack,  anfänglich  .weit,  nach  dem 
Duodenum  zu  sich  verengend,  geht  er  allmählig  in  den  übrigen  Darm- 


854 

kanal  über,  welcher,  obgleich  kurz,  doch  durch  die  verschiedene  Weite 
eine  Eintheilung  möglich  macht. 

An  der  Uebergangsstelle  in  das  Rectum  befindet  sich  eine  Klappe 
oder  einfache  Darmeinstülpung,  oder  eine  sackförmige  Erweiterung, 
welche  bei  einigen,  namentlich  bei  Sal.  glutinosa  und  Sah  maculosa,  so 
gross  als  der  Magen  ist  und  stets  mit  den  unverdaulichen  Speise-Ueber- 
resten,  in  der  Regel  den  Skeletten  von  Insekten,  ausgefüllt  ist.  Das 
Rectum  ist  sehr  kurz  und  öffnet  sich  in  die  Kloake. 

Die  Lober  ist,  wie  bei  allen  Reptilien,  bedeutend  gross,  bedeckt  den 
grössten  Theil  des  Magens,  erstreckt  sich  zwischen  und  über  die  Lungen- 
säcke hinauf  (eine  Trennung  zwischen  Brust  und  Bauchhöhle  ist  nicht 
vorhanden,  tritt  bekanntlich  erst  bei  den  Krokodilen  als  Andeutung  eines 
Zwergfells  auf). 

Die  mit  blaugrün  gefärbter  Galle  gefüllte,  verhältnissmässig  sehr 
grosse  Gallenblase  befindet  sich  an  der  concaven  Fläche  des  untern 
Leberrandes  und  mündet  dicht  unter  dem  Magen  in  den  Darm. 

Eine  kleine,  unregelmässig  gelappte  Bauchspeicheldrüse  liegt  dicht 
unter  dem  Magen  und  mündet  dem  Gallenausführungsgange  gegenüber 
in  den  Darm. 

Die  Nieren  liegen  zu  den  beiden  Seiten  der  Wirbelsäule,  sind  schmal 
und  aussergewöhnlich  lang,  nehmen  fast  die  Hälfte  der  Länge  der  Bauch- 
höhle ein  und  reichen  mit  ihren  untern  ein  wenig  breitern  Enden  noch 
bis  in  das  Becken  hinein.  Bei  Salamandra  maculosa  ist  der  obere  Theil 
sehr  dünn,  fast  fadenförmig;  bei  Salamandra  glutinosa  dagegen  mehr 
gleichmässig  verlaufend. 

Die  Harnleiter  sind  sehr  ;kurz  und  münden,  wie  bei  allen  unbe- 
schuppten  Reptilien  in  die  Kloake,  dicht  vor  dem  Blasenhals. 

Die  Harnblase  ist  sehr  gross,  sehr  gefässreich,  dünnwandig,  fast 
durchsiclitig  und  nimmt  in  gefülltem  Zustande  fast  allein  die  Hälfte  des 
Raumes  der  Unterleibshöhle  ein. 

Ausser  den  Hemibatrachiern  findet  sich  noch  bei  den  Fröschen, 
Kröten,  Schildkröten  die  Harnblase  ebenfalls  unverhältnissmässig  gross. 

Der  Inhalt  der  Urinblase  ist  stets  hell  gefärbt,  geruch-  und  ge- 
schmacklos, ein  Umstand,  der  Roh.  Townson  jedenfalls  zuerst  auf  die 
Idee  brachte,  dass  sie  nicht  allein  Harnbehältcr  sei,  sondern  dass  Flüs- 
sigkeit von  aussen  und  zwar  durch  die  Kloakenspalte  resorbirt  und  in 
der  Blase  aufbewahrt  werde. 

Um  sich  davon  zu  überzeugen,  setzte  Townson  bekannntlich  Testudo 
orbicularis  in  mit  Lackmus  gefärbtes  Wasser  und  fand  später  die  Flüs- 
sigkeit in  der  Blase  ebenfalls  gefärbt. 

In  Amerika,  wo  ich  stets  über  viele  Schildkröten  zu  verfügen  hatte, 
machte  ich  denselben  Versuch  an  verschiedenen  Arten  von  Emyden 
und  erzielte  dieselben  Resultate. 


255 

Vor  einigen  Tagen  erst  machte  ich  den  Versuch  mit  Salaraandra  macu- 
■  losa,  welcher  24  Stunden  in  mit  Lackmus  gefärbtem  Wasser  gesessen  hatte. 
Bei  der  Sektion  fand  ich  die  Blase  vollkommen  mit  Wasser  gefüllt,  aber 
gar  nicht  gefärbt.  Ein  Umstand,  der  mich  aber  noch  nicht  zu  glauben 
veranlasst,  dass  eine  Aufsaugung  durch  die  Kloake  bei  den  Salaman- 
dern nicht  statt  finde ;  ich  halte  es  noch  für  möglich,  obgleich  der  Ver- 
such, dies  nachzuweisen,  jetzt  missglückte.  Obgleich  diese  Versuche 
sehr  leicht  sind  und  sehr  wenig  Zeit  rauben,  so  mangelt  es  mir  jetzt 
doch  an  lebenden  Exemplaren  und  anderweitig  an  Zeit,  dieselben  län- 
gere Zeit  fortzusetzen,  weil  ich  im  Begriff  stehe  meine  Excursion  nach 
dem  Süden  von  Amerika  in  kurzer  Zeit  anzutreten,  doch  wäre  es  zu 
wünschen,  dass  dergleichen  Experimente  gemacht  würden,  um  zu  einem 
Schlüsse  zu  kommen. 

Da  es  durchaus  nicht  in  meiner  Absicht  liegt,  speciell  in  die  Ana- 
tomie der  Hemibatrachier  einzugehen  und  wir  überhaupt  schon  durch 
H.  Stannius  im  Lehrbuch  der  vergleichenden  Anatomie  von  v.  Siebold  und 
Stannhis ,  Berlin  1846,  eine  sehr  gute  Abhandlung  über  die  Anatomie 
der  Reptilien  besitzen,  so  übergehe  ich  die  Beschreibung  des  Skeletts, 
der  Muskeln,  der  Gefässe,  Nerven,  der  Kloake  nnd  der  Fortpflanzungs- 
Organe  gänzlich  und  erlaube  mir  nur  noch  schliesslich  in  Bezug  auf 
die  vorhin  in  Rede  stehende  Blase  auf  das  Lehrbuch  der  Zootomie  von 
C.  G.  Carus,  1818  §  672  aufinerksam  zu  machen. 

In  Bezug  auf  die  Fortpflanzung  der  Hemibatrachier  ist  zu  bemerken, 
dass  eine  wirkliche  Begattung  nicht  stattfindet,  sondern  Männchen  und 
Weibchen  zur  Paarungszeit  sich  im  Wasser  aufsuchen,  das  Weibchen 
den  vom  Männchen  abgegangenen  Saamen  durch  die  Kloake  resorbirt 
und  so  die  Eier  befruchtet  werden. 

Die  Salamander  verlassen  nach  der  Paarungsperiode  das  Wasser 
und  nur  die  Weibchen  kehren  zur  Zeit,  wo  die  Jungen  vom  Mutter- 
körper abgestossen  werden,  zum  Wasser  zurück,  weil  sie  im  Leibe  des 
Mutterthieres  vollkommen  bis  zur  Kiemenathmung  entwickelt  sind  und 
daher  im  Wasser  ihre  Metamorphose  beendigen. 

Die  Tritonen  dagegen  gebären  nicht  lebende  Junge,  sondern  legen 
Eier,  welche  nach  der  Befruchtung  einzeln  abgehen  und  sich  von  denen 
der  Frösche  nicht  unterscheiden.  Die  Eier  werden  von  der  Sonne  bin- 
nen 8  —  10  Tagen  ausgebrütet;  die  kleinen  Tritonen  -  Larven  sind  an- 
fänglich ohne  Füsse,  erhalten  bei  der  Metamorphose  zuerst  die  Vorder- 
dann  die  Hinterfüsse. 

Die  jungen  Salamander,  welche  vorzugsweise  in  langsam  fliessen- 
dem  Quellwasser  zu  finden  sind,  verlassen,  wenn  die  Kiemenathmung 
beendigt  ist  und  die  Lungenathmung  eintritt,  ihren  bisherigen  Aufent- 
halt und  halten  sich  dann  meist  auf  dem  Lande  auf,  während  die  Tri- 
tonen den  Lieblingsplatz  der  alten  Thiere,  nämlich  das  Pfützenwasser, 
vorziehen. 


256 

Es  kann  nicht  genau  angegeben  werden,  wie  lange  die  jungen  Sala- 
mander durch  Kiemen  athmen,  denn  der  Untersuchung  stehen  manche 
Hindernisse  entgegen.  Gefangen  sterben  sie  sehr  leicht  und  wie  mir 
es  scheint,  durch  den  Temperaturwechsel,  besonders  wenn  das  alte  Was- 
ser durch  reines  ersetzt  wird.  Auf  diese  Weise  starben  binnen  5  Wo- 
chen 14  junge  Salamander,  welche  bei  mir  in  einem  Glase  vom  Mutter- 
thiere  abgestossen  wurden.  In  dieser  Zeit  hatte  das  Wachsthum  der 
kleinen  Thiere  sehr  wenig  Fortschritte  gemacht,  sie  waren  Anfangs 
9  Linien  lang,  nach  5  Wochen  erst  einen  Zoll. 

Durch  die  Güte  des  Herrn  Dr.  Dehne  erhielt  ich  ein  Exemplar, 
welches  2V4  Zoll  lang  ist  und  noch  Kiemen  trägt.  Daher  glaube  ich, 
dass  die  Kiemenathmung  jedenfalls  lange  Zeit  besteht. 

Während  des  Larvenzustandes  unterscheiden  sich  die  Hcmibatra- 
chier  äusserlich  von  den  zeitlebens  kiementragenden  Fischlingen  oder 
Phanerobranchien  gar  nicht  (nur  durch  die  Grösse  oder  den  langge- 
streckten Körperbau).  Nach  dem  Larvenzustand  verlieren  die  Hemiba- 
trachier  die  Kiemen  und  das  Kiemenloch  schliesst  sich,  die  Lungen- 
athmung  tritt  vollständig  ein.  Die  Phanerobranchiaten,  wie  z.  B.  Nectu- 
rus  lateralis  Harl.,  Siren  lacertina  L.  und  intermedia  und  Andere  mehr, 
verlieren  die  Kiemen  niemals.  Die  Derotrematen  oder  Ohnkiemenfisch- 
linge  tragen  im  Larvenzustande  Kiemen,  verlieren  dieselben  im  vollkommen 
entwickelten  Zustande,  wie  die  Salamander,  aber  das  Kiemenloch  schliesst 
sich  niemals  und  ist  besonders  bei  Salamandrops  giganteus  Wagl.  sichtbar. 

Während  des  Gebäractes  von  Salamandra  maculosa  bemerkte  ich 
eine  auffallende  Veränderung  der  Haut  des  alten  Thieres,  die  schönen 
gelben  Flecken  schwanden  grösstentheils  vom  Rande  aus  und  wurden 
braun,  das  Centrum  allein  blieb  gelb,  die  Flecken  am  Kopf  und  Schwanz 
waren  weniger  entfärbt,  als  die  des  Leibes.  Nach  einigen  Tagen  erst 
begann  die  Farbe  sich  wieder  zu  ersetzen,  und  nach  Verlauf  von  6  Wochen 
war  dieselbe  doch  noch  nicht  vollständig  ersetzt.  Eine  weitere  Beob- 
achtung konnte  ich  nicht  machen,  weil  das  Exemplar  ebenfalls  zum 
Seciren  benutzt  Averden  musste. 

Was  nun  die  Entfärbung  des  Thieres  betrifft,  so  weiss  ich  nicht, 
ob  dieselbe  schon  früher  beobachtet  worden  oder  nicht,  kurz  ich  musste 
mir  selbst  die  Frage  stellen,  tritt  die  Entfärbung  aller  Exemplare  von 
Salamandra  maculosa  während  des  Gebäractes  ein,  oder  ist  es  eine 
krankhafte  Erscheinung?  —  Ich  dachte  dabei  unwillkürlich  an  einige 
Beobachtungen,  welche  ich  auf  meinen  Reisen  im  Innern  von  Texas  an 
einigen  beschuppten  Reptilien  machte. 

Den  10.  Mai  1S54  überraschte  ich  am  rechten  Ufer  der  Guadeloupe 
eine  grünlich  schwarze  Eidechse,  welche  den  halben  Körper  in  der  Erde 
verborgen  hatte  und  damit  beschäftigt  war,  ein  Loch  in  die  leichte 
Erde  zu  graben.  Ich  hielt  mich  sehr  ruhig,  um  zu  sehen,  welchen 
Zweck  das  Thierchen,  welches  ich  für  Sceloporus  torquatus  Wiegn.  hielt) 


257 

verfolgte.  Nachdem  das  Loch  eine  gewisse  Tiefe  erreichte,  drehte  sich 
das  Thier  und  brachte  den  hintern  Körpertheil  in  die  OefFnung,  wobei 
ich  zuerst  auf  das  Fehlen  des  gelben  Halsbandes  auftnerksam  wurde, 
nnd  daher  eine,  von  mir  noch  nicht  gekannte  Eidechsenart  vor  mir  zu 
haben  glaubte.  Ich  wartete  den  Legeact  nicht  ganz  ab,  sondern  brachte 
das  Thier  und  die  schon  gelegten  Eier  in  Sicherheit  und  zu  Hause  an- 
gekommen machte  ich  die  schöne  Entdeckung,  dass  die  seltene  schwarze 
Eidechse  sich  plötzlich  in  Sceloporus  undulatus  Wig.  verwandelt  hatte, 
welche  in  Texas  sehr  gemein  ist. 

Die  graue  Grundfarbe  des  Rückens,  die  dunklere  Zeichnung,  selbst 
die  schönen  blauen  Streifen  an  den  Bauchseiten  hatten  sich  entfärbt, 
waren  schwärzlich  geworden. 

Phrynosoma  orbiculare  Wiegn.,  auf  der  grossen  Houston  Prairie  in 
Texas  gefangen,  wurde  von  mir,  weil  es  ein  trächtiges  Weibchen  zu  sein 
schien,  in  einem  Drahtkäfig  gefangen  gehalten  und  während  des  Lege- 
actes  färbte  sich  auch  diese  Agame  dunkel.  Von  beiden  Thieren  ist 
ein  Wechsel  der  Haut  sonst  nicht  bekannt. 

Was  die  Färbung  der  jungen  Salarpander  betrifft,  so  ist  diese  in 
der  Regel  von  der  der  Alten  sehr  verschieden ;  bei  Salamandra  maculosa 
z.  B.  sind  die  jungen  Thiere  anfänglich  hell  graubraun  und  mit  unbe- 
stimmt begrenzten,  verschwommenen  dunkleren  Flecken  versehen.  Am 
Schwänze  befinden  sich  einzelne  kleine  broncefarbene  Punkte.  Bei  dem 
durch  die  Güte  des  Herrn  Dr.  Dehne  mir  zugegangen,  l^j^  Zoll  langen 
Exemplare  ist  die  Grundfarbe  bestimmter  braun,  mit  helleren  unbestimmt 
farbigen,  schärfer  begrenzten  Flecken  versehen. 

Vollkommen  entwickelt,  erreicht  dieses  Thier  bekanntlich  eine  Grösse 
von  6  —  7  Zoll  und  ist  auf  der  glänzend  schwarzen  Grundfarbe  mit 
grossen  unregelmässigen  Flecken  versehen. 

Die  Tritonen  leben  vorzugsweise  im  Wasser,  verlassen  dasselbe  aber 
dann  und  wann,  verkriechen  sich  unter  in  der  Nähe  des  Wassers  sich 
befindenden  Steinen,  um  recht  bald  wieder  in  das  ihnen  mehr  zusagende 
Wasser  zurückzukehren,  wo  sie  recht  munter  und  behende  herum- 
schwimmen, sich  sonnen,  dann  und  wann  auf  die  Oberfläche  kommen, 
um  Luft  zu  schöpfen  und  von  den  zahllosen  Wasser -Insekten  und  ins 
Wasser  gefallenen  fliegenden  Insekten  u.  s.  w.  sich  nähren. 

Im  kalten  und  gemässigten  Klima  erstarren  sie  zur  Winterzeit, 
wo  sie  dann  im  Schatten  liegen,  oder  im  Eise  einfrieren,  bis  die  Sonne 
auch  sie  aus  ihrem  zeitweiligen  Grabe  befreit. 

Die  Salamander  dagegen  führen  eine  ganz  andere  LebensAveise;  sie 
lieben  die  dunklen,  düsteren,  meist  feuchten  Gegenden,  welche  nicht 
von  den  Sonnenstrahlen  erwärmt  werden;  daher  findet  man  sie  meist 
in  engen  Thälern  und  wenn  auf  Hügeln,  in  der  Regel  auf  dicht  bewal- 
deten Stellen;   hier  verkriechen   sie   sich   unter  Steine,  faulende  Baum- 


258 

Stämme,  Baumrinde  und  in  Erdhöhlen,  welche  sie  in  der  Regel  nur  ver- 
lassen, um  ihre  Nahrung  aufzusuchen. 

Sie  wählen  hierzu  in  der  Regel  die  Regenzeit,  weil  sie  dann  gerade 
die  beste  Gelegenheit  haben,  den  Raub  zu  erhaschen.  Die  Nahrung  be- 
steht aus  Schnecken,  Regenwürmern,  Asseloten,  kleinen  Scorpionen,  Kä- 
fern, Motten,  Cicaden,  Wanzen,  Mücken,  Fliegen,  Spinnen  und  derglei- 
chen kleinen  Thieren. 

In  Kentucky  fing  ich  während  Regenwetters  drei  Exemplare  von 
Salamandra  glutinosa,  der  eine  war  eben  im  Begriff,  einen  unter  die 
Gattung  Rhysodes  gehörenden  Käfer  zu  verschlucken.  In  Alkohol  auf- 
bewahrt, begleitete  mich  das  Exemplar  nach  Louisiana,  Texas  und  Ha- 
vanna, von  da  über  New- York  nach  Europa  und  bei  der  vor  einiger 
Zeit  gemachten  Section  fand  ich  im  Magen  ausser  einem  in  mehrere 
Stücke  gebrochenen  Scolopender  und  Käferresten,  auch  den  in  Rede 
stehenden  Käfer  wohl  erhalten  wieder.  Derselbe  befindet  sich  jetzt  in 
der  Sammlung  des  Entomologen  Herrn  C.  Müller. 

Die  Bewegung  der  Salamander  bezeichnete  man  in  der  Regel  mit 
dem  einfachen  Worte  „träge",  dieses  Prädikat  verdient  aber  höchstens 
Sah  maculosa,  Sal.  fasciata  und  Sal.  subviolacea;  denn  Sal.  rubra,  Sal. 
longicauda  und  Andere  sind  in  ihrer  Bewegung  recht  schnell,  Sal.  ery- 
thronota  unstreitig  der  schnellste,  man  hält  ihn  seiner  Schnelligkeit  wegen 
auf  den  ersten  Blick  für  eine  Eidechse. 

Gottlieb  Tobias  Wilhelm,  Diacon  bei  den  Barfüssern,  nennt  in  seinen 
1794  zu  Ausburg  erschienenen  Unterhaltungen  aus  der  Naturgeschichte, 
(die  Amphibien),  die  Bewegung  des  Salamanders  „träge  und  schwer- 
müthig".  Im  Uebrigen  ist  dieses  Werkchen  ein  äusserst  schätzbares. 
Der  Verfasser  scheint  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht  zu  haben,  dem  Aber- 
glauben entgegen  zu  arbeiten. 

Die  Salamander  wurden  früher  für  sehr  giftig  gehalten  und  beson- 
ders legte  man  ihnen  nebst  den  Juden  die  Brunnenvergiftung  zur  Last ; 
doch  widerlegt  schon  Mautpertius  durch  seine  Untersuchung  diese  Ansicht. 
Er  Hess  von  einem  Hunde  einen  in  Stücken  geschnittenen  Salamander  ver- 
zehren ;  er  zwang  Salamander  in  die  Schleimhäute  von  Thieren  zu  beis- 
sen,  er  inoculirte  Thiere  mit  dem  Drüsensecret  und  alles  ohne  irgend 
welche  Folgen.  Ein  ähnliches  Resultat  erzielte  im  17.  Jahrhundert  eine 
Frau,  welche  ihrem  Gemahl  mit  einem  in  Ragout  zubereiteten  Salaman- 
der vergiften  wollte.  Der  Salamander  wurde  ruhig  verzehrt  und  der 
Mann  fühlte  sich  nach  der  Mahlzeit  nicht  unwohl  sondern  satt. 

Die  Hemibatrachier  sind  im  allgemeinen  alle  sehr  unschuldige,  so- 
gar in  geringem  Maassstabe  nützliche  Thiere,  denn  sie  verzehren  eine 
Masse  dem  Menschen  lästige  und  den  Pflanzen  schädliche  Thiere,  be- 
sonders Insekten. 

Sie  selbst  besitzen  viele  Feinde,  welche  ihnen   nachstellen,   sowohl 


259 

Säugethiere,  Vögel,  wie  Reptilien,  von  letzteren  namentlich  die  Schlan- 
gen, welche  ganz  besonders  lüstern  nach  den  Salamandrinen  sind. 

Was  den  Fang  der  Salamandrinen  betrifft,  so  ist  derselbe  ziemlich 
leicht,  weil  doch  selten  die  Thiere  entwischen  können,  aber  doch  müh- 
sam und  unbequem. 

Tritonen  kann  man  bei  schönem,  klaren  Wetter  mit  Leichtigkeit, 
mit  Hilfe  eines  gewöhnlichen  Insekten-Netzes    in  ihren  Pfützen  fangen. 

Die  Salamander  muss  man  jedoch  bei  Regenwetter,  wo  sie  ihre 
Schlupfwinkel  verlassen,  aufsuchen,  doch  geschieht  dies  mcinchmal  ver- 
geblich; selten  wird  man  andere  Thiere  fangen,  als  immer  wieder  die 
schon  längst  bekannten  gemeinen  Arten,  wenn  man  nicht  tiefer  in  die 
weniger  bcAvohnten  Gegenden  eindringt. 

Desto  mehr  Freude  aber  macht  es,  wenn  man  nach  langem  Suchen 
endlich  einmal  ein  schönes  oder  noch  nicht  gekanntes  Thier  findet. 
Noch  heutigen  Tages  freue  ich  mich  über  die  beiden  Salamander,  welche 
ich  binnen  14  Monaten  in  den  Urwäldern  von  Texas  gefangen,  weil 
erstens  bis  jetzt  noch  kein  einziger  aus  diesem  Lande  bekannt  und  dies 
eine  neue  Spezies  ist.  Die  Tausende,  vergeblich  umgewendeten  und 
zerhackten  faulen  Baumstämme,  alle  die  damit  verbundenen  Mühselig- 
keiten sind  vergessen,  wegen  —  zwei  Salamandern. 

Hemibatrachier  von  Nord-Amerika  im  Speciellen. 

Salamandra  Laur. 
Salamander,  Erdsalamander,  Erdmolch. 

Körper  cylinderförmig,  mehr  oder  weniger  dick  oder  lang  gestreckt; 
Schwanz  an  der  Basis  rund,  im  Uebrigen  wenig  oder  gar  nicht  zusam- 
mengedrückt und  ohne  Hautkamm ;  die  Vorderfüsse  stets  mit  4,  die  Hin- 
terfüsse  mit  5  oder  4  an  der  Basis  freien  Zehen ;  Rachen,  ausser  den  Maxil- 
larzähnen  nur  mit  in  Querreihen  stehenden  Zähnen,  oder  mit  Querrei- 
hen und  Längsreihen  zugleich,  bewaffnet;  Zunge  gestielt,  mehr  oder 
weniger  angewachsen. 

Die  Salamander  leben  vorzugsweise  auf  dem  Lande,  gehen  zur 
Paarungszeit  in  das  Wasser,  gebären  lebende  Junge,  welche  bis  zur 
vollkommenen  Entwickelung  sich  im  Wasser  aufhalten  und  durch  Kie- 
men athmen ;  später  aber  vorzugsweise  auf  dem  Lande  leben,  wo  der 
Respirationsprozess  durch  Lungensäcke  vermittelt  wird,  bei  welcher 
Umwandlung  sich  jedoch  die  Kiemenspalten   vollkommen  schliessen. 

A.     Salamander,    deren  Schwanz  länger  als  der  ganze  übrige  Körper. 

a)  Körper  mehr  gedrungen. 

Salamandra  glutinosa.     Green. 

Sal.  glutinosa,  Green,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.   vol.  I.  pag. 

357.  Holbrook,  North  Amer.  Herpetol.   vol.  V.  pag.  39  plate  X.  Storer, 

Reptiles  of  Massachusetts  pag.  252.  Sal.  variolata,  GilliamS;  Jour.  Acad. 


860 

Selen.  Philad.  vol.  I.  pag.  460.  Sal.  cylindracea,  Harl.  Med.  and  Phys. 
Res.  pag.  94. 

Kopf  ziemlich  gross,  länglich  oval;  oben  wenig  abgeflacht,  von  den 
Augen  nach  der  Schnauze  etwas  zugespitzt;  Rachen  tief  gespalten; 
Zunge  gestrecktherzförmig,  dünn,  der  hintere  breitere  Theil  ist  durch 
einen  kleinen,  breiten,  kurzen  Stiel  befestigt ;  Vomer  mit  zwei,  von  vorn 
und  aussen  nach  innen  und  ein  wenig  nach  hinten  laufenden  Querreihen 
Zähne,  welche  sich  jedoch  nicht  vereinigen,  dicht  hinter  diesen  beginnt 
eine  aus  vielen  kleinen  Zähnen  bestehende  längsgestellte  Zahngruppe, 
welche  bis  über  den  Keilbeinkörper  sich  erstreckt  und  nach  hinten  am 
breitesten  wird*);  Nasenlöcher  stehen  seitlich  neben  der  Schnauze; 
Augen  vorstehend  mit  schwarzer  Pupille  und  dunkler  Iris;  Nacken  ab- 
gesetzt; Kehle  mit  einer  häutigen  Querfalte;  Körper  länglich,  cylinder- 
förmig,  aber  noch  gedrungen;  Schwanz  lang,  an  der  Basis  rund,  nach 
hinten  wenig  von  der  Seite  zusammengedrückt.  Die  vorderen  Extremi- 
täten sind  nur  halb  so  stark,  als  die  hintern. 

Die  Grundfarbe  der  ganzen  Oberfläche  ist  schwarzblau  und  mit 
vielen  kleinen  weissen  Flecken  übersäet,  welche  an  den  Seiten  und  am 
Schwänze  zusammenfliessen.  Bei  einigen  Exemplaren  sind  die  weissen 
Flecke  sehr  sparsam  oder  auch  nur  an  den  Seiten  vorhanden.  Unter- 
fläche ist  von  derselben  Grundfarbe,  nur  unter  dem  Schwänze  etwas  heller. 
Länge  des  Kopfes      — "     6V^'" 

-  Rumpfes      2"     A'" 

-  Schwanzes  3"  10'" 

'  Totallänge     6"     S^-i'" 

Sal.  glutinosa  ist  ziemlich  der  am  weitesten  verbreitete  Salamander, 
er  kommt  in  Massachusetts,  in  Virginien  und  Carolina  vor.  Holbrook 
erhielt  Exemplare  aus  Alabama  und  Louisiana,  doch  fand  ich  niemals 
so  weit  südlich  Exemplare,  jedenfalls  ist  er  dort  schon  sehr  selten. 

Die  meisten  Exemplare  fand  ich  in  Kentucky  auf  einem  in  der 
Nähe  des  Ohio  Rivers  befindlichen  Hügel  unter  alten  faulen  Baumstäm- 
men und  hohlliegenden  Steinen.  Er  scheint  geselliger  zu  leben,  als 
es  sonst  bei  diesen  Thieren  der  Fall  ist,  denn  in  der  Regel  fand  ich 
zwei  oder  drei  zusammen. 

Salamandra  granulata.     De  Kay. 

Sal.  granulata,  de  Kay,  New-York  Fauna,  vol.  IL  Holbrook,  North 
Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  63.  plate  XX. 

Kopf  gross,  abgeflacht,  oberhalb  glatt,  vorn  abgestutzt,  rundlich; 
Zunge  gestielt;  Augen  vorstehend,  obere  Ränder  der  Orbita  sehr  her- 
vorragend; Nacken  abgesetzt;  Kehlfalte  sehr  deutlich.     Der  Körper   ist 

*)  D;i    bei    allen    Arten    in    beiden  Maxillen  Zähne    vorhanden,    so  ist    dies  bei  den 
einzelnen  Arten  nicht  besonders  zu  erwähnen. 


261 

länglich,  cylinderförmig  und  mit  einer  körnigen  Haut,  welche  unter 
dem  Glase  chagrinirt  erscheint;  Schwanz  lang,  dünn,  wenig  seitlich 
zusammengedrückt  und  in  eine  feine  Spitze  auslaufend.  Hinterextre- 
mitäten kleiner  als  die  vordem.  Die  Farbe  des  ganzen  Thieres  ist 
gleichmässig  grünlich  schieferfarben  glänzend;  Kinn  und  Kehle  grau 
gesprenkelt ,  Kehlfalte  schmutzig  weiss ;  der  Unterleib  ist  grau  und 
braun  gesprenkelt,  Schwanz  unten  einfarbig  grau ;  Unterfiäche  der  Füsse 

weisslich. 

Länge  des  Kopfes       — "     1'" 

-  Rumpfes      2"     5'" 

-  Schwanzes  3"     6'" 
Totallänge     6"     6'" 

Dieser  seltene  Salamander  wurde  nur  von  Dr.  Emmons  im  nörd- 
lichen Theile  des  Staates  New- York  gefangen,  welcher  dann  ein  Exem- 
plar in  Alkohol  zur  Beschreibung  an  Holhrook  sendete,  doch  war  nach 
Aussage  des  Entdeckers  die  natürliche  Farbe  schon  etwas  gewichen. 

b)  Körper  mehr  lang  gestreckt,  schlank. 
Salamandra  longicauda.     Green. 

Sal.  longicauda,  Green.  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philadelph.  vol.  I. 
pag.  351.  Sal.  longicaudata ,  Harlan.  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  96. 
Holhrook,  North -Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  61.  plate  XIX. 

Kopf  schmal  und  kurz;  Schnauze  gerundet;  Rachen  verhältniss- 
mässig  gross;  Zunge  gestielt,  etwas  länglich,  hinten  seicht  gekerbt, 
leicht  beweglich.  Die  in  Querreihen  stehenden  Zähne  laufen  nach  in- 
nen und  ein  wenig  rückwärts,  zwei  Längsreihen  Zähne  verlaufen  An- 
fangs dicht  neben  einander,  entfernen  sich  aber  nach  hinten  allmählig. 
Die  Nasenlöcher  stehen  seitlich  nahe  der  Schnauze ;  die  Augen  sind 
verhältnissmässig  klein,  aber  doch  vorstehend,  mit  dunkler  Pupille  und 
golden  gefärbter  Iris.  Die  quere  Hautfalte  an  der  Kehle  ist  scharf  ab- 
gegrenzt; der  Körper  ist  cylinderförmig,  gracil;  Schwanz  verhältniss- 
mässig sehr  lang,  von  den  Seiten  zusammengedrängt,  nach  der  Spitze 
zu  allmählig  ganz  dünn  und  spitz  verlaufend  und  so  leicht  zerbrechlich, 
dass  der  Schwanz  noch  in  der  Flasche  mit  Alkohol  zerbricht,  wenn 
man  nicht  ganz  behutsam  damit  umgeht.  Vorderextremitäten  schwach, 
Zehen  gleichmässig  kurz,  Hinterextremitäten  doppelt  so  stark.  Die 
Grundfarbe  der  ganzen  Oberfläche  ist  beinahe  citronengelb  mit  vielen 
kleinen,  nach  den  Seiten  etwas  grösseren  schwarzen  Flecken,  welche 
am  Schwänze  zusammenfliessen  und  Querbinden  bilden;  Unterfiäche 
gelblich  weiss. 

Länge  des  Kopfes       — "     W" 

-  Rumpfes      1"  10'" 
..     -          -     Schwanzes  3''     6''^ 

Totallänge     5"     9'" 


^6g 

Der  Osten  und  Norden  scheint  allein  von  diesem  schönen  Salaman- 
der bewohnt  zu  sein^  meine  Exemplare  waren  im  Staate  Ohio  in  der 
Nähe  einer  sehr  kleinen  Quelle  bei  Pentelton  gefangen,  wo  ich  diese 
ThierC;  welche  auf  diesem  kleinen  Terrain  concentrirt  waren,  sehr  oft 
beobachtete. 

Dr.  Harlan  hielt  diesen  Salamander  für  einen  Wassersalamander 
und  jedenfalls  aus  dem  Grunde,  weil  er  denselben  im  Wasser  gefangen. 
Das  Thier  hat  nämlich  die  Eigenschaft,  bei  drohender  Gefahr  sich  zu 
verkriechen,  und  wenn  kein  Versteck  in  der  Nähe  sich  befindet,  in 
das  Wasser  zu  retiriren. 

Der  kleine  Quell,  der  zwischen  zwei  Hügeln  entsprang  und  der  im 
Verlauf  an  ungefähr  2  Fuss  breit  wurde,  mündete  ungefähr  150  Schritte 
von  der  Quelle  in  den  Ohio.  Die  Thiere  waren,  wenn  auch  im  Ver- 
steck gefunden,  niemals  mehr  als  höchstens  3 — i  Fuss  vom  Wasser  ent- 
fernt und  nie  fand  ich  im  Staate  Ohio  dieses  Thier  an  andern  Plätzen. 

Salamandra  gutto-lineata.     Holbrook. 

Sah  gutto-lineata,  Holbrook.  North -Amer.  Herpetol.  pag.  29.  plate  VII. 

Kopf  kurz,  dick,  mit  stumpfer  abgerundeter  Schnauze ;  Rachen  ver- 
hältnissmässig  tief  gespalten;  Zunge  rund  und  pilzförmig  gestaltet,  nur 
in  der  Mitte  durch  einen  kleinen  Stiel  befestigt  und  daher  sehr  leicht 
beweglich;  Zahnbau  vollkommen  wie  bei  Sal.  glutinosa;  Nasenlöcher 
vorn  und  etwas  nach  oben,  nahe  der  Schnauze,  öffnen  sich  nach  auf- 
wärts; Augen  gross  und  vorstehend,  Pupille  schwarz,  Iris  geflammt, 
Nacken  abgesetzt;  Kehle  mit  deutlicher  Querfalte;  Körper  ist  cylinder- 
förmig  in  die  Länge  gezogen,  schlank;  Vorderextremitäten  wenig  ent- 
wickelt, Hinterextremitäten  stärkerund  länger,  Schwanz  rundlich,  sehr  lang. 

Kopf  oberhalb  gelb,  sehr  fein  schwärzlich  gesprenkelt,  Oberlippe 
gelblich,  Unterlippe  weisslich,  Nacken  bis  zum  Schwanzende  strohgelb. 
Hinter  jedem  Avige  beginnt  eine  schwarze  Linie,  beide  verbinden  sich 
einen  halben  Zoll  hinter  dem  Kopf  und  laufen  als  eine  Linie  über  den 
Rücken  und  einen  kleinen  Theil  des  Schwanzes;  von  der  Schnauze 
ausgehend  erstreckt  sich  ein  Anfangs  schwaches,  schwarzes  Band  durch 
den  untern  Theil  der  Iris,  setzt  sich  über  die  Seiten  fort,  und  erreicht 
beinahe  das  Ende  des  Schwanzes.  Eine  dicht  darunter  befindliche 
weisse  Linie  erstreckt  sich  von  den  Mundwinkeln  bis  zur  Hälfte  des 
Schwanzes.  Die  Oberfläche  der  Vorder-  und  Hinterextremitäten  ist  gelb- 
lich mit  einer  schwarzen  Linie  an  der  hintern  Seite,  die  Unterfläc^e 
ist  dunkelgrau. 

Länge  des  Kopfes       — "     1'" 

-  Rumpfes      2"  — '" 

-  Schwanzes  ^"     \"' 

TÖtallänge    6"  11'" 


263 

Dieser  schöne  Salamander  lebt  an  dunklen,  feuchten  Orten,  unter 
Baumstämmen  in  der  Nähe  von  Quellwasser,  er  wurde  vorzugsweise  in 
Carolina  beobachtet. 

Salamandra  quadridigita.     Holbrook. 

Sal.  quadridigita,  Holbrook.  North  Americ.  Herpetoll.  vol.  V.  pag.  65. 
plate  XXI. 

Kopf  verhältnissmässig  sehr  gross;  Schnauze  gerundet;  Zunge  rund, 
flach,  auf  einem  kurzen  Stiel  sitzend;  hinter  und  zwischen  den  Innern 
NasenöfFnungen  befinden  sich  einige  sehr  zerstreut  stehende  kleine  Zähne. 
Die  Nasenlöcher  stehen  seitlich  nach  vorn,  nahe  dem  äussern  Ende  der 
Schnauze.  Die  Augen  sind  gross  und  vorstehend,  Pupille  dunkel,  Iris 
goldfarbig.  Der  Nacken  ist  abgesetzt;  Kehle  mit  Querfalte.  Der  Kör- 
per ist  cylinderförmi^,  mehr  in  die  Länge  gestreckt;  Schwanz  sehr 
lang,  rundlich,  an  der  Spitze  etAvas  zusammengedrückt.  Die  Vorder- 
extremitäten sind  klein,  Hinterextremitäten  stärker  und  mit  4  Zehen 
versehen.  (Der  einzige  bekannte  amerikanische  Salamander  mit  4  Zehen 
an  den  Hinterfüssen.) 

Grundfarbe  der  Oberfläche  blass  strohgelb,  mit  einigen  kleinen 
dunkelbraunen  Flecken  auf  der  Vertebral-Linie.  Die  Seiten  sind  mit 
einer  unregelmässigen  Reihe  dunkelbrauner  Flecken  versehen,  welche 
zuweilen  zusammenfliessen  und  dann  eine  Seitenlinie  bilden.  Die  Unter- 
fläche ist  silberweiss  mit  einem  bläulichen  Anflug. 
Länge  des  Kopfes       — "  IT" 

-  Rumpfes      1"  — '" 

-  Schwanzes  1"  — '" 


Totallänge     3"  \V" 
Dieser  Salamander    findet   sich   in    den    mittleren    amerikanischen 
Staaten,  unter  gefallenen,  faulenden  Baumstämmen. 

B.     Salamander,    deren  Schwanz  kürzer  oder  eben  so  lang  als  der 
ganze  übrige  Körper, 
a)  Körper  mehr  gedrungen. 
Salamandra  sub-violacea.    Barton. 
Sal.  venenosa,  Barton.     Daut.  Hist.  Nat.  des  Rept.  tom.   VIIL  pag. 
229.     Sah  subviolacea,  Barton,  Trans.  Amer.  Phil.  soc.  vol.  VI.  pag.  112. 
plate  rV.  f.  6.  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  93;   Holbrook.  North. 
Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  67.  plate  XXIL;  Storer,  Reptiles  of  Massa- 
chusetts pag.  247. 

Kopf  sehr  breit,  gewölbt;  Schnauze  beinahe  kreisrund;  Rachen 
wenig  gespalten;  die  Zunge  ist  gross,  flach,  vorn  am  breitesten,  hinten 
auf  einem  kleinen  Punkte  angewachsen,  an  der  Basis  meist  angewach- 
sen und  schwer,  nur  seitlich  beweglich.    Die  Zähne  bestehen  aus  einer 


264 

Querreihe,  weichelunter  den  innern  Nasenöffnungen  von  einer  Seite  zur 
andern  sich  erstreckt.  Die  Nasenlöcher  stehen  seitlich  nach  oben  nahe  der 
Schnauze;  Augen  klein,  wenig  vorstehend;  Pupillen  grau,  Iris  dunkel 
grünlich.  Der  Nacken  ist  abgesetzt;  die  Querfalte  an  der  Kehle  sehr 
deutlich.  Der  Körper  ist  cylinderf  örmig,  dick,  plump,  mit  glatter  Haut 
bedeckt.  Der  Schwanz  sehr  wenig,  nur  in  der  Nähe  der  stumpfen 
Spitze  etwas  stärker,  seitlich  zusammengedrückt.  Die  Hinterextremi- 
täten sind  stärker,  kräftiger,  als  die  Vorderextremitäten ;  die  Zehen  viel 
länger,  besonders  die  dritte  und  vierte. 

Die  Färbung  der  Oberfläche  ist  gleichmässig  dunkel,  mit  einem 
etwas  starken  Anflug  von  violett.  Auf  jeder  Seite  der  Vertebrallinie 
befindet  sich  eine  Reihe  unregelmässig,  grosser  meist  rundlicher  oder 
blassgelber  ovaler  Flecken.  Am  Schwänze  sind  die  Schleimdrüsen  an 
beiden  Seiten  vorzugsweise  ausgebildet,  aber  einzeln  stehend,  und  jede 
ist  am  Ausführungsgange  mit  einem  schmalen  hellen  Höfchen  umgeben, 
welche  wie  kleine  in  der  Hauptreihe  intercurrirende  Punkte  aussehen. 
An  den  Extremitäten  sind,  wenn  Flecken  vorhanden,  dieselben  ebenso 
gross,  als  am  Rücken.  Die  Seiten-  und  die  Unterfläche  ist  meergrün, 
mit  einem  mehr  oder  weniger  starkem  Anflug  von  violett. 
Länge  des  Kopfes       —"  lü'" 

-  Körpers       2"     6'" 

-  Schwanzes  3"  — '" 
TÖtaTlänge     6"    \"' 

Sal.  subviolacea  scheint  vorzugsweise  den  Norden  und  Osten  von 
Nord-Amerika  zu  bewohnen;  ich  fand  das  grosse  eben  beschriebene 
Exemplar  in  einem  Erdloche  unter  Steinen  im  Staate  New-Jersey  nahe 
am  Hudson  River.     Scheint  nicht  sehr  häufig  zu  sein. 

Salamandra  fasciata.     Green. 

Sal.  fasciata,  Green,  Journ.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  I.  pag.  350. 
Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  94.  Holbrook,  North-Amer.  Herpetol. 
vol.  V.  pag.  71.  plate  XXHI.     Storer,  Rept.  of  Massachusetts  pag.  247. 

Kopf  verhältnissmässig  gross,  kurz,  gewölbt,  vorn  rund;  Zunge 
oval,  an  den  Rändern  verdünnt,  hinten  angewachsen,  vordere  Rand  sehr 
wenig,  Seitenrand  etwas  mehr  beweglich.  Zahnbau  wie  bei  Sal.  viola- 
cea,  nur  besteht  die  Querreihe  aus  drei  Abtheilungen,  weil  an  jeder 
Seite  ein  kleiner  zahnloser  Zwischenraum  vorhanden  und  die  Zahnreihe 
in  zwei  kleinere  äussere,  und  eine  grössere,  mittlere  Gruppe  theilt.  Die 
Nasenlöcher  seitlich  nach  oben  nahe  der  Schnauze;  Augen  vorstehend, 
Pupille  schwarz;  Iris  dunkelgrau;  Nacken  wenig  abgesetzt;  Kehle  mit 
deutlicher  Querfalte.  Körper  cylinderförmig,  erscheint  etwas  von  der 
Seite  zusammengedrückt.  Schwanz  ist  dick,  an  der  Wurzel  rund,  nach 
dem  Ende  zu  an  den  Seiten  zusammengedrückt.  Die  Haut  ist  glatt; 
die  Hinterextremitäten  noch  einmal  so  stark,  als  die  vordem. 


265^ 

Die  Grundfarbe  des  ganzen  Thieres  ist  schwarz  oder  blau  schwarz, 
der  Kopf  mit  unregelmässigen,  kleinen  grauweissen  Flecken  gezeichnet, 
Nacken,  Rücken  und  Schwanz  mit  10  —  12  grauweissen,  zuweilen  blau- 
weissen  oder  seltner  ganz  weissen  Querbinden.  An  den  Seiten  befindet 
sich  eine  ähnlich  gefärbte,  mehr  oder  weniger  unterbrochene  bis  zum 
Schwanz  reichende  Längsbinde,  welche,  mit  den  Querbinden  vereinigt, 
die  schwarze  Grundfarbe  als  grosse  Flecken  erscheinen  lässt.  Bei  man- 
chen Exemplaren  fehlen  die  Seitenbänder  gänzlich  und  nur  die  Quer- 
binden sind  vorhanden,  aber  auch  diese  manchmal  ziemlich  schmal. 

Die  Ausführungsgänge  der  Schleimdrüsen  erscheinen  in  den  hellen 
Querstreifen  als  kleine  Punkte.  Unterfläche  dunkelblau,  Kehle  und 
Schwanz  etwas  heller. 

Länge  des  Kopfes       — "     h'" 

-  Rumpfes      \"     1'" 

-  ScliAvanzes  \"     A'" 
Totallänge     3"     4'" 

Dieser  schön  gezeichnete ,  nicht  seltene  Salamander,  scheint  sich 
nur  in  den  östlichen  und  nördlichen  Vereinigten  Staaten  aufzuhalten. 

Ich  fand  denselben  in  New -Jersey  an  einer  sumpfigen  vom  Hud- 
son River  bespülten  Stelle,  unter  einem  verfaulten  Baumast. 

Salamandra  talpoidea.     Holbrook. 
Sah  talpoidea,  Holbrook.     North -Amer.  Herpetol.    vol.  V.    pag.    73. 
plate  XXIV. 

Kopf  sehr  gross  und  flach,  mit  abgerundeter  kleiner  Schnauze; 
Rachen  tiefgespalteu ;  Zunge  subrhomboidal,  hinten  schmal  und  ange- 
wachsen, die  übrigen  Ränder  der  Zunge  sind  frei.  Die  Zähne  stehen 
in  einer  Querreihe  und  sind  in  der  Mitte  etwas  grösser  und  zahlreicher. 
Die  Nasenlöcher  befinden  sich  nahe  der  Schnauze  nach  oben  und  seit- 
lich und  öffnen  sich  ein  wenig  nach  aufwärts  und  rückwärts.  Die 
Augen  klein,  aber  vorstehend,  Pupille  schwarz,  Iris  dunkel.  Der  Nacken 
ist  abgesetzt;  Kehle  mit  deutlicher  Hautfalte;  Körper  kurz,  plump; 
mehr  flach  als  cylinderförmig,  mit  glatter  Haut  bekleidet.  Schwanz  kurz, 
an  der  Wurzel  sehr  dick,  von  der  Seite  zusammengedrückt.  Vorder- 
extremitäteu  sind  kurz,  dick  und  stark;  Hinterextremitäten  verhältniss- 
mässig  sehr  stark,  Zehen  an  der  Basis  beinahe  vereinigt.  Körper, 
Schwanz  und  Extremitäten  gleichmässig  dunkel,  fast  schwarz;  Kehle, 
Bauch  und  Unterfläche  des  Schwanzes  ebenfalls  dunkel,  mit  einem  star- 
ken, violetten  Anflug. 

Länge  des  Kopfes       — "     5'" 

-  Rumpfes       1"     5'" 

-  Schwanzes    1"     3'" 
Totallänge     3"     V" 

Allg.  deutsche  naturh.  Zeitung.     I.  20 


866 

Dieser  durch  seine  Lebensweise  interessante  Salamander  wurde  von 
Dr.  Bürden  nur  auf  einer  an  der  Küste  von  Süd-Carolina  sich  befinden- 
den Insel  gefunden.  Das  Tliier  lebt  daselbst  ganz  eigenthünilich,  gräbt 
sich  wie  ein  Maulwurf  in  die  Erde  ein  und  wenn  es  gestört  wird,  so 
verscharrt  es  sich  binnen  wenigen  Secunden,  so  dass  es  nicht  gesehen 
werden  kann,  dann  entfernt  es  sich,  kann  aber  leicht  verfolgt  werden, 
weil  der  Höhlengang  sehr  oberflächlich  sich  befindet  und  sich  durch 
Erhöhungen  und  Vertiefungen  auf  der  Oberfläche  anzeigt,  wie  dies  auch 
bei  den  Maulwürfen  in  den  Feldern  gesehen  wird. 

Salamandra  Texana.  Matthes. 
Kopf  verhältnissmässig  gross,  gewölbt;  Schnauze  rund;  Rachen  tief- 
gespalten;  Zunge  oval,  an  der  untern  Fläche  angeheftet,  dick,  in  der 
Mitte  durch  eine  Längsspalte,  welche  bis  an  die  Spitze  geht,  getheilt, 
so  dass  sie  wie  zwei  nebeneinander  liegende  Wülste  erscheint.  Eine 
breite  Querreilie  Zähne  läuft  von  der  einen  innern  Nasenöffnung  zur 
andern.  Nasenlöcher  stehen  vorn  und  seitlich,  nahe  der  Schnauze; 
Augeu  klein,  wenig  vorstehend ;  Nacken  wenig  abgesetzt ;  Körper  cylin- 
derf  örinig,  längsgestreckt,  dick.  Schwanz  wenig  von  der  Seite  zusammenge- 
presst,  nach  dem  Ende  allmählig  ablaufend;  der  Schwanz  ist  von  der 
Basis  an  gerechnet  in  den  ersten  drei  Viertheilen  ganz  gleich  hoch  und 
erst  im  letzten  Viertheil  wird  er  schmäler  und  endigt  in  eine  kolbig 
stumpfe  Spitze.  Vorderextremitäten  dünner  und  kürzer  mit  4  Zehen; 
Hinterextremitäten  stärker  und  länger,  mit  5  feinen  Zehen,  von  denen 
die  vierte  die  längste  ist. 

Die  Haut  des  ganzen  Körpers  ist  granulirt.  Grundfarbe  der  Ober- 
fläche dunkelbraun ;  Kopf  und  Rücken  sparsam,  die  Seiten  und  besonders 
der  Schwanz  mit  unregelmässigen,  grauweissen  Flecken  besäet;  Extre- 
mitäten ebenso  gefärbt  und  gezeichnet.  Die  Unterfläche  etwas  heller 
braun  und  ungefleckt,  nur  das  untere  Ende  des  Schwanzes  mit  ein- 
zelnen Flecken  versehen. 

Das  erste  Exemplar  fand  ich  unter  einem  faulen  Baumstamme  im 
Urwalde  am  Rio  Colorado,  das  zweite  ebenfalls  unter  einem  Baumstamme 
im  Cummings  Creeck  Bottom,  Fayette  County. 

Salamandra  salmonea.     Storer. 

Sal.  salmonea,  Storer,  Rept.  of  Massachusetts  pag.  248.  Holbrook. 
North  Amer.  Herpctol.  vol.  V.  pag.  33.  plate  VHL 

Kopf  gross,  oben  flach;  Schnauze  breit,  fast  viereckig;  Rachen  ziem- 
lich tief  gespalten ;  Zunge  ist  klein ,  rundlich  uud  mit  einem  dünnen 
ziemlich  kurzem  Stiel  befestigt.  Die  Zähne  laufen  von  jeder  Seite  zu 
dem  äussern  hintern  Rande  der  innern  Nasenöft'nungen ,  welche  sehr 
gross  sind,  erstrecken  sich  nach  innen  und  vorwärts  bis  zu  einer  Linie 


867 

mit  ihrem  vordem  Rande,  wenden  sieh  dann  plötzlich  zurück  und  bil- 
den parallel  mit  einander  verlaufend,  zwei  Längslinien.  Die  Zähne 
sind  alle  äusserst  klein  und  sehr  nach  rückwärts  gebogen.  Die  äussern 
Nasenöffnungen  stehen  vorn  und  seitlich  am  äussern  Ende  der  Schnauze. 
Die  Augen  sind  gross  und  sehr  vorstehend,  Pupille  schwarz,  Iris  glän- 
zend kupferfarbig.  Nacken  abgesetzt;  Kehle  mit  einer  Querfalte;  die 
Haut  glatt;  Körper  ist  cylinderförmig,  in  die  Länge  gezogen,  ohne 
schlank  zu  sein.  Der  Schwanz  ist  kürzer  als  der  Körper,  dick,  an  der 
Wurzel  rund,  seitlich  zusammengedrückt  und  in  eine  Spitze  endigend. 
Vorderextremitäten  sind  kurz  und  schwach,  die  Hinterextremitäten  fast 
noch  einmal  so  stark  als  die  vordem. 

Kopf  oben  gelblich  braun,  an  den  Seiten  salmenfarben*),  eine  sehr 
breite  salmenfarbene  Linie  erstreckt  sich  von  den  Nasenlöchern  zu  der 
obem  Orbita ;  die  Oberlippe  ist  hell  salmenfarben  mit  einigen  braunen 
Flecken,  Unterlippe  beinahe  weiss  oder  hell  fleischfarben ;  Kinn  und  Kehle 
weiss ;  Oberfläche  des  Körpers  und  Schwanzes  ist  gelblich  braun,  grau  ge- 
zeichnet. Die  Seiten  des  Körpers  und  Schwanzes  sind  salmenfarben,  mit 
einem  gelblichen  Anflug.  Unterfläche  des  Bauches  ist  weiss,  der  untere 
Theil  des  Schwanzes  hell  salmenfarben.  Die  Vorderextremitäten  sind  ober- 
halb gelblich  braun  und  unterhalb  weiss ;  die  Hinterextremitäten  oben 
und  unten  gelblich  braun. 

Länge  des  Kopfes       — "     1'" 

-  Rumpfes      2"     6'" 

-  Schwanzes  2"     6'" 
Totallänge     5"     7'" 

Dr.  Siorer  beschrieb  Salamandra  Salmonea  zuerst  nach  einem  im 
Staate  Massachusetts  gefangenen  Exemplare;  doch  ist  derselbe  noch  im 
Staate  New- York  und  Süd-Carolina  gefunden  worden. 

Salamandra  rubra.     Daud. 

Sah  rubra,  Daud,  Hist.  Nat.  des  Reptil,  tom.  VIH.  pag.  227.  plate 
XCU.  Latreille  Hist.  Nat.  Rept.  tom.  IV.  pag.  305.  Holbrook,  North. 
Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  35,  plate  IX.  Sah  rubriventris ,  Green, 
Jour.  Seien.  Philad.  vol.  I.  pag.  353.  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res. 
pag.  97.  Sal.  maculata,  Green,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  I. 
pag.  350.  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  96.  Sal.  subfusca,  Green, 
Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  L  pag.  351.  Sal.  fusca,  Green, 
Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  I.  pag.  357.  Harlan,  Med.  and 
Phys.  Res.  pag.  96. 

Kopf  ziemlich  gross;  Schnauze  abgerundet;  Rachen  wenig  gespal- 
ten; Zunge  rund,  auf  einem  kurzen  Stiel  sitzend,  sehr  leicht  beweglich. 
Die  Zähne  erstrecken  sich  hinter  den  hier  sehr  kleinen  Innern  Nasen- 
öffnungen, von  der  Seite  nach  innen  und  hinten,   vereinigen    sich    aber 

*)  blass  rosa. 

20* 


268 

nicht  zu  einer  gemeinschaftlichen  Querreihe,  sondern  verbinden  sich 
jederseits  mit  der  entsprechenden  Längsreihe,  welche  sich  allmählig  bis 
zum  Keilbeiukörper  von  einander  etwas  mehr  entfernen.  Die  äusseren 
Nasenöffiiungen  stehen  nahe  der  Schnauze,  seitlich  oben.  Die  Augen 
sind  ziemlich  gross,  vorstehend,  Pupille  schwarz,  Iris  goldig  gefärbt. 
Der  Nacken  ist  wenig  abgesetzt ;  Kehle  mit  einer  queren  häutigen  Falte. 
Der  Körper  cjlinderf örmig ,  gedrungen.  Hinterextremitäten  stärker  als 
die  Vorderextremitäten,  an  der  Basis  der  Zehen  leicht  verbunden.  Der 
Schwanz  ist  kürzer  als  der  Körper,  an  der  Basis  rund  und  dick,  flacht 
sich  aber  bald  ab,  ist  von  der  Seite  zusammengedrückt  und  endigt  in 
eine  Spitze. 

Die  Grundfarbe  der  ganzen  Oberfläche  des  Kopfes,  Rückens,  Schwan- 
zes und  der  Extremitäten  ist  schön  roth,  mit  kleinen  vereinzelten, 
schwarzen  runden  Flecken,  bis  beinahe  zum  Schwanzende.  Die  Seiten 
etwas  heller  roth  und  ungefleckt;  Unterseite  orangeroth  und  ohne 
Flecken. 

Länge  des  Kopfes       — "     8'" 

-  Rumpfes      2"     8'" 

-  Schwanzes  2"     6"' 
.Totaflänge     W  W" 

Das  von  Holbrook  beschriebene  Exemplar  ist  viel  kleiner,  4"  9"' 
lang  und  auf  dem  Rücken  und  Schwänze  mit  mehr  aber  kleinern  Flek- 
ken  gezeichnet.  Das  Tliier  bewohnt  Nord-Amerika  von  Massachusetts 
bis  Florida,  lebt  unter  Steinen  und  Baumstämmen. 

Ich  fand  diesen  nicht  häutigen  Salamander  im  Staate  Kentucky,  dicht 
neben  einem  ziemlich  tiefen  klaren  Quell  unter  einem  platten  Stein. 
Nachdem  ich  den  Stein  entfernt,  zog  sich  ein  Thier,  von  dem  ich  übri- 
gens nur  undeutlich  die  rothe  Farbe  eines  Theiles  sehen  konnte,  sehr 
schnell  in  ein  senkrechtes  Loch  zurück.  Da  sich  das  Loch  nach  die- 
sem Manöver  gänzlich  mit  Wasser  füllte,  also  nicht  tief  gehen  konnte 
und  ich  eine  von  den  seltenen  ganz  rothen  Crustaceen,  wie  ich  sie 
später  in  den  Sümpfen  von  New-Orleans  gefunden,  erwartete,  so  machte 
ich  mich  daran,  den  Flüchtling  auszugraben,  welches  auch  bald  gelang 
und  ich  in  Besitz  dieses  Salamanders  kam.  Von  der  schönen,  prächti- 
gen Farbe,  von  dem  glühenden  Roth  hingerissen,  betrachtete  ich  das 
Thier  einige  Zeit,  welche  Gelegenheit  es  benutzend,  mit  einer  ziem- 
lichen Schnelligkeit  aus  der  Hand  sich  schnellte  und,  in  das  tiefe  Quell- 
wasser gefallen,  suchte  es  alsbald  die  Tiefe  auf.  Ein  Mulatte,  der  meine 
Jagdutensilien  trug,  holte  dann  das  Thier,  nachdem  ich  ihm  bestimmt 
versicherte,  dass  es  nicht  giftig,  aus  dem  hellen,  klaren  Wasser. 

In  verdünntem  Alcohol  gebracht,  verlor  das  Thier  binnen  24  Stun- 
den seine  schöne  rothe  Farbe  und  wurde  gelb,  der  Spiritus  wurde  roth 
gefärbt. 


269 

Salamandra  quadrimaoulata.     Holbrook. 

Salam.  quadrimaculata ^  Holbrook^  North- Americ.  Hevpetol.  vol.  V. 
pag.  49  plate  XIII. 

Kopf  ziemlich  gross,  mit  runder  kSchnauze ;  die  Zunge  ist  mit  einem 
kurzen  Stiel  befestigt.  Eine  Querreihe  von  Zähnen  beginnt  an  jeder 
Seite  am  innei'n  hintern  Rande  der  Innern  Nasenöffnungen,  läuft  nach 
innen  und  verbindet  sich  in  der  Mitte;  eine  halbe  Linie  hinter  dieser 
Querreihe  beginnen  zwei  Längsreihen,  welche  Anfangs  dicht  zusammen- 
stehen, dann  aber  mehr  von  einander  sich  entfernen.  Die  Nasenlöcher 
stehen  seitlich  und  oben;  die  Augen  sind  gross  und  vorstehend;  Pupille 
schwarz,  Iris  röthlich  und  golden  gefärbt.  Nacken  abgesetzt;  Kehle 
mit  Querfalte. 

Der  Körper  ist  länglich,  aber  ziemlich  gedrungen;  Vorderextremi- 
täten kleiner,  mit  kleinen  Zehen,  Hinterextremitäten  doppelt  so  stark. 
Schwanz  kürzer  als  der  ganze  Körper  und  länger  als  der  Rvimpf,  von 
der  Seite  zusammengedrückt,  in  eine  Spitze  auslaufend.  Grundfarbe  der 
Oberfläche  ist  dunkel  mit  einem  violetten  Anflug ;  Rücken  mit  zwei  Reihen, 
von  kleinen  unregelmässigen,  länglich  viereckigen,  röthlichen  Flecken, 
welche  auf  der  Dorsalfläche  der  Schwanzwurzel  zusammenlaufen  und 
eine  rothe  Linie  bilden.  Bei  jungen  Exemplaren  sind  diese  Flecken 
hell,  bei  älteren  mehr  dunkel. 

Die  Farbe  der  Unterfläche  ist  gesprenkelt,  besteht  aus  einem  Ge- 
misch von  dunkelgrau  und  weiss,  mit  einem  starken  violetten  Anflug; 
die  obere  Fläche  der  Extremitäten  ist  dunkel,  die  untere  mit  einem 
violetten  Anflug. 

Länge  des  Kopfes       — "     5'" 

-     Rumpfes      1"     6'" 

-  Schwanzes  1"     9"' 

Totallänge  3"     8'" 
Das  Thier  findet  sich  in  Georgia,  Carolina,  Pensylvanien  und  den 
dazwischen  liegenden  Staaten. 

Salamandra  JefFersoniana.     Green. 

Sal.  JefFersoniana,  Green.  Maclurian  Lyceum  pag.  4.  Harlan,  Med. 
and  Phys.  Res.  pag.  98.  Holbrook,  North-Amer.  Herpetol.  vol.  V.  p.  5L 
plate  XIV. 

Kopf  sehr  gross ;  Schnauze  voll  und  rund ;  Rachen  tief  gespalten ; 
Zunge  klein,  rund,  gestielt,  vorn  etwas  angeheftet;  Zähne  bilden 
Querreihen,  welche  sich  mit  den  Längsreihen  verbinden.  Die  äussei-n 
Nasenöfinungen  stehen  nahe  der  Schnauze.  Die  Augen  stehen  über 
den  obern  Rändern  der  Örbita  hervor;  Pupille  und  Iris  ganz  schwarz. 
Der  Nacken  ist  abgesetzt;  Kehle  mit  einer  starken  Querfalte.  Der  Kör- 
per ist  cylinderf örmig ,  langgestreckt,  gedrungen;  Schwanz  beinahe  so 
lang  als  der  ganze  Körper,  rund;  am  Ende  flach  werdend  und  in  eine 


270 

Spitze  verlaufend.  Vorder-  und  Hinterextremitäten  gut  entwickelt,  Zehen 
besonders  gut  ausgebildet.  Oberfläche  ist  dunkelbraun  und  mit  schönen 
azurblauen  Punkten,  welche  unregelmässig  über  die  ganze  Oberfläche 
verbreitet,  am  Rücken  aber  am  sparsamsten  und  kleinsten  sind;  an  den 
Seiten  des  Rumpfes  und  des  Schwanzes  werden  diese  Punkte  so  stark, 
dass  sie  azurblaue  Flecken  bilden.  Die  Unterfläche  ist  blass  violett. 
Länge  des  Kopfes       — "     8'" 

-  Rumpfes      2"     6'" 

-  Schwanzes  2"   1 0'" 
Totallänge  6"  — '" 

Lebt  vorzugsweise  auf  dem  Lande,  wo  er  sich,  vermöge  seiner  sehr 
ausgebildeten  Zehen,  mit  grosser  Leichtigkeit  bewegt.  Der  einzige  bis 
jetzt  bekannte  Fundort  dieses  seltenen  Thieres  ist  der  westliche  Theil 
von  Pensylvanien,  nahe  am  Charters  Creek. 

Salamandra  symmetrica.     Harlan. 

Sal.  stellio,  Say,  Amer.  Journ.  of  Arts  and  Seien,  vol.  I.  pag.  264. 
Sal.  symmetrica,  Harlan,  Med.  and  Physik.  Res.  pag.  98.  Holbrook, 
North- Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  57.  plate  XVH.  Storer,  Reptiles  of 
Massachusetts  pag.  246. 

Kopf  ist  verhältnissmässig  gross  ;  Schnauze  etwas  zugespitzt;  Zunge 
ist  klein,  auf  einen  sehr  kurzen  Stiel  aufsitzend,  an  den  Seiten  wenigfrei 
und  beweglich;  eine  Querreihe  Zähne  beginnt  auf  jeder  Seite  hinter 
den  innern  Nasenöfi'nungen ,  läuft  nach  innen  und  verbindet  sich  in  der 
Mitte,  die  Längsreihe  ist  sehr  schmal,  aber  erstreckt  sich  bis  zum  Keil- 
beinkörper. Die  äussern  Nasenöffnungen  stehen  nach  vorn  und  Seitlich. 
Die  Augen  sind  klein,  wenig  vorstehend,  die  Pupille  ist  schwarz,  die 
Iris  geflammt.   Der  Nacken  ist  nicht  abgesetzt;  Kehle  ohne  Hautfalte.*) 

Körper  ist  cylinderförmig,  von  den  Seiten  zusammengedrückt,  bei- 
nahe schlank;  Schwanz  so  lang  als  der  übrige  Körper,  von  der  Seite 
stark  zusammengedrückt  und  allmählig  in  eine  Spitze  verlaufend.  Vor- 
derextremitäten sind  sehr  dünn,  die  Zehen  aber  gut  entwickelt,  die  bei- 
den mittelsten  die  längsten;  Hinterextremitäten  mehr  als  noch  einmal 
so  stark,  die  Zehen  an  der  Basis  verwachsen.  Die  Haut  ist  über 
und  über,  an  der  Dorsalfläche  mit  stärker  und  der  Abdominalfläche 
schwächer  entwickelten  Tuberkeln  besetzt,  so  dass  sich  die  Haut 
ganz  rauh  anfühlt.  Die  Grundfarbe  der  Dorsalfläche  ist  braunroth ; 
an  jeder  Seite    des  Rückens  befinden  sich  4  bis  7  gelbe  oder  röthliche 


*)  Holbrook  erwähnt  in  seiner  Beschreibung  von  Salamandra  symmetrica  einer  Haut- 
falte an  der  Kehle,  doch  finde  ich  bei  den  von  mir  im  Staate  Kentuky  und  Indiana, 
ferner  bei  den  von  Herrn  C.  Müller  aus  Dresden  im  Staate  New-York  und  Pensylvanien 
gesammelten  Exemplaren  eine  Hautfalte  nicht,  ebenso  finde  ich  in  der  Beschreibuug 
von  Siorer,  Reptiles  of  Massachuselta,  keiner  Hautfalte  erwähnt. 


271 

Flecken,  welche  mit  einem  schwarzen  Höfchen  eingefasst  sind.*)  Die 
»Seiten  und  die  Oberfläche  orangegelb  und  mit  vielen  runden,  scharfbe- 
grenzten schwarzen  Punkten  besäet.  Sind  auf  der  Dorsalfläche  schwarze 
Punkte  vorhanden,  so  sind  diese  mehr  vereinzelt  und  verschwommen. 
Die  Extremitäten  ebenfalls  schwarz  punktirt. 

Das  grösste  von  mir  gefangene  Exemplar  ist  4  Zoll  lang. 
Länge  des  Kopfes       — "     5'" 

-  Rumpfes      V     T" 

-  Schwanzes  2"   —'" 

Totallänge  4"  — '" 

Sah  symmetrica  bewohnt  schattige,  aber  mehr  trockene  Gegenden, 
ich  fand  denselben  mehrmals  unter  der  Rinde  eines  ganz  trockenen 
Baumes,  weit  vom  Wasser  entfernt.  Zur  Zeit  der  Begattung  und  Ab- 
setzung der  Jungen  jedoch  gehen  sie  in  das  Wasser. 

Eine  Verwechslung  mit  Triton  dorsalis  ist,  obgleich  die  Färbung 
sehr  ähnlich  ist,  doch  nicht  möglich,  da  bei  letzterem  ein  vollkommener 
Ruderschwanz  vorhanden  ist. 

b)      Körper   mehr   lang   gestreckt. 
Salamandra  erythronota.    Green. 

Sal.  erythronota,  Green,  Journ.  Acad.  Nath.  Seien.  Philad.  vol.  I. 
pag  356.  Sal.  cinerea,  Green,  Coc.  cit.  vol.  I.  pag.  95.  Sal.  erythro- 
notfc,  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  95.  Sal.  cinerea,  Harlan,  Coc. 
cit.  pag.  65.  Storer,  Reptiles  of  Massachusetts  pag.  245.  Holbrook, 
Noith-Amer.  Herpetol.  vol.  V.  plate  XL 

Kopf  ist  kurz;  Schnauze  zugespitzt;  Rachen  tief  gespalten;  Zunge 
ovai,  ziemlich  gross,  sehr  flach,  in  der  Mittellinie  angewachsen,  daher 
nur  seitlich  beweglich.  An  beiden  Seiten  beginnt  hinter  den  Innern  Nasen- 
öfFnmgen  eine  Querreihe  Zähne,  welche  jede  nach  innen  und  ein  wenig 
naci  rückwärts  läuft,  die  sich  aber  beiderseits  nicht  verbinden.  Zwei  Längs- 
reihen von  Zähnen  verlaufen  zu  einer  Gruppe  zusammengeflossen,  bis  zum 
Keibeinkörper  und  sind  hinten  am  breitesten.  Die  Nasenlöcher  stehen 
seitlch  nahe  der  Schnauze.  Augen  klein,  sehr  vorstehend,  Pupille 
schwirz,  Iris  kupferfarben.  Nacken  wenig  abgesetzt;  Kehle  mit  einer 
Haufalte ;  Körper  cylinderf örmig,  lang  gestreckt  und  schlank ;  Schwanz 
im  Ganzen  rundlich,  in  eine  Spitze  endigend.  Die  Vorderextremitäten 
sind  klein  und  schwach;  Hinterextremitäten  länger  und  etwas  stärker. 
Die  Grundfarbe    der  Dorsalfläche  ist  dunkelbraun,    längs    dem   Rücken 


*)  Die  Bescbreibung  der  Farbe  weicht  von  der  von  Holhrook  gegebenen  darin  ab, 
dass  deselbe  der  mit  einem  schwarzen  Höfchen  umgebenen  gelblichen  Flecken  an  bei- 
den Seien  des  Rückens  gar  nicht  erwähnt.  In  der  beigefügten  Abbildung  vol.  V, 
plate  X"\H.  aber  sind  dieselben  deutlich  angegeben. 


272 

meist  mit  einem  breiten  hellbraunen  bis  beinahe  zum  Schwanzende  rei- 
chenden Bande  versehen;  zuweilen  ist  dieses  Band  dunkelblau  oder 
grau  gefärbt,  zuweilen  kaum  von  der  Grundfarbe  zu  unterscheiden,  zu- 
weilen ist  das  braune  Band  aber  der  dunkelste  Theil  am  ganzen  Thiere. 
Ober-  und  Unterlippe  sind  gelblich.  Die  Seiten  des  Bauches  und  des 
Schwanzes  sind  gelblich  und  ganz  dicht  grau  gesprenkelt.  Extremitäten 
meist  gelblich  braun.  Die  Unterfläche  ist  weisslich  und  grau  oder  braun 
gesprenkelt. 

Länge  des  Kopfes       — "     3V--i'" 

-  Rumpfes      l"     3'" 

-  ScliM^anzes  1"     5'" 

Totallänge  2"  11 1/2'" 
Salamandra  erythronota  ist  sehr  gemein  in  den  ganzen  Vereinigten 
Staaten  von  Massachusetts  bis  Louisiana.  Im  Norden  ist  derselbe  so  häufig, 
dass  fast  unter  jedem  flachen,  hohl  liegenden  Steine,  unter  jedem  faulen 
Stamm  ein  oder  mehrere  Thiere  sich  befinden ;  nach  dem  Süden  wird 
derselbe  seltener;  in  Texas  fand  ich  keinen.  Es  ist  unstreitig  der 
schnellste  Salamander  in  Nord- Amerika ,  er  ist  so  agil  auf  der  Flucht, 
dass  man  auf  den  ersten  Augenblick  eine  Eidechse  zu  sehen  glaubt. 

Salamandra  auriculata.     Holbrook. 

Sah  auriculata,  Holbrook,  North-Amer.  Herpetol.  pag.  47.  plate  KIT. 

Kopf  ist  klein,  oben  und  vorn  abgerundet;  Zunge  klein,  rund,  ge- 
stielt, sehr  beweglich.  Eine  starke  Gruppe  von  kleinen  Zähnen  beginnt 
auf  jeder  Seite  hinter  den  innern  Nasenöflfnungen  und  vereinigt  siel  in 
der  Mitte.  Zwei  Linien  hinter  dieser  Querreihe  beginnt  eine  Längsgrujpe, 
welche  bald  in  zwei  Reihen  getheilt,  sich  nach  hinten  etwas  mehr  ron 
einander  entfernt.  Aeussere  Nasenöffnungen  sind  klein,  seitlich  ind 
von  einander  mehr  entfernt,  als  es  bei  den  Salamander  gewöhnlich  der 
Fall  ist.  Die  Augen  sind  klein  und  vorstehend;  Pupille  schwarz,  [ris 
rothbraun;  NackÄi  leicht  abgesetzt;  Kehle  mit  einer  Querfalte. 

Körper  lang  und  cylinderförmig;  Schwanz  ebenso  lang  als  der  gmze 
übrige  Körper,  rundlich,  an  der  Spitze  zusammengepresst.  Die  Voider- 
extremitäten  sind  klein,  die  Hinterextremitäten  nur  etwas  stärker. 

Farbe  oben  dunkelbraun ;  etwas  dunkler  auf  dem  Kopfe.  Hiiter 
jedem  Auge  nach  dem  Nacken  zu  befindet  sich  ein  länglich  roth-bramer 
Fleck,  welcher  dem  Thiere  das  Ansehen  giebt,  als  sei  es  mit  Chren 
versehen.  An  jeder  Seite  des  Körpers  ist  eine  Reihe  kleiner  rundlcher, 
roth-brauner  Flecken ,  welche  sich  bis  an  das  Ende  des  Schwanz;s  er- 
strecken. An  den  Seiten  des  Rückens  sind  diese  Flecke  zuweiler  dop- 
pelt vorhanden  und  stehen  sich  sehr  nahe.  Unterleib  ist  hellgrai,  an 
der  Kehle  ebenso,  nur  noch  mit  einem  leichten  violetten  Anflug, 


278 

Länge  des  Kopfes       — ''     4'" 

-  Rumpfes      2"     T' 

-  Schwanzes  "l"     ^"' 
Totallänge  5"  —'" 

Das  Exemplar,  von  welchem  Holbruok  die  Beschreibung  gegeben, 
wurde  von  Dr.  Ilarden  bei  Riceborough  in  Georgia  gefangen. 

Salamandra  Phoca*).     Matthes. 

Kopf  klein,  oben  und  vorn  rund ;  Rachen  sehr  wenig  tief  gespalten ; 
Zunge  oval,  nach  vorn  zugespitzt,  an  der  untern  Fläche  und  der  Spitze 
angeheftet,  seitlich  frei  und  leicht  beweglich ;  Zähne  bestehen  aus  einer 
vordem  Querreihe  und  einer  Längsgruppe.  Aeussere  NasenöfFnungen 
stehen  seitlich  oben,  nahe  der  Schnauze.  Nacken  wenig  abgesetzt,  nach 
vorn  und  aufwärts  gebogen ;  Kehle  mit  einer  deutlichen  Querfalte.  Kör- 
per cjlinderförmig,  langgestreckt,  schlank,  Schwanz  beinahe  so  lang  als 
der  Körper,  an  der  Wurzel  rund,  dann  seitlich  zusammengedrückt  und 
in  eine  scharfe  Spitze  endigend.  Vorderextremitäten  mit  vier,  Hinter- 
extremitäten mit  fünf  Zehen. 

Grundfarbe  der  Dorsalfläche  schiefergrau,  mit  unregelmässigen, 
dunkeln  Flecken  gezeichnet,  welche  Flecken  zu  beiden  Seiten  dicht 
neben  der  Dorsallinie  stärker  ausgeprägt  sind  und  sich  bis  über  die 
Hälfte  des  Schwanzes  erstrecken.  Eine  zAveite  Reihe  befindet  sich  an 
der  äussern  Fläche  des  Rückens,  verschwindet  aber  am  Schwänze. 
Oberfläche  der  Extremitäten  wie  der  Rücken  gefärbt  und  mit  einzelnen 
dunkelen,  mehr  verschwommenen  Fleckeji  versehen.  Die  ganze  Unter- 
fläche ist  einfach  blass,  grünlich  gelb. 

Länge  des  Kopfes       — "     4'" 

-  Rumpfes      V  10'" 

-  Schwanzes  1"     1'" 
Totallänge   4"     4'" 

Besondere  Bemerkung.  Eben  beschriebener  Salamander  steht  Sala- 
mandra auriculata  hinsichtlich  der  Körperform  am  nächsten,  doch  unter- 
scheidet er  sich  anatomisch  durch  den  nach  aufwärts  und  vorn  geboge- 
nen Nacken  von  diesem  und  allen  übrigen  bis  jetzt  bekannten  Salamandern. 

Ich  fand  das  eben  beschriebene  Exemplar  unter  einem  kleinen  flachen 
Stein  dicht  neben  dem  Taylors  -  Creeck  in  Kentucky  unweit  New -Port. 
Alle  Versuche,  mehr  als  ein  Exemplar  zu  bekommen,  Avaren  vergeblich 
und  ich  glaube,  dass  an  eine  bedeutendere  Vermehrung  an  dem  angeführ- 
ten Fundorte  wohl  nicht  z^^  denken  ist,  da  hier  eine  Masse  Schlangen, 
namentlich  Nei'odia  sipedon  und  Regina  leberis  vorhanden  und  fast 
unter  jedem  Steine   anzutreffen   waren.     Ehe    ich    in  Besitz    des  Thieres 

*)  Ich  nenne  diesen  Salamander  deshalb  „Salamandra  Phoca",  weil  der  kleine 
runde,  auf  dem  vor-  und  aufwärtsgebogenen  Nacken  sitzende  Kopf  ttäuschend  die  Form 
des  Seehundes  wiedergiebt. 


kam,  versuchte  es  zu  fliehen,   wobei  es  eine  ziemliche  Behendigkeit  an 
den  Tag  legte. 

Salamandra  bilineata.     Green. 

Sal.  bilineata,  Green,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  I.  p.  325. 
Holbrook,  North -Amer.  Herpetol.  pag.  55  plate  XII.  Sal.  flavissiraa, 
Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  97. 

Kopf  klein ;  Schnauze  mehr  rund  als  zugespitzt ;  Zunge  klein,  läng- 
lich rund,  dünn,  auf  einem  Stiele  sitzend,  leicht  beweglich.  Eine  Quer- 
reihe Zähne  läuft  von  der  einen  Seite  des  Innern  Randes  der  innern 
Nasenöffnungen  zur  andern,  hinter  diesen  befinden  sich  zwei  Längsrei- 
hen von  gewöhnlicher  Ausdehnung.  Nasenlöcher  stehen  seitlich,  nahe 
der  Schnauze. 

Die  Augen  sind  vorstehend,  Pupille  schwarz,  Iris  goldig.  Nacken 
wenig  abgesetzt;  Kehle  mit  einer  queren  Hautfalte.  Der  Körper  ist 
cylinderförmig,  der  Schwanz  an  der  Basis  rund,  verengt  sich  allmählig 
und  nach  der  Spitze  zu  seitlich  zusammengedrückt.  Vorderextremitäten 
sind  aussergewöhnlich  klein,  Hintorextremitäten  zwei  Mal  so  stark. 

Die  Dorsalfläche  des  ganzen  Thieres  ist  braungelb  gefärbt,  an  jeder 
Seite  mit  einer  schAvarzen  Linie,  welche  hinter  dem  Auge  beginnt  und 
ohne  Unterbrechung  sich  über  die  Seiten  oberhalb  der  Vorder-  und 
Hinterextremitäten  hinzieht  und  vor  dem  Ende  des  Schwanzes  verliert. 
Die  Unterflächc  ist  hellgelb  und  die  Haut  so  fein,  dass  sie  erlaubt,  die 
Eingeweide  durchzusehen,  wodurch  es  erscheint,  als  sei  die  Haut  in 
der  Mittellinie  dunkler. 

Länge  des  Kopfes       — "     3'" 

-  Rumpfes      I"     b'" 

-  Schwanzes  2"     2'" 
Totallänge  3"  10'" 

Lebt  auf  dem  Lande  nur  an  dunkeln  Plätzen,  ist  lebhafter  als  die 
Salamander  gewöhnlich,  wohnt  unter  Steinen,  unter  faulem  Holz,  verlässt 
diese  Orte  nach  dem  Regen  und  im  Abenddunkel ,  um  sich  seine  Nahr- 
ung zu  suchen. 

In  den  Staaten  Massachusetts,  Jersey,  North- Carolina  und  Süd- 
Carolina  ist  dieser  Salamander  bis  jetzt  aufgefunden  worden. 

Salamandra  cirrigera.     Green. 

Sal.  cirrigera,  Green,  Journ.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  IV. 
pag.  253.  Sal.  cirrigera,  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  99.  Sal. 
cirrigera,  Holbrook,  North-Amer.  Herpetol.  pag.  53.  plate  XV. 

Kopf  kurz;  Schnauze  stumpf  abgerundet;  auf  jeder  Seite  zwischen 
Nasenlöchern  und  Oberlippe  befindet  sich  ein  über  die  Unterlippe  her- 
vorragender, beinahe  »A  Zoll  langer,  nach  unten  zugespitzter  Hautlappen ; 
Rachen  sehr  wenig  gespalten ;  Zunge  länglich  oval,  dünn  und  leicht  be- 


275 

weglich.  Eine  Querreihe  Zähne  beginnt  an  dem  innern  hintern  Rande 
der  innern  Nasenöffnungen  einerseits  bis  auf  die  andere  Seite,  hinter 
diesen  befindet  sich  eine  aus  sehr  kleinen  Zähnen  bestehende  Längs- 
gruppe, welche  bis  zum  Keilbeinkörper  sich  erstreckt.  Nasenlöcher 
vorn  etAvas  zurückstehend;  Augen  gross,  vorstehend,  Pupille  dunkel, 
Iris  golden;  der  Nacken  ist  vom  Kopfe  abgesetzt;  Kehle  mit  einer 
häutigen  Querfalte  versehen. 

Körper  langgestreckt,  aber  ein  wenig  gedrängt,  robust;  Schwanz 
beinahe  so  lang  als  der  ganze  Körper,  von  der  Seite  zusammengedrückt, 
nach  den  Enden  allmählig  verlaufend  und  in  eine  Spitze  endigend. 
Vorderextremitäten  zart,  mit  vier  Zehen,  Hinterextremitäten  weit  stär- 
ker, mit  fünf  Zehen. 

Die  Farbe  des  Kopfes  ist  oberhalb  i'ahmfarben,  mit  einem  röthlichen 
Anflug,    ebenso    die    Oberlippe;     Unterlippe    und    Kehle   beinahe  weiss. 
Rücken  und  Schwanz  sind  oben  etwas    dunkler   gefärbt,    als    der  Kopf, 
mehr  rothbräunlich,  mit  vielen  dunkeln  Punkten  gesprenkelt ;  eine  dunkle 
unterbrochene  Längslinie    beginnt  hinter  den  Avigen  einer  jeden  Seite, 
läuft  an  der  Seite,  noch  oberhalb  der  p]xtremitäten  und  endigt  nahe  vor 
der  Schwanzspitze.     Die  Flanken  unterhalb  dieser  Linie  sind  braun  ge- 
sprenkelt und  mit  einer   unregelmässigen  Reihe   kleiner   weisser  Flecke 
versehen.    Unterseite  ist  gelblich  weiss  mit  einem  leichten  Purpuranflug 
in  der  Mittellinie;    die  Extremitäten   besitzen    an    der  äussern  Seite  die 
Farbe  des  Rückens  und  an  der  innern  Fläche  die  Farbe  des  Bauches. 
Länge  des  Kopfes       — "     21/2'" 
-     Rumpfes      \"     W" 
Schwanzes  \"     1'" 
Totallänge  3"     1^l-i"' 

Nur  in  Louisiana  und  Mississippi  ist  Salamandra  cirrigera  bis  jetzt 
beobachtet  worden. 

Salamandra  Haldemani.     Holbrook. 

Sal.  Haldemani,  Holbrook,  North -Amer.  Herpetol.  vol  V.  pag.  59 
plate  XIH. 

Kopf  von  mittelmässiger  Grösse,  oben  etwas  abgeflacht;  Schnauze 
rund;  Rachen  wenig  gespalten;  Zunge  breit,  rundlich  und  mit  einem 
breiten  kurzen  Stiel  befestigt.  Auf  jeder  Seite  hinter  den  innern  Nasen- 
Öffiiungen  beginnt  eine  Querreihe  Zähne,  welche  nach  innen  und  hinten 
läuft,  sich  aber  in  der  Mittellinie  nicht  zu  einer  Linie  verbindet,  son- 
dern einen  kleinen  freien  Raum  lässt,  hinter  welchem  eine  nach  dem 
Keilbeinkörper  zulaufende  Längsgruppe  beginnt. 

Die  Nasenlöcher  stehen  nahe  der  Schnauze,  seitlich,  doch  etwas  nach 
oben.  Augen  gross  und  vorstehend;  Pupille  dunkel,  Iris  hellgelb. 
Nacken  abgesetzt;  Kehle  mit  häutiger  Querfalte. 


21ß 

Körper  ist  cylinderförmig  und  dünn ;  Vorderextremitäten  sctwach, 
mit  4  Zehen  ^  Hinterextremitäten  stärker  ^  mit  5  Zehen.  Der  Schwanz 
ist  beinahe  so  hing  als  der  ganze  Körper  und  allmählig  sich  verdün- 
nend, vor  der  Spitze  ein  wenig  zusammengepi-esst. 

Kopf  und  Nacken  oberhalb  blassgelb,  Lippen  heller  und  die  Kehle 
gelb  weiss.     Der  Körper  ist  oben  strohfarben,  an  den  Flanken  mit  einem 
olivenfarbenen  Anflug  und  mit  vielen  kleinen  dunkeln  oder  braunen  Flecken 
von  verschiedener  Grösse  und  unregelmässiger  Stellung  gesprenkelt,  die 
grössten  befinden  sich  an  den  Seiten.     Die  Kehle  ist  blassgelb,    ebenso 
der  Unterleib,  nur  in  der  Mitte  mit  einem  etwas  starken  purpurfarbenen 
Anflug.    Die  Extremitäten  ähnlich  der  Färbung  des  Kückens,  die  dunk- 
len Flecken  aber  sind  seltner  und  kleiner;  die  innere  Fläche  ist  gelb. 
Länge  des  Kopfes       — "     5'" 
-     Rumpfes      l"     8'" 
Schwanzes  1"  11'" 

Totallänge  4"  — '" 
Lebt  in  Pensjlvanien,  Maryland,  Virginien  unter  Steinen  und  Baum- 
stämmen. 

Salamandra  maculata.     Green. 

Sal.  maculata,  Green,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien  vol.  I.  pag.  350. 
Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  96. 

Dr.  Storer  giebt  einen  Auszug  aus  Green's,  Beschreibung  von  Sal. 
maculata  wie  folgt:  „Länge  4  oder  5  Zoll,  Schwanz  ohngefähr  so  lang 
als  der  Körper,  allmählig  schwächer  werdend,  wenig  zusammengepresst, 
zugespitzt;  Schnauze  rund;  Rücken  weisslich,  mit  unregelmässigen, 
rothbraunen  Flecken  besprenkelt ;  unten  weiss,  Vorderfüsse  mit  4»  Hin- 
terfüsse  mit  5  Zehen. 

Dr.  Storer  giebt  in  Reports  on  the  Reptiles  of  Massachusetts  die 
Beschreibung  einer  Larve  von  Sal.  maculata  wie  folgt:  „This  is  a  quite 
yong  specimen,  being  only  an  inch  and  a  half  long,  and  having  the 
branchiae  still  attached;  and  as  its  colors  have  somewhat  changed  in 
the  Alcohol."*) 

Dr.  Storer   nimmt   den   Staat  Massachusetts    als    das  Vaterland   von 
Sal.  maculata  an;  Holbrook  erwähnt  in  North-Amer.  Herpetol.   1842  die- 
ses   Thier  jedenfalls   wegen  Mangel    eines  Exemplars    oder   einer  guten' 
Beschreibung   gar  nicht.     Vielleicht  ist  aber   auch   die  Existenz  dieses 
Thieres  noch  sehr  fraglich. 


*)  Diese  Beschreibung  passt  unbestreitbar  auf  alle  Salamander  -  Larven ,  und  nicht 
gerade  auf  eine  besondere  Art,  überhaupt  ist  das  Bestimmen  der  Salamander-Larven  mit 
Sicherheit  gar  nicht  möglich. 


277 

Triton.  Laur. 
Wasser  -  Salamaiider,  Wasser  -  Molch. 
Körper  mehr  oder  weniger  schlank,  cylinderf örmig ;  Schwanz  von 
der  Seite  stark  zusammengedrückt,  (Ruders chwanz)  bei  einigen  mit  einem 
Hautkamm  versehen ;  Vorderfüsse  stets  A,  Hinterfüsse  stets  5  Zehen,  an 
der  Basis  mehr  oder  weniger  verwachsen ;  Rachen,  ausser  den  MaxiHar- 
zähnen,  noch  mit  Querreihen  oder  mit  Quer-  und  Längsreihen  zugleich 
besetzt;  Zunge  angeheftet,  die  Ränder  frei.  Der  gewöhnliche  Aufent- 
halt der  Tritonen  ist  das  stehende,  selten  das  fliessende  Wasser.  Die  Fort- 
pflanzung geschieht  durch  Eier,  welche  von  der  Sonne  ausgebrütet  wer- 
den. Die  Larven  tragen  ebenfalls  Kiemen,  sind  Anfangs  ohne  Beine, 
erhalten  zuerst  die  Vorderfüsse  und  unterscheiden  sich  hierdurch  von 
den  Fro-schlarven,  welche  die  Hinterfüsse  zuerst  erhalten.  Nach  Verlust 
der  Kiemen  und  Schliessung  der  Kiemenspalte,  tritt  Lungenathmung 
ein  und  das  Thier,  obgleich  vorzugsweise  im  Wasser  lebend,  muss  von 
Zeit  zu  Zeit  auf  die  Oberfläche  um  Luft  zu  schöpfen. 

Triton  dorsalis.     Harlan. 

Triton  dorsalis,  Holbrook,  North- Amer.  Herpetol.  pag.  77.  plateXXV. 
Salamandra  dorsalis,  Harlan,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  VL 
pag.  101.     Sah  dorsalis,  Storer,  Reptiles  of  Massachusetts  pag.  249. 

Kopf  kurz,  nach  hinten  breiter,  die  Schnauze  beinahe  zugespitzt; 
der  Rachen  ist  weit  gespalten;  die  Zunge  breit,  flach,  meist  angewachsen. 
Vorder-  und  Seitenränder  aber  frei;  Quer-  und  Längsreihzähne  vorhan- 
den; Nasenlöcher  stehen  vorn;  Augen  gross  und  vorstehend;  Pupille 
schwarz,  L'is  geflammt;  Nacken  und  Körper  sind  beinahe  eben  so  breit 
als  der  Kopf  und  cylinderf örmiger  Gestalt;    Kehle  mit  Querfalte. 

Vorderextremitäten  weniger  ausgebildet,  mit  4  kleinen  Zehen,  Hin- 
terextremitäten dreimal  so  stark  als  die  vordem,  endigen  in  5  kurze 
leicht  bewegliche  Zehen,  welche  an  ihrer  Wurzel  vereinigt  sind ;  Schwanz 
an  der  Wurzel  dick,  im  übrigen  bis  an  das  Ende  stark  von  der  Seite 
zusammengedrückt,  ruderf örmig.  Die  Grundfarbe  der  Oberfläche  ist 
olivenbraun  mit  einem  grünlichen  Anflug  und  mit  vielen  kleinen  schwar- 
zen Punkten  übersäet,  welche  am  Schwänze  stärker  ausgeprägt  sind. 
Vom  Nacken  läuft  eine  hellere  Linie  über  den  Rücken  nach  dem  Schwänze ; 
auf  jeder  Seite  dieser  Linie  befindet  sich  eine  Reihe  hellgelber,  zuweilen 
röthlicher  symmetrisch  geordneter  Flecken,  welche  jedoch  bedeutend 
variiren,  selbst  fehlen  können,  wodurch  dann  das  Thier  dem  europäi- 
schen Triton  etwas  ähnlich  sieht.  Die  ganze  Unterfläche  ist  orangegelb 
und  mit  vielen  schwarzen,  unregelmässig  stehenden  Punkten  bedeckt. 
Länge  des  Kopfes       — "     5'" 

-  Rumpfes      \"     41/4'" 

-  Schwanzes  1"  — '" 

'  Totallänge  3"     9V*"' 


g7S 

Triton  dorsalis  bewohnt  die  vereinigten  Staaten  von  Massaclmsetts 
bis  Georgia. 

Triton  porphyriticus.     Green. 

Salamandra  porphyritica,  Green,  Maclurian  Lyceum  pag.  3.  Harlan, 
Med.  and  Pliys.  Res.  pag.  98.  Holbrook,  Nortli-Amer.  Herpetol.  vol.  V. 
pag.  83.  plate  XXVIII.  . 

Kopf  ziemlich  gross ;  Schnauze  stumpf  und  abgerundet  5  Rachen  ver- 
hältnissmäsig  gross;  Zunge  breit,  länglich,  dünn  und  vorn  ein  wenig 
befestigt,  Seitenränder  ein  wenig  beweglich ;  Zähne  stehen  in  einer  Quer 
reihe,  erstrecken  sich  von  der  einen  Seite  des  äussern  Randes  der  innern 
Nasenöffnungen  zur  andern;  Nasenlöcher  stehen  oben  und  seitlich  nahe 
der  Schnauze  nach  aufwärts  und  wenig  auswärts  geöffnet,  mit  einer 
kleinen  Wulst,  welche  sich  von  hier  erstreckt  und  bis  an  den  vordem 
Winkel  des  Auges  läuft;  Augen  ziemlich  klein,  Pupille  schwarz,  Iris 
dunkel. 

Körper  ist  cylinderförmig  und  langgestreckt;  Schwanz  stark  ziisam- 
mengepresst,  an  dem  untern  und  obern  Rande  der  liintern  Hälfte  gekielt. 
Die  Extremitäten  und  Zehen  unbedeutend  entwickelt.  Die  Oberfläche 
des  ganzen  Thieres  ist  mehr  oder  weniger  braun  gefärbt,  untermischt 
mit  unregelmässigen,  weisslichen  Flecken,  welche  an  den  Seiten  unre- 
gelmässige Längslinien  bilden.  Kehle  und  Abdomen  weisslich,  dunkel- 
braun schattirt. 

Länge  des  Kopfes       — "     6'" 

-  Rumpfes      2"  — '" 

-  Schwanzes  1"  IV" 

Totallänge  4"     5'" 
Nur  im  westlichen  Pensytvanien  bis  jetzt  aufgefunden. 

Triton  niger.     Green. 

Salamandra  nigra,  Green,  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  I. 
pag.  352.  Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  97.  Salam.  intermixta, 
Green,  Maclurian  Lyceum  pag.  5.  Sah  picta,  Harlan,  Med.  and  Phys. 
Res.  pag.  97.  Storer,  Rept.  of  Massachusetts,  pag.  251.  Holbrook, 
North-Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  81.  plate  XXVII. 

Kopf  klein,  Schnauze  beinahe  zugespitzt ;  Rachen  verhältnissmässig 
tief  gespalten ;  Zunge  oval,  nach  hinten  am  breitesten,  vorn  schmal  und 
angeheftet,  frei  und  beweglich  am  hintern  Rande.  Die  Vomer  sind  mit 
einer  Quergruppe  kleiner  Zähne  bewaffnet  und  andere  stehen  in  Längs- 
richtung in  der  Mittellinie;  Nasenlöcher  klein  nach  oben  und  seitlich; 
Augen  vorstehend,  ]\ipille  schwarz  und  dunkelgraue  Iris;  Nacken  we- 
nig abgesetzt;  mit  grosser  Querfalte  an  der  Kehle. 

Körper  gedrungen ,  subcylinderf örmig ;  Schwanz  an  der  Basis  dick 
und  rund,  dann  von  der  Seite  zusammengedrückt,  bis  nahe  zum  Ende 


279 

welches  eine  Spitze  bildet.  Vorderextremitäten  kurz  mit  4  Zelien,  Hin- 
terextremitäten viel  länger  mit  5,  leicht  an  der  Basis  verbundenen  Ze- 
hen. Oberfläche  des  ganzen  Thieres  ist  schwarz  mit  einem  hellblauen 
Anflug.  Kehle  und  Unterleib  violett.  Junge  Exemplare  sind  oft  mehr 
braun  als  schwarz  mit  einigen  dunkler  gefärbten  Flecken  an  den  Seiten. 
Länge  des  Kopfes       — "     4'" 

-  Rumpfes      2"  — '" 

-  Schwanzes  T'  —'" 
Totallänge  \"     \"' 

Lebt  nach  Holbrook  ausschliesslich  im  Wasser.  Die  geographische 
Verbreitung  dieses  Thieres  scheint  sich  von  Massachusetts  bis  Louisiana 
zu  erstrecken. 

Triton  tigrinus.     Green. 
Salamandra  tigrina^  Green ^  Jour.  Acad.  Nat.  Seien.  Philad.  vol.  V. 
pag.  116.     Harlan,  Med.  and  Phys.  Res.  pag.  93.    Triton  tigrinus,  Hol- 
brook, Kurth-Amer.  Herpetol.  vol.  V.  pag.  79  plate  XXVL 

Kopf  gross,  breit,  oben  abgeflacht,  vorn  abgerundet;  Rachen  gross; 
Zunge  breit,  rundlich,  ganz  hinten  augeheftet,  vorn  wenig  angeheftet, 
nur  an  den  Seitenrändern  frei  imd  beweglich.  Die  Zähne  stehen  in  drei 
Querreihen ;  eine  beginnt  hinter  dem  äussern  Rande  der  innern  Nasen- 
öffnungen an  jeder  Seite  und  läuft  zwei  Linien  nach  innen  und  rück- 
wärts ;  zwischen  den  innern  Enden  dieser  beiden  Gruppen ,  auf  einer 
etwas  in  Front  stehenden  Linie  fängt  die  grösste  Gruppe  an,  welche 
ebenfalls  querläuft,  aber  in  der  Mitte  etwas  nach  vorwärts  gebogen  ist. 
Augen  sind  gross  und  vorstehend,  die  Pupille  ist  schwarz,  Iris 
golden,  untermischt  mit  roth;  Nacken  ist  abgesetzt,  Kinn  glatt,  Kehle 
mit  starker  Querfalte. 

Körper  ist  stark  und  cylinderf örmig ,  Schwanz  länger  als  der  Kör- 
per, von  der  Seite  zusammengedrückt,  oben  und  unten  schmal  gerandet; 
Vorderextremitäten  kurz  und  dick  mit  4  kurzen  Zehen  getrennt,  die 
mittelste  ist  die  längste,  Hinterextremitäten  sind  grösser  und  mit  5,  an 
der  Wurzel  verbundenen  Zehen. 

Die  Grundfarbe  der  Oberfläche  ist  bläulichschwarz,  mit  vielen  un- 
regelmässigen  citrongelben  Flecken;    das   Kinn   ist   dunkelgelb;    Kehle 
und  Unterleib    grau   mit  dunkeln    gelben  Flecken;    die  Unterfläche  des 
Schwanzes  und  der  Extremitäten  ist  gelb  gewölkt. 
Länge  des  Kopfes       — "  10'" 

-  Rumpfes      2"     3'" 

-  Schwanzes  3"     ^"' 
Totallänge  6"     V'' 

Lebt  in  den  nördlichen  Theilen  der  vereinigten  Staaten,  von  Massa- 
chusetts bis  New -Jersey,  in  den  Wäldern  unter  Steinen,  Holz  und 
Blättern. 


280 

Die  Stellung  des  letztgenannten  Thieres  unter  die  Tritonen,  ist 
wegen  seines  Aufenthaltes  im  Walde  ^  unter  Steinen,  Holz  und  Blättern 
ziemlich  fraglich.  Green  und  Harlan  stellten  das  Thier  tinter  die  Sala- 
mander und  llolbrook  unter  die  Tritonen:  inwiefern  die  Stellung  unter 
die  Tritonen  gerechtfertigt  erscheint,  ist  mir  nicht  erklärlich;  ebenso 
fraglich  ist  die  Stellung  von  Salamandra  porphyritica,  Green,  unter  die 
Tritonen.  Der  Umstand,  dass  Professor  Green  das  Thier  in  French- 
Creek  gefunden,  kann  doch  nicht  allein  hierzu  veranlassen  und  übrigens 
beweisst  die  Beschreibung  und  die  Abbildung  das  Fehlen  eines  Ruder- 
schwanzes. 

Da  ich  diese  Thiere  jedoch  nicht  gesehen,  so  erlaubte  ich  mir  nicht 
die  Stellung,  die  ihnen  Holbrook  angewiesen,  zu  ändern. 


Beitrag  zur  Kryplogamen -Flora  Süd -Afrikas. 

Pilze  und  Algen. 

Bearbeitet  von  Dr.  L.  Rabenhorst. 

Um  so  seltener  es  immer  noch  ist,  dass  botanische  Reisende  in 
aussereuropäischen  Ländern  auf  Kryptogamen  im  Allgemeinen  achten, 
am  wenigsten  sich  geneigt  zeigen,  Pilze,  Algen  und  Flechten  zu  sam- 
meln, um  so  dankbarer  müssen  wir  jede  kleine  Gabe,  die  uns  aus  fer- 
nem Lande  geboten  wird,  annehmen*).  So  haben  wir  denn  auch  die 
kleine  Sammlung,  welche  Herr  Bischof  /.  Ch}\  Breutel  bei  seinem  Auf- 
enthalte 18f|  in  Süd- Afrika  zusammengebracht  hat,  auf  das  Freudigste 
begrüsst  und  es  ist  um  so  dankbarer  anzuerkennen,  da  diese  Reise  keine 
eigentlich  wissenschaftliche  war,  sein  schwerer  Beruf  ihm  nur  gestattete 
einzelne  Augenblicke  dazu  zu  verwenden. 

Wie  es  schon  im  4.  Hefte  dieser  Zeitschrift  erwähnt  worden  ist, 
sind  die  Lebermoose  an  Herrn  Gottsche  in  Hamburg,  die  Laubmoose  an 
Herrn  Schimper  in  Strassburg  zur  Bearbeitung  abgegeben,  die  Pilze  und 
Algen  waren  mir  anvertraut  worden.  Meine  Untersuchung  ist  beendet 
und  ich  lege  somit  das  Resultat  derselben  in  diesen  Blättern  nieder. 

Die  Sammlung  zerfällt  in  Pilze,  Süsswasser-  und  Meeralgen.  Die 
Zahl  der  letztern  beschränkt  sich  vorläufig  auf  zwei  Arten,  eine  grossere 
Zahl,  wie  Herr  Brevtel  versichert,  wird  nachfolgen,  ist  jedoch  bis  jetzt 
noch  nicht  in  Hamburg  angekommen.  Diese  beiden  Arten  sind :  Clado- 
phora  (Aegagropila)  trichotoma  (Ag.  syst.  Alg.  p.  121)  Ktz.  Tabul.  phy- 


*)  Eühmend  muss  ich  es  hier  noch  erwähnen,  dass  der  bekannte  Reisende  Lechler 
in  Chile  sich  nun  auch  den  Kryijtogamen ,  zunächst  den  Süsswasseralgen ,  zugewandt 
hat.     Es  ist  dieser  Tage  die  erste  Sendung  von  ihm  bei  mir  glücklich  eingetroffen. 

L.  K. 


281 

col.  IV.  T.  64  und  Phycoseris  Ulva  Sonder  Alg.  Preiss.  pag.  6  (Herb. 
Preiss.  No.  2489).  Beide  sind  ihrer  Seltenheit  und  der  geographischen 
Verbreitung  wegen  interessant;  erstere  ist  nämlich  von  Herrn  Breutel 
bei  St.  Helena  gesammelt  und  war  bis  jetzt  nur  an  der  französischen 
Küste  und  bei  Helgoland  beobachtet  worden;  letztere  ist  aus  dem  See 
„Saldanhabay"  und  war  bisher  nur  von  den  Küsten  Neu -Hollands  be- 
kannt. Die  Zahl  der  Pilze  ist  ebenfalls  geringe  auch  findet  sich  nichts 
Neues  darunter;  sie  sind  aber  ihrer  Verbreitung  wegen  interessant  und 
zeigen  wie  ausserordentlich  treu  sie  ihre  Typen  auch  unter  den  ver- 
ßchiedensten  klimatischen  Einflüssen  zu  bewahren  wissen: 

1)  Schizophyllum  flahellare  Fr.  epicr.  p.  403.  Ein  äusserst  zierlicher 
und  seltner  Pilz.  Er  wurde  vor  etwa  30  Jahren  von  Äfzelius  in  Guinea 
entdeckt  und  in  seinen  Icon.  Guin.  auf  T.  25.  abgebildet.  Eine  ausführ- 
liche Beschreibung  giebt  Fries  in  seinen  ;,  Novae  Symbolae  mycolog. 
1851«  pag.  25. 

2)  Polyporus  sangidneus  {Lm?ie'  sp.  plant.  H.  p.  1646)  Fr.  epicr.  p.  444. 
ist  unter  den  Tropen  allgemein  verbreitet,  wurde  von  Herrn  Breutel  nur 
einmal  gesehen. 

3J  Stereum  hirsutum  (Willd.)  Fr.  eine  Kosmopolit! 

4)  Phyllosücta  cruenta  (Desmaz)  Fr.  Summa  Veg.  p.  426. 

5)  Sphaeria  herbarum  Pers. 

6)  Cladosporium  Fumago  (Fumago  vagans  Pers.) 

7)  Torula  herbarum  Lk.  Corda  Icon.  I.  T.  II.  F.  124. 

SüssTvasser  -  Algen. 
Sie    wurden    am    zahlreichsten    gesammelt    und    bereichern    unsere 
Kenntniss  durch  mehrere  neue  Arten. 

1)  Batrachospermum  afrikamim  Rabenh.  n.  sp.  in  zwei  Formen:  a)  mit 
genäherten,  b)  mit  sehr  entfernten  Quirlen.  Es  ist  ein  wirkliches  deter- 
sum,  denn  die  Aeste  treten  hier  gar  nicht  hervor,  der  Quirl  ist  factisch 
wie  abgeschoren;  diese  letztern  sind  kugelrund,  von  unten  und  oben 
gleichsam  zusammengedrückt,  auch  stehen  sie  immer  entfernter  als  an 
unserm  deutschen  detersum,  sie  nähern  sich  nur  an  den  kleinen  Seiten- 
und  Endzweigen  und  fliessen  nur  an  deren  Spitze  zusammen.  Die 
Farbe  ist  braunschwarz,  während  das  deutsche  grün  oder  grünlich  ist. 
Bei  Gnadenthal. 

2)  Batrachospermum  BreuteUi  Rahenh.  n.  sp.  zeichnet  sich  schon  ha- 
bituell durch  die  ausserordentliche  Zartheit  der  Fäden  aus,  etwa  wie 
filamentosum  A.  Br.  Die  Farbe  ist  schön  spangrün,  wie  vagum;  die 
Glieder  oder  einzelnen  Zellen  sind  gestreckt,  sehr  schlank,  fast  so  dick 
wie  bei  gujanense  (cajennense  Mtgn.),  nach  vorn  und  hinten  aber  lan- 
zettlich verdünnt  und  zugespitzt.     Bei  Gnadenthal. 

3)  Oedogonium  capillare  (Ag.)  stärker  als  unser  deutsches.  In  den 
Watten  finden  sich  eingemengt: 

Allg.  deutsche  naturh.  Zeitung.    I.  20 


a)  Navicula  Velox  Kiz  (oblonga  ELbg.)  Rabeiih.  Diät.  T.  V.  F.  12. 

h)  Amphirhynchus  Ehbg.  Rabenh.  Diät.  T.  IV.  F.  50. 

c)  Pinmdaria  Dactylus  Ehbg.  Microgeol.  T.  2.  III.  F.  2.  a.  die- 
selbe kräftige  Form !  Die  deutsche  ist  gewöhnlich  schlanker.  Conf. 
Rabenh.  Diät.  T.  VI.  F.  8. 

dj  Epithemia  Westermanni  (Ehbg.)  Rabenh.  Diät.  T.  I.  F.  19. 

e)  Closterium  moniliferum  Ehbg.  Inf.  T.  V.  F.  XVI. 

4)  Spirogyra  quinina?  Die  Chlorophyllbänder  sind  aufgelöst,  daher 
nicht  mehr  sicher  bestimmbar.  Eingemengt  finden  sich  einzelne  Fäden 
von  Ulothrix  compacta  Ktz.  Tabul.  phjcol.  II.  T.  85.  F.  1,  ferner: 

a)  Navicula  Amphirhynchus  Ehbg. 

b)  Fragilaria  rhabdosoma  Ehbg.  Rabenh.  Diät.  T.  I.  F.  6. 

c)  Palmogloea  macrococca  Ktz.  AI.  Rraun  Verj.  T.  I. 

5)  Spirogyra  capensis  Rabenh.  n.  sp.  e  saturate  vividi  fusco  — 
nigrescens,  -^^  —  ^y '  crassa,  articulis  diametro  2i  —  5  plo  longioribus ; 
spiris  pluribus  laxis,  cellularum  finibus  nee  replicatis. 

Steht  der  Sp.  fusco-atra  Rabenh.  Alg.  Dec.  N.  98  sehr  nahe,  unter- 
scheidet sich  aber  durch  grössere  Stärke  und  meist  längere  Glieder. 
Bei  der  Capstadt. 

Eingemengt  finden  sich: 

a)  Pinnularia  major  Rabenh.   Diät.  T.  VI.  F.  5  und  T.  X.  F.  4. 

b)  Closterium  capense  Rabenh.  n.  sp.  -^^  —  -^^''  lang,  leicht  sichel- 
förmig gekrümmt,  nicht  bauchig,  nach  den  Enden  zu  schwach,  an  den 
Enden  plötzlich  verdünnt  und  sehr  scharf  gespitzt,  die  Spitzen  öfters 
nach  Innen  gekrümmt.  Es  ist  dem  Cl.  acutum  Ralfs  Brith.  Desm. 
T.  XXX.  F.  5.  und  dem  Cl.  parvulum  Naeg.  Einzell.  T.  VI.  C.F.  2.  ver- 
gleichbar, die  Enden  sind  jedoch  viel  Aveniger,  fast  gar  nicht  ausgezogen, 
scharf  gespitzt  und  gekrümmt. 

c)  Himantidium  capense  Rabenh.  n.  sp.  Dem  gujanense  kaum  ver- 
wandt, schlanker,  Rücken  flach  gewölbt,  nicht  niedergedrückt ;  die  Enden 
ziemlich  stark  verdünnt,  gestreckt,  stumpf  abgerundet^  wenig  zurückge- 
krümmt; Querstreifen  äusserst  zart;  Länge  ^^^  m.  m. 

6)  Nostoc  laevigatum  Ktz.  spec.  Alg.  p.  299.     Bei  Enon. 

7)  Sphaerozyga  inaequalis  Ktz.  Tabul.  phycol.  I.  T.  96  F.  III.  War 
bisher  nur  in  Deutschland  und  Frankreich  beobachtet.  Gnadenthal  in 
einem  Tümpel.     Gemischt  mit 

aj  Pinnularia  inaequalis  Ehbg.  Rabenh.  Diät.  T.  VI.  F.  12. 

b)  Protococcus  aureus  Ktz.  Tabul.  phyc.  I.  T.  2. 

c)  Synedra  lunaris  Ehbg.  Rabenh.  Diät.  T.  V.  F.  6. 

d)  Melosira  disians  Ktz.  Rabenh.  1.  1.  T.  IL  F.  19. 

e)  Cijmbella  fornicata  Rabenh.  1.  1.  T.  X.  suppl.   F.  9.    Dieselbe 
Form,  aber  yg^  m.  m.  lang! 

f)  Fragilaria  acuta  Ehbg.  Rabenh.  Diät.  T.  I.  F.  3. 


283 

g)  Navicula  graciUs  Ehbg.  Rahenh.  1.  1.  T.  VI.  F.  64. 

h) amphisbaena  ßory.  Rahenh.  1.  1.  F.  66. 

i)  Cocconeis  capitata  Rahenh.  nov.  sp.  ^%q  m.  m.  long.,  late  ellip- 
tica,  longitudinaliter  granulato-lineata,  utrinque  capitato-constricta. 

k)  Navicula  mesogongijla  (nee  Pinnularia);  an  melius  nov.  sp.? 

l)  Cyclotella  (Discoplea)  africana  Rahenh.  n.  sp.  disco  piano,  subor- 
biculari,  margine  dentato,  diametr.  -^-^  —  -tb"'* 

m)  Cosmarium  integerrimum  Ehbg.  Inf.  T.  Xu.  F.  IX. 

n)  Cosmarium  quadratum  Ralfs  Brith.  Dism.  T.  XVI.  F.  9. 

8)  Rhynchonema  nigrescens  Rahenh.  n.  sp.  Trichomatibus  ^-^  —  -g^y'" 
crassis,  articulis  5  —  6  plo,